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Wenn man mit hochpeinlichen Eltern und einem schrecklichen Bruder gestraft ist, hat man einfach schlechte Karten. Mit diesem Problem schlägt sich der elfjährige Juri herum. Doch als er meint, es zu Hause nicht mehr auszuhalten, erfährt er etwas, dass er kaum glauben kann. Von nun an ist für ihn nichts mehr, wie es war. Eine Geschichte über Freundschaft, Baseball, einen Mörder, Folter-Cola und die wahre Bedeutung von Laktoseintoleranz. Für Kinder ab neun Jahren mit manchmal merkwürdigen Eltern, für manchmal merkwürdige Eltern und für alle coolen Großväter dieser Welt.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ein mieses Geräusch
Eitergelb und Kotzegrün
Die Foltercola
Die Pickelschule
Überraschung!
Ein mieses Gefühl
Zweiter Baseman
Das Quietschen des Todes
Der Streifschuss
Opas Therapie
Die erste Aufgabe
Der Plastik-Puma
Explosion
Skyrise 700
A.i.A. Freitag
Der Lügenscanner
Bommelschuhe
Der Observator
Im Sturzflug
Der 911er
Das Verhör
Fette Strafe
Der Job
Grünes Licht
Durch die Nacht
Die Schnü-se-kel-Fabrik
Der doppelte Malte
Ein hohles Klopfen
Nasenkribbeln
Ohne Keule
Breitbild
Sieg nach Punkten
Offene Fragen
Tarnung
Letzte Chance
Endspiel
Der Adler ist gelandet
Es gibt gute und es gibt miese Geräusche. Gute Geräusche sind das Zischen einer frisch geöffneten Flasche Cola und der Knall eines perfekt geschlagenen Baseballs. Ein gutes Geräusch ist das Aufheulen eines Porsche 911 Carrera. Miese Geräusche sind das Quietschen von Kreide auf einer Tafel und die Stimme meines Bruders, wenn er „Ey, Spacko!“ zu mir sagt. Und ein absolut mieses Geräusch ist das Patschen, das man hört, wenn mein Vater in die Hände klatscht. PATSCH-PATSCH. Weil er Hände wie zwei Schaufeln hat, ist das megalaut und klingt so, als ob er jemanden zu Brei schlägt. Dabei meint Papa das immer „lustig“. Oder, was noch schlimmer ist, „aufmunternd“.
„Keine Sorge, wird schon schief gehen!“ PATSCH-PATSCH.
„Nur nicht den Kopf hängen lassen!“ PATSCH-PATSCH.
„Besser arm dran, als Arm ab, sag ich immer!“ PATSCH-PATSCH.
Es war Mittwoch, der 12. März, zwei Tage vor meinem elften Geburtstag. Ich saß im Garten hinter unserem Haus und versuchte, mich vor Papa und seinem Händeklatschen zu verstecken. Es klappte nicht.
„Juri, ich sehe doch, dass du im Baumhaus bist! Komm Abendessen!“ PATSCH-PATSCH. Ich kauerte auf einer Holzbank an der langen Seite des Baumhauses und dachte darüber nach, warum Papas Händeklatschen nicht nur laut, sondern auch nass klang. Es hörte sich fast wie PLITSCH-PLATSCH an. Ich kam zu dem Schluss, dass seine Hände ständig schwitzten. Ich blickte auf meine eigenen. Es war schon dunkel, aber aus einem Fenster des Nachbarhauses fiel genug Licht, sodass ich meine Handflächen sehen konnte. Sie glänzten. Vom Schweiß. Wie immer. Das hatte ich wohl von Papa geerbt. Na toll.
„Juri, es ist zu kalt, um ohne Jacke draußen zu sein, du wirst dir eine Lungenentzündung holen!“ Das war Mama.
Das Gute am Baumhaus ist, dass nicht plötzlich jemand auf der Matte steht. Mama hat Schiss, auf einen Baum zu klettern, Papa ist zu dick dafür und mein Bruder Marcel findet Bäume grundsätzlich peinlich. Nicht so gut am Baumhaus ist, dass der dazugehörige Baum zu niedrig ist: Wenn einer unten steht und was ruft, kann ich das hören. Eigentlich müsste derjenige nur flüstern, denn ich habe gute Ohren. Das weiß Mama. Sie flüsterte trotzdem nicht.
