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Eine junge Romni flieht vor einer gewalttätigen Beziehung. Eine Kriminalkommissarin jagt einen rätselhaften Mörder. Als die Wege der drei sich kreuzen, entfaltet sich ein packendes Drama um Rache, Vergebung und die Suche nach Gerechtigkeit. Gianna Vincenzos Partner wird erschossen und sie selbst schwer verletzt. Doch Zeit zum Trauern bleibt der Kripobeamtin nicht, denn ein rätselhafter Mörder versetzt die Stadt in Angst. Der von den Medien »Schattenherz« genannte Täter hinterlässt ein Lindenblatt in der rechten Hand seiner Opfer. Gemeinsam mit ihrem neuen Kollegen David Rainer nimmt Gianna die Spur auf. Als Mercedes Frentzen spurlos verschwindet, setzt Gianna alles daran, sie zu finden, ehe der Mörder erneut zuschlägt. Niemand erkennt, in welcher Gefahr sich Gianna dadurch befindet, bis es beinahe zu spät ist. In »Schattenherzen« verweben sich die Schicksale von Mercedes, Gianna und dem mysteriösen »Schattenherz« zu einem spannenden Lesevergnügen. (Literaturmagazin »Schreib Was«)
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Biba al-Nasiri
Schatten
Herzen
Thriller
Inhalt
Eine Woche vor Beginn der Ermittlungen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog
Zum Buch:
Gianna Vincenzos Partner wird erschossen und sie selbst schwer verletzt. Doch Zeit zum Trauern bleibt der Kripobeamtin nicht, denn ein rätselhafter Mörder versetzt die Stadt in Angst. Der von den Medien »Schattenherz« genannte Täter hinterlässt ein Lindenblatt in der rechten Hand seiner Opfer. Gemeinsam mit ihrem neuen Kollegen David Rainer nimmt Gianna die Spur auf. Als Mercedes Frentzen spurlos verschwindet, setzt Gianna alles daran, sie zu finden, ehe der Mörder erneut zuschlägt. Niemand erkennt, in welcher Gefahr sich Gianna dadurch befindet, bis es beinahe zu spät ist.
Zur Autorin:
In Rottweil geboren, wuchs Biba al-Nasiri zwischen Deutschland und dem Nahen Osten auf. In ihrer Freizeit schreibt die studierte Biologin hauptsächlich Kurzgeschichten verschiedener Genres. 2025 erschien ihr Debütroman. Schattenherzen ist ihr erster Roman im LeuchtWort Verlag.
»Mehr als die Hexen sollten wir jene fürchten, die sie lebendig verbrannten.«
– Verfasser unbekannt –
Für Luna
In einem gnadenlosen System warst du meine Freundin und Verbündete. Diejenige, die mich ständig mit Disneyfilmen aufgezogen hat, ohne dass ich ihr jemals böse sein konnte. Du fehlst.
Deine »Nala vom Außenministerium«
Die Kronen der alten Linden flatterten wie zerrissene Segel, von der Nacht und aufzuckenden Blitzen abwechselnd in Schwärze und Licht getaucht. Wind und Wassermassen peitschten das Geäst, rissen Zweige und Blätter fort und versenkten sie in der Dunkelheit.
Am Fuß der Bäume durchschnitten Leuchtkegel von Taschenlampen den Regenvorhang. Wie Irrlichter zuckten sie zwischen den Stämmen umher. Seite an Seite mit Wassertropfen fielen filigrane, herzförmige Blätter durch die Helligkeit.
»Bei diesem Gewitter haben die Hunde keine Chance, eine Fährte aufzunehmen«, rief eine körperlose Stimme ins Tosen der Naturgewalten.
»Weiß jemand, wie es den Kollegen geht?«, meldete sich eine weitere.
»Frank ist tot. Wie schlimm es Gianna erwischt hat, wissen wir noch nicht.«
»Schrecklich. Ich kann es noch gar nicht glauben.«
Der Strahl einer Taschenlampe streifte etwas am Boden, einen reglosen Schatten zwischen schwankenden Disteln und Brennnesseln, wanderte dann weiter, ohne innezuhalten.
»Kurz dachte ich, da vorne steht jemand. Aber es war nur ein Busch.«
»Man sieht rein gar nichts.«
»Passt auf herabfallende Äste auf. Wir wollen nicht noch mehr tote Polizisten heute.«
»… hat keinen Sinn. Wir müssen abbrechen.«
Der Sturm riss die Bedeutung aller weiteren Worte fort. Die Stimmen entfernten sich, erstarben mit einem letzten Donnergrollen. Allmählich kamen die Baumwipfel zur Ruhe und auch der Regen ließ nach. Anstelle von Tropfen fiel nur noch feiner Sprühnebel. Ein verspäteter Blitz erleuchtete die Umrisse einer Hand zwischen Gestrüpp, gefallenem Laub und Schlamm. Wachsweiße Finger zuckten auf nachtdunkler Erde, dann erlosch das Licht.
Frieden senkte sich über die Linden, ein Aufatmen nach dem Sturm.
Der Schatten
In einem Universum aus Kälte und Dunkelheit öffnete der Schatten die Augen, unsicher, ob er wach war oder schlief. Traum und Realität verschwammen ineinander, bis sie zu einem einzigen Daseinszustand verschmolzen. Plötzlich überkam ihn ein heftiger Würgereiz. Da eine Hälfte seines Körpers in Flammen zu stehen schien, während die andere sich taub anfühlte, gelang es ihm nicht, sich schnell aufzurichten. Stattdessen drehte er rasch den Kopf zur Seite. Keine Sekunde später schoss ein Schwall bittere Galle aus seinem Mund. Der Schatten hustete und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. Ein kalter Nebel umhüllte ihn wie ein Leichentuch, verwischte alle Konturen und ließ seine Zähne unkontrolliert klappern.
Er wandte sein Gesicht der linken Hand zu, die zwischen Brennnesseln lag. Sie kam ihm wie ein lebloses, blasses Stück Fleisch vor, geschmückt mit einem einzelnen herzförmigen Lindenblatt, das sanft auf seinem Handrücken ruhte. Diese Hand schien ebenso wenig zu ihm zu gehören wie der Rest seines Körpers.
Mit verschleiertem Blick sah er sich um. Diffuses, waberndes Licht schimmerte zwischen Disteln und Brennnesseln hindurch. In der Luft lag der Geruch von feuchter, modriger Erde.
