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Babas schwarze Augen musterten Sadia ernst. „Menschen richten Schlechtes an, indem sie versuchen, Gutes zu tun. Ein paar der furchtbarsten Dinge auf Erden geschehen genau deshalb. Merke es dir, kleine Blume.“ Lena Kohler, eine vierzehnjährige Deutsche, wird von Präsident Hamdan Walid Ibrahim adoptiert. Er gilt als Despot und Kriegsverbrecher, Lena jedoch bietet er ein liebevolles Zuhause. Als Sadia Hamdan Walid wächst sie im sunnitisch geprägten Herrscherhaus auf und verliebt sich in Ali, Schiit und künftiger Regent des Nachbarlandes. Über die Jahre gerät sie immer tiefer in einen Sog aus familiären, religiösen und politischen Konflikten, bis es kein Entkommen mehr gibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Bis ans Ende der Zeit
Biba al-Nasiri
Impressum:
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Veröffentlicht bei Infinity Gaze Studios AB
1. Auflage
Januar 2025
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2024 Infinity Gaze Studios
Texte: © Copyright by Biba al-Nasiri
Lektorat: Barbara Madeddu
Cover & Buchsatz: Valmontbooks
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung von Infinity Gaze Studios AB unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.
Infinity Gaze Studios AB
Södra Vägen 37
829 60 Gnarp
Schweden
www.infinitygaze.com
Für Baba.
Alles, was ich habe und bin, verdanke ich dir.
Für Awimbawe.
Bis ans Ende der Zeit.
Für Hamdan Walid Ibrahim.
Du hast deine letzte Kraft eingesetzt, um mich in Sicherheit zu bringen. Trotzdem weiß ich kaum mehr über dich als deinen Namen, den der Herrscher Al-Hamdans mit Stolz tragen darf.
Anfang
Aufflammendes Licht ließ Lena im Bett hochfahren; die Meerschweinchen Moby und Lilly flüchteten, eine Wolke aus Sägemehl aufwirbelnd, in ihr Holzhäuschen.
Lena starrte auf eine Gestalt im weißen Pelzmantel, die zwei riesige Rollkoffer über die Türschwelle zerrte. „Natalia?“
„Mann, sind die Dinger schwer!“ Natalia Nowikowa ließ die Koffer fallen und schüttelte ihre Arme aus.
„Was machst du hier?“ Lenas Blick wanderte zum Radiowecker. Fast Mitternacht. Nicht auszudenken, wenn ihr Vater von derart spätem Besuch Wind bekäme! Eigentlich sollte sie um zehn Uhr schlafen, zumal am folgenden Tag die Weihnachtsferien endeten und die Schule wieder losging.
„Ich übernachte bei dir“, verkündete Natalia wie selbstverständlich.
Lena stieg aus dem Bett, schlich auf Zehenspitzen an ihr vorbei und schloss behutsam die Zimmertür. „Wie bist du hereingekommen?“
„Mit dem Ersatzschlüssel aus dem Lichtschacht. Ziemlich einfallsloses Versteck. Hör zu, ich habe im Urlaub die Liebe meines Lebens kennengelernt.“
„Schon wieder?“ Lena stöhnte und verdrehte die Augen.
Seit der Grundschule waren sie beste Freundinnen, obwohl viereinhalb Jahre Altersunterschied und drei Klassenstufen zwischen ihnen lagen. Bereits etliche Male erlebte, fieberte und litt sie Liebesgeschichten der Älteren mit, die sich ebenso leidenschaftlich wie kurzlebig gestalteten.
„Dieses Mal ist es anders“, versicherte Natalia. „Ich werde zu Hamza nach Al-Hamdan ziehen und ihn heiraten.“
Lenas Mund klappte auf und wieder zu. „Du möchtest mit irgendeinem Hamza, den du maximal zwei Wochen kennst, in den Nahen Osten ziehen?“
Natalia nickte mit leuchtenden Augen und einem breiten Grinsen.
„Was meinen deine Eltern dazu? Hast du es ihnen gesagt?“
Wieder ein Nicken, dieses Mal mit weniger Begeisterung. „Sie haben mich vor die Tür gesetzt, die Schlösser ausgetauscht, enterben wollen sie mich und mein Auto haben sie mir weggenommen. Hamza ist ein Sohn von Hamdan Walid. Mit so einem wollen meine Eltern nicht in Verbindung gebracht werden.“
„Sehr witzig“, erwiderte Lena ironisch.
