Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine außergewöhnliche Hitzewelle bedroht die Stadt Muffingen. Die Feuerwehr ist im Dauereinsatz und die Menschen werden aufgerufen, das kostbare Trinkwasser zu sparen. Ausgerechnet jetzt trocknet auch noch der Mühlenbach aus, der die Region mit frischem Wasser versorgt. Was steckt dahinter? Ein Fall für ROX - das junge Ermittlerteam! Die vier Freunde begeben sich auf eine brandgefährliche Spurensuche...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für AJ, die mich seit so vielen Jahren
liebevoll unterstützt und begleitet
Für Ruby, die ROX hört, seit sie hören kann
Für MP, die immer für mich da ist
Für PJ, der mir stundenlang
die Welt der Eisenbahn erklären musste
Ich liebe euch!
MARMOR, STEIN & EISEN
WILDFEUER
Es war ein warmer Sommertag in Untermau, einem kleinen, ländlichen Ortsteil von Muffingen. Die vier Freunde Raya, Cloe, Max und Finn trafen sich, wie fast jeden Nachmittag, bei Rayas Onkel Ben am alten Schotterwerk. Das hatte auch einen guten Grund: In dem alten Steinbruch am Rande des Dorfes konnte man die tollsten Abenteuer erleben. Jeden Tag entdeckten sie etwas Neues und kein Tag war wie der andere. Und das Wichtigste: Rayas Tante Tina backte einfach den besten Marmorkuchen!
Raya war die Jüngste der vier. Die zwei Mädchen und zwei Jungen waren im selben Alter und gingen auf dieselbe Schule. Sie kannten sich schon seit der ersten Klasse und waren seither unzertrennlich. Von ihren Mitschülern wurden sie – das lag irgendwie nahe – „Die Vier“ genannt, da man sie eigentlich immer nur zu viert sah. Dass Raya und ihre Freunde sich für ihre Crew selbst einen derart unkreativen Spitznamen gegeben hätten, das war absolut ausgeschlossen. Aber dazu später mehr.
Raya wurde von ihren Freunden eigentlich nur „Räi“ genannt. Und zwar so ganz lässig englisch ausgesprochen, wie der Name des Sängers aus dieser einen Fernsehshow mit singenden Menschen in Kostümen, dessen Name eigentlich „R e a“ buchstabiert wird. Sie war durchschnittlich groß, mittelmäßig sportlich und hatte braunes, glattes Haar. In ihrer Freizeit las sie gerne und viel. Keine Comics oder Zeitschriften, wie es die anderen Mädchen ihres Alters taten, sondern anspruchsvollere Lektüren, von denen sie auch etwas lernen konnte. Dabei trug sie meist eine Brille, ein nicht mehr ganz so modernes Modell, die sie eigentlich nicht brauchte, aber doch irgendwie schick fand.
Die Eltern von Raya waren Wissenschaftler. Und sie waren beide Brillenträger. Beides gefiel Raya, und sie wollte irgendwann auch einmal so werden wie ihre Eltern. Ihre Mutter und ihr Vater hatten sich während des gemeinsamen Studiums an der Uni kennengelernt, und seit Raya denken kann, arbeiteten die beiden zusammen im Forschungsinstitut der Stadt. Woran ihre Eltern genau forschten, das war ihr noch nie so ganz klar gewesen. Irgendetwas mit Energie. Und dass die beiden aus diesem Grund viel in der Welt unterwegs waren.
Immer wenn Rayas Eltern mal wieder für einige Wochen oder Monate auf einer ihrer Forschungsreisen waren, wohnte sie bei Onkel Ben und Tante Tina. Das machte ihr nicht besonders viel aus, ganz im Gegenteil, denn erstens kannte sie es gar nicht anders, und zweitens war es bei ihnen immer mindestens genauso nett wie bei ihren Eltern zu Hause.
Onkel Ben, der Bruder von Rayas Vater, lebte gemeinsam mit seiner Frau Tina seit einigen Jahren in dem alten Schotterwerk am Rande der Kleinstadt. Sie hatten leider keine eigenen Kinder und freuten sich daher immer ganz besonders, wenn Raya mal wieder eine Zeit lang bei ihnen war. Tante Tina liebte es zu kochen und meist gab es Rayas Lieblingsessen. Und natürlich nicht zu vergessen: den leckersten Marmorkuchen, den nur sie so perfekt zu backen verstand, genau so, dass der helle Teig noch nicht zu trocken und der schokoladige Teil noch leicht klebrig war. Und nur bei Tante Tina vermischte sich der braune Teig mit dem hellen auf diese wundersame Art, sodass jedes Stück ein Kunstwerk wurde. Oft machten Raya und ihre Freunde einen kleinen Wettbewerb daraus, wer von ihnen das schönste Muster in seinem Kuchenstück entdeckte. Manchmal waren es Tiere, geheimnisvolle Symbole oder ganze Gesichter, die sie darin zu erkennen glaubten.
