Ruby Redfort – Giftiger als Schlangen - Lauren Child - E-Book

Ruby Redfort – Giftiger als Schlangen E-Book

Lauren Child

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Beschreibung

Ruby Redfort ist ein ganz normales Mädchen. Und gleichzeitig die jüngste Geheimagentin der Welt! Es gibt einen Maulwurf in der Geheimdienstzentrale Spektrum! Und Ruby Redfort zählt zu den Verdächtigen. Das kann Ruby nicht auf sich sitzen lassen. Sie versucht auf eigene Faust, den Verräter zu finden. Aber immer ist ihr jemand einen Schritt voraus. Dann taucht der geheimnisvolle Graf wieder auf, der schon einmal versucht hat, Ruby auszuschalten. Aber dieses Mal schenkt er ihr einen roten Apfel. Es dauert eine Weile, bis es Ruby gelingt, die Botschaft zu entschlüsseln ... Auch im vierten Band überzeugt Lauren Child mit witzigen Dialogen, spannender Handlung und einem originellen Plot – rundum intelligente Unterhaltung für clevere Mädchen! Super-intelligent, super-clever, super-sympathisch ... Super-Ruby löst ihren fünften Fall! Bei Antolin gelistet Alle Abenteuer von Ruby Redfort: Ruby Redfort – Gefährlicher als Gold (Bd. 1) Ruby Redfort – Kälter als das Meer (Bd. 2) Ruby Redfort – Schneller als Feuer (Bd. 3) Ruby Redfort – Dunkler als die Nacht (Bd. 4) Ruby Redfort – Giftiger als Schlangen (Bd. 5) Ruby Redfort – Tödlicher als Verrat (Bd. 6)

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Lauren Child

Ruby Redfort – Giftiger als Schlangen

 

Aus dem Englischen von Anne Braun

 

Über dieses Buch

 

 

Ruby Redfort ist ein ganz normales Mädchen. Und gleichzeitig die jüngste Geheimagentin der Welt!

Es gibt einen Maulwurf in der Geheimdienstzentrale Spektrum! Und Ruby Redfort zählt zu den Verdächtigen. Das kann Ruby nicht auf sich sitzen lassen. Sie versucht auf eigene Faust, den Verräter zu finden. Aber immer ist ihr jemand einen Schritt voraus. Dann taucht der geheimnisvolle Graf wieder auf, der schon einmal versucht hat, Ruby auszuschalten. Aber dieses Mal schenkt er ihr einen roten Apfel. Es dauert eine Weile, bis es Ruby gelingt, die Botschaft zu entschlüsseln ...

Super-intelligent, super-clever, super-sympathisch ... Super-Ruby löst ihren fünften Fall!

 

Bei Antolin gelistet

Alle Abenteuer von Ruby Redfort:

Ruby Redfort – Gefährlicher als Gold (Bd. 1)

Ruby Redfort – Kälter als das Meer (Bd. 2)

Ruby Redfort – Schneller als Feuer (Bd. 3)

Ruby Redfort – Dunkler als die Nacht (Bd. 4)

Ruby Redfort – Giftiger als Schlangen (Bd. 5)

Ruby Redfort – Tödlicher als Verrat (Bd. 6)

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischerverlage.de/kinderbuch-jugendbuch

Biografie

 

 

Lauren Child, geboren 1967, wuchs in Wiltshire auf, einer Grafschaft im Süden Englands. Sie studierte an der City and Guilds Art School in London. Danach hatte sie verschiedene Jobs, bis sie 1999 ihr erstes Kinderbuch veröffentlichte. Heute ist Lauren Child eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen und -illustratorinnen Englands.

Anne Braun lebt in Freiburg und übersetzt Literatur und Sachbücher aus dem Französischen, Englischen und Italienischen. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.

Inhalt

Widmung

Motto

Ein gewaltiger Sturm

Ein ganz gewöhnliches Kind

Etliche Jahre später …

1. Kapitel Falsche Zeit, falscher Ort

2. Kapitel Manches spricht sich schnell herum

3. Kapitel Laubspäher

4. Kapitel Hirnlose Weichtiere

5. Kapitel Ungeklärte Fragen

6. Kapitel Konserven

7. Kapitel Na, wie fühlen wir uns?

8. Kapitel Wach auf und riech die Bananenmilch!

9. Kapitel Der erste Regentropfen

10. Kapitel Matholympics

11. Kapitel Stadtgespräch

12. Kapitel Vorsicht, bissiger Hund!

13. Kapitel Ein Schlangennest

14. Kapitel Zweimal falsch ergibt doch richtig!

15. Kapitel In Ungnade gefallen

16. Kapitel Überraschender Besuch

17. Kapitel Zeugenschutz

18. Kapitel Wahl zwischen Pest und Cholera

19. Kapitel Den Letzten beißen die Hunde

20. Kapitel Protest wäre sinnlos

21. Kapitel Herbe Enttäuschung

22. Kapitel Hundeelend

23. Kapitel Eine verdorbene Muschel

24. Kapitel Welches Gift darf es sein?

25. Kapitel Killerkleid

26. Kapitel Eine Minute Bedenkzeit

27. Kapitel Das schlecht sitzende Kleid

28. Kapitel Hochriskant!

29. Kapitel So ein Reinfall!

30. Kapitel Weich siegt über hart

31. Kapitel Das Lemon-Baby

32. Kapitel Der jüngste Spektrum-Besucher

33. Kapitel Zweifel

34. Kapitel Verrücktes Wetter

35. Kapitel Folgen Sie dem Taxi da!

36. Kapitel Babyalarm!

37. Kapitel Eine Linde ist kein Zitronenbäumchen

38. Kapitel Der Gelbe Winddrachen

39. Kapitel Wer hat gepetzt?

40. Kapitel Der Tesserakt

41. Kapitel Verfallsdatum

42. Kapitel Die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit

43. Kapitel Den Wind reiten

44. Kapitel Handschlag von der Feindin

45. Kapitel Im Alleingang

46. Kapitel Alles Müll?!

47. Kapitel Unangenehme Fragen

48. Kapitel Schließfach 237

49. Kapitel Besser, man weiß Bescheid

50. Kapitel Eher ein Ninja

51. Kapitel Zurück auf Feld eins

52. Kapitel Stets wachsam sein!

53. Kapitel Erneut mit dem Stadtplan zugange

54. Kapitel Wer will Ruby fertigmachen?

55. Kapitel Dieser Blick und dieser Duft!

56. Kapitel Cousin Nerris

57. Kapitel Die gefürchtete Widersacherin

58. Kapitel Was für eine Verwandlungskünstlerin!

59. Kapitel Alle Trümpfe in der Hand

60. Kapitel Australisches Problem auf zwei Beinen

61. Kapitel Mach mal halblang!

62. Kapitel Beep!

63. Kapitel Sehr kryptisch

64. Kapitel Ein fauler Apfel

Die Nachbesprechung

Halloween mit einigen Überraschungen

Aus dem Daily Mirror

Der Einkaufswagen

Der Apfel

Vierdimensionales Sehen

Lösungen

Dank

Für Louis

Die Königin blickte aus ihrem Fenster auf Schneewittchen hinunter.

Der Anblick der rabenschwarzen Haare und der makellos glatten Haut des Mädchens betrübte die Königin über alle Maßen.

»Wie schön sie ist, und von allen geliebt«, zischte sie und griff nach einem prallen roten Apfel. Während sie ihn nachdenklich hin und her drehte, fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild. »Gibt es noch jemanden, der sie so sehr hasst wie ich?« Mit einem Wutschrei führte sie den Apfel an ihre Lippen, öffnete den Mund und grub ihre Zähne in das weiße Fruchtfleisch.

Ein gewaltiger Sturm

Nordöstlich der Stadt erstreckte sich eine ausgedehnte Ebene, viele Morgen groß, mit Präriegras bewachsen, das in den warmen Windböen wogte, die vom Ozean herüberkamen.

Die Kleine hatte sich auf den weiten Weg zur Ranch ihrer Großmutter gemacht. Sie ging davon aus, dass sie nicht länger als eine Stunde brauchte, so dass sie rechtzeitig dort sein würde, also gegen Mittag. In den Nachrichten war vor einem heftigen Gewittersturm gewarnt worden, und an dem weiten Himmel über ihr ballten sich bereits erste dunkle Wolken zusammen.

Die Kleine hatte versucht, ihren Hund, einen Husky-Welpen, im Fahrradkorb mitzunehmen, doch der hatte jaulend zum Himmel geschaut, als sie ihn aus dem Haus tragen wollte, und sein Fell hatte sich gesträubt.

Es war, als hätte er gewusst, was kommen würde. Neugierig, wie die Kleine war, hoffte sie, beobachten zu können, wie sich der angekündigte Tornado am Himmel aufbaute. Für sie waren Tornados ein hochinteressantes Naturphänomen – sie brauten sich blitzschnell zusammen und waren innerhalb von Minuten wieder vorbei; hier in der Gegend dauerten sie in der Regel maximal zwanzig Minuten. Doch man musste auf der Hut sein – wenn man sich zeitlich verschätzte, war man geliefert. Man wurde von der Windhose gepackt und fortgerissen. Vor einem Tornado davonzulaufen war sinnlos, man konnte ihm nur aus dem Weg gehen. Das wusste das Mädchen schon mit seinen gerade mal neun Jahren.

Die Kleine hatte erst ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ihr klar wurde, dass sie zu spät aufgebrochen war. Umkehren oder weitergehen, das spielte jetzt keine Rolle mehr – sie würde es auf gar keinen Fall mehr schaffen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Im weiten Umkreis gab es nur eine einzige Anhöhe mit einem einsamen Baum, der sich im stürmischen Westwind bog, und diese Anhöhe war außer den in regelmäßigen Abständen stehenden Telegraphenmasten der einzige Orientierungspunkt weit und breit.

