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Eine Serie von Sexualmorden erschüttert Wien. Die Opfer, alle Ausländerinnen, werden entführt und mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Polizeioberst Marc Vanhagen und sein Ermittlungsteam stoßen, trotz modernster Ermittlungsmethoden, an ihre Grenzen. Weder die Nachforschungen in der rechtsextremen Szene noch die Überprüfung eines verdächtigen Chirurgen bringen konkrete Ergebnisse. Und der Täter mordet weiter. Bis sich Charles Wegner, ein einundachtzigjähriger ehemaliger Fremdenlegionär, der im Indochinakrieg gekämpft hat, meldet und die Verantwortung für die Mordserie übernimmt. Die Lebensgeschichte des alten Mannes ist eine Geschichte von Gratwanderungen zwischen Gut und Böse, zwischen Ekstase und Entsetzen. Und eine Geschichte, die verstörende Parallelen zu den Serienmorden ans Licht bringt. Harald Friesenhahn überlässt in seinem Krimi-Debüt nichts dem Zufall: Mit einer genau recherchierten Hintergrundgeschichte, lebendig gezeichneten Charakteren und einem spannenden Plot versteht er es, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln – Krimispannung pur.
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Seitenzahl: 684
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Harald Friesenhahn
Canard Saigon
Thriller
Leykam
Für Renate
Wien, Freitag, 15. Februar 1946
Vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein das war eines seiner Gebote in diesen Tagen. Jetzt war es beinahe acht Uhr abends und stockfinster. Spät, viel später, als er geplant hatte. Er hastete mehr, als er ging, wohl wissend, dass er verdächtig erscheinen konnte. Ein angemessenes Tempo einzuhalten, fiel ihm schwer, am liebsten wäre er gerannt. Er war besorgt und beunruhigt. Gleichzeitig freute er sich über sein soeben ausgehandeltes Geschäft. Wie gern hätte er seinen Triumph in die abendlichen Straßen Wiens hinausgebrüllt. Seine Vernunft aber zügelte sein Temperament und mahnte ihn zur Vorsicht. Lass dich nicht erwischen, hämmerte es gebetsmühlenartig in Karl Wagners Kopf, lauf bloß in keine russische Kontrolle.
Den Kragen seines alten grauen Wintermantels aufgestellt, blickte er ständig wachsam um sich. Karl nutzte die Schatten der Gassen, die er wie seine Westentaschen kannte. Beim geringsten Anzeichen von Gefahr verschmolz er blitzschnell mit seiner Umgebung. Ob er sich in einen Hauseingang drückte oder sich hinter einem der zahlreichen Schutthaufen hinkauerte Deckung fand er immer. Um diese Zeit waren kaum Menschen zu sehen. Nur vereinzelt tauchten Gestalten auf, huschten vorüber und verschwanden meist so schnell, wie sie erschienen waren. Die Frauen hatten sich längst in ihren Wohnungen verbarrikadiert, die Männer mieden die Straßen wegen der bitteren Kälte. Wien erlebte den strengsten Winter seit Jahren. Seit einigen Tagen fegte ein eisiger Wind durch die zerbombte Stadt, dessen Stärke sich stündlich steigerte. Teile von beschädigten Dächern wirbelten durch die Luft. Der Sturm trug Schornsteine ab, die mit Getöse auf den Boden krachten. In manchen Gebäuderuinen brachen ganze Wandteile in sich zusammen. Es schien, als hätte sich die Natur mit den Besatzern verbündet, um diese Stadt für ihr Mitwirken am Naziterror zu bestrafen.
Karl Wagner näherte sich dem Ende der Schmelzgasse und schaute vorsichtig um die Ecke. Auf der Straßenseite gegenüber erspähte er zwei russische Soldaten. Sie standen auf der rechten Seite der St. Josefskirche, direkt unter einer der neuen Straßenlaternen. Die Straßenbeleuchtung war erst vor wenigen Tagen instand gesetzt worden, und es schien, als wolle der Sturm ihre Tauglichkeit prüfen. Wild gestikulierend unterhielten sich die beiden Russen. Vermutlich waren sie betrunken und würden ihn nicht bemerken. Trotzdem wagte Karl es nicht, seinen Weg fortzusetzen. Dabei bräuchte er nur die breite Taborstraße überqueren, links an der Josefskirche vorbei und dann noch etwa 50 Meter weiter, und schon wäre er zu Hause. Karl schätzte die Erfolgsaussichten ab und entschied, zu warten. Das Risiko, erwischt zu werden, war zu hoch.
Aus Richtung Donaukanal näherten sich die gelben Scheinwerfer eines Fahrzeugs. Das konnte nur ein russischer Jeep sein. Karl bewegte sich vorsichtig ein Stück zurück und duckte sich in den nächsten Hauseingang. Jetzt musste er warten, bis der Weg frei war. Plötzlich spürte er das Gefühl von Panik. Er zwang sich zur Ruhe und überdachte seine Situation. Ich muss nur unbemerkt nach Hause kommen, dann ist alles gut, befand er.
