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Die Mumie eines vor achtzig Jahren gestorbenen Mannes, »Onkelchen Frost« genannt, verschwindet spurlos aus dem Ortsmuseum von Chukchi. Zwei Tage später wird der alte Victor Solomon draußen beim Eislochfischen tot aufgefunden – mit der Harpune in der Brust, die zu »Onkelchen Frost« gehörte. Alaska State Trooper Nathan Active steht vor einem Rätsel. Erst als er die Ältesten befragt, wird ihm klar, dass er tief in die Geschichte der Siedlung eintauchen muss. Nur noch wenige Menschen wissen von den alten Zeiten, als die Schamanen alle Macht hatten und kaum einer es wagte, sich gegen sie aufzulehnen. Doch die Nachfahren der damals Beteiligten haben die alten Geschichten nicht vergessen. Die Welten prallen aufeinander, am Schamanenpass kommt es zum Showdown.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2015
Ein alter Eisfischer wird tot aufgefunden, ermordet mit der Harpune einer Mumie aus dem Ortsmuseum. Alaska State Trooper Nathan Active steht vor einem Rätsel. Erst als er die Ältesten befragt, wird ihm klar, dass er tief in die Geschichte der Siedlung eintauchen muss, zurück in die Zeit, als die Schamanen alle Macht hatten. Welten prallen aufeinander.
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Stan Jones (*1947) hat als Journalist für fast alle großen Zeitungen in Alaska gearbeitet. Als Spezialist für Umweltpolitik und als begeisterter Buschpilot gibt er in seinen Romanen Einblicke in die Kultur der Inupiat in der Person des Polizisten Nathan Active und dessen Abenteuern in der Arktis.
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Peter Friedrich (*1956) studierte Theaterwissenschaft, Ethno-Geografie, Kunstgeschichte und Sinologie/Japanologie. Er ist als Autor, Filmemacher und Übersetzer tätig.
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Stan Jones
Schamanenpass
Roman
Aus dem Englischen von Peter Friedrich
Ein Fall für Nathan Active (2)
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Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel Shaman Pass bei Soho Press, New York.
Originaltitel: Shaman Pass (2002)
© by Stan Jones 2003
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Marc Muench/Getty
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30719-3
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Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
SCHAMANENPASS
Dank1 – Soll ich das Ding herausziehen?«2 – Onkelchen Frost war an einem windigen Morgen vor …3 – Als der Pritschenwagen mit seiner Eskorte aus Polizei …4 – Am darauf folgenden Morgen war der Handyanruf von …5 – Silver war als Erster im Ort und kam …6 – Es ist Jim Silver.«7 – Was halten Sie davon?«, fragte Active, als sie …8 – Harrimans Handelsstation lag an der Beach Street …9 – Als Active und Long aus der Tür traten …10 – Silver warf seinen Parka auf einen Stuhl und …11 – Ungefähr sechshundert Meter weiter entdeckte Active noch eine …12 – Jim Silver kauerte neben seinem Hundeschlitten und befühlte …13 – Die katholische St.-Markus-Kirche war ein verwittertes, graues …14 – Er entdeckte Lucy an ihrer Konsole in der …15 – Wie beinahe jedes Gebäude in Chukchi prunkte das …16 – Active stellte den Suburban auf der Fifth Street …17 – Es war kurz nach sechs Uhr dreißig am …18 – Weil sie den Wind immer noch im Rücken …19 – Jemand trat durch die Tür der Hütte …20 – Die nächsten zwei Tage verbrachte er damit …21 – Am nächsten Morgen luden Cowboy, Alan Long und …22 – Am nächsten Morgen, nach einem Frühstück aus Haferflocken …23 – Sie packten einen vollständigen Satz Campingausrüstung auf die …EpilogEinige Anmerkungen zur SpracheWorterklärungen — Inupiaq-GlossarAnmerkungen
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Für die Menschen, die mein Leben bedeuten:
Rufus, Etta, Susan, Paul und Sydnie
»In den alten Tagen erschlugen die Inupiat die Mörder ihrer Angehörigen. Ein Racheakt folgte dem anderen wie die Glieder einer Kette.«
Nuligak in I, Nuligak
»Hüte dich vor dem Zorn eines geduldigen Mannes.«
John Dryden
Für die Details der Fährtensuchtechnik, die in den letzten Kapiteln des Buches eingesetzt wird, bin ich meinem langjährigen Freund Bill Hess, Fotograf und Journalist der Arktis, zu Dank verpflichtet. Er beschreibt ihre Anwendung während einer tatsächlich stattgefundenen Suchaktion in Nordalaska in seinem wunderbaren und faszinierenden Buch Gift of the Whale und hat in einer Reihe von E-Mail-Interviews großzügigerweise noch viele nützliche Informationen dazu beigesteuert.
Die Schilderung des Schicksals des letzten »Teufelsdoktors« von Chukchi auf Seite 132 ist den Tagebüchern von Charles Bower entnommen, einem Yankee-Walfänger, der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Barrow niederließ und den Rest seines Lebens dort verbrachte. Der Eintrag, auf den ich mich beziehe, ist in Sadie Brower Neakok: An Inupiaq Woman von Margaret B. Blackman abgedruckt.
Weiter danke ich Dr. D. P. Lyle, der mich über Ursachen, Behandlung und Pflege ausgerenkter Schultern beraten hat.
Und endlich gilt meine tiefste Dankbarkeit meiner Lektorin Laura Hruska für das Können, die Einsicht und Hingabe, mit deren sie mir geholfen hat, diese Geschichte zu erzählen.
Soll ich das Ding herausziehen?«
Die Polizeisanitäterin von Chukchi ließ sich neben den sterblichen Überresten von Victor Solomon auf die Knie fallen und sah fragend hoch zu Nathan Active, dem Alaska State Trooper.
Active steckte die Schutzkappe auf das Objektiv seiner Nikon, schob die Kamera unter den Parka, zog den Reißverschluss hoch, streifte die Fäustlinge über und dachte über die Frage der Sanitäterin nach. Sein Blick schweifte über Victor Solomons Fischfanglager auf dem Eis der Chukchi Bay. Er hasste solche Augenblicke mehr als alles andere am Schauplatz eines gewaltsamen Todes. Der Instinkt sagte ihm, dass der Ernst der Stunde ein respektvolles Vorgehen gebot und jede Frage so tiefgründig sein sollte wie das Hinübergehen einer menschlichen Seele ins Jenseits, falls es denn ein solches gab.
Stattdessen lief es immer auf dieselbe Art von profanen Entscheidungen hinaus: Sollte man den Schaft, der etwa einen Meter zwanzig weit aus Victor Solomons Brust herausragte, an Ort und Stelle belassen? Dann konnte der Gerichtsmediziner, der die Autopsie durchführte, ihn persönlich entfernen und dabei alles festhalten, was in Bezug auf die Wunde und Victor Solomons Tod von Wichtigkeit sein mochte.
Oder sollte man ihn lieber herausziehen, um den Transport der Leiche mittels Schneemobil und Akhio von Victors Weißlachs-Camp über zwölf Kilometer Meereis bis zur Stadt Chukchi zu erleichtern? Active wandte sich um und blickte zurück. Der Ort war durch die milchige Luft undeutlich als eine Reihe dunkler Rechtecke am Horizont zu erkennen.
