Sarner Feuerkind - Julia Koch - E-Book

Sarner Feuerkind E-Book

Julia Koch

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  • Herausgeber: Emons Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Glänzend recherchierte Historie in einem mitreißenden Kriminalroman Eine Brandstiftung bringt Puppenmacherin Clara von Grünenstein auf die Spur eines Kinderheims, das einst als Besserungsanstalt berühmt-berüchtigt war. Nicht zuletzt, weil dort sogenannte Verdingkinder vermittelt wurden: Kinder, die für ihre Unterbringung hart arbeiten mussten und schwer misshandelt wurden – damals gängige Praxis in der Schweiz. Doch was hat das Verschwinden eines Mädchens zwanzig Jahre später mit all dem zu tun? Auf der Suche nach der Wahrheit gerät Clara in den Fokus von Menschen, die kein Interesse daran haben, dass alte Geschichten neu erzählt werden...

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Seitenzahl: 525

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Julia Koch, in Bremen geboren, verbrachte ihre Kindheit im Kanton Obwalden. Seit ihrem Studium an der Universität Bern unterrichtet sie Jugendliche in Sprachen und Kunst. Mit ihrer Familie lebt sie heute im Herzen der Schweiz.

Dieser Roman ist kein Tatsachenbericht. Sämtliche Personen und kirchlichen Institutionen sind frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung mit lebenden oder toten Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt. Einige Szenen dieses Romans basieren auf wahren Begebenheiten, andere entstammen meiner Phantasie. Ich verzichte darauf, die Grenzen zwischen den beiden Welten scharf auseinanderzuhalten, im Gegenteil, ich verwebe sie, bis sie einen dicht verflochtenen Geschichtenteppich ergeben. Im Anhang findet sich ein Glossar mit Mundartausdrücken.

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©2020 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: picture alliance/KEYSTONE Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer Umsetzung: Tobias Doetsch Lektorat: Christine Derrer eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-622-7 Originalausgabe

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Mäitä, 1962

Mein Bauch tut weh, ganz fest. Ich muss brechen. Und Mama ist weit weg und kann mir nicht helfen. Mein Mund brennt, mein Hals auch und weiter unten mein Bauch.

Ich habe ein Glas fallen lassen. Das hat auf dem Boden geglitzert. Die Haue am Kopf habe ich fast nicht gespürt. Daran bin ich nämlich gewöhnt. Aber dann habe ich Angst. Ich kann kaum schlucken.

«Dui bringsch nyyd as Chummer und Erger», hat die Schwester geschimpft.

Ich presse die Lippen fest aufeinander. Die Schwester hält mir die Nase zu. Ich kann nicht atmen. Ich muss den Mund aufmachen. Sie schüttet alles in meinen Mund. Die Schwester presst ihre Hand fest auf meine Lippen, bis ich hinunterschlucke. Sie zerrt mich in den Keller unter der Küche. Der Schlüssel dreht im Schloss.

Ich bin allein und muss warten, bis das Feuer nachlässt. Wenn nur meine Mama da wäre! Sie weiss, was dagegen hilft. Bei Mama ist alles gut. So etwas Gemeines würde sie nie machen. Sie nimmt mich in ihre Arme und singt unser Lied.

Mir ist schlecht. Ich spucke alles aus, aber das Weh geht nicht weg. Ich will das nicht in mir haben. Mir ist ganz heiss, dann klappern meine Zähne ganz wild. Mein Herz poppert viel zu schnell, mein Kopf platzt. Mama hat gesagt, sie trage mich in ihrem Herzen, aber das kann nicht sein, denn ich bin ja jetzt hier, weit weg von ihr. Mein Bauch zieht sich immer wieder so fest zusammen, dass ich mich auf dem Boden zusammenrolle. Ich denke an Murrli, meine kleine Katze. Sie schläft zu Hause sicher auf der Ofenbank.

Hoffentlich dauert es nicht mehr lange, bis die Schwester mich wieder aus dem Raum lässt. Ich muss nämlich Pipi. Es ist schon einmal passiert, dass sie zu spät gekommen ist, und ich habe es nicht geschafft, das grosse Geschäft zurückzuhalten. Es fühlte sich ganz nass an in der Unterhose, und es stank fürchterlich. Dabei bin ich doch schon vier Jahre alt. Grosse Mädchen machen nicht mehr in die Hose. Ich musste durch die Treppe hoch bis zum Schlafsaal laufen. Alle haben den braunen Fleck hinten auf meiner Hose gesehen. Ich habe einen ganz heissen Kopf bekommen. Am liebsten wäre ich weggerannt. Sie haben dann gemeine Sachen zu mir gesagt. «Bleedsinnigä Goof» oder «Ä Blaag». In der Schule schlafe ich ein, weil ich so müde bin. Weil Mama kein Geld hat, bin ich hier, meint die Schwester. Sie haben mich ihr einfach weggenommen. Sie sagen «Saugoof» zu mir.

Ich bin ganz allein hier. Endlich kommen die Drachen. Die mag ich.

Die Drachen sind gar nicht böse. Die fressen keine Kinder. Sie spielen mit ihnen. Jetzt kommen sie durch das Fenster hinein. Sie tanzen ganz lustig an den Wänden. Sie machen Feuer mit ihrem Maul. Die Feuerdrachen sind meine Freunde geworden. Aber das ist mein Geheimnis!

1

Schlaftrunken kauerte Clara am Bettrand und wartete darauf, dass der Drehschwindel wenigstens so weit nachliess, dass sie zur Toilette schlurfen konnte. Aus den unteren Stockwerken des Hauses drangen Geräusche empor, und Clara schloss daraus, dass Céline, alleinerziehende Mutter von sechsjährigen Zwillingen, bereits in der Küche umherflitzte und dabei unverschämt gut gelaunt war. Clara schüttelte den Kopf, um die letzten Nebelschwaden aus ihrem Kopf zu vertreiben, und schaffte es, sich zu erheben, ohne dass sie sich übergeben musste. Zum wiederholten Mal fragte sie sich, weshalb sie Célines Frühstückseinladung angenommen hatte. Viel lieber hätte sie die Bettdecke über ihren Kopf gezogen und sich einige Stunden länger vor dem Leben versteckt.

Zehn Minuten später hatte sie es doch geschafft, frisch geduscht, angekleidet und einigermassen frisiert am Frühstückstisch der Familie zu sitzen, von einem klaren Kopf jedoch noch immer meilenweit entfernt.

«Hier, trink den Kaffee. Der weckt sogar Tote auf.» Céline stellte einen grossen Becher vor Claras Nase und blieb mit verschränkten Armen stehen, bis diese den ersten Schluck getan hatte. Max und Lara sausten in ihren Pyjamas durch die Wohnung, wobei sie mit Kescher und selbst gebastelten Angelruten nach Haien jagten.

Clara rieb sich verstohlen die Schläfen, solch einem Lärmpegel war sie seit Monaten nicht mehr ausgesetzt gewesen. Genauer gesagt seit letztem Dezember, als ihre Welt zusammengebrochen war.

Schlag auf Schlag zauberte Céline alle Zutaten für ein ausgedehntes Frühstück auf den alten Holztisch, liess die Drei-Minuten-Eier im Topf köcheln und behielt die immer wilder spielenden Kinder im Auge. Die Eieruhr klingelte, zwei hungrige Mäuler suchten sich ihre Plätze auf der Bank, warme Milch wurde in bunte Tassen gegossen und mit reichlich Schokopulver vermischt.

«Weisst du, Clara», belehrte Max sie mit leuchtenden Augen, «mit der Ovomaltine kann ich es nicht besser, aber länger!»

Clara konnte ein Kichern nicht unterdrücken, während Céline peinlich berührt die Augen verdrehte und etwas über den schädlichen Einfluss der Werbung murmelte. Eine erstaunliche Ruhe senkte sich über den Tisch, während die Zwillinge mit kindlichem Ernst die Eierschalen zuerst aufklopften und dann pellten, bevor sie kleine Brotstücke ins Eigelb tunkten.

Clara bestrich eine Scheibe Zopfbrot mit reichlich Butter und Honig, dabei führte sie sich ihre momentane Lebenssituation vor Augen. Während ihre Gastgeberin es geschafft hatte, als Journalistin den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Kinder zu verdienen, war Claras Traum vor einem halben Jahr den Bach runtergegangen. Nicht weit von hier, lediglich drei Kilometer entfernt, hatte sie ihre neue Puppenwerkstatt eröffnet. Davor hatte sie eine solche Werkstatt in Bern gehabt, die floriert und sie gut ernährt hatte. Sie hatte diese sichere Existenz aufgegeben, um ihren seit dreissig Jahren verschollenen Bruder zu suchen, von dessen Existenz sie erst auf dem Totenbett ihrer Mutter erfahren hatte. Und nun sass sie hier.

Clara mochte die Schärfe des Blütenhonigs auf ihrer Zunge. Sie trank einen weiteren Schluck Kaffee und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Céline ihre tägliche To-do-Liste auf ein Blatt Papier kritzelte. Eigentlich hatte Clara vorgehabt, nur einige Wochen, maximal drei Monate in Sarnen zu verbringen. So lange, wie es eben brauchte, um die alte Wohnung in der Engenmatt auszuräumen, ihre Unterlagen bei der Gemeinde Sarnen abzuholen und mit Sack und Pack zurück nach Bern zu fliehen. Dort wollte sie ihr Leben neu starten. So weit der Plan. Stattdessen hatte sie sich im Januar fast drei ganze Wochen in ihrer neuen Wohnung eingeschlossen und war nur aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen und eine Kleinigkeit zu essen.

