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Endlich Frieden! Seit Mats und Finja Rulantica vor dem Untergang bewahrt haben, werden sie als Helden gefeiert. Inzwischen ist Mats nicht mehr der Außenseiter und hat sogar Freunde gefunden. Alles könnte so schön sein.. Doch als Lokis Horn auf rätselhafte Weise eingefroren in einem Eisblock auftaucht, wird Mats und Finja klar: Die Bedrohung Rulanticas können sie nur abwenden, indem sie die Quelle des ewigen Lebens versiegen lassen. Dazu müssen sie in das Innere des Feuerbergs reisen. Der kann nicht nur jederzeit ausbrechen, sondern birgt auch noch jede Menge anderer Gefahren. Wird es Mats und Finja gelingen, dem Fluch über Rulantica für alle Zeit ein Ende zu bereiten?
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für Wuschel, der so viele Schreibstunden begleitet, sich mit der Langmut eines Katers jede Textänderung angehört und zur richtigen Zeit die Tastatur als Schlafplatz auserkoren hat – du fehlst mir ganz schrecklich!
eISBN 978-3-649-64315-9
© 2022 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Lizenziert durch: Mack Media & Brands GmbH & Co KG, Geschäftsführer Michael Mack
Vermittelt von: Literatur Agentur Hanauer
Die Figuren um Rulantica und die Storywelt sind urheberrechtlich geschützt und eingetragene Marken der Mack Media & Brands GmbH & Co KG.
Basierend auf einer Idee von: Michael Mack, Jörg Ihle, Tobias Mundinger
Storywelt: Jörg Ihle
Text: Michaela Hanauer
Entwicklung und Dramaturgie: David Ginnuttis
Illustrationen: Helge Vogt
Lektorat: Anja Fislage, David Ginnuttis, Wiebke Perkuhn
Satz: FSM Premedia GmbH & Co. KG, Münsterwww.coppenrath.de
Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-62768-5.
PROLOG
I NEUANFANG
II SVALGUROK
III DAS GEHEIMNIS IN DER KELPIEHÖHLE
IV DIE SUCHE
V DER GEFALLENE GOTT
VI VON GNOMEN UND TROLLEN
VII TRÉHEIM
VIII DIE FEUERELFEN
IX EIN HOHER PREIS
X NICHTS ALS MATSCH
XI DIE RUTSCHE DURCH DEN MAGMASTROM
XII IM HERZEN DES FEUERBERGS
XIII VERRAT
XIV DUNKLE GEDANKEN
XV GÄHNENDE LEERE
XVI DER FEUERBERG ERWACHT
XVII DIE ARMEE AUS ERDE UND FEUER
XVIII DIE LETZTE SCHLACHT
XIX TRICKSTER
XX ZWEI SEITEN
XXI DAS ENDE DER UNSTERBLICHKEIT
EPILOG
In den frühen Tagen, als selbst die alten Götter noch jung waren und es noch Riesen gab, die ihnen ihre Vorherrschaft streitig machten, lebte in Jöntheim einer, dem es beinahe gelungen wäre, Odin und die Seinen zu stürzen. Thiazi, den Sturmriesen, nannte man ihn. Er verfolgte – in einen Adler verwandelt – Loki, Thor und den schweigsamen Hönir, als die drei in der Nähe seines Heims unterwegs waren.
Als Loki ihn mit seinem Speer vertreiben wollte, packte der Riesenadler ihn mitsamt seiner Waffe und trug ihn in schwindelnde Höhen. Er schleifte ihn über Baumkronen und sogar Berghänge, dass Loki es mit der Angst zu tun bekam und ihm alles versprach, wenn er ihn nur herunterlassen würde. Der Adler, der eigentlich Thiazi war, forderte von ihm die Göttin Idun und ihre goldenen Äpfel. Diese Äpfel der Idun gehörten zu den größten Schätzen der Götter. Sie machten ihre Unsterblichkeit überhaupt erst möglich. Wenn das Alter einen von ihnen heimsuchte, die Haare silbern färbte, die Knochen schmerzen und die jugendlichen Kräfte schwinden ließ, dann erbat er von Idun einen ihrer Äpfel, und kaum war dieser gegessen, kehrten Stärke und Elan zurück zu dem Gott.
Ausgerechnet diese Gabe wollte der Adler. Da er Loki aber drohte, ihn über einem Gipfel in die Tiefe stürzen zu lassen, gab der Gott klein bei und versprach ihm alles, was er forderte.
Am darauffolgenden Tag klopfte Loki unter dem Vorwand, dringend einen Apfel zu benötigen, bei Idun an. Mit einem seiner üblen Tricks lockte er sie aus ihrem Haus in den Wald. Auf einer Kiefer erwartete der Adler sie, packte Idun mit seinen Klauen und flog mit ihr nach Jöntheim, wo sie seiner Tochter eine Freundin werden sollte.
Eine Zeit lang blieb die Missetat unentdeckt. Bis die ersten Götter alterten. Jedoch waren keine Idun und keine Äpfel mehr in Asgard, um ihre Gicht zu lindern. Odin und Thor errieten rasch, wer hinter dem Unglück steckte. Denn Loki strotzte weiterhin nur so vor Jugend, weil er gerade noch vor Iduns Entführung einen Apfel gegessen hatte. Mit vereinten Kräften und dem Hammer drohten die anderen Götter ihm, falls er Idun nicht umgehend zurückbringen würde. Zunächst stellte Loki sich dumm, behauptete, nichts mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben, aber niemand glaubte ihm. Außerdem fiel Loki ein, dass auch er irgendwann wieder einen Apfel benötigen würde. Denn seine Wirkung hielt nicht ewig vor. Wieso hatte er das nicht bedacht? Was nützte ihm seine bald greifbare Macht, wenn sie kurz darauf altersschwach enden würde?