Vera Jackson, die Sanitäterin, deutete auf den Fiberglas-Akhio, der hinter ihrem Schneemobil angekoppelt war, ein Arctic Cat in den Farben Blau und Schwarz. »Da drauf wird die Leiche ziemlich herumholpern. Dabei könnte sich die Wunde vergrößern. Oder die Harpune könnte herausrutschen und verloren gehen.« Der Wind peitschte ihr die rabenschwarzen, mit eisgrauen Strähnen durchsetzten Haare in die glänzenden, dunklen Augen. Sie blinzelte und stopfte die Haare unter die Kapuze ihres Parkas zurück.
Active wandte sich wieder der Leiche auf dem Eis zu und betrachtete den Schaft der Harpune. Der obere Teil war aus dunklem, verwittertem Holz, allem Anschein nach sehr alt. Der Wind hatte ihn seit Victors Tod vor einer noch ungewissen Anzahl von Stunden mit Schnee überzuckert, aber es war noch deutlich zu erkennen, dass das Holz sorgfältig zu einem glatten und runden Schaft bearbeitet worden war.
Die untere Hälfte bestand aus Elfenbein und war mit einer Art handgearbeitetem, widerstandsfähig aussehenden Riemen am Holz befestigt – Rohleder oder Sehne wahrscheinlich. Der Teil aus Elfenbein verschwand direkt unter dem Brustbein in Victors Oberkörper.
Active stampfte mit seinen Sorel-Stiefeln auf dem schneebedeckten Eis, schlug die Fäustlinge gegeneinander und kehrte dem schneidenden, von Westen heranpfeifenden Wind den Rücken zu. Warum sollte jemand einen alten Mann wie Victor Solomon umbringen, und warum gerade mit einer antiken Harpune, falls es sich um eine solche handelte? Warum nicht etwas Schnelles und Sicheres verwenden, eine Pistole zum Beispiel?
Und warum nicht wenigstens an einem wärmeren Tag?
»Vielleicht könnten wir die Harpune direkt oberhalb des Elfenbeinteils zerlegen«, schlug Active vor. »Den Riemen durchtrennen, der die beiden Teile zusammenhält.« Er hoffte, dass auf diese Weise gleichzeitig das Beweismaterial erhalten und der Transport erleichtert würde. »Haben Sie eine Säge dabei, Vera?«
Die Sanitäterin erhob sich aus ihrer knienden Position neben Victor und rümpfte die Nase in der Inupiat-Geste für Nein. »Als ich gehört habe, dass er frei zugänglich neben seinem Weißlachs-Loch liegt, habe ich keine weitere Ausrüstung eingepackt. Wir nehmen nur dann eine Säge mit, wenn wir sie aus einem Auto oder Flugzeug herausschneiden müssen oder etwas in der Art.«
Active sah zu den beiden Zivilisten hinüber, die sich in Hörweite aufhielten, und hob fragend die Augenbrauen. »Habt ihr eine Säge dabei?«
Einer war ein Inupiat-Teenager namens Darvin Reed, der zum Weißlachsangeln hergekommen war. Er war es auch gewesen, der Victor tot auf dem Eis gefunden und per Handy die Polizeizentrale in Chukchi verständigt hatte. Active hatte ein leises Staunen nicht unterdrücken können, mitten auf dem Meereis ein Handy anzutreffen. Sicher, es gab keinen Grund, warum die Arktis oder die Inupiat für das Vordringen moderner Technologie weniger zugänglich sein sollten als der Rest der Welt. Oder weniger anfällig dafür. Und trotzdem.
Der andere Zivilist war Darvins Anglerfreund, ein weißer Junge. Er hieß Willie Samuels. Active hatte die beiden gebeten zu warten, und sie beobachteten die Vorgänge von den Sitzen ihrer Schneemobile aus. Beide schüttelten verneinend den Kopf, als Active nach einer Säge fragte.
Ein halbes Dutzend weiterer Zuschauer hielt sich in etwa fünfzig Meter Entfernung auf. Ein paar davon waren schon bei Actives und Vera Jacksons Eintreffen am Tatort gewesen. Der Rest war nach und nach eingetrudelt. Active hatte sich ihre Namen und Telefonnummern notiert – oder die Hausnummern, wenn sie kein Telefon hatten – und sie dann weggescheucht, als sich herausstellte, dass Darvin und Willie die eigentlichen Entdecker der Leiche waren.
Active überlegte, ob er bei den Gaffern nach einer Säge herumfragen sollte, als Willie ein Klappmesser herauszog und es öffnete. »Sie könnten es damit versuchen, wenn Sie wollen.«
Active begutachtete das Messer. Die Klinge war mehr als zehn Zentimeter lang, viel länger als die des Leathermans an seinem Gürtel. Er sah Vera an.
»Ich glaube, wenn wir es mit dem Messer da versuchen, rütteln wir so an der Harpune herum, dass wir gleich alles so lassen können, wie es ist. Die Riemen sehen mir sehr nach Ugruk-Haut aus. Extrem zäh.« Sie betrachtete Victor. »Aber ich könnte versuchen, sie herauszuziehen. Ganz langsam und vorsichtig. Vielleicht kann ich sie lockern, ohne dass die Wunde zu sehr aufgerissen wird.«
»Ist sie nicht festgefroren?«, fragte Active.
Vera schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, höchstens ein bisschen um das Loch herum. Er ist noch nicht sehr angefroren, wegen der warmen Kleidung. Es muss letzte Nacht passiert sein, würde ich sagen.«
Active erwog ein paar Sekunden lang das Für und Wider. »Versuchen Sie, den Schaft nicht mehr zu berühren als unbedingt nötig«, sagte er schließlich. »Wir müssen ihn noch nach Fingerabdrücken untersuchen.«
Darüber machte er sich allerdings keine allzu großen Sorgen. Wenn man bedachte, dass die Temperatur momentan bei etwa minus fünfzehn Grad lag und es in der Nacht noch ein paar Grad kälter gewesen war, schien es höchst unwahrscheinlich, dass der Mörder die Harpune mit bloßen Händen geführt hatte. Fingerabdrücke waren nur eine entfernte Möglichkeit.
Vera nickte und kniete sich wieder neben der Leiche hin. Sie öffnete einen Koffer, den sie zuvor neben Victor abgestellt hatte, streifte die Handschuhe ab und nahm eine Schere heraus. Der Reißverschluss von Victors schwerem Parka hatte offen gestanden, als die Harpune in seine Brust gedrungen war, aber Vera musste trotzdem noch durch eine Daunenweste, ein kariertes Wollhemd und ein Unterhemd schneiden, die alle mit gefrorenem Blut durchtränkt waren, bis sie die Eintrittswunde freigelegt hatte.
Sie legte die Schere beiseite, zog die Handschuhe wieder an, packte den Schaft mit beiden Händen und ruckelte leicht daran. »Sieht so aus, als würde die Spitze festsitzen«, sagte sie. »Muss glatt durch ihn durchgegangen sein und am Rücken eine Rippe erwischt haben. Oder das Rückgrat.«
Sie rüttelte abermals am Schaft, machte dann eine leichte Drehbewegung und schon ging es. Überraschend leicht glitt der Schaft mit einem feuchten Schmatzen aus Victors Brust. Vera taumelte nach hinten, fing sich aber schnell wieder. Dann sahen sie sich die fünfundzwanzig oder dreißig Zentimeter blutbeschmiertes Elfenbein an.
