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SAM HINKELS DRITTER STREICH! Der sympathische Troublemaker Sam Hinkel ist zurück – und treibt im dritten Band der Serie mit seinen Streichen die Lehrer zur Weißglut und die Leser zu Lachanfälllen! Die Sommerferien sind da, und für Sam und seine Freunde könnte alles wunderbar sein. Doch ihre Eltern benehmen sich sehr sonderbar: Sie spielen ihren Kindern wilde Streiche, die einem Troublemaker alle Ehre machen würden! Und auch in dem Sommercamp der Akademie für Ärger geht es hoch her: Sam und seine Freunde bekommen es dort nicht nur mit einem seltsamen Elterngeheimbund zu tun – auch ihre Erzfeinde, die Krawallisten, sind mit von der Partie!
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2015
T.R. Burns
Sam Hinkel – Ärger währt am längsten
Aus dem Amerikanischen von Christian Dreller
FISCHER E-Books
Für Tante Lorraine
Schon komisch. Bisher war der Sommer meine Lieblingsjahreszeit. Kaum war der Juni gekommen, war Schluss mit Schule und Hausaufgaben, mit Wecker und früh ins Bett gehen. Es gab nur noch diese vollen drei Monate, in denen ich machen konnte, was und wann immer ich wollte. Das ganze Jahr über zählte ich die Tage bis zum Beginn dieser absoluten Freiheit.
Aber diesen Sommer? Von mir aus könnte das Ganze ins Wasser fallen. Denn da ist zum einen das, was ich machen möchte … und zum anderen das, was ich machen muss. Und das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
»Was kann ich dir bringen, Sam? Fischstäbchen-Pfannkuchen? Fischstäbchen-Waffeln? Einen Bagel mit Frischkäse und Fischstäbchen?«
Es ist der erste Ferientag. Mom wirbelt in der Küche herum wie ein Tornado durchs Kornfeld. Dad und ich sitzen am Tisch. Er liest Zeitung und trinkt Kaffee – das Einzige auf dem Frühstückstisch, das ohne meine Lieblingsspeise zubereitet ist.
Ich warte.
Mom gibt einen hektischen Japser von sich. Kommt auf den Tisch zugeschossen. Fuchtelt mit einem Pfannenheber in der Luft herum, als ob es hier drinnen an die hundert Grad heiß wäre und sie mir dringend Kühlung zufächeln müsste.
»Jetzt weiß ich’s«, sagt sie. »Wie wär’s mit, ähm … Rührei mit Fischstäbchen?«
»Klar«, antworte ich. »Danke.«
»Glaub mir«, sagt Mom, während sie schon wieder zum Herd zurückwirbelt, »ist mir ein Vergnügen.«
Jede Wette, dass es das ist.
»Also, Sportsfreund.« Dad faltet die Zeitung zusammen und legt sie auf den Tisch. »Dein erster freier Tag. Und drei volle freie Monate liegen vor dir. Hast du schon mal überlegt, was du so alles machen willst?«
»Na ja, ganz frei sind die auch nicht. Einmal in der Woche kriegen wir ja Hausaufgaben.«
Dad lehnt sich mit einem Ruck auf seinem Stuhl zurück, als hätte ich ihn gerade ohne Hand vorm Mund angeniest. »Aber es sind doch Sommerferien.«
»Die ideale Zeit also, um an unseren Fertigkeiten zu feilen.« Ich werfe einen verstohlenen Blick auf Mom. Bei dem Wort Fertigkeiten erstarrt sie kurz, bevor sie ein weiteres Ei über einer Rührschüssel aufschlägt. »Aber ist schon okay. Darüber hinaus hab ich noch keine Pläne.«
»Dann sollten wir welche machen. Wie wär’s denn am Wochenende mit ein paar Runden im Cloudview Family-Fun-Center? Nur wir zwei. Ganz wie in alten Tagen.«
Dad lächelt mir zaghaft-hoffnungsvoll zu. Seine Augen hinter den dicken, schwarz gerahmten Brillengläsern strahlen mich an. So viel ist geschehen seit jenen alten Tagen. Schwer vorstellbar, die Zeit einfach so zurückzudrehen. Obwohl Dad nicht das Geringste getan hat. Nichts von allem war seine Schuld.
»Okay«, sage ich. »Hört sich super an.«
»Wunderbar! Ich ruf gleich vom Büro aus an und reserviere uns ein Kart.«
»Du gehst?«, fragt Mom, als Dad sein Geschirr zur Spüle trägt. »Jetzt schon?«
»Die Zahlen rechnen sich nicht von alleine«, verkündet Dad in stolzem Pflichtbewusstsein.
»Es ist Sams erster Morgen zu Hause. Kannst du nicht ein bisschen später los?«
»Sorry, Liebes. Aber ich bin bald zurück, und dann machen wir uns einen tollen Abend. Zusammen. Als Familie.«
Ich zwinge mir das Stück Waffel, das ich gerade abgebissen habe, mit Gewalt herunter.
Dad küsst Mom auf die Wange und drückt mich. Als er weg ist, treffen sich unsere Blicke für einen Moment, doch dann wendet Mom sich rasch ab und kocht weiter vor sich hin.
Es ist so weit. Wir sind allein. Zum ersten Mal seit dem Weihnachtsmorgen, als ich sie auf dem Dachboden erwischt habe, umgeben von lauter Kartons mit …
Mein K-PAD summt. Ich hole den kleinen Handcomputer aus der Tasche meiner Bermudas und drücke auf das K-MAIL-Icon.
Ich muss lächeln angesichts der Siebenwort-Nachricht. Typisch Lemon – kurz und knackig.
Ich drücke auf Antworten.
»Ach ja, die Besorgungen.«
Ich blicke auf.
»Ist mir gerade eingefallen«, schiebt Mom hinterher, während sie den fertigen Inhalt ihrer Bratpfanne auf einen Teller entleert. »Ich muss noch zur chemischen Reinigung. Und zur Post. Und zum Lebensmittelladen. Und zum Tierarzt.«
»Wir haben doch gar kein Haustier«, sage ich.
Sie lässt den Pfannenheber fallen. Scheppernd fällt er auf den Boden. »Ich meine, ich hab was davon gelesen, dass die heute Adoptionstag haben. Wäre das nicht nett? Einen süßen Welpen oder ein Kätzchen in unserer Familie willkommen zu heißen?«
Unsere Familie. Aus ihrem Mund klingt das sogar noch schräger.
Sie kommt an den Tisch und stellt einen Teller mit Rührei und Fischstäbchen vor mir ab. »Mach dir wegen der Unordnung hier keinen Kopf. Ich kümmere mich darum, wenn ich wieder da bin.«
Mir klappt der Unterkiefer runter. Das ist bei weitem das Abgefahrenste, was sie von sich gegeben hat, seit sie und Dad mich gestern Nachmittag abgeholt haben. Bevor mich meine Eltern von der Cloudview Middle School nahmen und mich in die Kilter-Akademie für Problemkinder abschoben, hatte ich eine ganze Liste täglicher Haushaltspflichten abzuarbeiten – Pflichten, die erledigt werden mussten, bevor ich irgendetwas anderes machte, einschließlich Schularbeiten. Als Erstes musste ich immer mein Bett machen. Als Zweites nach dem Frühstück die Küche aufräumen. Eines von beiden ausnahmsweise mal sausen zu lassen war völlig ausgeschlossen. Einmal hatte ich nach einer nächtlichen Videospielsession verpennt und nur noch acht Minuten, um mich für die Schule fertig zu machen. Und trotzdem musste ich den Küchenboden wischen und die Geschirrspülmaschine einräumen. Mein Frühstück bestand nur aus einer Handvoll trockenem Müsli, das ich während des Sprints zum Schulbus runtergewürgt habe – den ich obendrein fast noch verpasst hätte. Ein andermal hatte ich vergessen, den Tisch abzuwischen. Woraufhin Mom ein paar Krümel fand und ich prompt einen Monat Fernsehverbot kassierte. Danach hatte ich nicht mehr die geringste Lust herauszufinden, was passieren würde, wenn ich mir eine meiner Pflichten mal völlig schenke.
