Weißer Himmel, Schwarzes Eis - Stan Jones - E-Book

Weißer Himmel, Schwarzes Eis E-Book

Stan Jones

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als sich in Chukchi, einem kleinen Städtchen im hohen Norden, mysteriöse Selbstmorde häufen, wird Alaska State Trooper Nathan Active neugierig. Nathan Active ist selbst Inupiat, glaubt aber nicht an den Klatsch über einen alten Schamanenfluch gegen den Clan. Von Amts wegen – Alaska State Troopers sollen sich nicht in die Angelegenheiten der Stadt-Polizei einmischen – gehen ihn diese Dinge auch nichts an. Er fängt an zu schnüffeln und steckt bald bis zum Hals in einem Umweltskandal, der ihn Kopf, Kragen und Karriere kosten kann. Als Actives Vorgesetzte nervös werden, weiß er, dass er auf der richtigen Spur ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Cover for EPUB

Über dieses Buch

Als sich in Chukchi, einem kleinen Städtchen im hohen Norden, die Selbstmorde häufen, wird Alaska State Trooper Nathan Active neugierig. Er ist selbst Inupiaq, laubt aber nicht an den Klatsch über einen alten Schamanenfluch gegen den Clan. Bald steckt er bis zum Hals in einem Umweltskandal, der ihn Kopf, Kragen und Karriere kosten kann.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Stan Jones (*1947) hat als Journalist für fast alle großen Zeitungen in Alaska gearbeitet. Als Spezialist für Umweltpolitik und als begeisterter Buschpilot gibt er in seinen Romanen Einblicke in die Kultur der Inupiat in der Person des Polizisten Nathan Active und dessen Abenteuern in der Arktis.

Zur Webseite von Stan Jones.

Dirk Löwenberg (*1971) studierte u. a. Anglistik, Publizistik und Skandinavistik mit Sprachschwerpunkt Schwedisch und Isländisch. Er beschäftigt sich mit schottischer und schwedischer Literatur und arbeitet hauptberuflich in einer Softwarefirma in Berlin.

Zur Webseite von Dirk Löwenberg.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Stan Jones

Weißer Himmel, Schwarzes Eis

Ein Fall für Nathan Active

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Dirk Löwenberg

Ein Fall für Nathan Active (1)

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.

Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 1 Dokument

Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel White Sky, Black Ice bei Soho Press, New York.

Originaltitel: White Sky, Black Ice (1999)

© by Stan Jones 1999

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Karl-Heinz Raach/LOOK

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30720-9

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 27.05.2024, 16:32h

Transpect-Version: ()

DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.

Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.

https://www.unionsverlag.com

[email protected]

E-Book Service: [email protected]

Unsere Angebote für Sie

Allzeit-Lese-Garantie

Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.

Bonus-Dokumente

Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.

Regelmässig erneuert, verbessert, aktualisiert

Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.

Wir machen das Beste aus Ihrem Lesegerät

Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:

Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und Mac

Modernste Produktionstechnik kombiniert mit klassischer Sorgfalt

E-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.

Wir bitten um Ihre Mithilfe

Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.

Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags

Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

Unsere Angebote für Sie

Inhaltsverzeichnis

WEISSER HIMMEL, SCHWARZES EIS

Vorbemerkung1 — Mittwochmorgen, Chukchi2 — Mittwochvormittag, Chukchi3 — Mittwochabend, Chukchi4 — Donnerstagmorgen, Katy Creek5 — Donnerstagabend, Katy Creek6 — Freitagmorgen, Chukchi7 — Freitagmorgen, Friedhof am Steilufer, Chukchi8 — Freitagnachmittag, Chukchi9 — Samstagmorgen, Gray Wolf Mine10 — Samstagabend, Chukchi11 — Sonntagmorgen, Chukchi12 — Sonntagnachmittag, Chukchi13 — Montagmorgen, Chukchi14 — Montagmorgen, Chukchi15 — Montagnachmittag, Jade Portage16 — Dienstagnachmittag, Chukchi17 — Dienstagabend, Werners Camp18 — Mittwochmorgen, Chukchi19 — Donnerstagmorgen, ChukchiWorterklärungen

Mehr über dieses Buch

Über Stan Jones

Stan Jones: »Ich liebe es, in einem unerschlossenen Land zu leben«

Über Dirk Löwenberg

Andere Bücher, die Sie interessieren könnten

Bücher von Stan Jones

Zum Thema Alaska

Zum Thema Arktis

Zum Thema Kriminalroman

Zum Thema Spannung

Zum Thema USA

Für Nunmuk, den Träger

Jede Geschichte hat außerhalb ihrer Worte und ihrer Handlung eine Bedeutung. Bald verlor ich mich in einer Welt, die nicht meinem eigenen Denken entsprang – einer fremden Welt, die mich manchmal mit ihrer Gewalt, ihrem Fatalismus, ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Doppelspiel von Mensch und Tier ängstigte. Und doch erzählten genau diese Geschichten von der besonderen Wechselbeziehung zwischen Mensch und Tier, der Hingabe und Liebe der Eskimos für ihresgleichen und von dem Humor, den die Eskimos ihrer rauen Welt abringen.

Edwin S. Hall jr. und Claire Fejes: The Eskimo Storyteller.Folktales from Noatak, Alaska

Vorbemerkung

»Eskimo« ist der wohl geläufigste Begriff für die Amerikaner, die in diesem Buch beschrieben werden, aber es ist nicht ihr Begriff. In ihrer eigenen Sprache nennen sie sich Inupiat, was »das Volk« bedeutet. Die Bezeichnung »Eskimo«, die von den Weißen nach Alaska gebracht wurde, ist der Name bestimmter Indianerstämme Ostkanadas für ihre Nachbarn im Norden; ursprünglich bedeutete er wahrscheinlich »die, die rohes Fleisch essen«.

Dennoch werden die Begriffe »Eskimo« und »Inupiat« im heutigen Nordwesten Alaskas mehr oder weniger gleichwertig verwendet, zumindest wenn Englisch gesprochen wird, und diesem Sprachgebrauch folgt dieses Buch.

Aber die Dinge ändern sich. Immer mehr löst das authentische und einheimische »Inupiat« das importierte »Eskimo« ab, besonders unter jüngeren und besser ausgebildeten Mitgliedern dieser Kultur.

Gelegentlich benutzen die »Inupiat« den Begriff »Eskimo« auf andere Weise, und zwar so, wie die Afroamerikaner unter sich »Nigger« verwenden. Manchmal scheint dies als eine Art ironische Waffe gegen weiße Vorurteile gemeint zu sein, manchmal scheint es die Verinnerlichung des Vorurteils zu reflektieren. Dieser Sprachgebrauch taucht auch in diesem Buch auf, wenn zum Beispiel eine der Figuren sich auf ihr eigenes Volk als »dumme Eskimos« bezieht.

