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Eigentlich hat Lulu gar keine Lust umzuziehen. Sie kann ja nicht ahnen, dass sie im Keller der alten Villa ein kleines zotteliges Wesen aus einer anderen Welt finden wird: Plobbelpop! Mit Hilfe des letzten Zauberstabes von Santanien hat er sich in die Menschenwelt geschlichen und kommt nicht mehr zurück. Bei dem Versuch, den Geheimtunnel nach Santanien wieder freizulegen, verletzt Plobbelpop sich. Alleine wird er es niemals schaffen, den letzten Zauberstab rechtzeitig zurück zu bringen. Es gibt nur einen Ausweg: Lulu und ihr Bruder Hannes müssen ihn nach Santanien begleiten! Ein spannendes Abenteuer beginnt ... Lesealter ab 8 Jahren (Oder zum Vorlesen)
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Anna und Nina
„Müssen wir denn wirklich umziehen?“, fragte Lulu bestimmt schon zum hundertsten Mal. Missmutig stand sie zwischen einem Berg von Umzugskisten. Ihre Mutter verdrehte genervt die Augen.
„Ach Lulu“, sagte sie und seufzte. „Ich habe es dir doch schon so oft erklärt! Es ist wie ein Lottogewinn für uns, dass Tante Bodenburg uns ihr schönes großes Haus geschenkt hat.“
Sie sah ihre Tochter kopfschüttelnd an und erklärte mit dem letzten bisschen Geduld, dass sie zu diesem Thema noch aufbringen konnte: „Wir haben dort doch viel mehr Platz! Und einen eigenen Garten.“
Lulu zuckte abwertend mit den Schultern.
„Du wirst ein Zimmer für dich ganz alleine haben und musst es dir nicht mehr mit Hannes teilen. Und außerdem hat Papa einen viel kürzeren Weg zur Arbeit. Dann kann er abends häufiger beim Abendessen dabei sein.“
Jetzt war es Lulu, die die Augen verdrehte. Diese Argumente hatte sie schon tausend Mal gehört.
Unbeirrt fuhr ihre Mutter fort: „Und ich kann mir endlich ein schönes Atelier einrichten und wieder anfangen zu arbeiten. Das ist für uns alle perfekt!“
Lulu schnaubte verächtlich. „Das ist mir alles ganz egal. Ich will nur bei meinen Freundinnen bleiben!“
„Du wirst doch in Vehnenbund ganz bestimmt neue Freundinnen finden“, versicherte Mama ihr zum x-ten Mal. Dieses Gespräch hatten sie in den letzten Wochen schon so oft geführt, dass beide genau wussten was nun kommen würde.
„Ich will aber keine anderen Freundinnen!“, schrie Lulu trotzig und stampfte kräftig mit dem Fuß auf. „Ich will nur Jana und Mona!“
Lulu stiegen Tränen in die Augen. Sie wischte sie schnell mit dem Handrücken weg und klammerte sich an ihre ´Mausi´, eine alte zerfledderte Stoffmaus, die sie schon seit ihrer Babyzeit heiß und innig liebte.
„Luise Viktoria“, sagte ihre Mutter ernst und versuchte ganz ruhig zu bleiben.
Lulu hasste es, wenn ihre Mutter sie so nannte. Luise und Viktoria waren die Vornamen ihrer beiden Großmütter und Mama nannte sie eigentlich immer nur dann bei ihrem kompletten Vornamen, wenn sie kurz davor war die Geduld zu verlieren - oder völlig auszuflippen - oder wenn Lulu etwas angestellt hatte.
„Ich verstehe, dass du Angst vor dem Umzug hast“, sagte ihre Mutter nun betont ruhig. „Es ist unangenehm, in eine neue Schule zu kommen, wo man niemanden kennt. Das geht allen Kindern so, die umziehen. Aber du wirst das schaffen! Da bin ich mir ganz sicher. Und in ein paar Wochen wirst du dir gar nicht mehr vorstellen können, wieder in dieser kleinen Wohnung hier leben zu müssen.“
Ihre Mutter sah sie aufmunternd an, doch Lulu drehte verächtlich den Kopf zur Seite. Sie wusste, dass jede weitere Diskussion zwecklos war und ging beleidigt in ihr altes, fast leeres Kinderzimmer, in dem nur noch die großen Möbel standen.