Mit einem Ausdruck der Überraschung deutete Vera auf die Spitze, die überhaupt keine Spitze war, sondern ein gleichmäßig abgeschrägter Kegelstumpf, der aussah, als würde er in eine dazu passende Aufnahmehülse gehören. »Ich vermute, die Spitze ist in ihm stecken geblieben.«
Active hörte das Brummen eines näher kommenden Motorschlittens und machte sich darauf gefasst, einen weiteren neugierigen Zivilisten verscheuchen zu müssen. Aber nein. Als er sich umdrehte, erkannte er den roten Parka und die breite, nicht mehr ganz junge Gestalt von Jim Silver, dem Chef der Stadtpolizei von Chukchi.
Der Polizeichef hielt an, stellte sein Schneemobil ab und trat zu Victor Solomons Leiche. Er deutete auf die Harpune in Veras Hand. »Darf ich mal einen Blick drauf werfen?«
Active musterte einen Moment lang das pockennarbige Gesicht seines Gegenübers. »Sicher. Aber wir sind hier außerhalb der Stadtgrenze.«
Silver grinste. »Immer mit der Ruhe, Nathan. Ich weiß, dass ihr Trooper hier draußen zuständig seid, aber ich hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als ich von der Harpune hörte.«
»Harpune? Aber wie …«
»Bei dem Museumsdiebstahl ist eine verschwunden«, sagte Silver. »Das wissen Sie doch, oder?«
Active starrte erst den Polizeichef an, dann die Harpune. »Nein, das wusste ich nicht. Ich dachte, sie hätten nur Onkelchen Frost gestohlen.«
»Nee, nach den Papieren des Smithsonian Institute zu schließen gehörten noch ein paar andere Kleinigkeiten dazu«, sagte Silver. »Ein Amulett aus Mammut-Elfenbein mit dem Kopf einer Eule drauf. Und eine Harpune.«
»Diese Harpune?«
Silver zuckte die Achseln. »Sieht jedenfalls so aus wie auf dem Foto, das das Smithsonian geschickt hat. Heutzutage sind nicht mehr viele Harpunen im Umlauf, vor allem keine, die am gefährlichen Ende aus Elfenbein bestehen. Wie gesagt, ich hatte so ein Gefühl.«
Active nickte Vera zu und sie überreichte Silver den Schaft. Er wischte Schnee und Reif von der Verbindungsstelle, wo die Teile aus Elfenbein und Holz miteinander verzurrt waren, und inspizierte mit zusammengekniffenen Augen das Rillenmuster, das er freigelegt hatte. Er grunzte und schüttelte den Kopf. »Scheiße, das hatte ich befürchtet. Es ist tatsächlich die Harpune von Onkelchen Frost. Verdammter Calvin.«
Onkelchen Frost war an einem windigen Morgen vor drei Tagen durch einen milchweißen Himmel eingeflogen. Zu just dieser Zeit musste sich Nathan Active nach zeitloser Eskimoart wegen seines neuen Schneemobils veräppeln lassen.
»Also haben Sie sich für die Yamaha entschieden.« Jim Silver strich um die besagte Maschine herum und blieb neben dem Lenker stehen. Sein Parka stand wie üblich offen und ließ den Blick frei auf seinen hervorquellenden Bauch. Im Gegensatz zu Active schien Silver die Kälte nie zu spüren. Er rollte den Überzug vom einen Lenkergriff der Yamaha zurück und pfiff mit gespielter Bewunderung. »Beheizte Griffe, was? Yoi! Da wird Ihnen aber warm werden in der Wildnis.«
Es war Silvers Rückfall ins »Village-Englisch«, das »Yoi!«, das Active hellhörig werden ließ. »Yoi!« bedeutete »So ein Glück!« oder »Ach, wie hübsch«, aber es hatte einen Beiklang jenes schlitzohrigen Inupiat-Spotts, in dem es Silver, obwohl selbst ein Weißer, während seiner langen Jahre in Chukchi zu wahrer Meisterschaft gebracht hatte.
Active bewegte die Zehen gegen die Kälte und ging in die Defensive. »Die beheizten Griffe sind Standard. Ich hab sie nicht extra bestellt«, sagte er schließlich.
»Aha.« Silver drehte eine weitere Runde um die Yamaha und trat dann einen Schritt zurück, ein breites, boshaftes Grinsen im Gesicht. »Aber warum gerade das Damenmodell?«
Active dachte insgeheim ›Scheiße‹, laut sagte er: »Ja, na ja.« Er verkroch sich ein wenig tiefer in seinen Parka. Gegen den Wind, der über den Flugplatz von Chukchi fegte, und das, was Silver auch immer gegen ihn im Schilde führen mochte.
Silver berührte die Verkleidung der Yamaha mit den behandschuhten Fingern. »Ich sage ja nicht, dass dieser violette Farbton nicht ganz allerliebst ist, das ist er nämlich, aber …«
Active wartete schicksalsergeben, während sein Atem sichtbar kondensierte. Der Wind trieb ihm die langen Deckhaare des Wolfsfells von der Krause seines Parkas in den Mund. Er blies sie weg.
»Es ist nur so, hier zu Lande …« Silver legte eine Pause ein, als müsse er nachdenken, wie er den Gnadenstoß so menschenfreundlich wie möglich ansetzen konnte. »Na ja, hier zu Lande ist Violett eben die Frauenfarbe, und alles, was violett ist, läuft als Damenmodell. Violette Four-Wheeler, violette Pick-ups, violette Boote, violette Flugzeuge, violette Schneemobile. In Chukchi sind das alles Geräte für Damen. Ich dachte, Sie wüssten das.«
Silver verließ seine Umlaufbahn um die Yamaha und setzte sich verkehrt herum darauf. »Der Sitz ist aber auch herrlich weich.« Er lehnte sich zurück, legte den Kopf auf den Lenker und seufzte hingebungsvoll. Dann blickte er Active an. »Normalerweise müssen die Händler die Violetten im Preis runtersetzen, damit sie sie loswerden. Hector hat Ihnen nicht zufällig einen Sonderpreis gemacht, hm?«
Active zeigte Silver den Stinkefinger – einen behandschuhten Finger.
Silver grinste und wackelte mit dem Kopf. »Hab ich mir gedacht. Aber ich betrachte das als gutes Zeichen. Sogar mit Rabatt ist ein neues Schneemobil für Sie eine größere Anschaffung, wenn man Ihre Sparsamkeit bedenkt. Darf ich das so interpretieren, dass Sie sich jetzt doch entschlossen haben, in Chukchi zu bleiben?«
»Nein, ich brauche nur einen fahrbaren Untersatz bis meine Versetzung durch ist. Wenn ich weggehe, stoße ich es wieder ab.«
Silver grinste abermals. »So so.« Dann setzte er sich auf und schwang herum, sodass er Richtung Osten entlang der Hauptrollbahn des Flughafens von Chukchi blicken konnte. »Ich glaube, ich höre sie kommen.«
Active spähte nach Osten durch den Dunst, den der Westwind im Frühjahr mit sich trug, und endlich hörte auch er das Grollen einer altmodischen Propellermaschine. Dann sah er sie, eine DC-6 der Arctic Air Cargo. Sie war nur ein Pünktchen über der Tundra östlich der kiesbedeckten Landzunge, auf der Chukchi mit seinen paar Schotterstraßen und meist ungetünchten Holzhäusern lag. Er deutete über die Lagune. »Das ist er?«
Silver nickte. »Ja, wies aussieht, kommt Onkelchen Frost endlich nach Hause.«
Drei Männer traten aus dem Büro der Arctic Air Cargo. Einer kletterte auf einen Gabelstapler und drückte den Anlasserknopf. Der Motor drehte ein paar Mal durch, dann sprang er vor Kälte stotternd und rumpelnd an.
