Run Like A Girl - Amaka Egbe - E-Book + Hörbuch

Run Like A Girl Hörbuch

Amaka Egbe

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Beschreibung

Mit Girl Power auf der Zielgeraden

Für die 17-jährige Dera ändert sich alles, als an ihrer neuen High School keine Leichtathletik für Mädchen angeboten wird. Nichts darf zwischen ihr und ihrem Ziel, bei den Olympischen Spielen anzutreten, stehen, und so erkämpft sie sich einen Platz im Lauf-Team der Jungs. Doch die sind alles andere als begeistert, erst recht, als sie sich von Deras Bestzeiten bedroht fühlen. Täglich ist sie in der Schule und online Mobbing ausgesetzt. Unter den wenigen, die zu ihr halten, ist der stille Gael, der ihr Herz nicht nur beim Training schneller schlagen lässt. Nur ihm zeigt sie ihre verletzliche Seite. Dera kann vor ihren Problemen nicht davonlaufen – kann sie dem Druck standhalten und ihren Traum verwirklichen?

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Zeit:12 Std. 58 min

Veröffentlichungsjahr: 2025

Sprecher:Mala Sommer

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Zum Buch

Für die 17-jährige Dera ändert sich alles, als an ihrer neuen High School keine Leichtathletik für Mädchen angeboten wird. Nichts darf zwischen ihr und ihrem Ziel, bei den Olympischen Spielen anzutreten, stehen, und so erkämpft sie sich einen Platz im Lauf-Team der Jungs. Doch die sind alles andere als begeistert, erst recht, als sie sich von Deras Bestzeiten bedroht fühlen. Täglich ist sie in der Schule und online Mobbing ausgesetzt. Unter den wenigen, die zu ihr halten, ist der stille Gael, der ihr Herz nicht nur beim Training schneller schlagen lässt. Nur ihm zeigt sie ihre verletzliche Seite. Dera kann vor ihren Problemen nicht davonlaufen – kann sie dem Druck standhalten und ihren Traum verwirklichen?

Zur Autorin

Amaka Egbe schreibt, seit sie einen Stift halten kann. Sie hat Marketing und Psychologie an der University of Houston studiert. Amaka hat US-amerikanische und nigerianische Wurzeln, und es ist ihr ein großes Anliegen, in ihren Geschichten die Lebensrealität von Menschen of Color darzustellen und ein besonderes Augenmerk auf die psychische Gesundheit zu lenken. Neben dem Schreiben sind Kunst, Musik und Fotografie weitere kreative Outlets für sie. Run Like a Girl ist ihr Debüt.

Amaka Egbe

Run Like A Girl

Aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane

dragonfly

Deutsche Erstausgabe

© 2026 Dragonfly in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Alle Rechte für die deutschsprachige Ausgabe vorbehalten

Text © 2025 Amaka Egbe

Originaltitel: »Run Like A Girl«

Erschienen bei Harper, an imprint of HarperCollinsPublishers

Covergestaltung von Frauke Schneider unter Verwendung einer Illustration von Jacqui C. Smith, © 2025 by HarperCollinsPublishers

Coverabbildung von © 2025 Jacqui C. Smith, jemastock, mast3r, k3studija / Depositphotos

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783748803034

www.dragonfly-verlag.de

Facebook: facebook.de/dragonflyverlag

Instagram: @dragonflyverlag

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Urheber/Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für die Mädchen, die wissen, was sie wollen, und danach handeln. Und für alle, die noch dabei sind, ihren Mut dafür zusammenzunehmen. Diese Story ist für euch.

1

Meine Mutter behauptete, zu Hause gebe es immer irgendwas zu essen. Auswärts essen gehen war für sie eine heilige Handlung und ganz besonderen Anlässen vorbehalten: Schuljahresende (ab der achten Klasse aufwärts), Geburtstage (aber nur die wichtigen wie der sechzehnte oder der fünfundneunzigste) und hohe Feiertage. Es spielte keine Rolle, ob wir eine ganze Woche mit Resten bestritten hatten oder jemand (zum Beispiel ich) sich heftig nach Waffelpommes sehnte. Solange es zu Hause was gab, wurde zu Hause gegessen und damit basta.

Versteht sich von selbst, dass ich misstrauisch wurde, als dieselbe Frau vorschlug, an einem ansonsten ereignislosen Donnerstagabend ins Blu’s Diner zu gehen.

Wie sich rausstellen sollte, war mein Misstrauen absolut berechtigt gewesen.

»Entschuldige …« Ich schüttelte den Kopf. »… was hast du gerade gesagt?« Theoretisch war das eine Frage, aber die Wut, die in mir hochstieg, machte alles Fragende darin zunichte und ließ den Satz wie einen Vorwurf klingen.

Moms Kieferpartie, die sowieso schon auffällig angespannt ausgesehen hatte, wirkte noch verkrampfter.

»Ich sagte«, begann sie mit gesenktem Blick, »dass du bei deinem Vater wohnen wirst.«

Jetzt war ich diejenige, die die Zähne zusammenbiss.

Mein Vater tauchte seltener als ein Komet in meinem Leben auf. Das hatte er sich nach der schwierigen Scheidung meiner Eltern zur Gewohnheit gemacht. Anfangs glaubte ich, sein spärliches Erscheinen hätte mit dem verschlechterten Verhältnis zu meiner Mom zu tun. Doch im Lauf der Jahre fiel es mir immer schwerer, das nicht auch auf mich zu beziehen. Als hätte die sechsjährige Dera irgendwas mit der implodierten Ehe ihrer Eltern zu tun gehabt. Wenn ich davon ausging, ergab es null Sinn, bei diesem Mann zu wohnen.

Ich scannte Moms Gesicht, bemerkte die Falte zwischen ihren Augenbrauen. Sie aß sogar schuldbewusst und spießte ihre Salatblätter auf, als wollte sie den Babyspinat zur Strecke bringen.

»Äh …« Ich hatte Mühe, mit ruhiger Stimme zu sprechen. »Das ist ein Scherz. Oder, Mom?« Die Frau sah nicht aus, als mache sie Witze. Und weil die Leute um uns herum sich auch mehr für ihre Salzstreuer als für die Vorgänge an unserem Tisch zu interessieren schienen, waren wir mit ziemlicher Sicherheit keine Opfer irgendeines Pranks auf Social Media.

Trotzdem. Meine Eltern hassten sich, und mein Dad hasste wahrscheinlich auch mich. Deshalb musste das doch ein Missverständnis sein.

Moms Versuch eines tröstenden Lächelns wirkte eher finster. »Ich fürchte, nein.«

Um uns herum kümmerte sich die Stammkundschaft des Blu’s Diner weiter um sich selbst, und das übliche fröhliche Geplauder erfüllte das Lokal. Sogar das Ambiente war schmerzlich normal: die dunklen Sitznischen, das schwarz-weiße Schachbrettmuster des Fliesenbodens und die Vintage-Deko an den Wänden. In meiner Verzweiflung empfand ich diese Normalität als erstickend. Mit unregelmäßigen, langsamen Atemzügen rang ich um meine Fassung. Wie schon zu Beginn unseres Gesprächs schien niemand meine wachsende Panik zu bemerken.

Seltsam, wie der Planet sich so ungerührt weiterdrehte, nachdem die eigene Welt gerade aus den Angeln gehoben worden war.

»Ich weiß, dass das nicht ideal ist.«

Ich hob den Blick und sah Mom wieder an. Im gelblichen Schein der Lampen über uns konnte ich Schweißtropfen auf ihrer Stirn erkennen. Hatte vorher Anspannung auf ihrem Gesicht gelegen, war ihr Ausdruck jetzt schon fast bestürzt.

»Ich weiß auch«, fuhr Mom fort, »dass dein Vater etwas schwierig sein kann. Aber ich hätte das nicht mal in Betracht gezogen, wenn ich nicht glauben würde, dass es dir Spaß machen wird, bei ihm zu wohnen. Letztendlich.« Das glaubte sie doch selbst nicht. Ich merkte es daran, dass sie wie wild die Ringe an ihren Fingern drehte.

»Ich will nicht bei ihm wohnen«, sagte ich. »Und ich will nicht woanders leben als du. Oder meine Freunde.« Sorgen, Flüche und Ängste bildeten in meinem Kopf einen derart chaotischen Haufen, dass ich kaum noch denken konnte. Ich schüttelte den Kopf und atmete weiter, während meine Gedanken aufeinanderprallten.

»Woher kommt die Idee überhaupt?«, fragte ich einen Augenblick später. »Magst du …« Ich stockte bei den verbitterten Worten, die in meinem Mund nach Säure schmeckten. »Willst du mich nicht mehr haben?«

Das sah ihr nicht ähnlich, aber ein Elternteil hatte bereits sein Tochterabo gekündigt. War es also wirklich so weit hergeholt, dass Mom das Gleiche tun könnte?

Erleichterung traf mich wie ein Faustschlag gegen die Brust, als ich Mom zurückzucken sah.

»Oh nein, mein Schatz«, erwiderte sie und griff nach meiner freien Hand. »Du bist mein ganzes Herz. Das weißt du doch. Hätte es irgendeine andere Möglichkeit gegeben, eine bessere Lösung …« Ihre Stimme erstarb, und ich wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Ich hatte schon immer gespürt, was in meiner Mutter vorging. Genau wie ich jetzt spürte, wie ihre Ringe in meine Haut drückten oder die Spitzen ihrer Nägel sich in meine Handfläche bohrten. So eng waren wir.

Waren wir zumindest. Die aktuellen Ereignisse ließen mich daran zweifeln.