Aber besser ein Orientierungspunkt als keiner! Das Mädchen erinnerte sich, dass um den Baum herum große, schwere Felsblöcke lagen, die aussahen, als wären sie seit Zehntausenden von Jahren da. Bis dahin würde sie gerade noch kommen und dort bestimmt Zuflucht vor dem gnadenlosen Tornado finden.

Sie ließ ihr Fahrrad neben der Straße fallen und dort liegen. Dann rannte sie über die weiten Wiesen und gegen den stürmischen Wind an. Sie rannte, als sei der Leibhaftige hinter ihr her, sie rannte, als würden die Flammen der Hölle bereits um ihre Knöchel züngeln. Es war alles andere als einfach, durch die hohen, spröden Grashalme zu rennen, doch davon ließ sie sich nicht beirren. Endlich kam sie keuchend bei den großen Steinen an, fand einen kleinen Hohlraum und quetschte sich hinein – buchstäblich in letzter Sekunde. Denn da fegte der wirbelnde Tornado schon über sie hinweg, und durch einen Spalt zwischen den Felsblöcken konnte sie sehen, wie ihr kleines grünes Fahrrad von dem senkrechten Luftwirbel erfasst und in seinen Rüssel gesaugt wurde.

Das leise Zischen hörte sie nicht; der Wind übertönte es. Sie merkte auch nicht, wie etwas den Kopf hob, das Maul weit aufriss und dabei zwei Reihen messerscharfer Zähne entblößte. Doch sie spürte etwas: einen scharfen Schmerz, gefolgt von einem unerträglichen Ziehen. Es fühlte sich sehr merkwürdig an.

Sie fuhr herum und starrte in zwei kleine Augen. Schwarze Äuglein in einem pfeilförmigen Kopf, dazu dunkle Rauten entlang des langen braunen Rückens. Der Angreifer fixierte sie kurz, ohne zu blinzeln, dann drehte er sich langsam um und verschwand in der Dunkelheit.

Auf einmal sah die Kleine alles um sich herum unnatürlich klar: die ungewöhnlichen Felsblöcke – einer davon sah fast wie ein Hundekopf aus. Dabei musste sie an ihren Husky denken, und sie wünschte sich, er wäre bei ihr. Sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen, und holte ihr Notizbuch und den Stift aus der Tasche. Sie malte die Kopfform und die Körperzeichnung auf, notierte sich die Farben, und als sie meinte, alles Wichtige aufgezeichnet zu haben, zog sie ihre gestreifte Socke aus und säbelte mit dem Taschenmesser die Spitze ab. Das, was von ihrer Socke übrig war, schob sie über die Wunde am Arm und stellte zufrieden fest, dass es eine einigermaßen passable, nicht zu straffe Bandage war.

Dann schleppte sie sich langsam zur Straße zurück und ließ den Arm hängen, damit sich die Bisswunde unterhalb ihres Herzens befand.

Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie, dass der Baum verschwunden war. Der Tornado hatte ihn verschluckt und mit sich gerissen.

Der Farmer, der etwa eine Stunde später mit seinem Kleinlaster vorbeikam, staunte nicht schlecht, als er ein Kind ganz allein die Straße entlangtaumeln sah.

Auch der diensthabende Arzt im örtlichen Krankenhaus staunte, als die Kleine ihr Notizbuch aufschlug und ihm eine perfekt gezeichnete Prärieklapperschlange präsentierte.

»Das … hat mich … gebissen«, stammelte die Kleine. Ihr Arm war inzwischen beträchtlich angeschwollen, und ihre Stimme klang schon ziemlich schwach.

»Clever von dir, dass du diese Zeichnung gemacht hast«, sagte der Arzt, als er ihr das Gegenserum spritzte. »Das Gift einer Klapperschlange kann innerhalb von zwei Stunden zum Tode führen. Wenn wir jetzt noch Zeit damit vergeudet hätten, die Schlangenart zu identifizieren, dann …«

Aufgrund dieses Vorfalls nahm Ruby Redfort sich vor, alles über Schlangen zu lernen und sämtliche Schlangen an ihrem Muster zu erkennen – wer weiß, ob ihr dieses Wissen nicht eines Tages das Leben retten würde …

Ein ganz gewöhnliches Kind

Als Ruby zehn war, nahm ihr Vater an einer Verkostung der Olivaria Society teil, denn jeder, der Mitglied dieses elitären Clubs werden wollte, musste blind zwölf verschiedene Olivensorten testen und erkennen, um welche Sorte es sich handelte und wo sie angebaut wurde.

Wegen des schlechten Wetters in Boston konnte Sabina an diesem Tag nicht wie geplant nach Twinford zurückfliegen und saß im Flughafen an der Ostküste fest. Mrs Digby, die Haushälterin, genoss gerade ihren Jahresurlaub, und Brant Redfort wollte seine Tochter, die eine Babysitterin ablehnte, nicht allein zu Hause lassen. Deshalb nahm er Ruby mit in den Club, der in der Fuldecker Avenue in einem prachtvollen, altmodischen Gebäude mit Holzschnitzereien und viel Marmor residierte. Da es höchst ungewöhnlich war, ein Kind mit in den Club zu bringen, sollte Ruby in einem kleinen Büro zwei Stunden lang lesen, bis ihr Vater fertig wäre und sie wieder nach Hause gehen könnten.

Brant Redfort wurde mit verbundenen Augen an einen Tisch geführt, auf dem zwölf Schälchen mit Oliven standen. Drei der Olivensorten konnte Brant Redfort nur schwer zuordnen, doch er entschied sich für die wahrscheinlichste Antwort. Danach wurden seine Aufzeichnungen zusammen mit den Olivenschälchen in das Büro des Clubs zurückgebracht.

Ruby, die Oliven sehr gern mochte, hatte zu Hause zusammen mit ihrem Vater geübt und war dadurch selbst zu einer Expertin für Oliven aus allen Regionen der Welt geworden. Neugierig probierte sie alle Oliven. Anschließend kontrollierte sie den Testbogen ihres Vaters und sah, dass er ganz gut, aber nicht überragend abgeschnitten hatte (nach dem vielen Üben zu Hause hätte er wirklich besser sein müssen). Flugs korrigierte sie seine Antworten.

Sie schmeckte jedes Kraut und jedes Gewürz heraus und konnte alle Oliven zuordnen: junge, alte, in Eichenfässern und in Meerwasser gelagerte, Oliven von den westlichen Hängen des Ätnas und der Nordküste von Korfu.

Dank Rubys beherztem Eingreifen wurde Brant Redfort zu einem würdigen Mitglied der Olivaria Society ernannt und unter großem Applaus aufgenommen, und Ruby konnte sich wieder in Ruhe ihrem Buch widmen.

Etliche Jahre später …

1. KapitelFalsche Zeit, falscher Ort

Als Ruby Redfort an diesem Morgen aufstand, hätte sie sich nicht träumen lassen, was für ein schlimmer Tag vor ihr lag.

Dass sie wie eine Verrückte durch die Straßen hinter dem Amster Green Park rennen würde, hatte sie bestimmt nicht geplant, und auch nicht, wie froh sie über den Anblick eines Müllcontainers vor der Five Aces Poker Bar sein würde. Aber so war es gekommen. Manchmal passieren einem Dinge, mit denen man nie gerechnet hätte.

REGEL 1: MAN WEISS NIE GANZ GENAU, WAS ALS NÄCHSTES PASSIERT.

Als Ruby das Haus verließ, glaubte sie noch, einen friedlichen Samstag vor sich zu haben. Und sie hoffte es auch. Sie schlief in letzter Zeit schlecht und fühlte sich nicht in Hochform. Sie wollte nur rasch ins Antiquariat gehen, dem Inhaber, Ray Penny, freundlich zunicken und sich eventuell nach seinem Hund Jake erkundigen, der im Moment in der Tierklinik lag, weil er eine ganze Tafel Schokolade gefressen und sich dadurch fast vergiftet hätte. Dann wollte sie die Regale nach einem guten Krimi absuchen und es sich damit zu Hause gemütlich machen. Ihr war an diesem Tag nicht nach viel zwischenmenschlichem Kontakt.

Wie es der Wetterbericht vorhergesagt hatte, war es immer noch sehr windig, und als Ruby den Cedarwood Drive hinunterging, riss ein besonders heftiger Windstoß an ihrer Haarspange und wehte ihr die Haare ins Gesicht und vor die Brille, so dass Ruby kaum etwas sehen konnte.

Die »Lüftchen«, wie die Einwohner von Twinford diese heftigen Böen nannten, hatten die Stadt nun schon seit gut vierzehn Tagen fest im Griff, genauer gesagt seit dem Abend des Scarlet Pagoda Filmfestivals – ein Abend, den Ruby vermutlich nie vergessen würde. Denn obwohl sie nicht zum ersten Mal von einem Hochhaus gefallen war, so war es doch das erste Mal, dass sie mit voller Absicht hinuntergestoßen wurde.

Bei dem fraglichen Hochhaus hatte es sich um das Hotel Circus Grande gehandelt, und hinuntergestoßen wurde sie von der Psychopathin und Killerin Loreley van Leyden. Dabei hatte die es gar nicht persönlich auf Ruby abgesehen gehabt, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Doch da Loreley mittlerweile im Hochsicherheitstrakt eines Frauengefängnisses saß und auf ihren Gerichtsprozess wartete, konnte Ruby wieder beruhigter schlafen. Denn sie ahnte, dass Loreley zu den Menschen gehörte, die ziemlich nachtragend sein konnten.