Wo bin ich? Wer bin ich? In seinen Gedanken formte sich eine Antwort. Schatten, ich bin ein Schatten.
Er richtete sich auf, doch das linke Bein widersetzte sich seinem Willen und knickte ein. Er fiel und es fühlte sich an wie schwereloses Schweben. Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte er an der Schwelle zwischen Wachsein und Schlaf, in einem lautlosen Universum ohne Gravitation. Dann spürte er den Aufprall auf Steinstufen im Nacken. Zusammen mit einem Schwall aufgewirbelter Blätter rutschte er in die Tiefe.
Der Schatten kam auf dem Rücken zum Liegen. Schmerz durchzuckte seine Glieder und die Übelkeit überrollte ihn erneut. Er würgte qualvoll, doch sein Magen war leer. Als der Brechreiz nachließ, wandte er sich dem steinernen Schlund der Höhle zu, in den die Steinstufen mündeten. Es zog ihn zurück in die Dunkelheit, aus der er erwacht war. Noch immer fühlte er sich seltsam unwirklich, wie in einem Traum.
Vor Anstrengung und Schmerz stöhnend, rappelte er sich auf alle viere. Die Taubheit in seiner linken Körperhälfte ließ nach und er verspürte ein schwaches Kribbeln. Der Schatten atmete einige Male tief durch, dann bewegte er sich vorsichtig, kämpfte sich Stück für Stück hinein in die Finsternis, bis der letzte Funken Licht erstarb. Umhüllt von Schwärze blieb er erschöpft liegen.
Seine Finger schlossen sich um etwas Glattes, Zartes.
Ein Blatt, herzförmig.
Er schloss die Augen und seine Seele verschmolz mit der Dunkelheit.
Gianna
Ein Schwindelgefühl überkam Gianna Vincenzo, sobald sie das Gemeinschaftsbüro betrat. Alle Blicke richteten sich auf sie. Starr und ausdruckslos die einen, in anderen schimmerten Tränen. Giannas schweißnasse Hand schloss sich fester um die Türklinke. Das soeben noch kühle Messing brannte wie Feuer auf ihrer Haut.
Ich bin zurück.
Sie blinzelte im grellen Licht der Deckenbeleuchtung und atmete konzentriert in die Stille hinein, die den Raum erfüllte. Applaus wogte ihr plötzlich wie eine Welle entgegen.
Die Mundwinkel zu einem reglosen Lächeln erstarrt, stand sie im Zentrum der Aufmerksamkeit, angestrahlt von dem gnadenlosen Deckenlicht wie ein Stummfilmstar auf der Bühne. Mechanisch erwiderte sie Umarmungen. Dabei blickte sie geradeaus, um nicht Franks Schreibtisch anschauen zu müssen, den eine Trennwand von ihrem abgrenzte. Sie wollte nicht wissen, wer seinen Platz eingenommen hatte. Der Gedanke an einen Rücken ohne grinsenden Totenkopf vor seinem PC schnürte ihr die Kehle zu. Ihre Augen brannten, als würde sie jede Sekunde in Tränen ausbrechen. Aber die unsichtbare Staumauer, die sie vor Jahren in ihrem Inneren errichtet hatte, hielt auch dieses Mal stand. Zuletzt hatte sie mit zwölf geweint. In einem weiß gefliesten Raum mit Edelstahlablagen, den sie ebenso sehr vergessen wollte wie Franks verwaisten Schreibtisch – und es genauso wenig konnte.
Ich bin zurück. Mein Büro. Meine Kollegen. Meine Arbeit.
Warum erschien ihr dieser vertraute Ort so fremd? In der Woche ihrer Abwesenheit hatte sich nichts verändert. Oder doch? War das Licht schon immer derart grell gewesen? Wieso hatte sie nie bemerkt, dass die Wände beige statt weiß waren?
Nachdem alle Kollegen sie umarmt und ihr auf die Schulter geklopft hatten, kehrten sie an ihre Arbeitsplätze zurück. Nur sie stand noch immer an der Tür, wartete auf diese eine Umarmung, die nicht kam. Frank war nicht mehr da.
Die gegenüberliegende Tür flog auf. Jutta Haas, die forensische Psychologin, blieb wie angewurzelt stehen.
»Gianna, oh mein Gott!« Sie überragte Gianna um mehr als einen Kopf und musste sich vorbeugen, um sie zu umarmen. Tränen zogen nasse Spuren über ihre Sommersprossen. »Du willst nicht ernsthaft schon wieder arbeiten?«
»Das Krankenhaus hat mich entlassen, also kann ich auch zur Arbeit.« In Wahrheit hatte sie sich zwei Tage zuvor selbst entlassen. Auf eigene Verantwortung, wie es geheißen hatte, und mit der Aufforderung der Ärzte im Gepäck, sich zu schonen. Von Arbeiten war nicht die Rede gewesen, aber das erwähnte sie Jutta gegenüber nicht.
»Ist der Chef in seinem Büro?«
Jutta wischte sich über die Augen. »Ich denke schon. Er wird aber nicht begeistert sein, dich zu sehen.«
»Das lass mal meine Sorge sein.« Gianna schlüpfte an der Psychologin vorbei durch die Tür und schritt mit gestrafften Schultern auf das Büro am Ende des Flurs zu. Ihre Schuhe klapperten über mattschwarze Fliesen, die sie heller in Erinnerung hatte. Das ist albern, ich war nur eine Woche weg!
Manfred Strobel, Kriminaloberkommissar, stand auf dem Schild neben der Tür.
Bevor sie anklopfte, atmete sie tief durch. Sie würde ihrem Vorgesetzten als die taffe, selbstbewusste Polizistin gegenübertreten, die er kannte. Er sollte sehen, dass sie ganz die Alte war.
»Herein.«
Sie drückte die Klinke hinunter. Messing, in der Farbe getrockneten Blutes.