»Ich hole Idun zurück«, beschloss er, »aber für das nächste Mal baue ich vor. Eine Quelle der Unsterblichkeit nur für mich allein, damit wäre ich allen Göttern überlegen. Und vielleicht lässt sich damit sogar noch mehr anrichten. Da wird mir sicher noch etwas einfallen!«
Es gelang ihm, Idun aus dem Haus des Unholds zu zurückzubringen, und für viele Jahrhunderte währte wieder die Herrschaft der Götter. Aber Loki wusste, dass er mit ihrer verblassenden Erinnerung rechnen konnte. Nur er würde sich erinnern, er würde bereit sein!
Ah, diese Geschichte aus der Vergangenheit bereitet ihm heute noch Vergnügen! Sie tröstet ihn über seine momentane Lage hinweg. Eine Fliege! Wie konnte er bloß in diese Situation geraten? ER – der Klügste und Gerissenste, ER – der Einzige der alten Götter, der sich bis heute am Leben gehalten hatte. Und nun hängt er fest im Körper einer Fliege. Selbst der Fisch, in den er sich geflüchtet hatte, um nicht in Hels Reich zu landen, war eine würdigere Wahl gewesen – vor allem konnte er sich mit ihm mühelos durchs Wasser bewegen. Als er es dann in die Riesenschlange geschafft hatte, schien sein Ziel zum Greifen nahe. Was für ein herber Rückschlag! Besonders schmerzlich: die Zerstörung seines Helms. Hätte er ihn erlangt, wäre alles ganz leicht gewesen. Seine göttliche Magie, seine überlegene Kraft – all das hätte ihm sein Helm zurückgegeben. Mit seinem Helm hätte er sich nicht mehr in einem Tierkörper verstecken müssen. Mit Schaudern erinnert er sich an diesen schwarzen Moment, der beinahe sein Ende gewesen wäre. Beinahe. Zu seinem Glück – und ihrem Pech – kreuzte eine Fliege den Weg der sterbenden Meeresschlange, in der er feststeckte. Mit seiner letzten Kraft und dem unbedingten Willen, es seinen Widersachern heimzuzahlen, gelang es ihm noch einmal, den Wirtskörper zu wechseln. Beinahe hätte dieses törichte Meermädchen Finja ihn noch zerklatscht. Als ob er ihr und ihrem Bruder nicht bereits genug Leid zu verdanken hätte! Wenigstens war auf seine Tochter Hel Verlass, ihre schützende Hand hat ihn gerettet, wie so oft. Mit ihrer Unterstützung wird er seine Macht zurückerlangen! Dann wird er nicht mehr in Tieren vor sich hin vegetieren müssen, sondern in seiner herrlichen Gottgestalt alle in die Knie zwingen, und Hel wird sich nicht länger in ihrem Totenreich verstecken müssen, sondern an seiner Seite regieren. Bis dahin wird sie für ihn weiterhin die anderen Götter einlullen. Fabelhaft, wie sie das anstellt! Beinahe wäre sogar er auf ihre vorgegaukelte Harmlosigkeit hereingefallen. Er muss zugeben, Hel steht ihm, ihrem Vater, in nichts nach. Ein echtes Naturtalent! Wie sie Vidar glauben lässt, seine zarte Schwärmerei zu erwidern, und gleichzeitig vorgibt, genau wie er das Pflichtbewusstsein, ihr Reich zu betreuen, über jede engere Liebesbande zu stellen. Großartig!
Dem werden die Augen aufgehen, aber erst, wenn es zu spät ist!
Es fehlt nicht mehr viel! Sollen die jungen Götter und die Meereszwillinge ruhig glauben, dass sie ihn mit der Zerstörung des Helms bezwungen hätten. Sie ahnen glücklicherweise nicht, dass sie ihm gleichzeitig eine beinahe ebenso gute Waffe offenbart haben. Wer hätte gedacht, dass Frigg ihr mächtiges Amulett an die Meermenschen gegeben hat? Pah, und diese einfältigen Wasserplanscher wissen nicht einmal richtig, wie sie es verwenden könnten. Aber er, er weiß es! Er muss es sich nur noch schnappen! Wenn er nur nicht in dieser Fliege feststecken würde! In der Hülle des kleinen schwarzen Insekts kann er zwar leidlich herumfliegen, aber nur kurze Strecken. Auf Wasser reagieren die durchsichtigen Fliegenflügelchen empfindlich und mit der Hitze in seinem heißgeliebten Feuerberg muss er ebenfalls aufpassen. Der Vorteil ist, dass eine Fliege vergessen wird, sobald sie aus dem Blickwinkel geflogen ist. Das kommt ihm für seine neuen Pläne zugute. Die Meermenschen sollen nicht vorgewarnt sein. Zum Glück ist auf die Vergesslichkeit der Menschen Verlass, ob sie nun zwei Beine oder einen Fischschwanz haben. Da unterscheiden sie sich nicht von den Göttern. Ungeduldig hat er die Vollmonde gezählt, und nun, nachdem jener sechsmal auf- und wieder untergegangen ist, ist es Zeit aufzuerstehen. ER – der wahre Anführer der Götter, wird endlich die Herrschaft übernehmen! Seine Zeit ist gekommen!
