Samu und Yoko - Ingrid Biesenbach - E-Book

Samu und Yoko E-Book

Ingrid Biesenbach

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Beschreibung

Nach dem Untergang der Zivilisation des 21. Jahrhunderts haben nur wenige Menschen überlebt. Auch die gesamten technischen Errungenschaften sind verloren gegangen. Die jungen Kundschafter Samu und Yoko leben in einer kargen Steppenlandschaft und versuchen sich und ihre Gruppe durchzubringen. In ihrer postapokalyptischen Welt ist ihr Überleben immer fragil und äußerst ungewiss. Unter Bedingungen, die der Frühgeschichte des Menschen nicht unähnlich sind, schwanken sie zwischen der Angst vor vollständiger Auslöschung und dem Blick in eine neue Zukunft. Sie entscheiden sich für die Hoffnung und begeben sich auf eine abenteuerliche Reise, um den unbekannten Südwesten des völlig veränderten Kontinents zu erforschen.

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gewidmet Anna-Lena, Uli, Katrin und Dante

„Ich freue mich über jeden, der versucht, die Verbundenheit mit unserer Mitwelt zu schützen.“

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Der Wald

Der junge Samu

Samu und die Jäger vom Koha-Clan

Der Koha-Clan

Die Höhle

Samu, der Kundschafter

Die junge Yoko, Hektor und der Kitawa-Clan

Wie Yoko aufwächst

Yokos Waldlager

Hektor und der Kitawa-Clan

Die geheimnisvolle Krankheit

Langersehnte Hilfe naht

Die gemeinsame Reise beginnt

Samu übt

Die Schlucht

Die Steinwüste

Die Alte Stadt aus der verschollenen Kultur

Die Kinder

Rufus und die „Lobos“

Der Raub

Eine alles verändernde Entscheidung

Die Explosion

Die Überläufer

Yoko und die Kinder mussten fliehen

Die Höhle am Rande der Schlucht

„Leormand“ und Yokos Waldlager

Die Pferde

Samu kehrt zurück

Das große Fest

Das Regenbogenlied

Nachwort

Danksagung

Weitere Informationen

Einführung

Die Zeit nach der Klimakatastrophe ist angebrochen und hat die Erde völlig verwandelt. Die Menschen haben sich in den darauffolgenden Dürrezeiten und Kriegen um die verbliebenen Ressourcen fast vollständig aufgerieben. Wenn es noch einzelne, versprengte Menschen geben sollte, würden sie nichts voneinander wissen, denn die gesamten technischen Errungenschaften der verschwundenen Kultur sind mit ihnen untergegangen.

Doch ganz im äußersten Nordosten lebt eine kleine Schar von Menschen, bunt zusammen gewürfelt aus Überlebenden der verschiedensten Herkunft. Sie leben als Nomaden in einer kargen Steppenlandschaft und versuchen sich unter den Bedingungen, die der Frühgeschichte des Menschen nicht unähnlichen sind, durchzubringen. In ihrer postapokalyptischen Welt ist ihr Überleben immer fragil und äußerst ungewiss.

Die jungen Kundschafter Samu und Yoko leben in der dritten Generation nach dem Untergang der Zivilisation des 21. Jahrhunderts. Ihr Leben schwankt zwischen der Angst vor vollständiger Auslöschung und dem Mut auf einen zuversichtlichen Blick in eine neue Zukunft. Sie entscheiden sich für die Hoffnung und begeben sich auf eine Reise voller Abenteuer, um den noch unbekannten Südwesten des völlig veränderten Kontinents zu erforschen.

Der Wald

An diesem frühen Morgen starrte Samu, komplett ausgerüstet und mit dem langen Wurfspeer in seiner Hand, in den unbekannten Wald hinein. Bisher kannte er keinen Wald. Nicht mal einen richtigen Baum. Und schon gar nicht solche riesig und mächtig aufragenden, unzähligen Baumriesen. Wie ein Trupp starker Wächter ragten sie vor ihm auf. In seiner Heimat aus Eis und Schnee konnten nicht einmal Pflanzen wachsen. Und in den Jahren, allein in der endlosen Steppe, hatte er höchstens, außer Gräsern, mal ein paar Büsche gesehen.

Schon ziemlich lange stand er jetzt unschlüssig herum. Er bekam einen immer größeren Respekt vor diesem unbekannten Lebensraum. Sein Clan hatte ihn als Kundschafter in den Südwesten geschickt, um neue Möglichkeiten zum Überleben zu erkunden. Vielleicht andere Überlebende zu finden, oder neue, ergiebigere Jagdgründe. Eben einfach alles, was ihrer kleinen Gruppe Vorteile verschaffen konnte. Und er hatte eingewilligt, war sogar etwas stolz darauf gewesen. Aber er hatte ja keine Vorstellung gehabt!

