Salz auf unserer Haut - Benoîte Groult - E-Book + Hörbuch

Salz auf unserer Haut Hörbuch

Benoîte Groult

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Beschreibung

Die Geschichte einer im Grunde unmöglichen, einzigartigen Liebe! George, die Pariser Intellektuelle, und Gauvin, der bretonische Fischer - Welten trennen die beiden, die Barrieren von Erziehung und Bildung, von Weltanschauung und Geschmack stehen zwischen ihnen. Ein Leben miteinander halten beide für unmöglich. Und doch zieht sie ein Verlangen zueinander, das stärker ist als Vernunft und Konvention, eine Leidenschaft, die, auch als die Liebenden älter und reifer werden, nicht erlischt. Ein Roman und moderner Klassiker der erotischen Literatur: voll Zärtlichkeit und Sinnlichkeit, zugleich das Porträt einer freien, selbstständigen Frau, die zu ihren Gefühlen steht. Begeisterte Leserstimmen: »Sprache und Inhalt verweben sich in perfekter Harmonie.« »...eines der besten Bücher unserer Zeit.« »Oh la la, was für ein Sprachgewitter, dass über den Leser hereinprasselt.« »Was für eine wunderbare Geschichte.Was für eine wunderbare Sprache. Ich persönlich zähle das Buch zu dem Besten was ich bisher gelesen habe und lege sie aufgeschlossenen und lesefreudigen Zeigenossen sehr ans Herz.« »Salz auf unserer Haut« ist ein eBook von feelings –emotional eBooks*. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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Zeit:4 Std. 38 min

Sprecher:Eva Mattes

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Benoîte Groult

Salz auf unserer Haut

Roman

Aus dem Französischen von Irène Kuhn

Knaur e-books

Über dieses Buch

Die Geschichte einer im Grunde unmöglichen, einzigartigen Liebe!

George, die Pariser Intellektuelle, und Gauvin, der bretonische Fischer - Welten trennen die beiden, die Barrieren von Erziehung und Bildung, von Weltanschauung und Geschmack stehen zwischen ihnen. Ein Leben miteinander halten beide für unmöglich. Und doch zieht sie ein Verlangen zueinander, das stärker ist als Vernunft und Konvention, eine Leidenschaft, die, auch als die Liebenden älter und reifer werden, nicht erlischt. Ein Roman und moderner Klassiker der erotischen Literatur: voll Zärtlichkeit und Sinnlichkeit, zugleich das Porträt einer freien, selbstständigen Frau, die zu ihren Gefühlen steht.

 

Begeisterte Leserstimmen: »Sehr anrührende Liebesgeschichte.« »Was für eine wunderbare Geschichte. Was für eine wunderbare Sprache.« »Inspirierend, nachdenklich, glücklich!«

 

»Salz auf unserer Haut« ist ein eBook von feelings – emotional eBooks*. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks

Inhaltsübersicht

MottoVorwortI GauvainII Yvonnes HochzeitIII ParisIV Die zehn folgenden JahreV Die fernen Inseln der SeychellenVI Vorsicht: Gefahr!VII DisneylandVIII VézelayIX Auf, auf, ihr freien MenschenX The roaring fiftiesXI Montreal sehen und sterbenXII Die Flügel des Kormorans
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Einsam ist, wer für niemand die Nummer eins ist.

 

Helene Deutsch

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Vorwort

Wie soll ich ihn überhaupt nennen, damit es seine Frau niemals erfährt? Einen bretonischen Vornamen werde ich ihm auf jeden Fall geben, denn einen solchen hatte er ja. Aber es sollte ein Bardenname sein, der Name eines jener irischen Helden, deren Mut absurd war und die ihre Schlachten meistens verloren haben, nie aber ihre Seele.

Wie wäre es mit einem Wikingernamen? Nein, die waren blond. Lieber einen Keltennamen – die keltischen Männer waren dunkel, stämmig, ihre Augen waren hell, und in ihren Bärten lag ein rötlicher Hintergedanke. Doch, zu diesem Volk mit ungenauer Geographie, mit umstrittener Geschichte, das allenfalls in der Dichtung, kaum in der Wirklichkeit überlebt hat, gehörte er.

Einen rücksichtslosen, rauhfelsigen Namen will ich ihm geben, einen Namen, der zu seiner kantigen Gestalt paßt, zu seinen dunklen, vorne ein wenig tief ansetzenden und im Nacken dicht gekräuselten Haaren; einen Namen, der zu seinen leuchtendblauen Augen paßt – blau wie zwei Meeressplitter unter dem Dickicht der Augenbrauen –, zu seinen Tatarenbackenknochen, zu dem kupferschimmernden Bart, den er sich wachsen ließ, wenn er auf See war.

Vor meinem inneren Spiegel probiere ich ihm mehrere solche Namen an … Nein, der eine würde nur ungenügend die verstockte Miene wiedergeben, die er immer dann aufsetzte, wenn man ihm Widerstand leistete; der andere paßt nicht zu seinem schweren Gang.

»Kevin«? Ja, aber ich müßte sicher sein, daß er englisch und nicht französisch ausgesprochen wird.

»Yves« klingt nach Islandfischer [1].

»Jean-Yves«, davon habe ich während meiner Bretagne-Ferien zu viele getroffen, immer waren es kleine Hagere mit Sommersprossen.

»Loïc«? Vielleicht … aber mir wäre ein noch seltenerer Name lieber, ein Name, der zu einem Kormoran passen würde.

»Tugdual« also? Oder »Gauvain« [2] nach einem der Zwölf von der Tafelrunde? Oder »Brian Boru« nach Irlands Karl dem Großen? Aber die Franzosen würden diesen Namen abscheulich verunstalten, und die sanfte Liebkosung des englischen »r« würde zu einem uncharmanten Krächzlaut.

Aber er braucht wirklich einen Ritternamen. Gab es einen treueren Ritter als Gauvain, Sohn des Loth, König von Norwegen, und der Anne, Artus’ Schwester, Gauvain, der im Zweikampf gegen Mordred fiel, Mordred, dem Verräter an seinem König. Maßvoll, weise, würdig, großmütig, von erschreckender Kraft und von unbeirrbarer Treue seinem Herrn gegenüber, so berichten die Texte der Artussage: Er war kein Dichter, sondern ein Mann der Pflicht, auch wenn ihm dies manchmal schwerfiel, er scheute kein Abenteuer und keine heroische Anstrengung. So wird er geschildert in dem bretonischen Zyklus, und so ist der Mann meines Berichts.

Im wirklichen Leben trug er einen Namen, den ich dümmlich fand. Gleich nachdem er in mein Leben eingetreten war, stattete ich ihn mit allerlei Kosenamen aus. Heute widme ich ihm diesen endgültigen Namen, der schön zu schreiben und schön zu lesen ist, denn mittlerweile kann ich ihn nur noch zu Papier bringen, mehr nicht.

