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Von Mozartkugeln, Musik und Mord. Ein packender Krimi in der Festspielstadt Salzburg für Fans von Manfred Baumann, Beate Maxian und Andreas Föhr »Es ist ein blödes Gefühl, bei zwei unbescholtenen Leuten aufzutauchen und zu sagen: Grüß Gott, wir sind von der Kripo. Haben Sie heute vielleicht zufällig in ihrem Blumenbeet eine Leiche gefunden?« Festspielzeit in Salzburg. »Jeeedermann!«, schallt der Ruf des Todes über den Domplatz. Und in einem Garten gräbt ein junges Paar ein menschliches Skelett aus. Bei ihren Ermittlungen zu dem grausigen Fund stoßen Dina Stassny und Adrian Billinger vom LKA auf den ungeklärten Tod einer Sängerin und einen verwickelten Fall voller Verdächtiger. Und immer wieder spielen die knallroten, hochgiftigen Paternostererbsen eine Rolle. Als eine junge Schriftstellerin durch vergiftete Mozartkugeln stirbt, wird klar, dass der Mörder noch auf freiem Fuß ist– und womöglich weitere Morde plant.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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© Piper Verlag GmbH, München 2024
Redaktion: Franz Leipold
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Cover & Impressum
Personen
Freitag, 12. August
1 – Salzburg-Innere Stadt
Samstag, 13. August
2 – Viehhausen-Wals
3 – Salzburg-Aigen
4 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
5 – Salzburg-Schallmoos
6 – Salzburg-Aigen
Sonntag, 14. August
7 – Salzburg-Aigen
8 – Salzburg-Schallmoos
9 – Salzburg-Aigen
10 – Salzburg-Schallmoos
11 – Salzburg-Hellbrunn
Montag, 15. August
12 – Maria Plain
13 – Salzburg-Aigen
14 – Maria Plain
15 – Salzburg-Schallmoos
16 – Salzburg-Innere Stadt
17 – Salzburg-Innere Stadt
18 – Salzburg-Innere Stadt
19 – Salzburg-Aigen
20 – Salzburg-Aigen
21 – Salzburg-Kleingmain
Dienstag, 16. August
22 – Salzburg-Schallmoos
23 – Viehhausen-Wals
24 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
25 – Salzburg-Aigen
26 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
27 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
28 – Salzburg-Aigen
29 – Salzburg-Innere Stadt
30 – Salzburg-Aigen
31 – Salzburg-Aigen
32 – Viehhausen-Wals
Mittwoch, 17. August
33 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
34 – Salzburg-Aigen
35 – Salzburg-Aigen
36 – Linz, Landespolizeidirektion Oberösterreich, Nietzschestraße
37 – Salzburg-Schallmoos
38 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
39 – Salzburg-Mülln
40 – Salzburg-Schallmoos
41 – Salzburg-Schallmoos
42 – Salzburg-Aigen
Donnerstag, 16. August
43 – Viehhausen-Wals
44 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
45 – Salzburg-Aigen
46 – Salzburg-Aigen
47 – Salzburg-Schallmoos
48 – Salzburg-Innere Stadt
49 – Salzburg-Innere Stadt
50 – Salzburg-Aigen
51 – Salzburg-Mülln
52 – Viehhausen-Wals
Freitag, 19. August
53 – Salzburg-Aigen
54 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
55 – Salzburg-Aigen
56 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
57 – St. Wolfgang
58 – Salzburg-Aigen
59 – St. Wolfgang
60 – Viehhausen-Wals
61 – St. Wolfgang
Samstag, 20. August
62 – Salzburg-Innere Stadt
63 – St. Wolfgang
64 – Salzburg-Elsbethen
65 – Elsbethen
66 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
67 – Salzburg-Leopoldskron
68 – Salzburg-Schallmoos
69 – St. Wolfgang
70 – Salzburg-Leopoldskron
71 – St. Wolfgang
72 – St. Wolfgang
73 – St. Wolfgang
74 – Salzburg, Landespolizeidirektion Alpenstraße
Sonntag, 21. August
75 – Salzburg-Aigen/Innere Stadt
76 – Salzburg-Aigen
77 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
78 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
79 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
80 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
81 – Salzburg-Mülln, Landeskrankenhaus
82 – Salzburg-Aigen
Einen Monat später
83 – Wals
Glossar
Zu guter Letzt – Danke!
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Literaturverzeichnis
Beamte im LKA Salzburg
Abteilungsinspektorin Leopoldine »Dina« Stassny – Mitglied des Ermittlungsteams in der Abteilung »Leib und Leben«
Chefinspektor Adrian Billinger – Dinas Vorgesetzter; Leiter der Abteilung »Leib und Leben«
Chefinspektor Herbert Pokorny a. D. – in Pension nach einer Krebsoperation
Kontrollinspektor Max Behringer – war Adrians schärfster Konkurrent um den Posten des Chefinspektors
Bezirksinspektor Benedikt »Ben« Resch – Kollege von Dina und Adrian
Abteilungsinspektor Stefan Praxmarer – jüngster Kollege von Dina und Adrian
Abteilungsinspektor Simon »Simmerl« Glantschnigg – neues Mitglied des Ermittlerteams
Josef »Joe« Hertel – Kriminaltechniker; Chef der Tatortgruppe
Prof. Dr. Marie Luise Zach – Leiterin der Gerichtsmedizin
Dr. Thomas Maier – neuer Mitarbeiter in der Gerichtsmedizin
Dr. Axel Köhler – Staatsanwalt
Beamte im LKA Oberösterreich
Chefinspektor Paul Materna – Leiter des Ermittlungsbereichs »Leib und Leben« in Linz
Kontrollinspektor Cornelius »Conni« Laubenbacher – Maternas engster Mitarbeiter
Abteilungsinspektorin Martina Kubitsch – Spezialistin für Online-Recherchen
Weitere Personen
Daniel Gerlach – Steuerberater
Stella Hellwig – Daniels Verlobte
Adele Gerlach-Lanz – Daniels Mutter
Gregor Gerlach – Daniels Vater
Carola Schwarz – nennt sich als Autorin Alexa Graf
Helga Schwarz – Carolas Mutter
Elias Hofer – Exfreund von Carola, Krankenpfleger
Paula Munk – Schulfreundin von Carola, gute Freundin von Elias
Berta Huber – Nachbarin von Helga Schwarz
Marcello Rossi – Opern- und Operettensänger aus Italien
Olaf Hermansen – Opernsänger aus Norwegen
Matthias Pollak – Dozent für Kirchenmusik am Mozarteum, Leiter des Salzburger Konzertchors
Walpurga Grill – Nachbarin der Gerlachs
Ulrike Wolf – Keramikerin, Freundin von Adrian
Annette Renger – Keramikerin, Ulrikes Kollegin
Pfarrer Josef Kaindl – katholischer Gemeindepfarrer von Wals
Elisabeth »Lisi« Reisenbichler – Haushälterin bei Pfarrer Kaindl
Hansl und Resi Lechner – Dinas Vermieter in Viehhausen/Wals
Dr. Markus Wollschläger – Intensivmediziner am Landeskrankenhaus
Sonja Gruber-Martinéz – ehemalige Lebensgefährtin von Gregor Gerlach
Susi Dux – Schauspielerin, Freundin von Adele Gerlach-Lanz
Julius Maurer – Dirigent
Mit einer sanften Bewegung seiner Hände nahm Matthias Pollak die Schlusstakte des Liedes ins Piano zurück. Die letzten Töne verloren sich irgendwo im Raum.