Sein Clanchef hatte davon gesprochen, dass er in seinen Träumen einen Wald gesehen hatte. Und damals hatte er sich nichts vorstellen können, das auch nur annähernd diesem dunklen Dickicht zwischen den mächtigen Baumriesen nahe kam. Du kannst das, machte er sich selbst Mut. Und dann trat er rasch und ohne zu zaudern in den Wald hinein. Schon nach wenigen Schritten stolperte er über eine große Wurzel, fiel der Länge nach auf den Bauch und landete mit dem Gesicht im Morast. Als er sich wieder aufgerappelt hatte, fand er sich umschlossen, ja beinahe gefangen von vielfältigem, wilden Blättergewirr. Lange, armdicke Lianen wanden sich um die Rinde der Bäume oder baumelten träge zwischen den Stämmen. Viele unbekannte Geräusche stürzten auf ihn ein. Vogelstimmen? Oder was war das sonst? Am Boden raschelte es von Nagern und kleinen Schlangen. Was verbarg sich wohl noch in den herabgefallenen Blättern und dem modrigen Holz? Vielleicht Schwärme von stechenden Insekten?

Um ihn herum keckerte und schnalzte es. Er wischte sich den ekligen Morast aus dem Gesicht, spuckte aus und ärgerte sich. Wie konnte ich überhaupt einwilligen, mit meinen knapp neunzehn Jahren so einen blöden Job zu übernehmen?

Missmutig, aber grimmig entschlossen, stapfte er weiter in den Wald hinein. Völlig unbedacht trampelte er kreuz und quer herum. Er fühlte sich unsicher, und als er darüber nachdachte, hatte er auch das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber er konnte niemanden entdecken. Oder war das nur wieder so eine Sache aus seiner Vergangenheit, die seine Wahrnehmung getrübt hat? Eine Erinnerung an Gefühle von unendlicher Einsamkeit?

Er nahm sich vor, ein Schlafnest in die stabile Astgabel eines Baumes zu bauen und dort auf den Abend zu warten. Er brauchte Ruhe, um wieder Klarheit in seine Gedanken zu bekommen. Dann entdeckte er ein Wasserloch. Er streifte seinen Wasserschlauch von der Schulter und trat an das Wasser heran. In diesem Moment bemerkte er aus den Augenwinkeln einen Schatten und eine kaum wahrnehmbare Bewegung im Dickicht voraus. Zu spät! Er konnte nicht mehr ausweichen. Was war es, dass ihm da auflauerte?

Ganz langsam und lautlos zog er einen Pfeil aus seinem Köcher und spannte ihn in seinen Bogen ein. Unbewegt fixierte er die Stelle im Gebüsch. Aber da war Nichts. Er drehte sich vorsichtig nach rechts und dann sah er es. Große, wild lodernde Augen bohrten sich plötzlich aus dem Dickicht und starrten ihm entgegen. Jetzt hörte er auch etwas, ein scharfes, drohendes Knurren, verhalten wie eine Warnung. Die Hand mit dem Bogen begann zu zittern. Es war eine große Raubkatze, die gefährlichste Kreatur, die er sich vorstellen konnte. Sie verharrte jedoch reglos. Was sollte er tun?

Er kam nicht umhin, ihre Kraft und Schönheit zu bewundern. Ihr Fell glänzte wie Seide, ihre Muskeln spielten. Ihr ganzer Körper war, wie zum Sprung angespannt. Aber in seinem Kopf hämmerte ein Gedanke wie ein Stakkato: Töte sie, töte sie – sonst tötet sie dich! Aber er zögerte und wusste selbst nicht warum. In diesem Augenblick hörte er eine leise Stimme hinter sich: „Ruhig. Nicht bewegen! Ich helfe dir“, flüsterte sie dicht an seinem Ohr. „Denke an etwas, dass du liebst und breite dieses Gefühl in deiner Brust aus, hier wo meine Hand dich berührt.“

Samu spürte die warme Hand auf seiner Brust aber er dachte: „Was soll ich …? Liebe fühlen…? In dieser Situation…?“ „Tu es!“ forderte die flüsternde Stimme eindringlich. „Denke an alles, was du je geliebt hast!“.

Samu dachte also an seine schöne, sanfte Mutter, an seinen kleinen Bruder und an Koha, seinen Clanchef. Er beschwor die Liebe, die er für diese Menschen empfand – und ließ dabei die wilde Kreatur nicht eine Sekunde aus den Augen.

„Gut“, flüsterte die Stimme. „Weiter so. Mehr Liebe, noch viel mehr. Fülle den ganzen Raum um dich mit Liebe. Los, mach schon! Ich helfe dir.“

Sein Körper zitterte jetzt vor Anspannung. Die wilde Kreatur konnte ihn jeden Moment anspringen. Unter Aufbietung all seines Mutes beschwor er weiterhin Gefühle der Liebe, während er wahrnahm, dass die Raubkatze sich umdrehte und langsam und geräuschlos in den Wald hinein verschwand. „Puh“; er ließ seine angehaltene Luft entweichen, und unmittelbar ließ die Anspannung in seinem Körper nach. Er sackte in sich zusammen und fiel auf den Boden. Ein paar Sekunden brauchte er, dann drehte er sich um und konnte nicht glauben, was er sah. Da stand eine junge Frau und schaute ihn mit spöttischem Blick lächelnd entgegen. Sie reichte ihm jetzt ihre Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen.