Warum also diese plötzliche Regeländerung? Will sie sich damit bei mir einschleimen, so wie mit dem morgendlichen Fischstäbchen-Overkill? Mich ablenken? Oder mich vergessen lassen, was sie getan hat?
Ich höre, wie sie nach oben eilt, und wende mich wieder meinem K-PAD zu.
VON: [email protected]
BETREFF: Re: Hey
Hi, Lemon!
Super, von dir zu hören. Nicht zu fassen, dass es noch nicht mal 24 Stunden her ist, seit wir aus Kilter weg sind. Es kommt mir schon wie 24 Tage vor, seit du für Abe, Gabby und mich das letzte Schwarze-Bohnen-Burritos-Frühstück des Semesters gemacht hast.
Wie geht es deinen Eltern? Und deinem kleinen Bruder? Er freut sich bestimmt riesig, dass du zu Hause bist.
Hier ist alles klar. Wenn auch irgendwie anders. Aber ich denke, das ist normal, vor allem, weil ich so lange weg gewesen bin. Mein Dad und ich haben ein paar gemeinsame Aktionen geplant, was schon mal gut ist. Ich habe ihn echt vermisst.
Allerdings ist es auch ein bisschen seltsam, wieder hier zu sein. Ich wette …
Aus dem Obergeschoss ertönt heftiges Gepolter. So heftig, dass ich erschrocken vom Stuhl hochschieße. Mein Daumen zuckt über den Touchscreen des K-PADs, und aus Versehen schicke ich die angefangene Mail an Lemon ab. Ein paar leisere Rumser schließen sich an das Getöse an. Und auf einmal wird mir klar, woher der Lärm kommt.
Vom Dachboden.
Im nächsten Moment klingelt auch noch Moms Handy. Es liegt auf dem Küchentresen, gleich neben ihrer Handtasche und den Autoschlüsseln. Ich flitze hinüber, blicke auf Dads Gesicht, das mir vom Handydisplay entgegenlächelt … und tippe auf das rote Rechtecksymbol, um den Anruf wegzudrücken. Das Klingeln erstirbt. Das Display wird schwarz.
»Sorry«, murmele ich.
Was nicht gelogen ist. Es tut mir leid, dass ich Dad in die Mobilbox verbannt habe, bevor Mom womöglich ihr Telefon hört und nach unten gedüst kommt. Und es tut mir leid wegen dem, was ich gleich tun werde … etwas, das ich noch vor acht Monaten niemals getan hätte – beziehungsweise bevor ich Mom auf dem Dachboden dabei ertappt habe, wie sie inmitten lauter Kilter-Kartons kauerte.
Aber am meisten tut es mir leid, dass ich einen Grund dafür habe, es zu tun.
Ich schnappe mir Moms Handtasche und Schlüssel vom Tresen, hake das eine Ende des Taschenriemens los und lasse den Schlüsselring über den langen Riemen gleiten. Packe die beiden Enden, hebe den Arm und lasse den Riemen wie ein Lasso über dem Kopf schwingen.
Während ich nach einem Ziel Ausschau halte, füllt sich mein Kopf mit Bildern. Ich sehe die Cafeteria der Cloudview Middle School vor mir. Gleich darauf einen leuchtend roten Apfel, der auf eine Meute sich prügelnder Kids zufliegt. Ms Parsippany, meine Aushilfslehrerin, wie sie zusammenbricht. Dann eine große weite Wiese. Eine Reihe Schaufensterpuppen, alle mit einem Apfel auf dem Kopf und schutzlos den Pfeilen ausgeliefert, die auf sie zugesaust kommen. Einen uralten Schulbus, der durch die Wüste brettert. Brennende Papierflieger.
Und ich sehe mich, wie ich den leuchtend roten Apfel werfe. Wie ich Pfeile abschieße und mit brennenden Papierfliegern auf den Schulbus ziele.
Dann entscheide ich mich für mein aktuelles Ziel, und die Bilder verschwinden aus meinem Kopf.
Noch einmal lasse ich den Lederriemen über meinem Kopf wirbeln, bevor meine Finger sich vom losen Riemenende lösen. Der Schlüsselbund schießt in einem perfekten Bogen durch die Küche auf den Herd zu. Wo er mit einem Platsch in einen Topf mit Fischstäbchen-Haferbrei plumpst.
Nachdem ich den Riemen wieder ordentlich an der Handtasche befestigt habe, lege ich sie auf den Küchentresen zurück, sorgfältig darauf bedacht, alles exakt wie zuvor zu arrangieren. Dann nehme ich wieder auf meinem Stuhl Platz, um mich erneut meinem K-PAD zu widmen. Ich lese gerade etwas über die Pläne, den Troubleshop, unseren Schulladen in Kilter, auszubauen, als Mom die Küche betritt.
»Hm, das ist ja seltsam«, sagt sie.
»Was denn?«, frage ich, ohne aufzublicken.
»Meine Autoschlüssel waren genau hier.«
»Wo?«
»Na, auf dem Tresen. Zwischen meinem Handy und der Handtasche.«
»Bist du sicher?«
»Ja. Da lege ich sie immer hin.«
»Dann hast du sie ausnahmsweise bestimmt mal woanders abgelegt.«
»Hab ich nicht. Ich erinnere mich genau, sie dorthin gelegt zu haben, als wir nach Hause gekommen sind.«
»Oh, tja, dann schätze ich mal, dass aus deinen Besorgungen nichts wird«, sage ich.
Ich schiele über den Rand meines K-PADs hinweg und sehe, wie sie ihre Handtasche durchforstet. Schließlich stellt sie sie auf den Kopf und kippt den kompletten Inhalt auf dem Tresen aus. Ihre Finger zittern, als sie sich durch Taschentücher, Minzbonbons, Wechselgeld und Kassenzettel wühlen.
»Wir könnten doch den Tag zusammen verbringen«, füge ich hinzu. »Wär das nicht schön?«
Ihre Hände erstarren – und werden nur eine Sekunde später schon wieder quicklebendig, als sie alles, was sich auf dem Tresen befindet, zurück in die Handtasche befördert.
»Kein Problem«, sagt sie. »Ich geh zu Fuß.«
»Bis in die Stadt sind es über sechs Kilometer.«
»Die Bewegung wird mir guttun.«
Sie schnappt sich ihre Tasche und flieht aus der Küche. Gleich darauf höre ich, wie die Haustür aufgeht und krachend wieder zuschlägt. In diesem Moment meldet sich mein K-PAD, das ich immer noch in der Hand halte, mit einem Summen. Eine neue Mail ist eingetrudelt:
Ich drücke auf Antworten und fange an zu tippen.
VON: [email protected]
BETREFF: Re: Re: Re: Hey
Glaub mir. Das willst du gar nicht wissen.
Ich jedenfalls wünschte, ich hätte keinen Schimmer.
Strafpunkte: 150 Goldstars: 50
»Halt den Schläger ganz entspannt. Stell dich gerade hin. Schön locker bleiben. Dann lass fetzen.«
Dad rückt seine schwarze Sonnenbrille zurecht. Ein so riesiges Ding, dass es mich an das getönte Helmvisier erinnert, das ich bei meiner ersten Realwelt-Trouble-Mission getragen habe. Hier draußen sind es über dreißig Grad im Schatten, und wir stehen nun schon eine geschlagene Stunde in der sengend heißen Sonne. Folglich lässt der Schweißfilm auf Dads Nase die Brille auch gleich schon wieder runterrutschen.
»Fetzen?«, frage ich. »Fetzen, wie gegen den Ball hauen?«
»Ja, und zwar genau da hin.« Sonnenbrille hoch. »Oder woandershin halt.« Sonnenbrille runter. »Wird auf jeden Fall ein guter Schlag.«
Ich bin so durstig, dass ich kurz davor bin, meinen Kopf nebenan in das Wasserhindernis von Bahn 12 zu tauchen und es bis auf den letzten Tropfen leerzutrinken. Aber ich mache, was er sagt. Ich lockere meinen Griff um den Minigolfschläger. Stelle mich gerade hin. Schüttele die schweißbedeckten Arme und Beine aus. Fahre mir mit der trockenen Zunge über die trockenen Lippen, peile einen nahen Streifen Naturrasen an und … lasse dann fetzen.