»Ich kapier’s immer noch nicht«, sagte ich. »Wenn du das nicht willst, warum soll es dann passieren?«

»Du weißt, dass ich in letzter Zeit nicht viel gearbeitet habe«, sagte Mom mit leiser Stimme, während sie sich tiefer in ihr Schultertuch schmiegte.

»Du hast gesagt, wir kommen zurecht.« Klar, wir mussten den Gürtel etwas enger schnallen, aber Mom hatte mir immer versichert, alles wäre okay.

»Das war auch so«, sagte Mom, wobei die Falten um ihren Mund tiefer wurden. »Ich hatte was gespart, und es gab hier und dort ein paar Aufträge für Braids. Aber …« Sie begann, ihren größten Ring, den mit dem Smaragd, an ihrem Ringfinger zu drehen. Sie drehte ihn immer weiter, während sie sich ihre nächsten Worte zurechtlegte. »Ich habe eine Benachrichtigung über Mieterhöhungen in unserem Wohnblock erhalten.« Drehte und drehte. »Ich habe ja versucht, mit dem Vermieter zu reden, doch der hat seine Entscheidung getroffen.« Sie ließ nicht ab von dem Ring. »Also habe ich beschlossen, unseren Mietvertrag nicht zu verlängern.«

Während ich ihre Worte verarbeitete, ließ Furcht den halben Burger, den ich schon gegessen hatte, zu Stein werden. »Ich verstehe trotzdem nicht, warum ich bei Dad wohnen muss«, sagte ich. »Du wirst dann doch sowieso woandershin ziehen, oder? In eine billigere Wohnung. Kann ich da nicht einfach mitkommen?«

Mom drehte noch ein bisschen an ihrem Ring. »Die Wohnungspreise sind durch die Decke gegangen. Ob wir bleiben, wo wir sind, oder ans andere Ende der Stadt ziehen, ändert nichts daran. Es ist fürchterlich.« Mom schüttelte ein einziges Mal den Kopf, eine instinktive Reaktion auf die Realität, mit der wir konfrontiert waren. »Ich werde bei einer Freundin unterkommen. Du erinnerst dich an Miss Lauren, oder?« Vage Erinnerungen an Haaröl mit Pfefferminzduft und ein breites Lächeln stiegen in mir auf.

»Sie war manchmal meine Babysitterin, stimmt’s?«

Mom nickte. »Es wäre nur für die nächsten paar Monate. Maximal für ein Jahr. Dadurch kriege ich die Chance, wieder auf die Beine zu kommen und mich auf meine Kurse zu konzentrieren.«

Ich spitzte die Ohren. »Was für Kurse?«

Mom wich meinem Blick aus. »Ich … ich hab beschlossen, noch mal zur Schule zu gehen. Um mehr Möglichkeiten zu haben.« Sie lächelte zaghaft, und ich versuchte, sie nicht böse anzustarren.

»Okay, du wohnst dann also bei Miss Lauren und gehst zur Schule. Toll.« Unter dem Tisch wippte mein Knie wütend auf und ab. Wäre es an einen Generator angeschlossen gewesen, hätte ich damit wahrscheinlich eine ganze Stadt elektrifizieren können. »Und während du das machst, muss ich bei Dad wohnen? Willst du das damit sagen?«

Mom nickte. »Es ist das Beste.«

Yeah, klar. »Aber …« Ich brachte die nächsten Worte kaum heraus, weil es mir die Kehle zuschnürte. »Er lebt in der Nähe von Dallas.« An einem guten Tag waren das vier Autostunden. Da hinzuziehen würde bedeuten, die Schule zu wechseln. Es würde bedeuten, meine Freunde zurückzulassen. Es wäre das Ende von allem, was ich bisher kannte, liebte und schätzte. Ich kontrollierte noch mal die Umgebung auf Kameras, verdächtige Beobachter oder sonst irgendwas, das darauf hindeutete, dass es sich um einen abartigen Prank handelte.

»Es tut mir so leid, Dera«, sagte Mom mit niedergeschlagener Stimme. »Ich wünschte, du könntest bei mir bleiben, aber ich habe sowieso schon ein ganz schlechtes Gefühl, weil ich Lauren in Anspruch nehme. Wenn ich doch nur …« Sie verstummte, und ihr Blick war voller Trauer.

Vernünftig betrachtet war es nicht fair von mir, verbittert zu reagieren. Ich wusste, dass Mom sich wahrscheinlich wochenlang mit dieser Entscheidung gequält hatte. Hätte es eine andere Lösung gegeben, dann hätte sie alles getan, um sie zu nutzen. Trotzdem lenkte ich nicht ein.

»Ich kann mir einen Job suchen.« Ich entzog ihr meine Hand und ließ sie in meinen Schoß fallen, damit ich die Fingernägel in den Stoff meiner Jeans bohren konnte. Wenn ich das ein bisschen fester tat, wachte ich vielleicht auf und würde mich in einer Welt wiederfinden, die Sinn ergab. »Ich fange in dem neuen Eisladen am Ende der Straße an, wo sie shaved ice verkaufen. Ich kann sogar babysitten. Ich …«

»Dera.« Moms Stimme hüllte meinen Namen warm, beschützend und entschieden ein. Mein Protest erstarb und wurde zu einem leisen Jammern.

»Ich weiß, dass das eine Umstellung sein wird, aber vertrau mir.« Moms Augen scannten mein Gesicht und nahmen all meine Gefühle wahr. Aufmerksam und besänftigend sprach sie weiter. »Dein Vater ist kein schlechter Mensch. Das wird mir die Chance geben, wieder auf eigenen Füßen zu stehen, während du dich deinem Dad annähern kannst. Ich weiß, dass die Umstände unserer Scheidung bewirkt haben, dass er sich ein bisschen … entfremdet hat.«

»Das war allein seine Schuld«, erinnerte ich sie, was sie einfach ignorierte.

»Es wird dir guttun«, beharrte Mom. »Das verspreche ich dir.« Sie streckte ihre Hand wieder über den Tisch. Eigentlich wollte ich bei meinem Protest bleiben, doch ein Blick auf die dunklen Schatten unter ihren Augen ließ meine Entschlossenheit bröckeln.

Seufzend legte ich meine Hand auf ihre. Traurig lächelnd drückte sie entschieden meine Hand. Das war der letzte Sargnagel. Mein Schicksal war besiegelt.

Zwei Stunden und dreiundvierzig Minuten später klopfte ich nachdrücklich ans Fenster von Mook Robinson. Also, ich klopfte so, dass er mich auch gehört hätte, wenn er Kopfhörer aufgehabt hätte oder in der Dusche gewesen wäre. Vielleicht hämmerte ich gegen sein Fenster. Von daher war es vielleicht gerechtfertigt, dass er die Vorhänge aufriss, das Fenster hochschob und gereizt rief: »What the hell, D?«

Das war mir ziemlich egal. Als das Fenster mir nicht mehr den Zugang versperrte, krabbelte ich hinein und ignorierte Mooks Genervtheit. All meine Gedanken kreisten stattdessen noch um die Worte meiner Mutter.

Es wird dir guttun.

Yeah, klar. Falls irgendwer von ihrer Entscheidung profitierte, war das verdammt sicher nicht ich.

»Also …« Mook beobachtete, wie ich in sein Bett kroch und mir die Decke bis zur Nasenspitze hochzog. »Warum hämmerst du an mein Fenster, als wäre Michael Myers hinter dir her?« Misstrauisch spähte Mook zum Fenster. »Moment, ist Michael Myers hinter dir her?« Während er das fragte, zuckte eine Hand schon in Richtung seines Baseballschlägers.

»Nein, Mook«, zischte ich. »Ich bin bloß aufgebracht.«

»Oh. Na ja.« Er fuhr sich durch die dunklen Locken. »Dann hättest du auch die Haustür nehmen können.«

»Verbietet dir deine Mom nicht abends Mädchenbesuch in deinem Zimmer?«

»Schon, aber wenn du’s bist, zählt es nicht.«

Ich streckte ihm die Zunge raus. Mook verdrehte die Augen, und wie immer brachen wir beide in unbeschwertes Gelächter aus.

Mook – offiziell getauft als Morgan Oscar Robinson III. – war mein bester Freund. Er hatte Jungsfreunde, genau wie ich Mädchenfreundinnen, aber trotzdem gab es da etwas Einzigartiges, das wir im jeweils anderen und nur bei ihm gefunden hatten. Mook konnte seine Gefühle preisgeben, ohne befürchten zu müssen, dass er als »soft« abgestempelt würde. Und ich konnte ungeniert ich selbst sein, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Das Beste war, dass wir schon in der sechsten Klasse den Fehler begangen hatten, zu glauben, die Chemie zwischen uns wäre was anderes als rein platonisch.

(Das würde jetzt hier zu weit führen, deshalb nur so viel: Sie war’s nicht.)

Nach Moms weltbewegender Neuigkeit zu Mook zu flüchten, war keine Entscheidung, sondern eher so eine Art Reflex.

Mook ließ sich neben mir aufs Bett plumpsen und griff nach dem PS5-Controller, um sein Videospiel fortzusetzen. Ich sah zu, wie seine flinken Finger die Knöpfe drückten und seine Figur auf dem Bildschirm den Gegner niedermetzelte.

Witzigerweise erinnerte mich das daran, wie das Leben mir gerade mitspielte: brutal.

»Ich versteh nicht, wie du so was spielen kannst«, murmelte ich, als Kunstblut auf den Bildschirm spritzte. »Mir wird davon schlecht.«

»Dera Edwards, warum störst du meine Ruhe?« Mooks Stimme klang schleppend und belehrend wie die eines gequälten Erwachsenen, der ein ungezogenes Kind tadelt.