Jedoch nicht ohne eine gewisse Scheu mische ich mich unter die zweifelhafte Schar der Schriftsteller, die versucht haben, auf einem jungfräulichen Blatt Papier jene Freuden dingfest zu machen, die man die fleischlichen nennt, die einem aber zuweilen heftig das Herz angreifen. Und ich entdecke, wie vermutlich viele unter ihnen und wie die noch viel zahlreicheren, die irgendwann aufgegeben haben, daß die Sprache sich wenig hilfreich zeigt, wenn man die Verzückung der Liebe ausdrücken will, jene äußerste Lust, die die Grenzen des Lebens fernrückt und in uns Körper gebiert, von denen wir nichts ahnten. Ich weiß, daß mir Lächerlichkeit auflauert, daß meine erlesenen Gefühle der Banalität nicht entkommen können und daß jedes Wort nur darauf wartet, mich zu verraten, jedes Wort: jämmerlich oder vulgär, fad oder grotesk, wenn nicht gar abstoßend.

Wie soll ich ganz nach meinem Herzen jene Auswüchse oder Einwüchse benennen, in denen das Begehren sich ausdrückt, sich auflöst und wiederersteht? Wie soll man anrühren, indem man »Coitus« sagt? Co-ire, gewiß, zusammen-gehen und, in meiner Sprache, zusammen-passen. Was wird jedoch aus der Lust zweier Körper, die zusammengehen, weil sie zusammenpassen?

Und »Penetration«? Klingt ungemein juristisch. »Ist es zur Penetration gekommen, Fräulein X?«

»Unzucht treiben« gehört in den Dunstkreis von Beichtstuhl und Sünde. Und »Kopulation« klingt nach Mühsal, »Begattung« klingt tierisch, »schlafen mit« ist langweilig und »vögeln« hört sich nach Schnellverfahren an.

Oder lieber »quindipsen« oder »das Schatzkästlein aufschließen«? »Den Specht hacken lassen« oder »die Liebesgrotte abkühlen«? Dies sind leider in Vergessenheit geratene Ausdrücke, heitere Erfindungen einer jungen, unbekümmerten Sprache, die sich noch keine Zügel hatte anlegen lassen.

Heutzutage, in einer Zeit der verbalen Inflation, wo sich die Wörter noch schneller abnutzen als die Kleider, bleiben uns nur noch die schweinischen Wörter oder die Wörter aus der Nuttensprache, die durch ständige Verwendung ihre Farbe verloren haben. Und dann gibt es ja auch noch das brave »ins Bett gehen«, es steht allzeit zur Verfügung und hat kaum noch einen emotionalen oder erotisch-skandalösen Beiklang. Es ist literaturunfähig, gewissermaßen.

Und wenn die Rede auf die Organe kommt, die besagte Lust kanalisieren, dann warten auf den Schriftsteller, und mehr noch wahrscheinlich auf die Schriftstellerin, neue Klippen. »Jean-Phils Rute war zum Bersten steif … Mellors Phallus ragte empor, majestätisch, schreckenerregend … Das Gemächt des stellvertretenden Direktors … Dein geliebter Hodensack … Sein Penis, deine Scham, ihr Liebesschlupfloch … Amanda, deine Vagina … deine Klitoris, liebe Doris …« Wie könnte man da der Komik entrinnen? Wenn es sich um Sex handelt, verliert sogar die Anatomie ihre Unschuld, und die Wörter, diese verdammten Schurken, die ihr Leben unabhängig von uns führen, zwingen uns feststehende Bilder auf und verbieten einen unbefangenen Gebrauch. Sie gehören zum Medizinerlatein oder zum Schundvokabular, zum Pennälerjargon oder zur Gossensprache. Wenn sie überhaupt existieren. Denn das Vokabular der weiblichen Lust erweist sich, sogar bei den größten Autoren, als bestürzend armselig.

Man müßte alles vergessen können, angefangen von der Fachpresse für Schwellkörper über die Photoromane mit Schleimhautgroßaufnahmen bis zu den Doppelaxel der Sexakrobaten, die von blasierten, schlecht bezahlten Redakteuren kommentiert werden. Und gründlicher noch müßte man die modische Hochglanzerotik vergessen, die von einer gewissen philosophischen Schickeria propagiert wird; leider gehört es zum guten Ton, sie zu schätzen, weil der intellektuelle Jargon ihre Schändlichkeit vernebelt.

Und doch: Die Geschichte, die ich erzählen möchte, existiert nicht ohne die Beschreibung der »Sünde Dideldum«. Die Helden meines Romans haben einander verführt, indem sie sich der Sünde Dideldum hingaben. Um Dideldum zu machen, haben sie sich quer über den Erdball verfolgt; einzig und allein deswegen konnten sie nie mehr voneinander lassen, obwohl sie eigentlich alles trennte.

Es wäre schmeichelhaft und, was die Erklärung dieser Liebe angeht, gewiß bequemer, wenn auf eine ideelle oder kulturelle Übereinstimmung, auf eine Kinderfreundschaft, auf eine seltene Begabung bei einem der beiden oder auf ein rührendes Gebrechen hingewiesen werden könnte … aber es bleibt nichts anderes übrig, als sich die nackte Wahrheit einzugestehen: Diese beiden waren dazu geschaffen, nichts voneinander zu wissen, ja sich zu verachten, und allein die unartikulierte Sprache der Liebe hat es ihnen ermöglicht zu kommunizieren, allein die Magie des Hineinsteckspiels – auch die Prädestinationsgeschichten, die man in solchen Fällen gerne anführt, ändern da nichts, auch nicht die geheimnisvollen Tropismen oder, das Spiel der Hormone oder sonst irgendwas – allein diese Magie hat sie so tief aneinander binden können, daß alle Schranken fielen.

Übrig bleibt die Aufgabe, den auf dieser Erde meistpraktizierten Akt als etwas Hinreißendes zu schildern. Denn wozu schreibt man, wenn nicht, um den Leser hinzureißen? Aber wie soll man jene Himmelshoffnung, die zwischen den Beinen der Männer und der Frauen aufleuchtet, einfangen? Wie das, was sich überall und immer schon zwischen gleichen oder verschiedenen, kümmerlichen oder großartigen Genitalien abspielt, als ein Wunder ausgeben?

Ich verfüge über keinerlei Wissen, das andere nicht hätten, über keinerlei Worte, die andere nicht schon überstrapaziert haben. Es handelt sich keineswegs um eine Reise in unbekannte Gefilde: Es gibt kein unentdecktes Neuguinea der Liebe. Und letztlich gibt es nichts Banaleres als eine Möse, es sei denn zwei Mösen; und ein Phallus aus extrasamtiger Herrenhaut wird, wenn seine Zeit gekommen ist, genauso leergepumpt sein wie ein Schwanz der profansten Sorte.

