Rumba congolaise - Harald Friesenhahn - E-Book

Rumba congolaise E-Book

Harald Friesenhahn

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Beschreibung

Schock beim Reggae-Festival im burgenländischen Wiesen! Ein junges Pärchen wird regelrecht hingerichtet – eine Abrechnung im Drogenmilieu oder Mord aus Eifersucht? Polizeioberst Marc Vanhagen und sein Special Team ermitteln. Sie stoßen auf einen Politiker mit einer Vorliebe für blutjunge Mädchen. Sein Alibi ist dünn. Als durch einen Zufall brisantes Material über eine Söldnertruppe, die im Kongo unfassbare Gräueltaten verübt, auftaucht, wird Marc Vanhagen klar, dass der Fall internationale Dimensionen erreicht. Im Kampf um das Milliardengeschäft mit Coltan, dem weltweit begehrten Rohstoff für die Produktion von Mobiltelefonen, gehen Multis, Finanzriesen und Regierungen über Leichen. Und auch eine österreichische Firma spielt in dem Netzwerk der Gier eine maßgebliche Rolle. Aber wer ist für die Morde in Wiesen verantwortlich?

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Cover

Titel

Harald Friesenhahn

Rumba congolaise

Thriller

Leykam

Für Eva und Martin

PROLOG

Mupando, Provinz Nord-Kivu, Zaire

Samstag, 1. Februar 1997, 6.45 Uhr

Pünktlich zu Sonnenaufgang hatte ihn seine Mutter aus dem Bett gescheucht. Schlaftrunken schleppte er sich zu dem Eimer mit Wasser und wusch sich. Aber seiner Mutter ging das alles zu langsam. Er solle sich beeilen und verschwinden, meinte sie, denn heute sei der Tag seines großen Bruders. Er schlüpfte in seine Kleider, schnappte sich ein Stück Brot und trank ein bereitgestelltes Glas Milch in einem Zug leer. Als er aus dem Haus schlich, rief ihm seine Mutter noch nach, er solle ja nicht zu spät wiederkommen, sonst könne er etwas erleben.

Nun stand er mit hängenden Schultern auf der unbefestigten Straße, unschlüssig, was er denn tun sollte. Der kleine Ort war ihm völlig fremd. Erst gestern war er mit seiner Mutter, seiner jüngeren Schwester und seinem älteren Bruder angereist. Aber da es den ganzen Tag geregnet hatte, war er im Haus geblieben und hatte keine Lust gehabt, das Dorf zu erkunden. Er sah sich um und bemerkte die hektische Betriebsamkeit der Dorfbewohner. Das war ungewöhnlich für diese Tageszeit, aber heute war alles anders. Heute war der große Tag. Er blickte nach oben und betrachtete den wolkenverhangenen Himmel. Es wird wohl wieder zu regnen beginnen, dachte er, war aber froh, dass es im Moment trocken war. Er schlenderte ein paar Häuser weiter, bis er den Ortsrand erreichte. Ohne sich umzublicken, stapfte er durch das nasse Gras einen sanften Hügel hinauf. Nicht weit außerhalb des Dorfes begann der Wald, der sich Richtung Westen allmählich zu undurchdringlichem Regenwald verdichtete. Er schlurfte zum Waldrand, setzte sich auf einen Stein und blickte auf die Siedlung hinunter. Mupando, ein kleines Dorf nördlich von Goma, lag an der einzigen Straße, die von Bingi, der nächstgrößeren Stadt, in den Regenwald führte. Diese Straße verbreiterte sich mitten im Ort zu einem ovalen Dorfplatz, der teilweise mit Gras bewachsen war. Rund um den Platz befanden sich meist gemauerte, unverputzte, mit bunten Farben bemalte Hütten. Das einzige Haus, das gepflegt aussah, stand gegenüber der kleinen Kirche und gehörte dem Holzgroßhändler. Auf dem Lagerplatz am Rand des Dorfs türmten sich meterhoch gestapelte Stämme von tropischen Hölzern. Mehr oder weniger gut instand gehaltene Lastkraftwagen und meist angerostete Verladekräne sorgten üblicherweise für Lärm und regen Betrieb auf dem riesigen Grundstück. Aber heute standen alle Maschinen still und waren stumme Zeugen des großen Tages in Mupando.

Den Rücken gegen einen mächtigen Baumstamm gelehnt, beobachtete er das geschäftige Treiben im Ort. Frauen wuselten kreuz und quer über die aufgeweichte Straße, verschwanden in Hütten, tauchten mit Körben beladen wieder auf, tratschten kurz miteinander und verschwanden wieder in ihren Häusern. Männer waren nicht zu sehen. Nur der Pastor trat kurz aus der Kirche und glättete mit einem Rechen den geschotterten Zugangsweg.

„Na, bist du schon nervös?“, fragte eine hell klingende Stimme in seinem Rücken.

Er erschrak und fuhr herum. Entgeistert starrte er sie an, denn er hatte die Annäherung des Mädchens nicht bemerkt.

Sie lachte. „Na, du bist ja schreckhaft“, sagte sie mit einem vergnügten Ausdruck in ihrem hübschen Gesicht.

„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte sie.

„Wenn es sein muss“, sagte er mürrisch und blickte verschämt zu Boden. Er war verärgert, dass er sich so erschrocken hatte und sie ihn deshalb auslachte. Sie setzte sich neben ihn.

„Und, bist du schon nervös?“, wiederholte sie ihre ­Frage.

„Warum sollte ich nervös sein?“, sagte er. „Mein Bruder heiratet heute, nicht ich. Aber warum bist du hier? Deine große Schwester ist die Braut. Habt ihr Mädchen da keine Arbeit?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Kann schon sein, aber ich habe keine Lust. Ich habe mich aus dem Haus geschlichen und unterhalte mich lieber mit dir.“

Er sah sie an. Sifa war ein wenig jünger als er und hatte eine schmale, mädchenhafte Figur. Ein Haarreifen bändigte ihre langen Haare. Er hatte sie erst gestern kennengelernt, aber gesprochen hatte er nicht mit ihr. Nur verstohlen angesehen hatte er sie, denn sie gefiel ihm wirklich gut.

„Worüber möchtest du dich unterhalten? Ich weiß ja nichts“, sagte er ein wenig verlegen. Mit seinen sechzehn Jahren hatte er noch keine Erfahrung im Umgang mit Mädchen. Und schon gar nicht mit solchen, die ihm gefielen. Die Schule, die er in Goma besuchte, war ein katholisches Knabeninternat und sonst kannte er eigentlich nur seine kleine Schwester, die er ohnehin für dumm hielt.

„Wie gefällt dir Mupando, unsere Weltstadt am Rande des Regenwalds?“, fragte sie ironisch.

Er lachte. „Ja, hier pulsiert das Leben. Da kann Goma nicht mithalten.“

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich in Goma in die Schule gehe. Wenn es auch ein ­Internat für Mädchen ist, aber ich muss diese Einöde hier nicht ertragen“, sagte sie abfällig und rümpfte die Nase.

„Aber deine Familie wohnt doch ...“

„Mein Vater betreibt hier einen Holzgroßhandel“, ­unterbrach sie ihn. „Ihm gehört praktisch der ganze Ort, und fast alle Bewohner arbeiten für ihn. Aber in Wirklichkeit wohnen wir schon längst in Goma. So wie ihr. Und seit dein und mein Vater Geschäftspartner sind, wird von Heirat gesprochen. Das haben wir jetzt davon. Eine arrangierte Hochzeit, und die Herren sind nicht einmal da. Dringende Geschäfte müssen sie abschließen und kommen erst knapp vor der Trauung. Dabei hat meine Schwester noch Glück gehabt, denn dein Bruder ist ein gut aussehender Mann.“

Die redet wie ein Wasserfall, dachte er, aber sie ist wunderschön.

