Saphira - Alexandra Schu - E-Book

Saphira E-Book

Alexandra Schu

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Beschreibung

Geheimnisvoll. Abenteuerlich. Magisch. Saphira hat kaum Interesse an Zauberei und auch nicht an Jungs, weshalb sich die anderen Hexen über sie lustig machen. Viel lieber kümmert sie sich um die Bewohner des Mondwaldes und feilt an Heilzaubern. Trotz ihrer Unlust lernt sie von ihrer Oma, bei der sie nach dem Tod ihrer Eltern aufwuchs, einige Sprüche und Rezepte für Elixiere. Ihr Alltag wird jedoch durch ein schreckliches Ereignis erschüttert. Als einige Tiere auf unerklärliche Weise sterben, entdeckt Saphira, dass sie keine Seele mehr besitzen. Obwohl sie Angst vor dem Unbekannten hat, macht sie sich zusammen mit dem Krieger Dariel auf die Suche nach einer Erklärung. Während ihrer Reise begegnen sie seltsamen Wesen, aber auch neuen Verbündeten. Der Gedanke an ihre Freunde im Wald verleiht der jungen Hexe die Kraft weiterzugehen, doch Furcht und Zweifel sind ihre ständigen Begleiter. Wird sie die Ursache der verschwundenen Seelen finden? Eine Geschichte über Mut, Freundschaft und Selbstvertrauen.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Autorin

Alexandra Schu wurde im Januar 1982 geboren, kommt ursprünglich aus dem Saarland und lebt seit November 2016 mit ihrem Partner in Ostfriesland. Seit ihrem 11. Lebensjahr schreibt sie, wobei es sich dabei meistens um (Horror-) Kurzgeschichten handelte. Schon früh hat sie gemeinsam mit ihrem Vater Horrorfilme geschaut, wodurch ihre Phantasie stark angeregt wurde. Besonders Monster und Dämonen taten es ihr an. Daher bekam sie Lust, selbst Horrorgeschichten zu schreiben. Doch auch Fantasybüchern und -filmen war sie keineswegs abgeneigt, so dass sie zwischendurch auch Ideen für solche Geschichten aufgeschrieben hatte.

Ihre Bücher werden hauptsächlich in den Genres Horror und Fantasy zu finden sein.

Der Fokus wird allerdings auf Horrorbüchern liegen, denn hier hat sie bereits viele Ideen gesammelt.

Auf Instagram postet sie ihre aktuellen Schreibupdates.

Alle Bücher im Überblick gibt es auf ihrer Webseite http://www.alexandra-schu.de.

Für all die guten Seelen dieser Welt.

Dieses Buch enthält Triggerwarnungen

auf der letzten Seite gegenüber der Deckel-Innenseite.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Ein kleines Loch zwischen den Ästen und Blättern gab die Sicht auf den Übungsplatz frei. Wie Edelsteine schimmerte das Metall in der Mittagssonne. Das Klirren hallte weit über den Platz hinaus, genau wie die Kampfschreie.

Mit den Händen schützte Saphira ihre Augen vor der Reflexion des Lichts. Sie verfolgte weniger das Training, sondern vielmehr das Verhalten der vier Hexen, die am Rand des Trainingsplatzes standen.

Diese beobachteten die etwa zwanzig Kämpfer auf dem oval angelegten Platz, die verschiedene Techniken trainierten.

Lüstern leckte Kara sich über die Lippen. »Ein leckerer Anblick, stimmt’s, meine Süßen?«

»Oh ja. Von denen würde ich gerne naschen«, entgegnete Lori. Mit der Hand streifte sie sich durch das Haar.

»Die Hexen sind da«, rief Kamir, woraufhin sämtliche Kampfhandlungen eingestellt wurden.

Alle Krieger schauten auf die Besucherinnen.

»Schenkt ihnen keine Beachtung.« Er wandte sich den Frauen zu und richtete sein Schwert auf sie. »Ihr habt hier nichts verloren. Wie oft müssen wir euch das noch sagen?«

Lori zeigte mit dem Finger kreisend in seine Richtung und flüsterte ein paar magische Worte.

Saphira verstand diese nicht, doch sie erkannte die für Menschen unsichtbare Magie, die sich aus Loris Zeigefinger den Weg zu Kamir suchte.

Der Zauber umhüllte den starken Krieger, der sein Schwert sinken ließ und wie in Trance auf die Hexe mit den schwarzen Haaren zuging.

»Wirklich? Schon wieder Kamir?«, fragte Kara genervt.

»Ja, schon wieder Kamir. Ich mag ihn.«

»Du nimmst ihn, seit ich dich das erste Mal hierher mitgenommen habe. Wäre es nicht mal Zeit für etwas Abwechslung?«

Lori blickte Kara mit gerunzelter Stirn an. »Ich kann sehr gut selbst entscheiden, wen ich mir aussuche.«

»Du wunderbarste aller Hexe«, sagte Kamir, als er vor Lori zum Stehen kam, die immer noch den Zeigefinger auf ihn richtete. »Dein glänzendes Haar unterstreicht deine Schönheit, deine Augen funkeln wie Sterne und dein Lächeln lässt mein Herz schneller schlagen.«

Sie streichelte ihm sanft mit den Fingerspitzen über das markante Kinn.