»Gut.« Dad kommt hinter mir her marschiert, während er den Schlag aus sämtlichen Winkeln analysiert. »Und jetzt schön cool bleiben. Steh ganz ruhig. Und nicht zu viel denken. Versuch, den Schlag zu erfühlen.«
Nur mit Mühe unterdrücke ich ein Lächeln. Schließlich kann er ja nicht wissen, dass dies sozusagen meine Spezialität ist. Kilter-Schüler sind je nach ihrem Troublemaker-Talent in sechs Gruppen eingeteilt. Da ich in Kilter gelandet bin, weil ich versehentlich meine Aushilfslehrerin inmitten der proppenvollen Cafeteria mit einem Apfel umgenietet habe, wurde ich der Scharfschützen-Gruppe zugeteilt. Was bedeutet, dass ich mich neben dem normalen Unterricht und meinen Hausaufgaben (wenn man denn die Fertigkeit, das Alphabet rülpsen zu können, so nennen will) regelmäßig mit Ike treffe – seines Zeichens Scharfschützen-Ass und mein Troublemaker-Tutor, der mir hilft, meine Technik und das Zielvermögen zu verbessern. Einen gelben Ball eine Kunstrasenbahn entlangzuspielen, durch das Maul einer Eisbärenattrappe zu befördern und schließlich in ein kleines Loch zu putten ist, verglichen mit einigen von Ikes Aufgaben, etwa so wie Zähneputzen.
So einfach nämlich, dass ich es mit geschlossenen Augen könnte. Aber von all dem weiß Dad nichts. Und er darf es auch niemals wissen.
Während sich meine Finger um den Schlägergriff legen, taxiere ich noch einmal den Parcours. Die für ein Hole-in-one erforderliche Flugbahn ist für mich so was von klar! Ich muss den Ball nur nach links schlagen, eigentlich …
»Genau so«, höre ich Dad ruhig sagen. »Du schaffst es, Sohn.«
Sohn.
Ich treffe den Ball wie beabsichtigt. Als er knapp zwanzig Zentimeter vor dem Maul der Eisbärenattrappe auf dem Kunstrasen auskullert, klatsche ich mir in einer schauspielerischen Glanzleistung mit der Hand vor die Stirn und stöhne.
»Hey, hey!«, tröstet mich Dad. »Sei nicht so hart zu dir. Das war ein phantastischer Schlag! Und auf der nächsten Bahn wirst du es besser machen.«
Exakt das Gleiche hat er nach Abschluss aller sechzehn vorherigen Bahnen zu mir gesagt. Deshalb spiele ich auch die ganze Zeit unbeirrt schlecht. Er ist so nett, dass er es verdient hat zu gewinnen.
Dad beendet die Bahn in fünf Schlägen, plus einen Strafschlag dafür, dass sein Ball einmal über die Bahnumrandung hinweg in einen Busch hüpft. Ich brauche sechs Schläge, plus drei Strafschläge, weil mein Ball in einem Busch, in einer Sandgrube sowie in der Eistüte eines kleinen Jungen gelandet ist.
»Kopf hoch«, meint Dad, als er unsere Ergebnisse zusammenzählt. »Wir haben immer noch eine Bahn vor uns!«
Die letzte Bahn ist diejenige, an deren Ende man seine Bälle abgibt. Hier gibt es weder Springbrunnen noch Tierfiguren, sondern lediglich eine schmale Planke, die hinauf zum letzten Loch führt. Der Ball muss es nur ganz nach oben bis ins Loch schaffen, ohne die Planke herunterzukullern. Sieht aus wie die sicherste und leichteste Bahn der gesamten Minigolfanlage. Tatsächlich aber ist es die allerschwerste. Vermutlich schon deshalb, weil jeder, der sie schafft, eine Freirunde und zwei Hotdogs gewinnt.
Dad beginnt. Und trifft nicht.
Dann bin ich dran. Und mach den Ball rein.
Über dem Loch beginnt eine rote Glühbirne zu blinken. Eine Sirene ertönt. Dad wirft beide Hände in die Luft, so dass die Ergebniskarte samt Minibleistift davonfliegt.
»Sam! Wie hast du …? Was hast du …?« Er sieht sich um und gestikuliert in Richtung einiger anderer Spieler, die sich in der Nähe aufhalten. »Haben Sie das gesehen? Das ist mein Sohn!«
Jetzt verberge ich mein Lächeln nicht mehr. »Können wir morgen wiederkommen?«
»Aber klar!« Er legt mir den Arm um die Schultern und drückt mich. »Hab ich dir in der letzten Zeit eigentlich mal gesagt, wie stolz ich auf dich bin?«
Für einen Sekundenbruchteil verschwindet mein Lächeln. Und mir dreht sich beinahe der Magen um. Ich versucht, ihm alles zu erzählen. Nur damit ich mich entschuldigen und schwören kann, so was nie wieder zu machen.
Aber dann fällt mir ein, dass das, was er nicht weiß, ihn auch nicht verletzen kann. Und sage Ja, als er mich fragt, ob ich zur Feier des Tages einen dicken fetten Becher Snow-Cone-Eis haben möchte.
Die Heimfahrt macht richtig Spaß. Ich lasse mir mein Eis schmecken, Dad singt Oldies aus dem Radio mit, und hin und wieder falle ich mit ein, was Dad so glücklich macht, dass er vor lauter Lachen und Klatschen einen Schlenker auf die andere Fahrspur macht. Ich versuche, mir noch ein anderes Ausflugsziel auszudenken, um die Fahrt zu verlängern. Aber bevor ich richtig nachdenken kann, meldet sich mein K-PAD mit einer neuen Nachricht.
Ich will das Gerät schon ausschalten, ohne die Mail zu checken. Bestimmt kann sie warten, und außerdem soll nichts und niemand mich von dem Spaß ablenken, den Dad und ich gerade zusammen haben.
Aber dann erhasche ich einen Blick auf den Absendernamen. Und meine Fingerspitze tippt wie von selbst auf den digitalen Umschlag.
VON: [email protected]
BETREFF: Hi
Hi, Sam,
wie geht’s dir? Hast du Spaß mit deinen Eltern?
Mir geht’s super! Okay, vielleicht nicht super. Aber wirklich gut. Definitiv. Hier in der Wüste haben wir gerade vierundvierzig Grad, und die Pools sind immer noch mit Schlangen statt mit Wasser gefüllt. Aber bisher hat Mom mich in keinen geworfen. Das ist doch schon mal was, oder?
Egal, ich wollte nur hallo sagen und hören, wie es dir geht. Außerdem weiß ich natürlich, dass es erst ein paar Tage her ist … aber ich vermisse dich.
Egal, ich bin sicher, du hast viel zu tun. Aber wenn du mal ’ne Minute Zeit hast zurückzuschreiben, würde ich mich freuen.
Elinor
»Alles okay?«
Mein Kopf schießt hoch, und erschrocken presse ich das K-PAD gegen die Brust.
»Dein Gesicht hat die gleiche Farbe wie dein Mund«, fügt Dad hinzu.
Ich klappe die Sonnenblende runter und werfe einen prüfenden Blick in den Spiegel. Vom Kirscheis sind meine Lippen ganz rot. Und Dad hat recht. Gesichts- und Eisfarbe gleichen sich perfekt.
»Alles paletti.« Ich klappe die Sonnenblende wieder hoch.
»Sie muss was Besonderes sein.«
»Sie? Wer hat was von einer …« Meine Stimme erstirbt. Wäre er jemand anderes, würde ich diese Vermutung strikt zurückweisen. Aber es ist Dad. Also: »Yep. Ist sie.«
Seine Augen sind hinter den riesigen schwarzen Gläsern der Sonnenbrille verborgen, doch ich weiß, dass er mir zuzwinkert. Dann wendet er seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu, dreht das Radio auf und fängt an zu pfeifen.