In der formalen oder öffentlichen Sprache – wie zum Beispiel im Journalismus – ist »Inuit« wahrscheinlich der am weitesten akzeptierte Sammelbegriff für die Eskimovölker Sibiriens, Alaskas, Kanadas und Grönlands, aber es ist kein aus Alaska stammendes Wort und wird demnach selten von den Inupiat der Nordwestküste des Staates selbst benutzt. Folglich findet es auch in diesem Buch keine Verwendung.

Einige Inupiaq-Wörter – solche, die sich gemeinhin mit dem in Nordwestalaska gesprochenen Englisch vermischen – tauchen in diesem Buch auf. Sie werden in den Worterklärungen aufgeführt, zusammen mit ihrer Aussprache. Da die Orthografie zwischen Inupiaq-Wörterbüchern variiert, habe ich die Schreibweise verwendet, die am ehesten der richtigen Aussprache der Wörter durch Nicht-Inupiat entspricht.

1

Mittwochmorgen, Chukchi

Normalerweise hatte Alaska State Trooper Nathan Active nichts mit Todesfällen innerhalb der Stadtgrenzen von Chukchi zu tun. Aber die City Cops waren alle im Einsatz, und er flirtete gerade mit Lucy aus der Funkzentrale, als der Anruf hereinkam. Also nahm er ihn entgegen.

»Du kommst besser rüber, Nathan«, sagte Hector Martinez. »Irgend so ’n Jüngling hat sich gegenüber vom Dreamland erschossen, und ich will ihn hier weg haben.«

»Wer ist es?«

»Ist völlig egal, wer«, sagte Martinez. »Komm einfach und hol ihn. Er vergrault mir die Kundschaft.« Der Barbesitzer legte auf.

Active stieg die Treppen zu seinem Büro hinauf, nahm seine Fellmütze und seinen Daunenparka vom Haken an der Tür und ging hinaus zu dem acht Jahre alten Trooper Suburban. Der Westwind, der gestern eingesetzt hatte, kratzte auf seinem Gesicht, als er die Fahrertür aufschloss und die Aktentasche hineinwarf.

Ein dünner grauer Wolkenstreifen rollte über den Himmel und spuckte Schnee auf die enge Landzunge aus Strandkies und Tundra, die Chukchis quadratische, ungestrichene Holzhäuser und seine weit verteilten Dreckstraßen beherbergte. Er war erst vor einer halben Stunde zur Arbeit gekommen, aber die Windschutzscheibe war bereits wieder mit Schnee bedeckt. Die Temperatur betrug vielleicht vierzehn Grad minus, schätzte er, als er den Schnee wegbürstete. Die Warmwetterperiode der vergangenen Tage war definitiv vorbei.

Es gab vieles an Chukchi, das er hassen gelernt hatte, seit ihn die Troopers vor achtzehn Monaten hierher versetzt hatten. Aber es war wahrscheinlich der Westwind, den er am meisten verabscheute.

Es war die zahnschmerzähnliche Hartnäckigkeit des Westwinds. Gott hilf, wenn man ohne Handschuhe hantieren musste, beim Zündkerzenwechseln am Suburban oder beim Fotografieren von Beweisen. Er nagte an den Händen und fegte einem Schotter in die Augen. Nachts im Haus konnte man hören, wie er Büsche und Gräser gegen die Wände scharrte. Man konnte fühlen, wie er warme Luft aus den Rissen rund um die Fenster heraussaugte und kalte Luft unter der Tür und durch die Fassungen drückte.

Nun, auch Active konnte hartnäckig sein. Noch ein oder zwei Jahre, rechnete er sich aus, und er würde aus Chukchi weg und ins Alaska-State-Trooper-Hauptquartier nach Anchorage befördert werden, wo seine Adoptiveltern lebten und er aufgezogen worden war. Wo, Gott sei Dank, der Westwind nie so blies wie hier in Chukchi, dem Dorf, in dem er geboren wurde.

Er fuhr vom Parkplatz hinter der Polizeizentrale von Chukchi, einem dreistöckigen Würfel mit verblassender, brauner Sperrholzverkleidung und einem blauen Aluminiumdach. Er fuhr die Third Road hoch, die einzige gepflasterte Straße im Ort, bog an der Lake Street rechts ab und fuhr dann einen Block in östlicher Richtung und hielt gegenüber vom Dreamland. Der Polizei-Bully von Chukchi war bereits da, und zwei Officers liefen zu irgendetwas in einer Weidengruppe hin, vielleicht fünfundsiebzig Meter draußen in der Tundra. Die Telefonistin musste die City Cops entweder über Funk oder einen von ihnen zu Hause übers Telefon erwischt haben.

Mehrere Honda Four-Wheeler waren entlang der Lake Street geparkt. Eine Horde von Frühstückstrinkern beobachtete die Vorgänge von der Treppe des Dreamland aus. Sie waren wahrscheinlich die Kunden, die von Martinez’ Bar »vergrault« wurden.

Active folgte den City Cops zu der Stelle, wo der tote Mann auf dem Rücken lag, gleich neben dem Friedhof von Chukchi. Er war jung, seine schwarzen Haare waren schulterlang, und er trug einen kleinen Schnurrbart. Seine Beine waren mit Schnee zugeweht, aber Kopf und Oberkörper im Schutz der Weiden nur leicht gefroren.

Ein von Schnee bedecktes Gewehr lag quer über seinen schneebedeckten Beinen, ein kugelgroßes Loch klaffte in seiner Kehle, und ein schattiger Fleck war auf dem Schnee unter dem Hals sichtbar. Active war sich sicher, dass sie dort, wo die Kugel wieder ausgetreten war, ein erheblich größeres Loch finden würden, wenn sie ihn umdrehten.

»Kann ich mir das mal anschauen?«, fragte er einen der City Cops, einen Weißen namens Mason.

Mason nickte. »Fass nur nichts an, bis der Chief hier ist.«

Active hockte sich hin und betrachtete das Gewehr durch den Schneestaub. Es sah aus wie ein alter 30-30-Winchester-Karabiner, gut für alles vom Seehund bis zum Karibu, sogar für Elche. Heutzutage hatten die meisten Leute neuere Gewehre, die weiter schossen und mehr Durchschlagskraft hatten, aber 30-30er waren in Chukchi, wo nichts weggeworfen wurde, solange es noch funktionierte oder eines Tages wieder funktionieren könnte, immer noch gebräuchlich.

Active stand auf. Ein paar Schnapsflaschen lagen herum, hauptsächlich kleine Plastikflaschen, die in einem Boot, einem Flugzeug oder einem Schneemobil transportiert werden konnten, ohne zu zerbrechen. Martinez betrieb gleich neben dem Dreamland eine Spirituosenhandlung, sodass die Tundra rundherum immer mit Flaschen zugemüllt war. Wie viele von ihnen hatte der Junge mit dem Loch in der Kehle in seinen letzten Stunden geleert?

Active drehte sich um, als Schritte im Schnee hinter ihm knirschten. Jim Silver, der Chef der City Police, blieb neben Active stehen und betrachtete die Leiche.

