Sachertorte mit Schuss - Ulrike Moshammer - E-Book

Sachertorte mit Schuss E-Book

Ulrike Moshammer

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Beschreibung

Mord und Intrigen beim Tortenwettbewerb in Bad Gastein Ein Tortenwettbewerb in Bad Gastein! Die Crème de la Crème der Konditorenzunft findet sich im Ort ein, und alle sind gespannt, wessen Kreation das Rennen macht. Auch Hotelière und Hobby-Spürnase Valerie Thaller beherbergt ein Tortenbäcker-Team in ihrem Haus, die Vorfreude ist groß. Doch die Stimmung schlägt rasch um, als ein Mann beim Genuss einer Sachertorte erschossen wird und kurz darauf einer der Wettbewerbsteilnehmer spurlos verschwindet. Valerie und ihre Freunde müssen all ihre Cleverness aufbieten, um einem raffinierten Betrüger das Handwerk zu legen, bevor sie selbst zu Opfern werden. Humorvoll, spannend und mit einem Augenzwinkern serviert – dieser Alpenkrimi von Ulrike Moshammer ist ein Genuss für alle Fans von kulinarischen Mordgeschichten und originellen Ermittlerfiguren!

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ulrike Moshammer wurde 1975 in Vöcklabruck geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Eine zweite Heimat hat sie in dem kleinen Kurort Bad Gastein gefunden, der sie mit seinem morbiden Charme und seiner mondänen Geschichte schon lange fasziniert. Sie hat in Salzburg Germanistik studiert, schreibt für ein Schülermagazin und arbeitet als freie Lektorin für Verlage und Selfpublisher.

 

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Ab Seite 230 finden sich Rezepte.

 

© Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, 50667 Köln

[email protected]

www.emons-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept

von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Gestaltung Innenteil: DÜDE Satz und Grafik, Odenthal

Lektorat: Julia Lorenzer

Druck und Bindung: sourc-e GmbH

Printed in Europe 2025

ISBN 978-3-98707-327-4

Originalausgabe

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationeninsbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß§ 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

 

Ein ganz klein wenig Süßeskann ganz viel Bitteres verschwinden lassen.Francesco Petrarca

EINS

»Du wirst wohl nie erwachsen, oder?« Kopfschüttelnd trat Valerie Thaller, Chefin des Grand Hotels in Bad Gastein, hinter ihre Freundin Nora. Diese gab sich unschuldig, während sie sich umdrehte. »Wieso? Was meinst du damit?«

»Ich denke, das weißt du selbst am besten. Kaum wende ich dir für einen Moment den Rücken zu, hast du die Finger in meiner Rührschüssel, genau wie damals in der Volksschulzeit, als ich zu backen begonnen habe. Du bist unbelehrbar, schlimmer als meine Kinder, und das will was heißen.«

Nun schlich sich ein Anflug schlechten Gewissens auf Noras Gesicht, doch dieser wich rasch einem spitzbübischen Grinsen. »Du weißt doch, liebe Gewohnheiten kann man nur schwer ablegen. Warum sollte ich mich jetzt, nach vierzig Jahren, noch ändern? Du hast dich ohnehin daran gewöhnt, da würde dir diese Unsitte bestimmt fehlen.« Sie reckte das Kinn in die Höhe, strich ihr welliges braunes Haar nach hinten und strahlte.

»Du bist doch nie um eine Ausrede verlegen.« Valerie seufzte und rollte theatralisch mit den Augen. Sie konnte und wollte ihrer Freundin einfach nicht böse sein.

»Genau deswegen magst du mich doch, oder?« Nora lachte und fuhr erneut mit dem Finger in den Teig.

Mit dieser Aussage hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Ihre oft ein wenig unkonventionelle Art gefiel Valerie. Sie selbst tendierte dazu, vieles im Leben ernster zu nehmen als nötig, da tat Noras lockere Art ihr gut. Auch wenn sie beide in vielen Belangen die gleichen Ansichten teilten, waren sie von ihrer Persönlichkeit her doch sehr unterschiedlich, ergänzten sich aber perfekt. Mal profitierte die eine von der anderen und dann wieder umgekehrt. Wie es sich für beste Freundinnen gehörte.

Inzwischen konnte auch Valerie sich ein Lächeln nicht mehr verkneifen. »Du bist doch ein verrücktes Huhn. Aber es stimmt schon, das mag ich an dir.« Sie griff an Nora vorbei zum Teigbehälter, holte eine Spachtel aus der Lade und befüllte die eingefettete und bemehlte runde Springform mit der dunkelbraun glänzenden und herrlich duftenden Masse. Als sie alles schön glatt gestrichen und die Form ins vorgeheizte Backrohr geschoben hatte, fragte sie: »Und was sagt dein Kennergaumen zu meinem Backversuch?«

»Der Kennergaumen ist begeistert. Der Teig schmeckt intensiv schokoladig, hat einen nicht allzu hohen Fettanteil und ist jetzt im Rohzustand richtig schön luftig. Wahrscheinlich hast du den Eischnee so vorsichtig untergehoben, wie nur du das schaffst. Ich sage, das wird eine Sachertorte. Liege ich richtig?«

»Und wie du richtigliegst. Würde es eine Ausbildung zum Mehlspeisen-Sommelier geben, dann könntest du dort mit deinen feinen Geschmacksnerven bestimmt auftrumpfen.«

Nora prustete lautstark los. »Du hast vielleicht schräge Ideen! Ich ein Mehlspeisen-Sommelier? Wenn, dann müsste das auf jeden Fall Süßspeisen-Sommelier heißen, sonst würde es außer in Österreich und Bayern niemand verstehen.«

»Richtig. Aber meines Wissens gibt es weder die eine noch die andere Bezeichnung. Einzig den Schokoladen-Sommelier, von dem hab ich schon gehört. Aber bis es mit den Mehlspeisen so weit ist, kannst du dein Fachwissen ja mir zur Verfügung stellen. Ich hab nämlich ein neues Rezept ausprobiert und wäre für deine ehrliche Meinung dankbar.«

»Ein neues Rezept, warum das denn? Deine Sachertorte war doch immer ausgezeichnet.« Nora setzte sich an den großen Esstisch, der in der Mitte der Küche stand und das Zentrum des Familienhaushalts bildete. Unzählige Stunden war hier schon geschlemmt, gespielt, gelacht und diskutiert worden. Ein Ort der Gemütlichkeit, der für die Thallers, besonders in stressigen Zeiten, wichtig war.

Valerie stellte Teigschüssel und Quirl in den Geschirrspüler, während sie Nora antwortete. »Ausgezeichnet im Geschmack vielleicht schon, aber nur, wenn sie nicht sitzen geblieben ist. Im letzten Jahr ist mir die Konsistenz der Sacher manchmal zu fest geworden.«

»Ich dachte immer, eine Sachertorte soll so sein.« Nora schien überrascht.