»Es wird Zeit für eine kleine Pause«, sagte Lori.

»Was immer du willst, meine Schöne.« Kamir wandte seinen Blick nicht von ihr ab. Seine Haltung war steif. Jegliche Emotion war aus seinem Gesicht verschwunden. Seine Augen waren leer. Er war nur eine gefühllose Hülle, die alles sagte und tat, was die Hexe wollte.

Saphiras Herz klopfte wild.

Lori nahm seine Hand. »Komm, lass uns ein wenig Spaß haben.« Sie drehte sich zwinkernd zu den anderen um und führte ihn schließlich in die Kaserne.

Das leicht rundliche Gebäude befand sich direkt neben dem Übungsplatz. An den Seiten des eisernen Eingangstors standen zwei mit Speeren bewaffnete Wachposten, stämmige Männer in grauen Uniformen. Als Lori mit Kamir auf das Tor zuging, kreuzten sie ihre Lanzen vor der Tür.

Die Hexe führte mit ihrer Hand eine schwungvolle Bewegung aus, woraufhin die Wachen den Weg frei machten.

Der Krieger öffnete das Tor und geleitete Lori hindurch.

»Mal sehen, wen nehme ich mir denn heute?« Ruby streckte den Arm aus. Sie zeigte nacheinander auf jeden Kämpfer, wobei sie stets kurz innehielt. Sie neigte den Kopf zur Seite. »Ich liebe Fargos muskulösen Körper und seine rehbraunen Augen lassen mich dahinschmelzen.« Sie hielt den Zeigefinger auf ihn gerichtet, drehte die Hand um und bewegte ihn, um Fargo zu sich zu locken.

»Nunc veni ad me. Nunc veni ad me.«

Ihr Finger zog ihn mehr und mehr zu sich.

Sein Schwert fiel mit einem metallischen Scheppern zu Boden. Er schritt auf Ruby zu, wobei er sie ununterbrochen anstarrte.

Mit der anderen Hand spielte sie langsam mit einer Haarsträhne. Ohne ein Wort zu sagen, hakte sie sich in seinen starken Arm ein und ließ sich von ihm in die Kaserne führen.

»Lasst uns in Ruhe, ihr Sirenen!«, rief ein weiterer Kadett den beiden Hexen zu, die am Rande des Platzes standen.

Saphira schob mit beiden Händen einige Blätter und Äste beiseite, um besser zu sehen, wer der mutige Mann war.

»Wir sind Hexen, keine Sirenen«, entgegnete Melissa lasziv. »Kennst du den?«, fragte sie Kara.

»Nein, er scheint neu zu sein. Aber er hat anscheinend schon von uns gehört.«

»Ein Neuling.«Melissa hüpfte auf der Stelle. Dabei klatschte sie in die Hände.

Saphira atmete tief durch. Sie hielt sich zurück, nicht auf die Hexe zuzulaufen, um sie zu schütteln.

Melissa war ein so nettes Mädchen gewesen. Sie waren zwar keine Freundinnen, doch sie hatte zu den wenigen Hexen gehört, mit der sich Saphira hatte unterhalten können. Nachdem sie letztes Jahr von Kara in ihre kleine Gruppe aufgenommen worden war, hatte sie sich sehr verändert. Sie achtete inzwischen nur auf ihr Äußeres. Wie sie mit anderen umging, war ihr offenbar egal.

Mit vor der Brust gegeneinandergepressten Händen hüpfte sie zweimal auf der Stelle. »Oh, ich hab eine Idee.«

Kara blickte auf ihre Gefährtin im blauen Samtkleid, die Strähnen ihrer roten Mähne aus dem Gesicht strich.

»Wie wäre es mit einem kleinen Lied, da du uns für Sirenen hältst?« Sie räusperte sich und lächelte den Neuling an.

»Dilecti, dilecti, venite ad me.

Accipe me tecum.

Dilecti, dilecti, venite ad me.

Te requiro. Confestim.«

Die weiteren Krieger hielten sich die Ohren zu. Doch um den Neuling war es geschehen. Gefangen in einem unsichtbaren Seil, das die Hexe Stück für Stück anzog. Er konnte nichts anderes tun, als auf sie zuzugehen, sein Blick von ihrem gebannt.

Melissa sang so lang, bis er vor ihr stand. Dann berührte sie seine starken Arme, die er sofort um sie schlang. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin er sie hochhob und zum Gebäude trug. Seinen Blick wandte er keine Sekunde von ihrem Gesicht ab. Melissa winkte Kara zu und verschwand dann hinter dem großen eisernen Eingangstor.