Noch ganz im Bann der Musik, regte sich kein einziges der Chormitglieder. Alle schienen den Atem anzuhalten.
»Prima. So machen wir das«, durchbrach der Chorleiter sachlich die Stille. Er schaute Stella und Daniel an und nickte zufrieden.
Der Bann war gebrochen. Begeistert applaudierte der Chor den beiden Solisten zu.
Stella spürte, wie ihr Kopf heiß wurde. Mit so viel Aufmerksamkeit umzugehen war weder ihre noch Daniels Stärke, aber ein wenig stolz waren sie schon. Pollak hatte The Lord’s Prayer, ursprünglich gesungen von der Gospelsängerin Mahalia Jackson, für Chor, Sopran und Bariton arrangiert, und er hatte Daniel und ihr die Soli anvertraut.
»Also dann – vielen Dank und bis Montag«, beendete Pollak die Probe.
Lachend und plaudernd verließen die Mitglieder des Salzburger Konzertchors den Saal im Mozarteum, den Pollak als Kirchenmusik-Dozent auch für Proben seines Amateurchors nutzen durfte.
Vor dem Gebäude verabschiedeten sich die Sängerinnen und Sänger und gingen in verschiedene Richtungen davon. Einige hatten Stella und Daniel noch ein kleines Kompliment zu ihren gelungenen Soli gemacht. Stella befürchtete, dass ihr Kopf inzwischen leuchtete wie die rote Sonne von Capri, wenn diese im Meer versinkt.
Pollak kam als Letzter heraus. »Also, ihr zwei – ihr macht’s das am Montag genauso wie heut. Dann passt’s«, ließ er seine Solisten im Vorübergehen wissen. »Gute Nacht!«
»Dir auch eine gute …«, begann Daniel, aber da war der Chorleiter schon weg.
»Gehen wir?«, fragte Stella.
»Warte – noch nicht! Lass uns noch nicht heimgehen.« Sanft fasste Daniel sie am Ellbogen. »Komm.« Er ließ ihren Ellbogen los und nahm sie an der Hand.
»Wohin?«, fragte sie, obwohl sie es wusste.
Er deutete mit dem Kopf in Richtung Mirabellgarten. »Das muss jetzt sein. Meinst nicht?«
»Ja, hast recht. Muss sein.« Stella lächelte.
Hand in Hand liefen sie wie zwei übermütige Kinder in den Park hinein – genau wie in jener verzauberten Nacht im letzten Jahr.
Ein älterer Herr in einem hellen Sommeranzug kam ihnen auf einem parallelen Weg entgegen. Er blieb kurz stehen, sah ihnen einen Augenblick lang zu und lächelte.
Der allmähliche Abschied des Sommers lag schon in der Luft an diesem Augustabend, aber immer noch blühten hier Tausende von Blumen und verströmten ihren Duft in die Nachtluft.
Am Großen Gartenparterre blieben die beiden vor dem achteckigen Vier-Elemente-Brunnen mit den von Ottavio Mosto geschaffenen vier steinernen Figurenpaaren stehen. Die Skulpturen stellten Szenen aus der griechischen Mythologie dar und symbolisierten die vier Elemente: Aeneas, der am Ende des trojanischen Krieges seinen Vater Anchises aus dem brennenden Troja rettet, steht für das Feuer; Herakles, wie er den Halbgott Antaios hochhebt und besiegt, für die Luft; Hades, der Persephone in die Unterwelt verschleppt, für die Erde.
Daniel deutete auf das vierte Paar, das Symbol für das Element Wasser: Die Skulptur inmitten der Fontäne stellte Paris dar, wie er Helena über das Wasser hinweg entführt. »Die beiden sehen so glücklich aus«, sagte er und lächelte versonnen.
Stella schwieg. Auf einmal musste sie daran denken, dass es die Liebe zwischen Paris und Helena gewesen war, die zum Ausbruch des Trojanischen Krieges geführt hatte. Und ihre Liebe, die zwischen Daniel und ihr – wohin hatte sie geführt! Wohin mochte sie noch führen? Sie schauderte leicht zusammen und zog ihre hellblaue Sommerjacke etwas fester um sich.
»Ist dir kalt?«, fragte er besorgt und legte den Arm um ihre schmale Gestalt.
»Nein, gar nicht, alles gut. Es ist halt ein kleines bisschen kühler als damals.« Daran wollte sie denken, an diesen Abend vor einem Jahr, der sie zusammengebracht hatte, an die Leichtigkeit, die erste Verliebtheit, den Übermut von damals und nicht … Schluss damit! Sie straffte ihre Haltung, legte den Kopf schief und zwinkerte ihm zu.
Er schmunzelte. »Jetzt ist es grade mal ein bisschen über ein Jahr her, dass wir das Lied zum ersten Mal gesungen haben – und dass wir nach der Chorprobe hier gelandet sind. Weißt du noch, wie ich bei unserem ersten Versuch mit dem Solo vor lauter Angst kaum einen Ton herausgebracht habe? Ein jämmerliches Gekrächze war das. Ich habe mich vor unserem Chor in Grund und Boden geschämt. Und vor dir erst!«
Sie lächelte verschmitzt. »Meine Darbietung war auch nicht gerade eine Meisterleistung. Ich wäre am liebsten sofort im Erdboden versunken.« Sie machte eine kleine Pause. »Aber dann, wie der Matthias gesagt hat, wir sollten uns einfach in die Musik hineinfallen lassen, der Chor würde uns tragen – da war auf einmal alles ganz leicht.«
»Ja. Es war fast wie ein Wunder.« Daniels Augen glänzten. »Wir singen so viele wunderbare Paternoster- oder Vaterunser-Vertonungen«, fügte er nachdenklich hinzu. »Von Gounod, Verdi, Meyerbeer, Tschaikowsky … die moderne, die von Grünert, ist auch großartig. Aber diese Gospelfassung The Lord’s Prayer hat eine eigene, eine echte spirituelle Kraft.«
»… die gestrauchelten Möchtegern-Solisten eine ganz neue Stimme verleihen kann«, ergänzte sie lächelnd. »Du hast damals ja auf einmal gesungen wie …« Sie stockte, da ihr kein passender Vergleich einfiel. Ihre Wangen wurden schon wieder heiß. »… einfach wunderschön. Damals habe ich mich endgültig und rettungslos in dich verliebt.«
»Und du hast gesungen wie ein Engel«, gab er zurück. »Nur – verliebt habe ich mich damals nicht in dich.«
»Nicht?«
»Nein. Ich war es schon. Ich war schon die ganze Zeit über wahnsinnig verliebt in dich, seit du zum Chor gekommen bist. Aber ohne das Lied, ohne unser gemeinsames Solo hätte ich mich nie getraut, es dir zu sagen.«
»Aber du hast es mir gesagt. Genau hier – und vor so vielen Zeugen.« Sie deutete mit dem Kopf auf die steinernen Griechen und lächelte verschmitzt. »Und jetzt singen wir dieses Lied wieder und wir sind wieder hier. Es ist nur ein kleines bisschen kühler heute und irgendwie anders romantisch als damals.«
»Aber sehr romantisch.«
»Sehr. Die Blumen duften genau wie damals.«
»Und die Grillen zirpen. Und ein Glühwürmchen …«
»Geh, bitte, Daniel, das ist eine Zigarette!« Jetzt musste Stella wirklich lachen. »Der Herr dort drüben hat sie grad angezündet. Wir sind schließlich nicht allein im Park.«
»Ja, leider«, brummte er. »Aber es könnte ein Glühwürmchen sein, nicht?«
»Schon. Ein sehr verspätetes halt.« Sie musste lachen, bückte sich zu einer Rabatte hinunter, pflückte eine Blume und steckte sie in das Knopfloch seiner Jacke. Genau wie damals. Und genau wie damals war das Blumenpflücken im Mirabellgarten auch heute streng verboten. Genau wie damals nahmen sie einander an den Händen und liefen zu den Laubengängen in Richtung Heckentheater. Hier waren sie vor den Blicken der wenigen späten Parkbesucher geschützt. Ein bestens geeignetes Ambiente für einen innigen Kuss.