Herr Strobel, ein kleiner, rundlicher Mittfünfziger mit Advokatenglatze und ergrautem Schnurrbart, erinnerte eher an einen Buchhalter oder Versicherungsvertreter als an einen Kripobeamten. Als er Gianna erblickte, sprang er von seinem Drehstuhl auf und begrüßte sie mit einem festen Händedruck. »Ciao, Bella.«
»Ciao, Chef. Ich melde mich zurück.«
Er rückte seine Brille zurecht und musterte sie. Dabei vertieften sich die Falten auf seiner Stirn. »Wie geht es Ihnen?«
»Besser.«
»Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, Sie schon wieder zum Dienst einzuteilen. Ganz und gar nicht.«
»Das nehme ich zur Kenntnis, aber es ist meine Entscheidung.«
»Sie wissen, dass Sie jederzeit das Gespräch mit Frau Haas suchen können?«
»Ich benötige keine psychologische Betreuung.«
Herr Strobel schwieg und zog tadelnd die Brauen hoch.
Gianna seufzte. »Ja, das mache ich noch. Aber jetzt lassen Sie mich bitte meine Arbeit erledigen, so wie ich es zuvor getan habe.« Sie schob das Kinn vor und hielt seinem skeptischen Blick herausfordernd stand.
Herr Strobel nickte, drehte sich um und griff nach der Akte, die auf seinem Schreibtisch lag. Er gab sie Gianna. »Mercedes Frentzen, die Ehefrau eines Arztes, ist vor einer Woche aus einer privaten psychiatrischen Einrichtung geflohen. Sie wird seither vermisst.«
Gianna ballte die Fäuste so fest, dass sich ihre Fingernägel in die Handflächen gruben. Frentzen. Arztgattin. Eine zufällige Namensgleichheit? Hoffentlich!
»Ich übergebe Ihnen den Fall. Eine Kopie der Akte drucke ich Ihnen direkt aus.« Manfred Strobel trat hinter seinen Schreibtisch und tippte etwas auf der Tastatur seines Computers. Kurz darauf begann der Drucker in der Ecke zu rattern, während er Blatt um Blatt ausspuckte. Giannas Vorgesetzter rückte den Papierstapel zurecht und reichte ihn ihr. Die Originalakte nahm er wieder an sich. »Hier, bitte, das Abheften überlasse ich Ihnen. Ich stelle Ihnen Herrn Rainer zur Seite.«
»Herr Rainer?« Mit unbewegter Miene nahm Gianna die Unterlagen an sich. Gedanklich hing sie noch an einem anderen Namen fest. Frank.
Herr Strobels Blick senkte sich auf seinen Schreibtisch. »Der Neue«, sagte er leise.
Der Ersatz für Frank, dachte Gianna, sprach diese Tatsache jedoch genauso wenig aus, wie er es tat. Sie umklammerte die losen Papiere mit beiden Händen und floh mit einem hingeworfenen »Okay« in den Flur. Dort blieb sie an die Wand gelehnt stehen.
Es ist Vorschrift, dass mindestens zwei Beamte einen Fall bearbeiten. Von daher ist es logisch, dass mir ein neuer Partner zugeteilt wird. Ich werde mich zusammenreißen und das Beste daraus machen!
Auf dem Weg zurück ins Gemeinschaftsbüro vertiefte sie sich bereits in die Akte Mercedes Frentzen. Erfuhr, dass sie tatsächlich die Ehefrau von Doktor Emilian Frentzen war. Was habe ich erwartet? So häufig ist der Name nicht. Verdammter Mist! Mein erster Arbeitstag nach dem … Vorfall und ausgerechnet dieser Fall wird mir zugewiesen. Ich muss Herrn Strobel mitteilen, dass ich … Moment, nein! Wenn ich den Fall aus persönlichen Gründen ablehne, schickt er mich womöglich nach Hause, um mich vollständig auszukurieren. Das kann ich nicht zulassen. Die Trauer um Frank würde mich auffressen. Ich muss hier sein, muss mich mit Arbeit ablenken.
Gianna schloss die Augen und atmete tief durch. Sie beschloss, ihr Geheimnis zu wahren und den Fall Frentzen wie jeden anderen zu behandeln. Sie würde die Vermisste suchen und alles andere außer Acht lassen. Was zählte, war einzig und allein, diesen Fall aufzuklären.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und bemerkte, dass er sauber und aufgeräumt war. Jemand hatte sich die Mühe gemacht und das Chaos beseitigt, das sie an ihrem letzten Arbeitstag hinterlassen hatte, als … Nein! Arbeit! Nichts anderes zählt jetzt!
Sie schluckte und vertiefte sich wieder in die Akte. Daraus ging hervor, dass Mercedes Frentzen am selben Tag verschwunden war, an dem Frank erschossen und sie verletzt worden war. Frank hatte keine Chance, während die Kugel, die für sie bestimmt gewesen war, an einer Rippe abgeprallt war. Dadurch waren zwar keine inneren Organe verletzt worden, dennoch hatte es höllisch wehgetan. In ihrer linken Brusthälfte, nahe der betroffenen Rippe, setzte ein unangenehmes Ziehen ein und erinnerte sie daran, dass es Zeit für die nächste Schmerztablette war.
»Grüß dich.«
Gianna hob den Kopf gerade so weit, dass sie sehen konnte, zu wem die Stimme gehörte.
Vor ihr stand ein braun gebrannter Blondschopf. Sein Lächeln entblößte Zähne, die ebenso strahlend weiß waren wie sein Hemd.
»Gianna Vincenzo, richtig? Ich bin David Rainer.« Er reichte ihr die Hand.
Ihre Mundwinkel zuckten in der Andeutung eines Lächelns. Mein neuer Partner ist also Brad Pitt, dachte sie in einem Anflug von Belustigung, der ebenso schnell wieder verging, wie er gekommen war.
Der Neue zwinkerte ihr zu. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine so hübsche Partnerin zugeteilt bekomme.«
Ihre Augenbrauen schnellten nach oben, ein Warnsignal für jeden, der sie kannte. Versuchte der Kerl, mit ihr zu flirten?
»Woher kommst du? Italien? Pizza, bella Napoli?«
Ich gebe dir gleich Pizza, bella Napoli!
»Aus der Südstadt.« Ihr Tonfall erstickte sein Beachboy-Lächeln. Gianna atmete tief durch. Sie würde mit ihm klarkommen müssen, daran führte kein Weg vorbei. Besser, sie zügelte ihr Temperament.
»Wir suchen also Mercedes Frentzen«, sagte sie betont freundlich.