Die Vorsicht würde also dazu raten, die Sache gar nicht erst anzufangen, zumal zwischen den gefährlichen Klippen der Pornographie und des Groschenromans die ganz wenigen Meisterwerke aller Literaturen, die sich lachend über all diese Gefahren hinweggesetzt haben, in kühnem Glanz erstrahlen. Aber erst hinterher, im Falle eines Mißerfolgs, erscheint die Vorsicht als eine Tugend. Ist Literatur nicht immer unvorsichtig?

Und schließlich war das Risiko so schön, die ersten Zeilen der unmöglichen Geschichte trotz allem hinzuschreiben: »Ich war achtzehn, als Gauvain in mein Herz und für immer in mein Leben getreten ist. Jedenfalls hielt ich damals für mein Herz, was zunächst nichts anderes war als die Haut …«

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I Gauvain

Ich war achtzehn, als Gauvain in mein Herz und für immer in mein Leben getreten ist. Aber wir wußten es nicht, er nicht und ich nicht. Ja, doch, mit dem Herzen hat es angefangen, oder mit dem, was ich damals dafür hielt und was zunächst nichts anderes war als die Haut.

Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich, und das Prestige des Seemanns und Fischers, der damals schon seinen Lebensunterhalt verdiente, machte mein Ansehen als Studentin, die noch von ihrer Familie abhängig war, wett. Meine Pariser Freunde waren nichts als Grünschnäbel im Vergleich zu ihm, der bereits von seinem Beruf gezeichnet war. Einem Beruf, der aus einem muskulösen Jüngling allzuschnell eine Kraft der Natur macht und vorzeitig einen Greis. Die Kindheit hielt sich noch in seinen Augen, die er abwandte, sobald man ihn ansah; die Jugend konnte man von seinem arroganten Mund ablesen, dessen Winkel sich nach unten zogen, und männliche Kraft verrieten sowohl die breiten Hände, die aussahen, als seien sie vom Salz erstarrt, als auch der schwerfällige Gang: Jeden Schritt sicherte er ab, als glaubte er sich ständig auf Deck eines Schiffes.

Als Kinder hatten wir uns mißtrauisch als die Vertreter zweier unverträglicher Spezies betrachtet, er in seiner Rolle als bretonischer Junge, ich als Pariserin, und dies vermittelte uns die beruhigende Gewißheit, daß sich unsere Wege niemals kreuzen würden. Hinzu kam, daß er der Sohn armer Bauern und ich die Tochter von »Touristen« war – dies schien er für unseren Hauptberuf zu halten, jedenfalls entsprach es in seinen Augen einer Lebensart, die ihm wenig Achtung einflößte. Während der seltenen Mußestunden spielte er leidenschaftlich Fußball mit seinen Brüdern, was mir als der Gipfel der Banalität erschien; oder aber er holte Vögel aus ihren Nestern oder schoß auf sie mit einer Steinschleuder, was ich abscheulich fand. In der übrigen Zeit raufte er mit seinen Kameraden oder bedachte meine Schwester und mich mit Schimpfwörtern, jedesmal wenn er uns über den Weg lief, was ich als männlich, also verabscheuenswert verurteilte.

Er war es, der die Reifen meines ersten Fahrrads aufschlitzte – natürlich war es ein Reiche-Mädchen-Fahrrad und somit ein Affront gegen die klapprige Rollkiste, mit der er und seine Brüder rasselnd die einzige Dorfstraße hinunterfuhren. Sobald seine Beine dann lang genug geworden waren, hatte er sich auf dem armseligen Fahrrad seines Vaters abgestrampelt, einem auf seine unerläßlichen Bestandteile beschränkten Gerippe, das er heimlich entwendete, wenn Vater Lozerech seinen Samstagabendrausch im Straßengraben ausschlief. Wir hingegen, wir steckten mit Hilfe von Wäscheklammern Postkarten auf die Speichen unserer blinkenden Chromräder mit Schutzblech, Gepäckträger und Klingel, um mit dem motorähnlichen Geknatter die Brüder Lozerech zu beeindrucken, die uns souverän mißachteten.

Es gab eine Art stillschweigende Vereinbarung, nach der wir lediglich mit der einzigen Lozerech-Tochter spielten, der jüngsten dieser »Kaninchen-Familie«, wie mein Vater verächtlich sagte; sie war ein reizloses blondes Geschöpf und trug den in unseren Augen unmöglichen Vornamen Yvonne. Ich habe es schon gesagt: Alles trennte uns.

Mit vierzehn oder fünfzehn verschwand Gauvain aus meinem Blickfeld. Im Sommer fuhr er bereits als Schiffsjunge auf der Vaillant-Couturier[3], dem Fischkutter seines ältesten Bruders, zur See. Dieser Name gefiel mir, denn ich war lange überzeugt, daß es sich dabei um einen tapferen Couturier handelte, der die unverhoffte Möglichkeit gehabt hatte, Schiffbrüchige aus Seenot zu retten! Seine Mutter sagte von ihm: »Der Junge kann anpacken!« und: »Bei ihm dauert’s nicht lange, bis er Jungmann wird!« Aber vorerst war er der Moses, das heißt der Prügelknabe an Bord. Das war die Sitte, und sein großer Bruder, der Kapitän des Fischkutters war, hatte weniger noch als andere das Recht, Mitleid zu zeigen.

 

Für uns bedeutete das einen Feind weniger im Dorf. Aber selbst auf fünf reduziert, hielten die Gebrüder Lozerech uns, meine Schwester und mich, nach wie vor für Pißnelken in unserer Eigenschaft als Mädchen und für eingebildete Gänse in unserer Eigenschaft als Pariserinnen. Zumal ich George hieß. »George ohne s«, stellte meine Mutter jedesmal klar, die mich auf dem Altar ihrer Jugendleidenschaft für Indiana von George Sand geopfert hatte. Meine jüngere Schwester, die seelenruhig Frédérique hieß und die ich »Frédérique mit Tick« nannte, um mich zu rächen, warf mir vor, daß ich mich wegen meines Vornamens schämte. Und es stimmte auch, daß ich viel dafür gegeben hätte, den Spott und vor allem die Fragerei jedesmal bei Schulbeginn zu vermeiden, wenn »die Neuen« sich erst an meine Besonderheit gewöhnen mußten. Kinder sind erbarmungslos gegenüber allem, was aus der Reihe tanzt. Erst als erwachsene Frau habe ich meiner Mutter meinen Namen verziehen.