»Jetzt möchte ich am liebsten singen.« Daniel seufzte wohlig.
»Dann gäbe es hier aber womöglich einen Volksauflauf«, wandte Stella ein. Sie deutete mit dem Kopf in Richtung der Leute, die den Hauptweg entlang spazierten.
»Summen geht«, meinte Daniel. »Summen wir einfach. Die Texte haben wir ja im Kopf.«
Sie nickte.
Pollak hatte seinen Chorsängern beigebracht, wie man summt und dennoch Ton gibt. Man musste den Mund ein wenig öffnen, mit Zunge und Gaumen eine Art »nnng« formen – und schon klang das Gesumme.
Leise und doch klangvoll begannen sie mit Willst du dein Herz mir schenken von Johann Sebastian Bach, wechselten zu Ludwig van Beethovens Ich liebe dich und landeten schließlich bei In der Straße wohnst du und Ich hätt’ getanzt heut Nacht, zwei Songs aus My Fair Lady, bei denen sie inzwischen auch die Soloparts übernommen hatten. Sie summten abwechselnd, zusammen, einstimmig, zweistimmig … Sie hielten einander an den Händen, wiegten sich im Takt der Musik.
»Bleib bei mir, Stella. Für immer. Bitte! Es war einfach nur schrecklich für mich, dass du dich nach dem … nach dem Tod von meiner Mutter zurückgezogen hast.«
»Es ist nicht anders gegangen. Das weißt du. Jetzt bin ich ja wieder da.«
»Ja. Ja!« Daniel umfasste ihre beiden Hände. »Stella?«
»Hm?«
»Heirate mich. Bitte, Stella, werde meine Frau!«
»Daniel, du weißt, das …« Noch bevor sie geht nicht sagen konnte, machte er Anstalten, vor ihr auf die Knie zu fallen.
Geistesgegenwärtig packte sie ihn am Kragen, um ihn daran zu hindern. »Ich meine, das geht nicht, dass du hier einen Kniefall machst«, sagte sie schnell. »Schließlich können auch hier Leute vorbeikommen.«
»Aber heiraten – das geht?«, fragte er. Seine Lider flatterten leicht. »Es geht doch, oder?«
Stella antwortete nicht. Da war er wieder, der Gedanke an Paris und Helena, an den Troianischen Krieg. Aber … sie waren doch nicht Paris und Helena! Vielleicht ging es ja wirklich?
»Stella?« Er sah sie forschend an.
Sie nahm einen tiefen Atemzug. Dann hob sie den Kopf und reckte leicht das Kinn vor. »Ja, ich glaube, das geht.«
»Stella!« Der Verlobungskuss fiel noch länger und intensiver aus als der Kuss davor.
Daniel zog eine kleine Schatulle aus seiner Jackentasche und öffnete sie.
Stella starrte den Inhalt der Schatulle an. Ein Schauer jagte über ihren Rücken. Unwillkürlich wich sie zurück. Ihr Atem stockte. Ihr Magen krampfte sich zusammen. »Nein!« Sie merkte, wie die Stimme versagte. Es war nur eine Mischung aus Flüstern und Krächzen, das sie herausbrachte. »Nicht diesen Ring!«
Der Wecker riss Dina aus dem Schlaf. Mit der flachen Hand hieb sie auf den Ausschaltknopf.
Das Erste, was ihr in den Sinn kam, war: Verflixt – Wochenenddienst! Mühsam riss sie die Augen auf. Die Nacht war verdammt kurz gewesen. Seufzend drehte sie sich zur Seite und schaute in das freundliche pelzige Gesicht ihres Hundes. »Guten Morgen, Chips.« Sie kraulte den Schäferhund hinter dem Ohr und schielte zur Uhr. 6.20 Uhr. Zehn Minuten konnte sie noch liegen bleiben …
Sie kuschelte sich fest in den weichen Kopfpolster und ließ in Gedanken noch einmal den gestrigen Abend Revue passieren. Olaf hatte sie zu dem Freilicht-Sommer-Event Jazz im Park am Aigner Schloss eingeladen. Anschließend waren sie im Felsenkeller gelandet, den Dina noch nicht gekannt hatte, obwohl sie mittlerweile schon fast drei Jahre in Salzburg lebte. Sie hatte es genossen, bei guter Musik und später bei einem hervorragenden Wein in netter Gesellschaft einen zauberhaften Abend zu verbringen. Nur dass der dann nicht sehr harmonisch geendet hatte. Und das war allein ihre Schuld. Sie spürte, wie Ärger in ihr aufstieg, Ärger auf sich selber. Wie hatte sie nur diesen liebenswerten und sympathischen Mann erneut so vor den Kopf stoßen können?
Ruckartig setzte sie sich auf, seufzte tief und fuhr sich mit allen zehn Fingern durch die widerborstigen dunkelblonden Locken. »Dein Frauerl ist eine dumme Kuh, Chips«, sagte sie zu ihrem Hund, der jede ihrer Bewegungen aufmerksam verfolgte. Sie wuschelte ihm durchs Fell und fühlte sich gleich etwas besser.
Sie würde sich bei Olaf entschuldigen, mit ihm reden, möglichst bald. Das durch den Maria-Himmelfahrts-Tag verlängerte Wochenende über hatte sie Journaldienst im LKA, allerdings jeweils nur bis 16.00 Uhr. Sie würde ihm ein Treffen um 17.00 Uhr im Café Bazar vorschlagen, falls er an einem der Tage Zeit hatte.
Sie schwang die Beine aus dem Bett, streckte sich und gähnte herzhaft.
Der Hund ließ ein leises Winseln hören.
Dina sprang auf. »Komm, ich lass dich raus.« Barfuß lief sie zur Eingangstür. Chips folgte ihr auf dem Fuß. Hier auf dem Bauernhof durfte er überall frei laufen. Gleich würde er wie jeden Morgen die Eiche auf der anderen Seite des kleinen Austraghäuschens aufsuchen, die sie Chips’ Stammbaum nannte und die das häufige Begossenwerden erstaunlich gut wegsteckte.
Sie öffnete die Tür. Chips sprang über etwas hinweg, das auf der Schwelle lag, und verschwand um die Ecke.
Das Etwas war ein in braunes Papier eingewickeltes Packerl in der Größe einer Schuhschachtel. DINA STASSNY stand darauf, geschrieben mit einem dicken schwarzen Filzstift. Sonst nichts. Erstaunt kniff sie die Augenbrauen zusammen. Eigenartig.