„Ich bin mir sicher, dass du mich sehr gut hören kannst!“
Ich habe mal einen Film über einen Mann gesehen, der durch die „Kraft seines Willens“ alles Mögliche angestellt hat. Der konnte Autos und Telefonzellen durch die Luft fliegen lassen, nur weil der das WOLLTE. Ich versuchte, mit der ganzen Kraft meines Willens unsichtbar zu werden. Das klappte auch nicht.
„Dass du da immer noch sitzt, macht mich wirklich traurig!“
Drohend fügte sie hinzu: „Du willst doch nicht, dass ich traurig bin?“
Ich seufzte und ließ meinen Kopf auf die Knie sinken. Mama hatte ihren Trumpf aus dem Ärmel gezogen. Schon wieder. Denn wenn man etwas tut, was ihr nicht gefällt, wird sie „traurig“. Dann bekommt sie einen „Du weißt, was du getan hast“-Tonfall und einen „Gleich weine ich“-Blick. Das ist so was von nervtötend! Mamas Traurigkeit ist nichts anderes als eiskalte Erpressung! Ich gab mich geschlagen, kletterte die Strickleiter hinunter und ging langsam ins Haus. Mama und Marcel saßen im Wohnzimmer am Esstisch. Vor ihnen stand das gute Geschirr. Nicht das billige, sondern das teure mit den kleinen blauen Blumen. Es war ja auch Mittwoch, also einer der beiden „besonderen“ Tage, an denen Mama und Papa gleichzeitig zu Hause sind und wir zusammen essen müssen. Außer mittwochs und sonntags hat sonst immer einer der beiden Spätschicht – Papa als Mechaniker bei Lufthansa und Mama als Filialleiterin im Supermarkt.
Mama saß kerzengerade auf ihrem Stuhl und fummelte nervös am Besteck herum. Marcel hatte die Arme verschränkt und sah stinksauer aus. Wahrscheinlich, weil er seine Kopfhörer absetzen musste. Denn es macht Mama „sehr traurig“, wenn jemand beim Essen Musik hört. Die Stimmung war so dick, dass man sie fast durchschneiden konnte. Wie jeden Mittwoch und Sonntag. Ich hätte mich wahnsinnig gerne wieder ins Baumhaus verzogen, aber das hatte ich ja schon versucht, außerdem knurrte mein Magen. Ich setzte mich. Mama blickte auf und versuchte zu lächeln. Marcel starrte an die Decke und versuchte, gegen mein Bein zu treten. Er erwischte nur den Tisch. Es schepperte und wackelte gewaltig. „Marcel!“ Mamas Stimme war schrill.
„Was denn?“ Mein Bruder guckte wie Bambi.
„Essen ist fertig!“ Papa kam aus der Küche und stellte einen dampfenden Topf auf den Tisch. Marcel beugte sich nach vorne.
„Was’n das?“
„Milchreis!“
„Bääh!“
„Marcel!“ Mamas Stimme war noch schriller.
„Wieso denn Milchreis? Das is’ voll das Babyessen!“
„Unsinn, das ist doch kein Babyessen“, erwiderte Papa. „Der wird euch schmecken, den gab es im Sonderangebot!“ PATSCH-PATSCH.
Sonderangebote sind für Papa das Allergrößte. Ständig hängt er im Internet und guckt, wo es billiger ist als in Mamas Supermarkt. Darüber ärgert sich Mama.
„Aber Tom, ich bekomme doch Rabatt, wieso willst du woanders einkaufen?“
„Na, weil es da noch mehr Rabatt gibt!“, ruft Papa dann triumphierend.
Ich starrte auf meinen Teller mit glibberigem Milchreis.
„Da haben wir ja Glück, dass es keine Autoreifen im Sonderangebot gab, die hätten bestimmt nicht geschmeckt.“ Das kam von mir. Okay, es war nicht wirklich lustig. Ich wollte ja auch gar nicht lustig sein, sondern spöttisch! Das verstand wieder mal keiner.
„Wäääääh“, röhrte Marcel. „Du bist echt zum Totlachen, Spackolein!“ Diesmal traf er mein Schienbein. Körperliche Gewalt ist eigentlich nicht so mein Ding, aber was soll ich machen mit so einem Bruder?
So doll ich konnte, trat ich zurück.
