5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €
Basierend auf einem spektakulären echten Fall …
Der fesselnde Kriminalroman von Fred Persson rund um Betrug und Geldgier
Als Chefinspektor Edwin Anders, Zielfahnder des BK Wien, auf einen Betrugsfall in dreistelliger Millionenhöhe angesetzt wird, reist er sofort nach Frankfurt, um den verdächtigen Bankangestellten Markus Pfeffer zu vernehmen. Doch statt Pfeffer findet die Polizei eine Leiche, die kaum zu identifizieren ist und deren Tod Rätsel aufgibt. Einiges deutet darauf hin, dass es sich bei dem Toten um einen Komplizen Pfeffers handelt. Dann kursiert auch noch ein Video vom Mord im Internet und lässt vermuten, dass radikale Umweltschützer in den Fall verwickelt sein könnten. Anders verfolgt mithilfe der Journalistin Nadja Berg die Spur über London bis nach Singapur und findet sich schließlich in einem Netz aus Macht, Intrigen und Geldgier wieder …
Erste Leser:innenstimmen
„Rasanter Krimi, der mich direkt an die Seiten gefesselt hat.“
„Schockierend realistisch!“
„Ich habe mich richtig in dem Kriminalfall verloren, auch dank des großartigen Schreibstils, den Autor sollte man sich merken!“
„Fans von Ermittlerkrimis und True Crime werden auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen.“
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2022
Als Chefinspektor Edwin Anders, Zielfahnder des BK Wien, auf einen Betrugsfall in dreistelliger Millionenhöhe angesetzt wird, reist er sofort nach Frankfurt, um den verdächtigen Bankangestellten Markus Pfeffer zu vernehmen. Doch statt Pfeffer findet die Polizei eine Leiche, die kaum zu identifizieren ist und deren Tod Rätsel aufgibt. Einiges deutet darauf hin, dass es sich bei dem Toten um einen Komplizen Pfeffers handelt. Dann kursiert auch noch ein Video vom Mord im Internet und lässt vermuten, dass radikale Umweltschützer in den Fall verwickelt sein könnten. Anders verfolgt mithilfe der Journalistin Nadja Berg die Spur über London bis nach Singapur und findet sich schließlich in einem Netz aus Macht, Intrigen und Geldgier wieder …
Erstausgabe September 2022
Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98637-819-6 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98637-828-8
Covergestaltung: Anne Gebhardt unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © Sabphoto, © phoenix2778 neo-stock.com: © Tom Parsons Lektorat: Astrid Pfister
E-Book-Version 08.08.2024, 09:30:42.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier
Website
Folge uns, um immer als Erste:r informiert zu sein
TikTok
YouTube
Gewiss ist nichts wahrscheinlicher
als ein Verbrechen; aber es muss wenigstens nachgewiesen sein.
Voltaire
Er wehrte sich, aber es half nichts. Diese Kraft, die ihn von hinten fixierte, war stärker. Er ruderte mit den Händen wild durch die Luft, bekam aber nichts und niemanden zu fassen. Je verzweifelter er sich zu befreien versuchte, desto mehr erlag er der Umklammerung. Hals und Genick wie in einem Schraubstock gefangen. Es gelang ihm nicht, die Hand wegzuzerren, die ihm etwas auf den Mund presste, das süß und nach Chemie roch.
Er spürte seine Sinne schwinden, sein Blick trübte sich. Die erstickten Schreie rückten in weite Ferne, so als kämen sie gar nicht von ihm selbst, sondern aus einer Zukunft, die ihm verschlossen blieb. Seine Arme und Beine erschlafften. Es blieb ihm nur noch, sich mit einem Ächzen zu ergeben. Er spürte, wie die Hand sich von ihm löste und Blut aus seiner Nase tropfte.
Dann fiel er und tauchte ein in ein Schwarz, wie er es noch nicht gekannt hatte.
Das gleißende Licht, das seine Lider durchdrang, brachte Blitze zur Entladung, die ihn aus wirren Träumen rissen. Er vergewisserte sich seiner selbst, wer er war. Aber wo zum Teufel war er und was war passiert? Als er die Augen öffnete, konnte er nichts sehen. Eine ungeheure Helligkeit blendete ihn. Die Sonne stach schmerzhaft. Er konnte sich zwar bewegen, aber nur die Füße, die Hände und den Hals. Arme und Beine waren offenbar gefesselt.
Als er an sich hinuntersah, stellte er fest, dass er nackt war. Ein Schweißfilm bedeckte seinen Körper. Er lag da wie aufgebahrt, Schweißtropfen liefen ihm in die Augen. Er ruhte auf etwas, das weich und warm war. Und es war schwarz, erkannte er, als er mühsam den Kopf hob. Lag er auf dem Fell jenes Jaguars, den er vor ein paar Jahren selbst in Costa Rica erlegt hatte? Eine Trophäe, die er irgendwann verschenkt hatte, damit die Geschäfte in Gang kämen. Er zwinkerte, um den Blick scharf zu stellen und sich ein Bild von seiner Lage machen zu können. „Beruhige dich!“ Er sagte es sich immer wieder. Er musste sich beruhigen, um hier rauszukommen!
Er lag da, unter dem Glassturz, irgendwo in einer gottverlassenen Gegend, der sengenden Mittagshitze der Sonne ausgesetzt. Es wurde von Minute zu Minute heißer. Das Sonnenlicht brannte, wie durch eine Linse gebündelt, auf seinen Körper hinab. Die Hitze in seinem Körper würde immer weiter ansteigen, wenn es ihm nicht gelingen würde, sich zu befreien. Sein Blut würde irgendwann zu kochen beginnen und sein Hirn anschwellen, bis es nicht mehr in den Schädel passte.
Was konnte er tun? Er war gefangen in diesem Treibhaus. Hier war auf Dauer kein Leben möglich.
Chefinspektor Anders hatte sich von seiner Tochter überzeugen lassen, dieses Mal weder zu fliegen noch mit dem Dienstwagen zu reisen, sondern den Zug zu nehmen. Zählte er alles zusammen, die An- und Abfahrten zu und von den Flughäfen, Check-in, Check-out, Wege und Wartezeiten, war er mit dem Zug kaum länger unterwegs als mit dem Flugzeug.
Anders schlenderte, mit seinem Handy mit dem E-Ticket in der Hand, auf der Suche nach seinem Platz durch den Zug. Die Nummer auf dem Ticket führte ihn nach vorne in die Erste Klasse. Seine Kollegin Clara hatte die Reise gebucht, er sollte offenbar erholt ankommen. In seinem Abteil saß niemand. Hier konnte er, was bislang über den Fall bekannt war, in Ruhe durchgehen, bevor er die Frankfurter Kollegen traf.
Er machte es sich mit den Unterlagen bequem, konnte sich jedoch nicht konzentrieren. Der Streit mit Marie spukte immer noch in seinem Kopf herum.
Wenn er mal wieder wegmusste, gab es in letzter Zeit immer öfter Streit. Ein weiteres Mal war es um ihre Kinder gegangen, die gerade in einer heiklen Phase ihres Lebens steckten. Leonie war kaum noch zu Hause, seit sie mit Fridays for Future die Welt rettete. Wenn er sie mal antraf und ansprach, war sie stets übel gelaunt und schnippisch, und Lukas zog sich, je mehr sie sich um ihn stritten, immer öfter in den Panikraum seiner Krankheit zurück.
Und Marie? Für seine Frau führte eine Spur von den Problemen mit den Kindern immer direkt zu ihm!
Als der Zug übers Land fuhr, blieben die dunklen Gedanken zum Glück in der Stadt zurück. Die Gegend war braun von der Hitze dieses Sommers. Der Mais, soweit er es sah, war verdorrt.
Das Bundeskriminalamt war offiziell von Kollegen aus der BRD um Amtshilfe gebeten worden. Lore Kranebitter, die Chefin der Abteilung für Zielfahndung im BK, sowie Vizedirektor Oberst Viktor Grabowski hatten sich nach einigen internen Querelen darauf verständigt, ihn dafür abzustellen.