Ich ließ die Schultern kreisen, bevor ich antwortete. »Weil ich deinen Rat brauche. Heute ist was Schlimmes passiert.«

Mook gab ein Geräusch von sich, das mir wahrscheinlich vermitteln sollte, dass er zuhörte. Doch weil seine Zungenspitze zwischen den Lippen hervorlugte, wusste ich, dass er völlig auf das Spiel konzentriert war.

Ich runzelte die Stirn. »Mit schlimm meine ich richtig schlimm.«

Mook grunzte erneut, und das Männchen auf seinem Bildschirm schlitzte einen weiteren Gegner auf.

»… ich muss nach Harmony Hills.«

»Du verbringst die Ferien bei deinem Dad?« Mook widmete sich dem nächsten Gegner. »Wenn ich es mir so überlege, ist das nicht so …«

»Auf Dauer.«

Mook verzichtete auf das Ende seines Satzes, während er meine Worte verarbeitete. »Moment«, setzte er dann wieder an. Und schwieg kurz, um weiter nachzudenken. Auf dem Bildschirm halbierte ihn gerade der Bösewicht, was Mook kaum zu bemerken schien. »Du musst bei ihm leben?«

Ich nickte feierlich.

»Hast du’s den Zwillingen gesagt? Oder Moriah? Oder …«

»Nein«, fiel ich ihm ins Wort. »Bisher nur dir.«

»Mann.« Mook drehte sich ganz zu mir und schien sein Spiel endlich komplett vergessen zu haben. »Das tut mir leid, D. Ich weiß, wie schlimm das für dich ist.«

Keinem anderen Menschen hätte ich das abgenommen. Aber Mook hatte gesehen, wie ich in der ersten Klasse weinte, weil ich meinen Dad vermisste. Er hatte miterlebt, wie ich naiverweise gehofft hatte, diesmal würde der Mann bestimmt an meinen Geburtstag denken. Und er war dabei gewesen, als ich schließlich eingesehen hatte, dass ich meinem Vater egal war und immer sein würde.

Ohne ein weiteres Wort legte Mook einen Arm um mich und zog meinen Kopf an seine Schulter. Tröstend tätschelte er mir den Arm, während ich versuchte, mir sein Zimmer einzuprägen: mit dem Fernseher auf dem Schreibtisch, den Büchern auf dem Boden und dem Poster der ’94 Houston Rockets schief an der Tür. In jedem Fall würde ich es so schnell nicht wiedersehen.

»Dann wechselst du die Schule, was?« Mooks Frage brach das zwischen uns schwärende Schweigen.

»Leider«, erwiderte ich. »Mein Dad wohnt viel zu weit weg, als dass ich weiter auf die Sunridge gehen könnte.«

Mook schnalzte mit der Zunge. »Das ist echt der Hammer. Ich kann nicht glauben, dass er dir das antut.«

Ich hätte ihn korrigieren und zugeben können, dass es tatsächlich Moms Entscheidung war. Aber ich wollte ihr keine Schuld zuweisen. Das wollte ich nicht mal vor mir selbst. »Es ist einfach eine verfahrene Situation«, murmelte ich nur.

Mook tätschelte mir wieder den Arm. »Wohin wirst du dann gehen? Auf die West Harmony High?«

»Yep.«

»Und für die auch laufen?«

»Danach sieht’s aus.« Obwohl die Vorstellung, in einem Team aus verwöhnten Bougie Girls, die ich alle nicht kannte, zu laufen, übel klang.

»Sheesh.« Mook stützte das Kinn in eine Handfläche und sah mich aus seinen haselnussbraunen Augen traurig an. »Was weißt du über ihr Laufteam?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Kann nicht behaupten, je viel darüber gehört zu haben. Was wahrscheinlich bedeutet, dass sie mies sind.«

»Die West Harmony ist eine Riesenschule«, bemerkte Mook. »Also echt riesig. Auf Insta hab ich gesehen, dass die in ihrer Cafeteria einen ganzen Food Court haben.«

»Du solltest nicht alles glauben, was du auf Social Media siehst.«

Mook ließ sich nicht beirren. »West Harmony ist quasi der Cadillac unter den Schulen, Dera. Die haben eine Unmenge Schülerinnen und Schüler. Letztes Jahr sind sie in die 6A-Liga aufgestiegen. Es gibt also irre viel Konkurrenz.« Mook tippte nachdenklich an sein Kinn. »Hey, vielleicht wird das eine gute Sache. Wenn da so viele Leute laufen, hilft es dir möglicherweise, schnell genug zu werden, damit du es ins D1-Laufprogramm schaffst.«

Mein Magen rumorte unbehaglich. Bisher hatte ich versucht, mir über die möglichen Auswirkungen des Umzugs auf meine Laufkarriere keine Gedanken zu machen. Vor allem nicht auf jene, die meine Zeit nach der Highschool betrafen. Laufen war für mich nicht nur ein Hobby. Es war die einzige Sache, in der ich eindeutig herausstach. Mein Trainer (oder vielleicht bald ehemaliger Trainer) hatte mich regelmäßig gelobt und behauptet, ich könne es zu den Nationals oder Weltmeisterschaften oder sogar zu den Olympischen Spielen schaffen.

Mein Mund wurde trocken, wann immer ich an das O-Wort dachte und daran, wie sehr ich mir das wünschte. Wenn der Umzug nach Harmony Hills drohte, mir die Möglichkeit zu internationalen Wettkämpfen zu nehmen, dann war ich mir nicht sicher, was ich tun würde. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich weiter darüber spekulieren wollte, was Mooks Fragen noch irritierender machte.

»Warum weißt du überhaupt so viel über Harmony Hills?«, erkundigte ich mich, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

»Wir treffen die bei den Basketballwettkämpfen«, meinte Mook gleichmütig. »Sunridge ist natürlich eine zu kleine Schule, um die auf Bezirksebene oder so zu sehen, aber wie ich höre, sind sie ziemlich ehrgeizig.« Er bemerkte meine düstere Miene. »Das kann für dich doch ganz lustig sein, oder? Denn dann ist ihr Laufteam ja wahrscheinlich gut.«

»Nur weil es mehr Leute sind, heißt das nicht, dass sie gut sind«, murmelte ich. »Können wir jetzt von was anderem reden?«

Mooks Miene verfinsterte sich. »Ach, sei nicht so. Nur weil dein Dad ein Riesenarschloch ist, muss das doch nicht bedeuten, dass du da keinen Spaß haben kannst, oder?« Mook wartete auf meine Reaktion, und als die ausblieb, beugte er sich vor. »Oder?« Seine Nasenspitze berührte beinah meine Schläfe. »Du kannst mich nicht ausschließen, Dare-Bär.«

Normalerweise ärgerte der Spitzname mich genug, dass es zu einem spontanen Streit kam. Doch an diesem Tag reichte er mir, grimmig ins Leere zu starren.

Weil Mook genauso nervig wie loyal war, pikte er mich ein paarmal in die Wange. »Komm schon, Dera. Mach nicht die Schotten dicht. Sag was.«

»Hör auf, mich anzufassen.«

»Hör du auf, mich zu ignorieren.«

»Ich bin diejenige, die gerade eine Krise hat. Steht es mir da nicht zu, zu schmollen?«

»Dann lass ich dich sieben Minuten lang schmollen.« Mook verschränkte die Arme und schnaubte mit gespielter Wut. »Wie lange brauchst du denn, gnädige Frau?«

»Mindestens zehnmal so lang«, sagte ich lachend und schob sein Gesicht mit der flachen Hand von mir weg. Mook protestierte und tat theatralisch so, als müsse er mühsam »meinen Geschmack« wieder loswerden. Dann schnappte er sich seinen Controller und tauchte wieder in die Welt digitaler Gewalt ein. Ich kuschelte mich tiefer in sein Bett und sah ihm dabei zu.

»Weißt du«, sein Blick ging noch mal kurz zu mir, »Harmony Hills ist bloß ungefähr … vier Stunden von hier weg, ohne Verkehr. Ich könnte da ja, immer wenn du Mook-Weh hast, vorbeischauen.«

Ich verzog die Lippen. »Du meinst wohl Heimweh.«

»Nope, bin mir ziemlich sicher, du wirst mich am meisten vermissen.«

»Sehr witzig. Ich werd dich überhaupt nicht vermissen …«

»Lüge.«

»Lüge«, äffte ich ihn nach und gab mir Mühe, dabei so affektiert und nasal wie möglich zu klingen. Sein schiefes Grinsen verriet, dass ich ihn damit noch nicht genug nervte. »Würdest du mich echt besuchen?«, fragte ich.

»Warum nicht? Mein Bruder zieht bald wieder nach Hause, also würde ich ihn einfach zwingen, mich zu fahren.« Und bevor mich das rühren konnte, fügte Mook hinzu: »Außerdem wette ich, dass die Girls an der West Harmony super sind. Vielleicht hilfst du mir, ein Prom-Date zu kriegen. Mit einer, die einen Benz fährt.« Er bewegte vielsagend die Augenbrauen, und obwohl mich das auf acht Arten ärgerte, musste ich lachen.

Solche Momente hatten wir in seinem Zimmer so oft erlebt. Wenn wir endlos Serien guckten, Geometrie lernten, über irgendeinen Blödsinn stritten oder uns von unseren Hoffnungen für die Zukunft erzählten. Damit würde bald Schluss sein. Mook würde zwar bleiben, wo er war, aber ich nach Harmony Hills verschwinden. Zu einem Vater, der nichts mit mir zu tun haben wollte.