„Juriii!“, quiekte Mama, hüpfte vom Stuhl und rieb sich ihr Knie.
„T’schuldigung!“ Marcel feixte.
„Autoreifen zum Abendessen! Hahaha“, machte Papa. „Das ist ja eine verrückte Idee.“
Ich hab Opa mal gefragt, ob es nicht sein könnte, dass Papa ein bisschen dumm ist, weil es manchmal ewig dauert, bis er was kapiert. „Nee, nee, Junge! Das siehste völlig falsch“, war die Antwort. „Dein Vater ist nicht dumm, ganz im Gegenteil. Aber das ist kompliziert, ich erklärs dir irgendwann mal.“
Papa klatschte Milchreis auf einen weiteren Teller und stellte ihn vor Mama. Sie betrachtete ihn mit einem traurigen Blick und seufzte. „Ach, so viel Milch!“
Papa sah sie verwundert an. „Das ist doch normal bei Milchreis. Oder stimmt was nicht?“
Mama guckte streng zu ihm hoch. „Zu viel Milch ist ungesund!“
„Im Ernst?“ Papa klang hochinteressiert. „Was passiert denn dann?
Also, bei zu viel Milch?“
„Man verschleimt“, antwortete Mama, während sie Milchreis in sich hineinschaufelte.
„Das wusste ich ja gar nicht!“
War ja klar. Immer wenn Mama mit einer Krankheit anfängt, tut Papa so, als wäre es das Spannendste auf der ganzen Welt. Sonst haben sich die beiden nur in der Wolle, aber wenn es um Keuchhusten oder Fußpilz geht, herrscht blanke Harmonie.
„Doch, doch“, fuhr Mama fort, während Papa sich setzte und gespannt zuhörte. „Der menschliche Körper ist nicht dazu geschaffen, tierisches Eiweiß in großen Mengen zu verarbeiten. Und das lagert sich dann ab. Also, so überall.“
Sie machte mit ihrer löffelfreien Hand eine weit ausholende Geste, die wohl zeigen sollte, dass sie mit „überall“ auch wirklich „überall“ meinte. „Und diese Rückstände verwandeln sich dann in Schleim.“
Marcel ließ seinen Löffel fallen. Es spritzte, als er im Milchreis landete. „Das ist ja total verschärft!“
Auch das war klar. Es ist bei meinem Bruder einfach so, dass er bei bestimmten Wörtern anspringt wie ein Motor, bei dem jemand den Zündschlüssel dreht. „Schleim“ gehört da genauso zu wie „Rotze“. Die Lieblingsbeschäftigung von ihm und seiner Gang ist ja auch „Kampfrotzen“. FLATSCH hört man alle paar Sekunden, wenn die auf dem Schulhof im Kreis stehen.
„In Ganzkörperschleim?“, fragte er mit leuchtenden Augen.
Mama nickte. „Sozusagen.“
„Abgefahren! Welche Farbe hat er denn, der Ganzkörperschleim? Eitergelb oder mehr so Kotzegrün?“
In einem anderen Film, den ich mal gesehen habe, wurde ein Junge nach der Geburt im Krankenhaus vertauscht. Der war eigentlich der Sohn einer sehr coolen Familie, die in einem riesigen Haus mit Swimmingpool wohnte. Aber weil der verwechselt wurde, ist der erst mal bei den absoluten Freaks gelandet. Irgendwann kam das aber raus und das Krasse war, dass der Junge am Ende vom Film lieber bei den Freaks bleiben wollte. Weil die „netter“ waren. Und das hab ich überhaupt nicht kapiert! Denn seine echten Eltern haben nie über was Peinliches geredet. Da hat keiner in die Hände geklatscht, es gab keinen Ganzkörperschleim oder Bruder. Lauter dicke Pluspunkte! Außerdem sah der Junge auch genauso aus wie seine echten Eltern. Als der das erste Mal vor denen stand, war sofort klar, was los ist. Die waren alle neonblond mit knallblauen Augen, so als hätte die jemand über einen Kopierer gezogen.