»Ein ganz klein wenig, ja, aber nicht zu sehr. Mein Rezept ist viel zu empfindlich. Vielleicht liegt es an der Temperatur der Zutaten – oder an mir. Keine Ahnung. Wenn ich viel zu tun hab, dann nehm ich mir wohl nicht immer die nötige Zeit.«

Nora trank einen Schluck Tee, bevor sie antwortete. »Du weißt aber schon, dass das, was du gerade gesagt hast, Jammern auf hohem Niveau ist, oder? Deine Mehlspeisen sind die besten weitum. Aber wenn du meinst, noch besser werden zu müssen, dann tu dir keinen Zwang an. Mein Kennergaumen und ich stehen dir selbstlos für Testzwecke zur Verfügung. Ich freu mich drauf.«

Valerie wischte mit einem Lappen die Arbeitsplatte ihrer Küche sauber und meinte, ohne sich zu Nora umzudrehen: »Da bist du nicht die Einzige. Viktor und die Kinder stehen auch schon in den Startlöchern. Sachertorte ist bei uns in der Familie einfach der Klassiker. Zumindest an den Geburtstagen. Lea und Jakob wollten eigentlich dieses Wochenende gar nicht nach Hause kommen, weil sie so im Lernstress für ihre Uniprüfungen sind, aber extra wegen meiner Sacher haben sie sich umentschieden und fahren nun doch heim. Streben könnten sie auch hier, haben sie gemeint.« Mit einer letzten schwungvollen Bewegung beendete sie das Putzen, wusch den Lappen aus und setzte sich ebenfalls an den Tisch.

Nora grinste. »Manchmal habe ich den starken Verdacht, dass du für die Wochenenden immer besonders gute Sachen planst. So als ob du damit deine Zwillinge nach Hause locken möchtest.«

Empört stützte Valerie die Hände in die Hüften. »Also wirklich, Nora. Was du schon wieder von mir denkst.« Dann schmunzelte sie. »Na ja, ganz unrecht hast du nicht. Aber das sollte unter uns bleiben.« Sie legte den Zeigefinger an die Lippen. »Meine Taktik geht meistens auf. Außerdem bist auch du Nutznießerin davon. Wenn Jakob heimfährt, kommt auch Felix mit nach Bad Gastein. Allein hält ihn doch nichts in ihrer Studentenbude. Sei mir also dankbar.«

»Du meinst, Felix kommt heute noch?« Begeistert zog Nora das Handy aus der Handtasche, die sie unter den Tisch gestellt hatte, und wischte darauf herum. »Tatsächlich, er hat mir eine Nachricht geschickt. Jetzt freu ich mich umso mehr über deine Sacher. Das war eine hervorragende Idee von dir.«

»Finde ich auch. Ich hab mich nämlich von dem Tortenwettbewerb inspirieren lassen, der nächste Woche in Bad Gastein stattfindet.«

»Das ist typisch. Du willst wohl allen beweisen, dass deine Torten die besten sind.« Nora sah Valerie verschmitzt an.

»Ach Quatsch. Zum Wettbewerb sind nur Profis zugelassen, da mach ich nicht mit. Mit denen will ich mich nicht messen.«

»Könntest du aber locker. Du bist ein Ass am Backofen, und das weißt du auch.« Noras Tonfall klang überzeugt. Dann wirkte sie jedoch nachdenklich. »Ich bin neugierig, ob das Event viele Leute ins Tal zieht. Auf Social Media wird schon stark die Werbetrommel dafür gerührt.«

»Das hoffe ich doch. Der Fremdenverkehrsverband lässt sich in den letzten Jahren allerhand einfallen, aber nicht jede Idee bringt den gewünschten Effekt. Manche kommen gut an, andere gehen leider unter. Wir sind eben nicht der einzige Tourismusort, der um Gäste buhlt. Auch die anderen wollen die Nächtigungszahlen in der Zwischensaison mit Veranstaltungen steigern. Die Konkurrenz ist hart.«

»Aber der Tortenwettbewerb ist doch etwas Besonderes, oder? Ist nicht sogar ein Fernsehsender mit an Bord?«

Valerie nickte. »Stimmt. Dieser Privatsender Austria-TV. Ich glaube, da steckt ein riesiger Konzern dahinter, zu dem auch der Verlag gehört, bei dem das Gewinner-Team dann ein eigenes Backbuch herausbringen darf.«

»Also ich persönlich finde die Idee richtig gut. Das ist mal was Neues. Ich werde sicher zu den Testessern gehören und mein fachmännisches Urteil abgeben. Bleibt nur zu hoffen, dass sich bei dem großen Aufwand, der dafür betrieben wird, zu den Kur- und Wandergästen noch ein paar Mehlspeisen-Gourmets hinzugesellen. Nicht dass die viele Mühe umsonst war.«

»Dein Wort in Gottes Ohr. Ein paar Extrabuchungen haben wir schon. Ich stelle mir vor, dass manche Gäste davon träumen, es mit einem kleinen Interview ins Fernsehen zu schaffen. Wenn zusätzlich das Wetter passt, kommen bestimmt noch mehr.«

»Wann geht denn der ganze Trubel los?«

»Am Dienstag starten die Verkostungen. Aber das Fernsehteam baut heute bereits auf, und die Konditoren reisen morgen an, um in Ruhe ihre Vorbereitungen treffen zu können. Ab Sonntag wird gedreht und am Montag mit dem Backen begonnen.«

Nora schenkte sich aus einer Glaskanne Tee nach. »Anton hat erzählt, dass bei euch im Grand Hotel auch eine Teilnehmergruppe logiert. Er hat ein wenig gestöhnt, weil er in der Küche alles umorganisieren muss.«

Ein wenig gestöhnt ist gut, dachte Valerie. Anton, der Chefkoch des Grand Hotels und Lebensgefährte Noras, war fast am Verzweifeln. Gerade erst vor ein paar Stunden war der Aufnahmeleiter von Austria-TV aufgetaucht und hatte alle bisherigen Pläne über den Haufen geworfen. Nun musste nicht nur den Konditoren ein eigener Bereich in der Küche zur Nutzung überlassen werden, sondern auch dem Filmteam. Sie wollten Aufnahmen und Interviews direkt während der Arbeit machen und würden dafür einiges an Platz benötigen. Gegen Mittag hatten sie einen Teil des Equipments gebracht, und schon jetzt war absehbar, dass es für die Crew des Grand Hotels in der Küche, so groß sie auch war, ganz schön eng werden würde. Valeries Angestellte würden sich platztechnisch komplett einschränken müssen, sollten aber dennoch die Gäste auf gewohnt hohem Niveau verwöhnen. Keine leichte Aufgabe.

Deshalb war sie vorhin mit Anton noch einmal die Tagesgerichte für die nächste Woche durchgegangen. Allzu komplizierte Speisen würden durch einfachere ersetzt. Nach langem Kopfzerbrechen hatten sie einen annehmbaren Menüplan zusammengestellt. Beide waren mit dem Ergebnis zufrieden, und Valerie hatte sich vorgenommen, sich für ihr Küchenteam eine kleine Überraschung zu überlegen, die sie nach den Unannehmlichkeiten der nächsten Tage ein wenig entschädigen sollte.

Es war wie so oft im Leben: Theorie und Praxis klafften auseinander. Der Fremdenverkehrsverband hatte sich das Wettbewerbskonzept wohl leichter vorgestellt, als es umzusetzen war. Acht Teams traten gegeneinander an. Jedes von ihnen wurde in einem der zahlreichen Bad Gasteiner Hotels einquartiert, in dem es auch einen Teil der Küche zum Backen benutzen durfte. Die Infrastruktur musste also zur Verfügung gestellt werden. Das war neben dem laufenden Betrieb eine ungewohnte Herausforderung.