Traurig schaute sie aus dem Fenster, hinunter auf den Spielplatz. Dort spielte ihr jüngerer Bruder Hannes mit seinen Freunden. Im Gegensatz zu Lulu freute er sich auf den Umzug. Hannes hatte sich schon mit einem Jungen aus der neuen Nachbarschaft angefreundet, der in den gleichen Kindergarten ging, den Hannes nach den Ferien besuchen würde.
Außerdem hatte Papa versprochen ein richtiges Baumhaus in einer der alten Eichen zu bauen, die hinten im Garten der Villa standen. So etwas hatte Hannes sich schon lange gewünscht. Lulu stand noch immer am Fenster, als unten der große Lastwagen des Umzugsunternehmens vorfuhr.
„Die Möbelpacker sind da!“, rief sie, ohne sich umzudrehen.
„Ich weiß“, antwortete Mama leise hinter ihr. Lulu drehte sich erschrocken um. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Mutter direkt hinter ihr stand. Sanft legte diese beide Arme um ihre Tochter, gab ihr einen Kuss und flüsterte: „Ich hab dich ganz doll lieb, Lulu.“
„Ich weiß“, antwortete Lulu leise und kuschelte sich ganz eng an ihre Mutter. „Ich dich auch.“
Der Umzug ging zügig voran. Innerhalb einer Stunde hatten die kräftigen Möbelpacker alle Schränke und Betten auseinander gebaut. Stück für Stück zerlegten sie die Wohnungseinrichtung in ihre Einzelteile. Zusammen mit den übrigen Möbeln und den vielen Kartons verstauten sie diese anschließend im Umzugswagen. Lulu wurde klar, dass es kein Zurück mehr gab.
Als alles eingepackt war, ging Lulu noch einmal durch die leere Wohnung. Ihre Schritte hallten auf dem Laminat und hörten sich ganz anders an als früher.
Sie schaute in jedes Zimmer und wunderte sich, wie groß die Räume auf einmal wirkten. Groß und ungemütlich!
Wo vorher die Schränke standen, sah man jetzt nur noch ihre dunklen Umrisse auf der Tapete. Die abgeschraubten Wandregale, Hängeschränke, Uhren und Bilder hatten zahllose hässliche Bohrlöcher hinterlassen.
An einigen Stellen, wo vorher Wandlampen und Lautsprecherboxen hingen, baumelten jetzt lose Kabel aus der Wand.
Nichts erinnerte mehr an das gemütliche Zuhause, das Lulu so geliebt hatte. Ihr Magen verkrampfte sich leicht. Vielleicht war es ganz gut, es jetzt noch einmal in diesem Zustand zu sehen. Dann fiel ihr der Abschied vielleicht etwas leichter.
Als letztes ging Lulu in ihr altes Kinderzimmer. Wie oft hatte sie sich darüber geärgert, dass sie es mit ihrem Bruder teilen musste! Dass er ihre Sachen nahm! Dass er seine Sachen überall rumliegen ließ, auch auf ihrer Seite des Zimmers, und dass er laut Hörspiel-CDs anmachte, wenn sie mal ihre Freundinnen zu Besuch hatte. Und dass er manchmal nachts das große Zimmerlicht anmachte, wenn er zur Toilette musste.
Jetzt sah Lulu sich ein letztes Mal in ihrem alten Kinderzimmer um. Die eine Hälfte war hellgrün gestrichen, die andere in gelb.
Lulu hätte ihre Hälfte viel lieber in pink oder lila gehabt, aber bei diesem Vorschlag hatte Hannes lautstark protestiert.
Sie dachte an das Zimmer ihrer Freundin Jana, das ganz in rosa, pink und etwas lila gestrichen war. Die Möbel waren weiß und hatten verschnörkelte Griffe. Mit dem großen Himmelbett und den langen Gardinen sah es aus wie ein echtes Prinzessinnen-Zimmer.