Karl Wagner wohnte mit seiner Mutter in der Kleinen Sperlgasse, in einer kleinen Wohnung im obersten Stock eines dreigeschoßigen Gebäudes. Das Haus war schlicht und unauffällig, ohne architektonische Besonderheiten. Als die ersten alliierten Bomber über Wien aufgetaucht waren, war die Fassade mit grauer Schutzfarbe besprüht worden, um kein sichtbares Ziel für Luftangriffe abzugeben. Jetzt unterschied sich das Haus nicht von den anderen Gebäuden im 2. Gemeindebezirk. Außer der kaputten Eingangstür und einigen Einschusslöchern hatte das Gebäude den Krieg nahezu unversehrt überstanden. Ein Granattreffer hatte zwar ein ordentliches Loch ins Dach gerissen, aber keine tragenden Bauteile zerstört. Sie hatten Glück, denn das rechtwinkelig angebaute Nachbargebäude in der Lilienbrunngasse hatte wesentlich mehr abbekommen. Trotz des Elends für dessen Bewohner stellte sich die Beschädigung des Nachbarhauses für die Wagners als ein Geschenk des Himmels dar.
Die Nacht, in der das Nachbargebäude getroffen worden war, hatte Karl mit seiner Mutter und den übrigen Hausbewohnern im Keller verbracht. Bei Tagesanbruch war er auf den Dachboden ihres Hauses gestiegen. Eine Granate hatte zwischen ihrem Haus und dem Nachbarhaus eingeschlagen. Durch das Loch konnte Karl die Ruine des angebauten Gebäudes sehen. Ein Blick auf den eingestürzten Stiegenaufgang hatte genügt, um zu erkennen, dass dieses Haus unbewohnbar war. Das russische Infanteriefeuer hatte ganze Arbeit geleistet. Die Hälfte des Daches fehlte, die Decke zum unteren Stockwerk war eingestürzt.
Neugierig hatte sich Karl Wagner die Ruine näher angesehen. Er war bis knapp an den Rand des Loches getreten. Erst dort entdeckte er, dass nur ein Teil der Decke fehlte. Ein schmaler, etwa ein Meter breiter Randstreifen war übrig geblieben, der stabil wirkte. Karl war auf das Deckenfragment gestiegen und vorsichtig der Wand entlang zu einem Mauerdurchbruch geschlichen. Nach etwa vier Metern hatte er wieder festen Boden unter seinen Füßen. Er stand in einem Hausflur, der schnurgerade zum zerstörten Stiegenaufgang führte. Erstaunt bemerkte er auf der unversehrten rechten Flurseite eine Wohnungstür. Dahinter befand sich zu seiner Verwunderung eine intakte Dachgeschoßwohnung. Eine leer stehende Wohnung, die wegen des eingestürzten Stiegenhauses vom Nachbarhaus aus nicht zu erreichen war. Und von außen betrachtet, musste jeder glauben, dass auch diese Wohnung zerstört wäre. Karl Wagner hatte ein perfektes Versteck gefunden.
Die ersten Wochen nach der Befreiung Wiens durch die sowjetischen Truppen waren die schlimmsten. Die russischen Besatzer plünderten und raubten alles, was ihnen wertvoll erschien. Begehrt waren Uhren, Fotoapparate und Schmuck. Die größte Gefahr jedoch ging nachts von ihnen aus. Keine Frau, kein Mädchen war vor den Soldaten sicher. Vergewaltigungen standen auf der Tagesordnung. Die Frauen bezahlten mit ihrem Körper und ihrer Würde für den Zorn der Roten Armee auf das Naziregime. Erst nach einigen Wochen beruhigte sich die Situation ein wenig. Die russische Kommandantur stellte Vergewaltigung unter Strafe, da sie so gar nicht in das Bild des überlegenen kommunistischen Weltbilds passte. Trotzdem verbarrikadierten sich die Frauen Wiens jeden Abend, da betrunkene Soldaten weiterhin die Häuser nach Beute und Frauen durchsuchten. Die von ihnen ausgehende Bedrohung war allgegenwärtig.
Karl Wagner und seine Mutter hatten ein paar ihrer Habseligkeiten in die Dachwohnung geschafft und sich halbwegs wohnlich eingerichtet. Auf Drängen seiner Mutter weihten sie ihre Nachbarn in ihr Geheimnis ein. Überglücklich nahmen Elsa Bittner und ihre zwölfjährige Tochter Elisabeth das Geschenk an. Täglich, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, zogen sich die Frauen in ihr Versteck zurück, und Karl blieb allein in der Wohnung zurück.
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