„Kein Witz! Er hat mir Fotos von seiner Familie gezeigt, auch von seinem Vater. Mit vollem Namen heißt er Hamza Hamdan Walid.“
„Du meinst das wirklich ernst.“
„Klar meine ich es ernst.“
„Ich dachte, du warst in Sankt Moritz?“
„War ich auch. Hamza hat dort mit zwei Cousins Urlaub gemacht. Am Skilift sind wir uns zufällig über den Weg gelaufen und es hat sofort gefunkt.“ Natalia ließ sich rücklings auf Lenas Bett fallen und verschränkte die Hände im Nacken. „Morgen Nachmittag schickt er mir einen Privatjet und ich verschwinde aus diesem Kaff. Keine Sorge, dein alter Herr wird nicht merken, dass ich da bin.“
„Hoffentlich.“ Lena seufzte.
„Wobei er mich erstaunlicherweise gut leiden kann.“
„Wohl eher den Status deiner Eltern, den du offiziell los bist.“
„Ich verstecke mich morgen früh unter deinem Bett, bis ihr alle aus dem Haus seid“, versprach Natalia, „anschließend leiste ich Moppel, Lilly und eurem hoffentlich vollen Kühlschrank Gesellschaft.“
„Er heißt Moby.“
„Wie auch immer. Ich weiß sowieso nie, wer wer ist.“
„Moby das schwarze Glatthaar-, Lilly das weiße Rosettenmeerschweinchen.“ Lenas Blick senkte sich auf die über den Teppichboden verstreuten Holzspäne, die die Meerschweinchen bei ihrer Flucht vor der nächtlichen Störung aus dem Käfig geschleudert hatten.
Ich muss staubsaugen, bevor mein Vater das sieht, dachte sie.
„Begleitest du mich zum Flughafen? Dann kannst du Hamza kennenlernen.“
Lena atmete tief durch. Wollte sie Hamdan Walids Sohn kennenlernen? Auf keinen Fall! Doch die vor Verliebtheit glühenden Wangen ihrer Freundin und das Strahlen ihrer Augen machten es ihr unmöglich, Nein zu sagen. „Meinetwegen.“
„Gut. Wir treffen uns um ein Uhr am Busbahnhof.“
„Was ist mit der Schule?“
Natalia schaute grinsend zu ihr auf, noch immer rücklings in voller Wintermontur auf dem Bett liegend. Das goldblonde Haar umgab ihr Gesicht wie ein Heiligenschein. „Warum sollte ich mir den Mist weiter antun? Ich heirate den Sohn eines Präsidenten.“
Lena lag für den Rest der Nacht wach im Bett, während ihre beste Freundin friedlich neben ihr schlief.
Das Gesicht von Hamdan Walid Ibrahim schwebte vor ihren geschlossenen Augen; von den Medien wurde er meist nur bei seinen ersten beiden Namen genannt. Er galt als größenwahnsinniger Diktator. Der Einmarsch seiner Truppen nach As-Salah, ein Nachbarland Al-Hamdans, hatte einige Jahre zuvor für Aufsehen gesorgt. Mittlerweile war es still um den Despoten und sein Land geworden, doch selbst im fernen Deutschland erschauderte jeder bei der Nennung seines Namens.
In Lenas Kopf vermischten sich seine laute, mitreißende Stimme, die sie aus dem Fernsehen in Erinnerung hatte, und Natalias ruhige Atemzüge. Mit Hamdan Walids Sohn durchzubrennen war verrückt, selbst für die rebellische Tochter eines russischen Stararchitekten und einer Mutter, die einem altdeutschen Adelsgeschlecht entstammte. An Natalias Vernunft zu appellieren, wäre jedoch sinnlos gewesen. Was sie sich in den Kopf setzte, zog sie ohne Kompromisse durch. Lena konnte nur hoffen, dass diese Affäre schnell und glimpflich enden würde.
Wie verabredet trafen sie sich nach Schulschluss am Busbahnhof.
„Hat jemand nach mir gefragt?“, wollte Natalia mit ironischem Unterton wissen.
„Nein.“
„Wieso wundert mich das nicht?“
Ein Frösteln durchlief Lena. Sie schlug die Kapuze ihrer Winterjacke hoch und schob die Hände in die Hosentaschen. Wärmer wurde ihr dadurch nicht. Die Kälte, die sie spürte, kam aus ihrem Inneren, vereiste ihren Brustkorb und schnürte ihr die Kehle zu. Sie hatte das Gefühl, zu ersticken. Reglos schaute sie zu, wie Natalia sich abmühte, um ihre Rollkoffer die Treppe im Bus hinaufzubekommen. Vergeblich zog und zerrte sie an den Griffen, hielt schließlich inne und warf Lena einen auffordernden Blick zu. „Hilf mir doch mal.“
Wie ferngesteuert setzte sie sich in Bewegung und packte mit an. Auf diese Weise waren die Stufen schnell überwunden. Allerdings waren die Koffer zu breit, um sie zwischen den Sitzen zu verstauen; so mussten sie im Mittelgang stehen bleiben. Die übrigen Fahrgäste waren gezwungen, sich daran vorbei zu quetschen.
Natalia überließ Lena den Fensterplatz und setzte sich nach innen, um während der Fahrt ihr Gepäck festzuhalten.