Da die Hexen nur in der Gruppe stark waren, sah Saphira ihre Chance. Sie trat aus ihrem Versteck hervor, ihre Hände zu Fäusten geballt. »Könnt ihr die Krieger nicht in Ruhe lassen?«

Kara drehte sich zusammenzuckend um. »Was willst du denn hier? Spionierst du uns etwa nach?«

Saphira versuchte, ihrem energischen Blick standzuhalten, doch sie schaute ständig Richtung Boden. »Du weißt, dass es verboten ist, den Willen anderer zu kontrollieren.«

Kara ging mit gerunzelter Stirn auf Saphira zu. »Wir können tun und lassen, was wir wollen. Das geht dich überhaupt nichts an. Ich würde dir raten, ganz schnell zu verschwinden.«

»Ihr verstoßt gegen die Regeln!«

»Du bist nur neidisch, weil dich keiner der Krieger anschauen würde.«

Mit den Fingern spielte Saphira an ihrem grünen Kleid. »Ich bin nicht neidisch. Ich nehme die Hexenchroniken ernst. Gwynda hat verboten, den Willen zu kontrollieren.«

»Naive Saphira. Das sind alte Geschichten. Niemand weiß, ob das wirklich der Wahrheit entspricht. Zudem hast du mir überhaupt nichts zu sagen. Dubist zwei Jahre jünger als ich. Undfetter.« Sie rümpfte die Nase, während sie Saphira von oben bis unten ansah.

»Was hat das denn mit meinem Aussehen zu tun?« Sie bebte innerlich vor Wut und Traurigkeit.

»Nichts. Ich wollte es dir nur noch mal vor Augen halten. Verschwinde, du kleine Hexenkugel.« Kara wandte sich wieder dem Trainingsplatz zu.

Ein riesiger Kloß hatte sich in Saphiras Hals gebildet und ihre schweißnassen Hände zitterten. Wie gern hätte sie der anderen Hexe Konter gegeben, doch die Worte wollten ihre Kehle nicht verlassen.

Kara stemmte die Hände in die Hüfte und schüttelte den Kopf. »Na toll. Ich hatte mir schon jemanden ausgesucht und deinetwegen ist er nun weg. Vielen Dank auch.«

Saphira schaute auf den Trainingsplatz, auf dem nur noch sechs Krieger weiter trainierten. Alle anderen hatten den Platz verlassen.

Mit gerunzelter Stirn blickte Kara sie an. »Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen. Verjagst mir sogar die Männer. Geh lieber zu den Magiern, bei diesen chaotischen Figuren bist du gut aufgehoben.«

Saphira kämpfte mit den Tränen. »Euer Verhalten hat sie vertrieben, nicht ich.«

Kara tippte ihr mit dem Zeigefinger an die Schulter. »Sie haben dich gesehen und sind deshalb gegangen. Kein Wunder, bei dem Anblick.«

»Hör auf, so mit ihr zu reden!«, ertönte eine tiefe Stimme vom Trainingsplatz. Dariel ging mit angespannten Muskeln und dem Schwert in der Hand auf sie zu.

Ein wohliges Gefühl durchströmte Saphira. Lang hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sein Eingreifen zauberte ihr ein kleines Lächeln ins Gesicht.

»Und wer bist du, dass du denkst, mir den Mund verbieten zu können?«, fragte Kara mit gerunzelter Stirn und gerümpfter Nase.

»Jemand, der bessere Manieren hat als du. Sie hat ganz recht, du und deine Freundinnen seid der Grund, weshalb die anderen den Platz verlassen haben.«

»Bist du etwa auf Saphiras Seite?« Kara riss die Augen auf und legte theatralisch die Hand auf ihre Brust. In einem gespielt schockierten Tonfall fragte sie: »Bist du blind?« Sie wedelte vor seinem Gesicht herum.

»Hör auf damit.« Dariel packte sanft ihr Handgelenk. »Ich würde vorschlagen, du gehst jetzt.«

Kara grinste. »Vielleicht nachdem wir beide ein wenig Spaß hatten.« Lüstern betrachtete sie seine muskulösen Arme und blickte ihm anschließend in die rehbraunen Augen.

Angewidert sah er sie an und ließ ihren Arm los. »Niemals!«

»Da irrst du dich.« Bevor sie die ersten Zauberworte aussprechen konnte, traf sie ein blauer Magieball mit solcher Wucht, dass sie mit einem lauten Schrei auf den Boden prallte. Hastig stand sie wieder auf, strich sich das Kleid zurecht und ging auf Saphira zu.

Saphira sprang das Herz vor Aufregung fast aus der Brust. Diese Art von Magie nutzte sie nur sehr selten und sie war selbst überrascht, dass es funktioniert hatte.

Dariel stellte sich vor sie.

Kara blickte beide mit aufgerissenen Augen nacheinander an. »Das wird noch ein Nachspiel haben.« Karas Hände zitterten. Die blonde Hexe drehte sich um und ging mit gesenktem Kopf davon.

Erleichtert atmete Saphira tief durch. Sie streichelte ihren Nacken, als sie sich zu Dariel umdrehte.

»Ich danke dir«, sagte sie.