Ich presste die Nase in seine Tagesdecke, um mir einzuprägen, wie der plüschige Stoff an der Haut kitzelte.

Es war bloß ein Moment.

Und ich gab mir größte Mühe, kein bisschen weiterzudenken.

2

In den ersten paar Tagen kam mir die Tatsache, Sunridge zu verlassen, eher wie ein Albtraum, nicht wie eine echte Möglichkeit vor. Ich ärgerte mich darüber, kaute an meinen Fingernägeln und stresste mich. Aber immer wenn ich einschlief, wachte ich anschließend wieder in meinem Bett, meinem Zimmer auf, an dem Ort, den ich seit Jahren kannte. Der Umzug wirkte nicht wie etwas, das tatsächlich passieren würde, bis ich mich schließlich vor unserem Wohnblock wiederfand und meine Abreise unmittelbar bevorstand.

Mom hatte sich mit gegen die Kälte fest verschränkten Armen neben mir postiert. Ihre finstere Miene machte deutlich, dass sie gar nicht begeistert von der Vorstellung war, Dad nach all der Zeit wiederzusehen. Mir ging es genauso.

Unser Stirnrunzeln verstärkte sich, als Dads Viersitzer sich dem Bordstein näherte. Einen Moment lang erinnerte ich mich daran, wie ich jeden Samstagmorgen an unserem Fenster gesessen und auf die Straße hinausgestarrt hatte. Damals wollte ich den schnittigen Sedan in der trägen Autoschlange erkennen, die an unserer Wohnung vorbeizog.

Mein Atem stockte.

»Alles wird gut, Dera«, flüsterte Mom und drückte meine Hand ganz fest.

Ein Teil von mir schätzte ihr Mitgefühl, ein anderer reagierte verbittert. Klar, während der Feiertage hatten wir einen Bogen um das Unvermeidliche gemacht und so getan, als wäre die Bescherung nicht einer unserer letzten gemeinsamen Momente. Aber jetzt, wo Dad schon da war und ich all meine Taschen gepackt hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich noch vorgeben konnte, dass alles »okay« war.

Der mürrische, betrogene Teil von mir meldete sich zu Wort. »Bist du dir da sicher?« Als ich sie ansah und ihre feuchten Augen und zitternden Lippen bemerkte, begriff ich, dass Moms Worte genauso an sie wie an mich gerichtet waren. Seufzend erwiderte ich ihren Händedruck.

»Guten Morgen, Natasha«, sagte eine tiefe Stimme. Mein Vater stieg aus dem Wagen. Bei seinem Anblick biss ich mir fast die Lippe blutig, und ich wusste, meiner Mutter ging es so ähnlich.

Benjamin Edwards war kein schmächtiger Mann und nicht leicht zu übersehen. Seine schiere Größe erregte Aufmerksamkeit. Und falls seine hochgewachsene Gestalt noch nicht bewirkte, dass man sich eingeschüchtert fühlte, dann sorgte der harte Blick seiner steingrauen Augen dafür. Ich war mir nie sicher, ob seine Fähigkeit, Leute nur mit seinem Blick zu dominieren, angeboren war oder ob er sich das im Zuge seines anstrengenden Medizinstudiums antrainiert hatte. Vielleicht hatten die Jahre, die er geopfert hatte, um Chirurg zu werden, alle Wärme aufgezehrt, die mein Vater je besessen hatte.

Wahrscheinlicher war allerdings, dass er so eine Wärme nie gehabt hatte.

Wie zu erwarten, blieb Dads Blick unverändert eisig, als er von meiner Mutter zu mir sah.

»Guten Morgen, Chidera«, sagte er. Mein Gehirn brauchte eine Sekunde zu lange, um seine Worte zu verarbeiten. Nachdem ich fast ausschließlich mit Mom aufgewachsen war, hatte es an Gelegenheiten gemangelt, mich an Dads nigerianischen Akzent zu gewöhnen. Seine Vokale waren volltönend, der Klang seiner Stimme tief, und er sprach viel schneller als Mom mit ihrem schleppenden Südstaatenakzent.

»Hi, Dad.« Ich umklammerte den Griff meines Koffers fester und bemühte mich, unter seinen aufmerksamen Augen ruhig zu bleiben.

Dad musterte mich noch etwas länger, bevor er den Blick auf den leuchtend orangefarbenen Koffer senkte, meinen letzten Anker hier in Sunridge. »Ist das alles, was du noch hast?«

Anfang der Woche hatte er Möbelpacker geschickt, die mein Zimmer ausräumten. Ich musste zusehen, wie sie meine Polaroid-Collage, meine Sommerklamotten und meine Medaillen mitnahmen. Es blieb nur ganz wenig zurück, das ich für die letzten verbleibenden Tage mit Mom brauchte.

»Das ist alles.« Ich unterdrückte einen Schauder.

»Tja, dann ist es am besten, wenn wir uns gleich auf den Weg machen, bevor wir in den Mittagsverkehr geraten.« Dad streifte Mom mit einem Blick. »Ich kann dein Gepäck nehmen.« Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern schnappte sich meinen Koffer vom Gehweg. Ich sah, wie er ihn zum Kofferraum trug und die Reste meines Lebens hier darin verstaute. Mom fasste mich an der Schulter.

»Das wird gut für dich sein«, flüsterte sie. »Und während der Spring Break kannst du mich besuchen.« Yeah, in drei Monaten.

»Ich will nicht weg«, murmelte ich.

»Ich will auch nicht, dass du weggehst«, echote Mom. »Du bist mein Ein und Alles. Das weißt du doch, oder, Dera?«

In meiner Kehle schien ein Kaktus zu stecken, der dafür sorgte, dass es in meinen Augen brannte und meine Nase sich wie verstopft anfühlte. Instinktiv schloss Mom mich in die Arme und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Der unverwechselbare Duft ihres Parfums umgab mich, und ich versuchte, mir zu merken, wie sie sich anfühlte. Weich, liebevoll und unter dem Druck meiner Arme nachgiebig.

Ich spürte, wie Dad uns vom Auto aus beobachtete.

Da trat Mom einen Schritt zurück. »Ihr fahrt jetzt besser«, flüsterte sie. »Wirst du mich stolz machen?«

»Immer.« Ich drückte sie ein letztes Mal.

Und dann ein allerletztes Mal.

Danach drehte ich mich um und stellte mich meinem Schicksal.

Obwohl er alles mit angesehen hatte, war Dads Miene unverändert. Mit anscheinend geringem Interesse beobachtete er, wie ich näher kam. Mom warf er einen Blick zu und nickte knapp. »Ich gebe dir Bescheid, wenn wir in Harmony angekommen sind«, erklärte er.

Irgendwie wurde Moms Haltung noch starrer. »Prima«, murmelte sie in einem Ton, der eher nach Du mich auch klang. Dad schien das nicht zu bemerken. Und da kein Gespräch ihn mehr festhielt, stieg er wortlos ins Auto.

Meine Augen wanderten zu Mom. »Letzte Chance, mir zu sagen, dass das nur ein ausgeklügelter Prank war.«

Ihr trauriges Lächeln genügte als Antwort. »Bye, Liebling.« Ihre Stimme bebte.

»Bye, Mom.« Ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz und schlug die Tür zu, bevor Mom mein schmerzverzerrtes Gesicht sah. Sie war schon traurig genug.

Dad fuhr nicht gleich los. Vielleicht, dachte ich, würde er noch irgendwas Nettes sagen. Mir versichern, dass es nicht so schlimm sein würde. Mir erklären, warum er so distanziert gewesen war und dass das absolut nichts mit mir zu tun hatte. Mich wissen lassen, dass er mir helfen würde, mit dieser drastischen Veränderung klarzukommen, weil er mein Vater war und mich schrecklich lieb hatte.

»Chidera.« Mit einem Knopfdruck ließ er den Wagen an. »Bitte schnall dich an.«

Natürlich.

Mir kam in den Sinn, mich zu widersetzen. Schließlich hatte mir schon wochenlang vor der Fahrt nach Harmony gegraut. Mich dagegen zu sperren, konnte das Unvermeidliche rauszögern … aber für wie lange? Und zu welchem Preis? Da fand ich es besser, das Pflaster mit einem einzigen gnadenlosen Ruck abzureißen. Trotzdem klang das Klicken meines Sicherheitsgurts irgendwie nach höhnischem Kichern.

»Bin so weit«, nuschelte ich. Dad brummte statt einer Antwort, und dann entfernten wir uns von meiner Wohnung, von Mom, von Sunridge.

Theoretisch wusste ich, dass Harmony Hills eine wohlhabendere Gegend war als Sunridge. Das war allgemein bekannt. Harmony Hills war ein Vorort am Stadtrand der Metropole Dallas. Dort hatte es in letzter Zeit einen rasanten Bevölkerungszuwachs gegeben, nachdem eine Handvoll Unternehmen ihre Headquarters dorthin verlegt hatten. Es gab zahlreiche Instagram-Seiten, auf denen man hübsche Einkaufszentren und trendige Restaurants sah. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Besitz von mindestens einem Tesla dort Vorschrift war.

Ich war auf einen gewissen Glamour vorbereitet und wusste ebenso, dass es dort nicht wirklich Hügel gab. Trotzdem war ich nicht darauf gefasst, was mich in Dads Zuhause erwartete. Hauptsächlich lag das daran, dass ich die ganze Fahrt über das Handy nicht mehr als drei Millimeter von meiner Nasenspitze entfernt hielt. Eben hatte ich mich noch in einem Gruppenchat befunden, und mein letzter Eindruck von der Umgebung war der schäbige Spielplatz meiner Wohnanlage gewesen. Und im nächsten Moment schaute ich hoch und sah eine Villa vor dem Wagen aufragen.