Céline hatte um ihre Geschichte gewusst, überschlugen sich die Zeitungen doch mit immer dramatischeren Erkenntnissen über die Geschehnisse in der Engenmatt. Clara hatte im Zentrum dieses Orkans gestanden. Sie brauchte die Zeitungsberichte nicht, um sich den Horror vorstellen zu können. Im Gegenteil, sie versuchte verzweifelt, die Erinnerungen an diese Tage zu vergessen. Ein Psychologe würde ihren Zustand wohl als leichte Erschöpfungsdepression bezeichnen, Clara hingegen bevorzugte den Begriff der Winterruhe. Sie gönnte ihrem arg lädierten Körper und der gequälten Seele die nötige Pause, um wieder zu Kräften zu kommen. Also hatte sie wochenlang die Bettdecke über den Kopf gezogen, um sich vom Leben auszuruhen.

«Wir gehen einkaufen, kann ich dir etwas mitbringen?», fragte Céline, die wusste, dass Clara ungern unter Leute ging.

Clara schreckte aus ihren Gedanken hoch und winkte ab. «Nein, lass mal. Vielleicht gehe ich heute noch nach draussen.»

«Es wäre wirklich gut, wenn es diesmal nicht nur beim Vorhaben bliebe, Clara. Seit Monaten bist du in deinem Schneckenhaus. Deine Spaziergänge beschränken sich auf einige wenige Kilometer, sodass du möglichst keiner Menschenseele begegnest. Nur nachts unterwegs zu sein macht einsam.»

Clara verzog ihr Gesicht zu einem schiefen Grinsen. «Wer bist du? Meine Mami? Hast ja recht. Aber ich habe die Nase gestrichen voll von den Menschen. Dich und die Kinder natürlich ausgenommen. Mach dir keine Sorgen, ich muss noch mit Joker raus, damit er mir nicht in die Wohnung pinkelt»

«Geh an den See und schwimm einige Züge, das macht den Kopf frei. Das Wasser war wunderbar warm, als wir gestern Abend baden waren. Schon fast zu warm, die Algen beginnen bereits zu miefen. Von der Entenflohplage erzähle ich dir lieber nichts.»

Célines schallendes Gelächter erfüllte die Küche, als die Zwillinge auf Kommando die Leibchen hochzogen und unzählige rote Flohbisse auf ihren gebräunten Bäuchen präsentierten. Clara konnte nicht anders, ein leichtes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht.

«Nun pack deine Badesachen und hau ab!» Céline warf ein Küchentuch nach ihr und scheuchte sie hinaus.

Dieser Sommer sollte alle Erwartungen erfüllen, wenn es darum ging, wenigstens an ein paar lauen Abenden im Garten zu sitzen und ohne warme Jacke ein gutes Bier trinken zu können. Während der letzte Sommer mit sechs Wochen Dauerregen kaum der Rede wert gewesen war, überboten sich die Zeitungen in diesem Jahr mit Rekordmeldungen über Hitze und Wassertemperatur. Die niedrigen Wasserpegel bereiteten vor allem den Bauern Sorgen, vielen anderen zauberte das Wetter ein seliges Lächeln ins Gesicht.

«Heissester Sommer seit Beginn der Messungen. Hitzeperiode lässt Kühe in der Südschweiz verdursten. Tiefster Wasserstand der Gewässer», prangte in dicken Lettern auf den Titelseiten der Printmedien. Die Folgen der Hitze wurden täglich ausführlich beschrieben und mit Fotos von durstigen Schulreisekindern oder verschwitzten Gemeindepolitikern unterlegt.

Clara atmete vernehmlich aus, als das kühle Wasser ihren Bauchnabel erreichte und sie diesen instinktiv einzog. Ihr schönes Hüftgold hatte sich im letzten halben Jahr verflüchtigt. Sie blickte an sich herab und sah, dass sich ihre Rippenbögen unter der Haut abzeichneten. Das gefiel ihr überhaupt nicht, selbst wenn es in der Welt der Magermodels als Schönheitsideal galt.

Mit einem beherzten Sprung stiess sie sich vom Ufer ab, tauchte unter, nur um sogleich wieder japsend nach Luft zu schnappen. Obwohl die Wassertemperatur unglaubliche sechsundzwanzig Grad betrug, liess die Kälte sie im ersten Moment frösteln. Einige kräftige Schwimmzüge, dann hatte sich ihre Atmung beruhigt, und sie konnte erneut untertauchen. Das Wasser verschloss ihre Gehörgänge, und Clara nahm die kreischenden Kinder am Ufer kaum mehr wahr.

Blinzelnd öffnete sie unter der Wasseroberfläche die Augen und staunte über das intensive Grün des Sees. Clara verharrte still. Wie lange sie wohl schwebend im See treiben konnte, bevor ein besorgter Mitbürger sie herausfischte? Wenn sie es schaffte, nie mehr Luft zu holen, wäre alles vorbei, geisterte es durch ihren Kopf. Ihre Lungen brannten. Gleichzeitig stellte sich ein Frieden ein, wie sie ihn schon seit sehr langer Zeit nicht mehr verspürt hatte. Ihre Gedanken waren frei, sie fühlte sich schwerelos, nein, sie war schwerelos. Sie hiess die Entspannung wie eine vermisste Freundin willkommen. Der Druck in ihren Ohren wuchs an, ihr Kehlkopf wehrte sich heftig. Doch sie wollte unter keinen Umständen auftauchen und sich wieder der Wirklichkeit stellen. Ihre Reflexe kämpften gnadenlos gegen ihren Willen. Feuer wütete in ihren Lungen, ihr Brustmuskel krampfte. Clara gab sich geschlagen. Gerade als sie sich mit einem Ruck an die Oberfläche bewegen wollte, wurde sie unsanft am Nacken gepackt und nach oben gezerrt.

«He, alles klar?»

Sie prustete ihrem Retter einen Schwall Wasser ins Gesicht und brachte hustend ein klägliches Nicken zustande. Der Mann liess ihren Nacken nur zögerlich los, während er sich mit skeptischer Miene vergewisserte, dass sie bei Bewusstsein blieb.

Allmählich beruhigte sich Claras Atem, sodass sie ihn genauer betrachten konnte und ihren Nachbarn Remo erkannte. Seine blonden Haare kringelten sich, sein Gesicht wirkte ein wenig eingefallen, obwohl die Muskeln an seinen Armen deutlich hervorragten. Ausdauersportler, so viel hatte sie in den letzten Monaten mitbekommen, denn er war jeden Tag mit dem Rennrad unterwegs oder joggte am Seeufer entlang. Hartnäckig hatte sie jeden seiner Annäherungsversuche abgewehrt.

Sie musste erneut husten, bevor sie ihre Stimme wiederfand. «Danke für deine Hilfe.» Sie räusperte sich noch mal. «Aber das wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Ich habe nur trainiert.» Sie wollte so schnell wie möglich von hier verschwinden.

«Apnoetauchen?»

So viel zum Thema Verschwinden, was hatte sie auch Sport als Ausrede gebrauchen müssen, kein Wunder, dass Remo nun anbiss, ärgerte sich Clara. Weil sie keine Lust auf Konversation hatte, nickte sie lediglich und begann ans Ufer zurückzuschwimmen. Ihre Kehle fühlte sich seltsam wund an, als ob sie sich an einer Erdnuss verschluckt hätte, und Clara konnte einen dicken Rülpser nur mühsam unterdrücken. Anscheinend hatte sie doch mehr Wasser geschluckt, als sie zuerst gedacht hatte.

«Das ist ja voll cool!» Clara registrierte genervt, dass Remo nicht aufgab. «Ich will schon lange einmal Apnoetauchen ausprobieren. Du weisst ja, dass ich Marathon laufe. Ich bin Ausdauersport gewohnt. Was sage ich da? Ich liebe es! Vielleicht kannst du mir die Technik beibringen?»

Oh Gott, bloss nicht, dachte Clara und kraulte ans Ufer, wobei sie ihren Kopf unter der Wasseroberfläche hielt und nur zum Atmen kurz auftauchte. Wie sollte sie Remo nur beibringen, dass sie keine Lust auf gemeinsame Sportaktivitäten hatte? Als sie unter ihrer Achsel hindurch erneut nach Atem schöpfte, konnte sie bereits die spielenden Kinder am Ufer erkennen. Sie reduzierte ihr Tempo, machte noch zwei, drei Brustzüge und spürte unter ihren Füssen den Boden. Ihre Zehenspitzen versanken im Schlamm. Heute Abend würde sie ihn mühsam mit der Nagelfeile herauspulen müssen. Aus der Entfernung hörte sie Joker winseln. Höchste Zeit, an Land zu gehen.

«Wenn du allein trainierst, kann das ganz schön gefährlich werden, hast du das gewusst?»

Clara watete an Land und schenkte Remo noch immer keine Beachtung. Mittlerweile hatte er zu ihr aufgeschlossen, und sie schielte aus ihrem Augenwinkel auf seinen trainierten Bauch. Ein kleiner Rest ihres alten Ichs setzte sich durch, als sie überlegte, wie sich dieser Körper unter ihren Händen anfühlen würde. Rasch schritt sie durch die herumtollenden Kinder, stiess eine Luftmatratze aus dem Weg und stolperte schlussendlich über die grossen Steine die Uferböschung hinauf. Ein hohes Bellen verriet, dass Joker sie gesichtet hatte.