»Das ist doch selbstverständlich. Du wärst sicher auch ohne mich klargekommen. Deine Aktion mit diesem Zauberball war beeindruckend.«

Saphira grinste. »Danke, aber wenn du nicht da gewesen wärst, hätte sie mich sicher mit Magie angegriffen. Sie ist es nicht gewohnt, dass sich jemand gegen sie stellt.«

»Dann wird sie es jetzt halt lernen müssen.« Er lächelte sie an. »Geht’s dir gut?«

Saphira zögerte kurz. »Ja, ich denke schon.«

»Komm Dariel, lass uns weiter trainieren«, erklang eine Stimme vom Trainingsplatz, der sich langsam abermals füllte.

Doch Dariel blickte weiterhin Saphira an. »Dann bin ich beruhigt. War schön, dich mal wiederzusehen. Hoffentlich treffen wir uns beim nächsten Mal unter angenehmeren Umständen.« Er hob sein Schwert, dessen Klinge die Sonne reflektierte.

»Das hoffe ich auch. Und nochmals danke.« Saphira schaute Dariel eine kurze Weile nach und folgte dann dem lehmigen Pfad. Lächelnd verließ sie die Kriegerstadt Koldar.

Dass sie Kara mit Magie angegriffen hatte, erfüllte sie mit Stolz, bis ihr deren Worte wieder in den Kopf kamen. Die Beleidigungen trafen sie tief, denn sie wusste, dass auch Lori, Ruby und Melissa so über sie redeten.

Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Ihr war klar, dass Kara sich an ihr rächen würde – und das würde nicht gut für sie ausgehen.

Leichte Übelkeit stieg in ihr auf, ihre Hände schwitzten und sie zitterte. Sie beschleunigte ihren Schritt, bis sie schließlich rannte.

Nach einiger Zeit verließ sie den Weg und eilte Richtung Osten durch den Mondwald. Ihre Sicht war verschwommen, doch sie kannte jeden Baum wie auch jeden Strauch an diesem Ort, sodass sie sich sogar tränenblind zurechtfand. Sie sprang über Äste und Steine, wich kleinen Büschen aus.

Einige Eichhörnchen folgten ihr springend von Baum zu Baum. Doch sie mussten flink sein, denn Saphira war schnell.

Als ihre Beine müde wurden, ging sie auf einen umgestürzten Stamm zu. Mit in den Händen vergrabenem Gesicht setzte sie sich weinend auf das Gehölz.

Das bisher leichte Schwingen der Baumkronen nahm zu. Ein leises Rauschen näherte sich.

Als Saphiras Haare und ihr Umhang im Wind wehten, ließ sie die Hände von ihren Augen herabsinken.

Eine frauenähnliche geisterhafte Gestalt schwebte vor ihr über dem Boden. Ihre langen rot-blonden lockigen Haare wirbelten im Wind, der um sie tanzte.

»Warum bist du so traurig?«, fragte Melodia.

Die helle beruhigende Stimme sorgte dafür, dass sich Saphiras Herzschlag etwas beruhigte.

»Ach, Kara zieht mich ständig runter. Sie hat mich Hexenkugel genannt.« Saphira schluchzte und erneut rannen Tränen über ihr Gesicht.

Mit einem zarten Windhauch streichelte der Waldgeist ihre Wange. »Nimm dir nicht so zu Herzen, was Kara sagt. Sie möchte sich besser fühlen, indem sie dafür sorgt, dass du dich schlecht fühlst. Zeig ihr nicht, dass sie dich mit ihren Worten getroffen hat.«

»Ich bin aber nicht so stark. Sieh mich an, ich sitze hier und weine.« Saphira hasste sich in diesem Augenblick selbst dafür, dass Kara solch einen Einfluss auf sie hatte.

»Es ist keine Schande zu weinen. Du bist eine sensible und empathische Hexe mit einer starken Seele. In dir steckt viel mehr, als du ahnst.«Melodia lächelte Saphira an, die ihr Gesicht von den Tränen befreite.

»Danke, das ist lieb von dir.« Sie grinste ihre Freundin an. Ein wenig halfen ihre Worte, sich nicht mehr gänzlich so schlecht zu fühlen. Von Kara zu sprechen – zu jammern –, sorgte für ein mulmiges Gefühl, mit dem sie niemanden belasten wollte.

Mit der Hand glitt sie ein wenig durch das durchscheinende Wesen, um Melodia zum Dank zu umarmen.

Die drei Saphire an ihrem braunen Armband leuchteten auf.

Ebenso strahlte einer der Steine an Melodias schneeweißem Armschmuck. Ein heller Energiestrahl durchströmte sie beide jeweils vom Armband bis zur Körpermitte.

Saphira spürte eine wohltuende Wärme der innigen Umarmung. Sie schloss die Augen, ließ sich auf das Gefühl ein. Ihr Herzschlag verlangsamte sich weiter, bis er wieder seinen normalen Rhythmus gefunden hatte. Sie öffnete die Augen. Behutsam zog sie die Hand zurück.

Der Energiestrahl und die Saphire erloschen sofort, ebenso wie Melodias Steine.

»Fühlst du dich besser?«, fragte die schwebende Gestalt mit beruhigender Stimme, woraufhin Saphira nickte. Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch war fast komplett verschwunden.