Er muss lediglich eine Möglichkeit finden, zu beobachten, teilzuhaben und, wenn nötig, zu manipulieren. Mit wachsender Ungeduld kreist er in seinem Fliegenkörper über dem Meer. Keiner der Unterwasserbewohner lässt sich blicken, ganz so als wüssten sie von der Heimtücke, die hier oben auf sie lauert. Endlich teilt sich eine Welle und spült ihm einen der Meermenschen herauf. Er zügelt das Verlangen, sofort näher zu fliegen, gönnt sich wenigstens einen kurzen Augenblick der Prüfung. Ein junges Exemplar. Ob männlich oder weiblich, das spielt für ihn keine entscheidende Rolle. Wichtiger ist sein Tatendrang. Es plätschert nicht bloß herum, sondern schwimmt in kräftigen Zügen. Offensichtlich trainiert es. Und noch etwas anderes erahnt das geschulte Urteilsvermögen des alten Gottes: Ehrgeiz und Neid – besonders Letzterer gefällt ihm. Dieses Meermenschlein ist nicht nur seine einzige Wahl, es verspricht auch eine besonders gute zu sein! Der neidische Charakter seines Auserwählten wird sich von ihm verführen lassen, wird das, was er ihm einträufelt, für eigene Eingebungen halten und sich nicht dagegen wehren! Leichtes Spiel für ihn!
Und so sirrt er als kleine schwarze Fliege auf eine Ohrmuschel zu, schlüpft unbemerkt hinein und nutzt die menschliche Umgebung, um endlich dorthin zu gelangen, wohin das Amulett abgetaucht ist, in die Unterwasserwelt Rulanticas. Mit der Hilfe seines Opfers wird er es schaffen, es in seinen Besitz zu bringen und seine göttliche Macht für seine Auferstehung zu nutzen, und dann werden alle Wesen in allen Welten vor ihm zittern! Niederknien sollen sie, vor ihm, dem einzig wahren LOKI!
Mats läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Nur eine flüchtige Berührung an der Schulter. Aber er weiß, was das bedeutet. Sie haben ihn erwischt! Das konnte nicht gut gehen! Alles in ihm weigert sich, die Augen zu öffnen. Solange er nicht sieht, wer sein gefährliches Geheimnis entdeckt hat, kann er sich noch einbilden, aus einem Albtraum zu erwachen. Er war doch so vorsichtig. Wer ist ihm auf die Schliche gekommen? Der Kälte nach zu urteilen, jemand von der Eisstadt. Bitte, bitte nicht Exena! Alle, bloß nicht die Anführerin der Quellwächter! Sie würde ihn nicht nur beschimpfen, sondern für immer aus der Unterwasserwelt verbannen. Und wo soll er dann hin? Er gehört doch hierher. Die Zeit in Tre Bjørker kommt ihm endlos weit weg und kaum noch real vor. Im Wasser zu sein, macht ihm inzwischen nichts mehr aus, er merkt kaum noch den Unterschied zu seinem früheren Leben an Land. Sich an die Temperatur zu gewöhnen, fällt ihm allerdings deutlich schwerer. Musste er ausgerechnet unter einer Insel mitten im Nordmeer landen? Wo die Wohntürme genauso kühl sind wie bisweilen die Meermenschen, die darin leben? Mats rollt sich zusammen und schlingt die Arme um seine Knie. Es geht doch nichts über die eigene Körperwärme und …
Der nächste Kälteschock! Diesmal die volle Ladung. Er muss sich seinem Entdecker stellen! Vielleicht kann er sich wenigstens erklären.
Ein schadenfrohes Prusten. Es reißt Mats förmlich aus seiner Haltung. Seine Finger prüfen die Umgebung. Er ist nicht, wo er zu sein dachte. Sondern – ist das möglich – in seinem Bett? Wieso friert er dann so erbärmlich?
Mats blinzelt »Uahh, was soll das?«
Er klopft sich auf den Rücken und ertastet die Übeltäter, sie glitschen ihm durch die Finger, sobald er versucht, sie zu fassen, und sorgen weiter für Schüttelfrost. Wie gemein! Es muss eine ganze Handvoll Eiswürfel sein, die ihm jemand unter den Pulli gestopft hat. Kein allzu großes Rätsel, wer das war. Mats knurrt:
»Warte, Timur, meine Rache wird gnadenlos sein!«
»Dafür müsstest du mich zuerst erwischen!«, kichert Timur.
»Wer solche Zimmerkollegen hat, braucht keine Riesenschlangen«, brummelt Mats. Er tut, als würde er weiterschlafen, während er sich orientiert. In seinem Schneebett, das am anderen Ende des Zimmers in einem ähnlichen Erker wie das von Mats steht, kann Timur nicht mehr sein. Er schielt unter geschlossenen Wimpern zu der Ecke, die die Meerjungen als einzige gestalten dürfen, wie sie möchten. Genau wie Mats hat auch Timur in die Eiswände rund um sein Bett ein Abbild seines Kelpies gemeißelt. Die Liebe zu ihren Wasserpferden verbindet die beiden normalerweise und inzwischen kommt Mats prima mit ihm klar – wenn Timur ihm nicht gerade eine Eispackung verpasst und dadurch unwissentlich seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden lässt. Eines Tages wird es nicht Timur sein, der ihn erschreckt, sondern Exena wird ihm die eisige Hand auf die Schulter legen, weil sie herausgefunden hat, was er vor ihr verbirgt – was er vor allen Meermenschen verbirgt, um sie nicht zu beunruhigen. Sein dunkles Geheimnis! Manchmal träumt er sogar noch Schrecklicheres. Dann ist es nicht Exena, die hinter ihm schwimmt, sondern eine Riesenschlange mit Fischkopf, die sich zurückholt, was ihr gehört … Mats schüttelt sich, seine Albträume dürfen nicht die Oberhand gewinnen! Schlimm genug, dass sie ihn nachts quälen! Niemand außer ihm und Venn weiß davon, und solange das so bleibt, kann nichts geschehen! Und jetzt Schluss mit den düsteren Gedanken, er wird sich erst einmal Timur vorknüpfen!
