Rosetta - Rendezvous im All - Florian Freistetter - E-Book

Rosetta - Rendezvous im All E-Book

Florian Freistetter

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2,99 €

Beschreibung

Es ist die faszinierendste Mission der Raumfahrtgeschichte: Florian Freistetter war im Satellitenkontrollzentrum der ESA live dabei, als die Raumsonde Rosetta nach zehnjähriger Odyssee in eine Umlaufbahn um den Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko einschwenkte. Freistetter erzählt Rosettas packende Geschichte: von ihrem Vorbeiflug am riesigen Asteroiden Lutetia, von Lecks im Treibstofftank und ihrem 18-monatigen Winterschlaf. Und er erklärt, wie die Mission nicht weniger als die Entstehung des Lebens auf der Erde entschlüsseln könnte.

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Seitenzahl: 50

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Florian Freistetter

Rosetta – Rendezvous im All

Bild 1: »Selfie« von Rosetta mit dem Komet im Hintergrund

Teil 1: Böse Omen

»Zum letzten Mal lustig sein, morgen brauchen wir kein Geld mehr«, war das Motto der Wiener Bevölkerung in der Nacht des 20. Mai 1910. Die österreichischen Zeitungen berichteten von großen Partys überall in der Stadt; von Studenten, die durch die Parks zogen und »allerlei Ulk« trieben und sich dabei auch von der Polizei nicht aufhalten ließen. »Es war eine Silvesternacht im Mai«, berichteten die Zeitungen und »die Menge war wie närrisch«.

Grund für den ungewöhnlichen Aufruhr in der österreichischen Hauptstadt war der Komet Halley. Im Frühjahr 1910 fand sein bisher vorletzter Besuch in der Nähe der Erde statt und erregte überall auf der Welt Aufmerksamkeit. In Wien war die Stimmung ausgelassen, anderswo dagegen nahm man die Sache ernster und rechnete mit dem Schlimmsten. In vielen Teilen der Welt weigerten sich die Menschen, zur Arbeit zu gehen, und wollten das Ende der Welt lieber zu Hause erleben. In Neapel strömten die Bürger in die Kirchen, um die letzten Sakramente zu erhalten. In Chicago verbarrikadierten sich die Menschen in ihren Wohnungen, und in Pennsylvania weigerten sich die Bergleute, den Tag unter der Erde zu verbringen.

Die große Angst vor dem Halleyschen Kometen wurde durch eine Entdeckung des britischen Astronomen William Huggins ausgelöst. Er war ein Pionier der »Spektralanalyse«, also der Technik, mit der Astronomen anhand des Lichts von Himmelskörpern ihre Zusammensetzung bestimmen können. Als Huggins in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts damit als einer der Ersten auch die Kometen untersuchte, fand er Spuren von Kohlenstoff-Stickstoff-Molekülen. Diese Verbindung wird »Cyan« genannt, und in Verbindung mit Salz entstehen Cyanide wie das Kaliumcyanid, das besser unter einem anderen Namen bekannt ist: Blausäure. Und als dann klar wurde, dass der Halleysche Komet im Mai 1910 besonders nahe an der Erde vorbeifliegen würde, war die Panik perfekt: Der Schweif des Kometen würde die Erde streifen und das darin enthaltene Giftgas alle Menschen töten, davon waren damals viele überzeugt.

Passiert ist natürlich nichts. Der Kometenschweif enthielt viel zu wenig Cyan, um irgendeine Gefahr darzustellen, und die Erde war weit genug entfernt, sodass sowieso kein Material des Kometen in ihre Atmosphäre gelangen konnte. Es gab von Anfang an keinen Grund, die recht harmlosen Beobachtungen der Wissenschaftler zu einer weltweiten Panik aufzublasen. Aber die Angst vor den Kometen schien auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch tief zu sitzen.

Denn diese seltsamen Himmelskörper waren den Menschen schon immer unheimlich. Die alten Völker und Kulturen waren sich einig, dass ein Komet am Himmel nichts Gutes bedeuten kann.1 Sein Erscheinen war ein böses Omen, ein Anzeichen für Krieg und Katastrophen, für Tod und Verderben. Ein Komet am Himmel war ein Hinweis der Götter auf den baldigen Tod eines Königs, auf große Hungersnöte, den Zerfall eines Staates oder Krankheitsepidemien. Kometen waren unheimlich. Wenn sie am Himmel auftauchten, rechnete man mit dem Schlimmsten.

Und man kann es den Menschen nicht einmal verdenken. Kometen waren tatsächlich völlig anders als all die anderen Objekte am Himmel. Die Beobachtung der Sterne gehört zu den ältesten Beschäftigungen der Menschheit und auch zu den wichtigsten. Die Astronomie war für Jahrtausende die einzige Möglichkeit, den Überblick über die Zeit zu behalten. Die regelmäßige Bewegung von Sonne, Mond und Sternen erlaubte es den Menschen, das Jahr einzuteilen und zu den richtigen Zeiten die Saat auf den Feldern auszubringen oder die Ernte einzufahren. Der Himmel bot die Möglichkeit, religiöse Feste immer zum richtigen Zeitpunkt feiern und die Götter milde stimmen zu können. Auch wenn den Menschen der Vergangenheit das Wissen über die wahre Natur der Himmelskörper fehlte, wussten sie doch schon recht gut über die kosmischen Zyklen Bescheid und konnten die Bewegung von Sonne, Mond und Planeten innerhalb gewisser Grenzen gut vorhersagen.

Am Himmel liefen die Dinge geordnet und regelmäßig ab. Die Sterne veränderten ihre Position scheinbar überhaupt nicht, und jede Nacht konnte man die gleichen Sternbilder am Himmel beobachten. Die Planeten bewegten sich zwar und wanderten an den Sternen vorüber, aber sie taten das regelmäßig und auf eine Art und Weise, die von den Astronomen der Vergangenheit beschrieben und verstanden werden konnte.

Die Kometen allerdings hielten sich nicht an diese Regeln. Sie tauchten ohne Vorwarnung plötzlich am Himmel auf. Sie waren keine leuchtenden Lichtpunkte, sondern verwaschene Wolkenflecken mit seltsam geformten Schweifen, die sich oft über den gesamten Himmel zogen. Sie erschienen am Himmel, blieben dort für einige Wochen sichtbar und verschwanden dann genauso mysteriös, wie sie aufgetaucht waren. Es ist kein Wunder, dass diese Objekte den Menschen unheimlich waren und dass man sie für böse Vorzeichen hielt.

Sie wurden lange Zeit auch nicht als Himmelskörper anerkannt. Der antike griechische Philosoph Aristoteles war der Meinung, es handle sich dabei um Gase, die aus Spalten in der Erde zum Himmel aufsteigen und sich dort entzünden. Kometen würden sich nicht im fernen All befinden, sondern wären nur ein Teil der Erdatmosphäre. Diese Ansicht hielt sich von der Antike über das Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit. Erst der dänische Astronom Tycho Brahe konnte zeigen, dass es sich bei den unheimlichen Wolken tatsächlich um weit entfernte Objekte handelt. Im Jahr 1577 tauchte wieder ein großer, hell leuchtender Komet am Nachthimmel auf. Brahe sammelte Beobachtungen aus allen Teilen der Welt, und mit diesen Daten gelang es ihm, eine grobe Entfernungsbestimmung durchzuführen. Der Komet musste mindestens 1,5 Millionen Kilometer weit entfernt sein und sich damit deutlich außerhalb der Erdatmosphäre aufhalten.