Dina war zu sehr Kriminalpolizistin, um das Ding einfach aufzuheben. Gleich hinter der Haustür hing ihre Schultertasche an einem Haken. Sie kramte ein Paar Einmalhandschuhe daraus hervor und zog sie über. Dann nahm sie das Paket vorsichtig hoch. Es war ziemlich leicht. Sie versuchte es mit Schütteln, was aber keinen Hinweis auf den Inhalt ergab.
Was war das nur? War der Inhalt womöglich gefährlich? Eine Bombe? Würde das Päckchen explodieren, wenn sie versuchte, es zu öffnen? Und wer hatte es dahin gelegt? Wollte sich irgendjemand an ihr rächen? Sie überlegte einen Moment. Alle Verbrecher, die durch sie oder ihre Mitwirkung hinter Gitter gelandet waren, seit sie bei der Salzburger Kripo war, saßen noch. Konnte es sich um jemanden aus ihrer Wiener Zeit handeln? Ach was! Sie schüttelte den Kopf. Wie sollte irgendein Wiener Gangster mit Rachegelüsten wissen, dass sie jetzt in Salzburg arbeitete und im Austraghäuserl eines Bauern- und Reiterhofs in Viehhausen-Wals wohnte?
Behutsam trug sie das Päckchen in ihre Wohnküche, stellte es auf den Küchentisch, zog die Klebestreifen ab, befreite die Schachtel vom Packpapier und öffnet sie.
Zwischen sehr viel rotem Seidenpapier kam ein kleiner Galgen aus Holz zum Vorschein. Am Henkerstrick hing ein kleiner Spielzeug-Schäferhund aus Plüsch.
Stellas Blick glitt über die in allen Farben leuchtenden Echinacea, die Glockenblumen, den Roten Fingerhut und all die anderen Pflanzen in der großen Kiste, die sie gleich nach dem Frühstück in der Gärtnerei besorgt hatte. Sie strahlte Daniel an. »Das Staudenbeet wird wunderschön. Ich würde am liebsten gleich mit dem Umgraben anfangen.«
Er runzelte die Stirn. »Ist es nicht ein bisserl spät, jetzt noch neue Blumen zu pflanzen?«
»Für die spät blühenden Stauden ist der Zeitpunkt genau richtig.« Seine Reaktion hatte etwas von einer plötzlichen kalten Dusche für sie. Sie war so sicher gewesen, er würde ihre Begeisterung teilen.
Daniel deutete mit dem Kopf auf die Terrasse. »Lass uns erst noch hier draußen einen Kaffee trinken. Ich mach uns schnell frischen.«
»Gut.« Sie nickte und schaute ihm nach, wie er im Haus verschwand. Dann ließ sie sich in einen der bequemen Gartensessel fallen. Sie schloss die Augen und genoss die durch den orangefarbenen Sonnenschirm gefilterten Strahlen der immer noch kräftigen Augustsonne auf ihren nackten Armen.
Daniel kam mit der großen silbrig glänzenden Thermoskanne und einem kleinen Tablett mit frischen Tassen, Milch und Zucker zurück. Er setzte sich zu ihr und schenkte ein.
Das anregende Aroma des Kaffees mischte sich mit dem Duft der Spalierrosen, die sich neben der Terrasse an einem Gitter emporrankten. Genüsslich sog ihn Stella ein.
Daniel goss Milch in seinen Kaffee, nahm den Kaffeelöffel auf, rührte aber nicht um, sondern legte ihn gleich wieder zurück auf die Untertasse. »Du, ich muss dir was sagen«, begann er, nahm einen tiefen Atemzug und redete weiter: »Vorhin, wie du in der Gärtnerei warst, hat ein alter Freund und Kollege von meiner Mutter angerufen. Er ist in Salzburg engagiert. Ich habe ihn für Montag am späteren Nachmittag eingeladen.«
Stella hatte das Gefühl, alles Blut würde aus ihrem Kopf weichen. »Kollege … ja … also …«, stammelte sie. »Ein Sänger?«
»Marcello Rossi, ja.«
»Wo ist er denn engagiert? Bei den Festspielen?«
»Nein, am Landestheater.«
»Aber …«, begann sie und verstummte wieder. »Also, ich meine, das Landestheater hat doch noch Sommerpause, oder nicht?«
»Bis auf die Sommerproduktionen, ja. Aber die Proben für die neue Spielzeit haben angefangen.« Daniel ließ zwei Stück Zucker in seine Tasse plumpsen und rührte um. Dann warf er Stella einen fast flehenden Blick zu. »Meine Mutter und er waren oft zusammen engagiert. Und sie waren eng befreundet.«
Befreundet … Alles in ihr war Abwehr. Es fühlte sich an, als hätten sich in ihrem Inneren imaginäre Haare aufgestellt. »Aber das ist doch … ich meine …«, versuchte sie es noch einmal.
»Ich weiß, Stella«, kam er ihr zu Hilfe. »Es ist halt nicht anders gegangen. Er hat die Einladung erwartet. Schließlich hat er uns immer besucht, wenn er in erreichbarer Nähe gesungen hat. Und wenn er ein Engagement in Salzburg hatte, war er ständig hier. Als Kind habe ich ihn Onkel Celli genannt …«
»Onkel Celli«, wiederholte sie irritiert.
»Ja, meine Mutter wollte das so. Sie hat es nicht richtig gefunden, wenn Kinder Erwachsene einfach mit dem Vornamen angesprochen haben.
Stella nahm einen Schluck Kaffee und schwieg ein paar Sekunden lang. »Versteh mich bitte nicht falsch«, sagte sie schließlich. »Natürlich habe ich nichts gegen Besuch und ich kenne deinen Onkel Celli ja gar nicht. Aber einen Kollegen und Freund von deiner Mutter hierzuhaben … Ich weiß nicht. Ich hab halt einfach Angst, dass der uns ausfragen wird.«
Daniel nickte. Sein Blick flackerte leicht, als er sie ansah. »Ich auch«, gestand er. »Aber das schaffen wir. Oder?«
Seine ehrliche Antwort tat ihr gut. Trotzdem rebellierte ihr Magen, und sie spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Langsam stand sie auf. »Entschuldige, ich bin gleich wieder da.« Sie ging ins Haus, holte eine gekühlte Flasche Mineralwasser und zwei Gläser aus der Küche und brachte alles nach draußen. Nachdem sie sich wieder zu Daniel gesetzt hatte, schenkte sie ihm und sich selbst ein, griff nach ihrem Glas und trank es in einem Zug leer.
»Alles in Ordnung?« Daniel betrachtete sie aufmerksam mit einer kleinen Sorgenfalte auf seiner Stirn.
»Ja, natürlich.« Sie schaute ihn nicht an, sondern ließ den Blick über das Grundstück schweifen. »Du bist doch einverstanden, dass ich im Garten ein bisserl was umgestalte, ja?«, fragte sie. Seine Reaktion vorhin hatte sie verunsichert.
Er nickte kurz, schaute zu dem Beet hinüber und nippte schweigend an seiner Tasse.