Aber wo ist der Verräter? Hat er sich hinter dem matt polierten Eistisch in der Zimmermitte verschanzt? Oder …
Mats spannt seine Muskeln an und schnellt wie eine Sprungfeder von seiner Seegrasmatte hoch, die er über sein Bett gebreitet hat. Er streckt die Arme aus und bekommt Timur an der Schulter zu fassen. Wie er es sich ausgemalt hat, paddelt sein Mitbewohner kopfüber in seinem Erker und lässt die Eiswürfel von der Decke direkt auf Mats herabfallen. Aber damit ist jetzt Schluss. Mats zieht ihn zu sich heran, und Timur muss so lachen, dass er sich kaum zur Wehr setzt. Geschickt entwendet Mats ihm die restlichen Eiswürfel und spießt sie auf die Zacken der Flossen, die Timurs Rücken und Schultern umrahmen und sich wie bei allen Quellwächtern hervorragend als natürliche Rüstung eignen.
»He, he, niiicht!«, japst Timur und biegt und verdreht sich wie ein Aal, um an seinen Rücken heranzureichen. »So sehe ich ja aus wie die heutige Mahlzeit!«
»Eis am Stiel«, stimmt Mats ungerührt zu.
»Hä, wieso am Stiel?«, fragt Timur.
»Eine echte Delikatesse in der Menschenwelt«, erklärt Mats. »Kennt dort jedes Kind! Schmeckt allerdings nicht nach Fisch, sondern richtig süß und lecker nach Früchten.«
Timur zieht die Mundwinkel nach unten. »Schade, dass ich dich nie dorthin begleiten kann.«
»Hast ansonsten nicht viel verpasst«, behauptet Mats. »Es müffelt an jeder Ecke und es gibt keine Kelpies!«
»Genau mein Stichwort«, hakt Timur ein und strahlt schon wieder. »Deshalb habe ich dich geweckt. Wollen wir vor dem Unterricht noch ein bisschen üben?«
Stolz stimmt Mats zu. »Bin dabei!«
Das schöne Gefühl hüpft in seinem Bauch auf und ab. Timur will mit ihm üben. Mit ihm und Venn. Weil er wie Mats reiten will. Bisher wollte noch nie jemand etwas von Mats lernen, außer seine Schwester Finja vielleicht, als sie die ersten Gehversuche mit ihren neuen Beinen unternommen hat. Aber sonst kann Mats sich wirklich nicht erinnern, jemals etwas gekonnt zu haben, was er jemandem beibringen sollte. Dafür weiß er noch sehr gut, wie er anfangs Exenas Unmut erregt hat, weil er sein Kelpie ohne Sattel und Zaumzeug reitet. Die Anführerin der Quellwächter hat behauptet, das wäre kein richtiges Reiten und er würde sich von Venn bloß tragen lassen. Von wegen! Es ist gar nicht so leicht! Timur hat es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Bei den ersten Versuchen hat sein Kelpie Swaan ihn regelmäßig abgeworfen und ist allein durchs Meer gepeitscht. Mats und Venn hatten ihre liebe Mühe, Swaan wieder einzufangen. Inzwischen kann Timur sich auf Swaans Rücken halten, allerdings ist Mats im Stillen klar, dass es niemals genauso harmonisch funktionieren wird wie zwischen Venn und ihm. Timur und Swaan sprechen nicht dieselbe Sprache. Es hat ein bisschen gedauert, bis Mats begriffen hatte, über was für eine sensationelle Gabe er verfügt. Mittlerweile gefällt er sich in seiner Rolle als Kelpieflüsterer und Snorriversteher enorm gut. Er ist der Einzige, der die Sprache der Tiere versteht und mit ihnen sprechen kann! Dafür bewundern ihn alle, aber das Wichtigste ist: Er gehört dazu! Zu den Meermenschen unterhalb Rulanticas – ob Quellwächter in der Eisstadt oder Sirene in der Muschelstadt. Und das ist wirklich überwältigend. Mats hat sich vorher noch nie irgendwo zu Hause gefühlt. In der Menschenwelt war er immer der Außenseiter, das Findelkind aus dem Kinderheim, das noch dazu Angst vorm Meer hatte. Das mag er sich gar nicht mehr vorstellen. Wie anders er nun lebt – er ist Teil der Unterwasserwelt und er teilt damit aber auch die Sorge und Aufgabe der Meermenschen, auf die Quelle des Lebens aufzupassen. Diese Quelle darf niemals ein Mensch finden und nutzen, sonst bricht Odins Schlange Svalgur aus und verschlingt die Insel und alles Leben auf und unter Rulantica endet. Seit langer Zeit ist die Bedrohung das alles beherrschende Thema bei den Meermenschen. Der gesamte Tagesablauf der Erwachsenen, der Unterricht der Sirenen, die Ausbildung der Quellwächter – alles ist ausschließlich darauf ausgerichtet. Strenge Regeln, keine Ausnahmen, auch nicht für einen Neuankömmling wie ihn. Allerdings muss Mats zugeben, dass die Lage sich gebessert hat, seitdem er mit dem Hammer Lokis Helm zerstört hat. Seither gibt sich sogar Exena entspannter. Die Möglichkeit für einen Menschen, durch den undurchdringlichen Nebel nach Rulantica zu gelangen, gewährt nur ein Horn von Lokis Helm. Aber ohne Helm keine Hörner und ohne Hörner keine Schlüssel nach Rulantica. Keine neuen Schlüssel … – so die Theorie … Wieder denkt Mats den Gedanken nicht zu Ende. Wie so oft. Ist es richtig, sie in dem falschen Glauben zu lassen? Sogar seine Schwester?