Die beiden anderen kamen auf die violette Yamaha zu. Ihre Stiefel knirschten auf dem schneebedeckten Asphalt. »Hallo, Billy, Horace«, sagte Silver, während die uralte Frachtmaschine sich auf die Landebahn zuplagte.
Horace, der ältere der beiden, sah Actives Schneemobil an, dann Active, und wandte mit einem leisen Lächeln den Blick ab.
»Horace ist zu höflich, um etwas zu sagen«, flüsterte Silver Active zu. »So sind sie, die älteren Eskimos. Sehr liebenswürdig.«
Das wusste Active selbst, und Silver wusste, dass er es wusste. Er sagte nichts.
Billy andererseits war jung und nach Actives Einschätzung höchstens zur Hälfte Eskimo.
»Hector hats also tatsächlich geschafft, Ihnen ein Damenmodell anzudrehen, hm? So ein Pech.« Billy verzog sein Gesicht in gespieltem Mitgefühl. »Meinem Onkel hat auch mal jemand so ein Ding verhökert. Als er schließlich rauskriegte, was das Violett bedeutet, hat er das Schneemobil aufs Eis rausgefahren, in Stücke geschossen und einfach stehen lassen.«
Billy wandte sich ab, um eine Weile der einschwebenden DC-6 zuzusehen. Dann schwang er wieder zu Active herum. »Ich kann es gar nicht mit ansehen, wenn ein Naluaqmiiyaaq wie Sie auf einem Damenmodell sitzen bleibt. Wollen Sie vielleicht mein altes Polaris dagegen eintauschen? Ich könnte Ihre Yamaha meiner Freundin schenken. Sie ist ganz wild auf Violett.«
Billy deutete auf ein verbeultes Wrack, das außerhalb des Maschendrahtzauns geparkt stand, der die Rollbahn umgab. Die halbe Windschutzscheibe des Polaris fehlte und der Sitz war derart mit silbernem Panzerband geflickt, dass von dem ursprünglichen Kunstlederbezug kein Fleck mehr zu sehen war. Zwei Spanngummis hielten die Motorhaube geschlossen.
Horace lächelte wieder und Silver gluckste.
Während die Reifen der DC-6 quietschend auf dem Asphalt aufsetzten, grübelte Active über die Ungerechtigkeit nach, dass er nach so langer Zeit immer noch als der Dorf-Naluaqmiiyaaq galt – das Inupiaq-Wort für einen Eskimo, der wie ein Weißer sein wollte.
Sicher, er war in Anchorage aufgewachsen. Aber er war in Chukchi geboren und tatsächlich ein reinblütiger Inupiaq. Seine Adoptiveltern, ein weißes Lehrerehepaar, hatten ihn im Alter von achtzehn Monaten aus dem Dorf nach Anchorage mitgenommen, weil sie die Nase voll hatten von der Wildnis und es mal mit Alaskas größter Stadt probieren wollten.
Es stimmte zwar, dass er nur deshalb nach Chukchi zurückgekehrt war, weil seine Vorgesetzten bei den Alaska State Troopers ihn dorthin auf seinen ersten Posten gesetzt hatten. Und sicher, sobald seine Versetzung durch war, würde er noch am selben Tag im Flugzeug nach Hause sitzen, nach Anchorage. Aber inzwischen war er schon seit über zwei Jahren hier. Wie lange würde es noch dauern, bis er aufhörte, der Naluaqmiiyaaq zu sein?
Im selben Augenblick flog ihm die richtige Entgegnung auf Billys Frotzelei zu, wie die Einflüsterung einer uralten Eskimo-Gottheit des Spottes. Er sah Billy an. »Wenn deine Freundin Violett mag, dann schenke ich es ihr vielleicht selber«, sagte Active. »Wie wär das?« Er hob die Augenbrauen mit einem Grinsen, das hieß: »Du bist am Zug.«
Diesmal lachte Silver lauthals und sogar Horace gluckste. Ein nachdenklicher Ausdruck überschattete Billys Gesicht, dann runzelte er die Stirn und ging hinüber zum Gabelstapler. Horace lief ihm nach und rief ihm etwas zu, das so ähnlich klang wie: »Manchmal benimmt sich dieser Naluaqmiiyaaq schon wie ein richtiger Eskimo, hä?« Aber Active war sich nicht sicher, weil der Gabelstapler im Leerlauf so laut knatterte.
»Was führt Sie eigentlich bei diesem Wetter hier heraus?«, fragte Silver Active, während die DC-6 heranrollte. »Ich dachte, Onkelchen Frost geht ohne viel Trara direkt ins Stammesmuseum. Was haben die Trooper damit zu tun?«
Active verzog das Gesicht. »Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass von Staats wegen eine Art Quittung und Verzichtserklärung unterschrieben werden muss, bevor Onkelchen Frost dem Museum übergeben wird. Damit alles schön legal und das Smithsonian glücklich ist. Und irgendwer in Juneau hat anscheinend beschlossen, dass die Trooper die dafür zuständige Behörde sind. Wir haben einen Brief vom Generalstaatsanwalt bekommen mit der Anweisung, Onkelchen Frost in Empfang zu nehmen und die Papiere abzuzeichnen. Da bin ich also. In etwa fünf Minuten wird Onkelchen Frost Malcolm Aniraks Problem sein.« Er deutete auf einen roten Ford, der neben Billys Schneemobil hinter dem Maschenzaun einparkte. Ein Magnetschild an der Tür des Pick-ups besagte CHUKCHI TRIBAL COUNCIL, Stammesrat von Chukchi.
Die DC-6 blieb vor dem Hangar der Arctic Air Cargo stehen und die vier großen Propeller flappten noch bis sie stillstanden. Die Ladetür schwang auf und gab den Blick auf eine Kiste frei, auf die man mittels Schriftschablone SMITHSONIAN INSTITUTE gepinselt hatte. Der Gabelstapler rollte auf das Flugzeug zu, während er gleichzeitig die Gabel hochfuhr.
Roger Kennelly, der Journalist von KCHK, Chukchis öffentlicher Rundfunkstation – gemeinhin Kay-Chuck genannt –, brachte seinen Four-Wheeler am Zaun zum Stehen und kam auf das Vorfeld gerannt. Während der Gabelstaplerfahrer die Kiste auflud, zog Kennelly seine Kamera aus dem Rucksack und fing an zu knipsen, vermutlich für seinen Nebenjob als freier Mitarbeiter der Wochenzeitung Chukchi Bay Times.
»Wie stehts mit Ihnen?«, fragte Active Silver. »Muss die Stadt auch für Onkelchen Frost unterschreiben?«
»Nee, ich bin nur hier, damit die Inupiat Republican Army nichts Verrückteres anstellt als sonst auch. Da kommt sie schon, die IRA.« Silver ruckte mit dem Daumen in Richtung eines mageren, nervös wirkenden Inupiaq mit verspiegelter Sonnenbrille, der unmittelbar hinter dem Zaun von seinem Motorschlitten stieg. Auch ihm schien die Kälte nichts auszumachen. Er trug nicht einmal einen Parka, lediglich einen Polaranzug, ein Stirnband, das die Ohren schützte, und Handschuhe, die für das Wetter viel zu dünn aussahen. Und sein Schneemobil wirkte viel zu alt, um beheizbare Griffe zu haben. Die Maschine – ein arg mitgenommenes Ski-Doo – sah aus wie ein Zwillingsbruder von Billys Polaris. Der hinten angekuppelte Hundeschlitten war ein wackliges Gebilde aus gesplitterten Hickoryhölzern, das mittels Treibholzstücken, Draht, Holzresten und Isolierband notdürftig geflickt war.