Als Ruby nun um die Ecke bog und auf die Hauptstraße kam, sah sie Del Lasco gerade etwas überstürzt aus dem neulich eröffneten Slush Store kommen – eine Eisdiele, die sich auf halbgefrorene Erfrischungsdrinks spezialisiert hatte –, in der linken Hand einen blauen Slushy. Ihr rechtes Handgelenk war verbunden, weil sie es wieder mal verstaucht hatte. Sie wirkte alles andere als fröhlich. Normalerweise hätte sich Ruby gefreut, ihre Freundin zu sehen, doch an diesem speziellen Nachmittag spürte sie, dass sich etwas zusammenbraute. Und tatsächlich – genau elf Sekunden später bestätigte sich diese Vorahnung, denn gleich nach Del stürmte auch Vapona Begwell, die größte Giftschlange an Rubys und Dels Junior Highschool, in Begleitung einiger ihrer Bewunderinnen aus dem Store. Selbst ein unbeteiligter Zuschauer hätte gespürt, dass Vapona Del nicht einfach nach der Uhrzeit fragen wollte.

»Kannst du das bitte noch mal sagen, Lasco?«, rief Vapona empört. »Ich glaube, ich habe mich verhört.«

»O nein, du hast es ganz genau gehört, Pupswell!«, rief Del zurück.

»Dann sag’s mir ins Gesicht, wenn du dich traust!«

»Gern, aber bei dir weiß man nie, ob dein wahres Gesicht nicht hinten ist!«, rief Del.

Jetzt reichte es Vapona. Sie holte aus, um Del mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen. Doch Del, kampferprobt, wie sie war, reagierte blitzschnell und duckte sich, so dass Vaponas Faust auf der zugegebenermaßen süßen Stupsnase ihrer besten Freundin Gemma Melamare landete.

Der Schrei, der aus Melamares Mund kam, war so laut, dass alle Umstehenden erstarrten – alle außer Ruby. Die war inzwischen bei der kleinen Gruppe angelangt und zog Del kurz entschlossen an der Kapuze ihres Hoodies über die Straße und in eine Seitengasse der Amster Street. Vaponas Clique war noch so erschüttert von dem Unerhörten, dass es eine Minute dauerte, bis alle gemerkt hatten, dass Del Lasco den Ort des Geschehens verlassen hatte.

»Hey! Komm sofort zurück, Lasco! Du feiges Huhn!«

»Lauf!«, rief Ruby.

Del ließ ihren blauen Slushy fallen und gab Fersengeld. Ruby natürlich auch.

Sie flitzten an der Rückseite des Minimarts vorbei zur Gasse, die zur Maize Street führte, überquerten sie (unter Reifenquietschen und lautem Gehupe), rannten weiter durch die nächsten zwei Gassen über die Maple, die Larch und die Fortune Street und von dort aus dann in östlicher Richtung in die belebte Crocker Street, wo es nur schäbige Bars gab und Secondhandläden, die nichts im Angebot hatten, was ein normaler Mensch gern kaufen würde.

Die Pupswell mit ihrem Gefolge verfolgte sie, und bedauerlicherweise hörten sie sie immer näher kommen. Del und Ruby liefen weiter und weiter, doch leider gab es nirgends einen Ort, an dem sie sich hätten verstecken können. In der Crocker Street gab es keine Seitengassen mehr, nur die lange, breite, gerade Straße mit Bars, Pfandleihern und Spielcasinos – also keinen Ort, an dem zwei Mädchen unauffällig hätten verschwinden können. Kurz vor der Five Aces Poker Bar wurde Ruby klar, dass sie ernsthaft in der Klemme steckten, denn die Pupswell würde nicht aufgeben. Ruby hätte dank ihres Parkour-Trainings durch Hitch zwar problemlos an einem Haus hochrennen und über die Dächer fliehen können, doch für Del mit ihrem verstauchten Handgelenk und ohne jede Parkour-Erfahrung war das natürlich keine Option.

So kam es, dass die beiden verfolgten Mädchen in ihrer Not in den Müllcontainer der Poker Bar sprangen und den Deckel von innen zuzogen.

Okay, das war ziemlich würdelos, aber wie das alte Sprichwort so schön sagt, frisst der Teufel in der Not Fliegen, und da ist einem jedes Versteck recht.

Und wie lautete Rubys REGEL 73 so treffend? MANCHMAL MUSS MAN SICH MIT DEM ZUFRIEDENGEBEN, WAS MAN HAT.

Wie nicht anders zu erwarten, war es kein besonders angenehmes Versteck, und Ruby bereute bitterlich, dass sie ihr gemütliches Heim verlassen und sich in die große böse Welt hinausgewagt hatte.

Sie hörten Vapona mit ihrer Clique reden.

»Wo sind sie plötzlich hin?«

»Keine Ahnung.«

»Sie sind wie vom Erdboden verschwunden!«

Rums!

Vapona hatte wütend auf den Deckel des Müllcontainers geschlagen.

»Sie sind uns entwischt.« Sie klang ernsthaft sauer. »Glaubt mir, wenn ich die blöde Lasco finde, schlage ich sie zu Brei!« Zur Bekräftigung ihrer Aussage schlug Vapona erneut auf den Müllcontainer, diesmal so heftig, dass Ruby der Knall durch Mark und Bein ging.

Doch dann hörten sie zum Glück, wie sich die Schritte von Vapona und ihrem Gefolge entfernten, in Richtung der Amster Street, und ihre wüsten Drohungen wurden immer leiser, bis nur noch die vorbeifahrenden Autos zu hören waren.

Zwanzig Minuten später – Ruby wollte kein Risiko eingehen – krochen sie wie Würmer aus dem Müll.

Sie klopften sich ab, und Del zog einen Fischkopf aus Rubys Kapuze, während Ruby einen Kaugummi von Dels Jeans schälte. Dann reichten sie sich die Hände.

»Gratuliere, Lasco, du hast überlebt!«, sagte Ruby.

»Aber ich stinke, als wäre ich schon hundert Jahre tot«, sagte Del und schnüffelte. Sie musterte Ruby. »Deine Brille sitzt irgendwie schief.«

»Das ist gerade mein kleinstes Problem«, antwortete Ruby. »Hör mal, hat mich gefreut, dich zu treffen, aber ich würde jetzt schrecklich gern duschen gehen«, sagte sie und machte sich auf den Heimweg. Von dem Müllgestank war ihr ganz übel, und sie brauchte dringend eine heiße Dusche, bevor sie am Ende noch ohnmächtig wurde.

»Danke für deinen Beistand!«, rief Del ihr nach.

»Gern geschehen«, rief Ruby zurück und begann dann zu rennen. Sie hatte das sichere Gefühl, dass dieser Tag nur noch besser werden konnte, doch dann wehte ihr ein Windstoß erneut die Haare vors Gesicht, und weil sie für kurze Zeit nichts sehen konnte, donnerte sie unsanft gegen eine Parkuhr.

Benommen setzte sie sich auf den Gehsteig.

Da rutschte eine Bananenschale aus ihrem Ärmel.

Eines stand fest: Dieser Tag hatte gar nicht gut angefangen.

2. KapitelManches spricht sich schnell herum

Als Ruby durch die Küchentür ins Haus trat, hörte sie Greg Whitney im Radio mit Shelly, der Wetterfee, sprechen:

»Sieht also ganz so aus, als müssten wir mit etlichen Gewitterstürmen rechnen.«

»Das sehen Sie richtig, Greg. Die Windgeschwindigkeiten nehmen beträchtlich zu, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Twinford von heftigsten Stürmen heimgesucht wird.«

»Mit viel Regen, Shelly?«

»Darauf können Sie wetten, Greg!«

Mrs Digby legte ihren Apfelschäler weg und stützte die Hände auf die Hüften. Rubys zerzauster Zustand war eine Sache, doch wie sie stank, war um einiges schlimmer.

»Kind, sag mal, hast du zufällig in einem Mülleimer gespielt?«

Ruby öffnete den Mund, um zu erklären, wie es dazu gekommen war, doch die alte Haushälterin hob abwehrend beide Hände.

»Bevor du mich anschwindelst, sage ich dir lieber gleich, dass Mr Chester dich vorhin gesehen hat, wie du aus einem Müllcontainer geklettert bist. Da konnte er es sich natürlich nicht verkneifen, hier anzurufen, um es mir brühwarm zu erzählen.«

Ruby verdrehte die Augen.

»Dieser Mann hat nichts Besseres zu tun, als sich ständig in die Angelegenheiten seiner Mitmenschen einzumischen«, fuhr Mrs Digby fort, »falls man das Spielen in einem Müllcontainer als Angelegenheit bezeichnen kann.« Missbilligend schnalzte sie mit der Zunge. »Nicht dass es meinen scharfen Augen entgangen wäre, dass du aussiehst, als wärst du unter die Räuber gefallen – doch was immer du gemacht hast oder dich dazu getrieben hat: Du solltest dich dringend waschen.«

Ruby schnüffelte. »Stimmt. Es hat ziemlich übel gerochen da drin.«

»Wolltest du heute nicht eine ruhige Kugel schieben?«, fragte die Haushälterin.