Auch an diesem Nachmittag saßen die vier zusammen am Esstisch in der Küche von Tante Tina. Jeder hatte ein Stück Kuchen vor sich auf dem Teller.
„Seht mal, ich hab’ ’nen Vogel!“, rief Max und hielt sein Kuchenstück in die Luft, damit die anderen es auch sehen konnten.
„Das ist doch nichts Neues. Und sieh mal da: Das Muster auf deinem Kuchen sieht auch wie ein Vogel aus!“, sagte Cloe und grinste ihren Bruder frech an. Die anderen kicherten.
„Und bei mir sieht es aus wie Wellen auf dem Meer“, beschrieb Raya das Gebilde in ihrem Kuchen.
„Meer klingt gut. Es ist heute eh wieder so schrecklich heiß“, sagte Finn mit vollem Mund.
„Wir könnten doch heute ins Freibad fahren!“, schlug Cloe vor. „Das ist doch fast so gut wie am Meer.“
„Bei mir sieht es aus wie eine Sonne. Seht her!“, sagte Cloe und zeigte den anderen die Entdeckung auf ihrem Stück Kuchen. „Und was hattest du, Finn?“, fragte sie anschließend und biss davon ab.
„Ich hatte nur Hunger!“, antwortete Finn immer noch mit vollem Mund und die anderen mussten lachen.
Nachdem jeder noch ein zweites Stück von Tante Tinas Kuchen untersucht und es mit den anderen verglichen hatte, aßen sie auf und gingen nach draußen in den Steinbruch.
Das Schotterwerk, in dem Rayas Onkel und Tante Tina wohnten, war schon viele Jahre zuvor von den Vorbesitzern aufgegeben worden und diente jetzt nur noch als Wohnhaus. Der Steinbruch, in dem das Schotterwerk stand, war mittlerweile mit Gräsern, Gebüsch und jungen Baumtrieben zugewachsen. Es war ein idealer Ort für kleine Abenteuer und der Lieblingsplatz von Raya, Cloe, Max und Finn im Sommer. Überall gab es kleine Höhlen in den Felsen und man konnte zwischen den alten, zurückgelassenen Baumaschinen spielen. Oder man konnte versuchen, eine der vielen verschiedenen Eidechsenarten und anderen kleineren und größeren Tiere zu entdecken, die sich ihren natürlichen Lebensraum mittlerweile zurückerobert hatten.
Früher wurden die im Steinbruch mit Baggern und Radladern abgebauten Felsbrocken auf Loren geladen, kleine eckige Mini-Waggons, die auf viel schmaleren Schienen als die richtige Eisenbahn fuhren und damit zum oberen Stockwerk des Schotterwerkes transportiert wurden. Dort wurden die Steine dann zerkleinert und anschließend auf die darunter stehenden großen Eisenbahnwaggons verladen.
Die mit Gesteinsschotter beladenen Waggons wurden dann von großen Dampflokomotiven von Muffingen aus in das ganze Land transportiert. Der Schotter wurde damals fast überall gebraucht, um neue Gleise für die Eisenbahn zu bauen. Die Blütezeit der Eisenbahn, in der viele neue Bahnstrecken entstanden waren, war jedoch schon lange vorbei, und die früher begehrten Schottersteine aus Muffingen wurden nicht mehr benötigt. Seither wurden keine Steine mehr in dem Steinbruch abgebaut, und das Schotterwerk wurde aufgegeben. Die Eisenbahn fuhr schon lange nicht mehr bis zum Steinbruch, und die Gleise, die von der Stadt aus bis zum alten Schotterwerk führten, wurden schon viele Jahre zuvor stillgelegt. Die Schienen, auf denen die schweren Eisenbahnwaggons unter die Verladestelle fuhren und die etwa faustgroßen Schottersteine in die Wagen geschüttet wurden, lagen jedoch noch dort, wie vor fast hundert Jahren.
Ganz am Ende eines der langen Abstellgleise, auf denen früher die vielen Schotterwagen auf ihre Ladung und anschließende Weiterreise warteten, stand noch ein einziger dieser alten Eisenbahnwaggons, einsam und verlassen, von Gestrüpp halb verdeckt.
Für den heutigen Tag hatten sich die Freunde vorgenommen, sich den Waggon genauer anzusehen.