In der Privatschule Sainte-Marie war es in dieser Hinsicht weniger schlimm als auf dem Land. Man durfte sich auf George Sand beziehen, wenngleich sie nicht gerade im besten Ruf stand. Immerhin hatte sie einiges wiedergutgemacht mit dem idyllischen Teufelsmoor oder der Kleinen Fadette, zwei Jugendbuchklassikern, und später dann, indem sie zur gütigen Herrin von Nohant wurde. In Raguenès aber war mein Name die unerschöpfliche Quelle von bösartigen Späßen. Man konnte sich nicht daran gewöhnen, oder vielmehr, man weigerte sich, auf ein so ergiebiges Thema zu verzichten. Ich wurde nur noch George Ohne-es genannt.

Hinzu kam, daß meine Eltern nicht in der Zone der Sommerhäuser, sondern mitten in diesem Bauern- und Fischerdorf logierten, wo wir den einzigen Mißklang darstellten. Die »Strandpyjamas« meiner Mutter, die großen Baskenmützen, mit denen sich mein Vater schmückte, und seine Tweedknickerbocker lösten unweigerlich Heiterkeit aus. Die Lausbuben im Dorf wagten es nicht, vor meinen Eltern in Gelächter auszubrechen, aber sobald sie als ganze Bande auftraten, besannen sie sich, die Lozerechs allen voran, auf ihre natürliche Überlegenheit als Pimmelträger, und von weitem scholl uns das Liedchen entgegen, dessen Schwachsinn uns ein hochmütiges Lächeln hätte entlocken sollen, das uns aber maßlos ärgerte:

Die Pariser

sind blöde Affen!

Die Pariser

sind dumme Laffen.

Wenn man Kind ist, sind die dümmsten Späße oft die besten. Wir rächten uns, wenn unsere Folterknechte auf ein oder zwei Exemplare reduziert waren. Gemeinsam stellten sie den Mann als solchen dar. Einzeln waren sie nur noch ein Kind, das einem anderen Kind gegenüberstand, oder schlimmer, ein Bauernjunge, der einem Mädchen aus der Stadt gegenüberstand.

Gauvain war nie zu uns ins Haus gekommen. Es war im übrigen kein Haus in seinen Augen, sondern eine lächerliche Villa, um so lächerlicher, als sie ein Strohdach besaß, wo doch alle Einwohner des Dorfes nur eins im Sinn hatten: über ihrem Kopf ein normales Dach, ein Schieferdach, zu haben. Das Originalstroh vom handgedroschenen Roggen, das mit viel Mühe und für viel Geld beim allerletzten Strohdachdecker der Gegend besorgt worden war, schien ihnen dem gesunden Menschenverstand hohnzusprechen.

Ein so banaler Satz wie »Komm mit zu uns Kakao trinken« oder später »Komm, trinken wir bei uns ein Glas« war undenkbar zwischen uns. Yvonne dagegen, die in meinem Alter war, lud ich häufig zum Spielen zu uns ein. Natürlich konnten wir uns aber auf den Bauernhof begeben, dessen unaufhörliche Betriebsamkeit und Unordnung uns als der Inbegriff der Freiheit vorkamen: Da lagen überall die Kleider der acht Kinder herum, die verdreckten Holzschuhe standen im Flur beim Eingang, Hunde und Katzen bevölkerten den Innenhof, der mit zusammenengebastelten Kaninchenställen und undefinierbarem Ackergerät vollgestellt war (man konnte sich nicht vorstellen, daß es jemals wieder eingesetzt werden könnte, aber einmal im Jahr erfüllte es seine Funktion und erwies sich dann als unentbehrlich). Wir, die Bewohnerinnen einer piekfeinen kleinen Villa, wurden gezwungen, jeden Abend unser Spielzeug aufzuräumen und jeden Tag unsere weißen Stoffsandalen mit Schlämmkreide zu behandeln.

Der Austausch hatte stets in dieser Richtung funktioniert, was ich in meiner täglichen Lektüre, den Büchern der Bibliothèque Rose[4], bestätigt fand: Dort sah ich, wie Madame Fleurville oder Madame de Rosbourg die bedürftigen Frauen, die jungen Wöchnerinnen, die verlassenen Mütter oder die armen kranken Witwen besuchten, die ihrerseits keinen Zugang zum herrschaftlichen Salon der Wohltäterinnen hatten.

Manchmal blieb ich zum Essen bei den Lozerechs. Dort löffelte ich bereitwillig eine Specksuppe, die ich zu Hause ungenießbar gefunden hätte; vorher hatte ich mit Yvonne im Kartoffelfeld gearbeitet, eine denkbar unattraktive Beschäftigung, der ich aber zu verdanken hatte, daß ich nicht nur als unfähige Städterin galt. Daß ich eine Kuh melken konnte, erfüllte mich mit weit größerem Stolz als die Tatsache, daß ich auf der unbeschrifteten Frankreichkarte, die in meinem Zimmer hing, alle Departements bestimmen konnte. Der Gedanke gefiel mir, daß ich in einem anderen Leben eine gute Bäuerin hätte abgeben können.

Und zur Dreschzeit kam es dann auch soweit, daß Gauvain und ich uns zum erstenmal wie Menschen und nicht wie Vertreter von verfeindeten Kasten ansahen. An solchen Tagen kamen alle Nachbarn und »gingen zur Hand«, und jede Familie wartete, bis sie ein Maximum an Helfern zur Verfügung hatte, erst dann ging es los. Drei der Lozerech-Söhne, darunter Gauvain, waren gleichzeitig zu Hause, was selten vorkam. Also mußte man die Lage nutzen und den Termin für diese Schwerarbeit dementsprechend ansetzen. Frédérique und ich beteiligten uns jedes Jahr am Dreschen – die Lozerechs waren unsere nächsten Nachbarn –, und stolz teilten wir die Arbeit, die allabendliche Erschöpfung und auch die Erregung, die das wichtigste Ereignis des Jahres begleitet, das Ereignis, das unwiderruflich über die Jahresbilanz des ganzen Hauses entscheidet.

Der letzte Tag war drückend schwül gewesen. Hafer und Gerste waren schon eingebracht, und seit zwei Tagen war der Weizen an der Reihe. Die aufgeheizte Luft vibrierte, flirrender, dichter Staub brannte in den Augen und im Hals, und dazu kam das Rattern der Maschine. Die dunklen Röcke der Frauen waren grau geworden, grau wie die Haare und die Hauben, und den Männern rann der bräunliche Schweiß über Gesicht und Hals. Nur Gauvain arbeitete mit nacktem Oberkörper. Er stand oben auf einem Wagen, zerschnitt mit einem Sichelschlag das Strohband, das die Garbe zusammenhielt, spießte diese auf die Gabel und warf sie mit einer Bewegung, die mir majestätisch schien, auf das Förderband, auf dem sie rüttelnd hinunterglitt. Jugendlich schweißglänzend stand er in der Sonne, inmitten des blonden Weizens, der ihn umwirbelte; und ähnlich wie bei den beiden kräftigen Pferden, die regelmäßig neue Ladungen herbeibrachten, spielten seine Muskeln unaufhörlich unter der Haut.