«Du scheinst ja nicht sehr gesprächig zu sein.» Remo folgte ihr flink und stand ihr mit offenem Blick gegenüber.

«Du bist wahrlich ein Schnelldenker.»

«Na, hör mal, ich wollte nur nett sein! Schliesslich sind wir Nachbarn», rief er aus, hob die Arme in die Luft und liess sie entrüstet fallen. «Wenn du das nächste Mal tauchen spielst, häng dir eine Boje um den Hals, auf der steht, dass du keinesfalls gerettet werden willst. Aber beschwere dich nachher nicht, wenn du ertrinkst.»

Clara verzichtete darauf, ihn auf seine fehlende Logik aufmerksam zu machen, sondern verabschiedete sich mit einem kurzen Winken und einem verunglückten Lächeln von ihm. Möglichst würdevoll versuchte sie über die spitzen Kieselsteine zu balancieren, um zu ihrem Badetuch auf der Wiese zu gelangen. Das war nicht ganz leicht, weil sie gleichzeitig ihr Bikinihöschen mit einer Hand festhalten musste. Seit sich ihre Wohlfühlkilos verabschiedet hatten, war nicht nur ihr Bikini zu weit geworden.

Endlich war sie bei ihren Sachen angelangt. Joker sprang an ihren Beinen hoch und hinterliess schmerzhafte Kratzer auf ihrer Haut. Mit einem scharfen «Nein» drückte sie ihn zurück. Aus seinen treuen Hundeaugen beobachtete der Labradorwelpe, wie sein Frauchen nach dem Badetuch griff und ihr Gesicht darin vergrub. Sie rubbelte sich die Haare trocken, was bei ihren kurzen Raspeln nicht lange dauerte, dann streichelte sie Joker hinter den Ohren. Sofort liess sich der Welpe fallen und präsentierte ihr sein pralles Bäuchlein. Man merkte ihm an, wie erleichtert er war, dass sein Frauchen wieder zu ihm zurückgekehrt war. Bevor Joker sich so sehr entspannen konnte, dass er einschlief, kitzelte Clara ihn an den Pfoten und warf ihm eine alte Socke hin. Genüsslich begann er mit seinen Milchzähnen darauf herumzukauen.

Remo war in der Zwischenzeit nicht mehr zu sehen. Sie zog ein Sommerkleid über und nestelte ihren nassen Bikini darunter hervor. Während sie umständlich in trockene Unterwäsche schlüpfte, beschlich sie das Gefühl, dass sie Remo gegenüber arg undankbar gewesen war. Schliesslich hatte er es nur gut gemeint und Zivilcourage gezeigt, indem er eine ertrinkende Frau aus dem Wasser retten wollte. Sie hatte wohl sein Verhalten komplett falsch gedeutet. Clara atmete tief durch. Zu viel menschliche Nähe bereitete ihr noch immer Unbehagen. Das war auch der Grund gewesen, weshalb sie sich einen Hund angeschafft hatte. So war sie gezwungen, mehrmals täglich aus dem Haus zu gehen und wöchentlich mit ihm die Hundeschule zu besuchen.

Mit einem Schnalzen weckte sie Jokers Aufmerksamkeit. «Nichts wie nach Hause, kleiner Mann!»

Mäitä, 1964

Ich bin aus der Reihe getanzt. Das hat die Schwester gesagt. Ganz fürchterlich böse ist sie geworden und hat fest geschimpft mit mir. Ich verstehe die Schwester nicht. Ich weiss nicht, was ich falsch gemacht habe. Mit Mama war das anders. Sie hat nie laut geredet und mich ins Zimmer geschickt. Sie hat nie so etwas zu mir gesagt.

Die Schwester meint, dass für Kinder wie mich sogar das harte Brot zu schade ist. Ich sei am «Tyyfel ab em Charä ghyyd». Ich habe den ganzen Nachmittag überlegt, wie ich auf den Karren des Teufels gekommen bin, aber ich kann mich nicht erinnern. Die Schwester macht immer ein böses Gesicht, wenn sie mich sieht.

Ich habe den ganzen Tag meinen Körper angeschaut und nach dem Teufel gesucht, aber ich habe ihn nicht gefunden. Mama hat immer gesagt, dass ich gut bin. Sie hat mir dann einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Zwischen den Augen, wo es so kitzelt.

Ich klettere auf das Brett am Fenster. Das ist schwierig. Manchmal schicken sie mich in den Keller, dort kann ich nichts sehen. Heute hat sie mich in die Dachkammer gesperrt. Über mir sind nur noch das Dach und der Himmel. Hoffentlich vergessen sie mich nicht. Draussen regnet es. Die Regentropfen rutschen am Fenster entlang nach unten. Ich versuche ihnen mit den Fingern nachzufahren. Zwei Tropfen treffen einander und werden zu einem dicken. Meine Hände sind rot. Die Schwester hat mit dem Rohr draufgeschlagen. Beim Arbeiten im Klostergarten tun sie weh.

Ich halte die Hände vors Gesicht und schliesse die Augen. Mama verschwindet immer mehr aus meinem Kopf. Ich weiss nicht mehr, wie sie riecht oder wie ihre Ohren aussehen. Ich kuschelte mich bei ihr ein. Ich bin traurig, wenn ich an sie denke. Ich schlecke an meinen Händen, nur Kernseife und ein bisschen Erde. Sie ist weg, Mama ist weg.

Im Bett bin ich immer ganz nah neben Mama gelegen, da war es schön warm. Der Murrli legte sich auf meine Füsse und schnurrte die ganze Nacht. Ganz laut kann Murrli schnurren.

Bei schönem Wetter haben wir die Wäsche in einem Bottich ausgekocht. Dann gedreht und aufgehängt, und immer habe ich Mama helfen dürfen. Ich durfte ihr die Wäscheklammern reichen. Ich bin Mama eine grosse Hilfe, das hat sie selbst gesagt.

Der Regen hört auf. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ich Angst habe. Wenn ich schlafe, kommt der Teufel. Ich muss Pipi. Hoffentlich hat die Schwester mich nicht vergessen. Ich kreuze die Beine, aber ich muss immer mehr. Ohne die Schwester komme ich nie mehr hier raus. Dann muss ich verhungern.

Jetzt muss ich nicht mehr Pipi. Ich habe noch mehr Angst. Ganz fürchterliche Angst. Vor dem Verhungern und vor dem Teufel.

2

Clara beschloss, den schönen Abend nicht in ihrer Wohnung zu verbringen. Sie liess Joker an den Randstein pinkeln, bevor sie ihn in den Veloanhänger setzte und losfuhr. Zügig passierte sie den Bahnhof, durchquerte ein Wohnquartier und hatte den Dorfkern bald darauf verlassen. Jedes Haus hatte sich im Kampf gegen die Hitze mit Sonnenschirmen bewaffnet und schützend Fenster und Türen geschlossen. In den Gärten sehnten sich die Zierblumen und das Gemüse nach dem abendlichen Giessen, die Schnecken warteten in Startposition.

Unbewusst zog es Clara in Richtung Wald, der bergseitig das Dorf umschloss. Sie schnaubte laut aus. Dieser Weg führte abseits der kurvenreichen Strasse gerade den Berg hinauf, weshalb sie in kürzester Zeit nass geschwitzt war. Ihr einziges Ziel war nur noch, auf den verflixten Kieselsteinen nicht auszurutschen und die Sachsler Allmend zu erreichen, ohne vorher an einem Hitzschlag zu sterben. Joker hingegen schien der Ausflug sehr zu gefallen, mit flatternden Ohren hielt er seine Nase in den Wind und schnupperte nach den ihm noch unbekannten Gerüchen.

Keuchend musste Clara schliesslich absteigen und eine Pause einlegen. Der Anhänger zog doch stärker an ihrem Fahrrad, als sie gedacht hatte. Nur eine Minute wollte sie sich gönnen, bevor es weiterging. Sie drehte sich um und erblickte hinter sich den ruhigen Sarner See, in dem sich das gegenüberliegende Ufer spiegelte. Wären nicht die vielen Boote gewesen, man hätte nicht gewusst, welches Bild die Spiegelung und welches die Realität war. Sie erkannte die «Badi» mit dem Schwimmbecken auf der ersten Etage und den Badestrand am See. Ein Schaudern schlich sich über ihren Rücken beim Anblick der Menschenmassen, die ihre Badetücher dicht an dicht auf den Rasen gelegt hatten. Brr, da zog sie den steilen Aufstieg dem Gedränge vor.

Nach einem Schluck aus der Wasserflasche fühlte sie sich erfrischt genug, den letzten Teil der Strecke in Angriff zu nehmen. Lange konnte es nicht mehr dauern, einige hundert Meter nur noch, motivierte sie sich und trat wieder in die Pedale. Ein feiner Abendwind war aufgekommen und strich ihr durch die kurzen Haare.

Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht. Sie stieg von ihrem Rad und stellte es an den Strassenrand, dann befreite sie Joker aus seinem Anhänger. Sofort begann er die neue Umgebung zu erkunden und markierte einen Kieselstein. Die Allmend mit ihren weitläufigen Wiesen und den winzig kleinen Holzställen lag vor ihr. Eine dreifarbige Katze sass vor einem Mäuseloch und wartete auf die Maus, deren Trippelgeräusche sie schon einige Zeit unter der Erde hören konnte.