Ich hingegen widme mich Elinors Mail. Ich vermisse dich … Wenn du mal ’ne Minute Zeit hast zurückzuschreiben, würde ich mich freuen … Meine Augen kleben förmlich an ihren Worten. Seit ich von Kilter aufgebrochen bin, ist nicht eine Stunde vergangen, in der ich ihr nicht hätte schreiben wollen. Aber ich habe gewartet. Nachdem Lemon, Abe, Gabby und ich sie letztes Semester aus der merkwürdigen Geheimschule ihrer Mutter in Arizona gerettet und nach Kilter zurückgebracht hatten, hingen Elinor und ich häufig zusammen ab. Normalerweise noch mit anderen, aber manchmal auch nur wir zwei alleine. Am Ende des Semesters waren wir richtig gute Freunde geworden. Mal kurz ’ne Mail zu schreiben, nachdem wir uns für die lange Sommerzeit verabschiedet hatten, wäre nicht das Ding gewesen. Aber ich wollte nicht aufdringlich sein, sicher ist sicher. Und außerdem war ich neugierig, ob sie mir auch schreiben würde, wenn ich erst mal nichts von mir hören lasse.
Und das hat sie. Was einen tollen Tag noch toller macht.
Wieder summt mein K-PAD. Ich öffne die neue Nachricht.
VON: [email protected]
Betreff: Netter Job!
Hey, Sam!
Nach deiner beeindruckenden Performance im ersten Schuljahr sollten uns deine galaktischen Sommerstreiche eigentlich nicht mehr überraschen – haben sie aber! Zum Beispiel dieser Trick mit dem Wäschekorb heute Morgen! Als du dich hinter dem Staubsauger in der Ecke versteckt hast und jedes Mal, wenn deine Mutter sich zur Waschmaschine umgedreht hat, dreißig neue schmutzige Socken in das Ding gepfeffert hast, so dass es einfach nicht leer wurde. Köstlich! Einfach unbezahlbar!
Weißt du, was ebenfalls unbezahlbar ist? Der Kilter-Seifenblasen-Blaster 3000.
Ein Video-Icon ploppt auf dem Display auf. Ich vergewissere mich, dass das K-PAD auf Stumm geschaltet ist, und tippe auf das Symbol. Ein Filmchen startet. Man sieht, wie ein Junge in meinem Alter eine Flasche Flüssigwaschmittel ausschüttet, um sie gleich darauf wieder mit einer lilafarbenen Flüssigkeit aufzufüllen.
Dann nimmt er einen langen, dünnen Schlauch und steckt das eine Ende in die Flasche. Am anderen Schlauchende ist ein Stäbchen mit Ringöffnung an der Spitze befestigt, das aussieht wie der Blasring eines Seifenblasenfläschchens, nur dass dieses hier silberfarben ist.
Der Junge hebt den Stab an den Mund, lächelt in die Kamera und schürzt die Lippen. Er pustet einmal kräftig, als wäre das Stäbchen eine Kerze auf einem Geburtstagskuchen … und ist urplötzlich verschwunden. Ebenso wie der gesamte Raum, in dem er steht. Alles in Reichweite der Kameralinse ist von einer dicken weißen Schaumwolke verschlungen worden, die sich im nächsten Augenblick in Tausende durchsichtiger Seifenblasen verwandelt. Gleich darauf zerplatzen alle Blasen gleichzeitig, der Junge taucht wieder auf, und der Raum sieht genauso aus wie zuvor.
Ende. Ich lese weiter.
Mit über sieben Metern Feuerreichweite und automatischer Reinigungsfunktion ist der Kilter-Seifenblasen-Blaster 3000 das beste Gerät seiner Klasse. Empfand deine Mom das Wäschewaschen zuvor bloß als lästige Pflicht, wird sie von nun an bis in alle Ewigkeit dasselbe Kleid tragen, nur um sich vor dieser Arbeit zu drücken.
Dieses einmalige Spielzeug kann für 200 Credits deins sein. Der Miefsockenwurf heute Morgen hat dir 150 Credits eingebracht. Addiere diese zu den anderen, die du dir seit deiner Heimkehr verdient hast, und du hast mehr als genug Credits, um den KSB3000 zu erwerben.
Und keine Bange! Die Versandkosten übernehmen wir. Wenn du jetzt bestellst, wird dir der KSB über Nacht kostenfrei geliefert!
Gute Arbeit, Sam! Weiter so!
Stets zu Diensten
Dein Trouble-Shop-Team
P. S. Um sicherzustellen, dass du zu Hause beim Ärgermachen nicht lockerlässt, kriegst du jeden Tag 50 Goldstars gutgeschrieben – ganz gleich, was passiert! Und sicher müssen wir dich nicht erst daran erinnern, dass du für jeden Strafpunkt einen Credit kassierst – ebenso wie du für jeden Goldstar wieder einen verlierst!
Kaum habe ich zu Ende gelesen, kommt mir ein Gedanke.
In Kilter kriegen wir vom Trouble-Shop dauernd Mails mit Credit-Konto-Updates und Sonderangeboten. Aber das ist nur möglich, weil Annika, die anderen Lehrer und sogar Mitschüler uns permanent beobachten und Bericht über unsere Ärgermach-Taktiken erstatten. Auf diese Weise verfolgen sie unsere Fortschritte und halten uns auf Zack.
Aber jetzt bin ich zu Hause. Hunderte Meilen von Kilter entfernt.
Wie kann dort jemand wissen, was ich hier mache?
Ich überlege immer noch, als wir in unsere Straße einbiegen. Aber ich will nicht, dass es mit dem Spaß, den Dad und ich zusammen haben, schon vorbei ist, und so beschließe ich, mir später den Kopf darüber zu zerbrechen.
»Hast du Lust auf Scrabble?«, frage ich. Das ist Dads Lieblingsspiel.
»Klar.« Er rutscht unbehaglich auf seinem Sitz herum. Nestelt am Kragen seines gelben Poloshirts. Wirft einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, als würden wir verfolgt. »Ich muss erst … nur noch etwas erledigen. Ähm, für … für … ja, für die Arbeit. Definitiv. Eine extrem dringende Sache.«
»Okay.« Überrascht beobachte ich, wie sich sein Hals pink verfärbt. »Wann immer es dir passt.«
Wir fahren in die Einfahrt. Dad macht den Motor aus, wirft die Fahrertür auf und flitzt ins Haus.
Ich folge ihm. Als ich den Flur erreiche, ist er bereits hinter der Tür seines Arbeitszimmers verschwunden.
Mir ist immer noch heiß vom Minigolfen. Also gehe ich in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen.
»Ah, ihr seid wieder da!« Mom sitzt am Küchentisch, mit einem aufgeschlagenen Buch vor sich. Bei meinem Anblick klappt sie es hastig zu. »Wie war’s?«
Und schon wieder werde ich daran erinnert, wie sehr sich dieser Sommer von den vorangegangenen unterscheidet. Letztes Jahr zu dieser Zeit hätte ich mir ein schönes Glas Eistee geholt, mich zu Mom an den Tisch gesetzt und ihr in aller Ausführlichkeit von unserem Minigolftrip erzählt. Ein Teil von mir möchte das auch jetzt tun. Aber so, wie sie eben das Buch zugeschlagen hat, als ich reinkam, hat sie doch bestimmt was zu verbergen. Und bevor ich diesen Sommer irgendetwas anderes unternehme, muss ich herauskriegen, was es ist.
»Warong persuong«, sage ich und steuere auf die Hängeschränke zu.
»Warong persuong?«, fragt sie. »Was soll das denn heißen?«
Genau das, was ich gesagt habe: War super. Nur habe ich es auf Schweine-Französisch gesagt, das ich in Kilter gelernt habe. Es ist ähnlich wie Schweine-Latein, bloß werden da nicht nur Buchstaben verschoben, sondern man hängt an jedem Wortende auch noch ein näselndes ong an. So habe ich mit Mom nun schon achtundvierzig Stunden lang gesprochen. Hätte ich so was vor ein paar Monaten abgezogen, wäre ich so lange zu Stubenarrest verdonnert worden, bis ich gelobt hätte, wieder ordentlich zu reden. Jetzt aber knirscht sie nur mit den Zähnen und zwingt sich zu einem Lächeln, als würde sie sich über meine Sprachakrobatik amüsieren.