Silver war ein großer, dicker Mann mit einem von Akne-Kratern bedeckten Gesicht. Er war schon in Chukchi, bevor Active auf die Welt kam. Active glaubte, dass Silver auch noch hier sein würde, wenn er lange weg war, so wie der Westwind.

»Noch einer, hä?«

»Sieht so aus«, sagte Silver. »Der dritte Selbstmord seit dem Kälteeinbruch.«

»Kennst du ihn?«

»Ich denke schon, aber lass mal sehen.« Silver hockte sich hin und klopfte die Manteltaschen des Jungen ab, griff dann in eine hinein und zog einen Ausweis mit Foto an einer Ecke heraus.

»Yep«, sagte er nach kurzer Überprüfung. »George Clinton, einer von Daniels Jungs. Sieht so aus, als ob er sich einen Job in der Gray Wolf Mine besorgt hätte.«

Er winkte Active mit dem Ausweis zu, dann steckte er ihn in die gleiche Tasche zurück, aus der er ihn genommen hatte. »Wir werden ihn gleich wegschaffen, wir müssen nur noch ein paar Bilder für den Gerichtsmediziner machen. Nicht, dass es Zweifel daran gibt, was hier passiert ist.«

»Gut, dann brauchst du mich ja nicht. Ich bin nur hier, weil Lucy euch nicht gleich finden konnte.« Active ging auf den Suburban zu.

»Eine Sache wäre da allerdings.«

Er drehte sich um und wusste bereits, was kommen würde. Silver war ein Weißer, genau wie die anderen Cops am Schauplatz. Er, Nathan Active, war ein Inupiat. Genau wie George Clinton.

»Hast du vielleicht ’ne Minute Zeit, um dem alten Daniel die Nachricht zu überbringen?«

»Jim, ich spreche weniger Inupiaq als du. Das weißt du.«

»Na ja, Daniels Englisch ist ziemlich gut.«

»Wie wärs mit einem der anderen Jungs?« Active zeigte mit einem Daumen in Richtung der zwei City Cops, die ihre Arbeit an George Clintons Leiche begannen.

»Ich brauche sie hier noch ein bisschen.«

Active schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. »Wo ist das Haus?« Silver deutete über die Tundra nach Südosten. »Das weiße dort bei der Lagune.«

»Du schuldest mir was, Jim.«

»Ich schulde dir was«, sagte Silver.

Active ging zurück zum Suburban und holte seine Schlüssel heraus.

»Fährst du nach Norden?«

Er drehte sich um. Ein dürrer Zivilist mit einem Mariners-Baseballcap und einem langen, schmuddeligen Parka hatte sich aus der Menge rund ums Dreamland gelöst und kam auf den Suburban zu, eine Büchse Olympia-Bier in der Hand.

»Nicht nach Norden, Kinnuk. Ich fahre nach Süden, Richtung Flugplatz«, sagte Active.

»Großartig, ich auch«, antwortete Kinnuk Wilson mit seiner hohen Stimme. Er kletterte auf den Beifahrersitz des Suburban, das Bier zwischen die Knie geklemmt. Die Troopers und die City Cops tolerierten ihn aus zwei Gründen. Zum einen tat in den Augen der Gesetzeshüter Chukchis jeder, der die Leute dazu brachte, Hasch zu rauchen, statt zu saufen, allen einen Gefallen. Und zum anderen redete Kinnuk Wilson gerne mit den Cops.

Das Verrückte war, dass jeder im Ort wusste, dass er quatschte. Aber anstatt ihn eines Nachts in ein Eisloch zu werfen, erzählten die Schwarzhändler Kinnuk weiterhin alles, und Kinnuk gab weiterhin alles weiter.

Active hatte das noch nie begreifen können. Aber warum einem geschenkten Gaul ins Maul schauen? Er stieg auf den Fahrersitz.

»Gehst wohl wegen George zum alten Daniel, hä?«, sagte Wilson, als Active den Zündschlüssel umdrehte.

»Ja, aber du nicht.«

»Nein, ich warte im Wagen.«

Active fuhr östlich in die Lake Street Richtung Lagune. Sie holperten gute zehn Sekunden schweigsam des Wegs.

»Schlimm, das mit George, hä?«, sagte Wilson.

Active sagte nichts. Wenn Kinnuk Wilson was zu sagen hatte, war Schweigen die beste Methode, ihn zum Reden zu bringen.

»Obwohl, er war an der Reihe.«

»An der Reihe?« Active ärgerte sich sofort über sich, weil er sein Schweigegelöbnis gebrochen hatte.

»Ja, wegen des Clinton-Fluchs.«

»Des Clinton-Fluchs?«

»Haste nie davon gehört? Kann ich deine Heizung hochdrehen? Alipaa heute.« Wilson drehte das Gebläse hoch, ohne auf eine Antwort zu warten. »Weißte nicht, dass schon zwei der anderen Clinton-Jungs sich umgebracht haben? Ach ja, du warst ja unten in Anchorage mit deinen weißen Eltern.« Er kippte das Olympia und schluckte. Der Adamsapfel hüpfte in seinem dürren Hals.

Active griff rüber und trommelte auf die Oly-Büchse. »Du weißt, dass du damit nicht hier drin sitzen darfst.«

»Ist sowieso leer.« Wilson drehte das Fenster runter und schmiss die Dose in die Tundra.

»Was ist mit dem Fluch?«

»Ach ja.« Wilson kurbelte das Fenster wieder hoch. »Es hat etwa vor fünfzehn Jahren angefangen. Da war dieser alte Mann, Billy Karl, oben in der Beach Street. Er baute Hundeschlitten.«

Active nickte und lenkte den Suburban auf die Fourth Street. Jetzt fuhren sie Richtung Süden, parallel zur Lagune. Sie fror zu, wenn der Winter kam, und der Fleck offenes Wasser in der Mitte schrumpfte zusammen wie die Pupille eines Auges in grellem Licht.

»Billy Karl hatte ein Kind namens Frank«, sagte Wilson in seinem kargen Dorfenglisch, das sich für Active allmählich so normal anhörte wie das Standardenglisch, das in Anchorage gesprochen wurde. Ein weiterer Grund, so schnell wie möglich aus Chukchi rauszukommen.