Ein junger Mann blieb stehen und zwinkerte ihr zu. „Gehst du auf Weltreise, Puppe?“
„Nein, ich fahre die zerstückelten Leichen von Typen spazieren, die mich Puppe nennen“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.
Mit hochrotem Kopf ging er weiter.
„Den deutschen Jungs wirst du auf jeden Fall fehlen“, stellte Lena fest.
Natalia verdrehte die Augen. „Dafür können mich die Mädchen nicht ausstehen. Sie halten mich für eine hirnlose, oberflächliche Luxusgöre und machen einen Bogen um mich.“
„Und ich bin das langweilige, schüchterne Mauerblümchen, über das sich die ganze Klasse lustig macht.“
Natalias grüne, leicht schräg stehende Augen verengten sich. „Du bist genau richtig, wie du bist“, sagte sie mit Entschiedenheit in der Stimme. „Es ist okay, auf Pferde und Meerschweinchen, statt auf Männer und Mode zu stehen.“
„Erkläre das den anderen.“ Lena seufzte.
Ihre beste Freundin stieß sie mit dem Ellenbogen an. „Wenn dich jemand ärgert, sag mir Bescheid. Dann steige ich ins nächste Flugzeug nach Deutschland und mache denjenigen fertig, klar?“
„Klar.“ Sie schluckte die Tränen hinunter und rang sich ein Lächeln ab. Im Stillen fragte sie sich, ob Hamza diese Frau verdient hätte. War er sich bewusst, dass sie ihr ganzes bisheriges Leben für ihn aufgab? Was, wenn er sich wie seine Vorgänger als Reinfall entpuppte oder, schlimmer noch, als Monster wie sein Vater?
Thomas, der Natalia mit ihrer hochnäsigen Cousine Anastasia betrogen hatte, zog ebenso an ihrem inneren Auge vorbei wie Jean, der schöne Franzose, der sie manisch liebte, bis sie es nicht länger ertragen konnte und sich von ihm trennte. Daraufhin brach er im Vollrausch nackt in die Villa der Nowikows ein und lieferte sich eine Prügelei mit dem Gärtner. Dann waren da noch Leif mit dem Lack- und Lederfetisch, Ariel mit den tausend Komplexen, Mark mit der dominanten Mutter, Leon, der per Brief mit Einschreiben Schluss machte, Benjamin, der unerträgliche Macho und Jamie, dem Natalia schlicht zu anstrengend wurde.
Ich verstehe nicht, warum sie immer an solche Idioten gerät, dachte Lena, sie könnte jeden haben.
Trotz Stau auf der Autobahn, erreichte der Bus pünktlich sein Ziel. Mit vereinten Kräften bugsierten sie die Koffer ins Freie und die Rampe neben der Treppe zur Abflughalle hinauf.
„Wundere dich nicht, wenn Hamza und ich bei der Begrüßung nicht wild rumknutschen“, sagte Natalia. „In der Kultur Al-Hamdans gehört es sich nicht, öffentlich Zärtlichkeiten auszutauschen.“
„Aha.“ Lena war zu nervös, um sich über diese Information zu wundern. Gleich würde sie Hamdan Walids Sohn gegenüberstehen. Wie sollte sie ihn ansprechen: mit Vor- oder mit Nachnamen? Wie lautete überhaupt sein Nachname: Herr Walid oder Herr Ibrahim?
Sie kam nicht mehr dazu, Natalia zu fragen, denn deren Auserwählter erwartete sie bereits vor dem Eingang des Flughafen-Restaurants. Er war etwa zehn Jahre älter und ein paar Zentimeter kleiner als Natalia, hatte schwarze Locken und freundliche, braune Augen. Die beiden umarmten sich nur flüchtig. Dennoch lag eine tiefe Zuneigung in den Blicken, die sie wechselten und der Art, wie sie miteinander sprachen. Widerwillig musste Lena anerkennen, dass sie ein süßes Paar abgaben.
Im nächsten Moment wandte sich Hamza an sie und reichte ihr die Hand. „Freut mich, dich kennenzulernen, Lena“, sagte er lächelnd und in hervorragendem Englisch, „Natalia hat viel von dir erzählt.“
Sie stellte auf Anhieb zwei Dinge fest: Erstens, dass er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten schien und zweitens, dass sie ihn sympathisch fand; ganz im Gegensatz zu den bisherigen Eroberungen ihrer Freundin. Wäre er ein normaler junger Mann gewesen, hätte sie sich für die beiden gefreut; aber er war der Sohn eines Kriegsverbrechers und Natalia würde seinetwegen in eine von Krisen geschüttelte Region ziehen.
Beim Abschied lagen sich die Freundinnen weinend in den Armen.