Clara stieg noch etwas höher, um im Schatten eines Baumes ins Gras zu sinken, während Joker an der langen Leine herumtobte. So blieb sie sitzen, die Hände auf den angewinkelten Beinen aufgestützt, und staunte über die Schönheit der Welt. Lange Zeit hatte sie sich unter der Bettdecke versteckt und dabei vergessen, dass nicht nur Lügen und Gewalt auf Erden zu finden waren. Sie lehnte sich an den Baumstamm, streckte die Beine aus und stellte fest, dass sie entspannt war. Welch herrliches Gefühl, dass kein Adrenalin durch die Adern schoss. Sie schloss die Augen. Das Gras duftete sommerlich und kitzelte ein wenig in ihrer Nase. Das Zirpen der Grillen war dermassen laut, dass der Verkehr aus dem Talboden kaum mehr zu hören waren. Joker nagte zufrieden an den Spitzen der Grashalme.

Ihre geplagte Seele kam zur Ruhe, und Clara gestattete sich sogar einige Gedanken über ihre Zukunft, denn es stand ausser Frage, dass sich ihre momentane Situation ändern musste. Die Einnahmen aus Reparaturarbeiten an antiken Puppen, die ihr glücklicherweise Firmen aus der ganzen Schweiz zuschanzten, reichten nur knapp. Ein sorgenfreies finanzielles Leben sah anders aus. Ob sie sich umschulen lassen sollte? Für ein Studium fühlte sie sich definitiv zu alt, nicht an Jahren wohlgemerkt, sondern zu alt an Erfahrung. Mit arglosen Studenten in der Mensa zu sitzen und über philosophische Weltschmerztheorien zu diskutieren, würde sie nicht ertragen. Sie hatte die brutale Wirklichkeit der Menschheit erlebt. Vielleicht wäre deshalb eine Stelle bei der Polizei das Naheliegende, aber ihr kaputter Rücken schloss diese Möglichkeit von vornherein aus. Zudem war sie auch offiziell zu alt für eine Umschulung und diesmal nicht nur an Erfahrungen. Mit einem dicken Grinsen öffnete sie die Augen und konnte gerade noch miterleben, wie die Sonne hinter einer Bergkuppe verschwand. Sofort wurde es kühler und dunkler.

Clara beschloss, ihr Brot an diesem friedlichen Flecken zu essen, was Joker aufgeregt beobachtete. Es gab wohl kein verfresseneres Tier als einen Labrador. Sie legte einen Hundekuchen vor ihn hin. Während sie auf dem trockenen Vollkornbrot kaute, hörte sie zu ihrer Linken ein leises Rascheln. Erschreckt hielt sie inne und rührte sich keinen Millimeter. Joker schmatzte laut weiter, aus ihm würde wohl kein guter Wachhund werden. Ein kleiner Fuchs huschte aus einem Gebüsch hervor, blieb verblüfft stehen, als er sie sah, und floh dann blitzschnell in den dichteren Wald. Nervös lachte Clara auf, das Tierchen hatte noch mehr Angst gehabt als sie.

Sie wollte sich soeben erheben, als sie einen Schemen bemerkte, der einige Meter unterhalb über die Wiese schlich. Clara zog sich in den Schatten des Baumes zurück, keinesfalls wollte sie in dieser abgeschiedenen Gegend einem Menschen begegnen. Sosehr sie sich auch anstrengte, die Gestalt genauer zu erkennen, die Dunkelheit war bereits zu weit vorgeschritten. Sie hätte nicht einmal sagen können, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Die Person konnte nichts Gutes im Schilde führen, vermutete Clara, denn sie duckte sich immer wieder ins hohe Gras, bevor sie unerwartet emporschoss und einige Meter im Sprint zurücklegte. Neugierig geworden, legte sich Clara auf den Bauch und robbte ein Stück nach vorn, um die Situation genauer beobachten zu können. Erfreut hopste Joker neben ihr her und versuchte dabei, ihr Ohr anzuknabbern.

Die Gestalt blieb schliesslich hinter einem der kleinen Holzschuppen stehen, in denen die Sachsler ihr Heu für den Winter lagerten, und zog etwas vom Rücken. Einen Rucksack oder eine grosse Tasche, stellte Clara fest und verfluchte die Tatsache, dass sie ihr Fernglas nicht dabeihatte. Die Person kauerte vor dem Fundament des Schuppens und schien an der Mauer zu hantieren. Vergeblich versuchte Clara zu erkennen, was sie machte. Einige Minuten vergingen. Die Kälte des Bodens drang durch Claras Kleider an ihren Bauch. Was tat sie da bloss, schalt sie sich. Sie spielte Räuber und Gendarm mit einer unbekannten Person.

Kopfschüttelnd stellte sie die Arme auf und wollte sich emporstemmen, um nach Hause zu kehren, als ein seltsames Zischen an ihr Ohr drang. Im selben Augenblick sah sie, wie die Gestalt sich erhob, einen Schritt von der Mauer wegtrat und mit ausgestrecktem Arm ein Objekt in die Ritze der Schuppenwand stopfte, um danach schnell davonzurennen. Clara stand verdutzt auf, ohne zu realisieren, dass sie selbst nun von Weitem gesehen werden konnte, und starrte der Person nach, bis diese zwischen den Bäumen verschwand.

Clara roch das Feuer, noch bevor sie es sah. Ein beissender Geruch nach Benzin lag in der Luft. Ohne zu zögern, wickelte Clara die Hundeleine um einen Baumstamm und rannte zum Holzschuppen, aus dessen Seiten bereits Flammen loderten. Benzin als Brandbeschleuniger, schoss es ihr durch den Kopf.

Je näher sie dem Feuer kam, desto mehr brannte die Hitze in ihrem Gesicht, an ihren Armen und Beinen. Sie konnte kaum noch atmen, wagte sich aber trotzdem Schritt für Schritt an die Stelle heran, wo die unbekannte Person etwas zwischen die Holzbretter gesteckt hatte. Die Haut auf ihren Wangen glühte, und sie hielt sich schützend den Arm vors Gesicht. Tränen trübten ihre Sicht. Sie tat noch einen letzten Schritt bis zum Spalt in der Holzwand, die Hand ausgestreckt, mit den Fingern tastend. Sie spürte etwas, das sich vom rauen Holz unterschied, und griff beherzt danach. Kaum hatte sie das Objekt fest mit der Faust umschlossen, machte sie kehrt und rannte über die Wiese zurück in den Wald, ohne einmal haltzumachen.

Mit zitternden Händen zog sie ihren Rucksack über, band Joker los und beeilte sich, zu ihrem Fahrrad zu kommen. Der Welpe musste bemerkt haben, wie aufgeregt sie war, denn er wich ihr keinen Zentimeter von der Seite. Sie lud Joker in den Anhänger und raste die Strasse hinunter, die sie einige Stunden zuvor so mühsam hochgefahren war. Erst als sie die Talsohle erreichte, erlaubte sie sich eine Pause und atmete tief ein und aus. Ihre Lunge pumpte heftig Sauerstoff in ihren Körper. Ein dicker Schleimklumpen sammelte sich in ihrem Mund, sie spuckte ihn aus und streckte sich, die Arme in ihr Kreuz gedrückt. Ihre Haut leuchtete krebsrot, die Härchen auf den Armen waren weggeschmort, und alles stank unglaublich nach Benzin. Mit Schrecken begriff Clara, dass sie sich soeben als Brandstifterin verdächtig gemacht hatte.

Erstaunt betrachtete sie das kleine, abgegriffene Büchlein in ihren Händen, dessen Ränder leicht angeschmort waren. Eilig steckte sie es in den Rucksack und begann mit kräftigen Tritten nach Hause zu fahren. In der Ferne heulten die Sirenen der Feuerwehr und vermochten doch nicht die leisen Schritte auf den Kieselsteinen zu übertönen, die sich Clara näherten.

Der Brandstifter musste gesehen haben, wie sie vom Holzschuppen weggerannt war, dachte sie panisch. Verdammt! Weshalb hatte sie sich eingemischt? Immer näher kamen die Sirenen, die Schritte im Kies ebenfalls. Für sich allein hätte jedes Geräusch bereits genügt, um Panik bei ihr auszulösen. Clara hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: Nichts wie weg von hier.

***

Obwalden war der verkannte kleine Bruder unter den Schweizer Kantonen, und sein Hauptort Sarnen den Geschichtsschreibern des Landes nur deshalb eine Erwähnung wert, weil das «Weisse Buch von Sarnen» die erste überlieferte Tell-Geschichte beinhaltete. Die drei Länder Uri, Schwyz und Unterwalden, die mit der Führung durch die österreichischen Habsburger nicht mehr einverstanden gewesen waren, hatten darin ihre Pläne zur Gründung der Schweiz notiert. Der Rest war Geschichte und spätestens seit Schillers «Wilhelm Tell» weltbekannt.

Dabei hatte Sarnen weit mehr zu bieten als nur einen kurzen Abschnitt in den Geschichtsbüchern. Obwohl seit wenigen Jahren die Zehntausender-Marke der Einwohnerschaft geknackt war, wirkte der Ort immer noch dörflich, denn er hatte sich sein heimeliges, aber durchaus auch stattliches Antlitz bewahrt. Zumindest wenn man Sarnen von Süden her erkundete, denn hier präsentierte sich der Ortseingang mit seinen mächtigen neoklassizistischen Schulgebäuden, die das Kloster einst erbauen liess. Näherte sich der Besucher dem Hauptort aus nördlicher Richtung, sah es anders aus: Zwischen verschiedene Industriegebäude hatte sich ein deutscher Discounter gequetscht. Und obwohl alle Einheimischen beteuerten, diesen zu meiden wie der Teufel das Weihwasser, erzielte er Jahr für Jahr Gewinne. Sarnen hatte sich klammheimlich gemausert, und immer mehr Städter zogen in die Zentralschweiz, spätestens wenn sie begriffen, dass sie innerhalb von fünfzig Autominuten das Zentrum von Zürich erreichten. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass sich der Kanton äusserst gastfreundlich gegenüber gut betuchten Steuerzahlern zeigte.