"Wie? - Wo?", stotterte er und ergriff ihre Hand. Sie lachte. Er sah sie an. Auf den ersten Blick wirkte sie feingliedrig, zart und sanft auf Samu. Und gleichzeitig spürte er ihre starke Klarheit, Bewusstheit und Kraft, die sie ausstrahlte. Diese Kombination faszinierte ihn so unglaublich, dass es ihm für einen Moment die Sprache verschlug.

„Entspann dich, ich beobachte dich schon seit dem Morgen und ich konnte nicht zulassen, dass du die große Wildkatze tötest. Sie hat nämlich Junge!“

Samu war es peinlich, dass er so würdelos vor dieser verdammt hübschen Frau auf dem Boden gelegen hatte. Er machte sich gerade und klopfte die lose Erde von sich ab. „Ich hab sehr wohl gespürt, dass mich da etwas oder jemand verfolgte. Leider konnte ich dich nicht sehen. Du bist wohl sehr versiert im Pirschen“, sagte er.

Danach füllte er erst einmal seinen Wasserschlauch und bemühte sich währenddessen um eine festere Stimme. „Ich bin Samu. Gut, dass du da warst, aber ich wollte dieses Tier nicht wirklich töten. Ich hatte es nur zu spät bemerkt. Eigentlich wollte ich nur Wasser.“

„Und ich bin Yoko“, sagte sie und strich sich eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht. Sie musterte Samu ungeniert. Sein sehniger, lang gestreckter Körper ließ nicht auf den ersten Blick seine Kraft und Ausdauer erkennen. Seine Antwort gefiel ihr und auch seine großen dunklen Augen.

Etwas verlegen standen sie sich einige Minuten gegenüber. Entschlossen sagte sie dann: „Begleite mich, mein Lager ist nicht weit vor hier.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte sie sich in Bewegung, und Samu hielt einen Augenblick inne, bis sein Herz sich entschloss ihr zu folgen.

Der junge Samu

Nach den großen Stürmen und dem darauffolgenden Ascheregen, der den Schnee schwarz färbte, verließen die wenigen verbliebenen Menschen ihren angestammten Lebensraum aus Eis und Schnee und zogen gen Süden. Samus Familie zog zunächst zusammen mit der Gruppe. Aber Samus Vater, der Dorfvorstand gewesen war, konnte sich nicht daran gewöhnen, sich anzupassen. Solange er denken konnte, hatte sein Wort gegolten. Niemals hatte man ihm widersprochen, stur und starr beharrte er auf seinem Entscheidungsrecht. Er fürchtete, die Gruppe könnte ohne seine Autorität auseinanderbrechen. Doch genau das sollte geschehen. Denn seine Führungsqualitäten wurden den neuen Anforderungen nicht mehr gerecht.

Er konnte das aber nicht einsehen. Als die Gruppe sich weigerte, ihm weiter zu folgen, entschied sich Samus Vater, die anderen zu verlassen und mit seiner Familie allein weiterzuziehen. Alle beschworen ihn, doch bei ihnen zu bleiben, aber sein Entscheidungsprivileg bedeutete ihm wohl mehr, er konnte sich bis zuletzt nicht vorstellen, dass die anderen tatsächlich seine Führung nicht mehr akzeptieren wollten.

In diesem Winter verlor Samu zuerst seinen kleinen, erst vor drei Monaten geborenen Bruder, der den Winterstürmen nicht trotzen konnte. Als schließlich seine große Schwester von einem glatten Grat in eine tiefe Gletscherspalte stürzte, waren sie nicht einmal in der Lage, ihren leblosen Körper zu bergen. Die Mutter überließ sich ihrem Kummer und der fürchterlichen Kälte in einer dunklen Nacht. Sie fanden sie leblos am Morgen, festgefroren im Eis. Sie zu begraben war unmöglich. Sie konnten lediglich einen großen Hügel aus Schnee um sie aufschichten. Einige Wochen später, als sie die Landschaft aus Eis und Schnee gerade überwunden hatten, erlag der Vater seiner Verbitterung und einer schweren Lungenerkrankung.

Samu war jetzt zwölf Jahre alt und ganz allein in der weiten, leeren Steppe. Er begrub den Vater unter einem Hügel von Steinen. Mit einer scharfen Steinklinge ritzte er die Namen von Bruder, Schwester, Mutter und Vater in den größten Stein, den er finden konnte. Er ritzte und weinte, arbeitete verbissen weiter und weinte weiter. Als er endlich damit fertig war, hatte er blutende Hände voller aufgeplatzter Schrammen, aber keine Tränen mehr. Er wollte weiter nach Süden ziehen. Nichts sonst interessierte ihn mehr, denn nun hatte er ja nichts mehr zu verlieren.

In der ersten Zeit sprach er oft mit sich selbst. Aber nach und nach vergaß er die menschliche Sprache. Er lernte von den Tieren. Wie man jagt, was man essen konnte oder lieber meiden musste. Er lernte von den Tieren, an welchem Busch er sich reiben musste, um die Wunden zu reinigen und sich vor Parasiten zu schützen. Er wiegte sich mit dem hohen Gras der Steppe im Wind, um Schlaf zu finden und wurde immer mehr zu einem Kind der Wildnis. Wenn er Laute von sich gab, waren es solche, die er von den Tieren gehört hatte. Er brummte, zischte gefährlich oder drohte durch scharfes Knurren. Er vergaß alles, was über Durst, Hunger und Müdigkeit hinausging und lebte von einem Moment zum Nächsten, so gut es eben ging.