„Eines sage ich dir, ich lasse mich nie verheiraten, niemals!“, fuhr sie fort. „Da kann sich mein Vater auf den Kopf stellen. Ich werde nämlich Ärztin. Dann arbeite ich in den Vereinigten Staaten oder in Europa in einem großen Krankenhaus. Am liebsten wäre mir Los Angeles oder London. Dort finde ich dann meinen Traummann und wir gründen eine Familie. Ich werde drei Kinder und ein großes Haus haben. Aber meinen Beruf werde ich nicht aufgeben.“ Sie sah ihn von der Seite an. „Und was hast du beruflich vor?“

Er hatte sich schon so an ihren Redefluss gewöhnt, dass ihn ihre Frage überraschte.

„Ich ..., ich weiß noch nicht, was ich einmal werden möchte“, sagte er und zuckte mit den Achseln.

„Hast du dir noch nie Gedanken über deine Zukunft gemacht? Bist du vielleicht auch so einer wie alle anderen Menschen hier in Zaire? Lebst du auch in den Tag hinein, ohne an morgen zu denken?“, fragte sie in vorwurfsvollem Ton.

„Nein, das nicht“, sagte er kleinlaut.

„Na, welche Pläne hast du?“

Er wiegte seinen Kopf. „Na ja, ich möchte eigentlich Architekt oder Ingenieur werden und große Projekte für unser Land entwerfen. Aber mein Vater meint, ich soll gemeinsam mit meinem Bruder den Familienbetrieb übernehmen.“

„Und das lässt du dir gefallen?“, rief sie trotzig. „Du bist ein Mann! Lass dir nichts gefallen! Du kannst alles erreichen, was du willst. Und wenn du ein Ziel hast, verfolge es unbeirrbar und konsequent, egal wie lange es dauert. Denn wenn wir etwas im Überfluss besitzen in diesem Land, dann ist es Zeit.“

Er blickte sie mit großen Augen an. Diese kleine Person versprühte eine unbändige Energie. Er fühlte sich wohl in ihrer Nähe, aber auch verunsichert.

Sie sprang auf und wechselte abrupt das Thema: „Hast du schon den Wasserfall im Wald gesehen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Dann komm! Ich zeige ihn dir. Das ist mein Lieblingsplatz. Immer wenn ich in Mupando bin, verbringe ich einige Stunden dort.“

„Aber kommen wir dann nicht zu spät zur Hochzeit?“

„Aber nein, die Hochzeit ist für zehn Uhr angesetzt, das heißt, sie beginnt nicht vor elf. Das schaffen wir locker.“

Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn aus seinem Sitz.

„Los! Laufen wir ein Stück“, sagte sie und setzte sich, ohne seine Hand loszulassen, in Bewegung. Erst musste sie ihn hinter sich her zerren, aber dann fand auch er Gefallen an ihrer Idee. Hand in Hand liefen sie durch den Wald. Plötzlich blieb sie stehen und ließ ihn los.

„Und jetzt schau, ob du mich erwischst“, rief sie und sprintete übermütig los.

Er brauchte einige Sekunden, um seine Überraschung zu verdauen, dann rannte er ihr nach. Sifa war flink und hatte schon einigen Vorsprung. Sie hatte eben einen kleinen Hügel überwunden und war seinem Gesichtsfeld entschwunden. Plötzlich hörte er einen spitzen Schrei. Er blieb wie angewurzelt stehen. Um Gottes willen, dachte er, hoffentlich ist ihr nichts passiert. Und dann rannte er los, so schnell ihn seine Beine trugen. Immer wieder rief er ihren Namen, während er den Hügel hinauffegte. Er lief über die Hügelkuppe, überwand mit einem mächtigen Satz einen Felsbrocken und landete am Beginn des Abhangs. Als er am Stamm eines riesigen Baums vorbeisprang, sah er aus den Augenwinkeln etwas auf seinen Kopf zurasen. Ein heftiger Schlag traf ihn mitten im Gesicht. Den Aufprall auf den Waldboden und die Überschläge den Hügel hinunter spürte er nicht mehr.

Er fühlte einen dumpfen Druck auf seiner Wange, als seine Sinne langsam wieder erwachten. Und dann kam der Schmerz. Pochende, heiße Wellen strömten von seinem Gesicht direkt in sein Gehirn. Unwillkürlich wollte er sich mit der Hand an die Nase fassen, konnte sich aber nicht bewegen. Er öffnete die Augen und sah unmittelbar vor sich ein dreckiges Paar Stiefel. Langsam begann er, sich zu orientieren. Er lag bäuchlings auf der Ladefläche eines Lastwagens, das Gesicht auf den harten Boden gepresst. Die Hände waren am Rücken gefesselt, aber wenigstens seine Beine konnte er bewegen. Er blickte an den Stiefeln hoch und sah, dass uniformierte Beine darin steckten. Und er blickte in den Lauf einer Kalaschnikow, die locker über seinem Gesicht baumelte. Zu Tode erschrocken wagte er kaum zu atmen. Langsam schob er den Kopf in den Nacken. Da die Ladebordwand heruntergeklappt war, bot sich ihm eine Szene des Grauens. Der Lastwagen stand am Rand des kleinen Dorfplatzes. Bewaffnete Soldaten bildeten einen Ring, in dessen Mitte sich die Dorfbewohner drängten, die von den Soldaten aus ihren Häusern gezerrt und hierhergeschleppt worden waren. Ein paar Meter entfernt sah er einen alten Jeep, auf dessen Motorhaube ein Offizier stand. Daneben hatte sich ein junger weißer Söldner in einer fremdartigen Uniform breitbeinig aufgebaut. Er trug eine Schirmmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Unter seinen Augen zierten dicke schwarze Balken sein Gesicht.

„Ich grüße die Ratten von Mupando“, rief der Offizier über den Platz. „Und ich verachte euch zutiefst. Ihr seid Ungeziefer! Ihr seid noch schlimmer als die Hutu-Schweine. Mir wurde zugetragen, dass ihr sie wie Nattern an eurer Brust genährt habt. Ihr habt diese Plage, die wie ein Schwarm Heuschrecken unser Land heimsucht, gehegt, gepflegt und gefüttert. Und wahrscheinlich haben sich die Weiber mit diesem Unrat in ihren Betten gewälzt wie die Schweine im Dreck. Aber wir, die unbesiegbaren Tutsi-Krieger, wir werden diese Parasiten ausrotten. Und wir werden Zaire von Präsident Mobutu befreien. Wir werden diesen korrupten Banditen, diesen Hutu-Freund, zum Teufel jagen. Sogar aus Europa kommen Freunde, die uns bei der Säuberung unseres geliebten Landes helfen.“ Dabei zeigte er mit einer ausladenden Handbewegung auf den Söldner. „Und wir erteilen allen, die diesen Abschaum unterstützen, eine Lehre. Wo ist der Dorfälteste? Tritt vor und gestehe!“

Ein alter Mann löste sich zögerlich aus der zusammengepferchten Menge. Der Söldner zog eine Pistole, ging zu dem Alten und hielt sie ihm an den Kopf.

„Und nun sage mir, wie viele Hutus habt ihr beherbergt?“, bohrte der Offizier weiter.

„Kommandante, ich schwöre, hier waren niemals ­Hutus. Bitte glaubt uns. Wir sind anständige Bürger. ­Niemals waren Hutus hier“, flehte der alte Mann.

„Du lügst!“, schrie der Offizier. „Wir haben einen Hutu festgenommen. Hier, ganz in der Nähe. Und bevor er sein erbärmliches Leben aushauchte, gestand er, dass ihr ihn versorgt habt.“

„Aber das ist nicht wahr. Bitte, Kommandante, da könnt ihr jeden fragen, hier war niemals ein Hutu.“

„Das Hutu-Schwein hat euch verraten. Und wir werden euch lehren, was es heißt, mit dem Feind zu kooperieren.“

Im nächsten Moment dröhnte der metallische Klang eines Schusses über den Platz. Der Kopf des alten Manns wurde zur Seite geschleudert, sein Körper prallte auf der Erde auf. Ein Aufschrei ging über den Platz. Verängstigt drängten sich die Dorfbewohner noch enger zusammen.

„Die kleine Hure da hat uns erzählt, dass ihr heute Hochzeit feiert“, fuhr der Offizier fort.