Sein strahlend weißes Lächeln kehrte zurück. »Die Arztgattin. Ich habe gerade mit ihrem Mann telefoniert. Er schließt seine Praxis um vier Uhr nachmittags und erwartet uns um halb fünf bei sich zu Hause. Vorher möchte er nicht gestört werden.«
»Wenn das so ist, schauen wir uns zuerst in der psychiatrischen Einrichtung um und befragen Doktor Emilian Frentzen später.« Der Name knirschte wie Sand zwischen ihren Zähnen. Zusätzlich verwandelte seine Erwähnung das Spannen in ihrer Brust in ein schmerzhaftes Pochen. Es wurde wirklich Zeit für ihre Medizin.
»Sollen wir dein oder mein Auto oder einen Dienstwagen nehmen?«, fragte Brad Pitt.
»Ich besitze nur ein Fahrrad und zwei gesunde Füße. Wir nehmen den Dienstwagen. Ich fahre.«
»Darum wollte ich dich gerade bitten. Ich bin neu in der Stadt und in Bezug auf die Straßenführung noch etwas orientierungslos.« Er schenkte ihr erneut sein Hollywood-reifes Lächeln, das ihr langsam, aber sicher auf die Nerven ging.
»Wo warst du vorher im Dienst?«
»In einem kleinen, schnuckligen Provinzstädtchen. Fünftausend Einwohner, kaum Straftaten.«
»Dann wirst du hier dein blaues Wunder erleben. Wir haben hunderttausend Einwohner, dazu eine Drogen- und Bandenszene, die es in sich hat.«
»Also erwartet mich kein langweiliger Schreibtischalltag?«
»Definitiv nicht.« Sie unterdrückte den Drang, ihre Narbe zu kratzen, warf stattdessen einen Blick auf ihre Armbanduhr und entschied, dass sie lange genug mit dem Neuen geplaudert hatte. »Machen wir uns auf den Weg.«
Die Psychiatrie war von einem hohen Edelstahlzaun umgeben, der nicht zur dunklen Backsteinoptik des Gebäudes passte.
»Hat etwas von einer Fabrik oder einem Krematorium«, bemerkte Brad Pitt, »nicht gerade einladend.«
»Was hast du erwartet? Das Plaza-Hotel?«
»Die Übernachtungspreise kommen wahrscheinlich hin.«
Gianna drückte auf die Klingel mit der Aufschrift Privatklinik für Psychiatrie und Psychosomatik. Fast augenblicklich erschien eine junge Frau an der Pforte. Ihr schmales Gesicht und die verschreckt wirkenden braunen Augen erinnerten an ein Reh. Als Gianna sich und ihren Kollegen als Kripobeamte vorstellte, wurden ihre Wangen noch eine Spur blasser.
»Folgen Sie mir«, hauchte sie und huschte den beiden voran durch einen sonnengelben Flur.
Bunte, abstrakte Gemälde an den Wänden ließen das Gebäude von innen deutlich freundlicher wirken als von außen.
Vor einer der zahllosen Türen blieb die Frau stehen, klopfte und streckte den Kopf durch einen Spalt. »Kriminalpolizei«, murmelte sie ins Zimmer hinein und bedeutete den Beamten, einzutreten. Sie selbst entfernte sich eilig über den Flur.
In dem Raum erwartete sie ein geräumiges Büro, das ebenfalls mit abstrakten Gemälden geschmückt war, und ein hochgewachsener Mann mit dunkelblonder Gelfrisur. Sein Lächeln wirkte nervös, sein Händedruck fahrig.
»Vincenzo.« Gianna überlegte, wie Brad Pitts echter Name lautete, aber er wollte ihr nicht einfallen. Sie musste es ihm überlassen, sich selbst vorzustellen.
Mit einem charmanten Lächeln überging er ihre Unhöflichkeit, was sie ihm zu seinen Gunsten anrechnete. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, jemand träte ihr mit Anlauf in den Magen.
Genauso wie er hätte auch Frank reagiert.
»David Rainer. Meine Kollegin und ich haben ein paar Fragen bezüglich des Verschwindens von Mercedes Frentzen.«
»Ich bin Doktor Rolf Wessel, der Inhaber dieser Klinik. Bitte, nehmen Sie Platz.«
Gianna und David setzten sich auf die Stühle, die vor dem Schreibtisch standen. David legte ein Diktiergerät auf den Schreibtisch und warf Gianna einen fragenden Blick zu. Sie zuckte mit den Schultern und beobachtete, wie der Arzt mit auf dem Rücken verschränkten Händen im Zimmer auf und ab ging. Vom Schreibtisch zur Tür, zum Aktenschrank, wieder zurück.
»Meine Angestellten und ich sind fassungslos über diesen Vorfall. Noch nie ist uns ein Patient entwischt. In dieser Klinik gelten höchste Sicherheitsstandards, besonders in der geschlossenen Abteilung«, sagte er aufgebracht.
»Wir würden das Gespräch gerne aufzeichnen«, unterbrach David seinen Redefluss. »Ist das in Ordnung für Sie?«
Doktor Wessel nickte, worauf David das Diktiergerät einschaltete, seinen Notizblock aufschlug und Gianna mit einem auffordernden Blick signalisierte, dass sie beginnen konnte. Auf der Fahrt hatten sie abgesprochen, dass sie die erste gemeinsame Befragung leiten sollte.
Gianna nannte Ort, Datum, Uhrzeit und den Namen des Befragten sowie den Befragungsgrund in Kurzfassung. »Doktor Wessel, bitte setzen Sie sich«, forderte sie den Arzt dann auf und wartete, bis er sich in seinen wuchtigen Bürosessel fallen ließ. »Haben Sie eine Ahnung, wie Mercedes Frentzen entkommen konnte?«
Wessel zog eine Schublade auf und holte ein Stofftaschentuch heraus, mit dem er sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Sie ist über den Zaun geklettert.«
Gianna horchte auf. »Über den Zaun rund um das Gebäude?« Sie rief sich die hohe, vollkommen glatte Edelstahlkonstruktion ins Gedächtnis und fragte sich, wie ein Mensch sie überwinden sollte.
Doktor Wessel nickte mit düsterer Miene.
»Können Sie uns die Stelle zeigen?«
»Selbstverständlich. Kommen Sie mit.«
Nach dem Durchqueren weiterer sonnengelber Flure und mehrerer verschlossener Türen, die Doktor Wessel mit einer Schlüsselkarte öffnete, gelangten sie in einen gepflasterten Innenhof. Alle drei neigten ihre Köpfe nach hinten, um mit ihren Blicken den oberen Rand des Zauns zu erfassen. Die Sonne brannte auf sie nieder und vermittelte Gianna das Gefühl, in einem Backofen zu stehen. Sie beschattete ihr Gesicht mit einer Hand, in der anderen hielt sie das Diktiergerät.