Behutsam streckte Clara ihren Kopf unter der Bettdecke hervor und blinzelte zögerlich in das finstere Schlafzimmer. Aus dem Flur erklang Jokers Schnarchen, ansonsten war alles still im Haus, die Dunkelheit mächtig. Sie strampelte die Bettdecke von sich und bemerkte erst jetzt, dass sie komplett angezogen ins Bett gekrochen war, sogar die Sportschuhe hatte sie noch an den Füssen. Sie hatten unschöne Flecken auf dem Laken hinterlassen. Langsam setzte sie sich auf. Ihr Gesicht spannte, als ob sie zu viele Stunden in der Sonne gesessen hätte, und die feine Berührung mit ihren Fingerkuppen hatte ein Brennen zur Folge. Als sie den Arm wieder senkte, roch sie den widerlichen Geruch nach verbrannten Haaren. Die Haut auf ihrem Unterarm war nun glatt wie ein Babypopo, jedes Härchen von den beissenden Flammen weggefressen. Angeekelt verzog sie das Gesicht und stand vorsichtig auf, denn ihr Rücken zwickte bedenklich.

Die Bettdecke wie den Panzer einer Schildkröte über die Schultern gezogen, hielt Clara kurz an, bevor sich in ihr nacktes Grauen ausbreitete: Sie hörte Schritte im Treppenhaus. Clara liess die Bettdecke zu Boden fallen und wartete auf den richtigen Moment. Wer auch immer da war, er stand jetzt direkt vor ihrer Tür. Mit einem Aufschrei hechtete Clara aus dem Schlafzimmer in den Flur und an die Wohnungstür, wo sie mit zitternden Knien stehen blieb. Keine Sekunde zu früh. Clara steckte sich die geballte Faust in den Mund, um nicht laut loszuschreien.

Vor einem halben Jahr war in ihre Wohnung eingebrochen worden, sie selbst mit einer Waffe bedroht. Reichte das nicht für ein ganzes Menschenleben? Musste ausgerechnet sie zum zweiten Mal Opfer eines Einbruchs werden? Sie sank zu Boden, unfähig, nach Hilfe zu rufen oder sich auf einen Angriff vorzubereiten. Wie ein Häschen vor der Schlange wartete sie auf den ersten Schlag ihres Gegners. Die Panik breitete sich in ihrem Körper aus, brannte hinter dem Brustbein, liess sie zu schnell und zu flach atmen, als sie beobachtete, wie die Türklinke ganz langsam nach unten gedrückt wurde.

Bleib draussen, tu mir nichts, schrie es in Claras Kopf, aber sie brachte kein Wort über die Lippen. Plötzlich hielt der Eindringling inne. So langsam, wie die Klinke heruntergedrückt wurde, bewegte sie sich wieder zurück. Clara dachte, dass dieses Verhalten genug über die illegalen Absichten des Eindringlings verriet, denn jeder normale Mensch hätte geklingelt, geklopft oder zumindest die Türklinke nicht so vorsichtig bewegt. Der Brandstifter! Ihr fiel es wie Schuppen von den Augen. Er musste aus seinem Versteck hinter den Bäumen beobachtet haben, wie Clara zum Holzschuppen gerannt war und dort etwas aus der Wand gezogen hatte. Bestimmt hatte der Unbekannte sie danach verfolgt, und sie selbst war so dämlich gewesen, ihm den direkten Weg zu ihrer Wohnung zu zeigen. Wütend schlug Clara sich auf ihren Oberschenkel. Weshalb hatte sie sich bloss von der Neugier führen lassen und nicht eine Sekunde lang darüber nachgedacht, welche Folgen ihr Einmischen haben könnte? Hinter der Tür ertönte ein knirschendes Geräusch, als der Unbekannte kehrtmachte und leise die Stufen hinunterstieg.

Behutsam erhob sie sich und drückte mit fahrigen Fingern die Klinke nach unten, dabei achtete sie auf ein ungewohntes Geräusch. Nichts. Sie öffnete die Tür, streckte zuerst den Kopf ins Treppenhaus, und als niemand zu sehen war, trat sie hinaus. Ihre Tür wirkte vollkommen unversehrt. Ihr Herz setzte einen Augenblick aus, als sie ihren Schlüssel im Türschloss stecken sah. Panisch schnappte sie nach Luft und zog ihn schnell ab. In ihrer Angst, verfolgt zu werden, war sie so überstürzt in die Wohnung geeilt, dass sie dabei vergessen hatte, den Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen. Wie dumm von ihr.

Müde sank sie an der Wand zu Boden. Zu viel Kraft hatte die Angst gekostet, zudem schmerzte jeder einzelne Muskel in ihrem Rücken. Auf allen vieren kroch sie in ihr Schlafzimmer zurück, wo die Daunendecke sich auf dem Boden wölbte. Mit dem Kopf voran robbte sie darunter, versteckte den Kopf im angewinkelten Arm und war einige Sekunden später eingeschlafen. Joker hatte währenddessen keinen Mucks getan und einfach weitergeschlafen. Nein, er war definitiv kein Wachhund.

Ein lautes Poltern riss Clara aus ihrem tiefen Schlaf. Sie brauchte einige Sekunden, um sich zu orientieren, während das Klopfen an der Wohnungstür immer drängender wurde. Mühsam rappelte sie sich auf, jeder Muskel reklamierte die Verspannung, in ihren Schläfen wummerte der Schmerz, ihr Rücken wehrte sich gegen jede Bewegung. Was für eine Schnapsidee, auf dem Boden zu schlafen, wohlgemerkt unter der Bettdecke und nicht darauf, was die Härte des Parketts wenigstens ein bisschen gemildert hätte. Schlaftrunken schlich sie in den Flur und blinzelte im hellen Sonnenlicht, das durch das Küchenfenster hineinschien. Zwischen ihren Füssen wuselte ein aufgeregter Joker umher.

«Wer ist da?» Erst jetzt realisierte sie, dass der Besucher nicht geklingelt hatte, sondern an die Tür klopfte. «Ist ja gut, kein Stress. Ich komme schon.»

«Clara, ich bin’s!» Eine aufgeregte Frauenstimme rief ihr zu. «Mach auf, bitte.»

Erleichtert öffnete Clara die Wohnungstür und stand einer aufgelösten Céline gegenüber, die mit erhobener Faust erneut anklopfen wollte. Sie wurde flankiert von ihren Zwillingen, die es ihrer Mutter gleichtaten und ebenfalls auf das Türblatt einschlugen, mit deutlich mehr Begeisterung als sie. Als die Kinder den Welpen erblickten, stürzten sie sich erfreut auf ihn, und einen Moment später kugelten sich alle drei auf dem Boden.

«Du musst mir helfen!», sagte Céline und trat ungefragt in die Wohnung. «Meine Mutter hat einen Schlag erlitten letzte Nacht, und vielleicht…» Sie hielt inne und deutete mit einem schrägen Kopfnicken in Richtung der Kinder an, dass sie die möglichen traurigen Folgen des Schlaganfalles nicht aussprechen wollte. «Ich muss sofort zu ihr nach Basel fahren.»

«Kein Problem, du kannst die Kleinen bei mir lassen», antwortete Clara, während in ihrem Kopf Horrorbilder von überfüllten Spielplätzen, durchwachten Nächten und einer zerstörten Wohnung vorbeizogen.

«Musst du nicht. Ich nehme sie mit, so sehen sie immerhin ihre Cousins wieder.» Céline strich sich über das Gesicht und atmete schwer aus. «Und ich weiss noch nicht, wie lange ich bleiben werde.»

Clara bemerkte auf einmal, dass sie in ihren verschmutzten Sachen von gestern Nacht vor Céline stand, bestimmt roch sie auch dementsprechend. Verlegen verschränkte sie die Arme vor der Brust. «Also brauchst du gar keinen Babysitter?»

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie die Zwillinge mit Joker im Schlepptau ins Arbeitszimmer schlichen und vor dem deckenhohen Regal stehen blieben, das bis zum Bersten gefüllt war mit Ersatzteilen für Puppen. Hier warteten die Utensilien auf ihren Einsatz, um aus einem kaputten Spielzeug wieder ein schönes Puppenkind werden zu lassen. Die kopflosen Torsi, die winkenden Händchen und die strammen Beinchen, aber vor allem die Puppengesichter mit den dunklen Augenhöhlen schienen es den beiden angetan zu haben. Ehrfürchtig standen sie vor dem Regal, die Hand des Bruders suchte die seiner Schwester, um den Anblick der toten Gesichter tapfer aushalten zu können.

«Auf jeden Fall musst du diesen Auftrag für mich übernehmen», schloss Céline ihre Rede.

«Wie bitte?» Clara hatte kein Wort von Célines Anliegen mitbekommen.

«Nun, das ist keine Sache. Hier hast du meinen Laptop, das Passwort fürs Log-in habe ich dir aufgeschrieben, ebenfalls alle Kontaktdaten der Zeitung.» Sie hielt Clara eine Tasche und einen zerknitterten Zettel hin. «Du fährst dorthin, schaust dich um und schreibst dann darüber. Die Zeitung schickt ihren Fotografen hin, um ein Bild musst du dich also nicht kümmern. Bis heute Abend, achtzehn Uhr, schickst du den Text an die Redaktion, die übernehmen dann das Layout, passen eventuell den Titel an und jagen das Ganze noch durch das Korrekturprogramm. Alles easy.»