Andererseits bedeutete der Contest eine tolle und vor allem kostenfreie Werbung für jedes der Häuser. Das Grand Hotel war zwar ohnehin immer gut gebucht, aber dennoch war die Aussicht auf eine positive TV-Berichterstattung, wie sie ihnen zugesichert worden war, durchaus reizvoll. Ein wenig Bammel hatte Valerie allerdings vor ihrem eigenen Interviewtermin. Ihr Mann Viktor und sie sollten nämlich ebenfalls befragt werden, vordergründig zu ihrem Traditionshaus mitten im historischen Zentrum, aber natürlich auch zum Wettbewerb an sich.

»Mach dir darüber keine Gedanken«, beruhigte sie Nora, als Valerie ihr von ihren Bedenken erzählte. »Du wirst das souverän über die Bühne bringen. Das war schon bei Referaten in der Schule so. Du warst unglaublich nervös, hast dir nichts zugetraut, und kaum bist du vorn gestanden, hast du gewirkt, als ob du nie etwas anderes gemacht hättest. Und Viktor ist sowieso der geborene Redner. Ihm fallen immer die richtigen Sätze ein. Notfalls überlässt du ihm das Wort.«

»Bestimmt hast du recht, wir werden das schon hinbekommen, ohne uns zu blamieren.« Noras Zuspruch war Balsam für Valeries Seele. Und bei genauer Überlegung hatte sie bereits ganz andere Situationen gemeistert. Allein die beiden Mordfälle, in die sie in den letzten Jahren verwickelt gewesen war. Im Vergleich dazu war so ein TV-Interview ein Kinderspiel. Kein Grund, nervös zu sein. Zufrieden trank sie einen Schluck Earl Grey. Dabei blieb ihr Blick an dem Poststapel hängen, der in einer Ablage neben dem Radio lag. Entschlossen stand sie auf, holte die Regionalzeitung, die am Vortag ausgetragen worden war, und begann, darin zu blättern. »Du, Nora, ich wollt dich noch ganz was anderes fragen. Hast du Lust, morgen Abend mit mir zu einem Vortrag zu gehen?«

»Zu welchem Vortrag denn?« Nora wirkte überrascht.

»Moment. Das zeig ich dir gleich. Im Bezirksblatt gibt es einen Artikel darüber, und ich glaub, das wäre was für uns. Viktor interessieren solche Themen nicht, den brauch ich gar nicht erst zu fragen.« Konzentriert ging sie Seite für Seite durch. »Ah, hier ist es.«

Nora streckte sich ein wenig über den Tisch, um besser sehen zu können. »Über Zen-Buddhismus?«, fragte sie erstaunt.

»Ja, spannende Sache, oder? Hast du von dem Projekt, das in Planung ist, noch gar nicht gehört?«

Ihre Freundin schüttelte den Kopf. »Welches Projekt? Ich hab keine Ahnung, was du meinst.«

»Echt nicht? Das wundert mich, die Gerüchteküche rumort doch schon seit Tagen im Ort, und seit dem Artikel gestern ist die Geschichte neben dem Wettbewerb das Gesprächsthema.«

»Davon hab ich gar nichts mitbekommen, ich hatte letzte Woche aber auch wirklich viel um die Ohren. Erzähl doch mal.«

»Na gut. Dann also von vorn. Du kennst doch in Böckstein das alte Hotel bei der Evianquelle, das schon länger leer steht.« Valerie legte eine kurze Sprechpause ein, um sicher zu sein, dass Nora ihr zuhörte. Dann erst fuhr sie fort. »Offenbar hat es eine weitschichtige Verwandte vom letzten Besitzer geerbt. Die wohnt aber irgendwo in Bayern und ist nicht mehr die Jüngste. Sie hat kein Interesse an dem Haus. Das Geld aus einem Verkauf braucht sie anscheinend auch nicht. Deshalb hat sie sich entschieden, das Hotel zu verschenken. Es soll eine Anlaufstelle werden für Leute, die Ruhe suchen, und wird deshalb zu einem Zen-Kloster umgebaut. Und der Meister, der es leiten wird, ist momentan im Tal und hält morgen Abend einen Vortrag im Konferenzraum von Christians Hotel.«

»Bei deinem Schwager in Bad Hofgastein?«

»Genau. Meine Schwiegermutter hat mich heute Morgen angerufen und mir davon erzählt, sonst hätte ich bei all dem Trubel mit den Fernsehleuten die Zeitung wohl nur überflogen und den Termin bestimmt übersehen, obwohl mich das Thema interessiert.«

»Also, da bin ich gern dabei. Wir zwei sind doch richtige Entspannungsprofis.« Weniger euphorisch fügte Nora hinzu: »In der Theorie zumindest. In der Praxis habe ich noch Übungsbedarf. Unsere Yogastunden tun mir zwar gut, aber ich fühl mich trotzdem viel zu oft gestresst. Außerdem kann ein wenig Abwechslung nicht schaden. Ich würde gern einmal was Neues ausprobieren. Das mit dem Meditieren ist bei uns beiden sowieso noch ausbaufähig. Da ist deine Tochter Lea uns weit voraus. Die kann sich wirklich vertiefen, ich bin viel zu hibbelig dazu. Vielleicht hilft uns dieses Zen-Dingsbums ja dabei. Da wird doch viel meditiert, oder?«

»Ich denke schon, kenn mich aber genauso wenig damit aus wie du.« Valerie war sich ihrer Unwissenheit bewusst.

»Dann ist es abgemacht. Wir gehen morgen einfach hin und hören uns die Sache mal an. Sollten wir tatsächlich ein Zen-Kloster im Tal bekommen, fände ich das genial. Ich kann mir vorstellen, dass das auch für die Gäste interessant ist.«

Valerie nickte. »Bestimmt. Wir haben so viele Urlauber hier, die sich für ganzheitliche Ansätze begeistern, dass das eine schöne Ergänzung wäre. Angebote für körperliches und seelisches Wohlbefinden gibt es inzwischen viele. Der Bereich boomt richtig, und zwar nicht nur in unseren Hotels. Nimm zum Beispiel das Waldbaden unten in Bad Hofgastein, das ist enorm gefragt. Unsere heutige Zeit ist so hektisch, dass viele so wie wir auf der Suche nach Entspannung sind und sich das gern auch was kosten lassen. Neue Initiativen in diese Richtung kann ich nur unterstützen.«

»Auf jeden Fall«, meinte Nora. »Einige Kolleginnen von mir gehen übrigens regelmäßig zum Waldbaden. Und sie sagen auch, dass es bei den Touristen richtig gut ankommt.«

Valerie wurde nachdenklich. »Eigentlich faszinierend, wie viele unterschiedliche Wege es gibt, um glücklich oder zumindest zufrieden zu werden. Die einen versuchen es mit Entspannungstechniken, Yoga, Qigong oder Meditation, leben vielleicht sogar asketisch und schöpfen Kraft daraus. Und die anderen lassen sich lieber kulinarisch verwöhnen. Sie geben sich den Sinnesfreuden der Küche hin, um sich rundum wohlzufühlen. Der Tortenwettbewerb ist das schönste Beispiel dafür.«

Nora zog die Stirn in Falten, bevor sie antwortete: »So habe ich das noch nie gesehen, aber da ist was Wahres dran. Während die einen durch Meditation zur Ruhe kommen, finden andere ihr Glück beim Schlemmen. Beides kann erfüllend sein. Nur zu welcher Fraktion gehören wir beide?«