»Schon, aber dann ist mir Del Lasco über den Weg gelaufen.«

»Mehr brauche ich gar nicht zu wissen«, sagte Mrs Digby und rümpfte die Nase. »Dieses Mädchen macht einem nur Ärger. Sie bringt einen ins Kittchen, noch bevor man ›Ich möchte meinen Anwalt sprechen‹ sagen kann.«

Ruby ging nach oben in ihr Zimmer, ließ die Dusche laufen und schrubbte sich den Müllcontainerdreck aus den Poren. Dann besprühte sie sich ausgiebig mit ihrem geliebten Wildrosenduft und zog sich frische Kleidung an. Das neue T-Shirt war, wie fast alle ihre T-Shirts, mit einem Spruch versehen: ALLES SCHON MAL GEHÖRT! Als sie anschließend ihre Brille aufsetzte, bemerkte sie den Schaden. Irgendwie musste sich bei ihrem Aufenthalt im Müllcontainer das Gestell verbogen haben, so dass der linke Bügel nun weit von ihrem linken Ohr abstand. Weil ihr auf die Schnelle nicht einfiel, wo die Ersatzbrille war, musste sie ihre Kontaktlinsen einsetzen; andernfalls würde sie die Welt nur verschwommen sehen.

Danach nahm sie ein Buch aus dem Regal und begann zu lesen.

Ruby besaß eine Menge Bücher über alle möglichen Themen. Wenn man sie fragen würde, welches ihre Lieblingsbücher waren, würde sie vermutlich ihre Codebücher nennen. Dass Spektrum sie als Agentin angeheuert hatte, verdankte sie schließlich nur ihrem Interesse (und ihrem Talent) für das Knacken von Codes. Spektrum war eine so geheime Geheimorganisation, dass vermutlich kein Mensch wusste, wer sie leitete und für wen sie tätig war. Selbst Ruby wusste nur, dass diese Agentur auf der Seite der Guten war – eine Tatsache, die sie LB, Chefin von Spektrum 8 und somit ihre direkte Vorgesetzte, unbesehen abgenommen hatte.

Seit Ruby diesen Nebenjob als Geheimagentin bekommen hatte (im Hauptberuf war sie als Dreizehnjährige natürlich noch Schülerin), war ihr auch ein eigener Persönlicher Assistent und Bodyguard zur Seite gestellt worden: ein Spitzenagent namens Hitch, der zur Tarnung als Haushaltsmanager der Familie Redfort (oder Butler, wie Rubys Mutter gern sagte) arbeitete. Clever, wie er war, konnte er jedem etwas vormachen, und das tat er auch. Nach außen hin war Hitch ein normaler Bediensteter, um den jeder die Redforts beneidete. Er sorgte dafür, dass im Haushalt alles reibungslos lief und alles gewaschen und gebügelt war, und falls man mal etwas beinahe vergessen hätte, konnte man sicher sein, dass er einen daran erinnerte.

Darüber hinaus besaß er aber auch ein paar Fähigkeiten, die nicht zum normalen Repertoire eines Haushaltsmanagers gehörten. Er konnte an Hauswänden hochklettern, über Dächer springen und notfalls auch Karateschläge austeilen. Er war auch der richtige Mann für Notfälle. Wenn man zum Beispiel unbedingt noch in ein Flugzeug steigen wollte, das bereits über die Startbahn rollte, machte Hitch es möglich. Für Rubys Mutter war er der mit Abstand beste Butler nördlich des Äquators; für Ruby war er Mentor, Beschützer und Helfer in größter Not, aber manchmal ging er ihr auch ziemlich auf die Nerven.

Rubys Lektüre an diesem Tag war allerdings kein Buch über das Knacken von Codes, kein Fach- und auch kein Sachbuch. Heute las sie, um sich zu entspannen, und das war absolut notwendig, wenn man die Antwort auf etwas finden wollte, das einem einfach keine Ruhe ließ.

REGEL 48: MANCHMAL FINDET MAN DIE LÖSUNG FÜR EIN PROBLEM AM EHESTEN DANN, WENN MAN NICHT DARÜBER NACHDENKT.

Es gab ein ziemlich großes Problem, das Ruby dauernd durch den Kopf ging: Was zum Kuckuck war los in Twinford? Sie hatte für Spektrum schon bei vier Fällen mitgearbeitet – die alle mehr oder weniger gelöst waren. Aber Ruby hatte das dumpfe Gefühl, dass diese vier Fälle irgendwie zusammenhingen, doch sie kam trotz aller Grübelei einfach nicht dahinter, inwiefern.

Sie war in ihrem Comic Kung Fu Martians noch nicht sehr weit gekommen, als eines ihrer vielen Telefone läutete. Ruby besaß eine ansehnliche Sammlung davon, denn sie hatte schon im Alter von fünf Jahren angefangen, Telefone zu sammeln. Mittlerweile hatte sie Telefone in allen erdenklichen Formen und Farben, angefangen von einem Apparat, der wie eine Seife aussah, bis hin zu einem, der ein Eichhörnchen im Smoking darstellte.

Sie griff nach ihrem Donut-Telefon und klappte es auf.

»Twinforder Müllabfuhr, wir sind ganz verrückt auf Ihren Abfall.«

»Ruby?«

»Oh, hallo, Del.«

»Hör mal, tausend Dank, Ruby. Du hast echt was gut bei mir.«

»Schon okay«, sagte Ruby. »Ich meine, wer wäre nicht in einen Müllcontainer gehüpft, um eine Freundin davor zu bewahren, dass sie eins aufs Maul kriegt?«

»Klar, die meisten Leute«, antwortete Del grinsend. »Aber egal, ich muss dir einfach noch mal sagen, wie dankbar ich dir bin.«

»Gern geschehen«, sagte Ruby etwas spitz. »Du, ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber ich muss meinen Comic weiterlesen; ich muss dringend etwas rausfinden.«

»Dann viel Spaß!«, sagte Del.

Sie machten Schluss, und Ruby vertiefte sich wieder in ihren Comic, doch die nächste Störung ließ nicht lange auf sich warten.

»Guten Tag, Ma’am, wie geht es Ihnen? Mein Name ist Doris. Ich bin von der ACA-Versicherung und möchte Ihnen ein einmaliges Angebot unterbreiten. Heute bieten wir Ihnen eine ACA-Lebensversicherung zur Hälfte der üblichen Abschlusskosten an, und wenn Sie jetzt gleich am Telefon zusagen, erhalten Sie zusätzlich noch einen Radiowecker und eine Gratisuhr im Wert von sage und schreibe fünfzehn Dollar und neunundneunzig Cent!«

»Oh, danke für das Angebot, Doris«, sagte Ruby, »und obwohl es wirklich gut klingt, muss ich Ihnen leider sagen, dass ich erst dreizehn bin, kein nennenswertes Einkommen habe und niemanden durch eine Lebensversicherung absichern muss. Außerdem besitze ich bereits einen funktionierenden Radiowecker und eine absolut unschlagbare Armbanduhr und habe keinesfalls die Absicht, irgendwann in nächster Zeit den Löffel abzugeben.«

»Oh, Entschuldigung, kann ich dann bitte deine Mutter sprechen?«

»Sie hat auch eine Armbanduhr und keine Absicht, den Löffel abzugeben.«

»Keiner von uns hat die Absicht zu sterben, mein Kind.«

»Glauben Sie mir, meine Mutter stirbt nicht. Sie sieht nur halb so alt aus, wie sie ist, und isst jeden Morgen Müsli – aber danke für Ihren Anruf.«

Ruby legte auf und nahm sich ihr Buch wieder vor, doch keine drei Minuten später wurde sie erneut gestört. Diesmal von Mrs Lemon.

»Hallo, Ruby! Ich bin ja so froh, dass ich dich erreiche. Hast du morgen vielleicht Zeit, auf meinen kleinen Archie aufzupassen? Du bist meine letzte Hoffnung.«

Ruby bereute augenblicklich, dass sie den Anruf angenommen hatte.

»Ach je, Elaine, wie nett, dass Sie an mich gedacht haben, aber im Moment bin ich so beschäftigt, dass ich gar nicht weiß, wo mir der Kopf steht.«

»Womit?«

»Och, mit diesem und jenem«, sagte Ruby. »Da sind die Pfadfinderinnen, meine Musikproben und das Cheerleader-Training, ganz zu schweigen von den Proben fürs Krippenspiel.«

»Wirklich? Bist du nicht etwas zu alt für ein Krippenspiel?«

»Es ist nie zu spät, sich einzubringen, Elaine, und ich bin nun mal ein vielseitig engagierter Mensch.«

»Hört sich ganz danach an. Du meine Güte, heutzutage fängt man aber früh mit den Proben fürs Krippenspiel an. Wir haben ja noch nicht mal Oktober«, sagte Mrs Lemon. »Wenn du zu beschäftigt bist, Ruby, will ich dich nicht drängen, aber ich muss dich loben für dein Engagement.«

»Danke, Elaine, das ist nett von Ihnen«, sagte Ruby. Seufzend legte sie auf und widmete sich wieder ihrem Comic. Als wenig später auch noch ein vierter Anruf kam, klang sie doch leicht gereizt.

»Was ist?!«, bellte sie in den Hörer.

»Alles okay, Ruby? Hast du Stress?«

»Ach, du bist’s, Clance! Entschuldige«, sagte Ruby und freute sich, die Stimme ihres besten Freundes und Vertrauten Clancy Crew zu hören. »Ja, ich habe in der Tat einigen Stress hinter mir.«

»Ich habe Del getroffen, und sie hat mir alles erzählt. Sie hat etwas Angst, du könntest sauer auf sie sein«, sagte Clancy.

»Bin ich nicht«, antwortete Ruby.

»Ich hab ihr gleich gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen braucht.«

Niemand kannte Ruby so gut wie Clancy, nicht mal Mrs Digby, und die hatte Ruby praktisch aufgezogen.

»Und was machst du so?«, fragte Ruby.