Mit Timur ist er bei den Höhlen der Kelpies angekommen. Für Mats ist dieser Ort mit seinen Tropfsteinen aus Eis etwas ganz Besonderes. Sein Lieblingsort unter Rulantica. Nur in der Hydda seiner Mam fühlt er sich ähnlich sicher und geborgen.
»Ich komme gleich mit Swaan wieder«, sagt Timur.
Im Gegensatz zu ihm muss Mats Venn nicht extra holen, weil sein Kelpie spürt, wenn er in der Nähe ist.
Mats nutzt die Gelegenheit. Er muss sich einfach vergewissern! Ein rascher Griff hinter einen gewundenen Tropfstein. Während er tastet, klopft sein Herz bis zum Hals. Das bringt sogar seine Amuletthälfte, die er stets umgehängt hat, zum Schwingen. Als würde Friggs Anhänger mitfiebern. Hektisch tastet er weiter. Ist da etwas? Mats zuckt zusammen. War da gerade ein Schatten? Nein, oder? Er atmet auf. Im selben Moment schnaubt Venn ihm von hinten in den roten Haarschopf.
»Ist es noch da?«
Mats berührt Venns Hals und nickt. Mehr müssen sie nicht sagen.
Mehr Zeit haben sie auch gar nicht, weil sich mit lautem Schnauben und Wasserschüben Swaan und Timur ankündigen. Ohne anzuhalten, drängeln sie sich durch den schmalen Höhlenausgang vorbei an Mats und Venn.
Erst dann verkündet Timur fröhlich: »Wer zuerst am großen Platz ist!«
Mats muss sich zusammenreißen, auch von seiner Erleichterung soll Timur nichts merken.
»Mit Vorsprung ist unfair«, ruft Mats ihm deshalb bloß hinterher.
»Steig auf, die schaffen wir noch«, wiehert Venn.
Flugs zieht Mats sich auf seinen Rücken und klammert sich fest, die Mähne kitzelt angenehm vertraut in seiner Nase und schon geht es los. Sie flitzen durchs Wasser, dass nicht einmal die Rückwärtsfische sie aufhalten könnten. Wenige Sekunden später haben sie Timur und Swaan fast erreicht. Venn setzt an, die beiden zu überholen, doch Mats raunt ihm zu: »Warte!«
Venn sträubt sich: »Warum? Das ist ein Wettrennen, sie haben uns herausgefordert!«
»Das schon«, räumt Mats ein, »aber vor allem ist es Training. Und ich will nicht, dass sie frustriert sind, weil sie gegen uns keine Chance haben. Sie sollen ihren Fortschritt sehen.«
»Deswegen willst du sie gewinnen lassen? Obwohl sie am Start gemogelt haben?«, staunt Venn.
»Das nun auch wieder nicht«, lacht Mats. »Ich dachte an ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen …«
»Du hast viel dazugelernt, seit du den Helm zerstört hast«, stellt Venn fest. »Du bist reifer geworden und kümmerst dich sehr rührend um andere!«
»Es hat sich viel geändert, seit ich den Helm zerstört habe«, sagt Mats schnell, weil ihn das Kompliment verlegen macht. »Mir bleibt gar nichts anderes übrig.«
»Deine Bescheidenheit ist geblieben, das schätze ich sehr!« Venn gluckst sein typisches Kelpielachen und schließt zu Swaan auf, ohne ihn zu überholen.
»Oh nein!«, ruft Timur und treibt Swaan mit dem Fischschwanz zur Eile an.
»Oh doch!«, ruft Mats zurück und gibt vor, Venn ebenfalls anzutreiben, weil Timur auf keinen Fall merken soll, was er vorhat.
Das letzte Stück preschen sie Seite an Seite. Vorbei an den letzten Wohntürmen aus Eis, die sich alle zum Verwechseln ähnlichsehen. Die Zwischenräume sind breit genug, um gut nebeneinander reiten zu können. Mal hat Swaan das Maul vorne, mal Venn. So erreichen sie den großen Platz, über den weiterhin Svalgurs Antlitz wacht.
Für den Bruchteil einer Sekunde hält er inne, Venn spürt sein Zögern und drosselt ebenfalls sein Tempo. Timur und Swaan nutzen diese Einladung gnadenlos. Mit Triumphgebrüll flitzen sie auf den Platz.
»Gewonnen, gewonnen! Ab jetzt kann uns niemand mehr besiegen!«
Timur schlägt einen Purzelbaum von Swaans Rücken und zieht Schleifen durchs Wasser, dass alle Fische in der Umgebung innehalten und zu ihnen herüberglotzen.
»Absicht oder Versehen?«, brummelt Venn leise, damit vor allem Swaan es nicht hört.
Mats lässt die Schultern hängen. »Versehen. Ich kann mich heute schwer konzentrieren, unser Geheimnis ist noch bedrückender als sonst …«
»Du solltest es wenigstens Finja erzählen«, rät Venn.
Heftig schüttelt Mats den Kopf. »Sie genießt es, seit alles nicht mehr so streng zugeht. Das will ich ihr nicht kaputt machen!«
»Wie du meinst«, gibt Venn nach.