»Frank war scharf auf Daniel Clintons Frau, obwohl sie viel älter war als er«, fuhr Wilson fort. »Sie und Frank Karl waren Cousins oder so was, und man weiß ja, wie diese Karls es immer schon mochten, mit ihren Verwandten rumzumachen. Drum sind sie so dämlich.«

»Woher weißt du das?«

»George hats mir erzählt, als wir in der Fünften zusammen waren.«

»Dann muss es wohl stimmen.«

Wilson ignorierte Actives Sarkasmus. »Frank hat nichts getaugt, trank und prügelte sich ständig, und Annie – das ist Daniels Frau – ging viel in die Kirche. Also wollte sie nichts mit ihm zu tun haben. Aber Frank denkt, das ist, weil sie so auf Daniel steht, und fängt an, in der Stadt rumzuerzählen, dass Daniel ihm besser aus dem Weg gehen soll. Schließlich, eines Abends, betrinkt sich Frank und geht mit einem Gewehr rüber zu Daniels Haus. Er steht davor und schreit und brüllt, schießt in die Luft und droht damit, reinzukommen und Daniel und Annie zu holen und sie beide zu töten oder sich selbst zu erschießen. Das war, bevor Daniel ein Telefon hatte, also können er und Annie nicht viel tun. Sie und ihre Kinder sind da drin gefangen.«

Sie hatten jetzt Daniel Clintons Haus erreicht. Active hielt den Suburban vor dem Haus an. Aber er stieg nicht aus.

Wilson deutete auf den verwitterten Sturmfänger aus Spanholz, der an der Frontseite von Clintons Haus angebaut war. »Frank geht hoch zu Daniels Kunnichuk dort und fängt an, wie der Teufel an die Tür zu hämmern. Aber Daniel stemmt ein Brett davor, sodass Frank nicht reinkann. Dann fängt Frank an, durch die Tür zu schießen. Annie und die Kinder kauern weit hinten, versteckt hinter Zeugs, also trifft er niemand.«

Wilson blickte vom Kunnichuk zu Active und wieder zurück zum Kunnichuk. »Aber Daniel hat genug. Er lädt eine Patrone in seine Schrotflinte und richtet den Lauf direkt auf die Tür des Kunnichuk und drückt den Abzug. Na ja, ein Glückstreffer. Die Patrone brennt ein großes Loch durch Franks Eingeweide und trifft sein Rückgrat. Frank fällt tot um, genau dort.«

»Dort.« Wilson deutete wieder auf den Sturmfänger. »Siehste die Löcher in der Tür des Kunnichuk? Man sagt, das sind die Löcher, die Daniel und Frank gemacht haben, als sie sich an jenem Abend gegenseitig beschossen. Das große ist das von der Patrone, die Frank schließlich getötet hat.«

Active betrachtete die Tür genauer. Das Loch sah viel zu groß und weichrandig aus, selbst für Schrot. Aber vielleicht musste das genau so sein nach fünfzehn Jahren Regen und Wind und mit Kindern, die Stöcke hindurchsteckten. »Was ist dann passiert, na?«

»Die Nalauqmiut-Cops entscheiden, es war Notwehr, und sie belassen es dabei«, sagte Wilson. »Aber die Eskimos wissen, dass es nicht vorbei ist. Zum einen war Frank der einzige Junge, den Billy hatte. Seine anderen Kinder waren alles Mädchen. Außerdem … du weißt, was ein Angatquq ist?«

Active erinnerte sich an das Wort aus einem Buch, das ihm seine Adoptiveltern gegeben hatten, um ihm zu helfen, seine Herkunft zu verstehen. Damals interessierte er sich mehr für Hardy Boys Geschichten. »Ein Schamane?«

»Ja, richtig«, sagte Wilson. »In den frühen Tagen, bevor die Missionare kamen, beherrschten die Angatquqs alles. Die alten Eskimos dachten, sie hätten magische Kräfte, und hatten Angst vor ihnen. Jedenfalls sagte man, dass Billy Karl aus einer Familie von Schamanen stammte, und viele Leute glauben, er wäre selbst einer. Also, jeder wartet darauf, wie er Daniel Clinton töten wird. Alle denken, dass es eine richtig traditionelle Eskimo-Blutsfehde geben wird.«

Active drehte sich, um noch einmal die Löcher in der Tür des Kunnichuk zu betrachten, dann wandte er sich wieder Wilson zu. »Aber Daniel ist noch am Leben.«

»Stimmt, Billy hat ihn nicht getötet. Eines Nachts ist großer Schneesturm, und jemand klopft an Daniels Tür. Als er öffnet, steht Billy da. Er schaut hinein, und er sieht Annie weiter hinten und George und ihre vier Jungs. Er starrt jeden Jungen nacheinander an.«

»›Ich werde keine Rache nehmen für das, was du getan hast‹, sagt er zu Daniel. ›Aber du hast mir meinen Sohn genommen, und jetzt werden deine Söhne durch ihre eigene Hand von dir genommen werden.‹«

Wilson wandte sich zu Active, dann ließ er den Blick im Suburban hin und her wandern, so wie Billy Karl Daniels verfluchte Söhne betrachtet hatte. Dann schaute er wieder Active an.

Ungefähr fünfzig Prozent von dem, was Wilson so sagte, war normalerweise wahr. Aber es war mit Unwahrheiten verflochten wie die Stränge eines Taus. Wilsons Geschichte von Fluch und Blutsfehde glich in nichts dem, was Active aus den Büchern, die ihm seine Adoptiveltern gegeben hatten, kannte oder was er in den Anthropologiekursen während seines Kriminologiestudiums an der University of Alaska gehört hatte.

»Hast du das mit eigenen Augen gesehen?«

»Nein, aber alle sagen es«, sagte Wilson. »Der älteste Junge war zu der Zeit ungefähr sechzehn und ein bisschen mit Frank Karl befreundet. Er hängte sich ein paar Jahre später auf. Seitdem bringen sich die Clinton-Jungs immer um, sobald sie um die zwanzig sind. Bis jetzt hat der Fluch sie alle erwischt. Nach George hat Daniel nur noch einen Jungen übrig.«

»Billy Karl sagt ein paar Worte, und Daniels Jungs fangen an, sich umzubringen?«, fragte Active. »Ich bitte dich.«

»Es hat Sinn, wenn man nicht drüber nachdenkt«, sagte Wilson. »Wenn du die Idee in den Kopf eines dummen Eskimos pflanzt, wird er sich ziemlich wahrscheinlich umbringen.«

»Sag das nicht, Kinnuk«, sagte Active. »Die Inupiat sind nicht dumm.«

»Wie kommt es dann, dass wir uns so oft selber töten?«

Active wusste, dass diese Diskussion sinnlos war. Kinnuk hatte die Verachtung des weißen Mannes für die Inupiat verinnerlicht, und es würde mehr brauchen als einen mit dem Finger drohenden State Trooper, das zu löschen. Aber er nahm noch einen Anlauf. »Man nennt das Kulturschock.«

»Ich nenn das dumme Eskimos«, zuckte Wilson mit den Schultern. »Deshalb glauben Daniel und seine Jungs, was Billy Karl sagt.«

»Deine Söhne werden durch ihre eigene Hand von dir genommen werden«, wiederholte Active.

Verzweiflung wehte wie der Westwind durch Chukchis Straßen. Er fragte sich, ob er es lange genug aushalten würde, um seine Versetzung nach Anchorage zu bekommen.