»Whoa«, flüsterte ich. »Wo sind wir?«

Dad antwortete nicht, weil er schon aus dem Auto glitt. Offenbar machte er sich nicht die geringsten Sorgen, dass, wer auch immer in diesem massigen Schuppen residierte, seine Security auf uns hetzen könnte. Stattdessen drückte er die Fernbedienung an seinem Schlüssel, damit der Kofferraum aufging.

Ich steckte den Kopf hinaus. »Dad? Hallo?«

»Ja, Chidera?« Jetzt lief er zum Briefkasten und klappte für einen Eindringling viel zu lässig den Deckel auf.

Mein Blick ging zurück zu der Villa und schweifte über die kristallklaren Fenster, den perfekt gepflegten Rasen, die mächtigen Säulen, die einen großen Balkon trugen, der über dem Eingangsportal nach vorn ragte. Die Zahnräder in meinem Kopf rotierten. »Moment. Das ist dein Haus?«

Inzwischen hatte Dad sich die Post unter einen Arm geklemmt und trug in der anderen Hand meinen Koffer. Seine Miene schwankte zwischen amüsiert und verärgert. »Ja«, sagte er, »das ist unser Haus.«

Verdammt.

Mein Mund wollte nicht zugehen, während ich aus dem Wagen stieg, um das – mein? – Haus näher zu betrachten. Solche Häuser waren in Zeitschriften abgebildet, und sie gehörten Leuten, die regelmäßig in Countryclubs verkehrten und auf Bällen tanzten. In so was wohnte die Familie Banks aus Der Prinz von Bel-Air. Im Vergleich dazu war Moms und mein Apartment – unsere alte Wohnung, wie ich mich in Gedanken selbst verbesserte – allenfalls eine Puppenstube. Ich bemühte mich, mir nichts daraus zu machen.

Mit einer knappen Geste bedeutete Dad mir, ihm zu folgen. »Komm, Chidera. Ich zeig dir dein Zimmer.«

Wortlos lief ich meinem Vater hinterher, wobei mein Blick an dem Teil des Wohnzimmers hängen blieb, den man vom Eingang aus sehen konnte. Der Fernseher war offenbar größer als ich. Mook würde in Ohnmacht fallen, wenn er ihn sah. Was mich daran erinnerte, dass er ihn wahrscheinlich niemals sehen würde, weil er sich zusammen mit allen anderen, die mir am Herzen lagen, Hunderte Meilen entfernt in Sunridge befand.

Falls meine düstere Stimmung mir anzumerken war, dann ignorierte Dad sie einfach. Anstatt auf meine sich weiter verfinsternde Miene einzugehen, führte er mich die Treppe hinauf, durch einen hallenartigen Gang und in einen Raum, der groß genug für mehrere SUVs gewesen wäre. Ich bemerkte die Umzugskartons in einer Ecke, die kaum Platz brauchten. Außerdem befanden sich in dem Zimmer ein Bett, eine Kommode, ein Bücherregal und ein vor die Wand geschobener Schreibtisch.

»Ist das gut?«, fragte Dad.

Die Wahrheit lag mir auf der Zunge. Gut wäre gewesen, mit Mom zu Hause zu sein und uns einen Becher Schoko-Minz-Eis zu teilen, während wir eine kitschige Rom-Com schauten. Gut wäre gewesen, auf Mooks Veranda zu sitzen und zuzusehen, wie er und ein paar Jungs aus der Nachbarschaft Körbe auf dem Basketballplatz an der Ecke warfen. Gut wäre zweihundert Meilen südlich oder wo auch immer, aber ohne meinen Vater gewesen.

Obwohl diese Worte rauswollten, gelang es mir, sie runterzuschlucken. »Yeah«, murmelte ich stattdessen. »Es ist toll.«

»Fein.« Dad bewegte sich Richtung Tür und bekam wieder nichts von den Gewitterwolken über meinem Kopf mit. »Sag Bescheid, wenn du noch irgendwas brauchst.« Mit einem knappen Nicken schlüpfte er aus dem Zimmer.

Ich wartete, bis ich seine Schritte auf der Treppe hörte. Dann rannte ich zur Tür und machte sie zu. Ich lehnte die Stirn an das weiß gestrichene Holz und schloss die Augen. Wenn ich sie lange genug zuließ, konnte ich mir vielleicht vormachen, wieder zu Hause zu sein.

Ich stand sehr, sehr lange so da.

3

Eigentlich hatte ich ein ziemlich gesundes Verhältnis zum Auspacken. Was noch wichtiger war: Ich hatte ein System. Nach Übernachtungspartys oder Veranstaltungen mit meinem Laufteam rollte ich meinen Koffer immer in die leerste Ecke des Zimmers und drehte mich langsam im Kreis, um alles wieder an seinen Platz zu legen. Das war eine gute Strategie – die dadurch erleichtert wurde, dass meine Sachen schon vorbestimmte Plätze hatten. Im Haus meines Vaters sah das anders aus.

Nichts hatte hier einen vorbestimmten Platz, und ich brachte die nächsten Tage damit zu, das zu ändern. Meine Laufschuhe, die früher am Fußende meines Bettes gestanden hatten, befanden sich jetzt in dem übergroßen Schrank, genau wie meine Kleidung, meine Koffer und meine Medaillen. Meine Bücher, die sich zu Hause auf dem Nachttisch gestapelt hatten, standen nun in dem fast leeren Regal. Das Zimmer war geräumig und pieksauber und in einem gebrochenen Weiß gestrichen, das genau zur reduzierten Art meines Vaters passte. Andere Adjektive, die mir dazu einfielen, waren »klinisch«, »steril« und »trostlos«. »Gemütlich« war nicht darunter.

Es überraschte wirklich niemanden, dass Dad mir die Eingewöhnung kein bisschen erleichterte. Er blieb seiner Art treu und redete kaum mit mir. Unsere Gespräche gingen selten darüber hinaus, dass er mich fragte, was ich essen wollte, und mir dann später mitteilte, das Gewünschte sei geliefert worden. Mom wäre beim Anblick so vieler To-go-Verpackungen blass geworden, aber ich fand es immer noch besser, Restaurantessen in der Einsamkeit meines Zimmers zu verdrücken, als ein unbehagliches gemeinsames Abendessen zu absolvieren, bei dem Dad und ich Blickkontakt vermieden. Außerdem musste ich Prioritäten setzen.

Abgesehen vom Auspacken und dem Arrangieren mit meinem Vater bemühte ich mich, irgendwie klarzukommen. Dafür nutzte ich einen vertrauten Bewältigungsmechanismus: Joggen. Oder genauer gesagt joggte ich durch die Nachbarschaft, um auf armselige Weise vor meinem Schicksal davonzulaufen.

Das Brennen in meinen Oberschenkeln dämpfte die Hektik, und das rhythmische Geräusch meiner Schritte ließ mich klarer denken. Laufen hatte schon immer so auf mich gewirkt, selbst als ich noch keinen Meter groß war und in blinkenden Sketchers um den Spielplatz der Kindertagesstätte rannte. Als mir auffiel, dass andere Mädchen nicht so schnell laufen konnten wie ich, wurde es mir noch wichtiger. Und ehrlich gesagt war es das Einzige, was ich unter Kontrolle hatte, sogar an einem Ort wie Harmony Hills.

Aus gemächlichem Joggen wurde langsames Laufen, während ich den Gehweg vor Dads Haus hinuntertrabte. Zu beiden Seiten der Straße ragten zwei-, drei- und sogar vierstöckige Häuser auf. Wie blinkende Sterne hingen Lichterketten vor grauem Himmel an den Dächern. Einst füllige Weihnachtsmänner hatten schon ein bisschen an Umfang verloren und starrten mich aus überlebensgroßen Augen an. Alle paar Schritte hielt ich (widerwillig) an, um einige der Dekorationen zu bewundern. Vor einem Haus stand eine ganze Herde glitzernder, weihnachtlich ausstaffierter Pinguine.

Mom wäre begeistert gewesen.

Ein scharfer Schmerz durchzuckte mich. Entweder war das ein Schock meiner Nerven oder eine verirrte Lichterkette hatte meinen Knöchel gestreift.

»Autsch!«, schrie ich und fiel nach vorne.

Ich versuchte mich noch im Fallen als Luftbändigerin, knallte aber trotzdem auf den Asphalt. Ein peinliches Gewirr aus Extremitäten. Meine Leggings mussten dabei zerrissen sein, denn kaum berührte ich den Boden, spürte ich auch schon die winterliche Kälte auf der Haut an meinen Knien. Ich zischte wütend und betete, dass niemand dieses unglaublich demütigende Schauspiel gesehen hatte.

»Hoppla!«

Natürlich hatte es jemand gesehen.

Hände griffen nach meinen Schultern und schoben mich behutsam hoch, sodass ich mich aufsetzen konnte, während ich überlegte, ob Gott, Karma oder das Universum es auf mich abgesehen hatte. (Bei meinem Glück? Wahrscheinlich alle drei.)