»Gute Frage. Von mir würde ich sagen, dass ich exakt in der Mitte stehe. Ich mag unsere Yogastunden und hab auch schon andere Entspannungstechniken ausprobiert, ich bin da offen für alles. Außerdem ist es mir wichtig, mich gesund zu ernähren. Dass ich zum Beispiel seit Jahren kein Fleisch mehr esse, fühlt sich richtig an. Aber ein gutes Stück Kuchen, Torte oder eine meiner selbst gemachten Pralinen, das ist Genuss pur. Das gibt Lebensfreude, und ich würde um nichts in der Welt darauf verzichten wollen. Man könnte also sagen, ich liebe unsere Yogastunden beinahe so sehr wie meine Schokotrüffeln oder ein Stück Sachertorte. Für mich ist das kein Widerspruch.«

»Für mich auch nicht. Schließlich geht es immer um das richtige Maß. Ich bin definitiv für alles zu haben, was mir guttut. Und genau deswegen schauen wir uns diese Zen-Sache morgen mal an. Vielleicht ist sie ja tatsächlich was für uns.«

Valerie nickte. »Das machen wir. Und am Nachmittag kommst du mit Felix und Anton zu Kaffee und Sachertorte vorbei und sagst mir, wie du das neue Rezept findest. Ich werde die Torte heute Abend noch fertig machen, damit die Marmelade ein wenig einziehen kann.«

»Valerie, du bist die Beste. Ich seh schon, dieses Wochenende fängt vielversprechend an.« Mit einem Blick auf die Uhr ergänzte sie: »Aber jetzt muss ich gehen. Bevor Felix heimkommt, sollte ich unbedingt noch einkaufen. Es ist unglaublich, wie viel Jungs in diesem Alter verdrücken können. Der leert den Kühlschrank im Nu.«

Valerie lachte. »Da hab ich den Hotelbonus. Wenn die Kinder die Vorräte bei uns im Apartment aufgefuttert haben, können wir immer noch unten mit den Gästen essen oder uns was aus der Küche holen.«

»Du Glückspilz«, rief Nora, während sie bereits zur Tür hinausrauschte. »Wir sehen uns dann zum Sachertorten-Test. Ich bring auch meinen Kennergaumen mit, versprochen«, sagte sie noch mit einem Augenzwinkern und war weg.

ZWEI

Am nächsten Morgen stand Valerie früh auf. Sie liebte diese Zeit des Tages, wenn alles noch ruhig war und sie stressfrei in den neuen Tag starten konnte. Nachdem sie unter die Dusche und anschließend in ein smaragdfarbenes Dirndlkleid geschlüpft war, das, wie ihr Mann Viktor stets beteuerte, perfekt zu ihren Augen und den dunkelblonden Haaren passte, ging sie nach unten, um aus der Hotelküche frisches Gebäck für den Rest der Familie zu holen. Anschließend drehte sie mit ihrer kleinen Mischlingshündin Nelly gemächlich eine Runde an der frischen Luft, wo sie wie üblich ein paar Minuten auf der Brücke neben dem Straubingerplatz verharrte und die wild tanzenden Schaumkronen über den zerklüfteten Felsen des Wasserfalls beobachtete. Entspannt machte sie sich schließlich auf den Weg ins Büro und brühte sich eine Tasse Grüntee auf. Sie würde Carla, eine ihrer Rezeptionistinnen, am Vormittag bei der Arbeit unterstützen, da Samstag ein typischer An- und Abreisetag war.

Valerie genoss den direkten Kontakt mit den Hotelgästen, vor allem mit den Stammgästen, die sie seit Jahren kannte. Sie liebte es, mit ihnen zu plaudern – so viel Zeit musste immer sein. Auch ihre Eltern und Großeltern hatten das so gehandhabt. In der Erinnerung sah Valerie sich mit langen Zöpfen und Dirndl auf einem Stuhl im Rezeptionsbereich sitzen und mit den Beinen baumeln, während sie ihre Omi dabei beobachtete, wie sie Neuankömmlinge herzlich begrüßte. Die Liebe zum Hotel hatte sie schon damals gespürt, sie war ihr wohl in die Wiege gelegt worden. Dass sie das Grand Hotel einst übernehmen und im Sinne ihrer Vorfahren weiterführen würde, hatte sie nie bezweifelt. Was für ein Glück, dass sie in Viktor einen Mann gefunden hatte, der ihre Leidenschaft teilte. Er war nur wenige Kilometer weiter im Nachbarort Bad Hofgastein aufgewachsen, stammte ebenfalls aus einer Hoteliersfamilie und kannte die Branche genauso gut wie sie. Im Betrieb waren sie ein eingespieltes Team, sodass sie nichts so leicht aus der Bahn werfen konnte, selbst wenn die Hochsaison jährlich an ihren Kräften zehrte oder Events anstanden, die besondere Aufmerksamkeit forderten. Valerie seufzte, als sie den Computer hochfuhr. Sie freute sich schon jetzt auf den Moment, wenn Austria-TV wieder aus ihrer Hotelküche verschwinden würde.

An Fernsehteams waren die Bad Gasteiner zwar gewöhnt, da die einzigartige Ortskulisse mit den wolkenkratzerähnlichen Belle-Époque-Häusern, die in die Felsen gebaut worden waren, und dem Wasserfall spektakuläre Aufnahmen für verschiedenste Filme und Dokumentationen versprach, aber direkt im Haus während des laufenden Betriebs waren Filmaufnahmen doch noch einmal etwas anderes. Dennoch vertraute sie darauf, dass ihre Küchencrew unter Antons Leitung das bestens hinbekommen würde.

Der Vormittag verging wie im Flug. Zu ihrer Freude tauchten zwischendurch Lea und Jakob zum Plaudern auf, die am Vorabend noch nach Hause gekommen waren, und Andi, Valeries jüngster Sohn, schaute ebenfalls vorbei, um sich mit ihr zu unterhalten. Selbst wenn Valerie als Hotelchefin keine üblichen Arbeitszeiten hatte und immer viel zu tun war, schätzte sie es, dass sie für ihre Kinder stets präsent war. Das Hotel war ihr aller Zuhause, sie lebten im Einklang mit den Gästen und zogen sich nur ins Apartment im obersten Stock zurück, wenn sie das Bedürfnis nach Privatsphäre hatten.

Als Carla gerade ihre wohlverdiente Mittagspause genoss und Valerie allein an der Rezeption stand, betraten vier Männer und eine Frau die Lobby. Valerie ahnte sofort, dass es sich dabei um die Teilnehmer des Wettbewerbs handelte, die etwas früher als geplant ankamen. Zum Glück waren ihre Zimmer bereits bezugsfertig.

Obwohl es bei der TV-Show um österreichische Konditorenkunst und typisch österreichische Torten ging, war dieses Team extra aus dem fränkischen Erlangen angereist. Der Chef, Thomas Landmann, war gebürtiger Wiener und hatte seine Ausbildung in seiner Heimatstadt absolviert. In Deutschland lebte er erst seit rund zehn Jahren, wo er der Liebe wegen gelandet war, wie er Valerie am Telefon lachend verraten hatte. Seine Idee, in Erlangen ein Wiener Kaffeehaus samt Konditorei zu eröffnen, war offenbar voll aufgegangen. Der Betrieb lief gut. Um die Werbetrommel weiter zu rühren, hatte er sich dazu entschieden, sich für den Torten-Contest im schönen Österreich zu bewerben, und war prompt angenommen worden.