Eines der Eichhörnchen, das neben ihr auf dem Baumstamm saß, sprang auf ihren Schoß. Freudig hüpfte es darauf herum.

Sie streichelte über sein weiches rot-braunes Fell.

Ein weiteres Hörnchen und ein Hase kletterten ebenfalls auf ihre Oberschenkel, sodass es dort etwas eng wurde.

»Wollt ihr etwa alle ein paar Streicheleinheiten?« Saphira lächelte und versuchte, sämtlichen Tieren gerecht zu werden, doch sie hatte nur zwei Hände.

Als der Hase sich hinlegte, nahm er so viel Platz ein, dass die Eichhörnchen freiwillig die Flucht ergriffen und sich schimpfend wieder auf den Baumstamm setzten.

Saphira und ihre Freundin lachten.

Das Flackern ihres Körperlichts sorgte dafür, dass die Freude aus den Gesichtern der beiden wich. Es wurde immer dunkler, bis Melodia zusammenbrach.

Behutsam hob Saphira den Hasen vom Schoß auf den Boden. Rasch beugte sie sich zu ihr. »Was ist los?«

Es dauerte einen Augenblick, bis Melodias Licht wieder heller schien. Sie schaute zu Saphira auf. »Etwas Schreckliches ist passiert, ich kann es spüren.« Sie erhob sich und blickte in den Wald.»Ich muss nachsehen, was es war.«

»Ichkommemit. Vielleicht kann ich helfen.« Saphira folgtedem Waldgeist, der rasch durch den Wald schwebte. Sie wich Bäumen sowie Sträuchern aus und sprang über Erdlöcher, während Melodia geradeaus durch alles hindurch flog. Je weiter sie rannte, desto stiller wurde es.

Kein Vogelgezwitscher war zu hören. Selbst das Rascheln der Blätter war verstummt. Die Bäume ließen die Äste hängen, umso tiefer sie in den Forst vordrangen.

Schließlich erblickte Saphira ein Reh, das mit hängendem Kopf vor ihnen stand.

Melodia erreichte das Tier zuerst und sank zu Boden.

Saphira verlangsamte ihren Schritt, je näher sie kam. Dann riss sie die Augen auf und schlug die Hände vor den Mund.

Vor ihr lag ein Rehkitz auf dem Waldboden, in dessen großen glasigen Kulleraugen sich ihr Gesicht spiegelte.

Sie kniete sich neben Melodia.

Wären nicht seine offenen Augen gewesen, hätte es so ausgesehen, als würde es schlafen.

»Ist es …«, stammelte sie mit zitternder Stimme.

Melodia hielt ihre Hände über den Körper des Kitzes, blickte zu ihrer Freundin und nickte. Daraufhin fragte sie das Reh, was passiert war.

Die Ricke berichtete, dass sie ihr Kind nur kurz allein gelassen hätte, um zu trinken. Als sie zurückkam, fand sie das Kitz leblos vor.

Saphira rollten die Tränen übers Gesicht. Sie nahm aus der Innenseite ihres Umhangs ein Fläschchen und zog den Korken heraus, mit dem es verschlossen war. Vorsichtig träufelte sie einige Tropfen der dunkelgrünen Flüssigkeit auf das hellbraune Fell des Kitzes. Anschließend legte sie ihre Hand auf dessen Körper und sprach einen Zauberspruch.

Weiße Energie durchströmte das Junge, doch es regte sich nicht.

»Komm schon. Du musst wieder aufwachen. Bitte«, flehte sie das Rehkitz an. Erneut sprach sie die magischen Worte.

Doch es war kein Leben mehr in dem vor ihr liegenden Körper.

Die Energie erlosch und Saphira schaute Melodia und die Ricke mit feuchten Augen an. »Meine Kraft reicht nicht aus, um ein totes Tier wieder lebendig zu machen.«

»Dazu ist keine Macht fähig«, flüsterte der Waldgeist.

Einige Minuten schwiegen sie und blickten auf das regungslose Rehkitz.

Seine großen schwarzen Augen waren weit geöffnet, als hätte es etwas Schreckliches gesehen.

Saphira hatte ein seltsames Gefühl, konnte es jedoch nicht einordnen. Sie streichelte sanft über sein weiches Fell.

»Da, wo du hingehst, wird dir nichts geschehen. Dein Vater wartet dort auf dich. Gute Reise, kleines Rehlein.« Kurz darauf spürte sie die geistige Berührung.

»Du musst nicht bleiben, Saphira. Ich kümmere mich um alles.«

Sie schaute zu Melodia. »Es geht schon. Ich möchte dabei sein.« Zum Trost streichelte sie die Ricke, die weiterhin starr auf ihr Kind blickte.

Saphira dachte an den prachtvollen Rehbock, den Vater des Kitzes, der vor einigen Wochen getötet worden war. An der Lorana hatte ihn ein Wasserwesen, während er trank, in die Tiefe gezogen. Der Vater sollte nun bald wieder mit seinem Kind vereint sein.