»Das sind mindestens vier Meter«, schätzte sie.
»Vier Meter achtzig«, korrigierte Doktor Wessel.
»Sind Sie sicher, dass Frau Frentzen auf diesem Weg die Flucht ergriffen hat?«
»Wenn ich es Ihnen sage! Sie ist hochgesprungen, hat die Kante gepackt und weg war sie. Eine Pflegerin hat sie vom Fenster aus beobachtet und sofort Alarm geschlagen. Wir haben direkt mit einer groß angelegten Suchaktion begonnen, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt.« Der Psychiater verstummte und wischte sich wieder mit dem Tuch über die schweißnasse Stirn.
»Sportliche Leistung«, kommentierte David.
»Weshalb war Frau Frentzen hier?«, fragte Gianna an Doktor Wessel gewandt.
»Sie leidet an einer schweren Depression.«
»Geht eine Gefahr für die Allgemeinheit von ihr aus?«
»Nein. Sie ist sehr ruhig und in sich gekehrt. In den drei Monaten, die sie bei uns in Behandlung war, hat sie nie Ärger gemacht. Auch vorher war sie eine schüchterne, stille Person.«
»Sie kennen sie privat?«, hakte Gianna nach.
»Nur flüchtig. Ihr Mann ist ein guter Freund von mir. Manchmal hat er sie zum Paragleiten in den Club mitgebracht, aber sie hat nie viel geredet.«
»Nimmt sie Medikamente?«
»Das müssen Sie Emilian Frentzen fragen. Er hat darauf bestanden, sich selbst um die Medikation seiner Frau zu kümmern. Ich nehme an, dass er ihr ein Antidepressivum verordnet hat.« Er seufzte. »Der arme Emilian! Nur Pech mit den Frauen! Die vorletzte hat bei Nacht und Nebel ihre Sachen zusammengepackt und ist auf und davon. Die nächste psychisch krank und spurlos verschwunden …«
Oder die Frauen haben Pech mit ihm, dachte Gianna bitter. Ihre Narbe fing wieder an wehzutun, obwohl sie vor der Fahrt zur Psychiatrie eine Schmerztablette genommen hatte. Anscheinend genügte die bloße Erwähnung von Emilian Frentzen, um ihr Schmerzen zu bereiten.
Sie reichte Doktor Wessel ihre Visitenkarte. »Falls Ihnen noch etwas einfällt oder Frau Frentzen sich meldet, rufen Sie uns bitte sofort an.«
»Selbstverständlich.« Der Psychiater verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden. Meine Patienten brauchen mich und mir sitzen eine Menge besorgte Angehörige im Nacken. Ein solcher Vorfall schadet dem Ruf der Klinik sehr.«
»Von unserer Seite wäre das vorerst alles«, sagte David.
Doktor Wessel begleitete sie bis in den Eingangsbereich der Klinik. Dort ließ er sie mit einem knappen Abschiedsgruß stehen. Nachdenklich steckte Gianna das Aufnahmegerät ein und sah ihm hinterher, bis er hektischen Schrittes um die nächste Ecke verschwunden war. Verschwieg er etwas oder waren es tatsächlich nur das Verschwinden seiner Patientin und der gefährdete Ruf der Klinik, die ihn derart nervös machten? Das würde sie noch herausfinden.
Sie musste sich einen Ruck geben, um aus dem angenehm klimatisierten Gebäude hinaus in die Sommerhitze zu treten. Vom Aufenthalt im schattenlosen Innenhof klebte ihr das T-Shirt am Körper wie eine zweite nasse Haut. David hingegen wirkte so frisch, als hätte er sich gerade erst umgezogen. Eine Tatsache, die Gianna ihm übelnahm.
»Ganz schön sportlicher Feger, unsere Frau Frentzen«, sagte er, während sie durch die Hitze Richtung Parkplatz gingen.
Gianna sah ihn fragend an.
»Na, wegen des Sprungs über diesen Zaun. Vier Meter achtzig – holla, die Waldfee! Steht in ihrer Akte etwas von Hochleistungssportlerin?«
»Ich glaube nicht.«
»Über die Frage, wie sie das geschafft hat, müssen wir mit ihrem Mann reden.«
»Stimmt.« Gianna kramte übertrieben lange in ihrer Hosentasche nach dem Autoschlüssel. Sie verspürte nicht die geringste Lust, mit Doktor Emilian Frentzen zu sprechen. Eine Tatsache, die ihr Partner auf keinen Fall merken sollte.
Mercedes
Vier Jahre vor ihrem Verschwinden
Mercedes schwebte unter dem Dach des Zeltes, kopfüber, mit ausgebreiteten Armen, nur gehalten von der Kraft ihrer Schenkel. Ihr silberfarbenes Kostüm schimmerte im Licht der Scheinwerfer und tief unten zog ihr Schatten Kreise durch die Manege. Schweißtropfen glänzten auf ihrer Stirn, alle Muskeln ihres Körpers brannten vor Anspannung und ihr Herz raste voller Euphorie. Sie wusste, dass das Publikum den Atem anhielt. Selbst in zehn Metern Höhe spürte sie die staunenden Blicke und die furchtsame Stille, die jeden ihrer Auftritte begleiteten. Sie benutzte kein Sicherungsseil und kein Fangnetz, nie. Die Gefahr war der Preis des Fliegens. Ohne Gefahr keine Freiheit.
In Zeitlupe ließ der Seilzug sie zurück Richtung Boden gleiten. Den Blick auf die Erde gerichtet, wartete Mercedes auf den richtigen Moment. Sie fühlte das Brennen ihrer Muskeln nicht mehr, auch nicht die Blicke und die atemlose Bewunderung des Publikums. Ihr ganzes Sein war darauf fokussiert, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Die Landung war der schwierigste Teil des Fliegens. Noch sechs Meter, noch fünf, noch vier. Ein letztes Anspannen ihrer Muskeln katapultierte sie weg vom Seil, hinein in eine vierfache Schraube, ein Kaleidoskop aus Farben und Licht. Ohne zu straucheln, setzte sie in der Manege auf.
»Applaus für Mercedes, den silbernen Schmetterling«, schallte es aus den Lautsprechern.