»Sie hätten eine Chance, wenn es nicht angefangen hätte«, sagte Wilson. »Aber die jüngeren Jungs, die sehen, wie sich ihre Brüder umbringen, und sie glauben daran. Die dummen Eskimos fühlen, dass sie immer weniger werden, und bald sind sie verschwunden.«

»Hört sich an, als ob du es selbst durchgemacht hättest.«

»Manchmal …« Wilson hörte auf zu sprechen und schaute wieder auf Daniel Clintons Kunnichuk. »Ach, ich gehe einfach ins Dreamland, und dann fühle ich mich wieder gut.«

»Nichts anfassen«, sagte Active und stieg aus dem Suburban. Als er zurückblickte, zog Wilson gerade ein frisches Oly aus einer der Taschen seines Parkas.

Active ging durch den Kunnichuk und klopfte an die innere Tür. Während er wartete, schaute er sich um und genoss die scharfen, öligen Gerüche im Schuppen. Mehrere Parkas hingen an Nägeln von den Wänden, zusammen mit Stahlfallen, einem Paar Karibu-Mukluks – den traditionellen Schneeschuhen – und den Fellen eines Marders und zweier Füchse. Zwei rote Plastikkanister für Schneemobil- und Bootsbenzin standen in einer Ecke auf dem Boden. In einer anderen Ecke standen drei Gewehre und zwei Schrotflinten.

Active ging hinüber und inspizierte sie. Kein 30-30-Winchester-Karabiner.

Es gab ein Geräusch hinter der Tür, und eine Inupiaq-Frau öffnete. Sie war Anfang fünfzig, vermutete Active. Ihre Augen waren gerötet, und sie umklammerte einen durchnässten Ball Tempos mit einer Hand.

»Sind Sie Mrs. Clinton?«, fragte er.

»Wir haben schon von George gehört«, sagte sie. »Sie hätten nicht herkommen brauchen.«

»Na ja, ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen für meinen Bericht.«

Sie führte ihn in einen Flur, der das Haus in zwei Hälften teilte. Am gegenüberliegenden Ende war ein halb zugezogener grüner Vorhang und dahinter eine Badewanne und eine Toilette.

»Daniel ist dort drin.« Sie zeigte auf eine Tür auf der rechten Seite. Active ging hinein.

Daniel Clinton saß mit einer Tasse Kaffee vor sich an einem mit Resopal überzogenen Esstisch. Er hatte ein rundes, mahagonifarbenes Gesicht über einem gedrungenen, massiv wirkenden Körper. Ein kleiner Schwarzweißfernseher auf dem Tisch war auf den staatlichen Provinzkanal eingestellt, der eine Glücksrad-Folge wiederholte. Clinton schenkte weder dem Kaffee noch dem Fernseher Beachtung. Er schaute hinaus, über die Lagune hinweg zu den weißen Tundrafalten. Im Gegensatz zu seiner Frau hatte er trockene Augen.

Es befand sich eine weitere Person im Raum. Ein dünner, ungefähr fünfzehnjähriger Junge mit langen, schwarzen Haaren lag auf der Couch und las einen Archie-Comic. Wenn Kinnuk Wilsons Geschichte stimmte, war das Daniel Clintons letzter Sohn.

Der Junge sah hoch und sagte: »Sieh mich nicht so an«, als könnte er Actives Gedanken lesen.

Daniel Clinton drehte sich um und sah Active. »Du könntest ins andere Zimmer gehen, Julius«, sagte er. Der Teenager ging, aber nicht in ein anderes Zimmer. Active hörte die Haustür zuschlagen, dann die Tür des Kunnichuk. Clinton schaltete den Fernseher aus.

»Danke, dass Sie vorbeikommen, Mr. Active«, sagte Clinton. »Entschuldigen Sie, dass wir Ärger machen.«

»Es tut mir Leid, das mit George, Mr. Clinton.«

»Es ist meine Schuld, wegen etwas, das vor langer Zeit passiert ist«, sagte Clinton. »Sie waren nicht hier, Sie waren bei Ihren Nalauqmiut-Eltern, damals.«

Active war nicht überrascht, wie viel Daniel Clinton über ihn wusste. Seit seiner Ankunft im letzten Jahr hatte es schnell die Runde gemacht, dass das Chukchi-Baby, das von weißen Schullehrern adoptiert worden war, erwachsen geworden und als Alaska State Trooper zurückgekehrt war. Diejenigen, die seine Geschichte nicht gekannt hatten, hatten sie schnell aus dem Fluss des Klatsches, der ständig durch die Straßen des Dorfes floss, herausgefischt.

»Ich glaube, ich habe davon gehört«, sagte Active, um Clinton wissen zu lassen, dass er nicht über den Fluch reden musste, wenn er nicht wollte.

»Möchten Sie einen Kaffee, Mr. Active?«, fragte Clinton. Offensichtlich wollte Clinton nicht darüber reden.

Active nickte, und als ihm Clinton eine Tasse eingegossen hatte, fragte er, ob sich George in letzter Zeit anders als sonst verhalten hatte.

»Nein, er schien mir in Ordnung. Er hatte einen Job in der Gray Wolf Mine bekommen, und er hatte etwas Geld, kaufte ein neues Schneemobil, er schien glücklich. Er sagte, er zieht aus und sucht sich bald seinen eigenen Platz«, sagte Clinton. »Ich habe angefangen zu denken, dass vielleicht George der eine ist, der es schafft. Aber wohl doch nicht.«

Die Gray Wolf war eine riesige Kupfermine, die vor ein paar Monaten hundertsechzig Kilometer nördlich von Chukchi am Gray Wolf Creek in Betrieb genommen worden war. Eine norwegische Bergwerksgesellschaft namens GeoNord betrieb sie, aber sie befand sich auf Land, das der Chukchi Region Inc. gehörte, der Gesellschaft, der alle Inupiat dieser Gegend angehörten. Also heuerten die Norweger eine Menge Inupiat an, und die Schichten waren auf Leute, die gerne jagten und fischten, zugeschnitten: zwei Wochen arbeiten, zwei Wochen frei, und die Firma zahlte den Leuten entweder die Flüge hin und zurück zur Gray Wolf oder den entsprechenden Betrag in bar für die, die lieber mit ihren Schneemobilen fahren wollten.

»Er kam gerade erst von der Gray Wolf zurück?«

»Montag, glaube ich. Er zog mit seinen Kumpels rum, ging runter zum GeoNord-Büro wegen irgendetwas mit seinem Job, ging Hasen jagen hinter der Lagune, blieb drüben bei Emily Hoffman, zog eben rum. Sie wissen, wie das mit diesen jungen Kerlen ist. Ich glaube, er wollte Karibus jagen, wenn das Eis auf der Chukchi Bay sich wieder von der Wärme, die wir hatten, erholt hat.«

»Emily Hoffman?« Active schrieb den Namen in sein Notizbuch.