Manchmal, wenn er einen guten Ort zum Überleben gefunden hatte, blieb er. Aber nach einer Weile verspürte er immer wieder diese tiefe Unruhe in sich und er zog weiter gen Süden. Er verstand nicht mehr warum, aber dieser Richtungssinn war ihm als Einziges geblieben.

Samu und die Jäger vom Koha-Clan

Als der Winter sich zum dritten Mal in einen Frühling wandelte, Samu jagte gerade Kaninchen, hörte er dicht hinter sich ein gefährliches Brummen. Er drehte sich herum und fand sich plötzlich einem aufrecht stehenden, großen Braunbären gegenüber. Er schrie und versuchte sich rücklings in das nächste Stachelgebüsch zu retten. Doch dem dicken Bärenfell konnten die scharfen Stacheln nichts anhaben, während sie Samu schmerzhaft in die Haut stachen. Der Bär lies nicht von ihm ab.

Samu fiel und kroch so schnell er konnte rückwärts. Er fand Steine und riss Grasballen mit viel losem Dreck heraus, die er dem Bären in die Augen schleuderte. Der quittierte seine hilflosen Versuche jedoch nur mit lautem und immer wilderem Brüllen. Dabei fletschte er seine schrecklich gefährlich aussehenden, riesigen Zähne. Voller Angst und Entsetzen sah Samu mit immer größer werdenden Augen in das Maul des wilden Tieres. Dann hatte der Bär Samu soweit erreicht, dass er mit seinen großen Pranken nach ihm schlug. In Panik erstarrte Samu. Doch plötzlich hörte er fremde, laute Schreie. Als ihm sein Bewusstsein schwand, konnte er gerade noch sehen, wie ein langer Speer mitten in die Brust des Bären eindrang.

Zwei Jäger waren in diesem Augenblick, durch einen glücklichen Zufall, in der Nähe. Sie sahen, was geschah, und wild schreiend rannten sie auf den Bären zu. Sie konnten ihn mit einem Speer im letzten Moment erlegen. Dann zogen sie den bewusstlosen Jungen unter dem Bären hervor und bemühten sich, ihn gesund zu pflegen. Einige Zeit taumelte Samu zwischen kurzem Erwachen und einer Bewusstlosigkeit hin und her. Er versuchte immer wieder, seine Retter mit tierischem Knurren abzuwehren. Das war die Sprache, die er, allein auf sich gestellt, in der Steppe gelernt hatte. Aber der Eine hielt ihn stets fest und der Andere versuchte, ihn mit unbekannten Lauten, die aber wohl ihr Ziel nicht verfehlten, zu beruhigen. Samu wusste nicht, wie ihm geschah. Aber so schwach, wie er sich fühlte, hatte er keine Chance und ergab sich in die Situation, die wohl oder übel sein Schicksal zu sein schien.

Einige Tage später waren seine wachen Bewusstseinsphasen länger geworden. Inzwischen hatte er sich an die beiden, ihn pflegenden Gesellen gewöhnt. Sie brachten ihm ein Schlaffell und Nahrung und Wasser. Er blieb bei ihnen, nahm sich aber vor, wenn es ihm besser ginge, würde er fliehen.

Als er kräftig genug war, um wieder allein gehen zu können, nahm ihn der Eine mit zu einem Teich. In der Wasseroberfläche entdeckte er sein Spiegelbild. Er entdeckte eine lange Narbe, die sich von der Mitte seiner Stirn bis zum rechten Ohr zog. Vorsichtig befühlte er sie mit seinen Fingerspitzen. Dann schaute er plötzlich von seinem Spiegelbild zu seinem Retter hinauf und wieder zurück zur Wasseroberfläche, in der er sich selbst sah. Immer wieder schaute er dann hin und her, bis er erkannte: Dieser Geselle musste von der gleichen Art sein, wie er selbst. Jetzt erkannte er auch, dass er zwei Lebewesen seiner eigenen Art gefunden hatte. Doch diese Erkenntnis erschreckte ihn zutiefst. Samu heulte auf wie ein verletztes Tier und rannte so schnell er konnte davon. In seinen Kopf kamen Bilder, die ihn verstörten und die er mit Macht versuchte abzuwehren. Er rannte bis er sich völlig außer Atem in hohes Gras fallen ließ.

Während immer mehr Bilder vom Sterben seiner Familie in seinen Kopf strömten, flossen unablässig Tränen aus seinen Augen. Was war das, fragte er sich? Wasser floss aus seinen Augen? Er versuchte es abzuwischen, aber es kam immer wieder noch mehr. Er begann so heftig zu schluchzen, dass sein ganzer Körper bebte. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihm so etwas schon einmal passiert war. Seine Erinnerungen und die Bilder von seinen Rettern flossen dauernd durcheinander. Das machte ihn ganz fahrig. Er zitterte. Was war los mit ihm? Was jagte ihm so große Furcht ein? Samu versteckte sich in einem dichten Busch, als die Nacht kam. Aber er schlief nicht. Er mühte sich, das Chaos in seinem Innern zu ordnen.