Sie verbeugte sich inmitten einer Woge aus donnerndem Beifall, die sie aus der Manege trug.
Hinter dem Vorhang wartete ihr älterer Bruder. In einem Lichtstrahl aus dem Hauptzelt, der durch die Lücke im Stoff fiel, glänzte sein Gewand wie flüssiges Gold. Milan, der goldene Raubvogel, ein Meister der Lüfte, genau wie der silberne Schmetterling.
»Dein Finale sollte die dreifache Schraube bilden, Mercedes. Nicht die vierfache.«
»Neidisch, Bruderherz?«
»Von wegen! Mein Auftritt wird deinen in den Schatten stellen.«
Sie warf ihre langen dunklen Locken zurück und lachte. »Angeber! Pass auf, dass du nicht auf die Nase fällst.«
»Die Gefahr ist der Preis des Fliegens.« Milan versetzte ihr einen liebevollen Nasenstüber, dann fiel der Vorhang hinter ihm.
Sie trat durch den Hintereingang des Zeltes ins Freie. Jenseits der Scheinwerfer war es dunkel geworden. Die Abendluft trug den Geruch nach Frühling, Heu und Pferdedung zu ihr herüber. Das Brüllen eines Löwen durchschnitt die Stille wie ein böses Omen.
Erfüllt von der Euphorie des Fliegens und getragen von der Welle des Applauses, näherte sie sich den Wohnwagen am Rand des Zirkusgeländes. Sie hatte sie beinahe erreicht, als panisches Geschrei sie erstarren ließ. Reglos verharrte sie in der Dunkelheit, versuchte, die Schreie einzuordnen. Nein, nein, dachte sie und schluckte hart. Diese Rufe, sie konnten nicht bedeuten, dass Milan … sie schüttelte den Gedanken ab und fasste sich an den Hals. Ihr Herz schlug schnell und hart vor Angst. Nun mischten sich hektische Schritte in das Stimmengewirr, und als sie es endlich schaffte, sich umzudrehen, sah sie Roman, ihren jüngeren Bruder, auf sich zu kommen. Er war aschfahl und Tränen liefen über seine Wangen.
Nein, nein, bitte, sag es nicht, flehte sie ihn stumm an. Doch dann sprach er die Worte aus und ihr Herz zersprang.
»Milan ist abgestürzt!«
Sekundenlang blieb sie mit geballten Fäusten wie angewurzelt stehen, dann entwich ihr ein lautes Stöhnen und die jahrelang trainierte Kraft strömte zurück in ihre Gliedmaßen. Wie ein Pfeil schnellte sie vorwärts, auf die Schreie und Stimmen zu. Sie kämpfte sich gegen den Strom der entsetzten Zuschauer, die aus dem Zelt strömten, ins Innere. Jemand rief ihren Namen, doch sie drehte sich nicht um. Sie musste zu Milan, musste ihm helfen. Darin bestand ihr gesamtes Sinnen und Handeln.
»Du kannst dort nicht hinein!«, rief jemand auf Romanes. Hände packten sie von hinten an den Schultern, hielten sie fest.
»Lass mich, ich muss zu ihm!« Sie versuchte vergebens, sich loszureißen.
»Er sieht furchtbar aus, Mercedes!« Die Stimme ihres Onkels bohrte sich wie eine glühende Speerspitze in ihr Herz.
»Nein!« Sie schlug und trat um sich. Ihre Fingernägel rissen blutende Wunden in die Hände, die sie fortzogen, weg von Milan. Die Schatten jenseits des Scheinwerferlichts löschten den Glanz ihres Kostüms aus, nicht aber das Feuer in ihrem Herzen. Sie sank auf die Knie, wie eine Marionette mit durchtrennten Fäden. Ihre Schreie verhallten in der Leere dieser Nacht, die niemals enden würde, auch nicht mit dem Anbruch eines neuen Tages.
Gianna
Das Haus lag am Stadtrand, von einem großen Garten und einer Hecke umgeben. Baumkronen öffneten sich vor dem näher kommenden Wagen wie Bühnenvorhänge, gaben den Blick frei auf hohe Fenster und eine weiße Fassade.
Gianna parkte den Dienstwagen auf dem Hof, hinter dem Porsche von Doktor Emilian Frentzen. David spähte durch die Windschutzscheibe und pfiff durch die Zähne. »Tolles Auto, schickes Haus. In meinem nächsten Leben werde ich auch Arzt.«
Da sie nichts zu erwidern wusste, zuckte sie mit den Schultern. Die ganze Fahrt über hatte sie sich bemüht, weniger kühl und schnippisch zu ihrem neuen Partner zu sein, doch es wollte ihr partout nicht gelingen. Nicht, weil er unsympathisch war, im Gegenteil: Ihre Reserviertheit und Ungeduld lagen gerade in seiner offenen, lockeren Art begründet. Wenn Herr Strobel ihr einen mürrischen Griesgram zugeteilt hätte, wäre ihr das lieber gewesen. Mit solchen Menschen konnte sie umgehen, nicht aber mit jemandem, dessen Art sie an Frank erinnerte. Jeder lockere Spruch von David versetzte ihr einen Messerstich ins Herz.
»Möchtest du das Gespräch führen oder soll ich?« Seine Worte rissen sie aus ihren Gedanken.
»Übernimm du.« Gianna stieß die Tür auf und trat in eine tiefe Pfütze. Wasser schwappte in ihre Sneakers. Sie unterdrückte einen Fluch und ging mit energischen Schritten auf das Haus zu. David folgte ihr.
Gerade wollte sie den Klingelknopf drücken, da öffnete sich die Tür. Emilian Frentzen hatte sie offenbar erwartet. Gianna schnappte nach Luft, als sich ihre Blicke begegneten. Ihr war noch in guter Erinnerung, wie beeindruckend er für Anfang vierzig aussah – groß gewachsen, mit vollem dunklen Haar und einer muskulösen Statur.
»Herr Doktor Frentzen?«, fragte David neben ihr.
Der Angesprochene nickte, ohne seinen Blick von Gianna abzuwenden. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Gianna schluckte und blendete die Hitze aus, die in ihr aufstieg. Sein Lächeln ignorierend, hielt sie ihm ihren Dienstausweis vor die Nase. »Kriminalpolizei. Wir haben ein paar Fragen hinsichtlich des Verschwindens Ihrer Frau.« Ihre Stimme klang absichtlich schroff, um das Lächeln aus seinem Gesicht zu vertreiben.