Der Söldner hatte seine Waffe ins Halfter gesteckt und marschierte zum Jeep zurück. Augenblicke später schleppte er ein Mädchen an den Haaren herbei und warf sie vor dem Fahrzeug zu Boden. Es war Sifa. Sie sah furchtbar aus. Ihr Gesicht war verschwollen, die Lippen aufgeplatzt, ihre Kleidung zerfetzt.

Der Junge schrie auf, als er sie so sah, aber ein Stiefeltritt auf seine Nase ließ den Schrei zu einem Wimmern verebben. Er zerrte an seinen Fesseln. Und er fühlte, dass sich die Stricke etwas lockerten. Vorsichtig bewegte er jetzt unablässig seine Hände, in der Hoffnung, er könne die Fesseln abstreifen. Aber der Horror nahm seinen Lauf.

„Ich bitte die Brautleute und ihre Familien vorzutreten“, sagte der Offizier in einem fast höflichen Ton.

Seine Mutter, seine Schwester, sein Bruder, die Braut und ihre Mutter machten ängstlich ein paar Schritte in seine Richtung.

„Kommt näher!“, befahl der Offizier. „Aber schneller, verdammt noch einmal. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“ Er blickte das zitternde Häufchen an. „Und wo sind die Väter des Brautpaars?“

„Die sind noch nicht hier, die kommen später dazu“, antwortete der Bräutigam.

„Die sind nicht da?“, fragte der Offizier höhnisch. „Schämen sie sich für euch? Was für eine erbärmliche Gesellschaft!“ Er wandte sich einem Soldaten zu. „Reicht mir die Teufelsaustreiber!“ Dann sprang er von der ­Motorhaube. Als sich der Offizier die Brille richtete, sah der Junge auf dem Lastwagen das erste Mal sein Gesicht. Und er wusste, dass er dieses Gesicht niemals vergessen würde.

Zwei Soldaten schleppten eine Art Tablett, auf dem Werkzeuge unterschiedlicher Größe lagen, heran. Der Offizier prüfte einige davon und entschied sich für einen schweren Hammer. Langsam ging er, Schulter an Schulter mit dem Söldner, auf die kleine Gruppe zu.

„So, du bist also der Bräutigam dieser traurigen Hochzeitsfeier. Aber du siehst gar nicht aus wie ein richtiger Mann. Kannst du einer Frau überhaupt Kinder machen? Zieh dich aus! Wir wollen sehen, was die arme Braut erwartet.“ Der Europäer hatte seine Pistole in Anschlag gebracht und verlieh damit der Forderung des Offiziers Nachdruck.

„Kommandante, haltet ein!“, rief der Pastor und ging auf den Offizier zu. Mit gefalteten Händen blieb er vor ihm stehen. „Ich flehe euch an, lasst Gnade walten! Das sind brave Menschen und gottesfürchtige Christen. Bitte, tut ihnen ...“

Mit einem Aufschrei ging der Pastor zu Boden. Der ­Offizier hatte ihn mit einem wuchtigen Schlag seitlich am Knie getroffen.

„Schafft mir dieses wimmernde Priesterlein aus den Augen“, befahl er.

„Na, bist du bald nackt?“, drehte er sich wieder dem Bräutigam zu und spielte dabei bedrohlich mit dem Hammer. Der Bruder des Jungen zog sich aus und kreuzte die Arme verschämt vor seinem Geschlecht.

„Gib die Hände weg!“

Langsam bewegte der Bräutigam die Hände zur Seite.

„Und mit diesem Schwänzchen willst du eine Frau begatten?“, schrie der Offizier und lachte boshaft.

Die Soldaten stimmten in das höhnische Gelächter ein.

„Hat dir dein Vater nicht gesagt, dass man als Ehemann einen festen Prügel braucht? Aber was schert sich dein alter Herr? Der kommt ja nicht einmal zur Hochzeit seines Sohnes.“

Er wandte sich der Brautmutter zu. „Und du? Schau dir dieses Ringelschwänzchen an. So eine erbärmliche Kreatur hast du für deine Tochter ausgewählt? Aber ich kann mich auch täuschen. Vielleicht wird ja aus dem Würstchen noch eine knorrige Eiche. Knie nieder, du Hure, und nimm den Winzling in den Mund. Und ich rate dir, mach ihn schön groß und steif. Beweise uns, dass er ein würdiger Bräutigam ist.“

Der Söldner zwang die Brautmutter auf die Knie und drückte ihr Gesicht gegen den Penis ihres Schwiegersohns. Ströme von Tränen liefen über ihre Wangen. Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte energisch ihren Kopf.

„Du weigerst dich?“, brüllte der Offizier. „Dir ekelt vor deinem eigenen Schwiegersohn? Wozu bist dann noch nütze?“ Mit einem kräftigen Schwung sauste der Hammer auf ihre Schädeldecke. Während ihr lebloser Körper zusammensackte, wischte der Offizier den blutigen Hammer an ihrer Kleidung ab.

„Weg mit der Alten“, rief er.

„Ich habe eine Idee“, sagte der Söldner. Mit entschlossenem Schritt stapfte er zurück zum Jeep. Er packte die am Boden kauernde Sifa, schleifte sie zum nackten Bräutigam und zwang sie vor ihrem Schwager auf die Knie. Mit seiner linken Hand griff er an ihr Kinn und drehte ihr Gesicht langsam hin und her. Sifa blickte ihn wie versteinert an, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben.

„Die Kleine soll es versuchen!“, sagte der Söldner. „Die hat noch einen jungen, engen Mund und nicht so ein Schandmaul wie die Alte.“

Der Offizier deutete auf die Mutter des Jungen. „Du, komm her!“, sagte er scharf. „Du stellst dich jetzt neben deinen Sohn und gibst ihnen Anweisungen. Du willst doch nicht, dass er eure Familienehre in aller Öffentlichkeit in den Dreck zieht, oder?“

Der Söldner drückte Sifas Kopf nach vor. Zaghaft nahm sie den schlaffen Penis des Bräutigams in den Mund. Am ganzen Körper zitternd, stand er mit gesenktem Kopf da, schluchzte, seine Lippen bebten. Der Offizier stand vor ihnen, die Hände mit dem Hammer hinter seinem Rücken. Er wippte ungeduldig auf den Zehenspitzen auf und ab.

„Na, wird das heute noch etwas?“, schrie er die beiden an.

Einige Sekunden später trat er hinter Sifa. Er fasste ihren Haarschopf und zog ihren Kopf zurück.

„Lass mal sehen, ob du etwas taugst“, sagte er.

Der immer noch schlaffe Penis glitt aus ihrem Mund.

„Das ist doch nicht möglich“, sagte er. „He, Alte! Knie nieder und erklär ihr verdammt noch einmal, wie das geht. Das wäre doch gelacht, wenn wir dem Versager nicht doch noch einen Prügel verschaffen könnten.“

Die Mutter des Bräutigams sank auf die Knie und begann auf Sifa einzureden.

Inzwischen hatte sich der Offizier wieder an die entsetzte Dorfbevölkerung gerichtet: „Ihr ungebildeten Bauern­tölpel habt heute Glück. Ich werde euch eine Unterrichtsstunde in Geschichte erteilen. Also spitzt eure dreckigen Ohren und lernt! Seit Anbeginn der Menschheit gibt es in Ländern, die Kultur haben, ein wichtiges Gesetz. Jus primae Noctis, das ist lateinisch und heißt das Recht der ersten Nacht. Und was bedeutet das? Nichts weiter, als dass ein Gerichtsherr das Recht hat, bei einer Heirat die Hochzeitsnacht als Erster mit der Braut zu verbringen. Und ich bin euer Gerichtsherr, denn auf euch wartet das jüngste Gericht.“ Er drehte sich wieder zu seinen Soldaten und zeigte auf die Braut. „Entkleidet sie!“

Einige Soldaten stürzten sich auf die junge Frau, und Sekunden später war sie nackt. Sie schrie und wand sich, aber es nützte ihr nichts.

„Hebt sie mir hoch!“

Die Soldaten ergriffen das Mädchen hart an Armen, Hüften, Kopf und Beinen, stemmten sie hoch und hielten sie in waagrechter Position fest.

„Beine spreizen!“, befahl der Offizier.