Im nebelverhangenen Morgengrauen erwachte er mit einem einzigen klaren Gedanken, was auch immer ihn so sehr ängstigte, er durfte diese Möglichkeit, sich Seinesgleichen wieder anzuschließen, nicht entgehen lassen. Er musste seine Angst irgendwie bewältigen.

Die beiden Jäger, Koha der Clanchef und Eric, sein bester Jäger, hatten beschlossen, endlich den Heimweg anzutreten. Eric konnte sowieso nicht begreifen, warum der wilde Junge seinem Clanchef so viel bedeutete. Sie hatten wegen ihm schon so viele Tage verloren. Eric freute sich darauf, endlich mit ihrer großen Jagdbeute heimzukehren. Aber er merkte auch, dass sich Koha immer wieder nach dem wilden Jungen umsah. Deshalb spannte er sich jetzt entschlossen in den einen Riemen der Trage, die sie für ihre Jagdbeute gebaut hatten. Koha sah es und spannte sich in den anderen. Sie schritten kräftig aus und machten erst in der Abenddämmerung wieder Rast. In diesem Tempo, freute sich Eric, wären sie bald zurück.

Am nächsten Morgen, Eric räumte gerade die Feuerstelle, während Koha die Ladung noch einmal festzurrte, stand der wilde Junge plötzlich wieder vor ihnen. Völlig lautlos war er herangekommen. Auf seiner Schulter trug er zwei Kaninchen, abgebalgt und ausgenommen und die dazugehörigen Felle schon gesäubert. Er sah seine Retter an, klopfte sich mit der freien Hand an die Brust und brachte, noch unsicher und stockend, mit seltsam dumpfer Stimme heraus:

„Ich...Sa...mu…“. Dann gab er jedem der beiden Männer ein Kaninchen samt Fell. Koha konnte ein Grinsen nicht verbergen. Er hatte es ja geahnt, dass der wilde Junge wieder auftauchen würde. Er zeigte auf seine Brust und sprach sehr deutlich und langsam: „Ich bin Koha und freue mich dich wiederzusehen.“ Samu wiederholte einen Teil des Satzes langsam, schwerfällig und mehr für sich selbst: „Freu… dich …sehen“. Danach sagte er das noch einmal laut zu Eric.

Eric nannte jetzt auch seinen Namen und zeigte auf Samus Stirn: „Was hast du gemacht?“. Seine Narbe war ganz grün geworden.

Samu überlegte eine ganze Weile, so als müsse er die Buchstaben für seine Antwort einzeln zusammensuchen. Dann formte er unbeholfen und mit Pausen: „ Me...di...zin.“ Jetzt grinste auch Eric, denn offensichtlich konnte dieser Samu sie verstehen. Er hatte seine Narbe mit irgendwelchen Heilkräutern versehen, und er hatte ihm und Koha ein ganz anständiges Geschenk gemacht. An diesem Jungen war wohl mehr dran, als das tierisch knurrende Jungtier, das sie vor wenigen Tagen unter dem Bären hervorgezogen hatten.

Koha wühlte in seinem Netz herum, fischte etwas heraus und ging damit auf Samu zu. Er sagte: „Das ist für dich. Wir alle drei“, er zeigte nacheinander auf jeden von ihnen, „haben gemeinsam einen Bären erlegt. Jetzt dürfen auch alle wissen, dass wir Bärentöter sind.“ Und damit hängte er Samu das Lederband mit dem Bärenzahn um den Hals.

Samu bekam große Augen und sah ihn sich ganz genau an. In ihm kämpfte eine Mischung aus nicht Verstehen, war es Angst oder Stolz? Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Aber schnell hatte er sich wieder gefasst. Er sah die Trage und verstand sofort und hängte sich den einen Riemen um seine Hüfte. Eric sprang hinzu und klopfte Samu anerkennend auf die Schulter. Für Koha blieben jetzt nur noch die Netze und schon bald würden sie wieder zu Hause sein, bei ihren Leuten vom Clan.

Während sie gut vorankamen, sah Koha voller Freude, dass Samu sich bemühte, ihn und Eric sorgfältig zu beobachten und zu kopieren. Außerdem achtete er sehr genau auf die Worte, die sie miteinander redeten und wiederholte sie, so gut es ging. Selbst Eric gab sich nun Mühe, deutlich und langsam zu sprechen, damit Samu verstehen und lernen konnte. Allmählich sah es ganz danach aus, als würde Samus menschliche Sprache zu ihm zurückkehren und auch sein Verhalten wurde menschenähnlicher. Immer wieder erstaunte es Koha, was für ein geschickter und findiger Junge er doch war. Was er wohl erlebt hatte? Woher er wohl kam? Aber das hatte Zeit, irgendwann würde er schon von selbst erzählen.

Am späten Nachmittag kamen sie an einem Teich vorbei. Eric und Koha schienen diesen Teich zu kennen. Sie hielten an, entledigten sich ihrer Fellkleidung und tauchten mit großer Freude ins Wasser. Samu sah an sich herunter und entschied, dass ihm ein Bad auch gut tun würde. Als er ins Wasser stieg erschreckte er sich, denn das Wasser war warm, ja fast heiß.