Es hatte allerdings gedauert, bis er im BK diesen Platz hatte einnehmen dürfen, auf dem er sich, trotz seines Handicaps, längst besser bewährt hatte als jeder vor ihm. Mit dieser Diagnose als Polizist zu arbeiten, sei mehr als fragwürdig, hatte es geheißen. Er sollte niemals eine Waffe führen und, mehr oder weniger auf sich allein gestellt, Kriminelle um die halbe Welt jagen. Er tauge eigentlich nur für den Innendienst!
Seine Epilepsie war die Folge eines Fouls an ihm als Torwart der U18 vor bald sechsundzwanzig Jahren. So tückisch diese Krankheit auch war, sie führte nur sehr selten zu einem Grand mal-Anfall, der ihn niederstreckte. Hin und wieder überfielen ihn von Experten Aura genannte Wahrnehmungen. Auf einer Woge trug es ihn von allem fort, was ihm vertraut war. Dann funktionierte die Welt auf einmal anders. Sie roch anders, sah anders aus und klang anders. Anders, als es einen die Erfahrung des Alltags lehrte.
Irgendwann hatte er damit begonnen, diese Kraft nicht mehr zu unterdrücken, wenn sie von ihm Besitz ergriff, sondern sie zu nutzen. Er nahm sie an und spielte mit ihr. Manchmal brachte sie ihn sogar auf eine Idee und anschließend auf eine Spur.
Bevor er aufgebrochen war, hatte er Nadja Berg um Unterstützung gebeten, mit der ihn mehr verband als nur eine alte Freundschaft. Auch sie recherchierte in diesem Fall. In ihrem Blog Untersuchungen an der Wahrheit deckte sie stets alles auf, was dem Herausgeber ihrer Zeitung zu brisant war. Wenn jemand mehr wusste als die Polizei, dann Nadja. Er beneidete sie um die Quellen, die einer Person wie ihm verschlossen blieben. Whistleblower wandten sich nun mal an die Presse und nicht an die Polizei.
An diesem Nachmittag sollte er Markus Pfeffer vernehmen. Ein Landsmann, der wegen Betrugs ins Visier der Behörden geraten war. Ihn einfach nur auf freiem Fuß anzuzeigen, war zu riskant, wenn er bedachte, dass das Geld noch nicht wieder aufgetaucht war.
Über einige Handelsfirmen waren weltweit, ohne Umsatzsteuer zu bezahlen, CO2-Zertifikate aufgekauft und zu Schnäppchenpreisen an die Broker Bank weiterverkauft worden, für die Pfeffer arbeitete. Anschließend hatte er sich von den Finanzbehörden die nie bezahlten Steuern zurückgeholt. Bis zu einer Razzia durch die Steuerbehörde hatten ihm diese Steuertricks Einnahmen in mehr als dreistelliger Millionenhöhe beschert. Die Broker Bank hatte Pfeffer zwar fallen gelassen, aber zu spät, um endlich aus den Schlagzeilen zu kommen.
Anders war verblüfft, als er erfuhr, wie viel sich auf internationalen Märkten mit CO2-Zertifikaten verdienen ließ. Sie wurden an den Börsen gehandelt wie Kaffee, Rohöl und Fleisch.
Abgashandel im globalen Maßstab war das Instrument, um ein aus dem Ruder laufendes Klima zu begrenzen. Mittlerweile geriet es aber außer Kontrolle und, da damit Unsummen an Steuern hinterzogen wurden, stand es nicht nur auf der Agenda von Umweltschützern ganz oben. Kohlendioxid! Treibhauseffekt! Gift für die Erde und das Klima. Der CO2-Handel, der Emissionen senken sollte, durfte nicht in Misskredit geraten. Um keine Zweifel an den Methoden aufkommen zu lassen, hatte Nadja publiziert, wurde Greenwashing erst gar nicht an die große Glocke gehängt.
Seine Tochter wusste über all diese Dinge besser Bescheid als er.
Wie er den Unterlagen entnahm, versuchte Pfeffer seine Schuld jetzt zu relativieren. Er hatte etwas von einem Drahtzieher zu Protokoll gegeben, über den er aber nichts wusste. Einen Hintermann, der alles eingefädelt haben sollte. Emission Sales. Den er aber angeblich persönlich nicht kannte und der nun spurlos verschwunden war.
Was für eine Farce!
Er blickte von den Papieren auf. Ein rollendes Buffet war neben ihm zum Stehen gekommen. Ein alter Mann in einer roten Uniform lächelte ihn an. Anders kaufte sich einen Kaffee, der zwar nach Kaffee duftete, aber kaum danach schmeckte.
Die Frankfurter Ermittler zweifelten an der Existenz des ominösen Hintermanns, den Markus Pfeffer vorgab, nicht zu kennen, und der ihn angeblich nur telefonisch kontaktiert hatte, um ihn in Geschäfte zu verwickeln, die er nicht durchschaut habe. Pfeffer könnte ihn vorgeschoben haben, um am Ende nur als Mitläufer dazustehen. Von Telefonnachweisen fehlte jedenfalls jede Spur. Er hatte ausgesagt, der Mann habe ihn immer nur mit unterdrückter Nummer angerufen und ihm dann Anweisungen erteilt. Nur aus Neugierde, um mit den Möglichkeiten zu spielen, habe er sie schließlich ausgeführt. Im Grunde habe er nur sehen wollen, ob es tatsächlich funktioniere, was dieser Mann vorschlug, und dann, als es plötzlich ernst wurde, sei es schon zu spät gewesen.
Anders wusste von Nadja, dass dieses Umsatzsteuer-Karussell sich an anderen Orten auf dem Globus weiterdrehte. Dass man Pfeffer aus dem Verkehr gezogen hatte, war also noch nicht der große Durchbruch. Aber er würde erst mal sehen, was in Frankfurt wirklich los war. Er würde sich jetzt ein wenig ausruhen. Der Streit mit Marie hatte ihn in der letzten Nacht nämlich um den Schlaf gebracht.
Anfangs war der Oberst skeptisch gewesen, was seinen Einsatz als Zielfahnder betraf. Erst die ersten Fahndungserfolge hatten einige zum Verstummen gebracht. Dann war es Anders nach und nach gelungen, den Oberst und die Chefin seiner Abteilung davon zu überzeugen, ihm eine Chance zu geben. Doch die Mehrheit im BK stand ihm wegen seines Handicaps weiterhin skeptisch gegenüber.
In Wirklichkeit wohl aber nur deshalb, weil er zum Zielfahnder aufgestiegen war, und kein anderer. Wieso ausgerechnet ihn der Oberst auf den so begehrten Posten gehievt hatte, war ihm bis heute nicht ganz klar. Hatte er eine Art Reibebaum gebraucht, weil es im siebten Stock zu langweilig war? Womöglich war er es auch nur geworden, weil eine Kollegin es nicht werden durfte, die schließlich bei der Sitte gelandet war. Vielleicht glaubte aber sogar der Oberst längst an ihn und konnte es einfach nur nicht zugeben. Denn das hieße auch zuzugeben, dass er danebengelegen hatte, und dann hätte er ein Vorurteil revidieren müssen. Das wiederum verlangte eine Größe, die Anders dem Oberst nur ungern unterstellte.
Von Erinnerungen bedrängt, die seit fast sechsundzwanzig Jahren wiederkehrten, döste er eine Weile vor sich hin. Immer wieder, kurz vor dem Einschlafen oder Aufwachen, spielte sein ramponierter Kopf die alte Szene durch: Er steht im Tor, es ist die Nachspielzeit, und es steht eins zu eins zwischen den U-18 Teams des SK Rapid Wien und des SK Sturm Graz. Ein letzter Angriff der Gäste in der sogenannten Gruabn, ein Pass in die Spitze, ein langer Ball hinter seinen Libero. Kein Abseits! Er sieht den Stürmer von Rapid in seine Richtung sprinten. Er löst sich von der Grundlinie, macht ein paar schnelle Schritte hinaus und hebt ab, ausgestreckt zu seiner ganzen Länge, um den Ball ins Abseits zu fausten, bevor der Stürmer, der aus dem Lauf hochsteigt, mit seinem Kopf rankommt.
Peng!
Aus.