»Seine Freundin«, sagte Clinton. »Sie ist schwanger, glaube ich. Ich hatte gedacht, dass sie bald seine Frau wird.«

»Wissen Sie, wen er bei GeoNord sprechen wollte?«

»Er hat mir nie was erzählt«, sagte Clinton. »Er sagte nur, er muss etwas klären. Als er zurückkam, sagte er bloß, alles in Ordnung.«

»Sie fanden ein 30-30-Gewehr bei ihm. Hatte er eins?«

»Ich habe eins in meinem Kunnichuk«, sagte Clinton. »Ich kann nachsehen, ob es da ist.«

»Nein, ich habe nachgesehen, als ich reinkam«, sagte Active. »Es ist nicht da.«

»Er hat die alte 30-30 genommen?«, fragte Clinton verzweifelt mit seiner rauen, zischenden Stimme. »Ich habe ihm beigebracht, damit zu schießen.«

Er schaute wieder hinaus über die Lagune. »Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich ihn mitgenommen habe aufs Eis, um Seehunde zu jagen. Es war ein Frühlingstag, sonnig, blauer Himmel, nicht viel Wind. Wir fahren mit dem Schneemobil hinaus, vielleicht fünfundzwanzig, dreißig Kilometer, wo es eine Menge Luftlöcher gibt. Ich habe einen Druckkeil bei einem Luftloch gefunden, das aussieht, als wenn es oft benutzt wird, und ich habe George dort hingesetzt, um zu warten. Er war bloß ein kleiner Junge, vielleicht acht oder neun, aber er lag da in seinem weißen Parka ganz still, ziemlich lange, und beobachtete das Luftloch.

Schließlich steckte ein Seehund den Kopf durch, und ich dachte, vielleicht schießt George zu früh, und der Seehund fällt wieder zurück in das Loch, vielleicht verlieren wir ihn. Aber George schoss nicht, er wartete. Ziemlich bald zieht sich der Seehund raus aufs Eis und schaut sich um, bevor er einschläft, und da schießt George. George traf ihn genau ins Auge, und er zappelt nicht mal, er lässt nur den Kopf fallen, als würde er einschlafen.

George schaut mich an und sagt: ›Jetzt bin ich ein richtiger Eskimo, hä, Dad?«

Clinton hörte auf zu sprechen und zupfte an den Rändern eines dreieckigen Risses im Resopal. Jemand hatte das Loch mit einem roten Buntstift umrandet. »Ich hätte nie gedacht, dass er diese alte Winchester … für … dafür.«

Clinton schwieg wieder, und Active sah, dass er jetzt Tränen auf den Wangen hatte. Active schloss sein Notizbuch und ging.

2

Mittwochvormittag, Chukchi

Immer noch da?«, fragte er, als er den Suburban erreichte. »Das Oly fliegt aus dem Wagen. Es liegt an dir, ob du mitfliegst.«

Wilson warf das Bier in den Graben vor Daniel Clintons Haus. »Was hat der alte Daniel gesagt?«

»Polizeiangelegenheit, Kinnuk.« Active machte den Motor an und fuhr zurück Richtung Norden, die Fourth Street entlang. Fourth war auf der Hinterseite der Stadt. Es gab dort nicht viele Häuser, sondern hauptsächlich Tundra, übersät mit rostenden Öltonnen, ausrangierten Schneemobilen und verlassenen Autos.

»He, wart ’nen Moment«, sagte Wilson plötzlich. »Das ist Pukuk.« Er zeigte auf eine schwarzweiße Promenadenmischung, die neben der Straße bellte. »Der Hund verlässt Tillie nie.«

»Tillie Miller? Die alte verrückte Frau?« Active erinnerte sich, sie in der Stadt gesehen und die City Cops über sie reden gehört zu haben. Solange sie innerhalb der Stadtgrenzen blieb, war sie nicht sein Problem, aber er hielt an und ging mit Wilson auf den Hund zu.

Bevor sie Pukuk erreichten, entdeckten sie Tillies Mukluks, die aus den Weiden, wo der Fußweg vom Dreamland aus der Tundra auf die Fourth führte, herausragten. Ein paar hundert Meter nördlich hatten sich die Cops immer noch um George Clintons Körper versammelt, die blauweiße Ambulanz von Chukchi hielt gerade neben ihnen.

Zuerst dachte Active, Tillie wäre auch tot, aber sie hörten ihr Schnarchen, als sie näher kamen. Sie lag auf dem Rücken im Schnee und sah wohlauf aus. Eine Fausthandschuhhand umklammerte eine halbe Flasche klaren Korn, den man hier Everclear nannte.

»Was willst du machen, Nathan?«

»Vielleicht sollten wir sie ins Krankenhaus bringen.«

»Sie sieht nicht krank aus für mich«, sagte Wilson und stampfte mit den Füßen gegen die Kälte auf. »Nur betrunken und schlafend. Abgesehen davon, würde sie das Krankenhaus sowieso nicht mehr aufnehmen. Die wissen, wie bösartig sie ist.«

»Ja, aber vielleicht ist sie unterkühlt.« Ein Windstoß saugte einen Mund voll Schnee von der Tundra und spuckte ihn in Actives Gesicht. Er zog die Ohrenschützer der Mütze herunter und drehte sich seitlich gegen den Windstoß.

»Sicher, habe ich schon gehört«, sagte Wilson. »Das ist, wenn man so kalt ist, dass man nicht mehr warm wird. Ich schau mal.« Er wich Pukuk aus, der wütend kläffte, um sie von Tillie fern zu halten, und ließ seine Hand am Ausschnitt ihres Karibufellparkas entlanggleiten.

»Nee, Brüstchen sind warm.« Er nahm den Everclear aus ihrer Hand und steckte ihn in seine Tasche. »Sie ist nur ohnmächtig. Das macht sie immer. Ihr Parka ist gut. Wir können sie einfach liegen lassen.«

»Ich glaube nicht, Kinnuk.« Active ging zu ihrem Kopf, schob die Hände unter ihre Arme und versuchte, sie in eine sitzende Position zu bekommen. Sie war, entdeckte er, gebaut wie ein Büffel: klein, aber massiv und schwer. Er ließ sie wieder fallen.

Er konnte sie nicht festnehmen, nicht mal zu ihrem eigenen Wohl. Die Gerichte hatten verfügt, dass es in Alaska kein Verbrechen war, in der Öffentlichkeit betrunken umzufallen, wie groß auch immer das Risiko war, dass man erfrieren würde wie ein Eis am Stiel, von Hunden eingenässt, von Moskitos ausgesaugt oder von Passanten vergewaltigt.

Man konnte für Personen in unmittelbarer Lebensgefahr eine Ausnahme machen, aber wo sollte er sie hinbringen? Die City Cops würden nicht helfen. Sie waren immer noch mit George Clintons Leiche beschäftigt und wollten, wie das Krankenhaus, lieber nicht mit Tillie Miller aneinander geraten.

»Wir könnten sie nach Hause bringen«, sagte Wilson und zeigte die Richtung an. »Das da ist ihr Zelt.«

Ungefähr hundert Meter südlich und einen Block östlich, in der Fifth Street, sah Active ein Zelt mit einem hölzernen Vogelhaus an der Firststange. Es war aus weißem Segeltuch, das sich im Wind bauschte.