Weil ich keine Antwort gebe, steht sie auf, nimmt das Buch mit sich und flieht aus der Küche. »Zeit fürs Unkrautzupfen!«, ruft sie mir zu. »Bis später!«
In großen Zügen stürze ich ein Glas Wasser runter und gehe dann nach oben. Doch ich lasse mein Zimmer links liegen und steige noch eine Treppe höher … zum Dachboden.
Ein ungemütlicher, dunkler Ort, den ich selten aufsuche. Heute aber schon, denn Mom kam mir eben ziemlich nervös vor. Ich will sichergehen, dass sie nicht mehr das macht, wobei ich sie erwischt habe, als ich Weihnachten zu Hause war.
Mit angehaltenem Atem schalte ich die nackte Glühbirne an, die von der Decke hängt. Und atme im nächsten Augenblick erleichtert aus. Sie sind weg. Sämtliche Kilter-Akademie-Kartons voller Topsecret-Geräte und Artikel zum professionellen Ärgermachen, von denen niemand außerhalb der Akademie jemals hätte erfahren sollen. Von denen Mom allerdings aus irgendeinem Grund dennoch wusste. Und die sie irgendwie in die Finger gekriegt hatte.
Zurückgeblieben sind die ganz normalen Kartons mit alten Klamotten und der Weihnachtsdeko.
Zufrieden steuere ich wieder auf die Treppe zu.
Doch auf halbem Weg stößt mein Fuß gegen etwas Hartes.
Etwas, das mich vor Überraschung fast aus den Socken haut.
Denn soeben bin ich geradewegs über einen nagelneuen Kilter-Bumeree mit integrierter Nachtsicht-Technologie gestolpert. Mom muss ihn übersehen haben, als sie die anderen Beweisstücke beseitigt hat.
Mit hämmerndem Herzen schnappe ich mir die Waffe, stürme die Dachbodentreppe hinunter und flitze in mein Zimmer. Stürze ans offene Fenster.
Tatsächlich! Da ist sie, mit dem Rücken zu mir, auf den Knien. Zupft Unkraut aus der Erde und schmeißt es in eine Schubkarre. Es könnte die lockerste Trouble-Aktion werden, die ich jemals gemacht habe.
Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich die Art von Junge sein möchte, der sich solche Gelegenheiten nicht entgehen lässt … Aber offensichtlich möchte Mom, dass ich ein solcher Mensch werde. Warum hätte sie mich sonst in eine Fake-Reformschule abgeschoben? Von der sie wusste, dass es sich dabei in Wirklichkeit um eine top geheime Trainingseinrichtung für professionelle Troublemaker handelt?
Ich kann mir keine anderen Gründe vorstellen. Also werde ich ihr einmal mehr das geben, was sie möchte.
Der Bumeree ist halb Frisbee, halb Bumerang. Man wirft ihn wie eine Frisbeescheibe, aber per Knopfdruck auf die zugehörige kleine Steuerbox kommt er wie ein Bumerang zum Werfer zurück. Seit der Ultimativ-Aufgabe am Ende meines ersten Kilter-Semesters habe ich keinen Bumeree mehr benutzt … Damals, als Lemon, Gabby, Abe und ich unsere Mission erfolgreich erfüllten, sprich unsere Schuldirektorin Annika zum Weinen brachten, indem wir das Karussell im verfallenen Vergnügungspark in Brand gesteckt haben, den ihr Vater einst extra für sie hatte bauen lassen.
Zum Glück ist es mit dem Bumeree-Werfen so wie mit dem Fahrradfahren. Die erforderliche Technik stellt sich in derselben Sekunde wieder ein, als ich aushole und werfe. Ein Bumeree fliegt so schnell, dass man ihn zwar vorbeisausen hört, aber nicht sieht. Die übliche Reaktion der Zielperson besteht darin, unkoordiniert herumfuchtelnd auf die Luft einzuschlagen, als würde eine lästige Mücke um sie herumschwirren.
Genau das macht auch Mom, als ich den Bumeree ein zweites Mal werfe. Und gleich darauf noch einmal. Mit jeder Attacke wird ihre Reaktion besser. Nicht lange, und sie springt hoch, um sich mit den Händen hektisch durch die Haare zu wuseln. Gleich darauf hopst sie auch schon zwischen den Salatköpfen dahin ans andere Ende des Gemüsebeetes.
Als ich denke, dass sie genug hat, höre ich auf. Nachdem wir uns ein paar Tage lang ausgetrickst und getäuscht haben, sind wir jetzt quitt. Mom muss für das, was sie getan hat, ihre Gründe haben … Vielleicht weiht sie mich ja eines Tages ein. Aber fürs Erste können wir einen Waffenstillstand schließen und versuchen, den Rest des Sommers zu genießen.
Nachdem ich den Bumeree in meiner Hosentasche verstaut habe, verlasse ich mein Zimmer und begebe mich ins Bad. Da unser altes Haus keine Klimaanlage besitzt, besteht die beste Methode, mit der brütenden Sommerhitze fertig zu werden, darin, immer wieder kalt zu duschen. Zwar kann ich es gar nicht erwarten, Elinors Mail noch einmal zu lesen und zurückzuschreiben, aber ich möchte dabei auch nicht von Schweißtropfen gestört werden, die aufs K-PAD tropfen.
Im Badezimmer schließe ich erst einmal die Tür ab. Mir schon lebhaft ausmalend, wie toll sich das eiskalte Wasser auf der Haut anfühlen wird, ziehe ich mich aus, steige in die Wanne, drehe den Hahn auf … und schreie wie am Spieß.
Das Wasser ist nicht eiskalt. Sondern heiß wie glühende Lava.
Ich springe aus der Wanne. Schüttele Arme und Beine aus. Hüpfe von einem Bein auf das andere, als stünde ich statt auf einem Fliesenboden mitten im Krater eines aktiven Vulkans. Als ich soweit abgekühlt bin, dass ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann, drehe ich das Wasser ab und gleich wieder an, sorgfältig darauf bedacht, den Temperaturregler auf der kältesten Position zu belassen.
Dampfschwaden umwabern mich, als das Wasser noch heißer wird.
Ich gehe zum Waschbecken und drehe den Kaltwasserhahn bis zum Anschlag auf. Doch auch da kommt nur heißes Wasser herausgeschossen. Ich ziehe meine Shorts an, schnappe mir mein restliches Zeugs und stürme nach unten. Wo sowohl in der Küche als auch im Badezimmer im Erdgeschoss das Gleiche passiert.
Okay, jetzt bin ich wirklich am Kochen. Ganz offiziell. Aber trotz unseres Waffenstillstandes will ich Mom nicht um Hilfe bitten. Dad ist immer noch in seinem Arbeitszimmer, daher möchte ich auch ihn nicht fragen. Weil mir viel zu heiß ist, um auf andere Optionen zu kommen, schnappe ich mir ein paar Eiswürfel aus dem Gefrierfach des Kühlschranks und ziehe mich in mein Zimmer zurück, wo ich mich erschöpft aufs Bett plumpsen lasse.
Als ich einen Eiswürfel lutsche und mir vorstelle, dass meine Matratze ein Gletscher wäre, meldet sich mein K-PAD mit einer weiteren Nachricht des Trouble-Shops. Ich werde zu meiner Bumeree-Performance und den daraus resultierenden weiteren hundert Credits beglückwünscht sowie zum Kauf eines brandneuen Ärger-Produkts animiert, dem sogenannten Boomketball.
Ans Ende der Mail ist wieder ein Video-Icon angehängt. Aber anstatt darauf zu tippen, um es abzuspielen, drücke ich auf Antworten.
VON: [email protected]
Betreff: Re: Netter Job!
Hi,
danke, dass ihr mir das alles erzählt. Das mit dem Boomketball hört sich ja megawitzig an. Aber mal ’ne Frage zwischendurch. Wie könnt ihr eigentlich wissen, was ich gerade mache, wo ich doch zu Hause und nicht in der Schule bin?