Er erwachte unter weißen Laken in einem Bett der Unfallchirurgie, vollgepumpt mit Drogen. Er spürte keine Schmerzen, doch er wusste, dass etwas anders war. Anders als vorher. Anders als bisher. Da war etwas in seinem Kopf, von dem er noch nicht sagen konnte, was es genau war. Er wusste nur, dass es da war und vielleicht nicht mehr weggehen würde. Bis heute fragte er sich, ob er diesen Crash irgendwie hätte verhindern können.
Er kam wieder zu sich, als der Zug Nürnberg verließ. Inzwischen hatte er Gesellschaft bekommen. In der Nähe saß eine Frau, fast ganz verdeckt von einer Zeitung. Während ihre Zeitung raschelte, flog die Landschaft vor dem Fenster im Cinemascope an ihm vorüber. Vom klimatisierten Abteil aus erschien ihm das Land draußen, auf dem die drückende Hitze lastete, wie eine Fata Morgana.
Er griff nach den Unterlagen, zögerte dann aber. Nahm die Erinnerungen zur Hand, die er sich noch vor der Abreise am Buchstand Capriccio auf dem Karmelitermarkt gekauft hatte. Dort deckte er sich gewöhnlich immer mit alten Büchern ein. Mein letzter Seufzer. Er war wirklich sehr angetan von Luis Buñuel, von seiner Art, die Dinge zu sehen, und dem vergilbten Buch, in das etwas hineingekritzelt war, das er nicht entziffern konnte.
Ein Schwall heißer Luft schlug ihm entgegen, als er aus dem Zug stieg. Am Ausgang der Bahnhofshalle wurde er bereits erwartet. Ein Kollege von der Polizeiinspektion 60 reichte ihm die Hand. Auf dessen Handydisplay konnte Anders ein Foto von sich sehen. Er schob die Sonnenbrille ins Haar hoch und begrüßte den Mann. Dieser Hendrick erinnerte ihn an einen trickreichen Stürmer, der einen ehemaligen Torwart wie ihn rasch in Bedrängnis bringen konnte.
Auf der Fahrt ins Polizeipräsidium in die Adickesallee, wo Anders Pfeffer vernehmen sollte, klärte ihn Kriminaloberkommissar Hendrick über den Stand der Dinge auf. Auch darüber, dass er Pfeffers Geschichte vom unbekannten Hintermann mittlerweile nicht mehr so recht ernst nahm.
„Warum ist er auf freien Fuß gesetzt worden? Besteht denn keine Verdunkelungsgefahr?“
„Weiß der Teufel, wie es ihm gelungen ist, die Haftrichterin davon zu überzeugen, die U-Haft auszusetzen. Der Typ ist ein wirklich smarter Bursche. Unbescholtenheit, die Mär vom Hintermann und sein Versprechen, uns jederzeit zur Verfügung zu stehen, haben sie leider davon überzeugt, gelindere Mittel anzuwenden.“
Die Bürotürme des Bankenviertels erschienen ihm von Weitem wie Klötze auf einem Brettspiel. Von den Kindern verlassen, die zum Spielen in den Wald gelaufen waren.
Der Komplex der Polizeidirektion verteilte sich auf ein weites Areal, durchzogen von großzügig geschnittenen Alleen, die von jungen Bäumen gesäumt waren.
Er folgte Hendrick in die Abteilung 60 für Wirtschaftskriminalität, wo man sie bereits erwartete. Der Kriminaloberkommissar stellte ihn vor, während er vorauseilte.
Sein Team bestand aus zwei jungen Männern und einer Frau in seinem Alter, die ihm gleichgestellt zu sein schien. Man tauschte ein paar Sätze aus über die Reise, die Hitze, die Stadt, und das gute, alte Wien, das es so, wie Anders dachte, eigentlich nie gegeben hatte.
Sie wollten, dass er allein mit Pfeffer sprach. Vielleicht gelang es ihm ja, einem Landsmann, mehr zu erfahren. Was sie bisher aus Pfeffer herausgekriegt hatten, war vage und widersprüchlich. Noch war nicht klar, was davon ernst zu nehmen war, und was Pfeffer lediglich behauptete, um falsche Spuren zu legen oder besser dazustehen.
Am Ende des Flurs im ersten Stock hielten sie vor dem Raum an, in dem die Verhöre stattfanden.
„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Dorit Uhl, Hendricks Kollegin, „ob er nur dreist behauptet, was ihm gerade so einfällt, ob er sich einen Plan zurechtgelegt hat oder ob er nicht durchblickt und nur seine konfuse Wahrheit wiedergibt.“
„Ich halte die Geschichte mit dem anonymen Hintermann für eine Lüge, die ihn entlasten soll“, sagte Hendrick.
„Und das Geld?“ Anders war der Meinung, dass sie wie so oft in Fällen von schwerem Betrug einfach nur dem Geld folgen mussten, um den Knoten zu lösen. Es war eine nicht zu ignorierende Tatsache, dass Typen wie Pfeffer nicht das Unrechtsbewusstsein von Gewalttätern hatten. Diese ahnten oft, dass sie das, was sie getan hatten, eines Tages würden sühnen müssen. Die Welt der Zahlen funktionierte ohne jede Moral. Ging einer ganz in ihr auf, verlor er bald darauf jedes Bewusstsein dafür, dass Zahlen doch meist nur Platzhalter für etwas Konkretes waren. Die Finanzindustrie war dazu übergegangen, die angewandte Mathematik durch reine Mathematik zu ersetzen, in der es um die Zahlen selbst ging. Aber während die reine Mathematik sich nicht nur der Richtigkeit der Ergebnisse verschrieben hatte, sondern auch der Schönheit, zeigte die Finanzindustrie hässliche Folgen für viele, die sich auf ihr falsches Spiel einließen.
Anders sinnierte, während er den langen Gang auf und ab wanderte, vor sich hin, um die Zeit des Wartens rumzukriegen. Er erinnerte sich noch gut an Bekannte und Kollegen, die bei der letzten Finanzkrise durch ihre Finger geschaut hatten.
„Ich bin mir sicher, dass er mit einem oder zwei Spitzenanwälten hier aufkreuzt“, warf einer der beiden jungen Polizisten ein.
Hendrick schaute immer wieder auf seine Uhr. Eines jener Modelle, die jeden Furz aufzeichneten und in Relation zur Biografie ihres Trägers setzten. „Er ist bereits zehn Minuten zu spät“, seufzte er.
„War keine gute Idee, den Mann gegen eine Kaution auf freien Fuß zu lassen und den Haftbefehl wegen Fluchtgefahr auszusetzen“, meinte Hendricks Kollegin. Man sah ihr an, dass sie nicht viel für die Privilegien derer übrig hatte, die es sich richten konnten.
„Sein Telefon ist ausgeschaltet“, sagte der andere junge Polizist mit dem Handy am Ohr, „und am Festnetz geht niemand ran!“
„Wir fahren in die Altstadt zu seiner Wohnung“, befahl Hendrick. „Falls er die Vorladung ignoriert oder vergessen hat“, er lachte auf, „und gegen seinen Hausarrest verstößt, bekommt er Schwierigkeiten mit der Haftrichterin. Wenn er geflohen ist, bekommt sie Schwierigkeiten mit der Staatsanwaltschaft.“ Mit der ihm eigenen Beweglichkeit stürmte er in Richtung Ausgang, als ginge es aufs gegnerische Tor. Anders und die anderen sahen zu, dass sie hinterherkamen.
Pfeffers Wohnung lag in der Frankfurter Altstadt, zwischen Dom und Römer, wo die Immobilienpreise höher waren als die Bürotürme im Bankenviertel. Hendrick musste an sich halten, um auf das Blaulicht zu verzichten, was ihn nur noch mehr reizte, aufs Gas zu treten. In einem Höllentempo bretterten sie in die Innenstadt hinein.
Vor einem der Fachwerkhäuser, die wie Tortenstücke dastanden, legte er auf dem Kopfsteinpflaster eine Vollbremsung hin. Anders drehte sich der Magen um, der aber zum Glück noch leer war.