Noch nie hatte ich einen so männlichen Mann gesehen, außer in amerikanischen Filmen, und ich war stolz, an dieser Zeremonie teilzuhaben und mich ausnahmsweise mit seiner Welt solidarisch zu fühlen. Alles gefiel mir in diesen glühenden Tagen: der herbe Geruch der dampfenden Weizensäcke, Sinnbilder des Überflusses (Gauvains Vater wachte am Fuß der Dreschmaschine darüber, daß beim Auffüllen nicht ein einziges Korn seines Schatzes danebenfiel); gegen drei Uhr nachmittags das üppige »Vesperbrot« aus Speck, Fleischpastete, goldgelber Butter, die großzügig auf das dunkle Brot geschmiert wurde, so daß unser pariserischer Vieruhrtee geradezu kärglich erschien im Vergleich; sogar die wüsten Schimpfworte der Männer, jedesmal, wenn der Treibriemen heraussprang und man ihn wieder auf die Scheiben setzen mußte, während diejenigen, die es sich erlauben konnten, schnell ihre ausgetrocknete Kehle mit einem Schluck Cidre befeuchteten; und zu guter Letzt, wenn alle Säcke in der Scheune bereitstanden für den Müller, das »fest-noz«, für das ein Schwein geschlachtet worden war.

An jenem Abend waren alle in einem Zustand der äußersten, fast rauschhaften Erschöpfung vereint, in der Zufriedenheit über die getane Arbeit, die eingebrachte Ernte, eingetaucht in jenes für die Bretagne Ende Juli so typische Dämmerlicht, das sich nicht entschließen kann, der Nacht zu weichen. Der Tag zieht sich dahin, wehrt sich, und jeder hofft irgendwo, daß er endlich, einmal, die Finsternis besiegen wird.

Ich saß neben Gauvain, ganz dem Gefühl hingegeben, diesen heiligen Augenblick mit ihm zu teilen, ohne Hoffnung, dieses Gefühl ausdrücken zu können. Bei den Bauern spricht man sehr diskret von der Natur. Wir blieben stumm, gehemmt, verlegen darüber, daß wir erwachsener geworden waren. Die Spiele und Kämpfe der Kindheit hatten wir aufgegeben und durch nichts ersetzt. Die Lozerech-Buben und die Gallois-Mädchen waren im Begriff, sich in ihrer jeweiligen sozialen Schicht niederzulassen, nach dem künstlichen Aufschub der Kinderjahre, und sie richteten sich darauf ein, ihre Verbindung auf das belanglose Kopfnicken und Lächeln der Leute zu beschränken, die sich im Dorf begegnen, aber einander nichts mehr zu sagen haben, nicht einmal mehr häßliche Schimpfwörter. Man duzte sich noch, erkundigte sich höflich nach der Arbeit oder nach der Fischerei: »Na, war’s ein guter Fang?« – »Und du, was machen deine Prüfungen?«, Fragen, deren Antworten man mit halbem Ohr aufnahm, wie Muscheln am Strand im Winter, die man nicht einmal mehr aufliest.

Und dann dieser Abend, wie schwebend zwischen Tag und Nacht, zwischen Traum und Wirklichkeit … Als wir uns verabschiedeten, schlug Gauvain ganz unvermittelt, trotz der Müdigkeit, die seine Züge sanfter erscheinen ließ, »einen kleinen Abstecher nach Concarneau« vor, was keine sonderliche Begeisterung hervorrief, da jeder sich nur nach seinem Bett sehnte. Trotzdem erklärte sich einer seiner Brüder bereit, mitzumachen, und um nicht das einzige Mädchen zu sein, zwang ich Yvonne, mich zu begleiten. Dazu mußte ich sämtliche Mittel einsetzen, die ich zur Verfügung hatte: »Du kriegst meinen neuen BH, den mit der Spitze … oder mein Eau de Cologne, Canoë von Dana.« Gauvain war einer der wenigen im Dorf, die ein Auto besaßen, einen alten kleinen Renault, in den er nun so viele Menschenleiber einlud, wie hineinpaßten. Meine Schwester war nicht mit von der Partie: Mit fünfzehn Jahren geht man nicht tanzen nach Concarneau.

Mir, die ich bisher nur den Ball der exklusiven Ecole Polytechnique oder den »Point Gamma«, das alljährlich stattfindende Fest der Ingenieurstudenten, kennengelernt hatte, mir erschien das Tanzlokal Ty Chupenn Gwen so exotisch wie ein Treffpunkt der Unterwelt. Yvonne nahm mich freundlich unter ihre Fittiche in diesem Kreis, wo ich die einzige »hergelaufene Pariserin« war inmitten einer Horde von lauten und schon etwas angeheiterten Knaben. Aber zumindest würde ich hier nicht Mauerblümchen sein, wie allzuoft auf Pariser Festen, wo mich meine Schüchternheit jedesmal hinter den Plattenspieler verbannte, wenn ich den auf der Einladung geforderten »Tänzer« nicht mitgebracht hatte.

Kaum hatten wir einen Tisch gefunden, zerrte mich Gauvain schon – ohne zu fragen und bevor es ein anderer tat – auf die Tanzfläche, und dabei nahm er mich so fest in seinen Arm, wie er es vermutlich bei Sturm auf seinem Fischkutter mit einem Stag machte. Ich spürte jeden Finger seiner Hand auf meinen Rippen – richtige Hände, dachte ich, Hände, die das, was sie festhalten, nicht loslassen, und nicht solche blassen, vornehmen Verlängerungen, wie sie jene vornehmen und blassen jungen Leute zierten, mit denen ich in Paris Umgang pflegte.

Er tanzte wie ein Mann aus dem Volk, wie Coupeau, der Mann von Gervaise, oder die anderen Fabrikarbeiter in Zolas Schnapsbude: mit der gleichen Schaukelbewegung der Schultern, die viel zu übertrieben war, um nach meinen bürgerlichen Maßstäben nicht vulgär zu erscheinen. Nicht ein einziges Mal trafen sich unsere Blicke, und wir wechselten kein Wort. Er wußte nicht, was er sagen sollte, und auch mir fiel kein Thema ein, das ihn hätte interessieren können. Zwischen »Mögen Sie die Briefe an einen jungen Dichter?« und »Ging das Geschäft mit dem Fisch gut diese Woche?«, das ebenfalls zu verwerfen war – was konnte eine Studentin der Geschichte und der alten Sprachen einem Jungen sagen, der den größten Teil seiner Zeit auf einem Fischkutter in der Irischen See verbrachte? Meine natürliche Schüchternheit, gepaart mit dem absonderlichen Gefühl, mich in den Armen des Lozerech-Sohnes zu bewegen, machte mich stumm. Aber das spielte keine Rolle, da er mich ja zwischen allen Tänzen fest im Griff behielt, bis die Musik wieder einsetzte. Er roch noch nach Sonne und Weizen, und ich hatte den Eindruck, daß er mich wie eine seiner Garben behandelte, mit dem finsteren, konzentrierten Gesichtsausdruck, den er bei der Arbeit hatte.