»He, he nicht den Kopf hängen lassen!« Strahlend kommt Timur auf die beiden zu. »Es gibt eine zweite Chance!«
Bevor Mats wieder aufsteigen kann, hält er ihn am Pulli fest.
»Nein, nein, mein Freund! Ich meine kein neues Rennen. Lass mich für einen Sonnenlauf genießen, dass wir gewonnen haben. Das wird so schnell nicht wieder passieren. Aber wie wäre es, wenn du mich jetzt in meiner Lieblingsdisziplin schlägst?« – er lässt in einer schnellen Halbdrehung die rechte Hand kreisen und spreizt Mittel- und Zeigefinger nach vorne. »…ÍS!«
Das Wasser um seine Finger gefriert, er zieht sie zurück und hinterlässt einen elegant geschwungenen Zweizack aus Eis.
Als ob die Niederlage von gerade eben nicht ausreicht – Eismagie schafft Mats nach wie vor nicht. Er kann sich anstrengen, wie er will, außer Blubberblasen kommt bei ihm nichts heraus. Erst recht nicht mit den düsteren Vorahnungen, die er partout nicht loswird. Timur kann nichts dafür, aber Mats vergeht langsam die Lust.
»Ich hätte besser im Bett liegen bleiben sollen!«
»Wie – ach so, deswegen! Nein, ich wollte keinen magischen Wettstreit! … warte! – ÍS!« Timur kreist erneut die gespreizten Finger und lässt einen zweiten Zweizack erscheinen. »Ich dachte, wir üben ein bisschen, damit du beim Kämpfen so gut wirst wie ich im Reiten«, er zwinkert Mats zu und reicht ihm die Waffe.
»Na gut, viel schlimmer kann es heute sowieso nicht mehr werden!«
Mats schnappt sich gespielt unwillig den Zweizack, dreht sich dann aber flink um die eigene Achse, geht leicht in die Knie und zielt mit seinen zwei Spitzen direkt auf Timurs Stabgriff. Er reißt seinen Zack nach oben und schafft es, Timurs Stab mitzuziehen.
Verdattert blickt Timur in seine leeren Hände. »Wir haben doch noch gar nicht angefangen!«
»Stimmt, wir sind auch noch gar nicht losgeritten«, neckt Mats ihn.
»Ausgleich!«, räumt Timur ein und versucht, sich seinen Zweizack zurückzuerobern.
Das Klirren ihrer eisigen Waffen ist über den ganzen Platz zu hören. Davon unbeeindruckt ist die eingefrorene Riesenschlange, die aus ihrem Tempel herausglotzt. Sie schüchtert Mats immer noch ein, wie an seinem allerersten Tag. Deshalb vermeidet er es tunlichst hochzusehen, obwohl er inzwischen in seinem zweiten Ausbildungsjahr zum Quellwächter so manchen Übungskampf unter ihren starren Augen absolviert hat. In ihrer gigantischen Halle, die jede menschliche Kathedrale überragen würde, erinnert sie Mats schmerzlich an die lauernde Gefahr für Rulantica. Ach, hätte er doch nur einen Weg gefunden, zu vernichten, was er bisher nur zwischen den Tropfsteinen der Kelpiehöhle verstecken kann!
Finja gleitet durch das angenehm kühle Wasser, bemüht, leise zu sein, um niemanden zu wecken. Sie mag diese frühe Zeit, wenn ein unberührter bläulicher Schimmer über der Eisstadt liegt. Der Meeresboden breitet sich wie frisch geputzt unter ihr aus, noch nicht von Dutzenden Quellwächtern aufgewühlt, nur ein paar vereinzelte Minifischlein kreuzen ihre Bahn. Selbst Snorri ist zu träge, um zu snattern. Er hat sich sogar mit einem seiner Saugnäpfe an ihren Fischschwanz angedockt und lässt sich leicht dösend einfach mitziehen.
»Jetzt tu nicht so, als ob ich dich gezwungen hätte«, tadelt Finja gespielt streng. »Du wolltest doch unbedingt mit.«
»Sn-ah, sn-ah-hh«, macht Snorri, und Finja muss nicht seine Sprache beherrschen, um zu kapieren, dass ihr kleiner blauer Freund demonstrativ gähnt.
»Was kann ich denn dafür, dass wir mittlerweile früh aufstehen müssen, um Mats allein zu erwischen?«, verteidigt sich Finja vor Snorri, der sie wiederum ganz hervorragend verstehen kann.
Kurz vor Mats’ Wohnturm kommt ihnen jemand entgegen, und nach ein paar weiteren Schwimmzügen erkennt Finja die gutmütigen Gesichtszüge von Slander, der sie mit seinem breiten Mund und den dunklen runden Augen immer ein bisschen an einen Dorsch erinnert.
»Wenn du zu Mats willst, bist du zu spät dran«, verkündet der kräftige Meerjunge mit dem schlichten kupferbraunen Fischschwanz. »Ich wollte ihn gerade zum Speerwerfen überreden, aber er ist schon weg.«
Finja zieht eine Grimasse Richtung Snorri: »Hab ich’s nicht gesagt?«
»Snf!« Snorri schiebt die Unterlippe nach vorne.