Sie stürmten ins Haus, und hinauf in den zweiten Stock, wo Pfeffer eine ganze Etage besaß, die weder zum Haus noch zu diesem Viertel passte. Hendricks Kollegin hatte telefoniert … die Wohnung war von Polizisten aus einer nahe gelegenen Polizeidienststelle bereits geöffnet worden. Sie bezog mit den beiden, die mit Hendrick gekommen waren, vor der Tür Stellung.
Die Wohnung war zu kahl für Anders‘ Geschmack, obwohl er den Bauhausstil durchaus mochte. Es war heiß, die Klimaanlage stand auf Stand-by. So bald würde wohl niemand zurückkommen. Das Einzige, was aus dem stilsicheren Rahmen fiel, waren die Tierfelle, an den Wänden und auf dem Boden. Darunter auch das Fell eines Leoparden. Diese traurigen Trophäen vertrugen sich nicht mit dem Stil einer solchen Wohnung, fand Anders. Es verdarb die ganze Klasse.
Dass Pfeffer nicht da war, versetzte Hendrick einen sichtlichen Dämpfer. Seit sie sich umgeschaut hatten, möglichst ohne irgendwelche Spuren zu zerstören, lehnte er sich nachdenklich in einer Ecke der Wohnküche an. „Diese Haftrichterin! Ich habe schon befürchtet, dass der Vogel ausfliegt, sobald man die Tür seines Käfigs einen Spalt weit öffnet!“
„Noch wissen wir nicht, ob er sich tatsächlich abgesetzt hat“, versuchte ihn die Kollegin Uhl zu beruhigen. „Vielleicht hat er ja den Termin zur Vernehmung vergessen, oder er legt es darauf an, uns zu provozieren. Oder …“
„Oder …“, unterbrach Anders sie und machte ein paar Schritte zur Kücheninsel hin. Dann bückte er sich, untersuchte den marmornen Fußboden und betrachtete etwas, das dort lag. Er kam ächzend wieder hoch. „…Oder es hat ein Kampf stattgefunden.“
Hendrick stieß sich mit dem Fuß von der Ecke ab. Er kam näher, um zu sehen, was es war. „Rasierpinselborsten“, sagte er nur. Es war nicht klar, ob er witzig sein wollte, weil ihnen Pfeffer, so wie es aussah, durch die Lappen gegangen war, oder ob er es wirklich ernst meinte.
Anders entschied sich für Ersteres. „Das glaube ich genauso wenig wie Sie. Ich vermute, dass es sich hierbei um die Haare eines Raubtiers handelt. Auf dem ansonsten so akkurat sauberen Boden befinden sich noch mehr davon.“
„Bestimmt von den Fellen, die hier rumliegen“, schaltete sich Dorit Uhl ein.
Hendrick nahm den Ball an, den ihm der Ex-Torwart aus Wien in den Lauf gerollt hatte. „Er hat recht. Aber es sind wahrscheinlich Haare von einem Fell, das an dieser Stelle lag. Die Haare sind definitiv schwarz“, stellte er fest, als er sie durch die Handylupe begutachtete. „Und sonst ist hier kein schwarzes Fell zu sehen, soweit ich es beurteilen kann.“
„Das Fell ist also verschwunden, so wie unser Mann“, sagte Anders.
Dorit Uhl schien das nicht zu glauben, also kam sie zu ihnen, um sich selbst zu überzeugen. Sie ging in die Hocke und überprüfte, ob noch weitere Haare zu finden waren. Sie entdeckte tatsächlich ein paar, und außerdem kreisrunde, dunkle Flecken, die aussahen wie getrocknetes Blut. „Gut möglich, dass hier ein Kampf stattgefunden hat“, meinte sie. „Es kann aber auch einfach nur jemand Nasenbluten gehabt haben.“
„Und wieso fehlt dann eines der Felle?“ Hendrick wollte sich damit nicht zufriedengeben.
„Vielleicht ist es in der Reinigung?“
Es bereitete ihnen sichtlich Vergnügen, einander aufzuziehen.
„Und Pfeffer hat es höchstpersönlich hingebracht? Noch dazu genau dann, wenn er eigentlich bei uns im Verhörraum sitzen sollte? Do-rit!“
„Ist ja schon gut!“ Sie grinste verstohlen. „Reg dich wieder ab. Ich kann schließlich nichts dafür, dass er abgehauen ist.“ Sie tütete ein paar der Haare ein und auch etwas von dem Blut, das sie mithilfe eines Wattestäbchens vom Boden rieb.
Hendrick leitete nun eine Großfahndung nach Pfeffer ein und bestellte ein Team der Spurensicherung in die Wohnung. Danach fuhren sie Anders in sein Hotel, das ganz in der Nähe lag.
Sie würden sich bei ihm melden, sobald sie mehr wüssten, sagte Hendrick, als er ihm seine Sporttasche aus dem Kofferraum hievte. Und dass ihm echt leidtue, wie das hier alles gelaufen sei. Er steckte seine Visitenkarte in die Brusttasche von Anders‘ Sakko und klopfte ihm auf die Schulter.
So als wolle er ihn trösten, weil es ihnen nicht gelungen war, diesen Gegner zu halten, der mit einer einfachen Finte auf und davon war, so kam es Anders zumindest vor. „Wir kriegen ihn schon noch“, sagte Anders. „Wenn nicht heute, dann ein anderes Mal.“
Clara hatte ein Zimmer im Motel One gebucht. Sie hatte berücksichtigt, dass er moderne Unterkünfte alten Bettenburgen vorzog, wo es immer seltsam roch, und wo ein Mann seiner Größe quer im Bett liegen musste, weil das Fußende immer mit Brettern oder Balken verbaut war. Er war froh, dass nicht alles in Kacktönen gehalten und vom kariösen Zahn der Zeit angenagt war. Er zog ein Tatami-Zimmer biedermeierlicher Gemütlichkeit vor, die sich ihm in Wien bisweilen sehr aufs Gemüt schlug.
Hier, dachte er, die Räume inspizierend wie die Wohnung zu Hause, wenn er längere Zeit weggewesen war, würde er sich gut konzentrieren können. Das Dunkle, Verborgene und Abgründige, mit dem er es oft zu tun hatte, ließ sich als Kontrast an einem nüchternen Ort viel besser verdeutlichen.
Er richtete sich mit routinierten Handgriffen ein und warf sich, das Handy und die Erinnerungen griffbereit, auf das Bett. Die Klimaanlage hatte er so eingestellt, dass er die Raumtemperatur gar nicht spürte. Er schloss die Augen und badete sein Gesicht in dem Licht, das durch Spalten des Vorhangs fiel.
Pfeffer hatte vermutlich die Biege gemacht, bevor es für ihn zu eng geworden wäre. Falls er auch nur an einen Bruchteil des Geldes kam, würde es schwierig werden, ihn aufzustöbern. Denn das Geld vervielfachte die Möglichkeiten, um unterzutauchen. Er würde sich einfach verbergen und sein Umfeld manipulieren, bis Gras über die ganze Sache gewachsen wäre. Vielleicht in Asien oder Lateinamerika, wie so viele andere. Er war ein Karrierist ohne jegliche Verpflichtungen, ohne Familie und Kinder. In der Akte war die Rede davon gewesen, dass er in den letzten Jahren zahlreiche Affären mit jungen Frauen gehabt hatte.
Ohne dieses Geld würde er wohl nicht lange genug durchhalten, wenn Anders ihm auf den Fersen bliebe. Dazu müsste er allerdings den Hauch eines Verdachts haben, wohin sich Pfeffer absetzen würde. Clara hatte ihm versprochen, sich in der Wiener Zweigstelle der Bank umzuhören, wo dieser seine Karriere begonnen hatte, und Nadja hatte ihm geraten, ihren Blog zu verfolgen. Dort würde sie veröffentlichen, was dem Chefredakteur des Boten zu heiß war.