Verdutzt starrte Clara ihre Nachbarin an. «Ich soll für dich einen Zeitungsartikel schreiben? Sag mal, geht’s noch?»

Céline stellte die Laptoptasche ungefragt auf den Boden, den Zettel mit dem Passwort legte sie darauf. «Verdammt, Clara, lass mich jetzt nicht hängen. Ich brauche den Job. Vom Erzeuger bekomme ich keinen Rappen zu viel, was wohl auch besser so ist, sonst stellt der Idiot noch Ansprüche auf ein Besuchsrecht der Kinder. Ich kann mir keine Fehltage mehr erlauben, und ich will die Arbeit nicht verlieren. Du kannst doch wohl schreiben, oder?»

Clara erinnerte sich an ihre Aufsatznoten am Gymnasium. «Nun ja, der Deutschlehrer war zufrieden mit mir, aber zur Journalistin wird’s kaum reichen.»

«Sehr gut, abgemacht.» Céline zog ihre Kinder an den Shirts zu sich. «Ich habe schon befürchtet, du lehnst ab und ich müsste dich daran erinnern, was ich in den letzten Monaten alles für dich getan habe.»

«Was du somit nachgeholt hättest», brummte Clara so leise, dass Céline es nicht hören konnte.

«Tausend Dank, ich melde mich heute Abend telefonisch bei dir!» Sechs Füsse polterten über die Treppe nach unten.

«Sag mal, über was soll ich denn einen Artikel schreiben?», rief sie Céline hinterher.

«Hast du nicht zugehört? Der Chef will vierhundert Worte über den Brand von gestern Abend auf der Sachsler Allmend.»

Mäitä, 1966

Die Schwester hat mich vergessen. Niemand weiss, dass ich in der Dachkammer bin. Die anderen Kinder fragen nicht nach mir. Nein, das tut man einmal, dann nie wieder. Nach dem Schlag aufs Ohr hört man ein Pfeifen. Ich wache oft auf, denn ich habe Angst vor den kalten Fingern zwischen meinen Beinen.

Gestern Nachmittag habe ich einen «Muger» aus der Küche gestohlen, schnell in der Schürzentasche versteckt und später lange an der Brotrinde gekaut. Ich sass auf dem Bett. Nachher musste ich auf dem Feld helfen, die gefallenen Äpfel aufsammeln.

Immerzu habe ich Hunger. Er sticht in meinem Bauch, dann kann ich nicht einschlafen. Das Arme-Leute-Essen reicht nie.

«Mä cha nid alwär syy, wenn d Arbet raar isch», sagen die Schwestern. Aber das stimmt nicht. Ich esse alles, was auf den Tisch kommt.

Am Mittag stelle ich mit den anderen die Schüsseln vor den Schwestern auf den Tisch. In der dicken Sosse schwimmen grosse Fleischstücke. Manchmal gibt’s eine Speckschwarte auf Sauerkraut mit grossen Kartoffeln. Sogar mit Butter. Für uns gibt es eine dünne Suppe. Ein Schweinekopf ist darin ausgekocht worden, damit sie wenigstens nach etwas schmeckt. Wir sagen «Bäätlergfrääs» dazu. Ich denke, dass ein Bettler diesen Frass nicht essen würde. Ich habe in der Küche zugeschaut. Mehrere Wochen lang wird der Schweinekopf in immer neues Wasser eingelegt. Am Ende hat die Suppe einen ekelhaften Geschmack. Zum Frühstück gibt’s immer das Gleiche: Rösti, meistens in ranziger Butter gebraten, und Milch. Zucker oder Konfitüre sind für die Schwestern. Wir bringen die Sachen nur an die Tische. Wer für den Küchendienst eingeteilt ist, leckt die Reste von den Tellern, bevor sie abgewaschen werden.

Ich knabbere weiter an meinem harten Brot, dann lege ich den Holzdrachen zurück in sein Versteck und schaue die Fotografie an, die vor mir auf der Wolldecke liegt. Das Bild ist zerknittert, die Ränder gewellt. Darauf sind drei Personen zu sehen. Eine glückliche Familie sind wir gewesen. Damals, als Vati noch lebte. Bevor er bei einem Unfall in den Bergen ums Leben gekommen ist. Mama versuchte mit Näharbeiten Geld für uns zu verdienen. Es war nie genug. Eines Tages standen zwei Männer und eine Frau vor der Tür. Sie trug ein sehr langes Kleid. Sie sagte fast nichts. Ihr Gesicht sah aus wie das einer Krähe.

Dann hat Mama angefangen zu weinen. Ich habe gemerkt, dass etwas bevorsteht. Etwas noch viel Schlimmeres als Vatis Tod. Die Frau packte mich an der Schulter und zog mich von Mama weg. Ich konnte Mama nur noch kurz umarmen, und sie hat mir die Fotografie in meine Schürzentasche gesteckt.

«Sei ein liebes Kind, gäll!», waren Mamas letzte Worte an mich. Das war kurz vor meinem vierten Geburtstag.

3

Eine kalte Dusche, zwei Espressi und eine Schmerztablette später sass Clara an ihrem Arbeitstisch, schob die angefangene Reparaturarbeit an einer über hundertjährigen Puppe zur Seite und öffnete den Reissverschluss der Laptoptasche. Sie knabberte am Daumennagel. Warum hatte sie Céline versprochen, sich um den Artikel zu kümmern? Sie seufzte laut auf. War Céline sich eigentlich bewusst, was sie da von ihr verlangte? Einen Zeitungsartikel über einen Brand zu schreiben war das eine, ihn im Stil der eigentlichen Journalistin zu formulieren, deren Namen darunterzusetzen und zu hoffen, dass niemand den Schwindel bemerkte, etwas ganz anderes. Clara konnte sich nicht entscheiden, ob sie sich über das Vertrauen freuen oder sich über die aufgebürdete Arbeit ärgern sollte.

Sie griff nach dem Notizzettel und hob die Augenbrauen. Das Passwort für das Log-in hätte nicht simpler sein können, Céline reihte lediglich die Namen ihrer Zwillinge aneinander. Clara verdrehte die Augen und beschloss, mit ihrer Nachbarin ein ernstes Wörtchen über die Sicherheit von Computerdaten zu sprechen.

Sie widerstand der Versuchung, Célines private Fotodateien zu öffnen, und staunte erneut über das Vertrauen, das diese in sie setzte, schliesslich kannten sie sich noch nicht einmal ein halbes Jahr.

Entschieden klickte sie auf den Ordner, der mit «Obwaldner Zeitung» beschriftet war. Sofort zeigte der Bildschirm eine lange Liste mit Berichten, die Céline für die Zeitung geschrieben hatte, alle sorgfältig mit Titel und Datum versehen. Clara las stichprobenartig verschiedene Artikel und erkannte, dass Céline über die unterschiedlichsten Themen geschrieben hatte. Sei es einen Bericht über die Leistung der Gymnasiasten für das Kollegitheater, die entgegengesetzten Meinungen der Politiker über die Schutzmassnahmen vor weiteren Hochwassern oder ein Interview über die geplante Zusammenlegung dreier Skigebiete in den Zentralschweizer Alpen. Célines Schreibstil war nüchtern, wenn die Thematik dies erforderte, liess aber auch Emotionen erkennen, wenn Menschlichkeit gefragt war. Clara notierte sich einige typische Ausdrücke, denen sie in Célines Texten begegnet war und die sie in ihren Artikel einfliessen lassen wollte.

Als ihr Magen sich knurrend meldete, stellte sie erstaunt fest, dass es bereits halb elf war und sie noch nichts ausser den zwei Espressi zu sich genommen hatte. Sie schloss die Dateien, ging in die Küche und suchte in den Schränken nach Vorräten, aus denen sich ein leichtes Mittagessen zubereiten liess.

Sie hatte sich noch nie um die gängigen schweizerischen Essenszeiten geschert, die besagten, dass Frühstück um sieben, Mittagessen um zwölf und Abendessen um sieben Uhr zu erfolgen hatte. Clara von Grünenstein ass, wenn sie Hunger hatte.

Eine halbe Stunde später schob sie gesättigt den leer gekratzten Teller von sich weg und unterdrückte einen Rülpser. Aufmerksam lauschte sie den Nachrichten im Radio zur vollen Stunde. In der Einleitung fasste der Sprecher die folgenden Themen zusammen und erwähnte auch den Brand in Sachseln. Clara flitzte in ihr Arbeitszimmer, um Papier und Stift zur Hand zu haben. Halbherzig lauschte sie dem Beitrag über ein Aktientief an der Börse in China, gefolgt von den Schilderungen der dramatischen Lebensumstände in Syrien, bis der Sprecher endlich zum Thema kam. Kaum hatte Clara den Stift auf das Papier gesetzt, um sich das Wichtigste zu notieren, begann der Sprecher, die Fussballresultate herunterzuleiern. Das durfte doch nicht wahr sein! Lediglich zwei Sätze war der Brand wert gewesen.

Allerdings, was war das Abfackeln eines Holzstalls im Vergleich zum Hunger der Menschen in Kriegsgebieten? Sie stand auf, machte das Radio aus und überlegte sich, was sie über den Brand schreiben könnte. Auf keinen Fall die Wahrheit! Sie würde sicherlich nicht aller Welt erzählen, dass sie den Brandstifter dabei beobachtet hatte, wie er die Wände des Stalls mit Brandbeschleuniger getränkt und anschliessend ein brennendes Streichholz dagegengeworfen hatte. Ein flaues Gefühl machte sich in ihrem Magen breit.