Welche Worte hätten im übrigen die Empfindung auszudrücken vermocht, die uns überflutete und die offensichtlich vollkommen unpassend und absurd war? Das Gefühl, daß sich unsere Körper erkannten und unsere Seelen – denn unsere Hirne waren es nicht – danach strebten, sich zu vereinen, ohne Rücksicht auf all das, was uns auf dieser Welt trennen konnte. Natürlich dachte ich an Platon. Damals kamen meine Ansichten und meine Empfindungen nur in Anlehnung an die Dichter und Philosophen zum Ausdruck. Gauvain ließ sich, ohne eine vergleichbare Bürgschaft, von dem gleichen Zauber überwältigen, das spürte ich. Solche Eindrücke entstehen niemals einseitig.

Einen Walzer und zwei Paso doble lang hielten wir stand. »Poema-Tango« riß uns gemeinsam hinweg. Die Konturen der Wirklichkeit verwischten sich. Wie auf einem anderen Planeten hörte ich die Freunde um uns herum, die mit plumpen Witzeleien ihre wachsende Lust zu verbergen suchten, die vom Alkohol und ein paar angedeuteten Annäherungsversuchen nachgiebig gestimmten Mädchen zu vögeln. Ohne uns abzusprechen, die jäh eintretende Dunkelheit nutzend, waren Gauvain und ich plötzlich draußen. Mit dem unbekümmerten Egoismus der Glücklichen beschlossen wir, daß Yvonne und ihr Bruder leicht Freunde finden würden, um sich ins Dorf zurückbringen zu lassen, verließen feige die heitere Gesellschaft und flüchteten in dem kleinen Renault.

Selbstverständlich fuhr Gauvain in Richtung Küste. In solchen Fällen strebt man instinktiv zum Meer. Wir wußten, daß es uns die Sprache ersetzen würde und daß es uns in seine mütterliche Größe, in sein wohlwollendes Schweigen hüllen würde. Immer wieder, wenn der Weg zu Ende war, haben wir für einige Zeit angehalten: in Cabellou, in La Jument, in Trévignon, in Kersidan und am Strand von Raguenès. Jedesmal machten wir kehrt, denn eine Küstenstraße gab es damals noch nicht, nur Sackgassen, und das entsprach dem Bild unseres Lebens an jenem Abend. Je weniger wir sprachen, desto weniger gelang es uns, das Schweigen zu brechen, das unsere Herzen erfüllte. Gauvain begnügte sich damit, seinen Arm zärtlich um meine Schultern zu legen und mich zitternd an sich zu pressen. Dabei berührte er zuweilen mit seiner Schläfe meine Wange.

In Raguenès war Ebbe. Die Sandzunge, die nur bei großer Tide Küste und Insel verbindet, glänzte im Mondlicht. Links, auf der gegen den ständigen Wind geschützten Ostseite, konnte man den Übergang zwischen Wasser und Strand kaum erkennen: Das Meer war spiegelglatt. Auf der Westseite fältelte eine ganz leichte Brise das große Silberlaken, das mit einer phosphoreszierenden Kräuselbordüre abschloß. Es war alles so rein, uns so ähnlich, daß wir hinunterstiegen, um in diesem stillen Wasser ein wenig zu gehen.

»Was hältst du von einem Mitternachtsbad?«

Der Gedanke war mir plötzlich gekommen. Es war das erstemal, daß wir uns gemeinsam an einem Strand befanden. In jener Zeit gingen die Bretonen kaum je ans Ufer. Baden kam ihnen wie eine Touristenspinnerei vor. Das Meer war keine Vergnügungsstätte; zu oft und seit Jahrhunderten hatten die Seeleute sich hier ihr »Loch im Wasser gegraben«. Ohne uns anzusehen, in respektvollem Abstand, legten wir unsere Kleider ab. Noch nie hatte ich mich vor einem Jungen nackt ausgezogen, aber es tat mir leid, daß Gauvain nicht wenigstens einen Blick nach mir warf. Ich wähnte mich schön im Mondschein und weniger nackt als in einem Zimmer im harten Licht einer Glühbirne. Sowohl um meine Vorderseite zu verbergen, als auch um zu verhindern, daß ich seine Vorderseite sehen mußte, stürzte ich mich als erste ins Meer, und zwar auf der Ostseite, aus Freude daran, diesen allzu glatten Spiegel aufzubrechen. Aber weit schwamm ich nicht hinaus. Sehr schnell ahnte ich, daß Gauvain nicht schwimmen konnte. »Wozu auch? Wenn man nachts von einer Sturzwelle weggerissen wird, muß man nur noch länger leiden im eisigen Wasser«, sagte er. Ich erkannte, daß wir nicht das gleiche Verhältnis zum Meer hatten. Gauvain und ich verkehrten nicht mit ein und derselben Person, aber er kannte die echte.

Lange ließen wir uns von den empfindlich kühlen Wellen treiben und wiegen; wir streiften uns lachend wie zwei glückliche Wale und konnten uns nicht entschließen, aus dem Wasser zu gehen, weil wir wußten, daß wir an Land, im Trockenen, gleichzeitig mit unseren Kleidern auch unsere Standesidentität und unsere Konventionen wieder anziehen würden.

Es war eine jener unwirklichen Nächte, in denen ein gewisses phosphoreszierendes Plankton an die Oberfläche steigt, und bei jeder Bewegung, bei jedem Spritzer schien das Meer Funken zu sprühen. Allmählich überflutete uns eine Welle von Melancholie, die scheinbar in keinem Verhältnis stand zu dem Augenblick, den wir gerade erlebt hatten, als ob wir eine lange Zeit der Leidenschaft hinter uns hätten und ein so unaufhaltsames Ereignis wie ein Krieg im Begriff sei, uns zu trennen. Das Ereignis war in diesem Fall das Morgengrauen. Nach Osten hin wurde der Himmel schon heller und rückte das Festland allmählich wieder zu seinen wahren Proportionen zurecht.

Gauvain hat mich vor meiner Haustür abgesetzt. In Mamans Zimmer brannte noch Licht. Sie wartete auf mich. Er sagte, und dabei hielt er sich in respektvoller Distanz: » Ja, dann auf Wiedersehen!« Er hatte zu seiner üblichen Stimme zurückgefunden. Mit einem leichten Zögern fügte er etwas leiser hinzu: »Vielleicht auf bald« – und ich antwortete genauso platt, die Arme am Körper: »Danke fürs Nachhausebringen«, dabei konnte er gar nicht anders, da unsere Häuser ja unmittelbar nebeneinander lagen.