»Die neuen Blumen haben so fröhlichen Farben«, sagte sie schnell. »Und den Bienen und Schmetterlingen werden sie auch gefallen.«
»Es ist nicht nur wegen der Bienen und der Schmetterlinge, oder?«, fragte er leise. »Es ist wegen meiner Mutter. Es ist immer noch ihr Garten.«
»Ja. Es ist wegen Adele.« Stella wandte sich zu ihm und sah ihm gerade in die Augen. »Ich habe die letzten Monate viel darüber nachgedacht. Weißt du, ich glaube, wir werden nicht miteinander leben können, wenn wir es nicht schaffen, alles, was passiert ist, komplett hinter uns zu lassen und wirklich ganz neu anzufangen. Ich war nicht sicher, ob uns das gelingt. Das war der Grund, warum ich damals gegangen bin – und warum ich gestern nicht so recht gewusst habe, ob ich Ja sagen soll, als du mich gefragt hast, ob ich dich heiraten will.«
»Ich weiß.« Er rührte noch einmal seinen Kaffee um. Dann legte er den Löffel zur Seite und schaute der braunen Flüssigkeit in seiner Tasse zu, die sich weiter im Kreis drehte. Schließlich hob er den Kopf und schaute sie an. »Du hast recht, Stella – wir brauchen einen Neuanfang. Und – das mit dem Ring gestern war blöd von mir. Entsetzlich blöd. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Es war einfach nur daneben. Sei bitte nicht mehr bös.«
»Ich bin nicht bös. Aber du verstehst …« Sie brach ab. Beinahe hätte sie gesagt, dass es im Sinne eines Neuanfangs auch nicht hilfreich war, jemanden einzuladen, der garantiert in der Vergangenheit herumwühlen würde. Aber das Thema Besuch war ja nun abgeschlossen.
»Natürlich verstehe ich dich.« Er schaute sie ernst an. »Du erlaubst mir doch, dass ich dir einen neuen Ring schenke?«
Sie lächelte.
»Ja?«
»Ja.«
Er nahm ihre Hand und drückte sie. »Ich hätte da übrigens noch eine Idee.«
»Und? Verrätst du sie mir?«
Er nickte langsam und bedächtig. »Es geht um Mutters Zimmer. Ich habe es seit ihrem Tod nicht mehr betreten, weil ich es einfach nicht geschafft habe. Jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich ihr damit eine Art Tempel gebaut.« Er schwieg kurz und betrachtete einen Schmetterling, der einen der reich blühenden Sommerfliederbüsche umflatterte. »Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll …«
»Ich versteh dich schon.«
»Gut.« Er nahm ihre Hand, strich mit dem Daumen sanft über ihren Handrücken, dann ließ er sie los. »Also, was würdest du sagen, wenn wir dort ein Arbeitszimmer für dich einrichten?«
Erst einmal sagte Stella gar nichts. Sie war so überrascht, dass es ihr regelrecht die Sprache verschlug. Auch sie hatte, seit sie bei Daniel lebte, das Tabu um dieses Zimmer gespürt. Auch sie hatte es kein einziges Mal betreten, obwohl es nicht verschlossen war. Jetzt brauchte sie einen Moment, um sich mit seinem Vorschlag auseinanderzusetzen. Es war immerhin Adeles Zimmer gewesen …
»Wir schmeißen alles raus, die Möbel, ihre Sachen, alles«, fuhr er fort. »Wir verkaufen oder spenden sie, egal. Du suchst dir neue Möbel aus, Tapeten, Vorhänge – was du willst.« Ein wenig unsicher schaute er sie an. »Und – was sagst du?«
Langsam breitete sich ein wohlig warmes Gefühl in Stellas ganzem Körper aus. Was für ein liebevolles Geschenk an sie das doch war, und zugleich der Ausdruck seiner Wertschätzung ihrer Arbeit. Darüber hinaus schien es aber auch ein echter Befreiungsschlag für Daniel selbst zu sein, sonst hätte er nicht von einem Tempel gesprochen, den er seiner Mutter gebaut hatte. »Das wäre schön«, sagte sie. »Richtig schön!«
»Wunderbar – dann machen wir’s so.« Er beugte sich zu ihr hinüber und drückte einen Kuss auf ihre Wange.
»Ich freu mich so!« Stella strahlte ihn an. Lächelnd schüttelte sie auf einmal den Kopf. »Stell dir vor, neulich hat die Carola auch nach dem Zimmer gefragt. Sie wollte wissen, was wir damit vorhaben. Ich hab aber nichts dazu gesagt.«
»Die Carola? Was ist denn eigentlich mit der?«, wollte er wissen. »Ich habe sie schon länger nicht gesehen.«
»Na ja, sie hat sich von ihrem Freund getrennt und anscheinend ziemlich viel Stress deswegen.« Stella machte eine kleine wegwerfende Handbewegung und lächelte Daniel zu. Sie fühlte sich so frei wie lange nicht mehr, frei und voller Tatendrang. »Ich freu mich so auf das Arbeitszimmer, ich kann es kaum erwarten. Komm, trinken wir aus. Dann zieh ich mich schnell um und stürze mich auf das Staudenbeet.«
Daniel nahm den letzten Schluck aus seiner Tasse und stand auf. »Ich räume den Tisch ab und mache in der Küche Ordnung. Dort steht noch alles vom Frühstück rum, weil mich der Celli aufgehalten hat. Dann zieh ich mich auch um und helfe dir.«
»Wunderbar.« Stella nickte.
Ein paar Minuten später stieß sie kräftig den Spaten in die Erde. Sie musste gründlich umgraben, um den Boden richtig aufzulockern. Daniel hatte sich in dem Jahr, als er allein in dem Haus gelebt hatte, wenig um den Garten gekümmert. Sie würde ihn nachher bitten, den großen Sack Blumenerde zu holen, der noch im Schuppen wartete. Sie wollte die gute Erde in den ausgezehrten Boden einarbeiten, bevor sie die neuen Pflanzen einsetzte.
Mit der Hand zog sie ein paar verkümmerte Gewächse aus dem Beet und warf sie auf einen kleinen Haufen auf dem Rasen. Dann griff sie wieder zum Spaten. Mit dem nächsten Stich stieß sie auf etwas Hartes. Ein Stein? Rasch grub sie mit den Händen nach.
Ihr Herz setzte für ein, zwei Schläge aus. Sie öffnete den Mund, wollte schreien, aber der Schrei erstickte in wilder Panik.
Das Telefon läutete. Die Unterbrechung der ohnehin lästigen Dokumentationsarbeit kam Dina ganz recht. Adrian las sie auf dem Display und hob sofort ab. »Hallo, servus!«, begrüßte sie ihren Kollegen und Vorgesetzten, der längst zu einem guten Freund geworden war.
»Grüß dich, Dina. Du hast mich angerufen?«
»Ja, tut mir leid, dass ich dich an deinem freien Wochenende störe, aber Chips …«
»Ist er krank?«, unterbrach Adrian. Er klang aufgeregt.
Trotz ihrer Sorge musste Dina schmunzeln. Chips war im Zusammenhang mit dem ersten großen Fall, den sie gemeinsam gelöst hatten, bei ihr gelandet, weil sie ihm ein gutes Leben auf dem Bauernhof bieten konnte, aber letztlich war er doch so etwas wie ihr gemeinsamer Hund. Auf jeden Fall liebten sie ihn beide. »Nein, krank ist er nicht, aber …« Sie erzählte von dem grausigen Fund vor ihrer Tür. »Wahrscheinlich steckt irgendein Witzbold dahinter, aber ich hab das Packerl sicherheitshalber gleich zu den Kriminaltechnikern gebracht.«
»Das ist gut. Der Chips ist bei dir im Büro?«, fragte Adrian besorgt.