»Ich weiß, wer du bist«, sagte er leise und bedeutete ihnen mit einer Kopfbewegung, einzutreten. Gianna mied den fragenden Blick ihres Kollegen und ging voran ins Esszimmer, das mit dunklen Designermöbeln ausgestattet war. Sie setzte sich an den Tisch, dessen Preis wohl allein schon ihr Beamtengehalt gesprengt hätte, und zog das Diktiergerät aus der Jackentasche. David nahm neben ihr Platz, während Emilian Frentzen sich langsam auf den Stuhl gegenüber sinken ließ und die Hände vors Gesicht schlug – schlanke, feingliedrige Hände ohne Ehering.
Gianna biss sich auf die Unterlippe und starrte das Diktiergerät an, als erforderte seine Bedienung ihre gesamte Aufmerksamkeit. Ich ignoriere ihn und mache einfach meinen Job, wiederholte sie in Gedanken.
»Wann haben Sie Ihre Frau zum letzten Mal gesehen?«, begann ihr Partner die Befragung.
»Am Morgen vor ihrem Verschwinden.« Emilian Frentzen stockte, schluckte und fuhr mit brüchiger Stimme fort: »Ich habe ihr einen Kakao aufs Zimmer gebracht. Mercedes liebt Kakao. Anschließend habe ich noch eine Weile mit ihr zusammengesessen. Um halb neun bin ich gegangen, gegen zehn hat mir jemand aus der Klinik mitgeteilt, dass sie verschwunden ist.«
»Nimmt sie Medikamente?«
»Ein gängiges Antidepressivum.«
»Hat es Nebenwirkungen?«
»Keine, die dazu führen, dass man über Zäune springt und davonläuft.«
»Apropos. Trauen Sie Ihrer Frau zu, dass sie wirklich auf diesem Weg entkommen ist?«
»Auf jeden Fall. Mercedes wuchs in einem Zirkus auf.«
»Kann es sein, dass sie sich dort aufhält?«
»Nein. Sie hat den Kontakt zu ihrer Familie vor drei Jahren abgebrochen, weil sie unsere Verbindung nicht akzeptieren.«
»Wie heißt der Zirkus?«
»Circus Gaviota.«
»Hat sie sonst noch Verwandte oder Bekannte, bei denen sie untergekommen sein könnte?«
»Mercedes hat nur mich.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
Armes Ding, wenn das stimmt, dachte Gianna.
Ihre Narbe brannte wieder wie Feuer. Sie war froh, dass ihr Kollege das Gespräch führte und sie sich lediglich auf das Diktiergerät konzentrieren musste sowie darauf, einzelne Punkte in ihrem Notizbuch zu vermerken.
»Hat sich Ihre Frau am Morgen ihres Verschwindens anders als sonst verhalten? Hat sie niedergeschlagen oder ungewöhnlich fröhlich gewirkt? Hat sie Andeutungen gemacht, nicht mehr leben zu wollen?«
Gianna bemerkte, dass Emilian Frentzen wie ein erschlafftes Schlauchboot in sich zusammenfiel. »Aufgrund ihrer Depression ist sie immer niedergeschlagen«, sagte er leise. »Außerdem spricht sie kaum. Von daher ist es schwer zu sagen, was in ihr vorgeht. Auf mich wirkte sie aber nicht anders als sonst.«
David gab Gianna durch ein Nicken zu verstehen, dass er mit der Befragung fertig war. Sie schaltete das Diktiergerät ab und stand auf.
»Das wäre alles für den Moment. Wir melden uns, sobald es Ermittlungsergebnisse gibt.« Gianna räusperte sich, da ihre Stimme belegt klang. Sie vermied es weiterhin, Emilian Frentzen anzusehen, doch als er plötzlich seine Hand auf ihre legte, konnte sie nicht anders. In seinen smaragdgrünen Augen erkannte sie Tränen.
»Egal, was zwischen uns war, bitte finde Mercedes.«
Ein heißer Schauer wanderte ihren Nacken hinab. Rasch wandte sie sich ab. »Wir tun unser Bestes. Auf Wiedersehen, Herr Doktor Frentzen.« Sie eilte nach draußen. David folgte ihr und zog die Haustür zu. Sie stieß laut die Luft aus.
»Gianna?«
Wie bei etwas Verbotenem ertappt, wirbelte sie herum. »Ja?«
David musterte sie auf eine freundliche und zugleich durchdringende Weise. »Was war das gerade zwischen Doktor Frentzen und dir?«
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
»Ist etwas zwischen euch vorgefallen, von dem ich wissen sollte?«
»Nein.« Ihr Tonfall verbot jede weitere Nachfrage.
Der Schatten
Ein Schmerz in der Magengegend holte den Schatten zurück aus der Traumwelt zwischen Leben und Tod. Er setzte sich auf und sofort überkamen ihn Schwindel und Übelkeit. Mit geschlossenen Augen wartete er, bis der Boden zu schwanken aufhörte, erst dann war er in der Lage, sich umzublicken. Ein blasser Lichtschimmer bedeckte die mit Moos und Blättern übersäten Treppenstufen und züngelte über in Stein gehauene, verwitterte Inschriften an den Höhlenwänden. Der Schatten entzifferte einzelne Buchstaben und Zahlen, durch den Zahn der Zeit ihrem Sinn beraubt. Bruchstücke einer verlorenen Vergangenheit.
Wer bin ich? Wo bin ich?
Letztere Frage konnte er sich selbst beantworten: in einer Gruft. Seine Identität hingegen war fort, verblasst wie die Namen der Toten hinter den steinernen Wänden. Als er aufzustehen versuchte, sackte sein linkes Bein weg und er fiel auf die Knie. Er musste seine gesamte Konzentration und Willenskraft auf die Kontrolle seiner Gliedmaßen lenken.
Aufrichten. Ein Schritt, zwei, drei.
Seine Beine fühlten sich schwach an und ein dumpfer Schmerz pochte in seinem Kopf, während er sich mit schlaff herabhängendem Arm die Treppe hinaufquälte. Als er endlich schwer atmend vor Anstrengung das Ende der Treppe erreichte, trieb ihm das Sonnenlicht Tränen in die Augen. Rasch wich er in den Schatten der Gruft zurück, deren Ebenbild er geworden war, und lehnte sich aufatmend an die Höhlenwand. Der kühle Stein verschaffte ihm kurze Erleichterung, doch der Schmerz in seinen Eingeweiden verstärkte sich. Er verspürte Hunger – ein Gefühl aus einer anderen Dimension. Es half nichts, er musste nach draußen ins Licht.