»Gib mir nicht die Schuld! Dich hätte ich hören wollen, wenn ich dich noch früher geweckt hätte!«, entgegnet Finja. Sie ist hauptsächlich auf sich selbst sauer, weil ihr Plan nicht aufgegangen ist. »Lass ihn uns suchen, weit kann er nicht sein.«
Automatisch biegen sie in Richtung des großen Platzes ab, wo sich das halbe Leben jedes Quellwächters abspielt, sobald über der Oberfläche die Sonne aufgeht. Schon nach wenigen Zügen schwimmt sie Ilai in die Arme. War denn heute Nacht Vollmond, weil keiner mehr in seinem Bett liegt? Es geht fast zu wie bei den Fischen zur Laichzeit! Kein Wunder, dass Ilai immer noch die Position der Meisterschülerin verteidigt. Sie schläft nie und trainiert immer. Mit ihren kinnlangen schwarzen Haaren, die sicher nicht rein zufällig an die Zacken der Quellwächterwaffe erinnern, wirkt Ilai stets kampfbereit. Als sie Finja erkennt, zuckt sie kurz und zieht spöttisch eine ihrer dunklen Augenbrauen hoch. »Suchst du etwa auch nach deinem Bruder? Der trainiert bereits!«
»Äh, ja«, stutzt Finja. »Mit wem trainiert er denn?«
Eigentlich will sie vor Ilai lieber nicht zugeben, dass sie nicht eingeladen wurde. Es ist nicht so, dass sie Ilai nicht mögen würde. Trotzdem ist es ein anderes Verhältnis als zu ihren Freundinnen aus Aquamaris. Ilai und sie sind häufig Konkurrentinnen. Vor allem, wenn es um die Kampfausbildung geht. Sie stechen sich abwechselnd aus und deshalb will Finja sich vor Ilai keine Blöße geben. Eine Schwachstelle nutzt eine wie Ilai bei der nächstbesten Gelegenheit garantiert aus. Früher hätte Finja das von sich selbst niemals erwartet, aber bei den Quellwächtern hat sie enormen Ehrgeiz entwickelt, sie will die Meisterschülerin sein, am liebsten in allen Disziplinen. Und sie hat gute Chancen, wäre da nicht Ilai, die mindestens genauso erpicht darauf ist.
Wie Finja es geahnt hat, demonstriert Ilai mit einem breiten Lächeln ihre Genugtuung. »Wusstest du davon etwa nichts? Mit dem Kelpie-Vernarrten, mit dem er ständig rumhängt.«
»Timur«, ergänzt Finja und lässt sich von Ilai gleich noch mal aufs Glatteis führen. Die kennt den Namen selbstverständlich, aber nun tut sie so, als wäre er für sie eben nicht weiter wichtig.
»Ach ja, Timur. Vermutlich reiten sie wieder ohne Sattel und Zaumzeug. Auf diese Weise wird dein Bruder auch das nächste Løp verlieren!«
Wie schafft diese Miesmuschel es nur, jeden wunden Punkt zu erwischen? Finja spürt die Wut in sich hochbrodeln. Sie könnte ihr …
»Sehr gut«, klatscht Ilai in die Hände. »Das ist genau die Stimmung, in der ich dich haben will! Jetzt können wir ebenfalls eine kleine Kampfeinheit zum Aufwärmen absolvieren! Oder ist das unter der Würde einer Auserwählten?«
Ohne Finjas Zustimmung abzuwarten, zückt sie ihren Zweizack und geht auf Finja los.
»Sno!«, empört sich Snorri.
Aber Finja schnappt sich entschlossen ebenfalls ihren Zweizack. Immer diese höchst überflüssigen Anspielungen auf Friggs Amulett – als ob sie nicht auch ohne jede göttliche Hilfe eine geschickte Kämpferin wäre! Aber der wird sie es zeigen!
»Wenn du den Tag mit einer Niederlage beginnen willst – nur zu!«, knurrt Finja.
»Träum weiter«, höhnt Ilai. »Wenn du damals gegen mich statt gegen Exena angetreten wärst, hättest du haushoch verloren!«
»Ach?«, kontert Finja, »Willst du ernsthaft behaupten, du kämpfst besser als unsere Anführerin?«
Ilai schaut zu Finja, Finja schaut zu Ilai. In den Mundwinkeln der beiden Meermädchen zuckt es verdächtig. Noch beherrschen sie sich. Taxieren sich, erwarten, dass die andere zuerst die Kontrolle verliert. Dann prusten sie wie auf ein geheimes Kommando los. Sie kichern und glucksen, bis die Wasserbläschen um sie herum aufsteigen und das Meerwasser in ein fröhliches Geblubber verwandeln. Snorri ist inzwischen hellwach und versucht, sich von den Lachblubbern umherstrudeln zu lassen, bevor er sie fängt, um sie zum Platzen zu bringen.
»Besser als Exena«, japst Ilai, »wer das von sich behauptet ist …«
»… größenwahnsinnig«, ergänzt Finja.
»… oder lebensmüde.« Ilai deutet mit den Fingern einen Zweizack an, den sie sich an die Kehle hält.
Sofort friert Finjas Lachen ein. Bilder tauchen in ihrem Kopf auf, Erinnerungen, die nur Fantasie sind, weil sie nicht dabei war, aber doch so real, dass sie bis heute eine Lücke in ihrem Herzen hinterlassen haben. Bilder von ihrem Vater Falor und seinem für ihn tödlichen Zweikampf gegen Exena.
»Träumst du?« Ilai kneift sie in den Oberarm und bringt Finja zurück in die Realität des Morgens.
»Entschuldige, ich …«, setzt Finja an, aber Ilai winkt ab.
»Wegen deinem Vater, oder? Tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht, was damals war.«
Finja seufzt. Es ist schwer, in der Unterwasserwelt ein Geheimnis zu haben. Jeder weiß so gut wie alles über jeden.