Die Soldaten gehorchten. Der Offizier legte den Hammer auf den Boden, knöpfte seine Hose auf und trat zwischen die Schenkel des Mädchens. Ein gellender Schrei entfuhr ihrer Kehle, ihr Körper bäumte sich schmerzerfüllt auf, als er brutal in sie eindrang. Mit beiden Händen fasste er an ihre Brüste und drückte kräftig zu. Mit mächtigen Stößen schändete der Offizier die junge Braut in aller Öffentlichkeit. Und seine Soldaten feuerten ihn mit lautem Gejohle und zotigen Sprüchen an. Als er von ihr abließ, wimmerte das Mädchen nur noch. Er trat zurück und nahm den Hammer wieder auf.

„So, jetzt weiß sie wenigstens, wie ein richtiger Mann vögelt.“

Er wandte sich wieder dem Bräutigam zu. „Und? Wie weit seid ihr? Steht er schon?“, fragte er höhnisch.

Der Söldner trat hinter Sifa und riss ihren Kopf zurück.

„Ja, um Gottes willen, da geht ja immer noch nichts“, sagte der Offizier hämisch. „Was ist denn mit dir los?“, fragte er die Mutter. „Dein Sohn kriegt keinen Ständer. Und du bist nicht imstande, der Kleinen zu erklären, wie man einen Mann verwöhnt. Du alte Kuh bist einfach zu nichts zu gebrauchen.“ Dabei holte er weit aus, und ­Sekundenbruchteile später traf der Hammer wuchtig ihre Schläfe. Lautlos sackte sie zusammen. Ein Strom von Blut quoll aus der klaffenden Wunde am Kopf.

Der Junge auf dem Lastwagen bäumte sich auf und brüllte. Hilflos musste er das ungeheuerliche Geschehen mit ansehen. Aber zwei kräftige Tritte gegen die Nase ­ließen ihn sofort verstummen.

„Schafft sie weg!“, befahl der Offizier.

Der Bräutigam war auf die Knie gesunken. Weinkrämpfe schüttelten seinen Körper.

„Steh auf, du Waschlappen! Wenn du ein richtiger Mann wärst, wären die Weiber noch am Leben. Aber nein, du musst ja der ganzen Welt zeigen, dass du keinen hochkriegst.“

Die Soldaten hoben den Bräutigam auf und hielten ihn fest.

„Wenn nicht einmal die Kleine dein Würstchen steif kriegt, dann kann dir wohl niemand helfen. Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben. Wenn dich meine Lehrstunde mit der Braut nicht aufgegeilt hat, weiß ich auch nicht weiter. Du bist einfach ein wertloses Stück Dreck.“

Und während er die letzten Worte aggressiv zischte, holte er weit aus und ließ den Hammer mit mächtigem Schwung von unten gegen den Unterleib des jungen Mannes sausen. Wie vom Blitz getroffen krümmte sich der Bräutigam, fasste sich an die Genitalien und wälzte sich mit ohrenbetäubendem Gebrüll auf dem Boden des Dorfplatzes.

„So, ich bin hier fertig“, sagte der Offizier und wandte sich an den Söldner. „Mein Freund, was meinst du? Ist unter diesem Abschaum vielleicht eine, mit der du dich vergnügen möchtest?“

Der Söldner blickte suchend in die Menge. Dann fiel sein Blick auf Sifa. „Ich weiß nicht, aber irgendwie gefällt mir die Kleine“, sagte er. „Sie kann zwar nicht blasen, aber zum Vögeln müsste sie noch eng genug sein. Genauso wie ich es am liebsten mag.“

„Wie du meinst“, sagte der Offizier. Dann baute er sich vor seinen Männern auf. „Sucht ein paar kräftige Jungen aus, die als Soldaten zu gebrauchen sind. Dann gehören die Weiber euch!“

Er drehte sich um und ging unter dem Gejohle seiner Männer zurück zum Jeep. Die Soldaten stürzten sich auf die verängstigte Dorfgemeinschaft und begannen mit der befohlenen Massenvergewaltigung. Unbeschreibliche ­Szenen spielten sich ab. Der grölende Haufen jagte Frauen und Mädchen, presste sie zu Boden und vergewaltigte sie. Männer und Kinder wurden misshandelt und verprügelt.

Entsetzt starrte der Junge auf das Treiben. Seine kleine Schwester war aus seinem Blickfeld verschwunden. Aber er sah Sifa. Und er sah den Söldner, der sie mit brutalen Stößen auf jede erdenkliche Art vergewaltigte. Obwohl er sie dabei schlug, gab sie keinen Laut von sich. Stumm, mit ausdruckslosem Gesicht, ließ sie die Tortur über sich ergehen.

Er war wie betäubt. Wie in Trance hatte er unentwegt seine Hände bewegt. Die Seile hatten sich gelockert. Der Soldat, der ihn bewachte, wurde unruhig. Er wollte auch mitmachen und forderte lautstark seine Ablösung. Plötzlich spürte der Junge, dass sich die Stricke lösten. Endlich konnte er seine wund gescheuerten Arme befreien. Er blickte zu dem Soldaten hoch, aber der hatte nur Augen für das Treiben am Dorfplatz. Wild entschlossen fasste der Junge all seinen Mut zusammen. Blitzschnell sprang er auf und versetzte dem Soldaten einen kräftigen Stoß. Während der Wachposten von der Laderampe stürzte, sprang er mit einem mächtigen Satz vom Lastwagen und sprintete los. Als er den Waldrand erreichte, hörte er aufgeregtes Rufen, Geschosse zirpten an ihm vorbei. Gehetzt wie ein wildes Tier rannte er durch den Wald, bis er völlig ausgepumpt zusammenbrach.

Festivalgelände, Wiesen, Burgenland, Österreich

Samstag, 25. August 2012, 20.30 Uhr

Brütende Hitze und heiße karibische Klänge verbreiteten jamaikanisches Flair. Und Capleton bot Reggae vom Feinsten. Seine Leidenschaft hatte die Besucher des Sunsplash Festivals sofort erfasst. Tausende Leiber verrenkten sich im Takt der Rhythmen, die aus den unzähligen Lautsprechern dröhnten. Ein Meer von Körpern und hochgestreckten Händen wogte ekstatisch vor der Bühne.

Der Zauber der Karibik hatte auch Julia in den Bann gezogen. Anmutig bewegte die zwanzigjährige Blondine ihren schlanken Körper zu dem kraftvollen Sound. Mit geschlossenen Augen und einem seligen Lächeln im Gesicht gab sie sich der Musik hin. Ein kurzes Top und hautenge Jeans betonten ihre makellose Figur. Der ­Festivalpass, den sie an einem Band um den Hals trug, und die Umhängetasche aus Stoff baumelten im Takt ihrer Bewegungen. Julia war glücklich. Und das hatte Gründe. Einer davon lag eine halbe Stunde zurück. Erst hatte sie das geräumige Zelt aufsuchen wollen, das Robert und Tina vor jeder Veranstaltung im Campingwald aufbauten. Aber Julia war viel zu aufgekratzt. Sie brauchte sofort eine Dröhnung. Und während die letzten Töne der spirituellen Klangwolke Lucianos das Tal erfüllten, zog sie sich am Klosett einen erstklassigen Joint rein.

Betört vom Gras war Julia in den Backstagebereich getänzelt. Luciano hatte mittlerweile Capleton die Bühne überlassen und war mit seiner Truppe in den Garderoben verschwunden. Im streng abgeschirmten Versorgungsbereich für die Künstler hielten sich momentan nur wenige Personen auf. Julia tanzte allein neben dem Bühnenaufgang und fühlte sich wie auf einer einsamen Insel. Als der Jamaikaner den Song beendete, öffnete sie die Augen. Sie ging zur Bar und setzte sich auf einen Hocker vor dem kleinen Tresen.

„Hi, Sonja, weißt du, wo der Franz ist?“, fragte sie das Mädchen hinter der Bar.

„Vor zehn Minuten war er noch da. Aber weit weg wird er nicht sein. Willst du etwas trinken, während du wartest?“

Julia überlegte kurz. „Ja, mix mir bitte einen Tequila Sunrise.“

Während Sonja den Drink zubereitete, wippte Julia mit dem Oberkörper im Takt der Musik.