Melodia riss die Hände gen Himmel. Sie wurde von einem Windstrudel erfasst, der ihr hellblaues Kleid sowie die wilde Mähne herumwirbelte.

Blätter verfingen sich in der magisch beeinflussten Luft, umkreisten den Waldgeist in einem gleichmäßigen Ring. Eine Kraft umgab sie, die das Tor zwischen den Welten öffnete.

Sie sank nieder, legte ihre Hände auf das Rehkitz.

Unmittelbar darauf wuchsen die wildesten, buntesten Blumen aus der Erde um das kleine Wesen herum. Sie tanzten im Wirbel des Windes, leuchteten heller als alle anderen im Wald.

Ein goldener Schein rahmte das Tier ein. Viele kleine glitzernde Sterne erschienen in diesem Licht, die spiralförmig gen Himmel strömten, als wollten sie das Rehkitz mit sich hinauftragen.

So traurig der Grund für dieses Rituals doch war, so wunderschön war es.

Ein Gefühl der Zufriedenheit durchströmte Saphira. Trotz des Abstands zu ihrer Freundin spürte sie die Macht des Windstrudels, der sanft ihre Haare durcheinanderwirbelte.

Melodias Mähne hingegen züngelte wie die Flammen eines Feuers inmitten des Windes.

»Kleine Seele, verlasse diesen leblosen Körper und gehe hinüber auf die andere Seite«, sprach Melodia. Ein warmes weißes Licht strömte aus ihren Händen. »Mögest du Ruhe im Reich Olgarian finden, wo alle Seelen zusammenkommen.«

Nichts geschah.

Melodia blickte stirnrunzelnd auf das Kitz.

Saphira spürte, dass etwas nicht stimmte.

Ihre Freundin wiederholte das Gesagte. Plötzlich zitterten ihre Hände und Angst stand in ihren Augen.

Der Strudel löste sich schlagartig auf, sodass die Blätter zu Boden stürzten.

Melodias Blick fiel auf die Blumen, die vom einen auf den anderen Moment verblühten. »Nein, das kann nicht sein.« Sie legte die Arme um sich selbst und schaute fragend in den Himmel. Unentwegt schüttelte sie den Kopf und betrachtete dann erneut das Rehkitz.

»Melodia, was ist los?«, fragte Saphira. Sie war schon einige Male dabei gewesen, wenn der Waldgeist die Seele eines Tieres in das andere Reich überführt hatte. Doch dies war immer mit einem Gefühl der Zufriedenheit verbunden gewesen.

»Wo ist deine Seele?«, flüsterte Melodia.

Saphira schlug ihre Hände vor den Mund und sah ihre Freundin an.

Melodia schaute nach oben und stieß einen Schrei des Schmerzes aus. »WO IST DEINE SEELE?«

Saphira half ihrer Freundin, den Körper des Kitzes unter einem Gebüsch zu verstecken, um es vor anderen Tieren zu schützen.

Melodia legte zusätzlich eine Art Hülle über den toten Körper, die in einem schwachen weißen Licht schimmerte.

»Was passiert nun mit ihm?«, fragte Saphira.

»Ich kann das Ritual ohne sie nicht vollenden. Seine Seele muss noch irgendwo da draußen sein.«

Saphira blickte das Rehkitz weiterhin eine Weile an. Sie hatte keine Vorstellung, wo seine Seele sein könnte und schon gar nicht, wie diese wieder zurückkommen sollte.

»Wir können nichts mehr tun«, sagte Melodia.

Mit hängenden Köpfen verließen sie den Ort.

»Ich habe noch eine Aufgabe zu erledigen. Kommst du zurecht?« Sorge stand in Melodias Augen.

Saphira lächelte sie an. »Es geht schon.«

»Du weißt, wie du mich rufen kannst.«

Saphira nickte und verließ den Platz. Begleitet von einigen tierischen Bewohnern ging sie weiter durch den Wald. Mit den Gedanken war sie noch bei dem kleinen Rehkitz, das so plötzlich diese Welt verlassen hatte. Sie hoffte, dass es keine Schmerzen hatte ertragen müssen. Ihr Herz schlug schwer in ihrer Brust.

Wild hüpften drei Eichhörnchen auf den Bäumen herum, an denen sie vorbeilief. Die Hasen machten hohe Sprünge und schlugen Haken. Selbst der Wind in den Baumkronen stimmte ein Lied für sie an.

Doch nichts beeindruckte Saphira. Sie ging mit gesenktem Kopf weiter, bis sie zu einer Lichtung kam.

Eine grüne Wiese erstreckte sich einige Schritte weit, halbkreisförmig umringt vom Wald. Am Ende des gräsernen Teppichs lagen verschieden große graue Gesteinsbrocken. Dahinter begann der Mondsee.

Ohne Anstrengung kletterte Saphira erst auf die kleineren, dann auf den höchsten Felsen und setzte sich auf die ebene Oberfläche des Steins.