Nicht zum ersten Mal hatte der Chef ihr gedroht, ihre Recherchen nur dann zu bringen, wenn sie Brisantes unter den Tisch fallen lassen würde. Heiß sollten die Fakten zwar sein, aber nicht so heiß, dass er sich daran die Finger verbrennen könnte. Mit dieser Klage lag ihm Nadja jedes Mal in den Ohren, wenn sie sich trafen: „Dieser Mann ist Diener vieler Herren! Das Wort unabhängig, das sein Magazin im Untertitel führt, verweist anscheinend darauf, dass unabhängig von Eigentümern und Inserenten nichts veröffentlicht werden darf, Eddy.“ So nannte sie ihn immer, wenn sie liebevoll oder wütend gestimmt war.
Er öffnete seine Augen. Der Lichtstrahl fiel jetzt in einem anderen Winkel durch den Vorhang. Er brachte das Gesicht des Meisters auf dem Cover der Autobiografie von Buñuel zum Leuchten.
Was, fragte er sich, ist in Pfeffers Apartment passiert? Ist er von einem Komplizen überwältigt und verschleppt oder etwa ermordet und verbuddelt worden? Oder einfach in den Main geworfen worden? Gab es ihn vielleicht doch, diesen Hintermann? Fragen über Fragen! Oder hatte ein Kampf stattgefunden? Hatte Pfeffer die Oberhand erlangt und war jetzt auf der Flucht?
Wie man es drehte oder wendete, es gab auch noch die Möglichkeit, dass alles inszeniert war, dachte Anders. Raubtierhaare auf dem Fußboden und die Bluttropfen … waren das alles nur falsche Indizien, um nach seinem Abgang Verwirrung zu stiften? Vielleicht saß er ja längst in einer Maschine in den fernen Süden oder Osten und lachte sich bei einem Drink in der Businessclass ins Fäustchen. Prost, ihr Idioten! Jetzt recherchiert brav. Ich bin dann mal weg, und zwar auf Nimmerwiedersehen!
Doch etwas an diesem Puzzle stimmte nicht, spürte Anders. So war es nicht gewesen! Und selbst, wenn es so ähnlich war, fehlten noch Teile, um jenes Bild erhalten zu können, das in sich schlüssig war. Er griff nach dem Handy auf dem Nachttisch, als die ersten Takte von A foggy day in der Version von Billie Holliday erklangen.
„Gibt’s was Neues?“ Clara konnte ihre Neugier hinter ihrer kühlen Stimme kaum verbergen. Aufgrund ihrer relativen Jugend, sie war erst vor Kurzem direkt von der Ausbildung zu ihm gekommen, sah er ihr so einiges nach.
Anders setzte sie kurz über die Vorfälle in Kenntnis. „Was hast du in der Zweigstelle am Fleischmarkt über Pfeffer rausgefunden?“
„Dort, sagt man, dass er sich nichts zuschulden kommen lassen hat. Ganz im Gegenteil, man attestiert ihm ein übertrieben korrektes Verhalten, was das Geschäftsgebaren und den Umgang mit Geld und Verantwortung angeht. Der Mann scheint ein Musterschüler zu sein, den es jetzt wer-weiß-wie auf die schiefe Bahn verschlagen hat. Er soll fast zu ehrgeizig gewesen sein, und vieles sei ihm zu langsam gegangen, sagt man. Aber das alles ist ja noch lange kein Verbrechen.“
„Wohl kaum.“ Ein Aal, der schwer in den Griff zu kriegen war, dachte Anders.
„Tut mir leid, dass es so wenig Greifbares über den Typen gibt. Ich werde Jonas Li darauf ansetzen und mich auch selbst noch weiter reinhängen. Ich hole mir vom Oberst die Erlaubnis, sein Bewegungsprofil zu überprüfen und ich werde auch die sozialen Medien durchforsten. Es kann ja nicht sein, dass da nicht mehr ist. Wie gefällt dir eigentlich das Hotel?“
„Es ist perfekt“, sagte Anders. „Viel besser als die Hotels, die Marie aussucht, wo alles immer so persönlich sein soll.“ Er wollte sich schon darüber auslassen, hielt dann jedoch inne. „Entschuldige, das interessiert dich bestimmt nicht. Es ist auch unfair Marie gegenüber, die es ja nur gut mit uns meint.“
Clara wusste, dass sich die Ehe des Chefinspektors in einer Krise befand. „Schon gut. Etwas fällt mir jetzt aber doch noch ein. In dem Wiener Büro der Broker Bank haben sie gesagt, dass es Pfeffers größtes Ziel war, einen Job in der City of London zu ergattern. Er hat immer gern mit seinen Kontakten geprahlt, die er sich von Frankfurt aus aufgebaut hat.“
„Immerhin. Ich werde dem Hinweis nachgehen“, sagte Anders. „Danke, und bleib an der Sache dran! Ich melde mich.“ Wie üblich beendeten sie das Gespräch, ohne sich voneinander zu verabschieden.
Die Unruhe, die sich in ihm regte, sobald ein Fall Fahrt aufnahm, erinnerte ihn an die Tabletten, die er nehmen musste, um einem Anfall vorzubeugen. Er machte oft ein Spiel daraus, die Dosis der Medikamente so gering wie nur möglich zu halten. Seine Ärztin hatte es ihm zwar verboten, aber er konnte es einfach nicht lassen. Lieber balancierte er auf dem schmalen Grat, der sich zwischen Gesundheit und Krankheit auftürmte, als es den Drogen zu überlassen, ob er stand oder fiel. Denn nichts konnte er in seinem Job weniger brauchen als das, wovor auf den Beipackzetteln gewarnt wurde.
Sein knurrender Magen erinnerte ihn unwillkürlich an die Raubtiertrophäen in Pfeffers Wohnung.
Er ging ins Bad, um sich für einen Restaurantbesuch in der Nähe frisch zu machen. Im Sommer trimmte er seinen Bart immer auf eine Dreitageslänge, nicht viel mehr als ein Schatten im Gesicht. Mit dem schwindenden Licht und den fallenden Temperaturen im Herbst ließ er ihn dann nach und nach stehen, bis er im Winter wieder einen Vollbart hatte.
Die vom Spiegel zurückgeworfenen Blicke ließen ihn an Marie und die Kinder denken. Leonie befand sich aktuell in einer Phase des Widerstands gegen Erwachsene und die ganze kaputte Welt, die sie repräsentierten. Mit Fridays for Future hatte sie eine neue Familie gefunden. Lukas hatte sich schon vor Jahren in sich selbst verkrochen. Kaum einer wusste, was in ihm vorging. Wenn aber doch etwas nach außen drang, offenbarte er ein Innenleben, das so unzeitgemäß wie zeitlos war. Wie ein von der Welt Verfolgter, lebte er diskret im Verborgenen. Doch wie in keinem anderen Fall, war es seine Aufgabe, ihn aufzuspüren und auf dem Weg zurück in diese Welt zu begleiten. Wie aber, fragte er sich, sollte ihm das gelingen, wenn er so selten zu Hause war, weil er andere, die der Welt Schaden zufügten, aufspüren und aus dem Verkehr ziehen musste?
Er ging online und entschied sich schließlich für vietnamesisches Essen. Er liebte diese Küche, seit er vor mehr als zehn Jahren auf den Spuren einer Bande, die mit seltenen Tieren gehandelt hatte, in Saigon gewesen war. Damals war es ihm nur mit Nadjas Hilfe gelungen, die Verantwortlichen ausfindig zu machen. Vielleicht hatten sie ihre Zusammenarbeit auch deshalb über die Jahre hinweg vertieft, weil sie sich davor fürchteten, einander aus den Augen zu verlieren.
An der Rezeption hinterließ er eine Nachricht für den Fall, dass Hendrick persönlich mit Neuigkeiten auftauchte.
Er ließ sich durch die wimmelnde Altstadt treiben. Ab und zu warf er einen Blick auf Google Maps, um sich zu orientieren. Die tief stehende Sonne und die Schatten der Fachwerkhäuser dämpften die Hitze dieses Tages. Einige suchten immer noch nach den kürzesten Wegen, von Schatten zu Schatten.
Im Goc Pho setzte er sich an den letzten freien Tisch. Das Angebot war wirklich verführerisch. Er bestellte mehr, als gut war, wenn man lange nichts gegessen hatte. Während er sich über das Hauptgericht Bun Cha Ha Noi hermachte, vibrierte sein Handy, das er auf lautlos gestellt hatte. Missmutig verfolgte er, wie es über den Tisch wanderte. Als es ans Bierglas stieß, griff er danach.