Mit zusammengekniffenen Augen wagte er sich ins Freie. Blinzelnd wartete er, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, dann bewegte er sich vorsichtig unter dem Dach der Linden vorwärts. Er huschte von Stamm zu Stamm, von Schatten zu Schatten. Ein lauer Wind ließ die Blätterherzen über ihm leise rascheln. Das Summen von Insekten erfüllte die heiße Schwere der Luft. Hier und da ragten mit Moos überwucherte Grabsteine zwischen Brennnesseln und Disteln hervor. Jenseits einer brüchigen Mauer ertönte Verkehrslärm, der von einer Welt kündete, die der Schatten verlassen hatte.
Plötzlich vernahm er ein leises Gluckern und Plätschern. Es führte ihn fort von den Linden und hinein in das Dickicht, das das gesamte Gelände mannshoch überwucherte. Der Kontakt mit den Brennnesseln verursachte Bläschen auf seiner Haut, Dornen hinterließen blutige Striemen und verfingen sich in den Ärmeln seines T-Shirts und in den Hosenbeinen. Schützend eine Hand vor das Gesicht haltend, kämpfte er sich weiter, bis sich das Gestrüpp endlich lichtete und den Blick auf einen steinernen Engel freigab. Die Flügel waren mit Flechten bewachsen und aus dem Krug, den die Statue in den Händen hielt, tropfte Wasser in ein von Efeu umranktes Brunnenbecken.
Wasser, endlich!
Der Schatten beugte sich über den Brunnenrand. Im nächsten Moment stockte ihm der Atem und inmitten der Sommerhitze jagten eisige Schauer über seinen Rücken. Die Wasserfläche offenbarte grässlich verzerrte Gesichtszüge. Seine rechte Schläfe glich einer schwarz-roten Masse aus verkrustetem Blut, die linke Gesichtshälfte hing wie zerlaufene Teigmasse herab. Eine Kreatur wie aus einem Horrorfilm. Er ertrug den Anblick seines Spiegelbildes nicht länger und schloss die Augen. Irgendwo tief in den Nebelschwaden, aus denen sein Körper zu bestehen schien, pochte ein rasender Herzschlag. Er verharrte sekundenlang regungslos, bis das Entsetzen nachließ und sich das Hämmern in seiner Brust normalisierte. Darauf achtend, sein Spiegelbild nicht noch einmal anzusehen, neigte er sich zum Wasserstrahl und trank gierig. Mit der Flüssigkeit strömte das Leben in seinen Körper zurück. Gleichzeitig verstärkte der gestillte Durst seinen Hunger. Das Magenknurren trieb ihn zurück ins Dickicht, angezogen von dem Abfalleimer am Rand eines Kiespfades.
Er sah sich beschämt um, doch niemand war in der Nähe. Er schluckte und atmete tief ein. Im Müll nach etwas Essbarem zu suchen, war das Letzte, was er wollte, doch ihm blieb keine andere Wahl. Er beugte sich über den Abfallbehälter und presste die Lippen zusammen. Fliegen und Wespen schwirrten um seinen Kopf, doch er ignorierte sie, genauso wie den Gestank, der ihm entgegenschlug. Mit zitternden Fingern schob er leere Plastikflaschen und zusammengeknülltes Papier beiseite. Zwischen einer Zeitung und einem zerrissenen Halstuch entdeckte er einen angebissenen Döner, der in Alufolie verpackt war. Er konnte sein Glück kaum fassen und griff hastig danach.
Gierig verschlang er seine Mahlzeit. Der Hunger wich einem Krampfen in seinen Eingeweiden. Einen Moment lang glaubte er, sich übergeben zu müssen, dann durchlief ihn ein Frösteln. Schweiß trat auf seine Stirn und seine Knie gaben nach. Mit letzter Kraft schleppte er sich zum Fuß einer Linde, sank im Schutz der Vegetation zu Boden und lehnte sich an den Stamm. In diesem Augenblick ertönte ein Schrei.
Was war das?
Einer Eingebung folgend, hob er den Kopf und suchte den Himmel ab. Zunächst sah er nichts außer grenzenloses, von Blätterherzen durchwobenes Blau. Dann erfasste sein Blick einen winzigen goldenen Punkt. Ein Raubvogel. Majestätisch segelte er im Wind.
Der Dorn eines vergessenen Schmerzes bohrte sich ins Herz des Schattens.
Die Gefahr ist der Preis des Fliegens. Wo hatte er das schon einmal gehört? Fern und ungreifbar waberte eine Erinnerung durch die Nebel in seinem Inneren. Er konnte sie ebenso wenig berühren wie den Vogel am Himmel.
Widerwillig löste er seinen Blick von dem goldenen Punkt und stand mühsam auf. Die Übelkeit und das Zittern kehrten zurück, aber er ignorierte beides, so gut es ging. Ihm war, als schwebte er selbst oben am Himmel. Aus der Perspektive des Raubvogels sah er sich durch das Dickicht wanken, den Oberkörper vornübergebeugt, ein Bein nachziehend. Dann schlossen sich die Wände der Gruft um ihn. Dunkelheit hüllte ihn ein wie eine schützende Decke. Er tastete sich die Stufen hinab und sank erleichtert zu Boden. Feuchte Kälte kroch unter seine Kleidung und drang bis auf die Haut, doch daran hatte er sich gewöhnt. In der Stille des Grabes wartete er auf die Nacht, die seine Heimat geworden war.
Mercedes
Vier Jahre vor ihrem Verschwinden
Der Zirkus war weitergezogen, wie jedes Mal nach dem Ende einer Vorstellung. Doch davon abgesehen war nichts mehr wie sonst. Erdrückendes Schweigen lag über dem Zelt und den Wohnwagen. Kein Gelächter und keine lautstarken Diskussionen mehr, keine Kinder, die lärmend herumrannten, vorbei auch die Lieder und Tänze am Feuer. Durchbrochen wurde die Stille nur vom falschen Zauber der Vorstellungen. Die Show musste weitergehen, Eintrittsgelder waren der Lebensunterhalt des Familienunternehmens.