SO ein Zimmer hätte Lulu damals gerne gehabt. Wie oft hatte sie Jana schon darum beneidet, ein Einzelkind zu sein und sich ihr Kinderzimmer nicht teilen zu müssen.
Nachdem Lulu damals eingewilligt hatte, eine ´neutrale´ Farbe auszusuchen, wenn Hannes im Gegenzug dafür auf eine Tapete mit riesengroßen Dinosauriern verzichtete, hatten sie sich letztendlich auf hellgrün und gelb geeinigt.
Nach einem abenteuerlichen Besuch im Baumarkt, bei dem ein Kunde gegen eine Pyramide aus Farbdosen gestolpert war und diese mit einem lauten Poltern zum Einstürzen brachte, hatte ihre Mutter das Zimmer selbst gestrichen. Als alles fertig eingeräumt war, hatte es wirklich hübsch ausgesehen. Doch davon war jetzt nichts mehr übrig.
Lulus Blick glitt durch ihre Zimmerhälfte. In der Ecke, in der ihr Kleiderschrank gestanden hatte, lag etwas Kleines Rechteckiges auf dem Boden.
Sie ging hinüber, hob es auf und traute ihren Augen nicht. Es war ein Aufkleber für ein Sammelalbum, um den es im letzten Jahr einen Riesenstreit gegeben hatte.
Frau Petzolat, die neben ihnen wohnte, arbeitete in einem Supermarkt.
Vergangenen Sommer hatte es dort zu jedem Einkauf ein Tütchen mit 5 Aufklebern gegeben, die in ein passendes Sammelalbum gehörten.
Da manche Kunden die Aufkleber nicht haben wollten, hatte Frau Petzolat deren Tütchen mitnehmen und an Lulu und Hannes verschenken können.
So hatten sie innerhalb kurzer Zeit ihre Sammelalben fast voll bekommen. Nur auf der Seite mit den besonderen Glitzer-Stickern hatte jedem von ihnen noch ein Aufkleber gefehlt. Und zwar ganz genau der Gleiche:
Nr. 129 ´Das Eisbär-Baby´
Papa hatte damals schon vermutet, dass die Firma vielleicht vergessen hatte, Aufkleber Nr. 129 mit zu drucken.
Der Stapel an doppelten Aufklebern wuchs und wuchs, aber Nr. 129 war in keinem der vielen Tütchen mit dabei. Nach ein paar Wochen hatten sie die Lust an den Sammelalben verloren und machten die Aufklebertütchen nur noch aus Gewohnheit auf. Niemand hatte mehr damit gerechnet, dass Nr. 129 noch auftauchen würde.
Doch dann, eines morgens, war es doch passiert. Lulu erinnerte sich noch ganz genau.
Sie hatte im Flur warten müssen, weil ihre Mutter noch keine Schuhe angehabt hatte. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte sie eines der Aufklebertütchen geöffnet, die schon seit ein paar Tagen dort lagen.
Lustlos hatte sie den Stapel wie einen Fächer auseinander geschoben und auf die Zahlen geschaut. Und da war er:
Nr. 129 ´Das Eisbär-Baby´!
Lulu hatte einen Freudenschrei ausgestoßen, der bestimmt im ganzen Haus zu hören gewesen war. Dabei war sie wild durch den Flur gehüpft. Sie hatte es einfach nicht fassen können und den Aufkleber immer wieder von einer Seite auf die andere gedreht, um ganz sicher zu gehen, dass sie sich nicht verguckt hatte.
Schnell hatte sie den Aufkleber ins Kinderzimmer gebracht und ihren Schatz vorsichtig mitten auf ihren Schreibtisch gelegt. Direkt nach der Schule wollte sie ihn einkleben. Dann wäre ihr Sammelalbum endlich komplett!
Doch dazu war es nicht gekommen.
Als Lulu aus der Schule kam, spielte Hannes im Kinderzimmer mit seinen Dinos. Lulu ging zu ihrem Schreibtisch, um den Aufkleber zu holen, doch er war verschwunden. Sie suchte den ganzen Schreibtisch ab, nahm die Stiftedose hoch, schaute unter dem Malblock und sogar unter dem Schreibtisch nach. Doch nichts! Der Aufkleber war nicht mehr da.