Dorit Uhl war dran. „Wo sind Sie?“
Ihr Tonfall ließ etwas Unangenehmes erwarten. Anders nannte ihr Name und Adresse des Restaurants. „Was ist denn los? Habt ihr ihn?“ Er hörte, wie Hendrick ihr ins Wort fiel.
„Wir holen Sie ab. Danach sehen wir weiter.“
Er nahm noch schnell ein paar Bissen, zahlte und ging auf die Straße, um auf die Kollegen zu warten. Die Sonne senkte sich gerade hinter den Giebel eines Fachwerkhauses. Wo sie abtauchte, entflammte das Blau des Himmels. Es sah kurz so aus, als würde das Dach in Flammen stehen, bis die Sonne weg war und einen graugrünen Himmel zurückließ, der die Nacht ankündigte.
Hendrick gab Gas, Kommissarin Dorit Uhl saß neben ihm und Anders machte es sich hinten bequem. So gut, das eben ging, wenn Hendrick mit Blaulicht unterwegs war.
War sein Magen auf dem Weg vom Bahnhof zum Kommissariat zu leer gewesen, so war er jetzt zu voll, um Hendricks Fahrstil zu verdauen. Während dieser auf sämtliche Regeln pfiff und die Kurven anschnitt wie ein Rallyefahrer, klärte ihn die Kommissarin in einem ruhigen Tonfall über alles auf. Sie waren unterwegs zum Vordertaunus im Speckgürtel Frankfurts. Dort, auf einer Anhöhe mitten im Wald, habe der Hund eines Wanderers vor etwa einer Stunde einen grässlichen Fund gemacht. Die Spurensicherung sei schon vor Ort.
„Markus Pfeffer?“
„Das können wir noch nicht sagen. Wir wissen nur, dass der Mann eine Leiche gefunden hat und jemand unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen ist.“
Als sie bei den Koordinaten ankamen, die Kommissarin Uhl ins Navi getippt hatte, war es bereits dunkel. Zwei Uniformierte und der Wanderer, einen Pinscher an der Leine, erwarteten sie an einer Abzweigung, wo die Straße in einen Waldweg mündete. Dorit nahm den Wanderer zur Seite. Er hatte Mühe, seinen Hund ruhig zu halten. Sie befragte den Mann zum genauen Hergang des Funds. Als sie feststellte, dass es für Notizen nicht mehr hell genug war, nahm sie das Gespräch kurzerhand mit dem Handy auf.
Anders eilte, über Wurzeln hinweg, hinter Hendrick den Waldweg bergauf. Hendricks Stablampe wies ihnen die Richtung. Es kam ihm so vor, als würde das Dickicht um sie herum vom Licht nicht nur sichtbar gemacht, sondern erzeugt werden. Es war schwül wie in den Tropen und Schwärme von Insekten traktierten sie. Ganz in der Nähe musste es ein stehendes Gewässer geben.
„Jemanden hierher zu schleppen, der bewusstlos oder tot ist, verlangt eine Menge Kraft“, sagte Hendrick keuchend.
„Oder Unterstützung.“ Anders stolperte, als er einen Moment nicht aufpasste, wohin er trat.
„Das Opfer kann bei vollem Bewusstsein gezwungen worden sein, sich hier hinauf zu schinden.“
„Noch wissen wir nicht, ob es sich um ein Gewaltverbrechen handelt“, gab Anders zu bedenken.
Nach einigen Minuten traten sie aus dem überwachsenen Weg auf eine Lichtung hinaus. In der Mitte des Ovals erhob sich ein mit Gestrüpp bewachsener Hügel. Auf dem Plateau war ein Team der Spurensicherung zugange. Sie erklommen den Hügel, bis sie das Plateau erreichten, dann verschnauften sie kurz, wischten sich den Schweiß aus dem Gesicht und verschafften sich einen Überblick über die ganze Szenerie.
Eine Frau aus dem Team sah sie und kam auf sie zu. „Frau Doktor Völler“, stellte Hendrick sie vor, „Rechtsmedizinerin und Forensikerin.“ Anders stellte sich selbst vor.
„Wir sind in Kürze so weit“, sagte sie, „dann sehen wir uns an, was hier passiert ist.“ Sie schüttelte ihren Kopf, als könnte sie selbst kaum glauben, was sie hier gesehen hatte.
„Ist der Mann hier gestorben, oder ist das“, Hendricks Kinn wies zur Leiche hinüber, „nur eine durchgeknallte Inszenierung, die uns irgendetwas sagen soll?“
„Das eine schließt das andere nicht unbedingt aus, aber mach dir selbst ein Bild. Ein unbefangener Blick sieht oft mehr als einer, der ausgiebig auf etwas vorbereitet wurde.“
Als das Team sich zurückzog, folgte Anders ihnen zum Zentrum des Plateaus. Manche im BK trauten ihm zu, den Lauf der Dinge absehen zu können. Wie sich etwas entwickeln würde. Wer was weshalb wann an welchem Ort tun würde. Oder was jemand dachte. Er hatte diese Vorahnungen, die mit dem zu tun hatten, was die Ärzte Aura nannten, seit er nach dem Foul aus der Narkose erwacht war. Lange Zeit hatte er sich den Eindrücken, wenn sie ihn überkamen, einfach überlassen. Er hatte Angst gehabt, nicht mehr zurückzufinden in das normale Leben … in die logische Abfolge der Dinge, über die sich alle so einig waren. Erst mit der Zeit hatte er sich damit abgefunden, dass es für vieles auch andere Erklärungen gab. Dass man ein Phänomen aus verschiedenen Perspektiven betrachten konnte. Dass die kriminologische Wahrheit, sobald man die Welt der Indizien verließ, selten eindeutig und meist auch nicht logisch war. Sogar jene Verbrecher, die sich damit brüsteten, streng nach logischen Überlegungen vorzugehen, folgten oftmals irrationalen Impulsen.
Und, fragte er sich nun halb im Scherz, wenn an seinen Fähigkeiten tatsächlich etwas dran war, warum half es ihm nicht, seine Ehe wieder in den Griff zu kriegen?
Der Anblick des Tatorts holte ihn abrupt zurück ins Hier und Jetzt. Dort lag ein Mann, den er noch nie gesehen hatte, verkrümmt auf dem Rücken. Auf einem schwarzen Fell. Wie jemand, der beim Dösen alle viere von sich gestreckt hatte und erstarrt war. Konterkariert wurde die Körperhaltung vom zur Fratze entstellten Gesicht. Zu einem Schrei gebannt, schien es auf ewig um Hilfe zu rufen. Um die Augen herum war Blut ausgetreten.
Der Strahl aus Hendricks Taschenlampe geisterte über die Leiche hinweg. Auffallend war die Färbung der Haut. Wie rot geäderter, weißer Marmor. Die Augen quollen hervor. Sie waren getrübt wie die eines Fischs, der zu lange auf dem Markt gelegen hatte. An seinen Gelenken war der Körper auf einer Schalungsplatte fixiert worden, die im Boden verankert war. Das Fell zwischen Körper und Platte war verrutscht.
„Pfeffer ist das bestimmt nicht“, sagte Hendrick. „Aber das, worauf der Tote liegt, ist vermutlich das Raubtierfell aus Pfeffers Wohnung.“
Nein, Pfeffer war es tatsächlich nicht, denn Anders kannte die Fahndungsfotos. Der Mann hier war fülliger und kleiner. Außerdem auch älter, selbst dann noch, wenn er die Folgen des Todeskampfs, der stattgefunden hatte, in Rechnung stellte.
„Dieser Mann hier“, sagte die Rechtsmedizinerin, „ist einen Hitzetod gestorben.“ Sie wies auf den Glassturz, den die Spusi neben der Leiche abgestellt hatte. „An einem derart exponierten Ort und bei der Hitze, die heute Mittag geherrscht hat, hält da drin niemand lange durch. Der Glassturz wirkt wie ein Brennglas. Darunter steigt die Temperatur an wie in einem Treibhaus. Der Körper überhitzt, die Organe und das Gehirn vor allem. Das führt dann zu Dehydrierung und am Ende schließlich zum Kollaps des gesamten Systems.“
„Und blutverkrustete Nasenlöcher“, stellte Anders fest, als er sich im Strahl von Hendricks Lampe über die Leiche beugte.