„Sonja, ich muss den Capleton in natura sehen. Ich hole mir den Drink später.“

Das Barmädchen nickte und stellte das Glas unter den Tresen. Julia hüpfte vom Hocker und ging zum Bühnenaufgang. Sie huschte die Holztreppen hoch und stellte sich seitlich hinter die riesigen Boxen. Begeistert betrachtete sie die Show. Im Wechselspiel der Scheinwerfer bot Capleton ein farbenfrohes Kunstwerk aus Einsatz und Leidenschaft. Julia kramte in ihrer Tasche und holte ihr Smartphone heraus. Sie aktivierte die Videofunktion und drückte auf die Aufnahmetaste. Obwohl sie Lust zu tanzen hatte, zwang sie sich, ruhig zu stehen, um die Aufnahme nicht zu verwackeln. Nach einigen Minuten spürte sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter.

„Julia, was machst du denn da?“, fragte Eric, einer der Männer von der Security, den sie schon ewig kannte.

„Nichts Besonderes“, antwortete Julia mit unschuldigem Blick. „Ich genieße die Show.“

„Aber auf der Bühne hast du nichts verloren, das weißt du.“

„Ich störe doch niemanden hier.“

„Trotzdem, komm bitte mit“, sagte Eric bestimmt.

Seltsame Bräuche, dachte Julia. Aber es war ihr egal. Sie steckte ihr Handy in die Tasche, und Eric geleitete sie die Treppe hinab. Julia nahm wieder an der Bar Platz. Sie nippte an ihrem Drink. Ihre Laune konnte nicht besser sein.

„War der Franz schon da?“, fragte sie Sonja.

„Nein, was willst du von ihm?“

„Ich habe etwas Erfreuliches für ihn. Aber ich möchte sein Gesicht sehen, wenn ich es ihm zeige“, sagte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Julia sah sich um. An einem der Tische neben der Bar saß ein junger Mann mit kaffeebrauner Haut und Rastazöpfen. Interessiert betrachtete sie ihn.

„Den würde ich nicht von der Bettkante schubsen“, sagte sie zu Sonja.

Das Barmädchen lachte. In diesem Moment hob der Mann den Blick und sah Julia an. Nach einem kurzen ­Augenkontakt stand er auf und kam mit wiegenden Hüften auf sie zu. Als Julia in seine Augen blickte, lief ihr ein wohliger Schauer über den Rücken. Was für ein Kerl, dachte sie, als sich der junge Mann an die Bar stellte.

„Hello, Sunshine“, sprach er Julia an.

„Hallo“, flötete Julia. Dabei lächelte sie, und ihre Augen strahlten. Sie neigte ihren Kopf ein wenig zur Seite und strich sich die Haare hinter ihr Ohr. Den folgenden Smalltalk führten sie in deutscher Sprache, die Sammy, so hieß der Typ, fast akzentfrei beherrschte. Sie bestellten noch einen Drink, scherzten, lachten und tanzten. Als Sammy wie zufällig ihre Hand berührte, war Julia wie elektrisiert. Sie hatte das Bedürfnis, sich an ihn zu schmiegen. Er trat hinter sie und umfasste mit beiden Armen ihren Bauch. Sanft drückte er sie gegen seinen Brustkorb. Julia legte ihre Hände auf seine Unterarme und presste ihren Rücken an seinen Körper. Sie drehte den Kopf und sah ihm in die Augen. Seine Lippen näherten sich langsam ihrem Gesicht. Er küsste sie behutsam, und Julia erwiderte den Kuss. Während seine Zunge gefühlvoll mit der ihren spielte, schmolz sie endgültig dahin. Julia war hochgradig erregt. Er nahm seine Lippen von ihrem Mund und küsste sie sanft in den Nacken. Dann flüsterte er ihr ins Ohr, ob sie an einer guten Prise interessiert sei, denn er habe erstklassigen Stoff. Julia sah ihn an und nickte.

„Aber nicht hier. Ich kenne ein viel schöneres Plätzchen“, hauchte sie.

Sie löste sich aus seinen Armen und wandte sich dem Barmädchen zu.

„Sonja, sag Franz, er soll auf jeden Fall auf mich warten. In einer Stunde bin ich wieder da. Ich zeig Sammy nur das Gelände, er ist nämlich das erste Mal hier.“

Sonja nickte und grinste vielsagend. „Viel Spaß!“

Julia lächelte ein wenig verlegen. Dann schnappte sie sich ihr Mobiltelefon. Umständlich suchte sie den Ordner mit den Videodateien und drückte die Uploadtaste für ihre Dropbox. Als sie bemerkte, wie langsam die Über­tragung war, wurde sie ungeduldig. Sie ließ das Telefon in die Tasche gleiten. Das kann auch allein arbeiten, dachte sie. Ihr Exfreund Paul würde sich über den Clip mit Capleton bestimmt freuen. Sie durfte nur nicht vergessen, ihm nach dem Upload den Link zu schicken.

Übermütig schnappte sie Sammys Hand und zog ihn hinter sich her. Hand in Hand verließen sie den Künstlerbereich und traten auf die Straße. Auf dem Weg zum Zeltplatz blieben sie immer wieder stehen und küssten einander leidenschaftlich. Julia war betört. Die kräftigen Rhythmen Capletons, die Schwüle der Nacht, das Gras, ein paar Drinks und dieser heiße Mann in ihren Armen ließen sie alles um sich herum vergessen. Sie schlüpften durch den Zelteingang und setzten sich auf den Boden. Julia entzündete eine Kerze. Sammy fingerte einen Spiegel und ein kleines Päckchen aus seiner Hosentasche. Im ­flackernden Kerzenschein legte er mit geübten Bewegungen eine weiße Linie auf den Spiegel. Dann rollte er ­einen Geldschein zu einem Röhrchen. Julia zog das Koks in ihre Nase. Sie kniff die Augen zu und verzerrte das Gesicht, als sie das brennende Pulver spürte. Kokain war sie nicht gewohnt. Normalerweise rauchte sie nur Gras. Sammy war da viel routinierter. Er verzog keine Miene, als er sich die Straße reinzog. Julia sah ihn an und lächelte. Sie kroch zu ihm und küsste ihn. Nach wenigen ­Minuten spürte sie die Wirkung der Droge. Sie drehte sich um, öffnete die Innenplane und blies die Kerze aus. Dann zog sie Sammy in den hinteren Teil des Zelts. Hier war der Boden mit Matratzen ausgelegt. Auf der Bühne hatte mittlerweile Jimmy Cliff Capleton abgelöst. Der Reggae des Altmeisters mit der schwermütigen Falsettstimme erfüllte das Tal.

Sammy küsste Julia und drückte sie an sich. Sie spürte seine kräftigen Finger auf ihrem Rücken, ihren Beinen, an den Brüsten. Julia war heiß. In ihrer Ungeduld riss sie ihm beinahe das Hemd vom Leib. Er lächelte und schlüpfte selbst aus den Kleidern. Sie schmiegte sich an ihn und bedeckte seinen Körper mit Küssen. Seine Haut war mit einem schwachen Schweißfilm überzogen, und er roch nach einem exotischen Parfüm. Die Wirkung der Droge hatte nun voll eingesetzt. Ihre Lust steigerte sich unaufhörlich. Ihre Lenden bebten vor Verlangen. Seine Hände spielten mit ihr. Er streichelte ihre Haut, und seine Lippen liebkosten ihre Brüste. Mit leichtem Druck öffnete er ihre Beine. Während seine Zunge sie sanft wie ein Kätzchen verwöhnte, packte er ihre Brüste mit festem Griff. Sie warf den Kopf hin und her und spürte, wie er in sie eindrang. Seine erst langsamen, behutsamen Stöße wurden schneller und kräftiger. Und plötzlich entlud sich ihre Lust in ­einen gewaltigen Orgasmus. Sie keuchte. Während sie noch nach Atem rang, sah sie einen kurz aufflackernden Feuerschein am Zelteingang. Sie hörte ein zischendes Geräusch, und Sammys Kopf knallte hart gegen ihr Ohr. Und dann blickte sie direkt in einen weiteren Feuerblitz. Den Einschlag in ihre Stirn spürte sie nicht mehr.