»Mir geht’s gut, mir geht’s gut«, sprudelte ich hervor, bevor ich auch nur Gelegenheit hatte, zu erkennen, wer meinen Sturz beobachtet hatte. »Ich bin gestolpert, aber mir geht’s gut. Nur ein bisschen …« Die Worte blieben mir im Hals stecken, als ich aufschaute und in braune Augen nur Zentimeter von meinen entfernt blickte. »Ähm.« Ich wich ein Stückchen zurück. »Peinlich.«

»Tja«, der Typ kicherte, »Peinlichkeiten sind gut für die Charakterbildung.«

Da war ich mir nicht so sicher, vor allem weil der Zuschauer besagter Peinlichkeit zufällig in meinem Alter war. Schwarze Haare hingen ihm strubbelig tief in die Stirn, aber auch nicht so tief, dass mir die Fröhlichkeit seiner Augen entgangen wäre.

»Hab mir nichts gebrochen«, sagte ich und merkte, wie mein Gesicht warm wurde. »Alles okay so weit.« Doch der Typ ließ nicht von mir ab, sondern beobachtete mich weiter wie ein Raubvogel. Mir blieb nicht viel anderes, als zurückzustarren und Dinge zu bemerken wie sein konventionell attraktives Gesicht, von dem Cheerleader wahrscheinlich hingerissen waren. Er war zwar nicht mein Typ, aber blamieren wollte ich mich vor so jemandem auch nicht. Und trotzdem … Das war meine Lage.

Dera Edwards aus dem Hause Blamage. Königin der Peinlichkeit, Mutter der Schande.

Der Typ sah mich mit schräg gelegtem Kopf an. »Du weißt schon, dass du blutest, oder?« Moment, echt jetzt?

Ich senkte ruckartig den Kopf in Richtung meiner Knie, aus denen Blut quoll. Sogar über meine Handflächen zogen sich rote Striemen.

»Oh, Mann«, murmelte ich. »Hoffentlich hat mein Dad Pflaster im Haus.«

Der Typ zog eine seiner perfekten Augenbrauen hoch. »Wir haben reichlich Pflaster. Willst du kurz reinkommen?«

Das klang tatsächlich besser, als nach Hause zu humpeln. Trotzdem war es nicht gerade der erste Eindruck, den ich machen wollte, diesem Jungen sein Haus vollzubluten. Außerdem verlangte jede Geh-nie-mit-Fremden-Regel, dass ich genau nicht hinter ihm herlief.

»Ich wohne ganz in der Nähe«, erklärte ich ihm. »Und es ist wirklich keine große Sache, bis dahin zu kommen.«

»Keine Sorge, mir macht das nichts aus.« Er streckte mir die Hand hin.

Nachdenklich sah ich den Jungen vor mir an. Ich konnte mitgehen und seine offensichtliche Gastfreundschaft akzeptieren. Oder ich konnte nach Hause gehen und das Versteckspiel mit meinem Erzeuger fortsetzen.

Es war ehrlich gesagt keine so schwere Entscheidung.

»Ich bin dann auch gleich wieder weg«, sagte ich und legte meine Finger in seine Hand. »Aber nur damit du Bescheid weißt, falls sich rausstellt, dass du ein Creep bist – meine Freunde haben meinen Standort und werden dich in jedem Fall aufspüren.« Garantiert würden sie den Großteil des Tages brauchen, um mich zu finden, aber das musste er ja nicht wissen.

Meine Drohung schien ihn nicht zu bekümmern, falls sein Lächeln irgendeine Aussagekraft besaß. »Alles klar«, erwiderte er nur und zog mich behutsam auf die Füße. »Ich bin übrigens Liam. Kein Creep. Aber ich verstehe absolut, warum du vorsichtig bist.« Während er so redete, führte er mich über eine Rasenfläche auf eine große weiße Villa zu, die am Ende einer Auffahrt thronte.

»Ich bin Dera.« Doch meine Aufmerksamkeit richtete sich auf etwas anderes. Das Haus, falls man es überhaupt so nennen wollte, ragte wie ein Turm in den Himmel. In Anbetracht der Ausmaße, der exakt gestutzten Hecken und des winterfesten Rasens war ich mir sicher, dass Liams Eltern ein Ferienhaus in den Hamptons besaßen.

Liam merkte entweder nicht, wie ich glotzte, oder er ignorierte es absichtlich, denn er sagte kein Wort, als er mich durch die Haustür schob. Selbst als ich stehen blieb, um zu dem glitzernden Kronleuchter hinaufzustarren, der bunte Lichtpunkte in den Eingang warf, tätschelte er nur meine Schulter und meinte leise: »Hier geht’s lang.«

Wir liefen an einem imposanten Treppenaufgang und einer riesigen Standuhr vorbei, bevor wir einen Raum betraten. Sonnenlicht fiel durch Lamellen und erzeugte eine gemütliche Atmosphäre zwischen den strahlend weißen Möbeln. Es fühlte sich so heimelig an, wie man das in einer Villa wie aus einer Zeitschrift nicht erwartet hätte.

Nachdem ich mich auf die nächstbeste Couch gesetzt hatte, trat Liam ein paar Schritte zurück. »Ich hol schnell ein paar Sachen«, sagte er. »Ruf einfach, wenn du mich brauchst.« Und damit verschwand er.

Zuerst ließ ich den Blick ziellos durchs Zimmer schweifen. Ein sorgsam eingeräumtes Bücherregal. Ein geschmackvoll dekorierter Couchtisch. In der schwachen Wintersonne schimmerte sogar ein Schachspiel aus Jade. Dann blieben meine Augen an einer Galerie von Diplomen und Zeugnissen an einer Wand hängen. Neugierig stand ich auf, um sie aus der Nähe zu betrachten: Biochemie, Psychologie, Jura, Wirtschaft. Zwei verschiedene Namen waren abwechselnd auf den Urkunden zu lesen. Wer auch immer Lucy und William waren, sie schienen Wissen gesammelt zu haben wie manche Leute Infinity-Steine.

»Der reinste Overkill, ich weiß.«

Ich zog meine Schultern fast bis zu den Ohren hoch und fuhr herum. Irgendwie hatte Liam sich plötzlich wieder im Raum materialisiert. Und obwohl er freundlich grinste, fühlte ich mich, als wäre ich mit runtergelassener Hose erwischt worden. Mit Bezug auf die Wand fügte er hinzu: »Ich persönlich finde, sie haben’s übertrieben. Wer will schon so lange studieren?« Er schüttelte den Kopf. »Vielleicht wenn’s einen Studiengang zur Entwicklung von Emojis gäbe.«

Jetzt zog ich die Augenbrauen hoch. »Zur Entwicklung von Emojis?«

Liam nickte ernst. »Emojis sind das Rückgrat moderner Sprache.«

O…kay. »Also abgesehen davon, was sie studiert haben, finde ich das …« Ich zeigte in Richtung der Zeugnisse. »… ziemlich cool.« Vielleicht war es nicht, was ich tun würde, aber definitiv cool. »Meine Mom hat nur einen Bachelor in Erziehungswissenschaften.« Wegen ihrer ungeplanten Schwangerschaft mit mir brauchte sie sechs Jahre dafür. »Deshalb habe ich echt Respekt vor den Errungenschaften deiner Eltern. Overkill hin oder her.«

Liam lächelte verblüfft. »Oh, danke. Möchtest du Neosporin?« Er hielt mir zwei Tuben zur Auswahl hin und schien gar nicht zu merken, wie er mich mit dem plötzlichen Themenwechsel überrumpelt hatte.

»Äh …« Ich blinzelte und musste kurz überlegen. »Klar.«

Er grinste. »Prima.« Nachdem er mich zum nächstbesten Sessel geführt hatte, ging Liam auf die Knie, um den zerfetzten Stoff vorsichtig von meiner Wunde zu entfernen. Ich versuchte zu protestieren und erklärte, ich könne die Wunde selbst versorgen. Doch er zuckte nur mit den Achseln und meinte: »Ist keine große Sache.«

»Ich hab ein schlechtes Gewissen«, murmelte ich und zuckte ein bisschen zusammen, als er mit einem feuchten Papiertuch über die Wunden wischte.

»Das ist wirklich kein Problem. Außerdem hab ich dann einen Grund, mit dem Abmontieren unserer Weihnachtsbeleuchtung Pause zu machen. Meine Finger waren von der Kälte schon ganz blau.«

»Wartet ihr nicht wie normale Leute bis März damit?«, scherzte ich und zuckte nur noch ganz leicht, als er meine Knie trockentupfte.

»Nicht mit meinem Dad! Er ist der Inbegriff des Klischees von strengen asiatischen Eltern.« Liam schnaubte, wandte den Blick aber nicht von meinen Knien. »Da hält man besser nicht dagegen.«

Ich überlegte zu erwähnen, welchem Klischee von Immigranteneltern mein Vater entsprach, aber ich brachte kein Wort über die Lippen. Liam wirkte ganz nett, aber »ganz nett« heißt nicht vertrauenswürdig. So freundlich er sich auch benahm, er war nicht Mook und das hier war nicht Sunridge. Auf lange Sicht war es deshalb wahrscheinlich besser, wenn ich meinen Mund hielt.

Als Liam nach einem Pflaster griff, das er neben sich bereitgelegt hatte, fiel mein Blick auf den auf seinen Windbreaker gestickten Pantherkopf.

Ich richtete mich gerade auf. »Moment. Gehst du auf die West Harmony High School?«

Liam drückte das Pflaster auf meine frisch desinfizierte Schramme. »Yes, Ma’am. Warum? Du auch?«

»Ab nächster Woche.«

»Oh, dann bist du eine Neue!« Ich schwor, ein Funkeln in seinen Augen gesehen zu haben. »Jetzt ist mir einiges klar.« Er bemerkte meinen irritierten Blick und fuhr rasch fort: »Ich kenne alle, die aus dieser Gegend auf die Harmony gehen. Und dich habe ich vorher nie gesehen.« Liam klebte das zweite Pflaster auf. »Bluten deine Hände noch?«

»Ich denke, sie sind nur aufgeschrammt. Sie bluten nicht mehr richtig.«

Liam nickte nachdenklich. Den Blick kannte ich.