Koha und Eric grinsten. „Das ist eine heiße Quelle, die aus der Erde kommt. Gibt es nicht so oft“, sagte Koha und rekelte sich wohlig im heißen Wasser. „Ist aber genau richtig, um uns für unsere Frauen fein zu machen und damit wir gut riechen, verstehst du?“ sagte Eric und zwinkerte Samu zu. „Du solltest was mit deinen Haaren machen“, ergänzte er gleich und drückte lachend Samus Kopf unter Wasser.

Koha hatte ein handtellergroßes Steinmesser in Händen. Damit schabte er sich den Bart aus dem Gesicht und gab ihn danach an Eric weiter, der sich auch „fein“ machte. Samu hatte noch keinen Bart, aber Koha half ihm, sein Kopfhaar in Form zu bringen. Ziemlich viel musste er abschneiden, weil es so wirr und verfilzt war. Alle drei schauten sich anschließend das Ergebnis im Wasserspiegel an und waren zufrieden.

Plötzlich hüpfte Samu aus dem Wasser. Er erinnerte sich, dass er vorhin Seifenkraut gesehen hatte und war gleich wieder mit einer Handvoll davon zurück. Er fasste sich an seine Nase und sagte: „Gut riechen“, teilte sie mit Koha und Eric und begann sich damit abzureiben. Die beiden rochen daran und taten es ihm gleich.

„Riecht frisch“, sagte Eric. „Unsere Frauen werden diesmal staunen. Wir haben soviel Fleisch erbeutet, viele Markknochen gesammelt und eine Menge Felle, wir haben einen Bären erlegt und wir riechen auch noch frisch.“

Koha ergänzte: „Und wir haben ein neues Clanmitglied gefunden.“ Er lächelte Samu an und hielt als Zeichen seiner Anerkennung den Daumen in die Höhe. Sie verbrachten die Nacht an der warmen Quelle. Als sie gemeinsam am Lagerfeuer saßen, fiel Koha auf, dass Samus Narbe schon viel schmaler und blasser geworden war und weniger auffiel. Er würde bei Gelegenheit Samu fragen, welches Kraut er dafür benutzt hatte. Überhaupt zeigte Samu erstaunliche Fähigkeiten. Er würde ein Gewinn für den Clan werden, freute sich Koha.

Der Koha-Clan

Etwa gegen Mittag des nächsten Tages stießen die drei Jäger auf eine kleine Gruppe Kinder. Diese jubelten, als sie Koha und Eric erkannten und rannten schnell zum Clan zurück: „Sie sind da! Koha und Eric sind zurück!“ riefen sie begeistert.

Alle ließen stehen und liegen, womit sie gerade beschäftigt waren, stellten sich vor ihrem Grashütten-Rund auf und hielten Ausschau nach den Jägern, die sie schon so lange vermisst hatten. Die Kinder kamen den Jägern entgegen und bestaunten die Menge an Fleisch und Fellen, die sie mitbrachten, und sie staunten auch über den großen Jungen, der bei ihnen war. Sie begleiteten den Jagdtrupp bis zu den Hütten und sahen immer wieder verstohlen und neugierig zu dem großen Jungen hin.

Koha und Eric gingen direkt auf die versammelten Menschen zu. Sie umarmten einander und begrüßten sich herzlich und alle konnten sehen, dass es eine sehr erfolgreiche Jagd gewesen war. Samu blieb zurück und staunte über die vielen Menschen. Er schätzte, dass es mindestens zehn Erwachsene waren und etwa neun Kinder verschiedenen Alters. Dann entdeckten die Clanleute das große Bärenfell. Sie wollten wissen, wie es wohl kam, dass sie einen Bären erlegt hatten. Erst in diesem Augenblick fiel Koha auf, dass Samu nicht bei ihnen war. Er war einige Schritte vor dem Lager stehen geblieben und schaute verwirrt diesen vielen Menschen zu, wie sie alle aufgeregt sprachen und gestikulierten. Er wirkte verängstigt. So viele Menschen auf einmal. Koha ging zu ihm, legte einen Arm um seine Schulter und raunte ihm zu: „Komm, hab keine Angst. Ich werde dich unserem Clan vorstellen.“ Er stellte sich mit Samu zusammen in die Mitte der ganzen aufgeregten Gruppe und räusperte sich vernehmlich. Sofort wurde es still und alle schauten die beiden neugierig an. „Das ist Samu, meine lieben Freunde. Wir haben uns kennen gelernt, als wir den Bären erlegt haben.“ Und zum Beweis hielten sie jetzt alle drei ihren Bärenzahn den Clanleuten entgegen. Sie hörten daraufhin staunendes Raunen und ernteten anerkennende Blicke. Eine große Frau mit blonden, geflochtenen Haaren trat hervor. Sie hielt Samu ihre Hand entgegen und sagte: „Willkommen im Clan, großer Jäger Samu. Wir freuen uns dich kennenzulernen.“

Samu tat einen Schritt zurück und schaute sie fragend an. Dann schien er sich zu erinnern. Unbeholfen gab er ihr seine Hand, sagte aber kein Wort dazu, schaute auf seine Fußspitzen und rückte dicht an Kohas Seite. Die Frau drehte sich nun den Clanleuten zu und rief laut und lachend: „Willkommen zurück große Bärentöter, willkommen zurück“, und wirbelte dabei ihre erhobenen Arme übermütig durch die Luft. Alle anderen hoben dann auch ihre Arme, winkten und riefen:

„Willkommen, große Bärentöter, willkommen.“

Dann legte die Frau lachend ihren Arm um Kohas Schultern und alle gingen zum Lagerfeuer, das im Zentrum der Grashütten brannte.