Er seufzte gequält. »Ich mühe mich gerade mit einer Petition gegen Mrs Bexenheath’ Vorschlag ab. Du weißt schon. Sie will doch, dass die Schließfächer aus dem Hauptkorridor in irgendeine hintere Ecke verlegt werden.«

»Ah, das sieht ihr wieder mal ähnlich! Ihr ist es piepegal, ob uns etwas passt oder nicht, Hauptsache, alles sieht schön ordentlich aus«, sagte Ruby.

»Sie kapiert es nicht. Die Schließfächer sind nicht nur ein Ort, an dem wir unsere Tennisschuhe einschließen«, fuhr Clancy fort. »Sie sind das Zentrum unserer sozialen Interaktion.«

»Bei mir rennst du offene Türen ein, mein Freund. Du musst den Rektor davon überzeugen.«

»Weiß ich«, sagte Clancy. »Ich weiß nur nicht wie.«

»Dir fällt bestimmt etwas ein«, sagte Ruby. »Das traue ich dir zu.«

Pause.

»Schaust du dir auch gerade den Ex-Detektiv an?«, fragte Clancy, um das Thema zu wechseln.

»Nee, hab ich total verschwitzt. Worum geht’s heute?«, fragte Ruby.

»Larry hat doch diese Mutter, und die wohnt in der Stadt, und jetzt ist sie entführt worden.«

»Ich wusste gar nicht, dass Larry eine Mutter hat.«

»Wusste keiner«, sagte Clancy, »aber jetzt, wo sie entführt wurde, merkt Larry, wie sehr sie ihm fehlt, und er bereut, dass er den Kontakt zu ihr einschlafen ließ.«

»So ist es immer«, seufzte Ruby.

»Stimmt«, sagte Clancy, »was man hat, schätzt man erst, wenn es weg ist.«

»Apropos weg – wann fliegst du nach Washington?«, erkundigte sich Ruby.

»In knapp drei Wochen«, antwortete Clancy. »Mein Dad hat vor, die ganze Familie mitzuschleppen.«

»Und worum geht es diesmal? Spaß oder Qual?«

Clancy seufzte. »Sagt er uns nicht, doch er meinte, es würde uns gefallen. Glaub ich nicht wirklich. Ich wette, er will nur, dass wir dort als superglückliche Familie auftreten. Ist politisch erwünscht.« Clancys Vater war Botschafter und legte Wert darauf, sich mit seiner großen Kinderschar im Schlepptau zu zeigen, denn das war gut für sein Image. Die Crew-Kinder fanden es weniger lustig. Sie hatten es satt, mit einem Dauerlächeln herumzulaufen und ständig zu winken, und außerdem spürten sie, dass es Botschafter Crew wesentlich mehr um sich selbst ging als um sie.

»Ach, Clance, du bist doch belastbar«, sagte sie gähnend. »Denk einfach an was Schönes, dann wird das schon.«

»Wage ich zu bezweifeln«, sagte Clancy. »Übrigens, da fällt mir ein: Hast du mal mit Hitch gesprochen seit dem ganzen … du weißt schon?«, fragte er.

Ruby sah sich um, als wenn sie in ihrem eigenen Zimmer belauscht werden könnte. Aber ihre Sorge war nicht unbegründet – es war sehr unvorsichtig, auf einer ungeschützten Leitung zu reden. Das hatte sie vor einigen Monaten auf die harte Tour gelernt. Spektrum war nicht irgendeine Arbeitsagentur, sondern eine Geheimdienstorganisation, bei der alles topsecret war. Wer nicht dichthielt, konnte seine Siebensachen packen und nach Hause gehen. Die wichtigste Spektrum-Regel lautete: KLAPPE HALTEN! Wenn herauskäme, dass Ruby mit ihrem besten Kumpel Clancy Crew über Spektrum redete, würde sie hochkant rausfliegen. Doch zum Glück würde Spektrum nie davon erfahren, denn wenn jemand schweigen konnte, dann Clancy Crew. Okay, Hitch hatte mitbekommen, dass Clancy im Bilde war, doch Hitch konnte glücklicherweise ebenfalls schweigen wie ein Grab.

Folglich bestand eigentlich keine Gefahr, dass Ruby aufflog.

»Nein«, sagte sie. »Hitch hat sich in letzter Zeit rar gemacht. Meinen Leuten hat er erzählt, dass er mit seiner Mutter auf die Bahamas fliegt.«

»Ach, ich wusste gar nicht, dass er eine Mutter hat.«

»Ich bin auch nicht sicher, ob es stimmt.«

»Meinst du, er hat sie nur erfunden?«

»Bei Hitch weiß ich nie, was stimmt und was nicht. Man denkt, dass man ihn gut kennt, aber mal ehrlich: Habe ich dafür irgendwelche Beweise? Was weiß ich wirklich über ihn?«

»Nun, zum Beispiel, dass er Kaffee liebt«, sagte Clancy.

»Aber trinkt er so viel Kaffee, weil er ihm schmeckt oder weil er ihn braucht, um sich wach zu halten? Tja, das steht in den Sternen.«

Clancy hatte genug von Rubys Spitzfindigkeiten. »Sollen wir uns treffen?«, schlug er vor.

Ruby überlegte kurz. Dann seufzte sie. »Klar, warum nicht? Mein Tag ist sowieso im Eimer.«

»Oh, danke, tolles Kompliment, Ruby!«

»War nicht so gemeint, wie es sich anhörte«, sagte Ruby. »Es ist nur so, dass ich mir heute einen ruhigen Tag machen wollte, aber vielleicht tut mir deine Gesellschaft ganz gut.«

»Alles klar, wir sehen uns in zehn Minuten.«

3. KapitelLaubspäher

Sie trafen sich dort, wo sie sich immer trafen, wenn sie ungestört sein wollten – auf der alten Eiche in einer kleinen Grünanlage namens Amster Green. Die Eiche war auch ein gutes Versteck, um verschlüsselte Botschaften zu hinterlegen, und außerdem ein idealer Ausguck, denn man hatte gute Sicht auf die Amster Street. Hier waren sie vor fremden Blicken geschützt, selbst in dieser Jahreszeit. Es war schon fast Oktober, und die Eiche hatte immer noch viele Blätter in lebhaften, unterschiedlichen Farbnuancen. Es war ein ungewöhnlicher Herbst, weil es im Sommer lange extrem heiß gewesen war und dann ein abrupter Temperatursturz kam.

»Ideal für Laubspäher«, sagte Ruby.

»Was?«, fragte Clancy.

»Laubspäher«, wiederholte Ruby. »Das sind Leute, die in ihrer Freizeit gern beobachten, wie sich die Blätter verfärben.«

»Echt?! Es gibt einen Namen für solche Leute?«, sagte Clancy verdutzt.

»Für alles gibt es einen Namen«, sagte Ruby. »Und dieser Herbst ist besonders gut für Laubspäher. Liegt an dem tollen Altweibersommer. Bis vor wenigen Wochen war es ja ungewöhnlich warm und sonnig. Wir hatten zwar auch ein paar kühlere Abende, aber kaum Regen – alles in allem also ideale Bedingungen für Laubspäher. Hängt mit Sonnenschein, Zucker und Saft zusammen.«

»Hä?«, sagte Clancy.

»Das Grüne in einem Blatt ist Chlorophyll, richtig? Und Chlorophyll baut sich schneller ab, wenn die Sonne scheint und die Abende kühl sind. Und bei trockenem Wetter bildet sich mehr Zucker im Zellsaft, was die Produktion der roten Komponenten in den Blättern beschleunigt. Also: Sonnige, trockene Tage und kühle Nächte bewirken, dass das Grün schnell durch Rot ersetzt wird. Paradiesische Zustände für Laubspäher also.«

»Herrje, wieso merkst du dir solche Fakten überhaupt?«

»Man weiß nie, wann man sie mal brauchen kann«, sagte Ruby achselzuckend.

»Wozu sollen sie schon gut sein, außer vielleicht für eine Biologiearbeit?«, fragte Clancy. »Ich finde, das muss ein normaler Mensch nicht wissen.«

»Sagst du! Wissen ist immer gut. Manchmal kann es einem das Leben retten.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass dir dieses Wissen über Blattverfärbungen in einer lebensgefährlichen Situation nicht weiterhilft.«

Ruby kannte eine Menge Fakten über alle möglichen Dinge – sie liebte Enzyklopädien und Lexika und schmökerte oft darin. Und wenn ein Thema sie besonders interessierte, kam es schon mal vor, dass sie sich an der Universität von Twinford in eine Vorlesung schmuggelte. Was man weiß, weiß man, lautete eines von Rubys Mottos, und sie wusste tatsächlich eine ganze Menge.

Clancy und Ruby saßen während dieser Unterhaltung hoch oben im Wipfel der alten Eiche und blickten in den Himmel und auf die dunklen Wolken, die sich am Horizont zusammenballten. Würden sie nur stärkeren Wind bringen oder auch Regen?

»Meinst du, man kann vor einem Tornado davonlaufen?«, sagte Clancy unvermittelt.

»Nein«, antwortete Ruby im Brustton der Überzeugung.

»Das sagst du so, aber vielleicht geht es ja doch. Ich meine, hat es überhaupt schon mal jemand versucht?«

»Bestimmt, aber falls man nicht zufällig dreihundert Kilometer pro Stunde laufen kann, geht es schief.«

»Und mit einem Fahrrad?«, fragte Clancy.

»Mann, wer kommt mit einem Rad schon auf dreihundert Stundenkilometer? Welcher Mensch schafft überhaupt irgendetwas mit dreihundert Stundenkilometern?«, fragte Ruby spitz.