Valerie begrüßte die Fünfergruppe und checkte sie ein. Thomas Landmann und drei seiner Mitarbeiter waren auf den ersten Blick äußerst sympathisch. Nur einer des Teams hielt sich abseits und schien nicht ganz in die ansonsten fidele Runde zu passen. Sein Name war laut Buchung Georg Baier. Er war ein gut aussehender Mann um die vierzig, wirkte aber unnahbar. Jedes Mal, wenn ihn einer seiner Kollegen ansprach, reagierte er genervt, beinahe aggressiv. Während Valerie die Formalitäten erledigte, starrte er auf sein Handy und wischte wild darauf herum. Sie gab sich größte Mühe, beim Einchecken mit ihm ins Gespräch zu kommen, wie sie es aus Prinzip mit allen Gästen hielt, doch das war ein Ding der Unmöglichkeit. Er ignorierte ihre Versuche komplett.

Das passierte ihr selten. Die meisten, die im Grand Hotel logierten, waren umgänglich. Nur vereinzelt gab es solche Typen wie Baier. Persönlich nehmen durfte man so etwas nicht, es gehörte zum Alltag in einem Tourismusbetrieb dazu, hinterließ bei Valerie aber dennoch jedes Mal einen bitteren Nachgeschmack. Freundlich wünschte sie den Teilnehmern einen schönen Aufenthalt und viel Glück für den Wettbewerb, bevor sich diese auf ihre Zimmer zurückzogen. Sie waren wohl früh losgefahren und wollten erst mal in Ruhe auspacken. Vielleicht war Georg Baier von der Fahrt müde und deshalb so ungehalten. Valerie würde bei nächster Gelegenheit noch einmal versuchen, mit ihm zu plaudern. Schließlich sollten sich alle Gäste des Grand Hotels wohlfühlen, das war ihr ein Anliegen. Womöglich stellte sich Georg Baier noch als recht umgänglich heraus, hatte er sich erst einmal eingewöhnt.

***

Als Valerie jedoch zwei Stunden später von ihrem täglichen Hundespaziergang über die Reitlpromenade zurückkehrte, wurde sie eines Besseren belehrt. Nur an der Müdigkeit war Baiers schroffe Art offensichtlich nicht gelegen, denn sie sah den unsympathischen Deutschen am Rand des Straubingerplatzes stehen. Er war in eine Unterhaltung mit einem Mann vertieft, der Valerie im Ort noch nie über den Weg gelaufen war. Ein unauffälliger blonder Typ, etwa im selben Alter wie Baier. Es hatte den Anschein, als ob die beiden sich kennen würden, sie wirkten beinahe vertraut miteinander, was sie neugierig machte, denn Georg Baier war ja eben erst angereist und hatte gar nicht die Zeit gehabt, Kontakte zu knüpfen.

Und dennoch führten sie kein freundschaftliches Gespräch, das war schon von Weitem ersichtlich. Viel eher sah es nach einem handfesten Streit aus, den die zwei Männer da auf offener Straße austrugen. Georg Baier gab dem Blonden sogar einen heftigen Stoß gegen die Schulter, sodass der ins Straucheln kam und beinahe stürzte. Valerie überlegte bereits, ob sie hingehen und versuchen sollte, die beiden Streithähne zur Räson zu bringen. Doch da hob Baiers Gegenüber beschwichtigend die Hände und lenkte offensichtlich ein.

Als Valerie sich ihnen näherte, um das Grand Hotel durch den Haupteingang zu betreten, hörte sie ein paar Wortfetzen, die jedoch aus dem Zusammenhang gerissen waren. Worum es ging, konnte sie deshalb nicht ergründen. Außerdem bemühte sie sich stets darum, die Privatsphäre ihrer Gäste zu respektieren, was für sie ehrlicherweise eine Herausforderung darstellte, da sie von Haus aus ein unglaublich neugieriger Mensch war. Brennend interessierte sie, wie es möglich war, dass Georg Baier, Mitarbeiter in einer österreichischen Konditorei in Erlangen, am ersten Tag seines Bad-Gastein-Aufenthaltes einen derartig heftigen Disput mit jemandem haben konnte. Aus den Worten »spätestens in zwei Tagen«, »endlich« und »wehe« konnte sie sich nicht viel zusammenreimen. Das Letzte, was Valerie vor dem Betreten der Lobby noch hörte, war: »Sonst kannst du was erleben.« Das klang gar nicht gut. Auf solche Gäste konnte sie verzichten. Inständig hoffte sie, dass Georg Baier ihr im Laufe der Woche nicht noch Ärger bereiten würde.

***

Valerie vergaß ihre Sorge schnell wieder, da sie bald abgelenkt war. Kurz darauf kamen nämlich Nora, Anton und Felix zum Kaffee und setzten sich an den liebevoll gedeckten Tisch. Gemeinsam mit ihrer eigenen Familie waren sie nun zu acht. Theatralisch stöhnten die Jungen, als Valerie von ihnen detaillierte Rückmeldungen zur Konsistenz des Teiges und zu Optik und Geschmack der Glasur hören wollte.

»Ach, Mama, können wir nicht einfach nur essen?«, jammerte Andi als Jüngster im Bunde. »Die Torte ist mega, aber sonst fällt mir echt nix dazu ein.«

Viktor, Anton und Nora nahmen das Ganze weniger tragisch. Sie wussten, dass Valerie, was Mehlspeisen betraf, hohe Ansprüche an sich selbst stellte, waren aber letztendlich Andis Meinung. Dieses Rezept war absolut köstlich und sollte das alte eindeutig ablösen. Nur bei der Frage, ob in die Mitte der Torte Marmelade gehörte oder nicht, waren sie unsicher, was auch kein Wunder war. Denn darüber, ob eine richtige Sachertorte nur unter der Kuvertüre eine dünne Schicht Konfitüre haben oder auch damit gefüllt werden sollte, waren sich selbst die Experten in Wien lange Zeit nicht einig gewesen. Sowohl über die genaue Bezeichnung der Torte als auch über besagtes Thema hatte es im vorigen Jahrhundert mehr als zwanzig Jahre lang gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen dem Hotel Sacher und der K. u. K. Hofzuckerbäckerei Demel gegeben. Valeries diesbezügliche Frage in die Runde war somit absolut berechtigt.

Die Thallers verbrachten einen amüsanten Nachmittag mit Nora, Anton und Felix, die sie alle drei beinahe als Familienmitglieder betrachteten. Dass Valeries beste Freundin und Viktors bester Freund vor zwei Jahren, als ein Mord die Ortsbewohner näher zusammenrücken ließ, ein Paar geworden waren, damit hatte ursprünglich niemand gerechnet. Doch die Beziehung war stabil, und »Großfamilie Thaller« hielt wie Pech und Schwefel zusammen. Ein schönes Gefühl für Valerie, die sich in Gesellschaft ihrer Lieben geborgen und gut aufgehoben fühlte.

Als der Abend anbrach, drängte Nora schließlich zum Aufbruch. Anton hatte sich längst in die Küche verabschiedet, da er sein Team mit den Vorbereitungen fürs Abendessen nicht allein lassen wollte. Lea, Jakob und Felix mussten für die Uni büffeln, und Andi hatte, wie so oft, Anton begleitet. Das Hotel und vor allem die Küche waren sein Leben, obwohl er noch einige Jahre die Schulbank drücken musste.