„Wir werden Blut und Haare mit den Proben aus Pfeffers Wohnung abgleichen“, sagte Hendrick. In seinen Achseln hatten sich an der Bomberjacke Schweißflecken gebildet. „Ich vermute, dass die Proben übereinstimmen. Wir finden heraus, wer er ist.“
„Und wer es war“, schnaufte Dorit Uhl. Sichtlich genervt von den Mücken, kam sie über die Kuppe des Hügels auf sie zu. „Pfeffer traue ich eine derart morbide Inszenierung eher nicht zu. Betrug in jeder Höhe, ja, und auch noch anderes. Aber Mord?“
„Hier gibt‘s für euch nichts mehr zu tun, Dorit“, sagte die Ärztin. Die Frauen umarmten einander wie Freundinnen, die sich lange nicht mehr gesehen hatten. „Wir bringen die Leiche jetzt in die Rechtsmedizin und werten alles aus. Falls ihr noch Fragen habt, ihr wisst, wo ihr mich findet. Los, Abflug“, wandte sie sich an das Team, das gewartet hatte, bis die Ermittler alles zur Kenntnis genommen hatten.
Sie setzten Anders vor dem Motel One ab. Während der Fahrt in die Stadt stellten die Kollegen Mutmaßungen an. Er beteiligte sich nicht daran, denn er war zu erschöpft, um überhaupt noch irgendetwas auf die Reihe zu kriegen. Was er brauchte, um bald Schlaf zu finden in dieser schwülen Nacht, war ein eiskalter Gin Tonic.
Hendrick schlug jetzt ein Treffen in der Polizeiinspektion vor. „Aber nicht zu früh, damit Ergebnisse der Spurensicherung auch schon vorliegen.“ Danach werde man weitersehen.
„Alles klar“, sagte Anders. „Gute Nacht.“ Er ging allerdings nicht direkt auf sein Zimmer, sondern durch die Altstadt, um den Kopf freizubekommen. Er flanierte am Main entlang und ließ den dunklen Strom auf sich wirken. Die Lichter der Stadt auf dem schwarzen Wasser, eine Brise, die ihn kühlte und seine Gedanken vom Müll dieses Tages reinigte. Er entdeckte die Rote Bar und trat ein.
Er kehrte dem Tresen und Stammgästen, die mit dem Barkeeper tratschten, den Rücken und setzte sich an einen kleinen Tisch am Fenster mit Blick über den Main. Jetzt eine Zigarette, dachte er. Wusste aber, dass er sie schon nach ein paar Zügen ausdrücken würde wie alle, die er sich angesteckt hatte, seit er Nichtraucher geworden war. Buñuel war die nachmittägliche Zigarette zu einem Drink in einer Bar ja zur Gewohnheit geworden.
Erst der dritte Schluck vom Drink entspannte ihn. Obwohl, er war nicht Buñuel, nur ein Kriminalist auf der Suche nach dem Möglichen.
War es denn möglich, dass Pfeffer diesen Unbekannten ins Jenseits befördert hatte? Und wenn ja, warum dann auf eine so groteske Weise? Sollte Pfeffer beseitigt werden und hatte er den Spieß kurzerhand umgedreht? Dann war die Inszenierung aber nicht sehr plausibel. Ein solcher Aufwand erklärte sich eher in einem ideologischen, religiösen oder pathologischen Zusammenhang; wobei eins vom anderen kaum zu trennen war. Aber hier ging es um Geld. Um sehr viel Geld! Oder etwa nicht? Wenn er wüsste, wer der Tote war, könnte er sich an Nadja wenden. Denn im Recherchieren konnte ihr niemand das Wasser reichen. Was, wenn diese Inszenierung etwas war, das sie nicht auf der Rechnung hatten?
Beim dritten Gin Tonic gab er das Grübeln schließlich auf. Es führte zu nichts, solange die Identität des Toten nicht bekannt war. Er zahlte und ging zurück zum Motel.
Im Zimmer entledigte er sich seiner Kleidung. Das verschwitzte Hemd steckte er in eine Plastiktüte, die er auf dem Grund seiner Sporttasche vergrub.
Er duschte, mehr kalt als warm, schlug die Decke zurück und legte sich nackt aufs Bett. Er fragte sich, weshalb er zu Hause immer in Shorts und T-Shirt schlief, in Hotelbetten jedoch nackt. Erwartete er etwa insgeheim Besuch von einer Unbekannten, die jemanden suchte, der so einsam war wie sie selbst? Das war nicht plausibel. Weit hergeholt aber auch nicht. Er machte das Licht aus.
Er konnte nicht einschlafen, obwohl er hundemüde war. Die Ereignisse des Tages überfielen ihn immer wieder. Nebensächliches verquickt mit Bedeutendem. Ein Sammelsurium, das ihn bedrängte, sich dem Sog des Unbewussten hinzugeben. Doch die Phasen des Chaos beim Einschlafen enthielten nur Teile des Puzzles, nicht das fertige Bild. Nach dem Aufwachen war gewöhnlich alles weg. Gelöscht wie die Aufgabe an einer Tafel, nachdem die Stunde zu Ende war. Manchmal gelang es ihm, sich Träume, Absencen oder das Heraufdämmern einer Aura nutzbar zu machen, indem er es zuließ, dass die Fakten anders gemischt wurden. In diesem Fall aber fehlte es noch am dazu nötigen Input.
Irgendwann reichte es ihm. Er schaltete das Licht an, setzte sich im Bett auf und nahm die Erinnerungen zur Hand. Mit einem Buch einzuschlafen, funktionierte am besten. Aber es war ein falsches Gerücht, dass man über Büchern einschlief, weil sie zu langweilig waren, ganz im Gegenteil. Je besser das Buch war, desto erholsamer waren die Träume und der Schlaf. Ein Buch musste einem die Kraft und den Mut geben, alles loszulassen und, wenn es so sein sollte, geradewegs und voller Erwartung zur Hölle zu fahren.
„… habe ich dort den seltsamen und großartigen Dichter Pedro Garfias kennengelernt, der vierzehn Tage lang nach einem Adjektiv suchen konnte. Wenn ich ihn traf, fragte ich ihn stets: Na, hast du das Adjektiv gefunden?“
„Nein“, sagte er dann gedankenverloren im Weitergehen, „ich suche immer noch …“
Am nächsten Tag, am dreizehnten Juli, traf Anders zur selben Zeit in der Polizeiinspektion 60 ein wie die Forensikerin Völler. Hendrick bat sie, ihn und Dorit in sein Büro, um den Stand der Dinge zu besprechen.
„Hören wir uns mal an, was die Rechtsmedizin zu dem Fall zu sagen hat“, begann er, nachdem er allen Kaffee und Wasser angeboten hatte. „Vorab nur so viel, die Haftrichterin hat, wie nicht anders zu erwarten, uns die Schuld am Verschwinden von Pfeffer gegeben, und das, obwohl sie ihn, wie wir wissen, wegen Verdunkelungs- und Fluchtgefahr in U-Haft hätte nehmen müssen. Wir hätten Pfeffer rund um die Uhr beschatten sollen? Diese Frau hat doch keine Ahnung von unseren Personalressourcen! Aber gut, lassen wir‘s, das bringt uns auch nicht weiter. Kollegin Völler, was haben Sie für uns?“
Sie blinzelte und bat: „Können wir die Jalousien herunterlassen?“
Ein Tag, der noch heißer war als der letzte. Die Hitze lastete schon jetzt, am späten Vormittag, auf allem, was nicht im Schatten lag. Hendrick schaltete die Klimaanlage an und stellte die Jalousien so ein, dass sein Büro in ein Halbdunkel getaucht war.