Clancy beschloss, das Thema zu wechseln. »Sag mal, wie willst du die Sache mit dem Müllcontainer erklären?«

»Wem?«

»Deinen Leuten vielleicht?«

»Wieso sollten sie es jemals erfahren? Mrs Digby wird sich hüten, es ihnen zu erzählen.«

»Ja, aber Mr Chester vielleicht nicht.«

»Ah, du meinst, er hat es im ganzen Viertel herumposaunt?«

»Na ja, meine Schwester Lucy hat es mitbekommen. Als sie an der Bushaltestelle vorbeiging, hat Mr Chester Mr Nori gerade erzählt, dass er dich aus einem Müllcontainer klettern sah.«

»Mann, dieser Chester sollte echt zum Radio! Dann würde er wesentlich mehr Menschen erreichen!«

»Ich weiß nicht, ob er bei den Zuhörern gut ankäme«, sagte Clancy.

Sabina und Brant Redfort waren, im Vergleich zu anderen Eltern, eher entspannt, doch bei schlechten Manieren und Verstößen gegen gesellschaftliche Umgangsformen kannten sie kein Pardon – besonders wenn diese auf das Konto ihrer Tochter gingen. Und von einem stadtbekannten Tratschmaul gesehen zu werden, wie man vor einer Poker Bar aus einem Müllcontainer klettert, war in ihren Augen garantiert ein No-Go.

»Ach, soll Mr Chester doch tratschen«, sagte Ruby unbekümmert. Ihr würde notfalls schon eine Ausrede einfallen. »Und was hast du mir Aufregendes zu erzählen?«

»Wieso sollte ich etwas zu erzählen haben?«, fragte Clancy zurück.

»Das sieht man dir doch an. Ich kann in dir lesen wie in einem Buch, Baby.«

Clancy runzelte die Stirn. »Hoffentlich ein interessanteres Buch als das, in dem du gelesen hast, warum sich die Blätter im Herbst rot verfärben.«

»Clance, schieß endlich los!«

»Ich darf zur Preisverleihung der Naturforscher gehen«, sagte Clancy mit einem Grinsen, das er an diesem Tag vermutlich nicht mehr ablegen würde.

»Echt?! Da gehst du hin?« Fast wäre Ruby von ihrem Ast gefallen.

Clancy nickte. »Jawoll.«

»Wie das?«

»Weil mein Dad eine Eintrittskarte übrig hat.«

»Wie hat er das geschafft?«, fragte Ruby.

»Nun, meine Mom hat beschlossen, dass sie doch keine Lust hat, lebende Exponate zu bestaunen.«

»Mann, du hast vielleicht ein Glück!«, sagte Ruby.

»Ich weiß.« Clancy nickte. »Eintrittskarten kriegt man nicht mal mehr für viel Geld auf dem Schwarzmarkt. Na ja, Lieblingssohn eines Botschafters zu sein kann ruhig auch mal von Vorteil sein.« (Clancy war auch der einzige Sohn des Botschafters.)

»Was ist mit deinen Schwestern? Wollen die nicht auch hin?«, fragte Ruby.

»Minny hat wieder mal was verbrochen, Lulu steht nicht auf solche Sachen, und da ich der Drittälteste bin, haben die anderen keine Chance.«

»Echt, da beneide ich meinen Botschafterkumpel ausnahmsweise mal«, sagte Ruby.

»Werden deine Eltern auch dort sein?«, fragte Clancy.

»Dreimal darfst du raten!«, sagte Ruby. Die Verleihung des Twinforder Naturforscherpreises fand alle drei Jahre im Geographischen Institut statt, einem großen, modernistischen Gebäude unweit des Stadtmuseums. Ausgezeichnet wurde, wer den größten Durchbruch erzielt oder die sensationellste Entdeckung gemacht hatte, und der großzügige Scheck wurde von einem bedeutenden örtlichen Würdenträger überreicht. Es war immer ein Mega-Event. Da durften die Redforts natürlich nicht fehlen. Rubys Eltern gehörten zur Schickeria der Stadt, besuchten im Schnitt zwei größere Veranstaltungen pro Woche und waren auch bei privaten Partys, Eröffnungen und Benefizveranstaltungen gerngesehene Gäste.

»Vielleicht kannst du ja irgendwie noch an eine Eintrittskarte kommen«, sagte Clancy.

»Vergiss es«, sagte Ruby. »Da will jeder hin. Tja, ich muss mir das Ganze wohl im Fernsehen anschauen.«

»Es liegt an den Exponaten«, sagte Clancy, »dass alle so wild darauf sind. Wie ich hörte, gibt es in diesem Jahr sogar einen Brocken Mondgestein zu sehen, und vermutlich schweben auch ein oder zwei Astronauten herum.«

»Falls du zufällig mit einem von ihnen ins Gespräch kommst, frag ihn doch, welcher Raumanzug bequemer ist: der G5C oder der A7L?« Ruby dachte kurz nach. »Und auch, ob es stimmt, dass es auf dem Mond nach feuchtem Schießpulver riecht.«

»Ich wollte sie auch fragen, wie man in einem rotierenden Raumschiff sitzen kann, ohne dass einem schlecht wird. Meine Schwester Nancy würde garantiert auf dem ganzen Weg zum Mond kotzen.«

»Das will nichts heißen. So sieht sie auch dann aus, wenn sie nur in den Schulbus steigt. Nein, eine wesentlich bessere Frage wäre: Macht ihr euch eigentlich keine Sorgen, weil ihr das All mit euren Abfällen zumüllt? Früher oder später wird es mal einen Zusammenstoß geben. – Das würde mich interessieren«, sagte Ruby. »Das, und was Virgil Hipkip in seiner Freizeit macht.«

»Meinst du, er hat überhaupt mal Freizeit?«, sagte Clancy nachdenklich. »Wie soll sich ein Typ wie er entspannen können?«

»Na ja, vielleicht strickt er«, sagte Ruby.

Virgil Hipkip war ein Überlebenskünstler, der sich als Forschungsreisender in den entlegensten Gegenden herumtrieb und schon manch spektakuläres Abenteuer erlebt hatte. Einmal war er in der Arktis mit einem Eisbären unter einer Eisscholle durchgetaucht.

»Wegen Virgil Hipkip will meine Mom nicht hingehen«, sagte Clancy. »Sie hat Angst, dass er auf irgendwelchen Dschungelraupen als Appetithäppchen besteht.«

»Könnte gut sein«, sagte Ruby.

»Ich hoffe jedenfalls, dass ich mit ihm reden kann«, sagte Clancy. »Man sagt, dass er alles liebt, was selten und gefährlich ist, oder war es gefährlich selten?«

»Apropos gefährlich selten: Falls du die Möglichkeit hast, frag ihn, ob er in letzter Zeit mal einen Blauen Alaskawolf gesehen hat – jede Wette, dass nicht.«

»Ja, wir zwei sind vermutlich die einzigen Lebenden auf diesem Planeten, die diesen alten Wolf zu Gesicht bekommen haben«, sagte Clancy. Sie meinten damit den Wolf, der bis zum August dieses Jahres als ausgestorben gegolten hatte. Wenn Ruby und Clancy das Tier nicht oben auf dem Wolf Paw Mountain aus seinem Versteck befreit hätten, in das Loreley van Leyden und die geheimnisvolle Australierin, für die Loreley offensichtlich arbeitete, ihn eingesperrt hatten, wäre er heute vermutlich mausetot.

Ruby war in Gedanken aber schon wieder bei der Preisverleihung. »Was meinst du, wer in diesem Jahr ausgezeichnet wird?«, fragte sie.

»Ich würde mein ganzes Geld auf diese Frau setzen, die eine neue Schlangenart entdeckt hat«, antwortete Clancy.

»Warum das?«

»Keine Ahnung, ist nur so ein Gefühl«, sagte Clancy. »Es ist die Art von Entdeckung, die die Phantasie der Menschen beflügelt.«

»Klar, weil die meisten Leute Angst vor Schlangen haben«, sagte Ruby. »Sie kriegen schon eine Gänsehaut, wenn sie das Wort Schlange nur hören.«

»Stimmt, aber dieses neu entdeckte Exemplar hat eine ungewöhnlich gelbe Haut, die richtig leuchtet«, sagte Clancy. »Außerdem ist ihr Gift ganz anders als alle bisher bekannten Giftarten. Total irre.«

»Wieso? Was bewirkt es?«, fragte Ruby.

»Es bringt einen nicht um«, erklärte Clancy, »zumindest nicht gleich. Zuerst kommt man total ins Schwitzen. Sprich: Man schwitzt sich zu Tode, wenn man nicht literweise Wasser in sich reinschüttet. Tut man das nicht, endet man als verschrumpelte Rosine. Das Schlimmste ist, dass man wohl die Augen nicht mehr schließen kann – sie bleiben offen, als hätte man ein Streichholz zwischen die Lider geklemmt. Außerdem stinkt man ganz fürchterlich aus dem Mund.«

»Bäh! Aber sag mal, seit wann weißt du so viel über Reptilien?«, fragte Ruby.

»Mein Vater ist in der Jury und hat jede Menge Literatur zu diesem Thema bekommen. Da hab ich mich ein bisschen eingelesen. Es ist allerdings noch topsecret; ich hätte es dir gar nicht erzählen dürfen«, sagte Clancy. »Also behalte es bitte für dich.«

Ruby verdrehte die Augen. »Nun mach mal halblang!« Jetzt, wo sie das mit der Schlange gehört hatte, wäre sie noch lieber zu dieser Preisverleihung gegangen; für Schlangen hatte sie sich schon immer sehr interessiert.

Sie hatte unzählige Natursendungen im Fernsehen gesehen, darunter auch etliche über Giftschlangen und deren Lebensraum. Reptilien waren ein Thema, das sowohl sie als auch Clancy faszinierte, und sie hatten auch schon oft darüber diskutiert.