»Ja, ich hab ihn mitgenommen.«
»Gut, Dina. So schön er’s auch auf dem Hof bei der Resi und dem Hansl hat, er muss jetzt ununterbrochen unter unserer Aufsicht bleiben. Puh!« Adrian schnaufte ins Telefon. »Ehrlich gesagt, glaub ich nicht so recht an den Witzbold. Dina, wer könnte so einen Hass auf dich haben, dass er dich auf diese Weise bedroht? Hast du eine Idee?«
»Ich hab mir schon den Schädel zermartert, ob irgendjemand, der wegen mir in ’n Häf’n gegangen ist, wieder draußen sein könnte. Bei den Kollegen in Wien hab ich auch schon nachgefragt, wie es denn so mit meinen alten Kunden ausschaut. Ich bin da aber auch nicht weitergekommen.«
»Mist!«, schimpfte Adrian. »Erst einmal nimmst den Chips jedenfalls immer mit zum Dienst. Wenn wir einen Einsatz haben, muss er halt im Auto bleiben. Es ist ja zum Glück nicht mehr so heiß.«
»Gut, Adrian. Danke. Und …«
»Ja?«
»Ich bin froh, dass du jetzt der Chef bist.«
»Hm«, brummte er ins Telefon.
»Also servus«, sagte sie schnell.
»Servus«, gab er zurück. »Pass gut auf den Chips auf. Und auf dich natürlich auch.«
»Eh klar. Schönes Wochenende, baba.« Dina lächelte und legte auf. Sie war nicht nur froh, sondern regelrecht glücklich, dass Adrian als Nachfolger von Chefinspektor Herbert Pokorny die Leitung der Abteilung Leib und Leben innehatte. Hätte der Kollege Behringer, der so scharf auf den Posten gewesen war, doch noch das Rennen gemacht, wäre das eine Katastrophe geworden. Behringer war eine Krätzn.
Seit Adrian Chefinspektor war, hatte sie den Hund öfter mit ins Büro genommen. Und damit auch alles ganz korrekt zuging, hatten Dina und Chips zusammen mit den regulären Diensthunden und Hundeführern der Salzburger Polizei einige Kurse absolviert. Das hatte sowohl dem Frauerl als auch dem Hund großen Spaß gemacht. In der Polizeihundeausbildung hatte in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden. Man trainierte spielerisch und mit positiver Verstärkung. Das Training wurde von einem Biologen der Salzburger Uni mitbetreut. Chips hatte inzwischen sogar die Prüfung zum personenbezogenen Fährtenspürhund bestanden.
Dina schickte noch einen zärtlichen Blick zu ihrem Hund, der sich auf seiner Decke eingerollt hatte und fest schlief, dann wandte sie sich wieder ihren Schreibarbeiten zu.
Es war früher Nachmittag, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch läutete. Sie nahm ab.
»Die Vermittlung – grüß Gott, Frau Inspektor. Wir haben da eine Frau in der Leitung, die darauf besteht, eine Anzeige direkt bei der Kriminalpolizei zu machen.«
»Bitte, stellt sie durch«, sagte Dina.
»Hallo«, krächzte es gleich darauf in ihr Ohr.
»Hallo«, gab Dina zurück. »Ich bin Abteilungsinspektorin Stassny. Was kann ich für Sie tun?«
»Grüß Gott, hier spricht Walpurga Grill.« Die Stimme klang brüchig, dabei schrie die Frau beinahe.
»Sie möchten eine Anzeige machen, Frau Grill?«, fragte Dina. Sie artikulierte betont deutlich. Die Anruferin war garantiert nicht mehr die Jüngste, und wie man aus ihrer sehr lauten Sprechweise schließen konnte, wahrscheinlich auch schwerhörig.
»Ja. Ich wohn in Aigen, wissen S’, Frau Inspektor«, schrie es aus dem Hörer. »Sie müssen herkemma.«
»Frau Grill, warum sollen wir kommen?«
»Meine Nachbarn graben Knochen aus.« Der Tonfall hatte vom Schreien zu einem verschwörerischen Raunen gewechselt.
»Was denn für Knochen?«
»Menschenknochen.«
Dina wusste nicht recht, was sie von dem Ganzen halten sollte. »Wo graben Ihre Nachbarn die denn aus?«
»Aus am Blumenbeet.«
»Aus einem Blumenbeet, aha. Frau Grill, wo sind Sie denn überhaupt, dass Sie das sehen können?«
»In mein’m Schlafzimmer. Von da kann ich in den Garten von die Nachbarn sehen.«
»Und von dort können Sie sogar sehen, dass das, was die Nachbarn ausgraben, Menschenknochen sind?«
»Freilich. Ich habe den Gucker von mein’m Mann. Der war nämlich Jäger, wissen S’. Er is aber schon vor fünf Jahren g’storben.«
Dina atmete tief durch. »Sie schauen also durch ein Fernglas in den Garten von Ihren Nachbarn?«
»Ein 1-a-Feldstecher is des. Und soll ich Ihnen was sagen, Frau Inspektor, die haben Giftpflanzen eingekauft!«
Das auch noch! Dina unterdrückte ein Stöhnen. Die Frau schien zu viele Krimis im Fernsehen anzuschauen. »Frau äh … Grill, viele Pflanzen, die Leute in ihrem Garten haben, sind giftig. Und die Knochen … also, das könnten doch Knochen vom Grillen sein, die irgendjemand mal dort vergraben hat. Oder …« Sie stockte. Ricco fiel ihr ein, der Hund ihres Großvaters, der im Garten der Großeltern seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. »Oder möglicherweise hat dort irgendwann mal jemand einen Hund begraben.«
»Knochen vom Grillen? An Hund begraben?« Jetzt schrie die Frau wieder, und ihre Stimme bebte regelrecht vor Empörung. »Wissen S’ was, Frau … Frau Inspektor, i bin oid, aber ned deppert. An Mord zeig i an! Die Nachbarn, die graben a Leich aus!«
»Ich habe es dir deutlich genug gesagt, es ist aus! Aus! AUS! Lass mich endlich in Ruhe, Elias! Mir langt’s!« Carola hätte das Handy am liebsten gegen die Wand geknallt. Er gab einfach nicht auf! Dabei war das mit Elias doch eigentlich nie wirklich was Ernstes gewesen, für sie jedenfalls nicht. Sie hatte die Sache beendet, als er angefangen hatte zu klammern. Seither wurde sie von ihm mit Anrufen und E-Mails belästigt.
Manchmal lauerte er ihr auch auf. Heute in aller Früh hatte er bei ihr geklingelt und einen Blumenstrauß sowie Original Salzburger Mozartkugeln vor die Tür gelegt. Die Blumen hatte sie sofort weggeworfen. Die Mozartkugeln waren in ihrer Kommode gelandet.