»Ah, der berühmte Calvin Maiyumerak«, sagte Active.
Silver nickte mit schiefem Grinsen.
Maiyumerak erblickte die beiden Gesetzeshüter, hob die Faust zum revolutionären Gruß, ging dann zum Hundeschlitten und zog unter einer mit Spanngummis befestigten, blauen Persenning ein an eine Holzlatte genageltes Schild hervor. FREIHEIT FÜR ONKELCHEN FROST! stand in großen, roten Leuchtbuchstaben darauf. Maiyumerak legte es sich über die Schulter und ging zielstrebig auf Malcolm Aniraks Pick-up zu.
»Ach du Scheiße, da muss ich dazwischengehen.« Für einen Mann seiner Größe und Masse bewegte sich Silver unglaublich schnell, während er durch das Tor im Maschendrahtzaun galoppierte und den Pick-up im selben Moment erreichte, als Maiyumerak das Schild über Aniraks Fenster auf das Wagendach knallte. Active ging näher heran, um sich die Sache anzusehen.
»Freiheit für Onkelchen Frost!«, schrie Maiyumerak der geschlossenen Fensterscheibe des Pick-ups entgegen, die voller Reif war, sodass man Anirak drinnen kaum erkennen konnte. Der drückte auf die Hupe und bedeutete Silver, etwas zu unternehmen. Abermals schlug Maiyumerak mit seinem Schild auf den Pick-up ein. Anirak sprang heraus.
Silver konnte gerade noch rechtzeitig dazwischengehen. Er griff mit der einen Hand nach Maiyumeraks Schild, packte ihn mit der anderen am Kragen und drängte ihn zwei Schritte zurück. »Calvin, was habe ich dir gesagt?«, hörte ihn Active gerade fragen, als er den Zaun erreichte.
Anirak knallte die Tür des Pick-ups zu und besah sich das Dach oberhalb des Fensters. »Er hat mir den Lack zerkratzt!«, sagte er.
Kennelly kam angekeucht, stopfte seine Kamera in den Rucksack und zog ein Tonbandgerät heraus. Er schlang es an einem Tragriemen über die Schulter und hielt das Mikrofon zwischen Silver und Maiyumerak. Silver wischte es beiseite. »Herrgott nochmal, Roger, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen mir das Ding nicht vor die Nase halten!«
Kennelly ließ sich nicht davon abbringen, mit seinem Mikro dicht am Geschehen zu bleiben, diesmal aber etwas weiter von Silver entfernt. »Das hier ist eine öffentliche Einrichtung. Ich habe ein Recht darauf, die Vorgänge aufzuzeichnen«, sagte er. Silver seufzte und wirkte müde. Aber er schlug nicht mehr nach dem Mikrofon.
Kennelly war ein Weißer, sehr jung, sehr ernsthaft, und Active befürchtete, dass er nach Chukchi gekommen war, um die Inupiat vor der westlichen Zivilisation zu retten. Es mangelte ihm an jeglichem Humor, allerdings mit einer bemerkenswerten, beinahe genialen Ausnahme: Soweit Active wusste, hatte Kennelly den Namen »Onkelchen Frost« für jene unidentifizierte Inupiat-Mumie aus dem Smithsonian geprägt, die soeben in Chukchi gelandet war. Jedenfalls hatte Active den Namen zum ersten Mal gehört, als Kennelly ihn bei einer Telefonsendung auf Kay-Chuck gebrauchte. Irgendwie war es Kennelly damit gelungen, sich in den heiteren Fatalismus einzuklinken, mit dem die Inupiat sich gegen die Unwägbarkeiten des Lebens wappneten, denn der Spitzname hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Von da an hieß die Mumie des Smithsonian nur noch Onkelchen Frost.
Silver wandte seine Aufmerksamkeit wieder Maiyumerak zu. »Ich hab dir das schon gestern erklärt, Calvin. Du kannst herumlaufen, deine Sprüche brüllen und mit deinem Schild herumfuchteln. Aber du darfst nicht damit auf etwas herumschlagen. Wenn du das tust, muss ich dich wegen Behinderung der Staatsgewalt festnehmen.«
»Ich habe ein Recht auf freie Meinungsäußerung, und ich sage, dass man Onkelchen Frost draußen in der Tundra lassen soll, wie es bei den alten Inupiat Brauch war.« Maiyumerak schwenkte sein Schild. »Außerdem haben ihn diese Naluaqmiut von der Regierung genau dort gefunden.«
»Ja, wir alle haben deine Leserbriefe gesehen und gehört, wie du mich auf Kay-Chuck beleidigt hast«, sagte Anirak. »Aber der Stammesrat hat nach dem Gesetz über indianische Gräber das Recht, Onkelchen Frosts Überreste an sich zu nehmen und sich auf die ihm am besten erscheinende Art darum zu kümmern.« Anirak, der Geschäftsführer des Stammesrates von Chukchi, war nach Actives Schätzung etwa vierzig Jahre alt, ein untersetzter Mann, der eine Brille mit schwarzem Gestell trug. Sogar heute war er in Hemd und Krawatte erschienen, lediglich mit einer Windjacke darüber. Vermutlich verließ er sich darauf, dass ihn die Heizung seines Fords für diesen kurzen Ausflug aus den Büros des Stammesrates schon vor den Unbilden der Witterung schützen würde. Active hatte ein paar Mal mit ihm über die Übergabe von Onkelchen Frost gesprochen und sich angehört, was er in einem Rundfunkinterview über die bevorstehende Ankunft der Mumie zu sagen hatte. Daraus hatte Active geschlossen, dass Malcolm Anirak vielleicht gebürtiger Inupiaq sein mochte, inzwischen aber zum reinrassigen Bürokraten mutiert war.
»Kümmern! Ha!« Maiyumerak hob sein Schild, als wolle er jetzt Anirak damit eines über den Schädel ziehen, fing aber einen warnenden Blick von Silver auf und stampfte stattdessen mit dem Stiel auf den verschneiten Schotter neben dem Zaun. »Ihr wollt Onkelchen Frost in eurem Museum in einen Glaskasten legen, damit die Naluaqmiut-Touristen ihn anglotzen können.«
»Das ist der Auftrag, den mir der Rat erteilt hat, und genau das werde ich tun. Es wird ein sehr geschmackvolles und informatives Schaustück werden, nicht nur für Besucher von außerhalb. Unsere Schulkinder und auch andere Einheimische werden dadurch erfahren, wie wir gelebt haben, bevor die Naluaq…« Anirak warf Kennelly, der nicht nur weiß, sondern auch Reporter war, einen kurzen Blick zu und schaltete schnell um. »Bevor wir die westliche Art angenommen haben.«
»Es ist trotzdem nicht richtig!«, schrie Maiyumerak. »Ihr müsst ihn in die Tundra legen, damit die Tiere ihn sich holen können. Das ist die Art der Inupiat. Zurück zur Erde, ein einziger großer Kreislauf.«
»Das war die alte Art der Inupiat.« Anirak stieg wieder in seinen Kleinlaster und sprach durch die geöffnete Tür. »Die Dinge haben sich geändert. Wir brauchen das Geld, das Onkelchen Frost uns einbringen wird, sonst müssen wir die Stammesschule schließen. Unsere Bingorunden alleine bringen nicht genug ein, und Protestschilder schon gar nicht.« Anirak knallte die Tür zu und funkelte Maiyumerak durch die bereifte Scheibe an.