„Unsere Hochzeit ist im August“, schluchzte Natalia. „Du musst in den Sommerferien nach Al-Hamdan kommen, hörst du? Ohne dich heirate ich nicht.“
Die ganze Heimfahrt lang liefen Tränen über Lenas Gesicht. Wie sollte sie es zu dieser Hochzeit schaffen? Ihr Vater erlaubte nicht einmal Reiterferien am Bodensee. Er wollte nicht, dass seine Kinder sich herumtrieben, wie er es nannte. Al-Hamdan dürfte sie ihm gegenüber nicht einmal erwähnen.
Andere Fahrgäste starrten sie teils mitleidig, teils neugierig an. Sie schämte sich für ihren Gefühlsausbruch; war sie doch eigentlich geübt darin, ihre Emotionen zu unterdrücken. Heute allerdings fehlte ihr die Kraft dazu.
Noch bevor Lena das Klassenzimmer betrat, begann ihre Kopfhaut zu kribbeln und ihr Herz zu rasen. Ihre Füße schienen mit jedem Schritt schwerer zu werden, bis es sich anfühlte, als trage sie Schuhe aus Blei. Es kostete sie Überwindung, weiterzugehen. Als sie durch die Tür trat, kamen Schwindel und Übelkeit hinzu. Abschätzige Blicke, Kichern und Getuschel begleiteten sie zu ihrem Platz, einem einsamen Tisch in der letzten Reihe.
Was ist falsch mit mir, dass mich niemand leiden kann, fragte sie sich wie so oft.
Mit eingezogenem Kopf setzte sie sich; im selben Moment ertönte ein schmatzendes Geräusch und ein feucht-klebriges Gefühl, das sich unter ihr ausbreitete, ließ sie aufspringen. Rote Flüssigkeit bedeckte die Sitzfläche des Stuhls und rann an den Beinen ihrer Jeans hinab. Kunstblut aus dem Raum der Theater-AG, kam ihr in den Sinn, während das Grölen der Mitschüler wie ein Pressluftbohrer in ihren Schläfen hämmerte.
„Entenpo hat seine Tage!“, rief jemand, worauf das Gelächter noch lauter wurde.
Kalter Schweiß rann zwischen Lenas Schulterblättern hinab. Sie grub die Fingernägel in ihre Handflächen, bis es weh tat und setzte eine unbeteiligte Miene auf.
Entenpo.
Diese verdammten Kilos, die sie zu Beginn der Pubertät zugelegt hatte! Im Gegensatz zu dem Spitznamen, den sie ihr eingebrockt hatten, waren sie längst wieder verschwunden.
Alle Verachtung, Schikanen und Demütigungen ihres Schulalltags vereinigten sich in diesem Wort.
„Was ist hier los?“ Scharf wie ein Skalpell durchschnitt die Stimme von Frau Krause, der Deutschlehrerin, die Luft. Von der Klasse unbemerkt war sie eingetreten. Ihr Blick richtete sich auf Lena, wanderte weiter über Stuhl und Fußboden.
Es war jetzt so still im Raum, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören.
„Wer ist dafür verantwortlich?“
Erwartungsgemäß antwortete niemand.
Die Lehrerin schritt langsam, mit auf dem Rücken verschränkten Händen durch die Sitzreihen. Ihre Augen musterten jeden einzelnen Schüler, bis sie schließlich wieder bei Lena anlangten. Sie versuchte, dem Blick standzuhalten, schaffte es nicht und starrte auf ihre Sneakers nieder; auch sie hatten Kunstblutspritzer abbekommen.
„Du gehst für heute nach Hause“, vernahm sie Frau Krauses Stimme, „und die anderen putzen diese Sauerei hier auf!“
Lena nickte nur. Unter den Blicken der Mitschüler band sie sich ihre Windjacke um die Hüften, die zumindest einen Teil des Malheurs bedeckte, packte ihre Schulsachen zusammen und floh aus dem Klassenzimmer, ihrer persönlichen Hölle.
Durch Seitengassen und über Feldwege erreichte sie nach einem halbstündigen Fußmarsch ihr Zuhause, ein Einfamilienhaus im Nachbarort. Obwohl sie wusste, dass um diese Uhrzeit niemand hier war, schlich sie auf Zehenspitzen durch den Flur.
Hoffentlich erfährt mein Vater nicht, dass ich heimgeschickt wurde!
Sie duschte, zog frische Kleidung an und entsorgte ihre ruinierte Hose in der Restmülltonne hinter dem Haus. Anschließend setzte sie sich neben dem Käfig in ihrem Zimmer auf den Boden und beobachtete Lilly und Moby dabei, wie sie ihr Heu mümmelten. Fressende Meerschweinchen übten von jeher eine beruhigende Wirkung auf sie aus.
Allmählich legte sich der Aufruhr in ihrem Inneren, lediglich ein dumpfes Druckgefühl im Magen blieb.
Sie kramte ihr Handy aus der Schultasche, um Natalia zu berichten, was in der Schule vorgefallen war.