Erneutes Handyklingeln. Das durfte nicht wahr sein! »Nein!«, schrie sie in das Mobiltelefon. »Ich hab dir doch gerade gesagt …«
»Bitte entschuldigen Sie«, meldete sich eine wohlklingende männliche Stimme mit leichtem südländischem Akzent. »Hier spricht Marcello Rossi. Ich weiß, es ist Samstag und gleich Mittag, eine unmögliche Zeit, um anzurufen. Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe.«
»Oh!« Schlagartig wurde es Carola heiß. Verdammt, sie war total sicher gewesen, dass Elias einfach nicht aufgab. Warum nur hatte sie bloß nicht auf das Display geschaut! Verlegen fuhr sie mit den Fingern der freien Hand durch ihre langen rotbraunen Haare. »Ich muss mich entschuldigen. Verzeihen Sie bitte. Ich habe gedacht …« Sie brach ab. Was sie gedacht hatte, sollte sie besser für sich behalten. Marcello Rossi … Sie kannte den Namen, aber es wollte ihr nicht einfallen, woher. »Sie stören überhaupt nicht«, schob sie schnell hinterher.
»Nichts zu entschuldigen, wirklich nicht. Frau Graf, ich bin Sänger, zurzeit am Salzburger Theater engagiert, und ich habe ein Anliegen.«
Ein Sänger am Theater! Theater oder Konzerte besuchte Carola so gut wie nie, höchstens Rockkonzerte. Sie musste seinen Namen irgendwo gelesen haben, in einer Zeitung, im Internet vielleicht? Jedenfalls schien er ein Prominenter zu sein, und dass ein Prominenter bei ihr anrief, ließ ihr Herz ein wenig schneller schlagen.
»Ich würde sehr gern mit Ihnen über ein Buchprojekt sprechen«, fuhr Rossi fort. »Ich denke schon länger darüber nach, die Geschichte meines Lebens und meiner Karriere niederzuschreiben. Aber ich bin natürlich kein Schriftsteller. Vor Kurzem habe ich erfahren, dass Sie, eine bekannte Autorin, hier leben. Ihre Telefonnummer habe ich auf ihrer Homepage entdeckt, da dachte ich, ich frag einfach mal, ob Sie vielleicht auch eine Biografie schreiben würden.«
Carola wurde es noch ein wenig heißer. »Da müsste ich noch Genaueres wissen«, sagte sie schnell und hoffte, dass man Ihrer Stimme die Aufregung nicht anhörte.
»Wunderbar. Haben Sie vielleicht morgen am Vormittag Zeit? Oder ist es zu unverschämt, wenn ich Sie am Sonntag belästige?«
»Morgen – ja, das geht.« Einen Augenblick lang überlegte sie, ob die schnelle Zusage ein Fehler gewesen war. Die war ihr allerdings ohne nachzudenken einfach herausgerutscht.
»Großartig«, sagte Rossi. »Es ist so, dass ich in St. Wolfgang wohne, das wäre etwas umständlich für Sie. Aber ich komme gerne zu Ihnen, wenn Ihnen das passt.«
»J… ja, natürlich. Haben Sie etwas zum Schreiben?«
»Ja.«
Sie diktierte ihm ihre Adresse in der Wilhelmseder Straße. »Ich wohne im dritten Stock.« Siedend heiß schoss ihr kurz darauf der angstvolle Gedanke durch den Kopf, dass ihre Wohnung so gar nicht wie die einer erfolgreichen Schriftstellerin aussah. Auch die Sache mit dem Namen irritierte ihn womöglich. Sie atmete tief durch. Souveränität war jetzt wichtig. »Bitte läuten Sie bei Schwarz-Graf. Alexa Graf ist mein Name als Autorin, Carola Schwarz heiße ich privat.« Sie gab sich Mühe, das so selbstverständlich wie möglich klingen zu lassen. »Passt es Ihnen so um elf?«
»Das passt hervorragend. Ich freue mich.«
»Bis morgen also«, sagte sie und beendete das Gespräch.
Hoffentlich war sie so gelassen herübergekommen, wie es sein sollte. Sie musste sich eingestehen, dass sie verrückt danach war, diesen Auftrag zu bekommen. Im selben Moment fiel ihr Stella ein. Die durfte keinesfalls davon erfahren. Nicht von dem Krimi, und hiervon erst recht nicht.
»Super, dass du mitkommst, Adrian. Und das am Samstagnachmittag.« Dankbar lächelte Dina ihrem Chef zu und stieg aus dem Seat aus.
Er folgte ihr und ließ die Beifahrertür sanft ins Schloss fallen. »Passt schon«, sagte er so flapsig, dass sie stutzig wurde. Schon vorhin am Telefon hatte er gewirkt, als wäre er über ihren Anruf eher froh gewesen, anstatt sich wegen des vermasselten freien Tages zu ärgern. Sie vermutete, dass es wieder einmal Spannungen zwischen ihm und seiner Freundin Ulrike gab. Fragen würde sie jedoch nicht, solange er nicht von sich aus das Thema anschnitt.
Da auch Adrian in Aigen wohnte, hatte Dina ihn mit ihrem Auto abgeholt. Im Büro war Stefan spontan für sie eingesprungen und hatte den Journaldienst übernommen. Auch der Hund war bei ihm im Büro geblieben. Sie wusste ihn in guten Händen. Chips und der junge Kollege seines Frauerls verstanden einander ausgezeichnet.
»Hast dem Stefan eh gesagt, dass er gut auf den Chips aufpassen soll, wenn er mit ihm rausgeht?«, fragte Adrian und schaute sie prüfend an. »Solange wir nicht rausgefunden haben, was es mit dieser Drohung auf sich hat, müssen wir wirklich vorsichtig sein.«
Dina lächelte. »Ja. Er weiß Bescheid.«
Adrian nickte zufrieden. »Gut.«
Sie hielten auf das villenartige einstöckige Haus an der Salzach zu, von dem die Anruferin behauptet hatte, im Garten würden Knochen ausgegraben.
Dina seufzte. »Es ist ein blödes Gefühl, bei zwei unbescholtenen Leuten aufzutauchen und zu sagen: Grüß Gott, wir sind von der Kripo. Haben Sie heute vielleicht zufällig in ihrem Blumenbeet eine Leiche gefunden?«
Adrian nickte. »Irgendwie ein bisserl deppert, ja.«
»Ich bin einfach unsicher, ob an der Geschichte was dran ist. Am Telefon hat es so gewirkt, als tät’ sich die Frau einen privaten Krimi zusammenfantasieren. Dass die Nachbarn eine Digitalispflanze erstanden haben, hat ja anscheinend auch gleich Mordfantasien bei ihr ausgelöst. Übrigens scheint sie sehr am Leben ihrer Nachbarn interessiert zu sein, wenn sie die von ihrem Schlafzimmer aus mit einem Feldstecher beobachtet.«
»Hast schon recht. Wir werden das Ganze möglichst neutral und inoffiziell halten. Nachgehen müssen wir der Sache aber auf jeden Fall. Anzeige ist Anzeige.«
Am schmiedeeisernen Tor, das in den schmalen Vorgarten führte, waren die Namen Gerlach und Lanz zu lesen.
Adrian läutete.
Keine Reaktion, auch nach dem zweiten und dritten Versuch nicht.
Dina deutete auf das kleine Einfamilienhaus daneben, das eine Renovierung gut vertragen hätte. »Da müsste die Frau Grill wohnen. Sollen wir zuerst mit ihr reden?«
»Gut. Komm.«
Kaum hatte Dina am Gartentor geklingelt, als die alte Frau auch schon eilig auf sie zukam.
»San Sie die Polizistin, mit der i telefoniert hab?« Graue Dauerwellenlöckchen umrahmten Walpurga Grills faltiges Gesicht. Ihre Augen blitzten vor Neugier und Sensationslust.