Einen Moment lang sah es so aus, als wollte Maiyumerak wieder auf den Ford einschlagen, aber dann senkte er das Schild und ging zu seinem Schneemobil zurück. Kennelly trottete hinterher und interviewte ihn, während er das Schild wieder auf dem Hundeschlitten verstaute.
Der Gabelstaplerfahrer deponierte Onkelchen Frost auf einem Pritschenwagen der Arctic Air Cargo, und Horace kam mit einem Klemmbrett auf Active zu. »Ich glaube, Sie müssen das hier unterschreiben.«
Active nahm das Klemmbrett, fischte unter seinem Parka nach einem Stift und unterschrieb schnell, bevor die Tinte in der kalten Luft erstarren konnte. Dann ging Horace vors Tor und reichte das Klemmbrett Anirak, der zum Unterschreiben das Fenster seines Pick-ups herunterkurbelte.
Silver kehrte zu Active zurück und blieb neben dessen Yamaha stehen. »Kommen Sie mit rüber zum Museum? Ich glaube, Calvin hat sein Pulver noch nicht verschossen.«
»Was denn, die Polizei von Chukchi wird nicht mit der IRA fertig? Sie rufen die Trooper zu Hilfe?«
Silver streifte Actives violette Yamaha mit einem vernichtenden Blick, grinste und kletterte in den grün-weißen Bronco der Polizeidienststelle von Chukchi.
Als der Pritschenwagen mit seiner Eskorte aus Polizei, Presse und Malcolm Anirak das Museum erreichte, war Maiyumerak schon da und kettete gerade sein Ski-Doo an der Haspe fest, die die Schwingtüren zur Lagerhalle des Museums zusammenhielt. Das FREIHEIT-FÜR-ONKELCHEN-FROST-Schild hatte er mit Spanngummis aufrecht an eine Stütze seines Hundeschlittens gezurrt.
Das Museum war ein braunes, buckeliges, zweistöckiges Holzgebäude, dessen Gestalt – so hatte Active jedenfalls gehört – an ein umgedrehtes Umiaq oder Walfangboot erinnern sollte. Silver kam angefahren, stellte den Dienst-Bronco ab und eilte mit dem Gesichtsausdruck eines Rekruten, den man gerade zum Latrinendienst verdonnert hat, auf Maiyumerak zu. »Hör zu, Calvin, Spaß ist Spaß, aber irgendwo muss Schluss sein. Sperr das verdammte Ding auf und geh aus dem Weg, sonst nehm ich dich auf der Stelle mit.«
Kennelly stürmte mit Kamera und Mikrofon heran und Maiyu-merak grinste erfreut, indem er ein schwarzes Loch entblößte, an dessen Stelle ein Schneidezahn hätte sein sollen.
»Nur zu, wenn Sie einen politischen Gefangenen in Ihrem Gefängnis haben wollen. Nach der Charta der Vereinten Nationen zu den Rechten indigener Völker …«
Maiyumeraks Stimme verklang, denn er sah nur noch Silvers Rücken, während dieser zu seinem Bronco stapfte.
Der Polizeichef riss die Tür auf, griff sich das Mikrofon, und als die Telefonistin in der Zentrale sich meldete, schrie er hinein: »Lucy, schicken Sie jemanden von der Werkstatt mit einem Bolzenschneider zum Museum, ja! Und halbwegs pronto bitte. Polizeimäßig eilig, nicht eilig wie irgendwann mal!«
Er nahm Handschellen vom Beifahrersitz des Bronco und kam zu Maiyumerak zurück, dessen Gesichtsausdruck mittlerweile sehr beunruhigt war. »Sie dürfen die Kette nicht durchschneiden! Sie gehört Kobuk!«
»Das ist Kobuks Kette?« Silver legte eine Hand darauf und seine Miene erhellte sich.
»Genau, und ohne Kette müsste er im Haus bleiben«, sagte Maiyumerak. »Da habe ich ihn auch gelassen, als ich die Kette mitgenommen habe, aber er ist kein Haushund. Meine Großmutter wird nicht fertig mit ihm, sie ist zu alt.«
»Kann man wohl sagen, dass er kein Haushund ist. Er ist ein gottverdammter Wolf, bloß doppelt so groß.« Silver starrte Maiyumerak an. »Aber das hättest du dir vorher überlegen sollen. Die Kette ist jetzt ein Beweisstück. Du wirst bei mir im Gefängnis stecken, während Dolly mit deinem verdammten Monster im Haus festsitzt. Und jetzt streck die Hände aus.«
Maiyumerak versteckte die Hände hinter dem Rücken und wich zurück. »Warten Sie einen Moment, vielleicht könnte ich sie doch aufschließen.«
Silver ließ die Handschellen sinken. »Na schön. Mach schon.«
»In fünfzehn Minuten könnte ich sie aufschließen.«
»Fünfzehn Minuten?« Silvers Lächeln erlosch. »Warum nicht sofort?«
»Fünfzehn Minuten.« Maiyumerak schob die Lippen trotzig vor. »Das ist mein Protest. Fünfzehn Minuten.«
Silver sah auf die Uhr, wollte etwas sagen, unterdrückte es aber und sah Malcolm Anirak an.
Anirak, der sein Fenster heruntergekurbelt hatte und aus der Wärme seines Pick-ups heraus zuschaute, zuckte die Achseln. »Ich könnte ja solange eine Tasse Kaffee trinken gehen.«
»Gut.« Silver wandte sich zu Maiyumerak. »Du kannst deine fünfzehn Minuten haben, aber keine Sperenzchen mehr, wenn ich zurückkomme. Du nimmst die Kette weg und verschwindest, oder du wanderst ins Gefängnis. Genau wie damals, als du Robbenöl auf die Sitze des Ausflugsbusses gekippt hast, erinnerst du dich?«
Maiyumerak präsentierte ihnen wieder seine Zahnlücke. »Hat gut gerochen.«
»Nicht für die Touristen«, sagte Silver. »Für Touristen riecht Robbenöl wie tote Fische.«
Maiyumerak grinste, dann wurde sein Ausdruck wieder verbissen. »Aber Sie müssen mich mit Ihrer Waffe bedrohen.«
Silver stöhnte. »Ich ziehe meine Waffe nur, wenn ich auch schießen will. Willst du erschossen werden?«
»Sie müssen mich mit Ihrer Waffe bedrohen. Dann kann ich meine Petition bei den Vereinten Nationen einreichen.«
Silver fluchte und hielt die Handschellen in die Höhe. »Jetzt reichts aber, verdammt nochmal. Die Abmachung ist null und nichtig. Gib mir deine Hände.«
Maiyumerak versteckte die Hände hinter dem Rücken und sah verbissener aus denn je.
»Na schön, wie wärs damit?« Silver formte seine Hand zur Pistole, zielte damit auf Maiyumerak und bewegte den Daumen, als wäre er ein gespannter Hahn. »Symbolisch vorgehaltene Pistole, geht das auch?«
Maiyumerak entspannte sich, grinste und hob hinter der verspiegelten Sonnenbrille die Augenbrauen zum Eskimo-Ja.