Wenn ich vor meinen Eltern stehe, ist auch sofort klar, was los ist, denn ich sehe aus wie Mama: braune Haare, braune Augen und irgendwie dünn. Und wer sich meine Ohren ansieht, der weiß sofort, dass Papa auch mein echter Vater ist, weil die bei mir genauso abstehen wie bei ihm. Das bedeutet wohl, dass man mich auf keinen Fall nach der Geburt vertauscht hat. Leider bedeutet das ebenfalls, dass Marcel wirklich mein Bruder ist, denn er sieht aus wie Papa: groß und irgendwie blond. Nur dass Papa dick und Marcel dünn ist. Außerdem hat Marcel die krassesten Segelohren von uns allen – obwohl die bei ihm nur selten zu sehen sind.
„Kann ich jetzt wieder Musik hören?“, nölt er sofort nach dem Essen und greift nach seinen Kopfhörern. Aber daraus wird nie was, denn nach dem Essen müssen wir „nett miteinander reden“. Was nur bedeutet, dass Mama uns über die Schule ausfragt und Papa uns aufmuntert. Dann wirft Papa Mama vor, dass sie uns unter Druck setzt. Dann schreit Mama Papa an, dass er nie was ernst nimmt.
„Für dich ist alles ein großer Spaß, Tom!“, und manchmal fängt sie an zu heulen. Wenn Papa brüllt: „Das ist ja auch zum Lachen, wenn du dich so lächerlich benimmst, Tanja!“, kann ich endlich abhauen. Ich muss nur noch dafür sorgen, dass ich als Erster nach oben renne, damit mir Marcel auf der Treppe kein Bein stellt. Sobald ich die Tür von meinem Zimmer hinter mir zuschlage, weiß ich, dass ich einen weiteren Abend mit meiner Familie astrein überlebt habe!
Es ist viel weniger stressig, wenn Mama und Papa zusammen Spätschicht haben. Dann stehen belegte Brote in der Küche, mein Bruder hängt den ganzen Abend vor seiner Xbox und ich bekomme nicht viel von ihm zu sehen. Abgesehen von seinem Hintern. Aber das ist keine große Sache, das hat er schon immer so gemacht. Die Tür fliegt auf, Marcel streckt seinen nackten Arsch ins Zimmer und brüllt: „Gute Nacht, Spackolein!“
Opa meint, das sei einfach seine Art, Gefühle zu zeigen.
Opa wohnt nicht bei uns, sondern bei der „Heiligen Helene“. Das ist ein Altersheim und keine Frau oder so was. Denn seit Opa einen Anfall im Kopf hatte – Schlaganfall heißt das – ist er schief und kann sich nicht mehr alleine die Schuhe zubinden. Das ist aber halb so wild, denn ich besuche Opa fast jeden Tag. Meistens schon nach der Schule.
„Wie läufts?“, fragt Opa.
„Ganz okay“, sage ich oder auch „ganz schön mies“.
„Darauf erst mal einen Drink!“, sagt Opa und schüttet mir Cola in ein Glas. Opa schwört auf Cola! Egal ob Grippe, Beulenpest, Nervenzusammenbruch, Sonne, Regen, Tornadosturm – Cola geht immer, und zwar kalt UND warm. Als ich im Winter mal durchgefroren bei ihm ankam, hat er mich gezwungen, HEISSE Cola zu trinken! „Hier Junge, das wärmt von innen!“ Und als ich doof geguckt habe: „Runter damit, die Amis machen das genauso!“ Denn Opa ist nicht nur ein Fan von Cola, sondern auch von den Amerikanern. Er war sogar schon mal da. Außerdem hat er viele Ami-Filme. Auf alle Fälle achte ich seit der Foltercola darauf, dass ich nicht verfroren aussehe, wenn ich bei ihm bin.
Nach der Cola muss ich Hausaufgaben machen. Opa setzt sich so lange in seinen Häuptlingsstuhl und starrt mich wie ein amerikanischer Weißkopfseeadler an, damit ich nicht rumzappel. Der Weißkopfseeadler ist ein Greifvogel, der bei den Amis wohnt. Der hat einen total stechenden Blick. Wenn in hundert Meter Entfernung eine Fliege sitzt und blinzelt, sieht der das. Genau wie Opa.
„Glotz nicht durch die Gegend, sondern in dein Buch, Junge!“ Ich bin meistens superschnell mit den Hausaufgaben fertig, dabei würde ich mir viel lieber den Häuptlingsstuhl angucken. Den kenne ich zwar schon, aber der ist einfach der absolute Knaller! Die Stuhlbeine sehen wie Marterpfähle aus, der Sitz ist aus Kuhfell und in die Rückenlehne ist das Gesicht eines Indianers geschnitzt.