Rosengasse, Mattersburg, Burgenland, Österreich

Samstag, 25. August 2012, 23.30 Uhr

Verdammt, ist das Zeug scharf, dachte Polizeioberst Marc Vanhagen zufrieden, als er die köchelnde Soße kostete. Scharf, aber gut. Er schmeckte sie nochmals ab und fand, dass noch etwas fehlte. Er gab einen Schuss Balsamico in den großen Topf, kostete erneut und schaltete den Herd aus. Das Rezept für diese ultrascharfe Soße aus pürierten Tomaten mit Paprikastreifen und frischen Habanero-Chilis hatte er selbst kreiert. Marc war ein Chilihead. Er aß für sein Leben gern scharf. In allen Restaurants, in denen er scharfe Speisen bestellte, wurde er enttäuscht. Vor einigen Jahren hatte ihm ein Bekannter aus Mexiko die schärfsten am Markt erhältlichen Chilis mitgebracht. Marc war begeistert und beschloss, selbst Chilis zu züchten. Er kaufte Bücher, lernte alles über die richtige Anzucht und Pflege der Pflanzen und orderte schließlich per Internet diverse Chilisamen. Schon die erste Ernte war äußerst ertragreich. Er verarbeitete die Chilis zu Pulver, zu Salsas, zu Ketchup und probierte eine Unzahl von ­Rezepten aus. Und eines Tages kam er auf die Idee, dass es vielleicht mehr so Verrückte wie ihn gab. Er stellte eine Rezeptur für eine Habanero-Soße zusammen und nannte sie Hellfire. Freddy, seine Frau, bot die Soße als Füllung für ihre Feuerflecken an. Und siehe da, die Hellfire-Soße erfreute sich bei den Besuchern der Festivals in Wiesen zunehmender Beliebtheit.

Für Marc Vanhagen war die Chilizucht eine angenehme Freizeitbeschäftigung. Das ganze Jahr über hegte und pflegte er seine Pflanzen. Und heute hatte er wieder reife Chilis geerntet. Voller Stolz blickte er auf den Korb mit den verschiedenen Sorten und überlegte, was er daraus machen würde.

Marc erschrak ein wenig, als sein Mobiltelefon läutete. Am Display sah er, dass seine Frau ihn sprechen wollte. Freddy betrieb am Festivalgelände in Wiesen einen Verkaufsstand mit burgenländischen Schmankerln. Sina und Michael, ihre Kinder, halfen ihr vor Ort, während Marc zu Hause in Bereitschaft war, denn wenn er Zeit hatte, war er für den Support zuständig. Freddy war in Wiesen zwar bestens gerüstet, aber aus Platzgründen lagerte sie einen Teil der Waren zu Hause. Und wenn die benötigt wurden, brauchte sie einen Zulieferer. Diese Aufgabe übernahm Marc.

„Hallo, Freddy, womit kann ich dir diesmal dienen?“, fragte er in Anspielung auf seine drei Lieferfahrten an diesem Tag.

„Marc, kannst du schnell kommen?“, fragte Freddy mit ungewohnt ernster Stimme. „Es ist etwas passiert.“

Marc durchfuhr eine heiße Welle. Sofort dachte er an seine Kinder und blitzschnelle Szenarien von furchtbaren Geschehnissen durchzuckten sein Gehirn. „Was ist los?“, fragte er in scharfem Ton.

„Auf dem Campingplatz wurde angeblich ein Toter gefunden“, sagte Freddy.

Marc entspannte sich augenblicklich. „Und ich dachte schon, Sina oder Michael wäre etwas passiert. Du versetzt mich ja in Furcht und Schrecken“, sagte er mit hörbarer Erleichterung.

„Entschuldige, das war nicht meine Absicht. Kannst du trotzdem schnell kommen?“

„Worum geht es überhaupt? Wer ist der Tote? Und was soll ich dort?“, fragte Marc. Er dachte sofort an ein Drogenopfer. Es war keine Seltenheit, dass sich ein Junkie bei einem Festival den goldenen Schuss verpasste. In Wiesen war das zwar erst einmal, und das vor Jahren, vorgekommen, aber verhindern konnte das niemand.

„Ich weiß nicht, wer der Tote ist und was wirklich passiert ist. Aber Mini steht bei mir und hat mich gebeten, dich anzurufen.“

„Aber es sind doch genügend Polizisten vor Ort“, wandte Marc ein. „Die können mit der Situation schon umgehen. Ich bin ja gar nicht zuständig. Und außerdem habe ich Urlaub, wie du weißt.“

„Ist klar, aber ich gebe dir Mini. Besprich das mit ihr.“

Bevor er protestieren konnte, gab Freddy das Handy an Mini weiter. Hermine Bogner, die richtig böse werden konnte, wenn jemand sie Hermine und nicht Mini nannte, war seit Bestehen des Festivals eine tragende Säule des Familienunternehmens. Ihren Mann, Franz Bogner, hatte sie schon in jungen Jahren geheiratet. Gemeinsam bauten sie die Festivals in Wiesen zu Kultstätten der Musik aus. Franz war der Visionär der Familie und Mini die umsetzende Kraft. Sie führte den gesamten Gastronomiebereich und erledigte die Buchhaltung. Außerdem kümmerte sie sich um die Reinigung des Geländes, das bereits wenige Stunden nach einer Veranstaltung wieder wie eine gepflegte Parkanlage aussah. Mini war ein Arbeitstier. Mit ruhigen, aber bestimmten Anweisungen dirigierte sie ihre Crew, ohne dabei die Chefin heraushängen zu lassen. Meist in Sweatshirt und Jeans gekleidet, packte sie überall an, wo Not am Mann war, und sie war sich für keine Arbeit zu schade. Während eines Festivals arbeitete sie konzentriert und wirkte für Außenstehende barsch, ja fast ein wenig abweisend. Aber Mini war ein herzensguter Mensch, lachte gern und hatte einen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen, was ihr natürlich schon einige Enttäuschungen beschert hatte. Marc Vanhagen und seine Frau Freddy waren schon jahrelang mit der Familie Bogner befreundet.

„Marc, kannst du bitte vorbeikommen?“, fragte Mini ernst.

„Worum geht es?“

„Soeben kam eine Meldung von einem unserer Securityleute herein. Ich hörte, wie Mick, der Chef der Security, schrie, dass auf dem Campingplatz ein Toter gefunden worden sei. Dann stürmte er in den Bereitschaftsraum und alarmierte die Polizei. Im Moment ist hier der Teufel los.“

„Ein Drogenopfer?“, fragte Marc. „Es sind ein Dutzend Polizisten bei euch stationiert, die werden den Fall schon ordentlich abwickeln.“

„Angeblich soll überall Blut sein“, sagte Mini leise. „Ich bitte dich, komm. Du bist bei der Kriminalpolizei, und ich will, dass du dabei bist.“

Marc überlegte kurz. Er war weder zuständig, noch wollte er sich in den Vordergrund spielen. Aber Mini eine derartige Bitte abzuschlagen, war unmöglich.

„Na gut“, sagte er mit gemischten Gefühlen. „Ich bin gleich da.“

Festivalgelände, Wiesen, Burgenland, Österreich

Samstag, 25. August 2012, 23.59 Uhr

Die paar Kilometer von Mattersburg nach Wiesen schaffte Marc Vanhagen in wenigen Minuten. Er fuhr mit seinem Dienstwagen, und bevor er die Ortseinfahrt von Wiesen erreichte, aktivierte er das Blaulicht. Als er von der Landesstraße in die Schöllingstraße zum Festivalgelände abbog, wurde er von uniformierten Kollegen durchgewinkt. Auf der Zufahrtsstraße tummelten sich so viele Festivalbesucher, dass er nur im Schritttempo vorankam. Er parkte direkt vor dem Personaleingang, stieg aus und entdeckte Mini inmitten einer Menschentraube, die aufgeregt diskutierte.