Mit freundlichen Grüßen
Sam
Ich schicke die Mail ab. Nicht mal eine Minute später kriege ich schon die Antwort.
VON: [email protected]
Betreff: Re: Re: Netter Job!
Hey, Sam!
Wir haben keinen Schimmer, was du zu Hause so tust. Aber irgendwie hat jemand anderes das. Und vermutlich errätst du schon, wer dieser Jemand ist!
Klar tu ich das. Denn während ich darüber nachdenke, fällt mir nur eine Person ein, die über solch raffinierte Superkräfte verfügt.
Annika.
Strafpunkte: 400 Goldstars: 100
»Erst faltest du das Papier in der Mitte. Dann nimmste es wieder auseinander. Als Nächstes drehste es um neunzig Grad und faltest es wieder. Dann wieder auseinanderfalten, und du hast vier perfekte Quadrate. Siehst du?«
Tue ich. Aber ich fasse es einfach nicht.
»Lemon, nimm’s mir nicht übel … aber wie bist du denn auf dieses neue Hobby gekommen?«
Wir unterhalten uns mittels unseres neuen Videochat-Programms, das über Nacht wie von Geisterhand auf unseren K-PADs installiert worden ist. Auf der guten alten Cloudview Middle School, wo Notizen noch mit Papier und Kugelschreiber gemacht werden, hätte diese High-Tech-Errungenschaft einen wahren Schock ausgelöst. Aber ich habe schnell gelernt, dass Kilter technologisch seiner Zeit weit voraus ist. Als ich heute Morgen die Augen aufschlug und Lemons Gesicht mich vom Nachttisch aus anstarrte, auf dem ich vorm Einschlafen das K-PAD abgelegt hatte, bin ich also nur ein bisschen ausgeflippt. Aber nachdem ich ein paarmal geblinzelt hatte und Lemon immer noch da war, habe ich eins und eins zusammengezählt und mich einfach nur riesig gefreut, ihn zu sehen.
»Warum soll ich dir was übelnehmen?«, fragt Lemon.
»Sollst du nicht«, antworte ich. »Beziehungsweise solltest du nicht. Das … äh … das passt nur irgendwie nicht zu dir. Mehr nicht.«
Er heftet den Blick auf mich. Dann dreht er langsam den Kopf, so weit es sein Hals ihm gestattet. Über die Wand hinter ihm sind in wildem Zickzack diverse Fäden gespannt, an denen Dutzende kunterbunte Papierformen und -gestalten hängen. Ich sehe rote Papierhunde. Lila Papierhüte. Blaue Papierflugzeuge. Pinkfarbene Papierherzen. Alle von Lemon selbst gemacht.
Er dreht sich wieder zu mir um. »Das ist Origami. Die traditionelle japanische Kunst des Papierfaltens.«
»Ich weiß.«
»Japan ist cool.«
»Ist es. Und Papier ist voll super.« Ich hege zwar keinerlei besondere Gefühle gegenüber diesem fast ausgestorbenen Material. Aber wenn es Lemon glücklich macht, das Zeugs zu falten, macht es mich auch glücklich. »In Kilter hast du dich nur nie mit so etwas beschäftigt. Oder etwas davon erzählt.«
Seine Mundwinkel sinken kurz, bevor sie sich wieder heben und der Mund sich zu einer geraden Linie formt. »Neulich hab ich einen Hai aus Alufolie gemacht und ihn meinem kleinen Bruder geschenkt. Er ist total darauf abgefahren. Dann bin ich ins Internet, um rauszufinden, wie man andere Figuren machen kann. So bin ich auf Origami gestoßen. Man braucht quadratisches Spezialpapier dafür. Also sind Mom und ich gleich zu einem Bastelladen gefahren.«
Bevor ich etwas sagen kann, klopft es an seiner Tür.
»Herein«, sagt Lemon.
Die Tür geht auf. Eine kleinere, dünnere Version meines besten Freundes kommt ins Zimmer geflitzt und hält ein riesiges Streichholz in die Luft.
»Guck mal, was ich gefunden hab!«
Lemon blickt über die Schulter zurück. Prompt lässt er das Papier, das er gerade gefaltet hat, fallen und springt auf. »Finn! Wo hast du das her?«
»Aus dem Müll«, sagt Lemons kleiner Bruder. »Ist deins, oder?«
»Es war meins. Bevor ich es weggeworfen hab.«
»Aber es funktioniert noch. Siehst du?« Finn drückt auf einen Knopf. Eine orangefarbene Flamme kommt aus der Spitze des langen Feuerzeugs geschossen. »Wenn du’s nicht mehr willst, kann ich es ja …«
Lemon stürmt durch das Zimmer und nimmt ihm das Feuerzeug weg. »Spiel lieber damit.« Er drückt seinem Bruder einen Stapel Papier in die Hand, schiebt ihn hinaus und schließt die Tür wieder. Dann kommt er an seinen Schreibtisch zurück und hebt das fallengelassene Papier auf, um sich erneut der Falterei zu widmen. »Sorry.«
»Kein Problem.«
»Na, egal, jedenfalls würdest du nicht glauben, wie viele Papiersorten es gibt. In sämtlichen Farben. In allen Größen. Einige glänzen, und andere sind sogar mit Glitter überzogen.«
»Hört sich nach einem mordslustigen Hobby an. Und ganz offensichtlich bist du richtig super darin. Aber …«
»Sportsfreund!«
Ich zucke vor Schreck zusammen. Dad klopft an meine Tür.
»Ich muss jetzt zur Arbeit! Und deine Mutter ist schon los zu ihrem Wellnesstag mit ihren Mädels. Wir sind gegen fünf wieder zurück. Amüsier dich schön. Bis später.«
»Scrabble-Revanche heute Abend?«, rufe ich zurück.
Er antwortet nicht. Alles, was ich höre, ist, wie er entgegen seiner Gewohnheit mit rasanten Schritten über den Korridor davonhastet.
»Stimmt was nicht?«, fragt Lemon.
Stirnrunzelnd starre ich auf die geschlossene Zimmertür. »Wenn ich das nur wüsste.«
Normalerweise geht Dad nicht aus dem Haus, ohne mich vorher zu drücken. Wenn ich gerade dusche oder mich anziehe, wartet er mit dem Weggehen, bis ich nach unten komme. Selbst wenn er dadurch zu spät zur Arbeit kommt.
Ich bin kurz davor, Lemon davon zu erzählen, als mein K-PAD einen Piepston von sich gibt.
»Das ist Abe«, sage ich, als ich seinen Namen in der Ankündigungsbox lese, die aufgepoppt ist und nun Lemons Nase verdeckt. »Soll ich rangehen?«
Lemon begutachtet den Fortschritt seines aktuellen Kunstwerks. Ich klicke auf die Ankündigungsbox. Das Display des K-PADs teilt sich, als neben Lemons Gesicht das unseres Ä-Team-Kameraden erscheint.
»Hey«, begrüßt Abe uns.
»Hi«, antworte ich lächelnd. Mit Abe bin ich nicht so dick befreundet wie mit Lemon. Aber trotzdem haben wir im letzten Jahr eine Menge zusammen durchgemacht. Es ist schön, ihn wiederzusehen. »Wie geht’s?«
»Super! Ich meine, gut.« Er weist mit dem Kinn dorthin, wo Lemon sich auf seinem K-PAD-Display befinden muss. »Coole Fingerarbeit, L-Man.«
»Wie ist dein Sommer?«, beeile ich mich zu fragen, bevor Abe Lemon zu löchern beginnt.
»Schwer zu tun«, sagt er. »Ich wollte euch nur mal kurz kontroll… äh … hallo sagen. Sehen, was ihr so macht. Habt ihr irgendwas von dem probiert, was wir in der Schule gelernt haben?«
»Ich hab ein paar Sachen probiert«, antworte ich bewusst vage. Abe ist mega leistungsorientiert und dauernd bestrebt, der beste Troublemaker in unserer Klasse zu werden. Nicht genau zu wissen, was ich angestellt habe, wird ihn folglich ärgern – und mich prächtig amüsieren.