Sie öffnete das Schreibprogramm und begann stichwortartig zu notieren, was sie von dem Brand berichten konnte, ohne zu verraten, dass sie über Tatortwissen verfügte. In Célines Artikeln war, wann immer es die Möglichkeit dazu gab, ein Experte hinzugezogen worden, also beschloss Clara, es ihr gleichzutun und jemanden von der Feuerwehr zu befragen. Sie öffnete die Homepage des Stützpunkts der Feuerwehr Sarnen.

Als Erstes fiel ihr die grosse Anzahl an Personen der freiwilligen Feuerwehr auf. Die Männer und Frauen hatten sich für das Foto vor und auf einem Löschfahrzeug platziert und blickten in ihren Schutzuniformen stolz in die Kamera. In der vordersten Reihe, die Hände auf den gespreizten Oberschenkeln, sass ihr Nachbar Remo.

Sie suchte nach den Kontaktdaten der Feuerwehr und stellte mit Erstaunen fest, dass er ebenfalls auf der Liste aufgeführt war. Wie einfach wäre es nun gewesen, an seiner Wohnung zu klingeln und ihn zu interviewen, allerdings wäre dann Célines Scharade, es geheim zu halten, dahin.

Neben der Fotografie war eine Auflistung der letzten Einsätze aufgeführt. Technische Hilfeleistung, Transport Anästhesie und zuoberst Brandbekämpfung. Das musste der Brand von gestern sein. Schnell klickte sie darauf.

Sie erfuhr, dass dieser Einsatzbericht die Nummer16042 hatte. Die weiteren Angaben waren hilfreicher. Bei der Brandbekämpfung handelte es sich um einen Brand eines Stalles auf der Allmend Sachseln. Der Alarm war durch die Nummer118 ausgelöst worden, der Einsatz habe von einundzwanzig Uhr vier bis dreiundzwanzig Uhr vierzig gedauert. So weit war der Brand offiziell bestätigt, genauere Informationen jedoch fehlten. Bei den Angaben über den Vorstand suchte sie nach dem Namen des Feuerwehrkommandanten und rief ihn sogleich an, wobei sie vorgab, Céline zu sein, und verabredete sich an der Brandstelle mit ihm. Eigentlich sei er beruflich nicht mehr abkömmlich, aber für die Obwaldner Zeitung mache er natürlich gern eine Ausnahme.

***

Clara parkte ihren Wagen etwas unterhalb der Brandstelle und stieg die letzten Meter zu Fuss hoch, Joker hüpfte an der Leine nebenher. Nichts erinnerte an die friedliche Stimmung von gestern Abend, als sie die Stille genossen und den Fuchs beobachtet hatte. In der Zwischenzeit hatte der Brandstifter die Allmend den Flammen ausgesetzt. Der kleine Holzstall war bis auf die Grundmauern niedergebrannt, diese ragten schwarz wie faulende Zähne aus der Erde. Das Löschwasser hatte die umliegende saftige Blumenwiese in einen braunen Sumpf verwandelt, in den die Reifen der Löschfahrzeuge tiefe Narben gegraben hatten. Clara war erstaunt, dass es immer noch intensiv nach Rauch stank, zudem nahm sie einen Geruch wahr, der sie an grilliertes Fleisch denken liess.

Irritiert registrierte sie das Absperrband der Polizei, das weit um die Brandstelle herumgespannt war. Kein Lüftchen regte sich, das die drückende Hitze ein wenig lindern und den Gestank hätte wegwehen können. Joker hechelte auffallend schnell und liess seine Zunge weit heraushängen, ihm war wohl ebenfalls furchtbar heiss.

«Stopp, keinen Schritt weiter.»

Aus der abgebrannten Ruine winkte eine gross gewachsene Gestalt in einem weissen Schutzanzug. Clara signalisierte mit erhobener Hand, dass sie verstanden habe, und zog sich etwas zurück. Hinter der Brandstelle parkte ein blauer Kastenwagen, daneben weitere Personen in Schutzanzügen, die auf ihren Einsatz warteten. Auf dem Boden standen offene Arbeitskoffer, zwischen ihnen war ein Tisch aufgeklappt, darauf diverse Tüten. Allesamt schwitzten sie in ihren Anzügen, die Sonne brannte gnadenlos, behandschuhte Hände strichen Schweissperlen von der Stirn. Einzig einem Mann in Shorts und T-Shirt schien die Hitze nichts auszumachen. Er hielt eine Kamera mit Objektiv vor das Gesicht und fotografierte die Szenerie aus verschiedenen Perspektiven, wobei ihm die grosse Kameratasche immer wieder von der Schulter rutschte.

Bestimmt war dies der Fotograf von der Obwaldner Zeitung, von dem Céline gesprochen hatte, dachte Clara und wandte sich ab, um nicht aufzufliegen.

«Frau Engler?» Clara bemerkte den wartenden Mann erst, als er sie zum zweiten Mal mit Namen rief: «Frau Céline Engler?»

«Äh, das bin ich.»

Sie musste sich besser konzentrieren, wenn die Täuschung gelingen sollte. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie erleichtert, wie der Fotograf seine Kamera einpackte und zu seinem Wagen zurückkehrte.

Der Feuerwehrkommandant war mittleren Alters, hatte eine kräftige Statur und strahlte eine Ruhe aus, um die ihn Clara beneidete. Schwungvoll streckte er die Hand aus. «Grüezi, Wallimann mein Name. Sind Sie die Journalistin?»

«Ja, wir haben telefoniert. Ist es Ihnen recht, wenn ich unser Gespräch aufnehme? So kann ich am besten gewährleisten, dass ich alles korrekt wiedergebe.»

Wallimann wies auf eine Baumgruppe, die etwas Schatten spendete. «Setzen wir uns dort auf die Bank, bevor wir einen Sonnenstich riskieren und der Hund kollabiert.»

Nachdem sie Platz genommen hatten, schaltete Clara die Aufnahmefunktion ihres Handys ein und lauschte die nächsten Minuten entsetzt den Schilderungen des Feuerwehrkommandanten, der mit dem Satz schloss, dass die letzten Untersuchungen noch ausstünden. «Es handelt sich hier eindeutig um Brandstiftung. Ob der Brand allerdings gelegt wurde, um den Mord zu begehen, oder ob die Person bereits tot gewesen ist, als das Feuer ausbrach, muss das Kriminaltechnische Institut in Zürich feststellen.»

Clara schluckte mehrmals trocken, versuchte zu begreifen, was Wallimann ihr soeben erzählt hatte. Ein Mensch hatte sich im Innern des Stalls befunden, als dieser in Brand gesetzt wurde. Clara musste sich beherrschen, um vor dem Mann nicht in Tränen auszubrechen. Ob sie dieses Leben hätte retten können, wenn sie nicht davongerannt wäre? In diesem Fall trug sie ebenfalls eine Mitschuld am Tod der unbekannten Person. Ein Schwindel ergriff sie, in ihren Ohren begann es zu rauschen.

«Ist Ihnen nicht gut?» Eine grosse Hand rüttelte sie an der Schulter. «Sie wirken blass.» Clara spürte ein leichtes Tätscheln an ihren Wangen. «Nicht dass Sie mir jetzt umkippen.»

Sie rang nach Atem. «Nein, aber trotzdem danke, es ist nur die Hitze!» Und der Geruch nach verbranntem Fleisch, fügte sie in Gedanken dazu.

Sie war mit dem Fahrrad an den See gefahren, den glücklichen Joker im Anhänger dabei. Etwas abseits der Menschenmenge breitete sie ein grosses Tuch aus, setzte sich im Schneidersitz darauf und suchte in ihrer Tasche nach dem Büchlein, das sie aus dem brennenden Stall gerettet hatte. Lange betrachtete sie es von allen Seiten. Es hatte durch das Feuer arg gelitten, seine Ränder waren leicht angebrannt, der Einband vollständig von schwarzem Russ bedeckt. Wie eine Katze vor dem Mäuseloch war sie seit dem Fund darum herumgeschlichen und hatte sich nicht getraut, es zu öffnen.

Das Büchlein musste wichtig sein, so viel stand fest, immerhin hatte der Brandstifter es für so bedeutend befunden, dass er es verbrennen wollte. Vielleicht, weil niemand es zu Gesicht bekommen durfte? Was war so brisant, dass niemand davon wissen durfte? Hatte das Buch etwas mit der Leiche zu tun? Clara schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, als sie an die sterblichen Überreste dachte, die die Feuerwehr im Innern des abgebrannten Stalls gefunden hatte. War sie vorgestern tatsächlich Zeugin eines Mordes geworden? Ihr wurde übel, als sie darüber nachdachte, ob sie durch beherzteres Eingreifen den Tod dieses Menschen hätte verhindern können.

Sie konnte die Zeit nicht zurückdrehen und musste sich damit abfinden. Punktum. Entschlossen befeuchtete sie ihren Zeigefinger mit Spucke und rieb Asche und Russ vom Einband des Büchleins, bis die Buchstaben langsam zum Vorschein kamen. Es gelang ihr, das Wort «Frieden» zu entziffern. Sie säuberte den Finger an ihrem Shirt, spuckte erneut darauf und rieb dann über die restlichen Buchstaben, wobei sie höllisch aufpassen musste, um nicht den kartonierten Einband zu verletzen oder die schmutzig grüne Farbe des Deckblatts gleich mit abzureiben. Der Einband war alt, faserte leicht aus, und die Hitze hatte ebenfalls dazu beigetragen, dass das Papier in Claras Händen auseinanderzufallen drohte.