So machten sich Valerie und Nora gemeinsam mit Viktor auf den Weg nach Bad Hofgastein. Während des Vortrags über Zen-Buddhismus wollte Viktor bei einem gepflegten Glas Wein Zeit mit seinem Bruder verbringen. Christian hatte das Hotel ihrer Eltern übernommen. Der Betrieb lief gut, und ihr Schwager nutzte den großen Saal im Erdgeschoss des Hauses gern für größere Events wie Hochzeiten, Tagungen oder Vorträge. So wie an diesem Abend.

Valerie staunte, als sie das Foyer betrat. Einige Stehtische waren aufgestellt worden, an denen grüner Tee serviert wurde. Dazu waren sanfte asiatische Klänge zu hören. Die Personen, die bereits in überraschend großer Anzahl warteten, unterhielten sich in gedämpfter, dem Rahmen angemessener Lautstärke, als ob sie die entspannte Atmosphäre nicht stören wollten. Mit einem Blick auf Nora stellte Valerie fest, dass sie ebenfalls von der Stimmung im Raum beeindruckt war. Instinktiv spürte sie, dass sie einen inspirierenden Abend vor sich hatten. Durch Nicken begrüßten sie einige Bekannte und nahmen dann gern eine Tasse des aromatisch duftenden Tees von einer Angestellten entgegen. Leichter Jasminhauch stieg Valerie in die Nase, eine Note, die sie liebte und die ihr inneres Stresslevel wie üblich im Nu senkte.

Nach einigen Minuten strebten die ersten Gäste in den Saal. Der Vortrag sollte bald beginnen. Valerie bat Nora, rasch auszutrinken, weil sie gute Plätze erwischen wollte, um dem Redner möglichst nahe zu sein. Je weiter hinten sie saß, desto schlechter würde sie seine Aura fühlen können. Sie bildete sich stets ein, ein feines Gespür für andere Menschen zu haben. Oft musste sie sich dazu ermahnen, sich nicht ein allzu schnelles Urteil über jemanden zu bilden, den sie zum ersten Mal sah, weil der anfängliche Eindruck natürlich auch täuschen konnte. Meist bestätigte sich jedoch ihre Einschätzung, was vielleicht damit zusammenhing, dass sie in einem Hotel aufgewachsen war und unglaublich viel Erfahrung im Umgang mit den verschiedensten Charakteren mitbrachte.

Valerie machte innerlich einen Luftsprung, als sie beim Betreten des Raumes die beiden freien Sitze in der ersten Reihe erspähte. Sie zupfte Nora wortlos am Ärmel und zeigte nach vorne. Nachdem sie zu ihrer großen Erleichterung die gewünschten Sessel ergattert hatten, stellten sie ihre Handys auf Flugmodus, hängten die Taschen an die Lehne, drehten sich so weit nach hinten, dass sie den Eingang im Blick hatten, und warteten gespannt auf den Vortragenden.

Punkt sieben betrat dieser den Raum und schritt mit stoischer Ruhe Reihe für Reihe an den Stühlen entlang. Zen-Meister Karsten Schmidt, wie Valerie von einem Plakat wusste, trug eine für buddhistische Mönche typische dunkle Robe. Die Ärmel waren ungewöhnlich weit geschnitten, wobei der untere Bereich zusammengenäht worden war. Um den Hals hatte er eine Art Brustlatz hängen, über den Valerie schon einmal gelesen hatte. Man nannte ihn wohl Rakusu. Der Kopf des Mannes war kahl rasiert, doch an den Augenbrauen konnte Valerie erahnen, dass er ein heller Typ war.

Karsten Schmidt ließ sich Zeit, setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen, wobei er die Hände versteckt unter dem Rakusu trug. Spontan fiel Valerie ein Zitat ein. »Der Weg ist das Ziel.« War dieser Spruch nicht auch Teil des Zen-Buddhismus? Eigentlich eine Schande, wie wenig sie über dieses Thema wusste. Am Ende des Abends würde sie hoffentlich klüger sein. Ihre Neugierde wurde mit jedem Schritt, den der Meister machte, stärker. Sie fühlte, dass dieser Abend Veränderung in ihr Leben bringen würde. Gebannt beobachtete sie ihn weiter, fasziniert von der Aura, die ihn umgab. Aufgrund des wallenden Gewandes war nur schwer erkennbar, welche Statur sich darunter verbarg. Eher schlank, vermutete Valerie, aber auf jeden Fall mindestens eins neunzig groß. Alles in allem eine auffallende Erscheinung.

In Schmidts Gefolge ging ein etwas kleinerer Mann, der ähnlich gekleidet war. Auch sein Schädel war kahl rasiert. Teint, Augenbrauen und Bartschatten deuteten darauf hin, dass er ein dunkelhaariger Typ war. Eine markante Narbe über dem linken Auge zeugte von einer alten Verletzung. Während die Milde im Ausdruck des Zen-Meisters und vor allem auch sein verklärtes Lächeln an den Dalai Lama erinnerten, folgte ihm sein Gefährte mit ernster Miene. Valerie fragte sich, wer er wohl war. Ein Schüler des Meisters oder ein Freund? Gab es in dieser Szene eine bestimmte Hierarchie? Valerie wünschte, sie hätte sich auf den Abend vorbereitet. Sie mochte es gar nicht, wenn sie keine Ahnung von dem hatte, was sie erwartete. Sie las sich bei Vorträgen prinzipiell vorab ins jeweilige Thema ein, weil sie Neues dann viel besser einordnen und mehr Gewinn aus der Veranstaltung ziehen konnte. Dieses Mal hatte sie aber keine Zeit gefunden, sich über den Zen-Meister oder generell über Zen-Buddhismus zu informieren.

Flüsternd wandte sie sich an Nora. »Wie findest du ihn?« Sie nickte fast unmerklich mit dem Kopf in Karsten Schmidts Richtung.

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Er hat ja noch keinen Ton von sich gegeben.«

Das war typisch Nora. Als ob man nicht schon allein vom Sehen einen Eindruck von jemandem bekommen könnte. Valerie hatte sofort ein positives Bild von diesem Mann. »Ich finde, er hat eine sehr starke Ausstrahlung. Er wirkt … in sich ruhend, würde ich sagen. Beneidenswert.«

Valerie beobachtete den Zen-Meister genau, spürte seine Präsenz, als er sich vor das Publikum stellte, und lauschte andächtig seinen Worten, als er letztendlich zu sprechen anfing. Ähnlich wie sein Gang strahlte auch seine Stimme eine unglaubliche Ruhe aus. Nachdem er anfangs von seiner Zeit in Asien erzählt hatte und davon, wie er zum Zen gekommen war und diesen in verschiedenen Klöstern praktiziert hatte, weihte er die Zuhörer in die Grundzüge der Zen-Lehre ein. Valerie war fasziniert. Alles, was er sagte, klang so einleuchtend, so einfach und doch so bedeutsam.

Als er am Schluss noch das Klosterprojekt vorstellte, war sie bereits überzeugt davon, dass sie dort häufig zu Gast sein würde. Regelmäßige Zen-Meditationen würden ihr guttun. Und unter professioneller Leitung würde es ihr hoffentlich besser als bisher gelingen, sich wahrhaftig vertiefen zu können.