„Was ist nur falsch mit mir?“, fragte sie mit dünner Stimme.
Natalia schnaubte. „Mit dir ist alles richtig. Diese Biester sind es, die nicht richtig ticken.“
Lena atmete gegen die Tränen an, die in ihr aufzusteigen versuchten. Sie war überzeugt, dass ihre beste Freundin sich irrte. Niemand, den sie kannte, zog so viel Spott und Gemeinheiten auf sich wie sie. Es musste an ihr liegen. „Ich vermisse dich, Natalia.“
„Ich dich auch. Zum Glück sind bald Sommerferien.“
Lena atmete, schluckte, atmete. „Meine Eltern werden mir keine Reise nach Al-Hamdan erlauben.“
„Ich habe einen wasserdichten Plan“, Natalias Stimme klang triumphierend, „hör zu.“
Die Kuckucksuhr an der Wand, ein Erbstück der Urgroßmutter, warf ihr monotones Ticken in die Stille, die über der Küche lastete.
Lena kaute an einem zu großen Stück Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Eigentlich liebte sie Kartoffelpuffer, heute schmeckte er nach nichts. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Bemüht, nicht allzu laut mit Messer und Gabel zu klappern, beobachtete sie ihre Familie aus den Augenwinkeln. Die zehnjährige Maren und Johannes, gerade zwölf geworden, saßen rechts von ihr, gegenüber die Eltern.
Horst Kohlers strahlend weißes Hemd präsentierte sich ebenso makellos wie sein zurückgekämmtes Haar und seine glatt rasierten Wangen. Lena versuchte zu ergründen, in welcher Stimmung sich ihr Vater befand, doch wie üblich konnte sie ihn nicht einschätzen.
Beate Kohlers Gesicht war aschgrau wie der Stoff ihrer Bluse und der Rahmen ihrer übergroßen Brille.
Langsam, ohne ein einziges Mal aufzuschauen, schob sie winzige Happen in ihren Mund.
Wieder und wieder ging Lena im Kopf die Worte durch, die sie sich zurechtgelegt hatte, während sie auf den alles entscheidenden Moment wartete. Sobald alle ihr Besteck beiseite gelegt hatten, holte sie tief Luft. „Natalia hat mich über die Sommerferien zu sich nach Hause eingeladen.“
„Das Nowikow-Mädchen?“ Horst Kohlers Blick schien sie zu durchbohren.
Lena nickte, ohne ihm in die Augen zu schauen. Sie war eine schlechte Lügnerin, selbst dann, wenn sie nur halbe Lügen erzählte.
Genau genommen verschweige ich nur Natalias Umzug ins Ausland, redete sie sich ein.
Ihre Eltern mussten davon ausgehen, dass sie sechs Wochen bei Familie Nowikow verbringen wollte.
„Natalia war schon lange nicht mehr hier“, bemerkte Beate Kohler mit ihrer leisen, stets einer Tonlage zu hohen Stimme. „Ich dachte, dass ihr euch vielleicht gestritten habt.“
„Sie musste für ihr Abitur lernen, daher hatte sie wenig Zeit.“
Das war nun eine echte Lüge. Lena fühlte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss. Sie befasste sich ausgiebig damit, Messer und Gabel auf ihrem leeren Teller zurechtzurücken.
„Verständlich“, hörte sie Horst Kohler sagen.
„Also darf ich?“ Die Frage huschte kaum hörbar über ihre Lippen.
„Natürlich.“ Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht ihres Vaters. Seine Tochter auf einem luxuriösen Anwesen und in Gesellschaft besserer Leute, die Aussicht gefiel ihm wohl.
Und wenn er die Wahrheit herausfindet? Diesen Gedanken schob Lena sofort weit von sich.
Horst Kohler dürfte nie erfahren, wohin sie tatsächlich reiste.
Das hier kann unmöglich real sein, dachte Lena. Ihre Augen wurden größer und größer, je länger ihre Blicke durch den Innenraum des Privatjets wanderten.
Goldene Blumen- und Rankenmuster zierten Wände und Gepäckfächer. Als Sitze dienten Luxussessel mit Samtkissen für Po und Rücken; einzig in das weiche Leder eingearbeitete Sicherheitsgurte erinnerten daran, dass dies ein Flugzeug und kein Wohnzimmer war.