Sie waren sich aber nach wie vor uneinig, welche Schlange die allerallertödlichste war. Clancy war der Meinung, es sei die Schnabelköpfige Seeschlange, weil schon kleinste Mengen ihres Gifts einen Menschen töten können.

»Ach was, es ist die Kettenviper«, widersprach Ruby dann immer. »Überleg doch mal: Sie gilt als die gefährlichste Schlange, weil sie wesentlich aggressiver ist und mehr Gift hat. Und außerdem ist es sehr viel wahrscheinlicher, einer Kettenviper über den Weg zu laufen als deiner schnabelköpfigen Freundin.«

Diese Diskussionen führten sie nun schon seit bald fünf Jahren. Einig waren sie sich nur in einem Punkt: Egal welche du triffst, mach besser einen großen Bogen um sie.

»Diese Schlangenfrau, wie hieß sie noch gleich?«, fragte Ruby.

»Amarjargel Oidov? Oder wie sie in der Äußeren Mongolei sagen: Oidov Amarjargel.«

»Dort kommt diese Schlange her? Aus der Äußeren Mongolei?«

»Nein, dort kommt sie her. Wo die Schlange herkommt, weiß ich nicht«, sagte Clancy. »Klingt aber cool, oder?«

»Was, die Schlange?«

»Äußere Mongolei. Der Name klingt so aufregend und unerforscht«, sagte Clancy.

»Schon, aber ich würde mein Geld eher auf Marserforschung setzen«, sagte Ruby. »Mal ehrlich, was gibt es Aufregenderes als die große Frage: Gibt es Lebensformen dort draußen?«

»Und: Werden sie die Menschheit unterwandern?«

»Na ja, falls es Marsmenschen gibt und falls sie auf die Erde kommen, dann hoffe ich, dass sie lieb und brav sind, denn Bösewichte haben wir hier in Twinford schon genug …«

Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Grafen vor sich – sein hämisches Grinsen, seine unergründlichen dunklen Augen. Er hatte seine Finger in mehr als einem von Rubys Fällen im Spiel gehabt. Ruby ahnte dumpf, dass alle vier Fälle nur Puzzleteile eines größeren Plans waren. Etwas, das sehr viel tiefer ging und finsterer war, als sie es sich in ihren schlimmsten Albträumen vorstellen konnte.

Plante der Graf weitere finstere Taten?

Sie schüttelte den Kopf, um das Bild zu verscheuchen, und sagte: »Junge, Junge, was gäbe ich nicht darum, doch noch an eine Eintrittskarte zu kommen!«

»Da müsstest du echt viel Glück haben«, sagte Clancy. »Mein Vater sagt, manche Leute würden sogar über Leichen gehen, um eine zu kriegen.«

Bei diesen Worten hörte Ruby im Geiste den Grafen lachen.

4. KapitelHirnlose Weichtiere

Als Ruby die Haustür öffnete, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Sabina Redfort war am Telefon und redete leiser als sonst, fast im Flüsterton. Ruby blieb auf der Treppe stehen, weil sie wissen wollte, mit wem ihre Mutter telefonierte. Sie klang ernst, ungewöhnlich besorgt.

»Echt, ich weiß nicht mehr weiter. Was soll ich nur tun? Ich drehe durch, wenn ich sie nicht finde … Nein, ich kann es ihm nicht sagen …« Schweigen. »Ach herrje, meinst du wirklich? Na ja, klar sehe ich es ein, sie sind praktisch identisch … Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken kann!« Sie klang mehr als dankbar, überglücklich. »Damit hast du mir praktisch das Leben gerettet … Was sagst du da? Nein, das kann ich einfach nicht glauben. Ist mir völlig neu … Heute, sagst du?«

Ruby erstarrte und wartete auf die nächsten Worte. Erzählte da jemand ihrer Mutter von dem Müllcontainer-Zwischenfall?

»Klar, natürlich. Ich würde liebend gern mit dir zum Schlussverkauf gehen, aber das muss leider bis morgen warten, ich muss heute Abend zu einer Party … Gut, dann treffen wir uns morgen um fünf in der Parfümabteilung von Melrose Dorff, klingt gut, bye bye bye.«

Ah, Marjorie Humbert, dachte Ruby. Das hatte sie an dem »Bye bye bye« erkannt – ihre Mutter und Marjorie verabschiedeten sich immer so.

Erleichtert stieß Ruby die Luft aus. Wurde sie langsam paranoid und sah Probleme, wo gar keine waren? Nein, alles im grünen Bereich. Ihre Mutter wusste vermutlich nur noch nicht, was sie zur Naturforscher-Preisverleihung anziehen sollte, und Marjorie wollte ihr Schuhe, Ohrringe oder sonst etwas ausleihen, das ihre Mutter verlegt hatte.

Und damit lag Ruby goldrichtig.

»Hallo, Mom, wie geht’s?«, rief sie, als sie das Wohnzimmer betrat.

»Seit genau zwei Minuten geht es mir wieder wunderbar. Marjorie hat mir das Leben gerettet.«

»Wirklich?«, fragte Ruby.

»Na ja, nicht direkt, aber fast«, antwortete Sabina.

»Wie hat sie das am Telefon geschafft?«

»Sie leiht mir ihre Schlangen-Ohrringe aus, die mit den Rubin-augen. Aber verrate es ja nicht deinem Vater«, fuhr sie mit einem komplizenhaften Flüstern fort. »Er wird den Unterschied nicht merken, obwohl Marjories Ohrringe Kobras sind und meine Seeschlangen. Aber Brant wäre echt sauer, wenn er wüsste, dass meine weg sind. Stell dir vor: Ich habe glatt vergessen, sie mit auf die Liste für die Versicherung zu schreiben.«

»Wann hast du sie zuletzt gesehen?«, fragte Ruby.

»In New York.«

»Also könnten sie theoretisch in Großmutters Wohnung sein?«

»Nein, sie hat schon überall gesucht und nichts gefunden«, sagte Sabina seufzend. »Sie sind weder auf dem Nachttisch noch im Badezimmer oder sonst wo.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Dad nicht zu Hause ist?«, fragte Ruby.

»Noch nicht, Schatz. Er musste zu einer Krisensitzung wegen der Preisverleihung. Die Catering-Firma hat in letzter Minute abgesagt – der Koch scheint eine Schlangenphobie zu haben. Brant wollte sich nach einem Ersatz umsehen … Aber inzwischen müsste er eigentlich zurück sein.« Sie sah auf ihre Uhr. »Hoffentlich ist alles in Ordnung. Ich habe ein ungutes Gefühl, was diese Preisverleihung betrifft.«

Es sah Sabina gar nicht ähnlich, ungute Gefühle zu haben – der Verlust ihrer Ohrringe musste sie ganz schön mitgenommen haben.

Ruby setzte sich auf das Sofa, ihrer Mutter gegenüber.

»Du sitzt auf der Speisekarte«, sagte Sabina.

»Was?«

»Die Speisekarte«, wiederholte Sabina. »Du hast dich gerade draufgesetzt.«

»Oh.« Ruby zog die Speisekarte hervor. »Aha, und das bekommen die Gäste bei der Preisverleihung vorgesetzt?«

»War so geplant«, sagte Sabina, »aber wer weiß, vielleicht gibt es jetzt nur Cracker und irgendwelche Dips.«

Ruby studierte die Speisekarte. »Klingt ziemlich mondän, Kaviar, Austern …«

SABINA: »Ich liebe Austern, aber seit ich neulich gehört habe, dass sie ein Gehirn haben, ist mir der Appetit auf sie vergangen.«

RUBY: »Ich glaube, du bringst da etwas durcheinander. Sie haben kein Gehirn, sondern sie sind gut fürs Gehirn.«

SABINA: »Wessen Gehirn?«

RUBY: »Nun, von uns Menschen natürlich. Für dein Gehirn, jedes Gehirn.«

SABINA: »Bist du dir sicher?«

RUBY: »Ja. Und übrigens isst du auch andere Tiere, die ein Gehirn haben.«

SABINA: »Ich weiß, aber von Austern hätte ich das nicht erwartet.«

RUBY: »Okay, entspann dich, sie haben keins.«

SABINA: »Ganz, ganz sicher?«

RUBY: »Wo sollte ihr Gehirn auch sein?«

SABINA: »Na, in der Schale natürlich.«

RUBY: »Ich meine, in ihrem Körper! Du hast schon genug Austern geschlürft, um es zu wissen.«

Ihre Mutter musste kurz nachdenken.

SABINA: »Wenn ich es mir recht überlege, hat eine Auster ja nicht mal ein Gesicht.«

RUBY: »Siehst du!«

SABINA: »Aber wie denken sie dann?«

RUBY: »Sie müssen nicht denken können. Sie sind Muscheln, bestehen also im Wesentlichen aus Kiemen, einem Mund und einem mächtigen Schließmuskel. In den Kiemen sind Schleimdrüsen, mit denen sie das Plankton –«

SABINA: »Igitt, Schließmuskel, Schleimdrüsen – das reicht! Ab sofort sind Austern für mich gestorben.«

Da hörten sie, wie sich die Haustür öffnete, und Ruby blieben weitere Diskussionen über Austern erspart.

»Das muss dein Vater sein, aber verrate ihm ja nichts von den Ohrringen«, zischte Sabina.

»Hab ich jemals etwas verraten?«, zischte Ruby zurück.

»Brant?«, rief Sabina.

»Entschuldige, dass ich so spät komme!«, rief er aus dem Treppenhaus.

»Wir kommen zu spät zur Party der Feldmans«, rief Sabina.