Langsam versank die Sonne hinter den Baumkronen. Die wenigen Strahlen erzeugten ein Glitzern auf der Wasseroberfläche. Je tiefer sie sank, desto mehr färbte sich der Himmel in ein Orangerot.

Weit erstreckte sich das von Bäumen umringte Gewässer vor ihr. Auf der gegenüberliegenden Seite ging der See in der Lorana über, der sich durch das Land schlängelte und bis zum großen Wasser führte.

Saphira genoss die Ruhe, die sich langsam einstellte. Sie dachte über den Tag nach.

Ein Plätschern riss sie aus ihren Gedanken.

Eine gewaltige Schwanzflosse versank in dem schwarzen Wasser. Kurz darauf sprangen Meerjungfrauen abwechselnd aus dem See. Sie drehten sich um die eigene Achse, schlugen Saltos und schwammen rasend schnell durch das dunkle Nass.

Die Sonne war vollständig versunken und die helle Scheibe des Vollmondes erschien über den Baumkronen.

Jede der Meerjungfrauen hatte eine andere Haar- und Schuppenfarbe, die im Licht des Mondes aber fast alle gleich aussahen.

Saphira schaute den Mond mit aufgerissenen Augen an. Sie hatte vollkommen vergessen, dass in dieser Nacht Vollmond war. Jede Hexe kannte den Mondzyklus, denn die Macht von Luna hatte großen Einfluss auf die Magie.»Ach verdammt.« Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn und seufzte.

»Wusste ich doch, dass ich dich hier finde«, ertönte eine Stimme.

Saphira zuckte zusammen und drehte sich ruckartig um. »Menschenskind, Maxim.«

In ein dunkelblaues Gewand gekleidet, nahm ihr Freund neben ihr Platz und rückte seine Brille zurecht.

Sie schlug ihm auf den Arm. »Erschreck mich doch nicht so.«

Maxim lachte. »Entschuldige, aber es musste sein.« Kurz darauf verschwand das Grinsen aus seinem Gesicht. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. »Was ist los?«

»Der Tag war einfach Mist. Ich sag nur ›Kara‹.« Tränen rollten über ihre Wangen.

»Sie soll dich endlich in Ruhe lassen. Wenn ich sie in die Finger kriege, dann werde ich ihr mal die Meinung sagen. Warum warst du denn bei ihr?«

»Ich bin ihnen nach Koldar gefolgt, weil ich mitbekommen habe, dass sie die Krieger gegen ihren Willen verzaubern. Da hat sie mich wieder beleidigt.«

»Du weißt doch, dass sie von sich glaubt, die beste Hexe von ganz Pantuma zu sein. Lass dich nicht von ihr ärgern. «

»Ich versuche es«, sagte Saphira. »Allerdings war das noch nicht alles, was heute passiert ist. Melodia und ich haben ein totes Rehkitz entdeckt. Es ist grundlos gestorben, zumindest sah es danach aus.«

»Das tut mir leid.«Maxim nahm sie fest in den Arm.

Saphira war dankbar für seine Nähe. Die Umarmung tröstete sie mehr, als Worte es je könnten.

Sie schaute den Nixen zu, die abwechselnd mit kunstvollen Drehungen aus dem Wasser sprangen.

»Willst du darüber reden?«, fragte Maxim flüsternd.

Saphira blickte ihm in die Augen und schüttelte den Kopf.

»Falls doch, ich bin für dich da.«

»Danke, Maxim.«

Er lächelte Saphira an, die daraufhin ebenfalls die Mundwinkel nach oben zog.

Sie legte die Hände unter den Po, denn langsam drang die Kälte des Steins durch den samtigen Stoff ihres grünen Umhangs und des Kleids.

»Hast du heute nicht eigentlich deinen Zeichenkurs?«, fragte Maxim, den Blick auf den Mond gerichtet. »Du hast doch gesagt, dass ihr den nächsten Vollmond malen wollt.«

»Ja, der Kurs ist jetzt, aber ich habe es total vergessen. Abgesehen davon ist mir nicht danach.«

»Dabei bist du so eine talentierte Künstlerin. Weißt du noch, als du damals versucht hast, ein Bild von mir zu malen?«

Saphira lachte. »Ja, ich erinnere mich. Das war mein erster Versuch, eine Person zu zeichnen.«

Er grinste. »Es ist nicht böse gemeint, aber bleib lieber bei Tieren und der Natur, wenn es um die Malerei geht.«

Sie nickte und beide verfielen in lautes Gelächter.

»Ach, Maxim, du findest immer einen Weg, dass ich mich besser fühle.« Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter, genoss das Gefühl der Wärme und Geborgenheit, das sich in ihr ausbreitete.

Sein Arm schlang sich um ihren Oberkörper, während sie den Wassernixen eine Weile bei ihren Kunststücken zuschaute.

»Dir scheint kalt zu sein. Hast du Lust, ins Cadabra zu gehen?«, fragte Maxim.

»Ja, gern. Der Felsen ist etwas kühl.«

Sie spazierten durch den Wald, bis sie den lehmigen Pfad erreichten. Im Schein des vollen Mondes folgten sie dem Weg zur östlich gelegenen Magierstadt Torias.