Sie fühlte sich in ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht versetzt. Wenn Aladin auf seinem fliegenden Teppich am Fenster vorbeigeschwebt wäre, hätte sie das nicht gewundert; doch lediglich Ibrahim, Ismail und Yasin, Hamzas drei Söhne aus erster Ehe, fegten über den Perserteppich hin und her, der den Mittelgang bedeckte. Ihr Kreischen und Gelächter verliehen dem Luxusambiente zumindest einen Hauch von Bodenständigkeit. Yasin, mit seinen sieben Jahren der Jüngste der Drei, winkte Lena im Vorbeirennen zu. Sie winkte zurück, ehe sie sich erneut dem Fenster zuwandte. Noch immer keine Spur von einem fliegenden Prinzen; nur ihre eigenen blau-grauen Augen blickten sie aus einem Wolkenmeer heraus an, umrahmt von blasser Haut und hellbraunem Haar. Sie war recht hübsch, aber bei weitem keine Schönheit wie Natalia. Im Pomp dieses Flugzeugs fühlte sie sich deplatziert in ihrer Durchschnittlichkeit. Halb furchtsam, halb neugierig fragte sie sich, welche Eindrücke Al-Hamdan für sie bereithalten mochte.
Werde ich Hamdan Walid Ibrahim treffen? Der Gedanke ließ sie schaudern.
„Wie alt bist du?“, fragte in diesem Moment Hana auf Englisch. Sie saß ihr gegenüber und hatte sich bereits als Hamzas Schwester vorgestellt.
„Vierzehn, nächsten Monat“, antwortete Lena.
„Ich bin Siebzehn. Gehst du noch zur Schule?“
„Ja. Und du?“
„Ich mache dieses Jahr meinen Abschluss. Verheiratet bist du noch nicht?“
Lena schüttelte den Kopf.
„Ich auch nicht, genau wie mein Bruder Hamid. Meine Schwestern haben beide mit fünfzehn geheiratet und schon fünf und vier Kinder. Ich warte noch auf den richtigen Mann und Hamid kann sich nicht entscheiden zwischen den ganzen Mädchen, die ihm hinterherrennen.“ Hana kicherte. „Vielleicht heiratet er einmal mehrere Frauen wie Baba.“
„Dein Vater hat mehrere Frauen?“, hakte Lena ungläubig nach. Allmählich ließ ihre Schüchternheit nach, die es ihr für gewöhnlich schwer machte, mit neuen Leuten warm zu werden. Der offenen Art der Präsidententochter konnte sie sich jedoch nicht entziehen.
„Drei. Du wirst sie kennenlernen … Oh, schau: Wir sind über Al-Hamdan.“ Hanas Kopfnicken Richtung Fenster ersparte es ihr, weiter über Hamdan Walid Ibrahim und seine drei Ehefrauen nachzudenken.
Tief unter ihnen zog die Wüste dahin. Endlos schien sie, aber nicht eintönig, wie Lena sich Wüste immer vorgestellt hatte. Der Sand leuchtete in verschiedenen Gelb-, Orange-, Grau-, Braun- und Ockertönen, die ineinander übergingen und bizarre Muster bildeten. Je näher sie der Hauptstadt kamen, desto grüner wurde die Landschaft.
„Wir nähern uns der Flussebene, dem fruchtbaren Teil unseres Landes“, erklärte Hana. „Die meisten Dörfer und Städte liegen rund um den Al-Hamdan, auch unsere Hauptstadt. „Schau, da ist er.“
Fast hätte man den Fluss für einen See halten können, so riesig war er. Als schimmerndes Band schlängelte er sich durch die Vegetation, die seine Ufer umgab. Weiße Punkte ließen Häuser erahnen, einzeln oder vereint zu Dörfern und Städten.
Lena hatte nicht erwartet, dass dieses Land so schön war. In den Medien wurde es als finsterer, trostloser Ort voller Brutalität und Zerstörung dargestellt.
Der Jet flog eine Kurve und folgte nun dem Lauf des Flusses.
„Wir beginnen mit dem Landeanflug“, ertönte die Stimme des Piloten auf Englisch aus den Lautsprechern. „Bitte schnallen Sie sich an.“
Zehn Minuten später landeten sie auf dem Hamdan International Airport am Rande der Hauptstadt. Durch das Fenster sah Lena, wie etwa ein Dutzend olivgrüner Militärjeeps sich dem Flugzeug näherten, es umkreisten und von der Landebahn eskortierten. Ein mulmiges Gefühl überkam sie. „Was will eure Armee von uns?“
Hana folgte ihrem Blick. „Das ist die Republikanische Garde“, erklärte sie.
„Die was?“
„Republikanische Garde“, wiederholte Natalia. Sie war über den Mittelgang herangekommen, Hamza und die Kinder im Schlepptau. „Eine Spezialeinheit der Armee. Sie beschützen die Regierungseinrichtungen des Landes, Politiker, ihre Angehörigen, Staatsgäste und was weiß ich nicht noch alles.“
„Also sind sie eure Leibwächter?“
„So was in der Art, ja.“
Der einzige mitreisende Stewart stemmte die Tür des Flugzeugs auf und nickte allen zum Abschied zu, als sie nacheinander ins Freie traten. Lena hatte das Gefühl, geradewegs in einen Backofen zu spazieren. Die Hitze nahm ihr den Atem und die gleißende Sonne zwang sie, die Augen zu schließen. Natalia, Hamza und Hana hatten ihre Sonnenbrillen aufgesetzt; sie besaß nicht einmal eine.
Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Helligkeit. Über dem Asphalt des Flughafengeländes flimmerte die Luft. Am Fuß der Gangway wartete eine schwarze Limousine, umgeben von jenen Militärjeeps, die das Flugzeug in Empfang genommen hatten. Vier Uniformierte hielten ihnen die Wagentüren auf, ein fünfter saß bereits hinter dem Steuer. Während Lena einstieg, achtete sie darauf, einen möglichst großen Bogen um die Männer und ihre geschulterten Sturmgewehre zu machen. Könnte so ein Ding nicht losgehen, wenn man ungeschickt daran stieß? Vage erinnerte sie sich, davon gehört oder gelesen zu haben und ging lieber auf Nummer sicher.
Auf dem Weg ins Zentrum der Hauptstadt staute sich der Verkehr. Nur langsam kamen sie über die von Palmen gesäumte Straße voran. Zu Lenas Rechten glitzerte das Wasser des Flusses, zur Linken reihten sich helle Flachdachhäuser, winzige Läden und Cafés aneinander.
Noch bunter als die Basare, die beinahe jede Gasse füllten, waren die Menschen. Die Männer trugen Jeans und T-Shirt oder lange, weiße Gewänder. Die Damenmode reichte vom Vollschleier bis zu gewagt kurzen Röcken, modischen Frisuren und Trägertops.
In das vielstimmige Brummen und Hupen des Großstadtverkehrs mischte sich der muslimische Gebetsruf, gefolgt von Glockengeläut.
„Gibt es hier viele Christen?“, wandte sich Lena an Hana, die zwischen ihr und Natalia saß. Hamza hatte mit den Kindern seinen eigenen Wagen genommen.
„Etwa zehn Prozent der Bevölkerung gehören dem Christentum an“, antwortete Hamdan Walids Tochter. „In Al-Hamdan herrscht Religionsfreiheit. Jeder darf glauben, woran er möchte.“
Das Wort Freiheit hörte Lena in Bezug auf dieses Land zum ersten Mal. Alle Medienberichte, die ihr je begegnet waren, schilderten nichts als Unterdrückung und Gewalt.
Sie schaute zu einer haushohen Bronzestatue Hamdan Walids auf, die mit erhobener Hand auf den Fluss hinaus grüßte und einen Krummsäbel am Gürtel trug.
„Ziemlich beeindruckend, was?“, meinte Natalia auf Deutsch.
„Eher ziemlich albern, einem Präsidenten am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ein Schwert anzuhängen. Was will er damit gegen Bomben, Raketen und Panzer ausrichten?“
Ihre beste Freundin zuckte grinsend mit den Schultern. „Gute Frage.“
Lena konnte sich kaum sattsehen an der exotischen Schönheit der Hauptstadt. Von ihr aus hätte die Fahrt ewig dauern können, aber eine Dreiviertelstunde später hielten sie vor einem Stahltor in einer Mauer mit Stacheldraht. Mehrere Uniformierte hatten sich davor positioniert, von denen sich nun einer mit geschultertem Sturmgewehr der Limousine näherte. Lenas Muskeln verspannten sich und ein unangenehmes Kribbeln durchlief ihren Magen. Der allgegenwärtige Anblick von Soldaten und Kriegswaffen behagte ihr ganz und gar nicht. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Natalia und Hana neben ihr völlig gelassen blieben.
Der Fahrer ließ per Knopfdruck das Fenster herunter. Die beiden Männer umarmten und unterhielten sich kurz. Dann öffnete sich das Tor und die Fahrt ging weiter durch einen Park voller exotischer Büsche, Bäume, Blumenbeete und von der Hitze ausgebleichtem Rasen.
Inmitten der Anlage ragte der Präsidentenpalast auf, ein prunkvoller Marmorbau mit Säulenaufgang und hohen, oben rund zulaufenden Fenstern.
Die Limousine und ihre Begleitfahrzeuge bremsten unterhalb der breit geschwungenen Treppe zur zweiflügeligen Eingangstür. Sofort sprangen weitere Uniformierte herbei und rissen die Fahrzeugtüren auf.
Während Hana und Natalia ausstiegen, blieb Lena sitzen. Erst eine auffordernde Handbewegung ihrer besten Freundin weckte sie aus ihrer Erstarrung.
Natalia führte sie durch endlose, verwinkelte Gänge zu einem Gemach im ersten Stock.
„Willkommen in deinem persönlichen Reich für die nächsten Wochen“, verkündete sie lächelnd.
Lenas Blicke wanderten über Möbel aus Tropenholz und Brokatvorhänge mit Blick auf den Fluss, dabei wurden ihre Augen größer und größer. Mitten im Raum führten zwei Stufen zu einem Entspannungsbereich mit Sofa und Sesseln, Fernseher und Musikanlage hinab. Fotografien edler Araberpferde schmückten die Wände.