„Das Blut aus Pfeffers Wohnung stammt von dem Mann, den wir im Vordertaunus gefunden haben. Wir wissen jedoch immer noch nicht, um wen es sich handelt. Unsere Datenbank hat nichts Brauchbares hergegeben. Da der Mann nackt war, haben wir nicht mehr als biologische Daten über ihn. Wenn wir wissen wollen, wer er ist, sollten wir ein Foto von ihm in den Nachrichten bringen. Falls er von hier ist, müsste sich doch jemand finden, der ihn kennt. Auch wenn er zu Besuch oder aus geschäftlichen Gründen in die Stadt gekommen ist, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich jemand meldet. Wenn er allerdings aus dem Ausland stammt, müssen wir Europol oder Interpol um Hilfe bitten.“
„Wenn das Opfer auch in kriminelle Machenschaften verwickelt war, wird sich aber wahrscheinlich niemand melden“, gab Dorit zu bedenken.
„So wie der ausgesehen hat, erkennt ihn nicht mal seine Mutter wieder“, sagte Anders.
„Wenn er aus Deutschland ist, werden sich bestimmt Leute melden, die ihn kennen“, sagte Hendrick. „Denn dann kannten ihn viele, nicht nur seine Komplizen. So oder so, früher oder später kriegen wir schon raus, wer es war. Was mir Kopfzerbrechen bereitet, ist die Rolle, die Pfeffer in diesem Fall spielt. Ich rekapituliere mal: Pfeffer erscheint nicht zur Vernehmung, obwohl ihn das in U-Haft bringen könnte. In seiner Wohnung finden wir Indizien, die auf einen Kampf schließen lassen. Jemand wird betäubt …“
„Und zwar oldschool, mit Chloroform“, warf die Ärztin ein.
„Mit Chloroform betäubt und verschleppt“, sagte die Kommissarin.
„Korrekt, Dorit. Verschleppt wurde aber nicht Pfeffer, sondern ein Mann, den wir nicht kennen. Noch nicht kennen“, fügte er hinzu. „Aber von wem und warum? Von Pfeffer, der sich seines Komplizen entledigt hat, den es, nehme ich jetzt einfach mal an, doch gab? Falls es sich bei der Leiche wirklich um besagten Komplizen handelt, wäre er ihn jetzt los und könnte ihn noch stärker belasten als vorher. Er könnte ihm einfach alles in die Schuhe schieben, und sich selbst als jemanden darstellen, der einem anderen in Treu und Glauben auf den Leim gegangen ist. Denn ein toter Komplize könnte ihm nicht mehr widersprechen!“
„Und ein toter Komplize kann vor allem nicht mehr auf seinen Anteil bestehen“, sagte Anders, um nicht als mundfaul dazustehen.
„Aber wie wir gestern festgestellt haben, wäre es nicht einfach, einen Mann mit dem Gewicht des Opfers dorthin zu bringen, wo er entdeckt worden ist, und das hieße wiederum, dass Pfeffer nicht allein war und wir nach einem weiteren Unbekannten suchen müssen, über den wir so gut wie nichts wissen. Um den Mann allein auf den Hügel zu schleppen, braucht es nämlich ein anderes Kaliber als einen Sesselkleber“, wandte Dorit ein.
„Unterschätze bloß nicht die hageren Typen, Dorit! Die sind oft viel zäher, als sie aussehen“, sagte die Rechtsmedizinerin.
„Einspruch“, sagte Anders, der bis jetzt fast teilnahmslos zugehört hatte.
Alle Blicke richteten sich auf ihn.
„Was, wenn Pfeffers Verschwinden gar nicht direkt mit dem Mord zu tun hat? Er haut ab, bevor wir ihn in die Mangel nehmen können, und in dem Vakuum, das er hinterlässt, brechen plötzlich Grabenkämpfe um die Beute aus. Oder, und das würde mich auch nicht wundern, es geht bei dem Ganzen gar nicht nur um viel Geld auf irgendwelchen Offshore-Konten, sondern um Rache. Um die Rache von Leuten, die sich in erster Linie für andere Dinge interessieren als für Geld.“
„Wie dürfen wir das verstehen?“ Hendrick runzelte die Stirn und wartete auf eine Erklärung. „Sie waren doch selbst der Ansicht, dass man in diesem Fall einfach nur dem Geld folgen müsse.“
„Ja, das schon“, sagte Anders, „wenn wir aber nur auf die bis jetzt nicht aufgetauchte Beute starren wie das Kaninchen auf die Schlange, entgeht uns vielleicht ein anderer Aspekt.“ Er hielt kurz inne und schien zu überlegen.
„Der da wäre?“
„Diese plakative Inszenierung des Tatorts. Tod durch Überhitzung. Wir waren uns doch einig, dass das Fragen aufwirft. Entweder ist es lediglich ein Ablenkungsmanöver, und zwar ein sehr aufwendiges, oder es ist so etwas wie ein Statement.“
„Was für ein Statement sollte das denn sein?“ Frau Doktor Völler sah ihn herausfordernd an. „Das Statement eines Sadisten?“
„Sie haben es gestern am Tatort selbst gesagt, als Sie uns über die Zusammenhänge aufgeklärt haben.“
„Ich freue mich immer, wenn jemand wiederholt, was ich gesagt habe!“
„Sie haben diese Inszenierung mit einem Treibhaus verglichen. Der Mann ist in einem Treibhaus ums Leben gekommen, und zwar in einem vom Täter errichteten Treibhaus. Wie wir schon bald alle“, er hörte innerlich seine Tochter dozieren, „infolge des Treibhauseffekts vielleicht nicht gleich ums Leben kommen, jedoch höllische Probleme kriegen werden.“ Lächelnd bat er um Nachsicht für den Verdacht, den er gerade geäußert hatte.
„Soll das etwa heißen, dass da irgendwelche Idealisten dahinterstecken? Umweltschützer, Klimaretter“, Hendrick rang skeptisch um einen Begriff, „oder was weiß ich, giftgrüne Fundis, die bereit sind, über Leichen zu gehen? Militante Tierschützer von mir aus?“
„Tierschützer ist gut“, sagte Anders, „doch es wird etwas von allem sein. Etwas zu viel allerdings, wenn wir sehen, wo es hinführen kann.“
„Eine Lizenz zum Töten, um den Planeten zu retten?“ Dorit versank nun in Gedanken, um zu ergründen, ob jemand wirklich so weit gehen würde.
„Das Raubtierfell wurde dem Mann nicht unter den Körper gelegt, damit er es bequem hat, während er verreckt“, sagte Anders trocken.
„Das Fell eines schwarzen Jaguars übrigens“, warf Forensikerin Völler ein. „Aus Mittelamerika, wie unsere Analysen ergeben haben.“
„Dieses Fell aus Pfeffers Wohnung ist also womöglich ein Hinweis!“, sagte er.
„Ein Statement für alle, die‘s angeht. Eine Demütigung für das arme Schwein im Glassturz. Ein Zeichen des Aufbegehrens! Auch ein Hinweis für uns, sich nicht täuschen zu lassen. Es kann vieles sein, wenn man es durchspielt. Ein Symbol für das Opfer, oder den oder die Täter, aber auch für uns und die Welt.“
„Pfeffer war, wie wir wissen, in Geschäfte mit CO2-Emissionen verwickelt, die riesige Profite auf Kosten der Allgemeinheit abwarfen, und das möglicherweise mit Leuten, zu deren Privatvergnügen das Töten von Tieren gehört, die vom Aussterben bedroht sind“, sagte Hendrick. „So könnte verdammt noch mal ein Schuh draus werden!“
„Alles gute Gründe zum Spekulieren“, meinte Dorit. „Aber zu viele, um zu wissen, wo wir anfangen sollen. Wir kommen nur weiter, wenn wir die Identität des Opfers kennen. Ich gebe gleich zwei Fotos an die Presse raus, auch wenn unsere Chance ziemlich gering ist, dass man jemanden erkennt, dessen Gesichtszüge dermaßen entgleist sind. Ihr entschuldigt mich bitte.“ Sie hatte es offenbar eilig, irgendetwas zu tun, um dem Opfer und damit auch dem Täter ein Stück näher zu kommen. Sie nickte Anders zu und verließ hastig das Büro.
„Gab es noch andere Spuren am Tatort, die uns weiterbringen könnten?“, fragte Hendrick.