»Ja, ich bin Abteilungsinspektorin Dina Stassny, und das ist mein Kollege Chefinspektor Billinger. Grüß Gott, Frau Grill.«
»Kemman S’ eina.« Walpurga Grill riss das Gartentor auf, ging voraus in den Garten und deutete auf ein paar alte Plastikstühle, die um einen klapprigen Tisch standen. »Setzen S’ Ehana hin, Frau Inspektor – Herr Inspektor, bittschön.«
Dina und Adrian nahmen Platz.
»Frau Grill, können Sie uns sagen, wie …«, begann Adrian.
»Waren S’ scho drüben?«, fiel ihm Walpurga Grill ins Wort. »Haben S’ die Leich g’funden?«
Dina fing einen hilfesuchenden Blick ihres Kollegen auf. Walpurga Grill gehörte zu den Personen, die er Dinas Spezialkundschaft nannte, Personen, die auf eine ganz spezielle Art in der Kommunikation nicht einfach waren, mit denen sie aber gut zurechtkam. Sie nickte fast unmerklich und übernahm. »Sie haben also die Vorgänge auf dem Nachbargrundstück beobachtet«, begann sie.
»Freilich. Hab i ja schon g’sagt.«
Dina lächelte ihr zu. »Genau. Und Sie können uns sehr gut weiterhelfen, wenn Sie uns ein paar Fragen beantworten.«
Walpurga Grill saß jetzt da wie die Queen auf dem Thron, nur dass Krone, Zepter und Reichsapfel fehlten. »Fragen S’ nur, Frau Inspektor.«
Dina nickte. »Wie ist es denn dazu gekommen, dass Sie das mit den Knochen überhaupt bemerkt haben?«
»I war grad oben in mein’m Schlafzimmer, weil ich mein Bettzeug am Fenster ein bisserl ausg’lüftet hab. Vor ein paar Jahr’ haben die Nachbarn die alten Bäume an der Grundstücksgrenze fällen lassen, damit sie mehr Licht haben, wissen S’. Seither sieht ma halt von dem Fenster oben in ihren Garten eini. Ja, und grad wie ich rausschau, ist die … die Freundin vom Daniel mit einer Kisten voller Blumen daherg’kommen. Da hab ich den Gucker von mein’m verstorbenen Mann g’holt.«
»Wegen der Blumen?«
»Ja, i mag halt Blumen«, erklärte sie in einem Tonfall, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, zum Fernglas zu greifen, wenn in Nachbars Garten jemand Blumen einpflanzen wollte. »No ja, und dann hat sie ang’fangen mit Umgraben, und da hab i die Knochen g’sehen.«
»Frau Grill, sie haben gesagt, Sie sind sicher, dass es Menschenknochen waren. Woran haben Sie das denn erkannt?«
»Da war a Schädel dabei.«
»Ein Schädel! Ich verstehe. Was ist dann passiert?«
»Der Daniel hat die Knochen dann in a Kist’n neitan. Sie is ins Haus g’rennt.«
»Wie heißt denn die Freundin vom Daniel? Lanz?«
»Na, Lanz war der Künstlername von der Mama, die wo letztes Jahr g’storben ist. Wie die Freundin heißt, weiß i a ned …« Walpurga Grill schüttelte missbilligend den Kopf, sodass die Löckchen bebten. »Wissen S’, wie die Frau Gerlach no g’lebt hat, hat der Daniel eigentlich nie Damenbesuch g’habt. I hab mir oft denkt: Die Frau hat a Glück mit ihrem Sohn. Tüchtig ist er, angesehen und höflich. Und er ist in seiner Heimatstadt ’blieben, bei der Mutter sogar … Mei’ Tochter lebt in der Schweiz, wissen S’, Frau Inspektor. Und nach Salzburg kommt die fast nie.« Walpurga Grill seufzte.
Dina nickte. Sie hatte recht gehabt – die alte Frau war einsam. »Der Herr Gerlach hat also früher keine Freundinnen gehabt?«
»Na. I hab oft denkt, die Mutter ist die einzige Frau im Leben vom Daniel. Ganz rührend hat er sich um sie gekümmert.«
»War sie krank?«
»Na, i mein, er hat sich um sie gekümmert wie ein … ein Gentleman. Schüchtern war er, aber sehr freundlich. Immer hat er mich g’fragt, wie’s mir geht, wenn er mich g’sehen hat. Aber dann ist sie auf’taucht.«
»Die Freundin?«
»Ja, freilich. Wissen S’, Frau Inspektor, diese Person hat sich ned amal bei mir vorg’stellt, wie sie ein’zogen ist. Das gehört sich einfach ned! Man weiß ja gar nix von ihr. Zur Arbeit geht die a ned. Manchmal, wenn der Daniel weg ist, taucht a Frau bei ihr auf, so a Langhaarerte, die stundenlang dableibt. Und auch wenn sie nix tut, diese … also die Freundin, muss ihr der Daniel bei der Hausarbeit helfen, Wäsch’ aufhängen und abnehmen zum Beispiel. Unglaublich, was sich die heutigen Männer alles bieten lassen!« Empört schüttelte Walpurga Grill den Kopf mit den Wackellöckchen. Dabei streifte ihr Blick Adrian. Rasch zog sie den Kopf etwas zwischen die Schultern, was sie einen Augenblick lang unsicher wirken ließ. Gleich darauf aber wandte sie sich wieder ganz Dina zu. »Der Daniel grüßt auch nimmer so freundlich, seit die da ist«, fuhr sie in anklagendem Ton fort.
»Dass die Frau eingezogen ist, hat also große Veränderungen bewirkt?«
»Größer als Sie glauben, Frau Inspektor. Viel größer!«, raunte Walpurga Grill ihr verschwörerisch zu. »Wie i g’sehn hab, dass sie an roten Fingerhut, also a Digitalis, unter ihre Blumen g’habt hat, hab ich mir gleich denkt, i sollt ein bisserl aufpassen. Deswegen hab ich später noch einmal nachg’schaut.«
»Sie haben noch einmal mit dem Fernglas in den Garten geschaut, weil die Frau Hellwig eine Digitalis-Pflanze gekauft hat?«
»No freilich. Die ist doch hochgiftig! Grad neulich hab i an Film im Fernsehen g’sehen, da ist eine alte Dame ermordet worden. Der Mörder hat ihr Digitalisblätter in den Salat gemischt.«
Dina bemerkte, dass Adrian leicht den Mund verzog, und auch sie rang schon ein wenig um Fassung. Aber irgendetwas sagte ihr, dass sie die Geschichten der alten Frau anhören sollte, egal, wie verrückt die sein mochten. »Denken Sie, Ihre Nachbarn wollen mit der Digitalis jemanden vergiften?«, versuchte sie es mit einem Frontalangriff. »Wie kommen Sie denn darauf?«
Walpurga Grill zog die Unterlippe unter die Oberlippe, als wollte sie ihren Mund daran hindern, ein Geheimnis auszuplaudern; versonnen wiegte sie den Kopf hin und her. »Wer weiß des schon, was da drüben vor sich geht?«, sagte sie schließlich. »Ich hab mir schon mein Teil denkt, wie die Adele Gerlach letztes Jahr so plötzlich verstorben ist.«
Dina horchte auf. »Die Frau Gerlach ist plötzlich verstorben?«