»Arme alte Lady, die Vögel leben besser als sie«, murmelte er. Aber in Anchorage wäre sie eine der verlorenen Eingeborenen, die im Winter in den Obdachlosenunterkünften schliefen und im Sommer in einer der Windschutzvorrichtungen aus Kunststoff am Bach kampierten, um schwarz Fisch zu fangen. Vielleicht waren ein Zelt, ein Vogelhaus und der Ruf, die bösartigste Frau in Chukchi zu sein, gar nicht so schlecht.

Er ging über die Straße, um die Doppeltüren hinten am Suburban zu öffnen, kam zurück und fasste wieder unter Tillies Arme. Wilson nahm ihre Füße, und sie schwankten auf die Straße und luden sie ein. Pukuk kläffte immer noch hysterisch, also warf ihn Active hinterher. Er rollte sich auf Tillies Brust zusammen und hechelte glücklich.

Active fuhr zu dem Zelt und ging hinein, um sich umzusehen. Ein Feldbett auf der einen Seite, ein Tisch mit einem Coleman-Campingkocher auf der anderen, Pappkartons, gefüllt mit Tillies Essen und Klamotten, ein kleiner Ölofen, eine Coleman-Laterne, die von der Firststange hing, und ein Fünfzig-Pfund-Beutel Hundefutter. Er war überrascht von ihrem Ordnungssinn. Vielleicht war Tillie gar nicht so verrückt, wie alle sagten.

Das Feldbett war bedeckt mit Karibufellen und einem Schlafsack. Er warf alles runter bis auf die untersten zwei Felle und ging wieder raus zum Wagen. Sie schleppten Tillie hinein, legten sie auf das Feldbett und stapelten die restlichen Felle und den Schlafsack auf sie. Pukuk streckte sich neben ihr aus, leckte sich zwischen den Beinen, rollte seinen Schwanz über seine Nase und schlief ein.

Sie wollten gehen, aber Active wollte erst sicher sein, dass es die alte Dame unter den Fellen und dem Schlafsack warm hatte. Er legte seine Hand auf den Ausschnitt des Parkas, bewegte sie ritterlich hinter ihren Kopf und wollte sie gerade zwischen ihre Schulterblätter hinunterschlängeln, als sie ihre Augen öffnete und sprach. Das Segeltuch des Zeltes knarrte und knallte im Wind, aber er hörte sie deutlich.

»Fass mich nicht an, du gottverdammter Nalauqmiiyaaq«, krächzte sie. Dann schloss sie ihre Augen, drehte sich um und schnarchte weiter.

Active kannte ein paar Dutzend Inupiaq-Wörter. Nalauqmiiyaaq war eines von ihnen. Es bedeutete Mischling. Eigentlich war es etwas Schlimmeres. Es bedeutet ziemlich genau »fast ein weißer Mann«. Er hörte es oft.

»Gern geschehen, Tillie«, sagte er. Er schüttelte den Kopf und ging zurück zum Suburban.

Als er zurück in die Polizeizentrale kam, überreichte ihm Evelyn O’Brien die morgendliche Post.

Die Trooper-Sekretärin war ein Rotschopf um die vierzig, deren Ehemann Arctic-Cat-Schneemobile verkaufte. Sie war immer noch ziemlich attraktiv, wenn man nichts gegen ein paar Pfunde zu viel hatte. Besonders an Tagen wie diesem, wenn ihr Haar massiv ziegelrot war. Keine Spur von dem Grau, das sich gegen Ende jeden Monats zeigte.

»War dein Haar gestern auch schon so rot?«

»Halt den Mund, Nathan.«

»Ich habe gehört, dass Henri wieder in der Stadt ist.« Henri, der Friseur, kam einmal im Monat aus Anchorage, um die Frauen von Chukchi zu frisieren und ihnen die Haare zu färben.

»Halt den Mund, Nathan.«

»Dein Geheimnis ist bei mir sicher.«

Er blätterte die Post durch. Etwas von der Bundesversicherungsanstalt, etwas vom Trooper-Hauptquartier in Anchorage, eine Nummer der Wired, ein Dessouskatalog, adressiert an »Postfachinhaber«, und ein Brief von der Stadt Nuliakuk.

Er wusste, dass er seinen Bericht über George Clintons Selbstmord tippen und eine Kopie an die City Cops schicken sollte. Dazu eine Kopie für das Hauptquartier in Anchorage und eine Kopie für seine Fallakte, die er noch gar nicht begonnen hatte, aber die er so bald wie möglich zu schließen beabsichtigte. Denn dies war, Gott sei Dank, John Silvers Problem. Stattdessen beschloss er, zuerst den Brief der Stadt Nuliakuk zu lesen. Er war von Carlton Crane, dem etwas ältlichen und verehrten Bürgermeister des Dorfes. »Sehr geehrter Herr Trooper Active, bitte entschuldigen Sie mein Schreiben an Sie«, begann er.

Wie Sie wissen, kommt bald der Frost. Das bedeutet, der Schneemobilweg von Chukchi ist wieder offen, und das bedeutet, dass unsere Schwarzhändler wieder aktiv werden.

Letztes Jahr haben wir die Troopers dreimal gebeten, die Schwarzhändler festzunehmen, aber das ist niemals geschehen. Also schreiben wir wieder, ob Sie kommen und unsere Schwarzhändler festnehmen. Letztes Jahr haben sie auch an Kinder und alte Frauen, nicht nur an Trinker, verkauft, und wir möchten sie festgenommen haben, bevor sie das dieses Jahr wieder machen.

Wir haben den Stadtrat für ein besonderes Treffen am Donnerstag um 15 Uhr einberufen, und wir laden Sie ein, zu kommen und über die Festnahme unserer Schwarzhändler zu berichten. Jetzt, wo ein Eskimo-Trooper in Chukchi ist, werde ich dem Stadtrat berichten, dass Sie uns vielleicht helfen werden.

Active faltete den Brief wieder zusammen, steckte ihn zurück in den Umschlag und wünschte, er könnte etwas für den alten Mann tun. In Chukchi war Alkohol legal, aber nicht in Nuliakuk, das ungefähr hundertdreißig Kilometer die Küste hoch an der Mündung des Nuliakuk River lag. Und dort lag auch die Wurzel von Bürgermeister Cranes Problem.

Im Sommer, wenn die einzige Möglichkeit, von Chukchi nach Nuliakuk zu gelangen, das Flugzeug oder eine lange, kalte Schiffsfahrt auf dem Meer war, stellte Alkohol kein großes Problem dar. Lange, kalte Bootstouren waren zu viel Arbeit für die Schwarzhändler, sodass ihnen nur das Flugzeug blieb. Arnold Frost, Nuliakuks einziger Polizist, fing sie einfach an der Start- und Landebahn am Strand ab, durchsuchte das Gepäck und schmiss allen Alkohol, den er fand, weg. Wahrscheinlich war das nicht gerade legal, aber bis jetzt hatte sich noch keiner der Schwarzhändler einen Anwalt genommen, der gegen Arnold Anklage wegen illegaler Durchsuchung und Beschlagnahmung erhob.