Es kribbelte regelrecht in ihr. Sie konnte es kaum erwarten, mit diesen neuen Erfahrungen zu beginnen. Nur schade, dass es noch eine ganze Weile dauern würde, bis das neue buddhistische Zentrum bezugsbereit war. Aber eines war klar: Zen-Meister Schmidt und sein Kloster würden eine enorme Bereicherung für das Tal darstellen und die Wellnessangebote vor Ort perfekt ergänzen. Jetzt blieb nur noch zu hoffen, dass sich genügend Spender finden würden, um das alte Hotel auch wirklich so umbauen zu können, dass es allen Ansprüchen an einen Ort der Stille und Vertiefung gerecht wurde. Sie selbst würde sicherlich ihren Teil dazu beitragen. Und offenbar hatte Zen-Meister Schmidt bereits eine große Anhängerschaft, die ihn ebenfalls zu unterstützen gedachte. Zum einen in Nürnberg, wo er in einem buddhistischen Zentrum arbeitete, zum anderen aber auch im restlichen Deutschland, ja sogar in Österreich und der Schweiz, da er über einen eigenen YouTube-Kanal versuchte, möglichst viele Menschen zu erreichen und ihnen die Grundzüge des Zen und vor allem der Zen-Meditation näherzubringen. Bis die Umbauten abgeschlossen wären, würde Karsten Schmidt gemeinsam mit seinem guten Freund und Wegbegleiter Helmut Krause – dabei deutete er auf seinen Gefährten, der schräg hinter ihm auf einem Stuhl Platz genommen hatte – zwischen Nürnberg und Bad Gastein hin- und herpendeln.

Euphorisch verließ Valerie nach Ende des Vortrags mit Nora den Raum. Eine innere Ruhe hatte sich in ihr breitgemacht, ein Gefühl, das unglaublich wohltuend war. Und das, obwohl sie nicht einmal gemeinsam meditiert hatten. Allein die angenehme Ausstrahlung des Zen-Meisters hatte ausgereicht, um sich rundum wohlzufühlen.

Der Tee, der draußen zum Ausklang wieder gereicht wurde, rundete diesen Abend perfekt ab. Während Valerie und Nora auf Viktor warteten, um gemeinsam mit ihm nach Hause zu fahren, beobachteten sie noch eine Weile die anderen Vortragsgäste und schwiegen einträchtig. Worte waren in diesem Moment überflüssig.

DREI

»Puh, du legst aber heute ein gewaltiges Tempo vor.« Nora stöhnte. »Ich habe gerade fünf Schulstunden hinter mir. Sei gnädig und renn nicht so. Du weißt doch, der Weg ist das Ziel. Und wenn ein Zen-Meister langsam schreiten darf, dann wohl auch ich …«

Valerie blieb stehen, pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich wie so oft aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte, und wartete auf ihre beste Freundin, die aufgrund der Steigung des Pfades etwas nach hinten gefallen war. Vor rund einem Jahr hatten sie beschlossen, dass sie dringend etwas für ihre Fitness unternehmen mussten. Wie zu erwarten, hatten sie diesen Vorsatz nur halbherzig und etwas schleppend umgesetzt. Der Plan lautete, zumindest ein- bis zweimal wöchentlich eine große und zügige Runde mit den Nordic-Walking-Stöcken zu gehen und ab und an eine Wanderung zu machen, was meist an der fehlenden Zeit und ehrlicherweise an der Motivation scheiterte. Ihre Montagsrunde war jedoch ein Fixpunkt. Sie brachen jede Woche zur Mittagszeit auf, nachdem Nora, die an der örtlichen Volksschule arbeitete, ihren Unterricht beendet hatte.

An diesem Tag hatten sie Bewegung besonders nötig, weil sie am Wochenende entschieden zu viel geschlemmt hatten. Zudem war der Sonntag verregnet gewesen und hatte mehr zum Herumlungern als zum Spazierengehen eingeladen, sodass Valerie schon den ganzen Vormittag von Gewissensbissen heimgesucht worden war. Da noch dazu diese Woche der lang geplante Tortenwettbewerb stattfand, war absehbar, wie kalorienreich auch die nächsten Tage werden würden. Sie sollten also auf den letzten Metern noch etwas Gas geben, damit der Kreislauf so richtig in Schwung kam und sie ein paar Kalorien verbrannten.

»Komm schon, es ist nicht mehr weit, das letzte Stück schaffen wir noch schneller. Dafür lade ich dich im Turbinencafé unten am Wasserfall auf einen Fitnesssalat ein. Wenn wie heute die Sonne scheint, dann glitzern und funkeln die Gischttropfen im Licht so schön. Richtig magisch. Das sollten wir uns nicht entgehen lassen.«

Noras Antwort bestand aus einer verzweifelten Grimasse und einem kurzen Aufstöhnen, aber dann lenkte sie ein und schritt etwas zügiger voran.

Sie hatten sich für den Weg vom Grand Hotel hinunter in die Badbergstraße entschieden, vorbei an der kleinen, aber entzückenden Nikolauskirche mit den Soldatengräbern, bis kurz nach der großen Kuranstalt. Dort, etwas versteckt, zweigte von der Straße ein Pfad ab, der sich in Serpentinen durch den Wald bis zum Fuß des Graukogels nach Badbruck hinunterschlängelte. Unten angekommen, wandten sie sich nach links und nahmen den bekannten Wasserfallweg retour. Er führte stetig bergauf, immer an der sprudelnden Ache entlang, die rechts unterhalb des Weges Richtung Bad Hofgastein floss. Auf der linken Seite lag ein steiles Waldstück, in dem die kleine Hündin Nelly einst einen grausigen Fund gemacht hatte. Jedes Mal, wenn Valerie an besagter Stelle vorüberging, überkam sie ein Schauder. Strikt hielt sie Nelly nun immer an der Leine und ließ sie nicht wie früher ihrer Wege ziehen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit äußerst gering war, hatte Valerie instinktiv Bammel davor, dass ihre Hündin dort erneut etwas finden könnte, das sie lieber nicht sehen wollte. Gegen manche Gefühle kam der Verstand eben nicht an.

Mit einem Blick um die nächste Wegbiegung war klar, dass sie es nicht mehr weit hatten. Die Brücke, die unten neben dem Turbinencafé über die Ache führte, war bereits zu sehen. Sonnenstrahlen brachen durch das bunte Blätterdach, das jetzt im Oktober in den verschiedensten Farbtönen zum Staunen verlockte. Nelly trabte brav neben Valerie her und schlug – kaum oben angekommen – den Weg zur Terrasse ein. Seit sie von einer der Kellnerinnen dort einmal eine Scheibe Käse bekommen hatte, versuchte sie regelmäßig, Valerie ins Café zu lenken.

Das war nicht schwierig, denn Valerie liebte dieses Plätzchen. Keine zehn Meter vom Wasserfall entfernt, der hier eine Art natürliches Becken gegraben hatte, saß man nur durch eine Glasbrüstung geschützt direkt vor der herabbrausenden Ache. Unmittelbar vor der Terrasse machte diese eine Kurve und floss dann etwas ruhiger weiter bergab nach Badbruck und Bad Hofgastein. Je nachdem, wie viel Wasser die Ache gerade führte, konnte es an den Tischen des Kaffeehauses ganz schön feucht werden. Die feinen Tröpfchen schwirrten meterhoch durch die Luft und legten sich behutsam auf Haar und Wangen. Ein Sinneserlebnis, dem Valerie nie widerstehen konnte.