Zwei Tage später ging er wieder an Bord seiner Vaillant-Couturier, und ich sollte ihn in diesem Sommer nicht mehr wiedersehen, denn wir fuhren Anfang September nach Paris zurück. Denkt man an die Seeleute im Winter, wenn man in seiner behaglichen Wohnung sitzt? Welche Brücke soll man denn auch zwischen dem Deck eines Trawlers und dem Descartes-Hörsaal schlagen, in dem Professor Pauphilet die wundersame Geschichte von Aucassin und Nicolette auseinandernehmen und uns die höfische Liebe entschlüsseln würde.

Er ist auf seinen Hof zugegangen und schnell von der Dunkelheit aufgesogen worden. Ich habe die Haustür geöffnet und meine nassen Haare geschüttelt. Die Notwendigkeit, mich bei Maman zu melden, bevor ich in mein Zimmer gehen konnte, scheuerte mir jegliche Romantik vom Leib: Was ich gerade empfunden hatte, löste sich bereits auf, entfernte sich in Windeseile wie jene Träume, die trotz allen Bemühungen in wenigen Sekunden verblassen, während man erwacht, und einem nichts zwischen den Fingern zurücklassen. Aber bis zum Ende jenes Sommers ging ich, wie mir scheint, mit weniger sicherem Gang, und ein leichter Nebel legte sich über das Blau meines Blickes.

So daß mir eines Abends, als die Stimmung zärtlicher war als sonst – eine Stimmung, wie sie manchmal an Spätsommerabenden in der Bretagne entsteht – ein Gedicht für Gauvain dem Herzen entstieg. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm diese Flaschenpost zuwerfen sollte. Vielleicht machten sie sich gerade jetzt unter Freunden lustig über die Schüchternheit der kleinen Pariserin. »Du weißt doch, die Leute, die im Strohhaus am Ende des Dorfes wohnen …« – »Das Mädchen ist übrigens nicht häßlich …« – »Och! Findest du? …«

Die Angst vor der Lächerlichkeit hinderte mich daran, Gauvain dieses Gedicht zu schicken, das erste Liebesgedicht meines Lebens.

Reinen Herzens haben wir uns beide

Im Anblick des Meeres niedergesetzt.

Du warst schüchtern wie ein großes Kind

Das noch nie Gide gelesen hatte.

Die Nacht war sanft wie die Nacht

Ich aber kalt wie die erste Frau.

 

Wir verharrten am Rande der Zeit

Am Rand des Begehrens und der Frau in mir.

Du, ein Mann, und ich, ein junges Mädchen:

Steif und ruhig

Wie man es zuweilen mit zwanzig sein kann.

 

Ich, die ich Gide gelesen habe,

Kehre oft zurück nach Raguenès

Um deinen fliehenden Augen wiederzubegegnen,

Um deinen wilden, bebenden Mund wiederzufinden.

Heute bin ich sanft wie die erste Frau

Doch die Nächte sind kalt wie die Nacht.

 

Dabei würde ich dich heute abend küssen,

Wunderbare Küsse, mit dem Salzgeschmack auf unserer Haut

Dich, der du über die Meere Irlands fährst

In den heftigen Umarmungen der Wellen gefangen

Weit weg von meinen zwanzig Jahren

Und dem sanften Strand, an den du mich führtest

Um nach dem Märchentier zu suchen

Das sich nicht gezeigt hat.

 

Und du?

Kommst du manchmal an diesen Ort

Und trauerst dem Kuß nach, den wir uns

nicht gegeben haben?

Bald mußte das Haus für den Winter geschlossen werden, bald mußte ich den Sommer meiner achtzehn Jahre verlassen. Mein Gedicht habe ich in einem Herbarium zurückgelassen: In einer Schublade landete es mit jenen Ferienüberbleibseln, denen die Zeit bald die Farbe nimmt, einem rosaroten, leeren Seeigel, einer bronzefarbenen Haarspange auf ihrem vergilbten Karton, einem einsamen Söckchen, dessen Pendant wiederzufinden ich nicht aufgegeben, und einer Ähre, die ich im Hof der Lozerechs am Abend des Dreschens aufgelesen hatte.

Auch im folgenden Sommer habe ich das Gedicht nicht weggeworfen. Ich habe immer gehofft, es würde eines Tages seinem Adressaten zukommen und in ihm den unvergeßlichen Geschmack des ersten Begehrens wachrufen.

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IIYvonnes Hochzeit

Erst zwei Jahre später habe ich Gauvain wiedergesehen. Beruflich hatte er sich endgültig für das Meer entschieden. Mittlerweile war er Bootsmann geworden, und in Raguenès verbrachte er alle vierzehn Tage knappe achtundvierzig Stunden. Im Herbst wollte er die Schiffahrtsschule in Concarneau besuchen, um Fischereikapitän zu werden.

Sein Leben lief in der üblichen Bahn: Er hatte sich gerade verlobt, »denn man kann ja nicht ewig bei seinen Eltern bleiben«, wie er zu mir sagte, als suchte er nach einer Entschuldigung. Marie-Josée, seine Zukünftige, arbeitete in der Fabrik, ebenfalls in Concarneau. Sie hatten es nicht eilig. Zuerst wollten sie in Larmor ein Haus bauen, auf einem von der Lozerech-Großmutter geerbten Grundstück, und dafür hatten sie sich, noch bevor sie den ersten Stein zu sehen bekamen, auf zwanzig Jahre verschuldet.

Anstatt uns zu beschimpfen oder uns gegenseitig zu übersehen, gingen wir uns fortan aus dem Weg, zumindest ging Gauvain mir aus dem Weg. Mir mißfiel es eigentlich nicht, wenn dieser Prachtkerl zu Boden blickte, sobald ich ihm im Dorf begegnete. In den Läden der Ortschaft hingegen begann er, sobald ich hereinkam, mit den anderen Kunden bretonisch zu sprechen, um mir ganz deutlich zu machen, daß ich nicht von seiner »Art« war.