»Können wir trotzdem?« Ilai schwenkt ihren Zweizack. »Dir kann doch sowieso nichts zustoßen mit dem Ding um deinen Hals!«
Ilai tippt auf Finjas Brust und berührt dabei das Amulett. Unweigerlich weicht Finja zurück.
»He, Finger weg! Du weißt genau, dass ich nicht das Amulett brauche, um dich zu besiegen.«
»Weiß ich das?«, entgegnet Ilai süffisant. »Du behauptest das zwar, aber wie wäre es mit einem Beweis? Nimm es ab, wenn du dich dann immer noch traust, gegen mich anzutreten!«
Wie von selbst umfasst Finja ihre Amuletthälfte. Sie hat den Anhänger ewig nicht mehr abgenommen. Er gehört zu ihr. Wie Mats und ihre Familiengeschichte, er bringt ihr Glück. Und er ist das Erbe ihrer Mutter. Soll sie ihn jetzt abnehmen, um Ilai zu demonstrieren, dass sie ihn nicht braucht? Finja bemerkt, wie Ilai lauert. Die will sie doch bloß wieder provozieren, damit sie etwas tut, was sie schwächt und Ilai selbst stärkt. Aber noch einmal fällt Finja darauf nicht herein!
»Ich muss dir gar nichts beweisen! Du willst doch unbedingt mit mir üben. Also fang an oder lass es bleiben!«
Mit ihrer Ablehnung hat Ilai nicht gerechnet, ihr Gesicht spricht Bände. Kurz befürchtet Finja sogar, sie würde versuchen, ihr das Amulett gewaltsam vom Hals zu reißen, so grimmig entschlossen sieht sie drein. Nein, so weit würde sie nie gehen! Trotz Konkurrenzkampf sind sie immer ehrlich und fair miteinander!
»Finja, Ilai! Wir sind hiiiier!!«
Die Rufe sind noch etwas entfernt und kommen von der Wasserstraße, die vom Tor der Eisstadt zum Platz und den Wohntürmen führt. Finja erkennt sofort Jades und Rubys kräftig grüne und roten Schuppen, sogar Orchids zartlilaweißer Fischschwanz fällt in der eisweißen Umgebung farbenfroh auf. Wie schön! Ihre besten Sirenenfreunde dürfen in die Eisstadt!
»Wird wohl nichts mehr mit dem Training heute, stattdessen Händchen halten beim Schüleraustausch«, giftet Ilai.
Unweigerlich muss Finja wieder lachen. »Du hältst wohl nicht allzu viel von dem neuen Zusammenschluss mit Aquamaris? Ich finde es jedenfalls super, dass sich die Stimmung zwischen Exena und Kailani verbessert hat!«
Seit Mats den verfluchten Helm von Loki zerstört hat, sind alle entspannter. Weil ohne ein Horn dieses Helms kein Mensch den Nebel rund um Rulantica durchdringen kann. Und wenn keiner zur Insel kann, dann kann auch keiner das Wasser der Quelle klauen. Ihre Ziehmutter Kailani besteht zwar genau wie Exena noch immer darauf, dass der Schutz der Insel ernst zu nehmen ist und die Ausbildungen von Sirenen und Quellwächtern bewährt fortgesetzt werden, aber selbst die unkende Oberquellwächterin konnte ein paar Veränderungen und Lockerungen nicht verhindern und hat Besuchen und sogar gelegentlich gemeinsamem Unterricht zugestimmt.
Ilai hebt abwehrend die Hand. »Doch, doch, ich bin genauso froh wie alle, dass die Eiszeit zwischen Exena und Kailani vorbei ist. Aber nicht alle Sirenen sind wie du und können auch kämpfen.«
»Logisch«, erwidert Finja, »das haben wir – sie – also, das wurde in Aquamaris eben nie geübt, du kannst ja auch nicht singen. Außerdem geht’s doch genau darum, sich kennenzulernen und Freundschaften zu schließen.«
»Ja, ja. Und da kommen deine … unsere neuen Freunde auch schon! Du hast dich also erfolgreich vor der Niederlage gegen mich gedrückt!«
Ilai verzieht das Gesicht zu einem Lächeln, das nicht ganz so fröhlich wirkt wie vorhin.
Finja allerdings platzt fast vor Freude und neben ihr winkt Snorri mit allen Fangarmen.
»Snr, snr!«
Jade, Orchid und Ruby lösen sich aus dem Pulk der anderen Sirenenschüler aus Aquamaris und schwimmen auf Finja zu. Jade gibt ein paar extra kräftige Schübe mit ihrem schönen glitzergrünen Fischschwanz, um als Erste bei ihr zu sein.
»Wir sind hier mitten in der Eisstadt und keiner wirft uns raus!«, quietscht sie. »Ich glaube es immer noch nicht.«
»Ich auch nicht«, jubelt Finja.
Jetzt sind auch Ruby und Orchid da und hopsen mit Finja und Jade um die Wette. Etwas unschlüssig bleibt eine unscheinbare Sirene zurück. Bevor es Ilai in Finjas Leben gab, war sie die einzige Rivalin, die Finja je hatte. Wie harmlos und blass sie ihr jetzt vorkommt. Finja freut sich sogar ein wenig, sie zu sehen!
»Komm schon, Larima«, ruft Finja sie. »Gruppenumarmung!«
»Meermädchen sind schlimmer als Schwarmfische«, kommt ein Kommentar von hinten.
Das ist doch Timur! Dann kann ihr Bruder nicht weit sein! Ah, da ist er!
»Mats – endlich!« Finja schließt ihn und Snorri in die Umarmung mit ein.