Seine Augen verengen sich, aber er bohrt nicht weiter nach. »Und du, Lemon? In letzter Zeit mal wieder irgendwelche Briefkästen abgefackelt?«
Lemons Hand erstarrt. Eigentlich ist es eine vernünftige Frage, aber offensichtlich schmeckt sie ihm nicht. Zum Glück gibt mein K-PAD wieder einen Piepston von sich.
»Gabby«, sage ich, als ihr Name auf dem Display aufpoppt. »Soll ich rangehen?«
»Nein«, sagt Abe.
»Ja«, sagt Lemon.
Ich tippe auf die Box. Lemons und Abes Gesichter schrumpfen, als sich das Bild auf dem K-PAD drittelt und das vierte Mitglied des Ä-Teams erscheint.
»OH. MEIN. GOTT!«, kreischt Gabby begeistert. »Mensch, Jungs! Ihr seid es tatsächlich. Mann, ist das lange her. Ich hab euch sooo vermisst! Wie geht es euch? Ihr müsst mir alles erzählen!«
»Hast du gerade deine K-PAD-Kamera geküsst?«, fragt Abe.
Hat sie. Zumindest hat es so ausgesehen. Ihr Bild ist plötzlich so riesengroß geworden, dass es hinter einem schimmernd-pinkfarbenen Mund förmlich verschwunden ist, um gleich darauf wieder aufzutauchen, nachdem sie ihr Lipgloss von der Kameralinse gewischt hat.
Anstelle einer Antwort weiten sich ihre blauen Augen im nächsten Moment so extrem, dass es aussieht, als würden sie die Hälfte ihres Kopfes einnehmen. Sie sind auf Abe gerichtet, der schnell den Blick abwendet, um nicht in die Fänge ihres berüchtigten Hypnoseblicks zu geraten.
»Uns geht’s gut«, antworte ich kurzerhand für alle. »Und dir?«
Gabbys Augen schrumpfen wieder auf Normalgröße. »Toll! Vor allem jetzt, wo wir sozusagen die ganze Zeit miteinander reden und uns auch noch SEHEN können.«
Ein lautes Klopfen dröhnt aus dem Lautsprecher.
»Bin beschäftigt!«, ruft Abe.
Abes Zimmertür öffnet sich. Ein Mann – vermutlich sein Dad – taucht hinter ihm auf.
»Wie wär’s mit wenigstens ’ner kleinen Sport-Session vor der Arbeit?« Mr Hansen hält beide Hände hoch. In der einen hat er einen Football, in der anderen einen Baseball.
»Ja«, sagt Abe.
»Du kannst dir sogar aussuchen, was wir spielen!«, ruft Mr Hansen.
»Dann nehm ich gar nichts«, verkündet Abe.
»Ach, komm schon. Ein kleiner netter Wettkampf ist gut für …«
Mr Hansen verstummt, als Abe sich umdreht. Ich kann nur seinen Hinterkopf erkennen, also habe ich keine Ahnung, was für einen Blick er seinem Dad zuwirft. Aber er muss ziemlich böse sein, denn sein Dad runzelt nur die Stirn und verlässt wortlos das Zimmer.
Abe wendet sich wieder uns zu. »Also. Gabby, hast du schon irgendwelchen Ärger gemacht?«
Gabby zögert, und mir ist klar, dass sie gerne fragen würde, was das eben zu bedeuten hatte. Doch stattdessen beantwortet sie schließlich seine Frage. »Vielleicht ’n bisschen. Aber nur, weil ich musste!«
»Warum musstest du?«, hake ich nach.
»Wegen Flora. Meiner älteren Schwester. Die ist völlig durchgeknallt! Sie war so süß zu mir, als ich das erste Mal nach Hause kam. Aber jetzt? Mir kommt es vor, als würde sie alles machen, um mich loszuwerden. Sie hat sich zum Beispiel einfach meine Lieblingsäffchenpuschen unter den Nagel gerissen, ohne mich zu fragen. Und als sie sie mir zurückgegeben hat, waren die voller Grasflecken. Und …«
»Hey! Trottelschwester!«
Gabbys Mund klappt schlagartig zu. Ihre Zimmertür fliegt auf. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren kommt hereingeplatzt und fängt sofort an, durchs Zimmer zu wirbeln.
»Mom und ich gehen shoppen. Ich brauch ’ne neue Jacke. Wo ist eigentlich deine Jeansjacke? Die mit den Kristallknöpfen? Und den Blumenstickern? Und …«
Das Mädchen, bei dem es sich vermutlich um Flora handelt, plappert munter weiter, während sie Schubladen öffnet und in Gabbys Klamotten herumwühlt. Aber ich höre gar nicht mehr zu, sondern konzentriere mich nur auf Gabby. Die zu Boden blickt und nichts sagt. Nichts. Gabby! Die sonst immer irgendwas zu sagen hat.
»Aha!« Flora ist wieder aus einem Wandschrank aufgetaucht und hält die Jacke in die Höhe. »Dann noch viel Spaß mit deinen Büchern. Oh, und warte am Mittag nicht auf uns. Wir essen unterwegs was. Bis dann, du Nerd!«
Flora verschwindet. Gabby verharrt noch eine Sekunde in Schweigen. Dann steht sie auf, schließt die Tür, die ihre Schwester offen gelassen hat, und nimmt wieder Platz.
»Also«, beginnt sie. »Sie hat mir meine Puschen mit Grasflecken versaut. Wer, frage ich euch, würde Hauspuschen, noch dazu so wunderschöne, draußen tragen? Dann hat sie noch alle meine Schoko-Rosinen aufgefuttert, die sie eigentlich hasst und von denen sie genau weiß, dass Mom sie nur für mich kauft. Und dann …«
»Gabby«, unterbricht Abe sie. Gleich wird er fragen, warum sie Flora einfach erlaubt hat, so hereinzuplatzen und sich die Jacke zu mopsen, und wie es kommt, dass sie nicht auch mit shoppen geht. Aber er erwidert ihr den Gefallen, den sie ihm eben getan hat, indem er die bizarre Unterbrechung von eben komplett ignoriert.
»Was?«, fragt Gabby.
»Komm zur Sache«, sagt Abe. »Was hast du für Ärger gemacht?«
Ich höre nur halb zu, als sie von Kontaktlinsen, die im Dunkeln leuchten, Röntgensonnenbrillen und anderem Equipment erzählt, das sie benutzt hat, um es ihrer Schwester heimzuzahlen. Gabby gehört zur Kilter-Gruppe der Biogift-Performer, deren Stärke darin besteht, mittels echter und auch gefakter Körperfunktionen und -ausscheidungen Ärger zu machen. Was Gabby auszeichnet, ist ihr bohrender Hypnoseblick, mit dem sie jeden dazu bringt, genau das zu machen, was sie will. Und wie es aussieht, hat sie sich in dieser Beziehung in Form gehalten.
Ich höre nur halb zu, als Abe eine Andeutung darüber macht, was er im Schilde führt. Er gehört zur Gruppe der Kilter Farbartisten, denn er ist ein talentierter Zeichner und Maler und kreiert verwirrende und zuweilen sogar furchteinflößende »Kunstwerke«. Um sich als Troublemaker einen Vorteil zu wahren, räumt er lediglich ein, dass er nachts heimlich an einem Mauerwandbild arbeit. Ein Meisterwerk, das, wenn es erst einmal fertig ist, vermutlich die gesamte Nachbarschaft auf den Kopf stellen wird.
Während sie so reden, achte ich hauptsächlich auf Lemon. Wieder und wieder faltet und entfaltet er dasselbe Blatt Papier, ohne im Geringsten auf Gabby oder Abe zu achten. Nur ein einziges Mal guckt er hoch, als es an seiner Zimmertür klopft. Woraufhin er das Blatt auf den Schreibtisch legt und in die Kamera starrt.
»Bis später«, sagt er, bevor sein Drittelbild auf meinem K-PAD-Display verschwindet.
»Was hat der denn für ’n Problem?«, fragt Abe.