„Jetzt werden wir gemeinsam essen und trinken und ihr müsst erzählen“, sagte sie. Und so geschah es. Die Clanfrauen brachten zuerst kleine, harte Äpfel, Nüsse und Nesselsamen herbei. Dann begannen sie dünne Getreidefladen auf den heißen Steinen zu backen, und die Männer brieten frisches Fleisch an Spießen über dem Feuer. Ein Krug mit einem frischen, säuerlichen Getränk machte immer wieder die Runde und Koha und Eric begannen von ihrer Jagd zu erzählen. Alle lauschten gespannt, sogar die Kinder hörten aufmerksam und mit großen Augen zu. Ab und an taten die Clanleute ihre Anerkennung kund oder machten Witze und lachten.

Als die Geschichte mit dem Bären an der Reihe war, forderte Koha Samu auf, zu erzählen. Und alle Blicke wendeten sich erwartungsvoll Samu zu. Er kämpfte mit sich, aber dann begann er in seiner langsamen und bruchstückhaften Art zu erzählen. Er begleitete seine ungelenken Worte mit ausdrucksvollen Gesten. Das fesselte die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer.

„Samu gejagt Kanin“, er rieb seinen Bauch: „lange Hunger, dann großer Bär auf zwei Beinen hoch über Samu.“ Er stand auf, hob die Arme und brummte gefährlich, wie ein Bär. Gelächter, bei den Zuhörern. „Zu spät! Samu gesprungen in Busch mit Dornen, aber Bär sehr wütend, sehr schnell, Samu sehen große Bärentatzen vor Auge“. Das machte er mit seinen Händen nach und schaute mit einer erschreckten Grimasse in die Runde. „Dann hören fremde, laute Rufe und sehen lange Speer dringen in Brust von Bär, - dann nichts mehr sehen – alles schwarz“, er legte seine Hände auf die Augen. „Später sehen Koha und Eric“ Dabei schaute er die beiden an und nickte ihnen zu. „Sie geben Essen und Wasser und bleiben mit Samu.“

Erschöpft von dieser, für ihn sehr langen Ansprache, setzte sich Samu wieder, senkte den Blick auf seine Füße, brach ein Stück vom Brot ab, schwieg und kaute. Nun sprach Eric weiter: „Zuerst wollte Samu weglaufen und hat geknurrt, wie ein gefangenes Tier“, er machte das Knurren von Samu nach, und die Leute am Lagerfeuer lachten wieder. „Dann haben wir gemerkt, dass er uns verstehen und sprechen kann. Er ist uns ein guter Jagdkamerad geworden, ein Jäger mit feinem Instinkt, er kennt viele Kräuter und ist ein guter Beobachter und Fährtenleser.“ Es kam selten vor, dass Eric sich so lobend über jemanden äußerte. Alle Anwesenden schauten Samu mit Achtung an und nickten anerkennend. Und dann lachte Eric und sagte noch: „Er hat uns die Kräuter gegeben, die so gut riechen“, und er fächelte den Clanleuten mit den Händen seinen Körperduft zu. Einige rümpften zum Spaß die Nasen und alle lachten wieder.

Die Frau mit den blonden Haaren sprach: „Es ist wirklich ein frischer, angenehmer Duft um euch, besser als der Geruch nach läufigem Rehbock, wie sonst“, und sie hielt sich die Nase zu in Erinnerung an den Rehbock-Geruch. Und alle mussten erneut lachen.

Samu sah, dass plötzlich einige der größeren Kinder so etwas wie schmale Röhrchen mit verschiedenen Löchern in den Händen hielten. Das Gespräch verstummte, sie setzten diese Röhrchen an ihren Mund, bliesen hinein und zu Samus Überraschung kam eine wunderschöne Melodie heraus. So etwas Schönes hatte er noch nie in seinem Leben gehört. Die Clanleute hörten zu und klatschten dann in die Hände. Später spielten die Kinder eine ganz lustige Melodie und einige schlugen auf Trommeln. Die Menschen griffen sich bei den Händen und stampften im Rhythmus der Musik um das Feuer herum. Sie waren voller Freude und wurden immer ausgelassener dabei. Alle schienen froh, dass die Jäger gesund, mit guter Beute, und auch mit diesem außergewöhnlichen Jungen, zurück waren im Clan.