«Haus Friedensfels». Endlich war es ihr gelungen, die gesamte Überschrift freizulegen. Darunter befand sich die Abbildung eines währschaften Hauses, das markante Säulen auf beiden Seiten der Treppe aufwies. Obwohl immer noch russverschmiert, erkannte Clara die Qualität der Federzeichnung, die als Druck auf den Einband gepresst worden war. Die Seiten klebten aneinander, vorsichtig versuchte sie, das kleine Buch zu öffnen. Mit dem Fingernagel zupfte sie so lange herum, bis einige Seiten sich lösten und sie den Namen der Besitzerin lesen konnte: «Isabella König». Darunter war das Datum zu erkennen, an dem sie in das «Gymnasium und Internat für Mädchen» eingetreten war. Konnte es sein, dass sie soeben die Identität der Brandleiche herausgefunden hatte? Clara versuchte, aus dem Text auf dem Einband schlau zu werden.

Bestimmt eine Schule für Töchter aus gutem Hause, dachte Clara mit einem spöttischen Lächeln. Die Schrift und die Abbildung des Schulgebäudes auf der Vorderseite zeugten von Snobismus und Geld. Ansonsten fand sie das Büchlein ziemlich gewöhnlich.

Mit einem grossen Satz machte sich Joker los und jagte freudig über die Wiese einer Pudeldame entgegen, die Leine hinter sich herziehend. Fluchend stopfte Clara das Büchlein in ihre Hosentasche, um ihren liebestollen Welpen wieder einzufangen.

Achtzehn Uhr, Clara war das Unmögliche gelungen, sie hatte den Bericht an den Redakteur der Obwaldner Zeitung verschickt. Der schien zufrieden damit zu sein, zumindest war bislang keine Rückmeldung diesbezüglich eingegangen. Am Nachmittag hatte sie Céline ihren Bericht per Telefon vorgelesen. Céline war im Grossen und Ganzen einverstanden. Ihr war es nur wichtig gewesen, dass Clara den Bericht von Célines Mailadresse aus verschickte.

Sie hielt das Büchlein aus dem Schuppen in ihren Händen und drehte es gedankenverloren. Was sollte sie damit anfangen? Wenn sie damit zur Polizei ginge, würde sie unvermittelt Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn nicht sogar in den Kreis der Verdächtigen gelangen, schliesslich war sie beim Brand dabei gewesen. Wenn sie sich nicht meldete, hielt sie unter Umständen wichtiges Beweismaterial zurück und machte sich damit strafbar. Das Büchlein gab nicht mehr preis als den Namen einer Schülerin, und es war keineswegs sicher, dass diese die Tote aus dem Schuppen war. Clara beschloss abzuwarten, ob die Polizei auch ohne das Büchlein die Identität Isabella Königs herausfand. Sie würde es der Polizei später immer noch anonym zuschicken können.

Seit allzu langer Zeit war sie keiner Sache mehr so konzentriert nachgegangen wie heute. Hatte sie früher nächtelang über ihren Puppen gesessen, Punkrock in den Ohren, die Lautstärke bis zur Schmerzgrenze hochgedreht, so hatte sie in der letzten Zeit darauf geachtet, keinerlei Emotionen an sich heranzulassen. Harmloses Radiogedudel, kein Live-Fernsehen mehr, stattdessen Filme, in denen sich lamentierende Damen von Liebeskummer geplagt über englische Wiesen schleppten und darauf warteten, dass der moderne Ritter in goldener Rüstung und mit erstaunlich deutschem Namen zu ihnen eilte. Rosamunde-Pilcher-Filme, die nichts gemein hatten mit ihrem Leben und die ein angenehmes Fehlen von Spannung aufwiesen.

Lauwarm, so hatte sie ihr Leben gestaltet, um nichts falsch zu machen. Sie sass auf dem Sofa, die nackten Füsse auf dem Holzboden, und wackelte mit den Zehen. Ein Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht, als sie realisierte, dass ihr Tag heute auf keinen Fall lauwarm gewesen war. Im Gegenteil, sie hatte es interessant gefunden, nach Informationen zu suchen und Wallimann zu interviewen. Das Formulieren des Textes war ihr nicht schwergefallen, sie war schon immer eine gute Schreiberin gewesen. Das Schönste aber war, dass die Angst heute nicht die Hauptrolle in ihrem Leben gespielt hatte. Auch der nächtliche Verfolger verblasste zunehmend, und Clara fragte sich, ob ihre Phantasie ihr einen Streich gespielt hatte.

Ein leises «Wuff» holte sie aus ihren Gedanken, der kleine Mann war erwacht und forderte nun seine Spielstunde ein. Er wackelte mit seinem Hintern und stürzte sich mit einem Satz begeistert auf ihre Füsse.

***

Als sie um zehn Uhr in der Früh erwachte, bedauerte es Clara ein wenig, dass sie heute keinen Zeitungsbericht schreiben würde. Joker hatte sie zwar um sechs Uhr geweckt, aber nach einem längeren Spaziergang waren beide wieder in ihre Betten gekrochen. Was sollte sie mit diesem Tag anfangen? Auf Reparaturarbeiten an den Puppen, früher ihre grösste Leidenschaft, verspürte sie keine Lust. Wenn sie am Ende des Monats nicht nur von Wasser und Brot leben wollte, müsste sie sich aber dennoch mit kaputten Puppen beschäftigen. Seufzend schlug sie die Bettdecke zur Seite und stand auf, um das Fenster zu öffnen. Schon jetzt drückte die Hitze hinein, sie lüftete deshalb nur kurz, schloss danach sofort wieder das Fenster und liess die Stores hinunter.

Nun würde sie wohl oder übel den ganzen Tag im Dunkeln sitzen, wenn sie nicht in der Hitze schmoren wollte. In der Küche schaltete sie die Kaffeemaschine ein und stellte sich dann unter die kalte Dusche, wo ihre müden Glieder schlagartig wach wurden. Sie stand direkt unter den Duschkopf, das Wasser prasselte hart auf ihren Schädel, und Clara genoss den leichten Schmerz.

Nach einem entspannten Tag am See schleppte Clara den müden Welpen die Treppe hinauf, als sie das Telefon in ihrer Wohnung klingeln hörte. Kaum hatte sie die Tür aufgeschlossen, verstummte es. Bestimmt eine Umfrage über ihre Essgewohnheiten oder ihren Medienkonsum, vielleicht aber auch eine Krankenkasse, die sie zu einem Wechsel überreden wollte. Schon zu oft hatte sie Telefonverkäufer abgewimmelt und gebeten, sie aus der Adressliste zu streichen, ohne dass sich etwas an der Häufigkeit der Anrufe geändert hatte. Es war schon mehrere Wochen her, seitdem jemand ihre Nummer gewählt hatte, ohne ihr etwas andrehen zu wollen.

Das Telefon blinkte, als sie vorüberging. Sie drückte einige Tasten und erkannte, dass Céline versucht hatte, sie zu erreichen. Clara füllte zuerst Jokers Wassernapf und wählte dann die angezeigte Nummer.

«War der Text Schrott?»

«Clara, bist du das? Bleib bitte kurz in der Leitung, ich suche mir eine ruhige Ecke.» Clara hörte, wie sich eine Tür schloss und das Kindergeschrei schlagartig verstummte. «Soeben hat mir mein Chef mitgeteilt, dass ich an der Story dranbleiben soll, also, ich meine, du. Mein Schreibstil, was sag ich, dein Schreibstil sei neuerdings erfrischend und zugleich exakt, hat er gemeint. Nun soll ich einen Folgebericht schreiben. Ach, ich bin ganz durcheinander. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier abgeht.»

«Wie geht es denn deiner Mutter?»

«Meine Mutter sollte sich in der Klinik von ihrem Schlaganfall erholen, und wir versuchen sie mit allen Mitteln daran zu hindern, aus dem Spitalbett zu hüpfen, um in ihrem Garten das Gemüse zu beobachten, weil sie Angst davor hat, ihre Ernte zu verpassen. Also tue ich ihr den Gefallen und krieche auf Knien durch den Dreck, giesse die Blumen und sammle die Schnecken ein, während hinter meinem Rücken die Kinder die Blumenbeete in eine Baustelle verwandeln. Dabei sollte ich eigentlich auf die Tastatur einhämmern und meiner Arbeit nachgehen.»

«Atmen.»

«Bitte?»

«Atme mal tief durch und entspann dich. Du tönst, als hättest du eine Flasche Energydrink intus.» Clara lauschte den tiefen Atemzügen Célines, bevor sie sich nach den Kindern erkundigte.

«Denen geht es hervorragend! Gemeinsam mit ihren Cousins belagern sie das ganze Quartier und stellen allerhand Blödsinn an. Ich hoffe nur, meine Mutter kriegt nicht einen zweiten Schlag, wenn sie sieht, was die alles angestellt haben. Machst du es nun?»

Es war nicht immer einfach, Célines Gedankensprüngen zu folgen. «Über was soll ich denn berichten?»

«Ich leite dir die Mail meines Chefs weiter, da findest du alle Angaben.» Sie kicherte, bevor sie weitersprach. «Als Belohnung habe ich einen besonderen Leckerbissen für dich.»

«Jetzt bin ich aber mal gespannt.»