Nach dem Frost war Nuliakuk jedoch nur ein paar leicht zu bewältigende Stunden mit dem Schneemobil von Chukchi entfernt, Tag oder Nacht. Den Alkoholhandel zu kontrollieren wurde unmöglich. Jetzt war es später Oktober, und die Schneemobilwege waren wieder befahrbar, also wünschte Bürgermeister Crane, dass Active hochkommen und die örtlichen Schwarzhändler wegschaffen möge, bevor sie ernsthaft mit ihren Winteraktivitäten loslegten.

Wenn Nuliakuk ein ganzjähriges Problem gehabt hätte, hätte Active Hilfe für den Bürgermeister organisieren können. Aber weil der Alkohol nur während der Frostperiode reinkam, hatte Nuliakuk statistisch gesehen weniger Gewalt als die meisten anderen Dörfer rund um Chukchi. Als jemand die Knöpfe der bürokratischen Rechenmaschine im Anchorager Hauptquartier gedrückt hatte, war die nächste Undercover-Aufräumaktion, die im Januar hätte stattfinden sollen, an Nuliakuk vorbeigegangen. Active griff sich das Telefonbuch von Chukchi und fand Carlton Cranes Privatnummer.

»Oh, danke für Ihren Anruf«, sagte der alte Mann, nachdem sich Active zu erkennen gegeben hatte. »Können Sie unsere Schwarzhändler festnehmen? Gestern haben sie versucht, an meinen Enkel zu verkaufen. Er ist erst elf. Ich kann Ihnen zeigen, wer sie sind.«

»Ich weiß, dass Sie das können«, sagte Active. »Aber das ist nicht so einfach für die Troopers. Wir brauchen etwas, das auch vor Gericht standhält.«

»Ich halte vor Gericht stand.«

»Ich weiß, dass Sie das tun, aber das ist nicht genug für die Gerichte«, sagte Active. »Wir müssten einen Undercover-Trooper einschleusen, der so lange bei ihnen lebt, bis die Schwarzhändler so weit Vertrauen haben, um ihm Alkohol zu verkaufen. Aber das würde zu viel kosten. Der Staat hat jetzt, wo Pridhoe das Öl ausgeht, nicht mehr so viel Geld.«

Der alte Mann war still. Active hörte nur das leichte Pfeifen seines Atems.

»Wir müssen unser Geld für Dörfer ausgeben, die mehr und öfter Schwarzhändler haben«, sagte Active. »Nuliakuk hat sie nur im Winter.«

»Unsere Winter sind ziemlich lang«, sagte Crane.

»Haben Sie von unserer Alkoholabstimmung nächste Woche gehört?«

»Habe ich«, sagte Crane. »Tom Werner spricht im Radio davon.«

»Nun, wenn das Verbot durchkommt, dann können wir den Alkohol von Chukchi fern halten«, sagte Active. »Das würde bedeuten, dass die Schwarzhändler ihn nicht kaufen und nach Nuliakuk bringen können. Vielleicht werden die Dinge dann besser.«

»Vielleicht werden sie das«, sagte Crane. »Aber am besten wäre, Sie könnten unsere Schwarzhändler festnehmen.«

Active verabschiedete sich vom Bürgermeister, startete seinen Computer und begann mit dem Bericht über George Clintons Tod. Irgendjemand im Hauptquartier würde ihn eventuell wirklich lesen, also fing er mit einer Erklärung darüber an, wieso er in einen Stadtfall verwickelt werden konnte. Dann beschrieb er seine Unterhaltung mit Daniel Clinton. Er entschied, den Clinton-Fluch nicht zu erwähnen. Das Hauptquartier würde vom Straßenklatsch des Kinnuk Wilson vermutlich nicht sehr beeindruckt sein. Aber er erwähnte, dass Berichte über Selbstmorde anderer Söhne von Daniel Clinton vorlagen.

Als er fertig war, griff er sich die Wired und ging den Flur hinunter.

Genau in diesem Moment klingelte das Telefon im Büro. Evelyn O’Brien nahm ab und hörte einen Moment nur zu.

»Du solltest lieber aufpassen, Nathan«, sagte sie dann. »Lucy sagt, Tillie Miller ist gerade auf dem Weg hierher.«

»Oh Gott.« Er nahm den Hörer. »Warum hast du sie nicht aufgehalten? Was hat sie gesagt?«

»Sie sagte: ›Wo ist dieser gottverdammte Nalauqmiiyaaq-Cop?‹«, sagte Lucy.

Dieses Wort schon wieder. »Vielleicht meinte sie nicht mich. Ich bin kein Mischling.«

»Das denkst du«, sagte Lucy.

Er entschloss sich, an seinem ursprünglichen Plan festzuhalten, legte also den Hörer auf und ging den Flur hinunter.

Leider musste er am Treppenhaus vorbei, um zur Herrentoilette zu kommen. Dort war Tillie gerade oben angekommen, schnaufend wie der Büffel, dem sie so ähnlich war.

»Du bleibst stehen, du gottverdammter Nalauqmiiyaaq, du«, grunzte sie. Er blieb stehen. Sie erklomm die letzten Stufen und trat vor ihn.

»Was gibt es, Tillie?«, fragte er und vergaß zwischenzeitlich, dass sie taub war; zumindest sagten das die City Cops.

»Dieser Qauqlik hat den Jungen umgebracht«, sagte sie. »Und du fängst ihn.« Sie drehte sich um und stapfte die Treppen wieder hinunter.

»Warte, welchen Jungen?« Er folgte ihr die Treppen hinunter, zog sie am Ärmel und kam sich dabei ziemlich dumm vor. Weder blieb sie stehen, noch drehte sie sich um oder sagte auch nur irgendetwas, bis sie draußen waren. Dann stellte sie sich wieder vor ihn. »Dieser Qauqlik hat den Jungen umgebracht. Geh, fang ihn, du gottverdammter Nalauqmiiyaaq, du.«

Er starrte in das breite braune Gesicht und die unergründlichen schwarzen Augen. Sie riss den Ärmel los, drehte sich um und ging die Third Street hoch. Er ging wieder hinein und rüber zur Funkzentrale.

»Kommt sie oft hier rein?«

»Nicht sehr oft«, sagte Lucy grinsend. »Ich glaube, sie mag dich, Nalauqmiiyaaq.«

»Sie benutzte ein Wort, das ich als reiner Nalauqmiiyaaq nicht kenne. Es hörte sich so ähnlich wie ›Cokeleck‹ an.«

»Cokeleck?«, sagte Lucy. »Klingt nicht wie ein Inupiaq-Wort, das ich je gehört hätte.«