Samu fühlte sich seltsam berührt von der Musik und starrte unentwegt die Flötenspieler an. Später wurde auch Samu in den Kreis gezogen, und er versuchte ihre Gebärden nachzuahmen. Eric war schon seit einiger Zeit verschwunden. Aber das schien niemanden zu stören. Samu ging zu Koha, um ihn nach Eric zu fragen.

Koha sagte, etwas ausweichend; „Ja weißt du, die jungen Frauen warten schon so lange auf ihn“, er grinste und zwinkerte Samu zu. Als er merkte, dass Samu seine Andeutung nicht verstand, lachte er schallend und fuhr fort, „komm Samu, wir gehen jetzt zu Meta, meiner lieben Frau. Er fasste ihn um die Schulter und zog ihn mit sich fort. Meta war die Frau mit den blonden Haaren, und beide luden Samu ein, in ihrer Hütte zu schlafen. „Heute bist du unser Gast“, sagte Meta zu ihm, „morgen werden wir dir eine eigene Grashütte bauen.“

Samu war froh, dass dieser Tag endlich zu Ende ging. Die vielen Menschen machten ihn wirr im Kopf. Er war müde, konnte aber nach all der Aufregung lange nicht einschlafen. Erst als es draußen ruhig geworden war, fiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er immer wieder erwachte. Viele Bilder aus der Vergangenheit tauchten in seinem Bewusstsein auf und mischten sich, in irgendwie beunruhigender Weise, mit Bildern aus seinen neuen Erfahrungen. Mitten in der dunklen Nacht, packte er deshalb sein Schlaffell und legte sich nach draußen, hinter Kohas Hütte. Dort fand er endlich Ruhe und schlief bis die Morgensonne ihn weckte.

Die Höhle

Samu lebte nun im Clan. Er lernte viel, gab sich Mühe sich an all das Neue anzupassen, und auch seine Sprache wurde reicher und flüssiger. Wenn er mit den Jägern ging, war er stets sehr erfolgreich. Er schien einen besonderen Instinkt für die Jagd zu haben und fand dadurch immer mehr Anerkennung im Clan.

Er öffnete sich für die ungewohnt vielen Begegnungen und fand langsam, Tag für Tag mehr, Freude daran, in Gemeinschaft zu sein. Dennoch nahm er sich ab und zu Auszeiten, zog sich zurück und streifte tagelang allein durch die Steppe. Da er aber immer erlegtes Wild mit zurückbrachte, nahm ihm das niemand übel. Manchmal schlief er auch lieber unter freiem Himmel, als in seiner eigenen Hütte, obwohl er dankbar dafür war, dass die Clanleute sie für ihn gebaut hatten.

Er lernte auch viel von den Frauen, indem er sie bei ihren Arbeiten beobachtete. Er erkannte schnell, wo er sich nützlich machen konnte, legte Holz ans Feuer oder holte Wasser.

Von den älteren Kindern lernte er, wie man Weidenflöten baute und darauf spielte. Das machte ihm besonders große Freude. So war er bald angesehen im ganzen Clan. Koha lud ihn sogar manchmal in seine Hütte ein, um mit ihm über Probleme im Clan zu sprechen. Er schätze ihn als intelligenten Ratgeber. Und Samu fand in Koha einen interessierten Zuhörer für die Geschichten von seiner Herkunft und seinem langen Alleinsein in der endlosen Weite der Steppe. Diese Gespräche taten beiden gut. Samu lernte seine Erlebnisse besser einzuordnen und Koha freute sich, mit einem jungen Mann zu kooperieren, der sehr besondere und kluge Ideen beisteuern konnte. Er hatte sich immer schon einen Sohn gewünscht. Aber in den letzten Jahren waren Geburten selten geworden im Clan, und sie wussten nicht so recht, warum dies so war.

An einem klaren, sonnigen Tag bat ihn Koha, auf eine Wanderung mitzukommen. Er wollte ihm etwas Besonderes zeigen. Samu freute sich immer mit Koha zusammen zu sein. Er war ihm ein väterlicher Freund geworden. Ein Freund, wie er noch nie einen gehabt hatte. Sie wanderten in eine felsige, hochgelegene Landschaft. Dort führte ihn Koha in eine Höhle. Zunächst schien sie sehr eng und schmal, doch dann tat sich ein weites Gewölbe auf mit seltsam geformten Felsen, die bizarr von der Decke herunter und vom Boden hinauf zu wachsen schienen. Koha hatte eine Feuerfackel mitgebracht und erleuchtete die Wände des Gewölbes, damit Samu sie betrachten konnte. Voller Staunen und Überraschung entdeckte er dort wunderbar lebendige Zeichnungen von Jagdszenen. Er war verzaubert davon, wie naturgetreu in verschiedenen Rot- und Brauntönen sie gemalt waren. Und es waren so viele verschiedene Tiere dargestellt. Auch die Jäger waren klar zu erkennen und es gab Wesen dabei, die als halb Mensch - halb Tiergestalt dargestellt waren. Die Landschaft erschien felsig mit Höhen und Schluchten. Und Flüsse waren durch Wellenlinien erkennbar, in denen vielfältige Arten von Fischen schwammen. In der Luft flogen verschiedene Vögel über allem und auf der einen Seite ging die Sonne auf, während auf der anderen der Mond langsam unterging.