»Tut mir leid, Schatz, ich wurde aufgehalten. Aber rate mal, wen ich mitgebracht habe!«

»Hola, Mrs Redfort.«

»Consuela?«, rief Sabina entzückt. »Sind Sie es wirklich?« Und tatsächlich – Consuela Cruz tänzelte herein, auf fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen und temperamentvoll wie eh und je.

»Ich möchte dir die Chefin unseres neuen Catering-Unternehmens vorstellen, Schatz«, verkündete Brant. »Consuela ist bereit, uns aus der Patsche zu helfen.«

»Hurra!«, rief Sabina.

Consuela Cruz, ihres Zeichens begnadete Diätköchin aus Sevilla, hatte eine Zeitlang bei den Redforts gearbeitet, weil Sabina beschlossen hatte, ihre Familie müsse sich gesünder ernähren. Doch im Endeffekt hatten sich Consuelas Kochkünste als zu schwerverdaulich entpuppt.

Besonders für Mrs Digby. Sie und Consuela Cruz lagen sich ständig in den Haaren. Da flogen Teller durch die Gegend und auch mal Tomatensaft. Mrs Digby hatte sich zurückgesetzt gefühlt und ihre Kochkünste als zweite Wahl empfunden – und infolgedessen hing der Haussegen ständig schief. Ein Glück, dass Mrs Digby gerade bei ihrem Pokerabend war.

»Schön, Sie wiederzusehen«, sagte Ruby.

Consuela beäugte sie streng. »Trinkst du auch immer deinen Grünkohl-Smoothie, Ruby Redfort?«

»Klar, bin ganz verrückt danach«, log Ruby.

»Erzähl mir keine Märchen, chica. Ich brauche dir nur in die Augen zu sehen und weiß, dass kein Gramm Grünkohl über deine Lippen gekommen ist.«

»Oje«, rief Sabina entsetzt, »ist das wahr?«

»Ich werde ihr einen Grünkohl-Drink machen, sobald wir das Menü besprochen haben«, sagte Consuela.

Au Mann, dachte Ruby, kaum ist sie zurück, fängt der Ärger wieder an. Doch sie sagte nur: »War echt nett, Sie zu sehen, Consuela, aber ich muss jetzt hoch und meine Sockenschublade aufräumen.«

Ruby ging zum Kühlschrank und goss sich ein Glas Bananenmilch ein, während ihre Eltern mit Consuela über Austern sprachen. Consuela wollte sie auf Seetang servieren.

»Ich weiß nicht, ob wir die Austern nicht besser ganz streichen sollten«, sagte Brant. »Weil doch diese grüne Perle entdeckt wurde. Der Marineforscher – wie hieß er noch gleich? – könnte sich daran stören.«

»Ich glaube, es würde ihn eher stören, dass du seinen Namen vergessen hast«, sagte Ruby.

»Er hätte seine grüne Perle nie entdeckt, wenn nicht jemand die entsprechende Auster gegessen hätte«, gab Consuela zu bedenken. Doch mit dieser Logik konnte sie bei Brant Redfort nicht punkten.

»Wir können nichts servieren, was in irgendeiner Form bedroht ist«, beharrte er.

»Austern sind nicht bedroht«, sagte Consuela. »Im Leben nicht!«

»Haben Sie gewusst, dass Austern kein Gehirn haben?«, fragte Sabina. »Und nicht mal ein Gesicht.«

Ruby fand, dass es wirklich höchste Zeit war, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.

5. KapitelUngeklärte Fragen

Ruby holte Notizbuch Nummer 625 aus seinem Versteck im Hohlraum neben dem Türpfosten. Die früheren 624, in unterschiedlichen Schattierungen derselben Farbe, waren unter den Dielen versteckt. Bereits im zarten Alter von vier Jahren hatte sie damit angefangen, alles, was sie erlebt oder gesehen hatte, in ihre gelben Notizbücher zu schreiben, denn da hatte sie gemerkt, dass sich jedes Gesamtbild aus winzigen Details zusammensetzt. REGEL 16: AUCH HINTER ETWAS BANALEM KANN SICH EIN GEHEIMNIS VERBERGEN. Kein Mensch wusste von diesen gelben Notizbüchern, nicht mal Clancy. Warum sie ihm nie davon erzählt hatte, konnte sie selbst nicht sagen, es hatte sich einfach nie ergeben.

Sie blätterte zurück, um zu sehen, was sie in den letzten Wochen alles aufgeschrieben hatte. Da stand eine ganze Menge, und das meiste war noch ganz frisch in ihrem Gedächtnis. Sie hoffte, beim erneuten Durchlesen auf ein Detail zu stoßen, das sich im Nachhinein als wichtiges Puzzleteilchen entpuppte, weil es ein Muster enthüllte, das sie bisher übersehen hatte. Ruby ließ sich in ihren überdimensionalen Sitzsack sinken und begann zu lesen.

Ihre Karriere als Codeknackerin bei Spektrum hatte im März begonnen, also vor rund sieben Monaten, und der Job war wahrlich kein Sonntagsspaziergang.

Ehrgeizig, wie Ruby nun mal war, hatte sie sich bei Spektrum nie damit begnügt, nur Codes zu knacken. Ihr großer Traum war es, Agentin im Einsatz zu werden. Diesem Traum – und ihrem Leben – hätten diverse brutale Schurken und erbarmungslose Killer schon mehrmals beinahe ein Ende gesetzt, doch das konnte Ruby nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil. Sie hatte alle Angriffe und auch höchst gefährliche Situationen überlebt – warum sollte sie jetzt aufgeben?

Bei dem Fall mit dem Blauen Alaskawolf war sie auf dem Wolf Paw Mountain einer Australierin mit blauen Augen begegnet, und der kurze Wortwechsel mit ihr spukte Ruby immer noch im Kopf herum. Was hatte sie sich damals notiert? Sie blätterte ein paar Seiten weiter zurück. Diese Begegnung hätte für Ruby um ein Haar sehr, sehr böse geendet. Im Laufe ihrer Spektrum-Tätigkeit war sie allerdings mehr als nur einmal in akuter Lebensgefahr gewesen. Doch das Erlebnis damals in dem brennenden Wald war besonders übel gewesen.

Noch heute konnte Ruby die Flammen riechen, die um sie herum gelodert hatten. Und inmitten dieses verheerenden Waldbrandes hatte sie die geheimnisvolle Fremde provoziert, um etwas über deren finstere Motive zu erfahren.

»Und das alles nur, um mit dieser dummen Essenz viel Geld zu machen?«

Da hatte die Frau schallend gelacht.

»Denkst du wirklich, es ginge nur darum? Nein, Herzchen, es geht nicht um irgendein irrsinnig teures Parfüm, um den Reichen und Schönen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Es geht um sehr viel mehr – um etwas so Bedeutendes, dass du es dir nicht mal vorstellen kannst.«

Es war um die Duftessenz des Cyanwolfs gegangen, auch Blauer Alaskawolf genannt. Eine Essenz, die so selten war, dass schon wenige Tropfen ein Vermögen wert waren, denn die Essenz hatte eine unwiderstehliche, fast magische Wirkung. Wer den Duft einatmete, war sofort wie hypnotisiert. Doch die Australierin hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie die Essenz nicht für ein neues Parfüm brauchte – sie hatte offenbar ein ehrgeizigeres Ziel.

Ruby kaute auf ihrem Stift herum und starrte auf eine leere Seite.

Im März war sie von Spektrum rekrutiert worden, um einen Code zu knacken, nur einen. Ihr erster (und vermeintlich auch letzter) Job bestand darin, herauszufinden, was die frühere Codeknackerin Lopez entdeckt hatte, bevor sie unter höchst mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war. Wie Ruby dann herausfand, wollte eine Verbrecherbande eine unglaublich wertvolle Statue stehlen, den antiken Jadebuddha von Khotan. Dank Rubys Spürsinn und auch ihrem beherzten Eingreifen wurde der Buddha gerettet, und die Täter konnten identifiziert werden. Einer saß nun im Gefängnis – Babyface Marshall; eine Komplizin war tot – Valerie Capaldi alias die Katze. Doch der mutmaßliche Drahtzieher Graf von Klapperstein war entkommen.

Der Fall schien gelöst, und alle bei Spektrum waren zufrieden, doch in Rubys Kopf rumorte es weiter. Der Buddha war inzwischen wohlbehalten nach Yoktan zurückgebracht worden (so hieß die frühere Stadt Khotan heute), aber konnte es nicht sein, dass bei dem Überfall doch etwas gestohlen worden war?

Sie notierte sich:

Wurde vielleicht etwas von dem Jadebuddha gestohlen?

Sie blätterte zurück zu den Seiten von damals.

WAS ICH NICHT WEISS:

Worauf hatte der Graf so fasziniert gestarrt?

Ruby hatte genau gesehen, wie er eine Art kleine Taschenlampe aus seiner Tasche gezogen und in die Augen des Buddhas geleuchtet hatte. Was hatte er dort gesehen? Welches Geheimnis konnte in den Augen des Jadebuddhas von Khotan verborgen sein?

Wie gesagt, der Fall mit dem Jadebuddha hätte für Ruby ein einmaliger Einsatz als Codeknackerin sein sollen, doch Spektrum hatte sie anschließend weiterbeschäftigt, obwohl sie noch so jung war und LB eine Abneigung gegen vorlaute Schulmädchen hatte (das hatte ihr die Chefin von Spektrum 8 unmissverständlich zu verstehen gegeben). Vielleicht war LB auch gar nichts anderes übriggeblieben – selbst sie musste einsehen, dass diese Sache ohne Ruby ganz anders ausgegangen wäre.

Ruby schlug eine neue Seite auf und schrieb:

1. UNGEKLÄRTE FRAGE: der Jadebuddha