»Du willst sie lieber auch desinfizieren, oder?«

Ein leichtes Grinsen umspielte seine Mundwinkel. »Du kannst Gedanken lesen. Respekt!«

Ich verdrehte die Augen und ließ Liam seinen Willen. Kurz danach war ich voll verpflastert und fertig zum Gehen. »Danke dir«, sagte ich, als Liam mich zurück zur Haustür begleitete. »Das war cool von dir.«

Liam zuckte mit den Achseln. »Ich geb mir Mühe. Aber hey, vielleicht war das Schicksal? Damit du an deinem ersten Tag schon irgendwen kennst!«

»Yeah …« Vielleicht.

Ich trat über die Schwelle von Liams Haus und in die kalte Januarluft hinaus. Das natürliche Ende der Unterhaltung kam in Sicht. Ich musste mich nur von ihm verabschieden. Er musste nur noch mal winken und die Tür zumachen. In Anbetracht der Größe der Schule war es unwahrscheinlich, dass unsere Wege sich so schnell kreuzen würden. Das Gespräch wegen einer potenziellen Freundschaft in die Länge zu ziehen, wäre vermutlich sinnlos.

Aber ich hatte noch eine Frage.

»Liam?« Ich merkte, wie mein Magen sich vor Nervosität zusammenzog. Als seine Augen meine suchten, versuchte ich, mich zu beruhigen. »Bevor ich gehe … Kennst du zufällig jemanden aus der Leichtathletik-Mannschaft?«

»Ob ich jemanden kenne?« Stolz warf er sich in die Brust. »Vor dir steht der Team Captain.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich kann dir alle Fragen beantworten, die du hast.«

Der Knoten in meinem Bauch lockerte sich. »Oh, wie cool.« Ich seufzte. »Wie ist es? Ich habe nie was von eurer Mannschaft gehört, und bei den Wettkämpfen ist mir deine Schule nie aufgefallen. Deshalb dachte ich, dass das Team vielleicht nichts taugt.« Eine Sekunde zu spät bemerkte ich Liams betroffene Miene. »Oh, das soll natürlich keine Beleidigung sein.« Doch meine halbherzige Entschuldigung änderte seinen Gesichtsausdruck nicht.

»Das ist es nicht …« Liam wich meinem Blick aus.

»Moment. Ist das Mädchenteam schlecht? Sie sind schlecht, oder? Müssen sie ja sein, wenn du so guckst!« Ich war zwar nervös, aber nicht so nervös. Ich war gerade von dem einzigen Ort entwurzelt worden, den ich je als Zuhause betrachtet hatte, und gezwungen, bei einem Mann zu leben, den ich nicht ausstehen konnte. Viel schlimmer ging es ja kaum.

Liam holte demonstrativ Luft. »West Harmony hat keine Mädchenmannschaft für Leichtathletik mehr.«

Diese schockierende Wendung des Schicksals machte die Dinge schlagartig noch viel, viel schlimmer.

4

Die Haustür meines Vaters lachte mich aus. Man könnte behaupten, so ein unbelebter Gegenstand habe keine Stimmbänder, Lungen und was es sonst noch zum Lachen braucht. Aber während ich wütend auf die geschwungenen Linien in der eingelassenen Glasscheibe starrte, konnte ich tatsächlich die kichernden Gesichter in dem raffinierten Muster erkennen. Also, ja, vielleicht hörte ich akustisch nichts, aber meine Augen täuschten mich nicht.

Ich wusste auch, dass meine Träume von einem Vollstipendium für meine Laufleistungen gerade in Flammen aufgegangen waren. Die Leichtathletik-Saison in der elften Klasse war eine der letzten Möglichkeiten für eine Highschool-Athletin, Laufzeiten zu sammeln, die sie an Universitäten schicken konnte. Ohne eine Mannschaft an der West Harmony war es beinah unmöglich, die Aufmerksamkeit von College-Trainerinnen auf sich zu ziehen. Vor allem in Texas, wo die Konkurrenz wirklich hart war.

Ich meine, dieser Bundesstaat hat Mädchen wie Sha’Carri Richardson hervorgebracht. Ich würde das ganze Jahr in einem angesehenen Team trainieren müssen, um mithalten zu können, um es an ein tolles College zu schaffen und um mich bis nach Amsterdam oder London zu kämpfen – oder wo auch immer die Olympischen Spiele stattfinden würden, wenn ich alt genug sein würde, um daran teilzunehmen.

Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, musste ich ja auch mit meinem Vater zurechtkommen. Ich war verdammt noch mal wirklich nicht zu beneiden.

Die Fäuste an meinen Seiten zitterten, und das höhnische Gelächter der Tür machte mich ganz krank vor Wut. Ich hätte mich vielleicht für Frieden entschließen können, wenn ich tief Luft geholt, meditiert oder ähnlichen Mist gemacht hätte. Aber da Liams Offenbarung schwer auf meinen Schultern lastete, war Frieden keine Option. Nein, ich entschied mich freudig für Gewalt.

Nur auf Konfrontation aus, drückte ich die Haustür auf. Doch kaum war ich durch den Flur marschiert und kurz davor, in die Küche abzubiegen, kam ich abrupt zum Stehen.

Als ich heute Morgen das Haus verlassen hatte, war Dad in seinem Büro gewesen, wo er irgendwas diktierte. Vor allem aber war er allein gewesen. Jetzt konnte ich hören, dass da in der Küche zwei Stimmen waren. Eine eindeutig Dads … aber eben auch noch eine andere. Das war besonders seltsam, weil es schon schwerfiel, sich Dad auch nur in einem Raum vorzustellen, wo gekocht wurde.

Die Küche war das Reich meiner Mom gewesen. Nicht auf sexistische Art, sondern auf Mom-Art. Sie war eine Meisterin der Töpfe und Pfannen, eine Ninja mit Messern und die beste Köchin, die ich je das Glück hatte zu erleben. Dad dagegen hasste Küchen. Oder zumindest nahm ich das an, weil ich ihn niemals auch nur einen Apfel hatte aufschneiden sehen. Das größte kulinarische Wagnis war er eingegangen, als ich noch jünger war und er mir fürchterliche Fertigsnacks wie Lunchables und Hühnchenpasteten aus der Mikrowelle vorsetzte.

Als ich seine Stimme in der Küche widerhallen hörte, irritierte mich das genauso wie die weibliche Stimme, die ihm antwortete. Neugierig schlich ich durchs Esszimmer und spähte vorsichtig um die Ecke. Was ich sah, ließ mir das Herz stocken.

Mein Vater.

Eine Frau.

Und die beiden berührten sich.

Ich musste erst einmal tief Luft holen und dann gleich noch mal, während mein Blick an ihren Händen hängen blieb, die auf eine Weise ineinander verschlungen waren, die vermuten ließ, dass sie das öfter machten. Komisch. Dad war niemand, der rumlief und Leute anfasste. Konnte ich mich auch nur an eine Zeit erinnern, als er meine Hand gehalten hatte? Oder Moms? Diese Frau, wer auch immer sie war, musste eine so große Bedeutung für ihn haben, dass er seine Berührungsgrenze überwand. Vielleicht seine Schwester oder Cousine oder – ich riss vor Schreck die Augen auf – eine Ehefrau?

Beide drehten sich zu mir um, weil ich vor Staunen so laut nach Luft schnappte.

Dads Gesicht blieb ungerührt, aber sie begann so zu strahlen, dass es einer Zahnpastawerbung würdig war.

»Chidera!«, rief sie und sprach jede Silbe meines Namens mit geübter Lässigkeit aus. »Da bist du ja!«

»Ähm …« Meine Neugier wuchs, während ich zwischen den beiden hin- und herblickte. »Da bin ich.« Da war ich, neugierig, irritiert und misstrauisch.

»Chidera.« Dads Stimme riss mich aus meinen Überlegungen, während er einen Schritt nach vorne machte. »Das ist Ms. Ekanem. Meine … meine Freundin.« Freundin? Gemäß meinen Beobachtungen fehlte Dad das Nötige, um Beziehungen aufrechtzuerhalten, vor allem romantische Beziehungen. Und obwohl ich sehen konnte, wie sie ihre Finger verschränkt hatten und sie ihn anstrahlte, konnte ich den Begriff »Freundin« irgendwie nicht verarbeiten.

Wortlos und quasi betäubt starrte ich Dads sogenannte »Freundin« an. Dabei versuchte ich mir vorzustellen, wie so jemand sich ihn geangelt hatte. Und damit wollte ich ihr übrigens gar nichts unterstellen. Die Frau war hübsch, sogar wunderschön. Aber sie war nicht das, was ich mir unter dem Beuteschema meines Vaters vorgestellt hatte.

(Wobei ich ja ohnehin nicht mehr als absolut notwendig über diesen Mann nachdachte.)

Die angebliche Freundin trug ihr Haar raspelkurz. Ein beachtlicher Unterschied zu Moms schulterlangen Locken. Und während Mom baumelnde Ohrringe trug, hatte diese Frau Perlenstecker in ihren Ohrläppchen. Sogar ihre Kleidung, ein dunkles, figurnahes Etuikleid, war ein gedämpfter Kontrast zur kunterbunten Kakophonie der Sachen meiner Mutter. Diese Frau war makellos und perfekt wie eine Barbie.