Sie kam auf ihn zu. „Danke, Marc, dass du so schnell gekommen bist.“

„Keine Ursache. Wo ist der Fundort des Toten?“

„Da hinten“, sagte Mini und deutete mit der Hand in Richtung Campingplatz. „Die Straße weiter und gleich rechts am Waldrand. Es soll eines der ersten Zelte sein.“

Marc blickte in die gezeigte Richtung und überlegte. Die Straße war voller Menschen, der Festivalabend neigte sich seinem Ende zu. In lockerem Laufschritt schlängelte er sich durch die aus dem Veranstaltungsgelände strömenden Massen. Am Anfang des weitläufigen, ­hügeligen Campingareals hielt er an. Links stand ein mit Videokameras bestückter Beleuchtungsmast, der weite Teile der Umgebung mit starken Scheinwerfern flutete. Rechts der Straße reichte ein Teil des Campingplatzes in den Wald hinein. Nach einer sanften, mit Büschen bewachsenen Böschung flachte das Gelände nach wenigen Metern deutlich ab und verlief dann fast eben weiter. Der teilweise kahle Boden mit seinem lockeren Baumbestand bot den Campern das Feeling, mitten im Wald zu logieren.

Das Zelt, in dem der Tote gefunden worden war, stand auf der ersten flachen Stelle nach dem Anstieg. Dort ging es zu wie auf einem Rummelplatz. Uniformierte Kollegen, Securityleute und Neugierige bildeten eine dichte Menschentraube. Die rotierenden Blaulichter der am Straßenrand geparkten Einsatzfahrzeuge warfen ein gespenstisches Licht auf die Szenerie. Gepaart mit den kraftvollen Reggaeklängen von Alpha Blondy, die das Tal erfüllten, bot sich Marc eine unwirklich anmutende Szenerie. Er ging in Richtung der Menschenansammlung, als ihn ein etwas abseits stehender Mann ansprach.

„Hallo, Marc, bist du dienstlich hier?“, fragte Mick, der Chef der Security.

„Servus, Mick. Nein, Mini hat mich angerufen. Sie will, dass ich hier dabei bin. Was ist eigentlich los?“

„Eine ganz schöne Sauerei. In dem Zelt da liegen zwei Leichen.“

„Zwei? Ich habe von einem Toten gehört.“

„Nein, zwei! Eine Frau und ein Farbiger. Das Mädchen ist Julia Sykora.“

„Ist das die Blonde, die fallweise auf dem Gelände arbeitet?“, fragte Marc erschrocken, da er sie vom Sehen kannte.

Mick nickte. „Ja. Beide sind nackt und weisen je zwei Schusswunden auf.“

„Wie bitte?“, entfuhr es Marc. „Also ein Gewaltverbrechen. Weißt du etwas über den Hergang?“

Mick schüttelte den Kopf. „Sieht nicht nach Selbstmord aus. Von einem Schützen gibt es keine Spur. Aber vielleicht wissen die Weltmeister da schon mehr.“ Dabei deutete er auf die Polizisten. „Die führen sich auf, als hätten sie noch nie etwas von Tatortsicherung gehört.“

Mick war früher selbst bei der Kripo gewesen und wusste, wovon er sprach.

„Ich habe meine Leute angewiesen, wenigstens notdürftig eine Absperrung zu errichten. Aber ein paar der Polizisten trampeln herum wie Elefanten in einem Porzellanladen. Eine junge Beamtin hat nach dem Anblick der Leichen sogar in das Vorzelt gekotzt.“ Er schüttelte den Kopf. „Die Spurensicherung wird sich freuen.“

„Wer hat die Toten gefunden?“, fragte Marc.

Mick zeigte auf ein Pärchen, das einige Meter vom Zelt entfernt auf dem Boden kauerte und von einigen Polizisten umringt war.

„Die zwei dort. Angeblich sind es Freunde von Julia, aber mehr weiß ich auch nicht.“

„Danke, Mick, wir sehen uns später“, sagte Marc und wandte sich dem Tatort zu.

Er zeigte seine Dienstmarke und wurde durch die Absperrung gelassen. Kurz vor dem Zelt blieb er stehen und sah sich um. Hier war tatsächlich alles zertrampelt. Sollten jemals Spuren vorhanden gewesen sein, waren sie jetzt vernichtet. Als Marc seine Tyvek-Gamaschen und seine Latexhandschuhe, die er immer bei sich hatte, überzog, kroch ein Mann aus dem Zelt. Marc kannte ihn. Es war der junge Notarzt, der am Festivalgelände seinen Dienst versah. Der Arzt ging zu den Polizisten, die neben dem Pärchen standen.

Marc näherte sich vorsichtig dem Zelteingang. Behutsam hob er die Zeltplane an und steckte den Kopf in das Vorzelt. Eine Campinglampe erleuchtete das Innere des Zelts. Kleidungsstücke lagen herum, eine Handtasche und eine angebrochene Flasche Mineralwasser. In der rechten hinteren Ecke sah er eine Kerze und einen Spiegel mit Resten eines weißen Pulvers. Auf Teilen der Kleidung, die offensichtlich durchwühlt war, hatte sich Erbrochenes verteilt. In leicht gebückter Haltung schritt Marc zum Eingang des Innenzelts. Die Plane war offen und an der linken Seite befestigt. Auch hier brannte eine Campingleuchte. Marc Vanhagen schluckte bei dem Anblick der beiden Leichen. Wie ein schlafendes Pärchen lagen die Toten nebeneinander. Ein beinahe friedlicher Anblick, wären da nicht die hässlichen Schusswunden und die weit aufgerissenen Augen gewesen. Unter dem Kopf von Julia war die Matratze blutdurchtränkt. Sie hatte Einschusslöcher in der Stirn und in der rechten Brust. In ihrem Gesicht und an der hinteren Zeltwand klebten Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse von ihrem Begleiter. Der junge Farbige wies ein großes Loch am Haaransatz auf. ­Offensichtlich eine Austrittswunde, von einer Handfeuerwaffe verursacht. Für Marc war klar, dass Julia in ihrer jetzigen Position getroffen worden war, während der junge Mann entweder nach den Schüssen von ihr heruntergerollt oder von jemandem bewegt worden war. Marc blickte sich um, entdeckte allerdings keine weiteren Auffälligkeiten. Langsam bewegte er sich wieder zum Zeltausgang, als er draußen eine wohlbekannte Stimme poltern hörte.

„Wer zum Teufel treibt sich an meinem Tatort he­rum?“, schrie Ferdinand Schwarzacher. „Komm sofort aus dem Zelt heraus, bevor ich dich rausprügle.“

Das ist doch die Stimme vom Ferdl, dachte Marc. Er mochte Major Schwarzacher nicht. Und die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit.

Bei jedem Festival kam eine zusammengewürfelte Gruppe zur Suchtgiftbekämpfung zum Einsatz. Ferdinand Schwarzacher war Offizier des Landeskriminalamts Burgenland und hatte offensichtlich heute Dienst in der Suchtgiftgruppe. Als Kriminalbeamter hatte er natürlich sofort die Leitung der Morduntersuchung übernommen.

„Ich komm ja schon, nur keine künstliche Aufregung“, beschwichtigte Marc und trat aus dem Zelt. Der Polizeimajor stand breitbeinig mit in die Hüften gestemmten Armen vor dem Zelt. Als er Marc Vanhagen erkannte, war er sichtlich überrascht. Die Wangen seines Geiergesichts zuckten kurz, und die Löcher seines zu groß geratenen Riechorgans blähten sich auf.

„Wen haben wir denn da?“, fragte er mit überheb­lichem Unterton. „Wenn das nicht der Superbulle aus dem Bundeskriminalamt ist. Was hast du an meinem Tatort zu suchen, du Jerry Cotton für Arme?“ Dabei erhob er seine Stimme, damit alle Umstehenden ihn hören konnten.

Marc fuhr die Zornesröte ins Gesicht. Er machte einen schnellen Schritt auf den Polizeimajor zu und baute sich dicht vor ihm auf.