Opas Füße baumeln über dem Boden, wenn er im Häuptlingsstuhl sitzt, denn er ist klein. Immer noch größer als ich, aber viel kleiner als Papa. Die beiden sehen sich auch sonst nicht ähnlich. Opa sieht aus wie eine alte Ledertasche und Papa wie ein Pfannkuchen. Er bewegt sich auch so, er rollt. Opa rollt nicht, er schleicht und dabei guckt er ganz listig.
„Vielleicht haben sie dich ja im Krankenhaus vertauscht!“, hab ich mal zu ihm gesagt.
„Das is’ ja nu’ Quatsch, Junge!“ Und ich glaube ihm, denn seine Ohren stehen genauso ab wie meine. Außerdem tragen wir die gleichen Turnschuhe.
„Du ziehst dich an wie ein Teenager!“, meckert Papa ständig an ihm rum. Das Allerwichtigste bei Opa ist aber das Basecap! Ich bin mir sicher, dass ich ihn noch nie ohne gesehen habe. Keine Ahnung, wie er da drunter aussieht. Der Opa von meinem Freund Robin hat lauter braune Flecken auf dem Kopf. Da gefällt mir das mit der Kappe besser.
Seit Opa diesen Anfall hatte, stützt er sich auf einen Stock, aber schleichen kann er immer noch. Das finden die „Sisters“ auch. „Herr Roschinski, jetzt schleichen Sie sich nicht so an!“, rufen die, wenn er sich an sie ranpirscht. „Sisters“ nennt Opa die Schwestern im Altersheim. Er hat mal einer – der Sister Doro – in den Hintern gekniffen. Doch die hat ihm gedroht, seine Basecaps wegzunehmen, wenn er das nochmal macht, und zwar ALLE. Das hat gesessen! Seitdem lässt er das mit dem Kneifen.
„Die Doro, die hat Feuer, Junge!“ Ich glaube, er ist in die verknallt. Und das verstehe ich, denn Sister Doro sieht aus wie die Elbenkönigin Galadriel aus „Herr der Ringe“. Mit blonden wehenden Haaren und so. Aber seine Basecaps für wehende Haare aufs Spiel setzen? Nein danke!
„Juri, es gibt Dinge, von denen sich ein Mann niemals trennen darf. Auch nicht für eine Frau!“
Obwohl Opa total viele Basecaps hat, trägt er immer dasselbe:
Ein blaues mit einem roten B über dem Schirm – die Kappe der „Boston Red Sox“. Das ist Opas und meine Lieblingsmannschaft. „Red Sox“ heißt übersetzt „rote Socken“ und Boston ist eine Stadt in Amerika, da kommen die roten Socken her. Ich habe das gleiche Basecap und weil Baseball der coolste Sport der ganzen Welt ist, habe ich mir zu meinem Geburtstag einen Baseballhandschuh gewünscht. Den Schläger besitze ich schon. Opa hat mir seinen geschenkt, als er zur Heiligen Helene musste. Baseballschläger sind im Altersheim verboten, genau wie in der Schule. Außer man benutzt sie für „sportliche Aktivitäten“, hatte Frau Jansen, meine Klassenlehrerin, gesagt. Deshalb brauchte ich unbedingt noch den Handschuh, weil ich denen aus meiner Klasse mal zeigen wollte, dass ich mehr auf dem Kasten habe, als nur der „Spacko“ zu sein.
Der Tag, an dem ich elf wurde, fing eigentlich ganz gut gut an. Mama hatte mir einen Kuchen gebacken. Obendrauf brannten elf Kerzen. Papa war noch nicht zurück von der Nachtschicht. Ich saß mit Mama am Tisch und blies die Kerzen aus. Marcel war auch da, aber ich tat einfach so, als wäre er Luft. Ich hatte alles mit meinen Eltern besprochen. Nach der Schule würde mein Freund Robin zu mir kommen. Wir würden Pizza essen und Filme gucken bis spät nachts. Wie im Kino mit Beamer und Leinwand! Ich hatte mir von Opa DVDs geliehen: „X-Men: Der letzte Widerstand“ und alle „Herr der Ringe“. Dazu haufenweise Chips, Eis und Popcorn.