Silver ließ die Hand sinken, straffte sich zu voller Größe und setzte eine gewichtige Miene auf. »Calvin Ray Maiyumerak, im Namen der Polizeibehörde von Chukchi …«
»Und unter Verletzung der UN-Charta zum Schutz der Rechte indigener Völker«, sagte Maiyumerak.
»… und möglicherweise unter Verletzung der UN-Charta zu was auch immer, falls es so etwas gibt, befehle ich dir hiermit mit symbolisch vorgehaltener Waffe, dein verdammtes Schneemobil aufzusperren und das Gelände innerhalb von fünfzehn Minuten zu räumen, andernfalls wirst du festgenommen und im Polizeigebäude von Chukchi für unbestimmte Zeit festgesetzt.«
Silver hob die rechte Hand, formte sie wieder zur Pistole, spannte den Daumen und setzte Maiyumerak den Zeigefinger mitten auf die Stirn. »In Ordnung?«
Maiyumerak grinste und hob nochmals die Augenbrauen.
Silver kniff sich kurz in die Nasenwurzel, dann wandte er sich ab und stiefelte zu seinem Bronco. »Ein ganz normaler Tag in den Annalen der Strafverfolgungsbehörde von Chukchi«, sagte er im Vorbeigehen zu Active.
»Ich bin sprachlos vor Bewunderung«, meinte Active und bestieg seine violette Yamaha.
Silver wandte sich auf einen letzten Blick zu Maiyumerak um, der sein FREIHEIT-FÜR-ONKELCHEN-FROST-Schild losgeschnallt hatte und über dem Kopf schwenkte, während er im Kreis vor der Lagertüre herumlief und Kennelly mit seiner Kamera drauflosknipste.
Dann fuhr Silver mit einem misstrauischen Stirnrunzeln zu Active herum. »Für wen?«
Active grinste und zuckte die Achseln.
»Scheiß Calvin«, sagte Silver. »Wie wärs mit Mittagessen?«
Zwei Tage später, es war kurz nach Mittag, saß Active an seinem Schreibtisch im Büro, als Silver eintrat.
»Scheiß Calvin«, sagte der Polizeichef. »Schon gehört?«
»Was gehört?«
»Gestern Nacht wurde im Museum eingebrochen, und raten Sie mal, was fehlt?«
»Was denn – Sie meinen Onkelchen Frost?«
Silver nickte grimmig.
»Im Ernst? Und es war Calvin?«
»Wer denn sonst?«
Active konnte sich ein leises Lächeln nicht verkneifen. »Und was hat er selbst dazu zu sagen? Dass er nur seine indigenen Rechte unter der UN-Charta zu was auch immer wahrgenommen hat, oder was?«
»Er sagt, er wars nicht.«
»Und was sagt die Beweislage?«
Silver schnitt eine angeekelte Grimasse. »Herzlich wenig. So gut wie gar nichts, genau genommen. Jemand hat das Vorhängeschloss an der Lagerraumtür aufgebrochen, wahrscheinlich mit einem Brecheisen, ging rein, hat die Packbänder der Kiste gekappt, das Ding aufgestemmt, sich Onkelchen Frost geschnappt und ist abgehauen. Wahrscheinlich mit Schneemobil und Hundeschlitten, aber der Schnee um die Tür herum ist so festgestampft, dass er kaum eine Spur hinterlassen hat.«
»Hat Calvin ein Alibi?«
Silver kratzte sich die Kopfhaut am Haaransatz, wie es seine Gewohnheit war. »Seine Großmutter sagt, sie hätten gestern Abend zusammen ferngesehen und seien gegen elf oder zwölf ins Bett gegangen. Als sie ihm heute gegen neun seinen Morgenkaffee brachte, habe er noch schlafend im Bett gelegen.«
»Hmm. Bisschen vage.«
Silver nickte. »Dolly könnte uns etwas vorgeflunkert haben, um ihr Enkelchen zu schützen, wie es jede Aana mit einem Funken Selbstachtung tun würde. Oder vielleicht ist Calvin wieder weggegangen, während sie schlief, hat Onkelchen Frost gestohlen, ihn irgendwo in der Tundra versteckt und sich wieder ins Haus geschlichen, ohne dass sie etwas gemerkt hat. Sie ist ziemlich taub, wenn sie ihr Hörgerät abnimmt.«
»Und was jetzt?«
»Nichts, außer es taucht jemand auf, der ihn dabei beobachtet hat. Oder Calvin hat einen Anfall von Schuldbewusstsein und legt ein Geständnis ab.«
Active grinste mitfühlend. »M-hm.«
Silver seufzte tief. »Scheiß Calvin.«
Am darauf folgenden Morgen war der Handyanruf von Darvin Reed auf der 911 eingegangen.
Und deshalb stand Active jetzt, statt gemütlich durch den Freitag ins Wochenende zu gondeln, auf dem Meereis neben einem toten Mann in dessen Weißlachs-Camp. Die Identifizierung der Mordwaffe machte klar, dass der Museumsdiebstahl nicht einfach der letzte Akt in einer ungewöhnlich unterhaltsamen Aufführung des ewigen Straßentheaters von Chukchi gewesen war. Aber Calvin Maiyumerak?
Silver sagte es schon wieder: »Scheiß Calvin.« Er stieß die Worte in Dampfstößen hervor, die der Wind davontrug. Dann reichte er Active die Harpune.
»Sie glauben, dass Calvin das getan hat?« Active wies auf Victor Solomons Leiche, die immer noch über dem Loch im Eis lag. »Dieser Clown?«
»Wissen Sie, womit sich dieser Clown seinen Lebensunterhalt verdient?«
Active schüttelte den Kopf.