„Pass auf, du kleines ...“, zischte er scharf und verkniff sich im letzten Moment den Kraftausdruck, der ihm schon auf der Zunge lag. „Wenn du nicht sofort deinen Mund hältst, lernst du mich von einer anderen Seite kennen“, fauchte er in einer Lautstärke, die nur Schwarzacher hören konnte.

„Ist das eine Drohung?“, fragte der Major merklich leiser. Hasserfüllt hielt er dem zornigen Blick Marcs stand.

„Das ist eine Garantie“, sagte Marc mit Nachdruck.

„Über diesen Vorfall muss ich natürlich Meldung ...“

„Wer hat hier das Kommando?“, unterbrach ihn eine schneidende Stimme. Es war der Leiter des Erkennungsdiensts, dessen Truppe sich den Weg durch die Menschenmenge gebahnt hatte. Schwarzacher wandte sich abrupt ab und gab sich als Offizier zu erkennen. Als er an Marc vorbei und auf den Einsatzleiter zugehen wollte, rempelte Marc ihn mit der Schulter an. Es war nur ein leichter Stoß, aber Schwarzacher spielte sofort die Drama Queen.

„Das war eine Tätlichkeit“, schrie er und schaute in die Runde. „Haben das alle gesehen? Dieser Mann hat mich tätlich angegriffen.“

Manche der umstehenden Beamten schauten verwundert, andere blickten betreten zu Boden.

„Wer hat diesen Vorfall gesehen?“, rief er nochmals.

Niemand meldete sich.

„Ich finde schon noch Zeugen für diesen Übergriff, das garantiere ich dir“, sagte Schwarzacher zu Marc. „Das hat noch ein Nachspiel, Herr Oberst Vanhagen. Mit dieser Aktion kannst du deine Karriere als beendet betrachten, das sage ich dir.“

„Du kannst mich mal“, zischte Marc. „Du hast im Zelt zwei Leichen liegen. Kümmere dich lieber um diesen Fall, als dich hier unnötig aufzuspielen.“

Der Major stierte ihn an. „Das werde ich auch, aber du kommst trotzdem nicht ohne Anzeige davon.“ Er wandte sich ab und ließ Marc stehen.

Marc hatte ein schlechtes Gewissen. Ferdinand Schwarzacher hatte ihn zwar geärgert, aber der Rempler war absolut unangebracht gewesen. Scheiße, warum habe ich mich so hinreißen lassen, dachte er. Der Stoß war nicht stark gewesen, und irgendwie könnte er es als zufälligen, unbeabsichtigten Zusammenstoß rechtfertigen, aber Marc wusste genau, dass er zu weit gegangen war. Und was den Tatort betraf, musste er dem Major auch ­irgendwie recht geben. Schließlich befand er sich im Urlaub und trat hier als Privatperson auf. Und als solche hätte er wenigstens fragen müssen, ob er den Tatort betreten dürfe. Marc befand sich in einer Zwickmühle. Als Chef der Spezialeinheit Gewaltkriminalität des Bundeskriminalamts hatte er das Recht, bundesweit die Bearbeitung jedes Tötungsdelikts sofort an sich zu ziehen. Aber dazu musste er sein Special Team aktivieren. Und ob dieser Aufwand gerechtfertigt war, konnte er nicht abschätzen. Oft klärten sich solche Fälle binnen Stunden, und dann hätte er mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Er würde als selbstgefälliger Wichtigtuer dastehen. Und in ­Polizeikreisen war seine Gruppe ob ihrer Machtbefugnisse ohnehin nicht unumstritten. Marc beschloss, erst einmal abzuwarten und sich zurückzunehmen.

Während die Beamten des Erkennungsdiensts begannen, große Sichtschutzplanen um das Zelt herum aufzustellen, sprach Marc den Notarzt an. Er stellte sich vor und ging mit ihm ein paar Schritte zur Seite.

„Herr Doktor, haben Sie die Toten bewegt?“

„Nein“, sagte der Arzt. „Ich habe nur die Körper auf Lebenszeichen untersucht. Vermutlich ist der Mann infolge der Wucht der Schüsse von ihr heruntergerollt.“

„Er ist also auf ihr gelegen und ihm wurde von hinten in den Kopf geschossen?“

„So sehe ich das. Der Mann hat eine Eintrittswunde am Hinterkopf und eine im Rücken. Die Austrittswunde am Kopf haben Sie ja gesehen. Die andere Kugel muss noch in seinem Körper stecken.“

„Könnte jemand den Leichnam bewegt haben?“

„Ich glaube nicht. Aber das müssen Ihre Spezialisten klären. Ich sage Ihnen, das ist ein Albtraum für mich. Normalerweise behandle ich bei den Festivals nur Kreislaufschwächen oder Betrunkene. Aber das hier ist ganz schön heftig.“

„Und die beiden haben die Toten gefunden?“, fragte Marc und zeigte mit der Hand in Richtung des Pärchens, das immer noch auf dem Waldboden hockte. Das Mädchen hatte eine Decke um die Schultern und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Der junge Mann kauerte wortlos neben ihr und starrte ins Leere.

„Ja, die zwei sind fix und fertig. Anscheinend war die Tote eine Freundin von ihnen. Mehr weiß ich auch nicht. Ich nehme sie jetzt mit auf die Krankenstation und verabreiche ihnen ein Beruhigungsmittel. Dann werden wir weitersehen.“

Marc dankte dem Arzt, der sich wieder den Zeugen zuwandte. Zu gerne hätte er mit dem Pärchen gesprochen, aber er hielt sich zurück. Mit geistesabwesenden, routinierten Bewegungen streifte er Handschuhe und ­Gamaschen ab und stopfte sie in seine Jeans. Marc war verunsichert. Üblicherweise hatte er an Tatorten das Kommando. Diesmal war er offiziell nur Zaungast und wusste nicht so recht, was er tun sollte. Er stand einige Meter neben dem mittlerweile umzäunten Zelt und beobachtete das Treiben. Die Beamten des Erkennungsdiensts bauten Scheinwerfer auf und verlegten eine Stromleitung von der Straße zum Tatort. Marc stand im spärlich ausgeleuchteten Waldstück und schätzte die Entfernungen zu den nächsten Zelten. Er wunderte sich, dass keiner der uniformierten Beamten Anstalten machte, etwaige Zeugen aufzuspüren. Sie standen fast genauso hilflos herum wie er selbst und warteten auf Anweisungen.

Marc blickte den Abhang zur Straße hinunter und bemerkte die kleine Wagenkolonne, die unter der Laterne einparkte. Jetzt waren auch die restlichen Kollegen vom Landeskriminalamt Burgenland eingetroffen. Marc entschied, sich unsichtbar zu machen.

Im Schutz der Dunkelheit schlug er sich durch einige ­Büsche bis zur Straße durch. Auf dem Weg zurück kam ihm der Hausherr des Festivals entgegen. Franz Bogner war leicht zu erkennen. Der weiße Vollbart und die langen Haare, zu einem Zopf gebunden, machten ihn unverwechselbar. Er eilte direkt auf Marc zu.

„Was ist da hinten los? Weißt du etwas?“, fragte er in seiner bekannt direkten Art. Er sah Marc mit ernstem Blick an. Der sonst so schelmische Gesichtsausdruck war einer besorgten Miene gewichen. Und die tiefen Ringe unter seinen Augen zeugten von wenig Schlaf in den letzten Tagen.

„Da liegen zwei Tote in einem Zelt, beide mit Schusswunden“, sagte Marc.

„Und das Mädchen ist wirklich die Julia?“

Marc nickte. „Ja, und ein junger Farbiger.“

Franz sah ihn mit glasigem Blick an. „Hör auf! Dann ist es also wahr, was die Leute erzählen“, sagte er heiser. „Ein Wahnsinn! Die Julia! Das gibt’s nicht. Vor ein paar Stunden hat sie noch Abholdienst gemacht.“ Seine tiefe Betroffenheit war fast körperlich spürbar. „Und wie? Weiß man schon warum? Und wer es war?“

„Keine Ahnung. Jetzt sind die Leute vom Erkennungsdienst und vom Landeskriminalamt an der Arbeit.“

„Und wo gehst du hin? Müsstest du nicht auch beim Zelt sein? Du bist doch ein Chef bei der Kripo, oder?“