»Er hat kein Problem«, sagt Gabby. »Es ist einfach nur Lemon. Und wie lautet deine Ausrede?«
Mein knurrender Magen erinnert mich daran, dass ich noch nichts im Bauch habe. »Ich sollte dann auch mal, Leute. Machen wir später weiter?«
Sie stimmen zu. Wir verabschieden uns und gehen aus dem Chat. Als ich aus dem Bett krieche und durchs Zimmer wusele, denke ich über Lemon und sein schräges Hobby nach. Ob da etwas vorgefallen ist? Haben seine Eltern ihm etwa ordentlich eingeheizt wegen seines alten Hobbys? Das, weswegen sie ihn nach Kilter geschickt haben?
Ich verharre, eine Hand bereits am Türknauf. Es ist so was von abgefahren, dass unsere Eltern – Mom natürlich mal ausgenommen – Kilter für eine superexklusive Privatschule halten. Eine tolle Einrichtung, in der die übelsten Kids des Landes in brave verwandelt werden.
Wobei Kilters wahrer Zweck, aus talentierten Amateur-Troublemakern Profis zu machen, nur Annika, den Angestellten der Akademie und den Schülern bekannt ist.
»Irre«, sage ich und drehe am Türknauf.
Der sich nicht bewegt.
Woraufhin ich ihn andersherum drehe. Und wieder zurück. Ich vergewissere mich, dass nicht abgeschlossen ist. Drehe und ruckele noch etwas weiter herum. Packe das Ding ganz fest und lehne mich mit meinem ganzen Gewicht zurück, bis ich in einem Fünfundvierzig-Grad-Winkel dastehe.
Der Türknauf bewegt sich nicht.
Mein Herz fängt an zu rasen. Meine Handflächen werden feucht.
»Keine Panik«, rede ich mir gut zu.
Und es wirkt. Zumindest vorerst. Als Erstes schnappe ich mir eine Socke aus der Kommode und den Zauberwürfel vom Schreibtisch. Die beiden Sockenenden mit einer Faust umklammernd, lege ich den Würfel in die so entstandene Schlaufe. Ich hole mit der improvisierten Schleuder aus und lasse den Würfel sausen. Er kracht genau gegen den Knauf und fällt zu Boden.
Das mache ich geschlagene drei Mal, in der Hoffnung, den Knauf von der Tür zu fetzen. Fehlanzeige. Schließlich flitze ich zur Tür, um wie verrückt am Knauf zu rütteln.
Nichts. Es ist, als wäre das Teil festbetoniert.
Nun bekomme ich doch Panik, wenn auch nur ein wenig. Denn im Moment ist niemand zu Hause, und es ist erst zehn Uhr. Bis Mom und Dad zurückkommen, werden noch Stunden vergehen. Ich habe kein Telefon hier, um sie um Hilfe zu rufen, war noch nicht mal auf dem Klo, und mein leerer Magen knurrt wie verrückt. Schon jetzt ist es drückend heiß, und spätestens am Mittag wird sich mein Zimmer in einen Hochofen verwandeln. Meine Haut wird vom Körper schmelzen, die Knochen werden bersten und zerbröckeln, so dass von dem zuweilen bösen, aber meist braven Sam Hinkel nichts übrigbleiben wird als eine zerzauste Masse Haare, eine grüne Pyjamahose und ein Kilter-Akademie-T-Shirt.
Mein summendes K-PAD rettet mich vor einem vorzeitigen Kollaps. In der verzweifelten Hoffnung auf eine Mail von Mom oder Dad – auch wenn das eigentlich unmöglich ist, da das K-PAD keine Mails von Nicht-Kilter-Adressen empfängt – stürme ich zum Nachttisch.
Die Nachricht ist weder von Dad noch von Mom, sondern von Ms Parsippany, meiner ehemaligen Aushilfslehrerin, meinem versehentlichen Apfel-Opfer. Sie ist inzwischen meine Brieffreundin und gleichzeitig die einzige Ausnahme von Kilters E-Mail-Regeln. (Was wir irgendeinem Fehler auf dem Kilter-Server zuschreiben.) Ich habe wochenlang nichts von ihr gehört.
VON: [email protected]
Betreff: Schöne Sommerferien!
Lieber Sam!
Hallo! Wie geht es dir? Freust du dich, zu Hause zu sein? Genießt du die Sommerferien?
Tut mir leid, dass ich mich eine Weile nicht gemeldet habe. Wie ich in meiner letzten Mail geschrieben habe, war ich viel auf Reisen. Wo es manchmal ganz schön schwierig war, einen Internetzugang zu finden – vor allem, wenn du mitten in der wilden Berglandschaft der Appalachen steckst, dich in den Red Rocks von Utah verlaufen hast oder du eine abgelegene Insel fünfzig Meilen vor der Küste Floridas erkundest. Apropos: Hast du jemals eine Kokosnuss probiert? Eine richtige, frisch vom Baum? Wenn nicht, kann ich dir das nur wärmstens empfehlen.
Wie dem auch sei, eigentlich wollte ich nur mal wieder hallo sagen. Ach ja, außerdem habe ich mich gefragt, ob du wohl Bartholomew John gesehen hast, seit du zu Hause bist. Wenn ja, wie geht es ihm denn? Legt er sich immer noch gerne mit anderen an und bringt sich damit in Schwierigkeiten? Hast du mal mit anderen Cloudview-Kids geplaudert? Oder mit welchen aus der Nachbarschaft? Falls ja – waren welche darunter, die auch gerne Ärger machen? Da du nun so ein Experte bist, wette ich, dass du einen potentiellen Troublemaker erkennst, noch bevor der selbst überhaupt daran denkt, eine Papiermatschkugel abzufeuern – oder einen Apfel ☺
Mein Hubschrauber startet gleich, also sollte ich zum Ende kommen. Bitte schreib doch mal zurück, wenn du Lust hast. Es würde mich freuen, wieder von dir zu hören.
Mit herzlichen Grüßen
Ms Parsippany
Ein paar Dinge an dieser Mail sind auffällig. Zum Ersten verliert Ms Parsippany kein Wort darüber, was sie an all diesen interessanten Orten eigentlich treibt. Macht sie einen richtig langen Urlaub? Allerdings hat sie bereits während des Schuljahrs davon gesprochen, dass sie herumreist … Und warum fragt sie nach meinem Erzfeind Bartholomew John? Warum will sie wissen, ob ich potentielle Troublemaker aus der Umgebung getroffen habe? Und ganz abgesehen davon: Die meisten Leute fliegen doch mit einem Flugzeug. Was also macht sie in einem Hubschrauber?
Lauter Sachen zum Nachdenken. Aber ich kann nicht. Nicht jetzt. Denn das Wort »Kokosnuss« in ihrer Mail verhindert, dass ich über irgendetwas anderes nachdenken kann als über Essen. Es erinnert mich daran, dass ich fast am Verhungern bin.
Ich schwöre mir, ihr zu schreiben, sobald ich wieder Zeit dafür habe, lege das K-PAD auf den Nachttisch zurück und gehe zum Fenster.
Sind doch nicht viel mehr als dreißig Zentimeter, lüge ich mir selbst die Hucke voll. Denn mein Zimmer liegt im ersten Stock. Und ich hasse Höhen. Mir einzureden, dass der Boden sehr viel näher ist, als es aussieht, ist meine einzige Chance.
Ich setze mich aufs Fensterbrett, den Blick unverwandt auf die Baumkrone vor mir gerichtet. Mit angehaltenem Atem hebe ich das erste Bein durch die Fensteröffnung.
Woraufhin sich augenblicklich ein Schwarm blutrünstiger Fledermäuse auf mein Gesicht stürzt. Oder zwei Schmetterlinge vorbeiflattern. Schwer zu sagen, denn was auch immer es sein mag, veranlasst mich, einen blitzartigen Rückzieher zu machen, so dass ich hart auf dem Zimmerboden lande.
»Elinor wartet im Hof«, sage ich zu mir, als ich mich aufrappele. Unglücklicherweise ist auch das eine Lüge. Aber so zu tun, als wär’s wahr, hilft mir, einen anderen Fluchtplan auszuhecken.