Der prunkvolle silberne Torbogen war mit goldenen Verzierungen und Edelsteinen geschmückt. Daran grenzte eine gewaltige Mauer aus grauem Stein.

Wachposten oder ein verschließbares Tor waren hier nicht vonnöten, denn ein unsichtbarer Schild sorgte dafür, dass nach Mitternacht keine Fremden Torias betreten konnten.

Selbst für die Hexen war es dann nicht möglich, einzudringen. Einige hatten es mit verschiedenen Sprüchen und Tränken versucht. Auch die Mauer konnten sie nicht überfliegen, denn eine Art magische Kuppel lag darüber.

Saphira dagegen durchschritt problemlos den Torbogen, denn sie war durch ihre langjährige Freundschaft zu Maxim gern gesehen in Torias.

Ein alter zotteliger Hund mit grauem Fell, weiß an den Pfoten, trottete auf der gepflasterten Straße auf sie zu. Er wedelte fröhlich mit dem buschigen Schwanz, als er sie sah.

»Hallo, Kuno.« Saphira kniete sich hin. Sie streichelte den Hund, der ihr liebevoll das Gesicht ableckte.

»Er darf heute bei der Direktorin der Magierschule übernachten«, sagte Maxim.

»Oh, da hast du viel Platz.« Saphira kraulte Kuno hinter den Ohren, der den Kopf nach oben reckte und die Streicheleinheiten mit geschlossenen Augen genoss. »Es ist einfach schön, dass sich alle hier um die Streuner kümmern. Sie sind überall zu Hause.« Saphira lächelte.

Im Dorf der Magier umsorgte man rührend herrenlose Hunde und Katzen. Jeden Abend schenkte ihnen jemand anderes einen sicheren Schlafplatz.

Die beiden schlenderten weiter durch die von schwebenden Lichtkugeln beleuchteten Straßen.

Auch die für Saphira immer noch ungewöhnlichen Wohnhäuser, an denen sie vorbeigingen, wurden von diesen Lichtquellen in verschiedenen Farben angestrahlt. Manche Bauten sahen aus wie kleine Schlösser mit Türmen und Verzierungen an schwungvoll gebogenen Fenstern, andere funkelten wie Feenstaub. Saphira war stets fasziniert von dem grasbewachsenen Hügel, in den eine gewaltige Eingangstür aus Holz mit einem Sichtfenster eingelassen war. Diese Tür und die verglasten Luken machten die Anhöhe als Wohnhaus kenntlich.

Im Zentrum des Dorfes stand ein Brunnen, in dessen Mitte das Wasser aus dem Maul eines steinernen Drachen sprudelte.

Über der Tür des Gebäudes dahinter hing ein grünes Holzschild. Die riesigen gelben Buchstaben formten das Wort Cadabra.

Die Magier hier liebten den Wein, seit ein Händler aus einem entfernten Land, fern des weiten Wassers, einige Kisten des köstlichen Getränks mitgebracht hatte. Daher waren manche Gebäude rund gestaltet wie ein großes Weinfass. Im Cadabra wurde der Rotwein seither ausgeschenkt.

Maxim öffnete ihr die massive Eichentür und betrat nach ihr das Lokal.

Hinter der Theke stand ein stattlicher Mann mit langer grauer Robe. Sein braunes Haar war zu einem Zopf zusammengebunden. Während er Gläser spülte, unterhielt er sich mit den beiden Gästen am Tresen. Als er Saphira anblickte, nickte sie ihm zu, was er lächelnd erwiderte.

Maxim zeigte auf einen freien runden Tisch im hinteren Teil des Gasthauses. »Wollen wir uns dort drüben hinsetzen?«

»Gern.«

Kaum saßen sie auf den Stühlen, stand der Wirt neben ihnen. »Ich grüße euch. Ihr wart lange nicht hier«, sagte er. »Was darf ich euch bringen?«

»Das Übliche?«, fragte Maxim Saphira, die grinsend nickte.

»Kommt sofort.« Der Wirt ging zum Tresen. Kurz darauf stand er mit zwei Gläsern sowie einer Karaffe erneut neben dem Tisch. »Lasst ihn euch schmecken.« Er schenkte den beiden den roten Saft ein, wonach er sich wieder entfernte.

Mit einem hohen Klanglaut stieß Saphira mit Maxim an. Sie nahm einen kräftigen Schluck. »Wir müssen öfter herkommen. Der Holunderbeerensaft ist einfach zu köstlich, um so lang auf ihn zu verzichten.«

»Stimmt. Das hätte mich sicher auch etwas abgelenkt. Manche meiner Mitschüler treiben mich in letzter Zeit in den Wahnsinn.« Er schaute sie ernst an.

»Was ist denn passiert?«, fragte sie.

Maxim nahm erneut einen Schluck Saft. »Einige denken, sie müssten zeigen, was sie bereits alles können und überschätzen sich. Sie wollen ihre Magie dem Professor stolz vorführen. So gab es schon diverse Unfälle.«

Saphira riss die Augen auf.