Sie liefen die stillgelegten Gleise entlang, sprangen dabei von Holzschwelle zu Holzschwelle oder balancierten auf den rostigen alten Schienen. Nach kurzer Zeit erreichten sie das Ende des Abstellgleises. Vor ihnen stand der alte Eisenbahnwagen auf dem mit trockenem Gras bewachsenen Gleis, das an seinem Ende hinter dem Wagen von einem alten hölzernen Prellbock begrenzt wurde.
Der alte Waggon hatte seine besten Jahre, ebenso wie das Schotterwerk selbst, längst hinter sich, und der ehemals dunkelbraune Farbanstrich blätterte an vielen Stellen von dem Wagen ab. Rost und Moos überzogen den eisernen Eisenbahnwagen, und die einst weiße Beschriftung auf dem Aufbau waren verwittert und nur noch zu erahnen. Lediglich drei vereinzelte Buchstaben waren noch etwas erhalten. Die Buchstaben „R“, „O“ und ein „X“.
Sie hatten schon die unterschiedlichsten Züge mit verschiedensten Waggons am Bahnhof in Muffingen gesehen: Güterwagen mit Holzaufbau oder ganz aus Metall, flache Wagen, Wagen mit runden Behältern für den Transport von Flüssigkeiten darauf und jede Menge längere und kürzere Personenwagen. Im Vergleich zu den ihnen bekannten Waggons der Züge, die in Muffingen verkehrten, war dieses Exemplar – trotz seiner nicht geringen Größe und wenn man direkt davor stand – irgendwie klein. Aber der Waggon war immer noch fast dreimal so hoch, wie Raya groß war und von vorne bis hinten so lang wie das Wohnzimmer von Onkel Ben und Tante Tina, in das bequem zwei Kleinwagen passten.
An den Seiten des Waggons führten Trittstufen auf die mit Holzbrettern verkleidete Plattform, auf der sich der trichterförmige, kantige Behälter für den Schotter befand. Der Aufbau sah aus wie ein großes Dreieck mit der Spitze nach unten, ähnlich einer auf dem Kopf stehenden Pyramide. Zu zwei Seiten sowie unter dem Schotterbehälter hatte der Waggon eine Vorrichtung, aus der die Schottersteine seitlich und unter dem Waggon auf die Gleise geschüttet werden konnten. So konnten früher die Gleisarbeiter den Schotter aus dem Wagen direkt dort abladen, wo sie ihn beim Bau der Schienen brauchten.
Raya, Cloe, Max und Finn hatten diesen Eisenbahnwagen auf ihrer Suche nach einem neuen Geheimversteck auf dem Gelände des alten Schotterwerkes entdeckt, denn einige Tage zuvor war ihr Baumhaus, das ihnen im letzten Sommer als Treffpunkt diente, bei einem Sturm zerstört worden. Cloe hatte das Baumhaus zusammen mit ihrem Bruder Max in einem Baum am Rande einer Weide ihrer Eltern gebaut. Zum Glück konnten sie noch ihre Abenteuerausrüstung und andere Dinge aus dem kaputten Baumhaus retten. So waren sie nun auf der Suche nach einem neuen Ort für ihre Treffen und ihre Ausrüstung.
Über eine vorhandene Leiter konnte man in den Waggon klettern, und wenn man ein Dach darüber bauen würde, könnte der alte Eisenbahnwagen ein ideales neues Versteck werden, befanden die vier Freunde.
Cloe und Max waren Geschwister, genauer gesagt Zwillinge, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein konnten. Beide waren auf dem kleinen Bauernhof ihrer Eltern aufgewachsen. Während Cloe, ein schlankes, blondes Mädchen mit langen Haaren, das in fast jedem Sportverein Muffingens aktiv war und dort für ihre quirlige und lebhafte Art bekannt war, es kaum erwarten konnte, von einem Abenteuer in das nächste zu stolpern, war Max das genaue Gegenteil: etwas rundlicher in der Gestalt, nicht übermäßig, aber merklich breiter im Vergleich zu seiner Schwester. Sein rötlich schimmerndes, kurzes Haar war sein Markenzeichen. Er liebte Computerspiele, Technik und Elektronik und tüftelte in seiner Freizeit an den merkwürdigsten Dingen: Vom solarbetriebenen Modellauto bis zum Flaschenzugfahrstuhl im Baumhaus bastelte er in kürzester Zeit die erstaunlichsten Dinge.
Als sie einige Tage zuvor den alten Eisenbahnwagen entdeckt hatten, waren sie alle von der Idee hellauf begeistert, sich den abgestellten Waggon als neues Hauptquartier einzurichten.