Da das Lokal bei diesem Kaiserwetter bestens besucht war, setzten sich die beiden Freundinnen an den einzigen freien Tisch. Er lag an der Hausmauer und somit seitlich des Wasserfalls – nicht direkt davor, wo Valerie sonst gern saß. Dafür konnte sie das bunte Treiben im Gastgarten von ihrem Platz aus gut verfolgen, was auch nicht zu verachten war. Sie mochte es, andere Menschen unauffällig zu beobachten und sich dann Geschichten über sie auszudenken, ein Hobby, das Nora mit ihr teilte. Leute ausrichten, nannte es Viktor, was wenig schmeichelhaft war und aus ihrer Sicht gar zu negativ klang. Sie selbst sprach immer von sozialen Studien, die sie gern mit Nora betrieb, schließlich lernte man die menschliche Natur am besten kennen, wenn man Augen und Ohren offen hielt.

Um diese Jahreszeit waren es vor allem Paare oder Senioren, die im Ort und somit auch hier im Café zu Gast waren. Familien mit Kindern kamen meist nur in den Ferien, in den letzten Jahren vermehrt aus dem arabischen Raum. Dass in Österreich das Wasser nur so von den Bergen sprudelte, war eine gänzlich neue Erfahrung für sie, weshalb sie oft ewig lange auf der Terrasse am Wasserfall verweilten und nicht aus dem Staunen herauskamen.

Jetzt im Herbst saßen an manchen Tischen auch einzelne Personen. Viele wurden zur Kur hierhergeschickt, weil das radonhaltige Thermalwasser und der warme Heilstollen im Radhausberg wie Wundermittel bei rheumatischen Erkrankungen wirkten.

Valerie ließ ihren Blick schweifen. Amüsiert stellte sie fest, dass ein allein sitzender Mann mit heller Baseballkappe, den sie nur von der Seite sehen konnte, gerade ein großes Stück Sachertorte serviert bekam. Nach welchem Rezept sie hier wohl gebacken wurde? Gern hätte Valerie gewusst, ob die Sacher im Turbinencafé in der Mitte gefüllt war oder nicht und ob der Konditor genau wie sie einen Schuss Rum in die Marmelade gab, bevor er sie erwärmte und auf die Torte strich. Das Schlückchen Inländer-Rum war eine Geheimzutat aus dem Rezept, das Valerie zuletzt ausprobiert hatte. Sie hatte es in einem alten handgeschriebenen Backbuch ihrer Urgroßmutter entdeckt. Darunter war in Klammern ein Hinweis gestanden, dass das Rezept aus der Zeit stammte, als Kaiser Franz Joseph regelmäßig im Hotel logierte. Die Sacher aus dem Grand Hotel mundete ihm offenbar so gut, dass er jedes Jahr wieder danach fragte. Verständlich, sie selbst war ebenfalls begeistert davon. Die feinen Leute früher wussten schon, was gut war, so viel stand fest.

Während Nora eine Nachricht auf ihrem Handy schrieb, drehte Valerie gedankenverloren einen Bierdeckel in der Hand und schloss für einen Moment die Augen, um sich ganz ihren Sinneseindrücken hinzugeben. Die Hauswand in ihrem Rücken war von der Sonne angenehm warm. Ein laues Lüftchen wehte, die Gischttröpfchen zogen wie feiner Nebel durch die Luft, und das Rauschen des Wasserfalls war schöner als jede Musik. Dazu der aromatische Duft des Kaffees vom Nebentisch. Genuss pur.

Doch plötzlich schreckte Valerie hoch. Ein ohrenbetäubender Knall hatte die Idylle zerstört. Sie öffnete die Lider und blickte sich um. Den anderen Gästen schien es ähnlich zu ergehen. Jeder fragte sich wohl, was oder wer für dieses Geräusch, das den Wasserfall mit Leichtigkeit übertönt hatte, verantwortlich war. Da vernahm Valerie einen Aufschrei. Mitten auf der Terrasse stand eine Kellnerin und starrte mit offenem Mund auf den Tisch direkt vor der Glasfront, ganz in der Nähe von Valeries und Noras Sitzplätzen. Der Herr, der eben seine Sachertorte serviert bekommen hatte, war auf seinem Stuhl in sich zusammengesunken. In der Hand hielt er noch die Gabel mit einem Stück Torte, was äußerst makaber wirkte, denn essen würde er sie nicht mehr können. Mittig vor seiner Stirn prangte nämlich unübersehbar ein Einschussloch in der Kappe. Der helle Stoff wies bereits deutliche Blutspuren auf. Das Gesicht war von dem Schild verdeckt, aber Valerie war sicher, dass die Augen ins Leere starrten. So einen Treffer konnte niemand überleben. Jemand hatte allem Anschein nach mit höchster Präzision auf ihn geschossen.

Valerie scannte ihre Umgebung. Der Schuss musste von vorne, vielleicht leicht von der Seite, gekommen sein, quasi vom Wasserfall. Aber wie sollte das funktionieren? Während sie noch grübelte, bemerkte sie eine vage Bewegung im Gebüsch neben dem Wasser. Ziemlich weit oben, mitten im unwegsamen Gelände, rührten sich einige Äste. Valerie schien es fast, als ob sie eine dunkel gekleidete Gestalt erkennen könnte, doch war das auf die Distanz und im Schatten, der dort herrschte, nur schwer zu beurteilen.

Sie stieß Nora an und deutete in die entsprechende Richtung, aber da war die schemenhafte Person oben am Hang bereits im bunt beblätterten Dickicht verschwunden.

Auf der Terrasse war inzwischen Hektik ausgebrochen. Einige liefen panisch davon, vermutlich vor Angst, der Täter könnte noch weitere Schüsse abgeben, andere näherten sich dem Toten und fotografierten ihn, was Valerie äußerst pietätlos fand. Zwei oder drei riefen lautstark nach einem Arzt und tippten auf ihrem Handy herum. Einen Notruf brauchte Valerie somit nicht mehr abzusetzen. Aber Erwin musste sie informieren. Kontrollinspektor Erwin Steininger, den Inspektionskommandanten der hiesigen Polizei. Er war mit Viktor zur Schule gegangen und ein guter Freund der Familie. Er würde schnellstmöglich alles Weitere in die Wege leiten.

Da es auf der Terrasse zu laut war, um in Ruhe telefonieren zu können, zerrte sie Nora ins Innere des Cafés. Mit zittrigen Händen wischte sie über das Display ihres Handys, um es zu entsperren, und suchte hektisch nach Erwins Nummer.

Ungeduldig wartete sie darauf, dass er das Gespräch annahm. Nach dreimaligem Klingeln meldete er sich endlich. Als er gerade dazu ansetzen wollte, sie erfreut zu begrüßen, schnitt sie ihm unhöflich das Wort ab, um ihm mitzuteilen, was passiert war. »Erwin, wir haben hier einen Toten. Komm bitte mit deinen Leuten sofort zum Turbinencafé. Auf der Terrasse wurde ein Mann erschossen, mitten vor unser aller Augen. Und gib Dorothea Bescheid.«