»Unter anderem ist er Hundefänger.«
»Was?«
»Wir hatten hier früher ein Riesenproblem mit herrenlosen Hunden. Sie haben ständig Kinder gebissen, alte Aanas herumgehetzt und Fleisch gemopst. Irgendwann wurde es so schlimm, dass die Stadtverwaltung uns angewiesen hat, sofort zu schießen, sobald wir einen Streuner sehen. Aber Roger Kennelly hat im Rundfunk einen Bericht darüber gebracht und All Things Considered hat die Geschichte aufgegriffen. Danach hat sich eine Tierschützergruppe aus der ›Außenwelt‹ eingemischt und das war das Ende vom Lied. Kein Hunde-Kontrollprogramm mehr. Dachten wir jedenfalls. Kurz darauf zog Calvin von Ebrulik hierher. Und siehe da, plötzlich ließ das Problem mit den herrenlosen Hunden nach. Dolly verkauft seitdem angebliche Wolfspelzkrausen und -fäustlinge im Dutzend und jedermann ist glücklich.«
»Calvin erschießt sie? Ist das den Leuten nicht ein bisschen unheimlich?«
»Nein, er erschießt sie nicht«, sagte Silver. »Wie er es genau anstellt, sie zu fangen, ist ein ziemliches Rätsel. Er legt keine Fallen aus, sonst würde er mehr Kinder fangen als Hunde. Manche Leute sagen, er trägt in seinen Taschen fauliges Fleisch mit sich herum, um sie anzulocken, und bricht ihnen dann mit bloßen Händen das Genick.«
Active zuckte zusammen, dann fiel ihm etwas ein. »Was geschieht mit den Kadavern?«
»Um die kümmert sich Kobuk.«
»Kobuk? Wer – ach so, der Hund, von dem er beim Museum gesprochen hat.«
Silver nickte. »So geht das Gerücht. Ich bezweifle, dass selbst so ein Monster wie Kobuk mehr als ein, zwei Hunde pro Woche fressen kann, aber natürlich sind die meisten Huskys hier in der Gegend nur kompakte Mini-Schlittenhunde. Was weiß ich.«
»Haben Sie das je überprüft?«
»Um Gottes willen, warum sollte ich? Der Gemeinderat ist glücklich, ich bin glücklich, und was die Tierschützer nicht wissen, macht mich nicht heiß.«
Active drehte und wendete die Harpune in der Hand und sah sich die Einkerbungen an. »Moment mal, haben Sie nicht gesagt, dass auf dem Amulett ein Eulenkopf war? Ist das hier nicht auch einer?«
Er drehte die Stelle so, dass Silver sie begutachten konnte. Zwei Kreise und ein senkrechter, leicht gekrümmter Strich: ) »Zwei Augen mit einem Schnabel dazwischen?«
»Schon möglich«, sagte Silver. »Das Smithsonian hat es als Eigentumsmarke bezeichnet, aber es sieht tatsächlich wie eine Eule aus, stimmt.«
»Eigentumsmarke?«
»Ja. So was wie ein Namenszug. Früher, bevor sie das Schreiben lernten, haben die Eskimos eine Art Symbole in ihre Harpunen eingeritzt. Wenn die Waffe dann in einer Robbe oder in einem Wal stecken blieb und später wieder auftauchte, wusste jeder, wem sie gehörte. Die Walfänger machen es heute noch so.«
»Ja, das klingt sinnvoll«, sagte Active. »Aber warum hätte Calvin dieses Ding da benutzen sollen, um Victor Solomon umzubringen? Ich kann mir vielleicht vorstellen, dass er Malcolm Anirak harpuniert. Aber diesen alten Burschen?«
»Victor Solomon ist – oder besser war – Vorsitzender des Stammesrates. Das wussten Sie nicht?«
Active schüttelte den Kopf. »Der Generalstaatsanwalt hat uns Troopers deutlich gesagt, dass wir einen weiten Bogen um Stammesangelegenheiten machen sollen.«
Silver grunzte zustimmend. »Ich wünschte, man würde uns Stadtpolizisten auch so eine Anweisung erteilen. Wie auch immer, Victor war derjenige, der den Rat gedrängt hat, eine Ausstellung mit Onkelchen Frost zu machen.«
»Und Calvin wusste das?«
»Aber klar doch. Letzten Monat hat Calvin bei einer Ratssitzung so viel Stunk gemacht, dass Victor unsere Jungs rufen musste, um ihn rauszuschmeißen. Und Victor hat mich gedrängt, Calvin wegen des Diebstahls von Onkelchen Frost einzusperren. Hat gedroht, sich beim Stammesrat zu beschweren, sobald er vom Weißlachsangeln zurückkommt, falls Calvin bis dahin immer noch nicht hinter Gittern sitzt.«
»Ich rufe wohl besser an und lasse ihn vorläufig festnehmen«, sagte Active. »Falls er noch in der Gegend ist. Haben Sie ein Funkgerät dabei? Meines habe ich schon ausprobiert, aber die Reichweite ist zu klein.«
Silver brachte unter seinem Parka ein Walkie-Talkie zum Vorschein, versuchte vergeblich, die Zentrale in Chukchi zu erreichen und schüttelte den Kopf. »Zu weit weg.«
»Ich hab mein Handy dabei«, sagte Darvin Reed. Er nahm es heraus, klappte es auf wie einen Kommunikator aus Raumschiff Enterprise und brachte es Active.
Active sah Silver an. »Ich glaube, alle unsere Jungs sind unterwegs, außer vielleicht Carnaby. Könnten Ihre Leute sich vielleicht um Calvin kümmern?«
Silver nickte und nahm das Mobiltelefon. »Wenn die Stadt mir bloß so ein Ding genehmigen würde.« Er kehrte dem Westwind den Rücken zu, während er wählte, und nestelte das Handy dann zum Sprechen unter die Kapuze seines Parkas.
Während der Polizeichef der Einsatzzentrale sagte, sie solle zwei Beamte zu Dolly Maiyumeraks Haus schicken, um Calvin zur Vernehmung abzuholen, betrachtete Active wieder die Harpune in seiner Hand. Er musste sie in irgendetwas einwickeln, falls der Mörder Fingerabdrücke hinterlassen hatte, aber in seinem Koffer zur Beweisaufnahme, den er hinten auf den Gepäckträger der violetten Yamaha geschnallt hatte, war nichts groß genug dafür.
»Haben Sie zufällig Müllbeutel dabei?«, fragte er Vera Jackson. Sie nickte und brachte ihm eine Rolle aus dem Akhio. Active wickelte die Harpune in zwei Müllbeutel und legte sie quer über den Sitz seiner Yamaha.
»Wollen wir ihn jetzt auf den Schlitten legen?«, fragte Vera.
Active nickte und packte Victor an den Schultern, während Vera ihn an den Füßen hob. Victor lag auf dem Rücken in einer badewannengroßen Kuhle, die er in den Schnee geschaufelt hatte, um mit dem benzinbetriebenen Eisbohrer, der jetzt im Korb seines Hundeschlittens lag, sein Angelloch zu bohren. Sie hoben gleichzeitig an, aber Victors Oberkörper rührte sich nicht. Vera ließ seine Füße wieder fallen und runzelte die Stirn.
»Sieht so aus, als wäre sein Parka festgefroren«, sagte Active. »Wahrscheinlich war etwas Wasser um das Loch herum.«
Sie knieten sich in die Grube, bekamen den toten Mann mit Mühe aus seinem Parka heraus und trugen ihn dann zum Akhio. Vera ließ sich auf die Knie nieder, um den Körper in einen Leichensack einzupacken und auf dem Schlitten festzuschnallen.
Active entdeckte eine Axt in der Kiste hinten auf Victors Schlitten und hackte damit den Parka aus dem Eis, bis schließlich das runde Loch von etwa fünfzehn Zentimeter Durchmesser zum Vorschein kam, durch das Victor seinen Weißlachs geangelt hatte.
Sein Angelzeug – ein bumerangförmiges Stück Treibholz, Monofilament-Angelschnur und ein silberglänzender Balance-Jig-Köder – lag noch im Schnee am Rand der Grube. Victor hatte es zum Zeitpunkt seines Todes anscheinend nicht benutzt, denn die Schnur war um das Treibholz gewickelt und der Köder mit einem seiner Haken hineingebohrt.
Active schlug so viel Eis wie möglich von dem Parka weg, dann rollte er ihn zusammen, stopfte ihn in einen Müllbeutel und befestigte ihn gemeinsam mit der Harpune mittels Spanngummis am Gepäckträger seiner Yamaha.
»Kann ich ihn jetzt in die Stadt fahren?«, fragte Vera.
Active nickte. »Bringen Sie ihn in die Leichenhalle im Krankenhaus, bis wir ihn zur Autopsie nach Anchorage schaffen können.«
Vera zog die Augenbrauen hoch, drückte den Anlasserknopf des Sanitätsdienst-Schneemobils und fuhr davon. Immer wieder wandte sie den Kopf, um zu sehen, wie sich der Akhio im Schlepp verhielt.