Auf den zweiten Blick passte sie vielleicht sogar sehr gut zu Dads superkorrektem Lebensstil. Vielleicht waren Mom und ich ja die beiden Puzzleteile, die nicht gepasst hatten.

»Es ist so schön, dich endlich kennenzulernen, Liebes!«, sprudelte es aus der Frau heraus, während sie mich überschwänglich umarmte. »Du kannst mich übrigens Auntie Joyce nennen. Wir brauchen da keine unnötigen Formalitäten.« Ihr Griff wurde auf eine Weise fester, der mir wohl Zuspruch geben sollte. (Tat er nicht.)

»Auntie« Joyce sprach mit dem gleichen Akzent wie Dad, nur dass ihrer durch die Luft glitt, während seiner sie durchschnitt. Ein weiterer bemerkenswerter Unterschied: Während ihre äußere Erscheinung genauso makellos war wie die meines Vaters, wirkte die Wärme ihrer Augen echt. Beinah mütterlich. Mein natürlicher Impuls wäre gewesen, mich ihrer Positivität zu öffnen und sie in mich aufzusaugen. Doch mein Ego ging dazwischen und ermöglichte es mir, ein undurchdringliches Gesicht aufzusetzen.

»Joyce«, sagte ich tonlos. »Okay, merk ich mir.«

Während Dad mich warnend anfunkelte, plapperte Joyce munter weiter. »Wie hübsch du bist! Du siehst genau aus wie dein Vater!« Die Frau trat einen Schritt zurück, die Hände immer noch auf meinen Schultern, und scannte mein Gesicht auf der Suche nach Dads Zügen, die sie dort zu erkennen behauptete. Dabei bin ich abgesehen von dem groben Haar und der dunklen Haut total meine Mom: von der runden Kopfform und den katzenhaften Augen bis hin zu den unzähligen Leberflecken, die mein Gesicht überziehen.

»Wo bist du gewesen, Chidera?«, fragte Dad wie eine Gewitterwolke vor Joyce’ sonniger Art. »Ich wollte, dass du mit uns frühstückst, damit du und Joyce euch richtig kennenlernt.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Davon höre ich zum ersten Mal.«

Falsche Antwort. Dad sträubte sich sichtlich. Wie eine Katze, der man gegen den Strich durchs Fell fährt.

»Hast du dir die Gegend angesehen?«, fragte Joyce. Sie deutete mit dem Kopf auf meine Joggingschuhe und mein bequemes Outfit. »Sieht aus, als wärst du joggen gewesen.«

»Oh ja, das war ich.« War ihr einfach die Frage in den Sinn gekommen, oder war das ein gezielter Versuch, Dads Verärgerung abzumildern? Wie auch immer wirkten seine Schultern eine Spur entspannter, was ich als gutes Zeichen nahm. »Ich war joggen, um mir die Häuser anzuschauen. Dabei hab ich jemanden kennengelernt, der auch auf die West Harmony geht.«

Dads Gesicht blieb beinah unbewegt, als er sagte: »Oh, gut. Konntest du schon nach deinen Kursen fragen?«

Ich verschränkte die Arme. »Nein, ich habe nach der Leichtathletik gefragt.«

Jetzt ließ Dads Gesichtsausdruck eine Spur Neugier erkennen. »Leichtathletik.«

»Laufen und so.«

»Ja, ich weiß, was Leichtathletik ist, Chidera.« Jetzt verschränkte er die Arme.

Joyce – die arme Frau – schaute zwischen uns beiden hin und her, während ihr Lächeln verblasste. »Ähm, hast du was Brauchbares erfahren?«

»Nein«, sagte ich mit finsterer Miene. »Im Prinzip habe ich erfahren, dass ich meinen Traum von einem Stipendium vergessen kann.«

»Was redest du da?«, fragte Dad.

»Das Laufteam«, sagte ich und betonte jede Silbe. »Die West Harmony High School hat keins für Mädchen, also werde ich wahrscheinlich keinerlei Angebote für Leichtathletik-Stipendien bekommen.« Als ich es laut aussprach, zog sich mein Magen vor Angst erneut zusammen. Meine sorgsam geplante Zukunft an einem einzigen Vormittag vernichtet. Was sollte ich jetzt machen?

Völlig überraschend schaute Dad ähnlich betroffen. »Das ist … misslich«, erklärte er. Ja, genau, und irgendwo auf der Welt sah ein verblüffter Beobachter ein Schwein durch die Lüfte fliegen. »Aber es gibt immer akademische Stipendien. Wenn du gute Noten hast, wirst du sicher eins bekommen. Du musst dich nur konzentrieren und fleißig sein.« Da legte das fliegende Schwein eine spektakuläre Bruchlandung hin.

Joyce, die jetzt misstrauisch zwischen uns hin- und herblickte, bemerkte meine Gereiztheit. »Ben«, setzte sie an und legte sanft eine Hand auf seine Schulter, »ich glaube nicht, dass das Problem damit gelöst ist.«

»Das Problem besteht darin, ein College-Stipendium zu bekommen. Dafür braucht Chidera keinen Sport.« Äh, irgendwie schon.

Ich war bei Weitem nicht die schwächste Kerze auf der Torte, aber meine GPA-Ergebnisse waren auch nicht derart prächtig, dass ich so problemlos durch die College-Aufnahmeverfahren gekommen wäre wie manche meiner Freunde. Was die Noten betraf, lag ich gemütlich im Mittelfeld, sodass ein eventuelles Stipendium, das ich damit ergattern könnte, wahrscheinlich gerade mal die Kosten meiner Lehrbücher abdecken würde. Wahrscheinlich. 

»Deine Mutter und ich haben viele Gespräche über deine Studiengebühren geführt«, fuhr Dad fort. »Gib in der Schule dein Bestes, und um den Rest werden wir uns schon kümmern.« Das war einerseits eine gute Neuigkeit, klang aber andererseits auch wie eine Drohung.

Wie sehr konnte ich meinem Vater wirklich trauen? Wenn er nicht mal hatte auftauchen können, um die Hälfte der elterlichen Verantwortung zu übernehmen, welche Sicherheit hatte ich dann, dass er mich am College unterstützen würde? Ich wollte das ja noch nicht mal. Mom war für mich da gewesen. Almosen von dem Mann anzunehmen, der sich in meiner Kindheit so rar wie nur möglich gemacht hatte? Die Vorstellung hinterließ einen üblen Nachgeschmack auf meiner Zunge.

Außerdem würde Geld das Problem nicht lösen. Ich wollte es immer noch unbedingt in ein Spitzen-Leichtathletik-Programm schaffen, was mir ohne hervorragende Zeiten deutlich schwerer gelingen würde. Aber Dad machte ein Gesicht, als hätte er mir soeben ein physikalisches Gesetz erklärt. Mit anderen Worten: Es war sinnlos, weiter mit ihm zu diskutieren.

Also rollte ich nur mit den Augen, verschränkte die Arme und murmelte ein düsteres »Egal«.

»Ähm …« Joyce blinzelte erst Dad, dann mich an. »Vielleicht wäre jetzt ein guter Moment, zu erwähnen, dass ich etwas zum Mittagessen mitgebracht habe.« Das waren eindeutig erfreulichere Neuigkeiten.

Der starke Duft ihres Parfums kitzelte mich in der Nase, als Joyce sich an mir vorbeischob. Nachdem sie einen großen Topf aus dem Kühlschrank geholt hatte und damit in die Mitte der Küche getreten war, nahm ich ein neues Aroma wahr.

Ich verzog das Gesicht. »Wonach riecht das?«

Joyce hob den Deckel ab und lächelte wie Glücksradfee Vanna White, während sie stolz den suppigen, klebrigen Inhalt präsentierte. »Ich habe entschieden, eine Egusi-Suppe mit Yams zu kochen, um dich in Harmony Hills willkommen zu heißen.« Sie sprach immer noch wie eine Moderatorin. »Ich dachte mir, dass es vielleicht schon lange her ist, dass du traditionelles nigerianisches Essen bekommen hast …«

Eine schwache Erinnerung kam mir in den Sinn: Mom fluchend in der Küche, während sie etwas zusammenkochte, wovon sie behauptete, es stamme aus »dem Volk deines Vaters«. Einen Brandmelder-Alarm, zwei verkohlte Töpfe und eine Panikattacke später griff Mom nach der Speisekarte vom chinesischen Schnellrestaurant, die ich für Notfälle an den Kühlschrank gehängt hatte. Es war das erste und einzige Mal, dass wir bei uns zu Hause etwas Nigerianisches ausprobiert hatten.

Mein Blick ging zwischen dem Topf in Joyce’ Händen und der reglosen Miene meines Vaters hin und her. Er schien nicht überrascht. Bedeutete es, dass das Gericht so aussehen sollte? Mein entsetztes Schweigen muss auffällig gewesen sein, denn sogar Dad sah mich jetzt neugierig an.

»Joyce«, sagte er vorsichtig, ohne mich aus den Augen zu lassen, »vielleicht würde Dera sich gern erst mal ein bisschen frisch machen.« Gott sei Dank, ein Ausweg.

»Yeah«, sagte ich, »muss mich erst, äh, duschen.« Und den nächsten guten Take-away-Service finden. Ich spürte Joyce’ besorgten Blick, mit dem sie mir nachsah, aber ich blieb nicht mehr stehen. In einem anderen Leben wären wir beide wahrscheinlich gut miteinander ausgekommen. Doch leider war sie mit meinem Vater zusammen, dem Grund meiner miesen Lage.

Mit anderen Worten: Sie war genauso schlimm wie er.