„Suchst du was?“, hatte Hannes sie gefragt.
Sie erinnerte sich noch, dass sie vor Schreck kaum sprechen konnte. „Aufkleber Nr. 129“, hatte sie leise geantwortet und entgeistert auf ihren leeren Schreibtisch gestarrt. Zu mehr war sie in dem Moment nicht fähig gewesen.
Hannes hatte fröhlich geantwortet: „Oh, den hab ich heute Morgen im Kindergarten von Tim geschenkt bekommen. Willst du mal sehen, wie der aussieht?“
Lulu erinnerte sich noch gut, wie sie sich umgedreht und ihrem kleinen Bruder fassungslos dabei zugesehen hatte, wie er sein Sammelheft unter dem Bett hervorzog. Stolz hatte er ihr die Seite mit dem eingeklebten Glitzer-Eisbär-Baby gezeigt und sie angestrahlt.
An das, was danach geschehen war, hatte Lulu keine Erinnerung mehr. Mama und Hannes behaupteten, Lulu hätte sich mit einem lauten Schrei auf ihren kleineren Bruder gestürzt und immer wieder „Das war meiner!“ gebrüllt, während sie auf ihn einschlug. Nicht fest, aber sie hatte auch nicht freiwillig wieder von ihm abgelassen.
Obwohl Tim am Telefon bestätigte, dass er Hannes den Eisbär-Aufkleber geschenkt hatte, konnte Lulu den beiden kein Wort glauben.
Es wäre ja auch wohl ein komischer Zufall, dass Hannes den Aufkleber ausgerechnet an dem Tag geschenkt bekam, an dem Lulus Aufkleber verschwunden war.
Jetzt wurde es Lulu ganz flau im Magen und sie merkte, wie ihre Wangen rot und heiß wurden. Sie schämte sich wahnsinnig, dass sie ihrem Bruder damals nicht geglaubt hatte. Aber alle Fakten hatten gegen ihn gesprochen und Lulu war damals einfach keine andere Erklärung für das spurlose Verschwinden des Aufklebers eingefallen.
Jetzt wusste sie, dass Hannes wirklich die Wahrheit gesagt hatte.
Sie steckte den Aufkleber in ihre hintere Hosentasche und verlies ihr altes Zimmer. Irgendwann würde sie Hannes den Aufkleber zeigen und sich bei ihm entschuldigen. Irgendwann, wenn der Zeitpunkt passte.
Lulu und Hannes durften beide vorne in dem alten Bulli mitfahren, den ihr Vater sich von einem Freund geliehen hatte. Die Sitze waren alt und zerschlissen und die Innenverkleidung hatte viele Kratzer und Macken. Genau das richtige Auto für einen Umzug!
Ihre Mutter war schon vorgefahren, um für alle belegte Brötchen zu schmieren und den Kartoffelsalat bereit zu stellen, den sie am Abend zusammen mit Hannes und Lulu geschnipselt hatte. Na ja, Hannes hatte eigentlich mehr genascht als geholfen, aber Mama hatte sich trotzdem gefreut, dass er dabei war.
Am Haus angekommen, dirigierte Mama alle in die große Küche. Zum Glück standen hier noch der alte Tisch und die Eckbank von Tante Bodenburg, so dass genügend Platz war.
Nachdem sich alle gestärkt hatten, wurde der Umzugswagen ausgeladen. Innerhalb kürzester Zeit entstand ein heilloses Chaos.
Mama hatte vergessen einen Großteil der Umzugskartons zu beschriften. Und dann hatte sie auch noch den Raumplan verlegt, auf dem eingezeichnet war, wo die einzelnen Möbel hin sollten. Die Möbelpacker brachten einen Karton nach dem anderen hinein und stellten die Sachen einfach in irgendein Zimmer – wo gerade Platz war.
„Der Schrank kommt in den ersten Keller rechts“, rief Mama den Möbelpackern zu, die gerade einen alten Eichenschrank hinein trugen.