Bei Yvonnes Hochzeit dann konnte er nicht umhin, mir zum zweitenmal ins Gesicht zu schauen. Sie wollte unbedingt mich als Trauzeugin haben, und Gauvain hatte versprochen, Trauzeuge des Zukünftigen zu sein, der ebenfalls zur See fuhr, aber – so Yvonnes Grundbedingung – die Marinelaufbahn eingeschlagen hatte. Yvonne heiratete in der Tat nur, um dem Dasein einer Bäuerin zu entrinnen: Sie haßte den Ackerboden, die Tiere, die man versorgen mußte, die im Winter stets aufgerissenen Hände, die auch am Sonntag kotverdreckten Holzschuhe, kurz, sie verabscheute das Leben, das sie auf dem Hof führte. Aber sie wollte keinen Küstenfischer wie ihren Bruder Robert, keinen Mann, der jeden Abend nach Hause kam, der einen um vier Uhr früh weckte, wenn er rausfuhr aufs Meer, und dessen Hände stets nach Fischköder rochen. Auch einen Hochseefischer wie ihre beiden anderen Brüder wollte sie nicht. Nein, was sie brauchte, das war ein Mann, der nie mit Fisch in Berührung kam, der eine schöne Uniform trug und der vor allem monatelang auf See sein würde, Monate, die für die Pension doppelt zählten, denn daran dachte sie auch schon. Ein Mann, der ihr auch die Gelegenheit bot, ein, zwei Jahre in Dschibuti, auf Martinique oder, mit ein wenig Glück, sogar auf Tahiti zu verbringen. Und in der übrigen Zeit hat man ein schönes neues Haus und seine Ruhe. Yvonne, die in ihrer Kindheit keine Zeit gehabt hatte zu spielen und die sich außer zum Essen kaum je hingesetzt hatte – wobei sie und ihre Mutter unentwegt aufstehen mußten, um die sieben Jungen, plus den Vater, plus den geistig leicht Behinderten, der bei ihnen als Knecht arbeitete, zu bedienen –, strebte nach einer einzigen Form des Glücks: Sie wollte »ihre Ruhe haben«! Jedesmal, wenn ihr dieser Ausdruck über die Lippen kam, war er von einem ekstatischen Lächeln begleitet. Seine Ruhe haben, das bedeutete, nicht mehr den eigenen Namen schreien hören: »Verdammt noch mal, Yvonne! Bringst du ihn nun, oder bringst du ihn nicht, den Cidre?! Wir können es uns nicht leisten, herumzuwarten! … Los, Yvonne! Husch, husch, zur Waschküche, dein Bruder braucht sein Zeug morgen … Aufwachen, Yvonne, oder glaubst du, die Kuh melkt sich von selbst …?«

Die Ehe erschien ihr wie eine Einöde der Glückseligkeit.

Der erste junge Mann, der ihre Bedingungen erfüllte, war der Richtige. Und die Tatsache, daß er ein mickriges Kerlchen war, das sich nach der für das Militär erforderlichen Mindestgröße recken mußte – er hatte eine Sondergenehmigung gebraucht wegen des fehlenden Zentimeters, und der Zentimeter fehlte vor allem am Hirn, sagten böse Zungen –, war für sie kein entscheidendes Hindernis: Das würde ihr seine langen Abwesenheiten um so leichter machen.

Als das Schwierigste erwies sich, diese Hochzeit zu organisieren und ein passendes Datum zu finden. Man mußte abwarten, bis alle drei Fischer-Brüder gleichzeitig zu Hause waren, was selten vorkam, seitdem sie nicht mehr auf demselben Schiff fuhren; außerdem mußte der eine, der in Nantes Lehrer war, Ferien haben, und auch auf meine Ferien und den damit verbundenen Aufenthalt in Raguenès mußte Rücksicht genommen werden. Zumal die Lozerechs ihrer einzigen Tochter eine wirklich schöne Hochzeit bieten wollten, mit drei Brautjungfern im mandelgrünen Organzakleid und mit Gästen, die aus dem ganzen Süden der Bretagne mit dem Bus herbeigekarrt würden.

Und eine wirklich schöne Hochzeit sollte es auch für uns, für Gauvain und mich, werden, denn es schien vom Schicksal vorgesehen, daß Familienfeste und Feierlichkeiten in erster Linie zu unserem Verderben stattfanden!

Um neun Uhr früh bereits saß ich an seiner Seite beim ersten Glas Muscadet, und den ganzen Tag und einen Teil der Nacht und auch den nächsten Tag noch sollte unser gemeinsames Abenteuer dauern.

Gauvain war nicht wiederzuerkennen in seinem Sonntagsstaat, mit seinen pomadegebändigten Haaren: Er hatte Ähnlichkeit mit einem Tanzbär und trug ein Gesicht zur Schau, das nichts Gutes verhieß. Ich hatte ein hellbeiges Kostüm aus Tussahseide an, das alles andere als provinziell wirkte, Schuhe mit Riemchen um die Fesseln, was meine (von der Natur sowieso freundlich bedachten) Beine vorteilhaft zur Wirkung brachte, und dazu kam jene ruhige, überlegene Ausstrahlung, die das Privileg von Menschen ist, die sich niemals wünschen mußten, anderswo zur Welt gekommen zu sein als in der weichen Wiege, die das Schicksal ihnen zugeteilt hat.

An jenem Morgen stellte ich alles dar, was er haßte, aber bei mir bewirkte das nichts anderes als den plötzlichen Wunsch, seinen Panzer aufzubrechen, auf daß der verletzbare Kern, den ich in ihm ahnte, mir ausgeliefert sei. Die Inselepisode lag tief in meinem Gedächtnis verborgen, hinter einer Tür, die ich, kaum war eine Landschaft des Lichts ahnbar geworden, allzuschnell wieder zugeschlagen hatte. Diese Ergriffenheit, die ich noch immer spürte – hatte ich sie nur geträumt? Hatte auch Gauvain sie empfunden? Ich wollte nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, mir an sehnsuchtserfüllten Abenden diese Frage zu stellen. Ich würde Gauvain zum Bekenntnis zwingen, heute oder nie.

In der Kirche konnte ich nichts unternehmen, auch während der ewig langen Inszenierung des Hochzeitsphotos nicht, auf dem Platz vor der winzigen Kapelle von Saint-Philibert, dem Geburtsort des Marinebürschchens. Ein unangenehmer Südwestwind ließ die Bänder der Trachtenhauben flattern und bauschte die großen Halskrausen auf, die die Brautmütter und eine allerletzte Schwadron von Unbeugsamen trugen. Dann peitschte uns ein heftiger Regenschauer, und meine gekonnt natürlichen Löckchen klebten traurig an meinen Wangen.

Endlich beschloß der Photograph, sein schwarzes Tuch und sein kompliziertes Stativ zusammenzupacken, und damit gab er das Zeichen zum stürmischen Aufbruch: In der Dorfkneipe sollte es mit Aperitif und Tanz weitergehen. Aber auch dort mischten sich die Männer nicht unter die Frauen, sondern bildeten Trauben um die Theke, die jüngeren um die Spielautomaten.

Es wurde zwei Uhr nachmittags, bis ich endlich im Festsaal neben einem schon ziemlich alkoholisierten Gauvain saß. Der Unschuldsknabe schickte sich an, sich durch die unumgängliche Reihenfolge – Muscadet, Bordeaux, Champagner und Schnaps – hindurchzukämpfen; er wußte nicht, daß ich meine Strategie auch auf die wahrheitsfördernden Begleitgetränke des rituellen Hochzeitsmahls aufgebaut hatte. Noch immer hat sich Trunkenheit mit Schwäche verbündet.