„Gefällt es dir?“
Lena starrte Natalia ungläubig an und schnappte nach Luft. “Soll die Frage ein Witz sein? Es ist traumhaft! Hast du die Pferdebilder für mich aufgehängt?“
„Nein, das war entweder Hamdan selbst oder jemand in seinem Auftrag. Ich habe ihm verraten, dass du ein Pferde-Fan bist.“
Sie zuckte zusammen. „Hamdan Walid? Du hast ihm von mir erzählt?“
„Er ist mindestens genauso pferdeverrückt wie du und kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen.“
Lena suchte im Gesicht ihrer besten Freundin nach Anzeichen, dass sie sie auf den Arm nehmen wollte. „Er mag Pferde?“, fragte sie ungläubig. Nach allem, was man von dem Diktator hörte, beschränkten sich seine Interessen auf Macht, Raketen und Panzer.
„Er hat ein eigenes Gestüt. Die Pferde auf den Bildern sind seine.“
„Oh …“ Mehr vermochte sie nicht zu sagen.
„Hamdan ist eigentlich ganz nett. Nur, dass er mich vor der Hochzeit nicht in Hamzas Haus übernachten lässt, macht mich wahnsinnig.“ Natalia verdrehte die Augen.
Die letzte Andeutung überraschte Lena noch mehr als Hamdan Walids angebliche Nettigkeit und Pferdeliebe. „Heißt das, du und Hamza … Ihr habt noch nicht …“
„Doch, haben wir“, gestand Natalia frei heraus. „In der Schweiz, aber davon weiß sein Vater nichts. Hier wäre es unmöglich.“
„Wenn das so ist, musst du bis zur Hochzeit eben brave Jungfrau spielen.“ Lena kicherte schadenfroh. Derartige Probleme kannte sie nicht. Während andere Mädchen in ihrer Klasse sich nach Popstars die Seelen aus dem Leib kreischten oder sogar schon Erfahrungen mit realen Jungen gemacht hatten, war ihr Interesse am anderen Geschlecht noch nicht erwacht.
„Wenn das so einfach wäre. Wann immer ich Hamza sehe, möchte ich ihm am liebsten die Kleider vom Leib reißen.“ Natalia seufzte sehnsuchtsvoll, dann richtete sich ihr Blick auf die goldenen Ziffern der Wanduhr. “Was? Schon fünf Uhr? Die Zeitverschiebung zwischen Deutschland und hier bringt mich immer aus dem Konzept. Ich lege mich eine Stunde aufs Ohr und hole dich später zum Abendessen ab.“
Lena machte sich daran, ihre Kleidung im begehbaren Schrank zu verstauen. Ihre wenigen Habseligkeiten samt Koffer verschwanden beinahe darin, stellte sie fest. In ihrem Kopf erklang das vielstimmige Gelächter ihrer Mitschüler. Wie Glassplitter prasselte es auf sie ein und hinterließ ein schmerzhaftes Kribbeln auf ihrer Haut.
Du bist lächerlich, Entenpo, schien ihr die Klimaanlage zuzuraunen, deren leises Brummen das einzige Geräusch im Raum war.
Mit zitternden Händen schloss sie die Schranktür hinter sich. Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken, gleich darauf trat Hana ein. „Unser Vater lässt dir ausrichten, dass er es leider nicht zum Abendessen nach Hause schafft“, sagte sie. „Trotzdem möchte er dich kennenlernen und lädt dich deshalb in sein Büro ein.“
Lena erstarrte. Für einen Moment schien ihr Herzschlag auszusetzen. Sie war müde und verschwitzt von der Reise. Falls es überhaupt einen passenden Zeitpunkt gab, um Hamdan Walid gegenüberzutreten, so war dies der denkbar ungünstigste. Dennoch konnte sie sich eine gewisse Neugierde nicht verkneifen. Die Chance, einen Bösewicht aus dem Fernsehen zu treffen, bot sich selten.
„Wo finde ich sein Büro?“
„Im Parlament, wo sonst?“ Hana lachte und hakte sich bei Lena unter. „Ich bringe dich hin. Es ist nicht weit von hier.“
Arm in Arm schritten sie durch die Gänge des Palastes. An der Treppe blieb Hana stehen, nahm ihr Handy zur Hand und wechselte ein paar Worte auf Arabisch.
„War das dein Vater?“ Lenas Kehle fühlte sich trocken und kratzig an.
„Nein, mein Chef-Leibwächter. Die Republikanische Garde muss uns begleiten, wenn wir ausgehen.“
„Du darfst nur mit Leibwächtern nach draußen?“
Hana zuckte mit den Schultern. „Ich kenne es nicht anders. Mein Vater regiert unser Land länger als ich alt bin … Hier müssen wir entlang.“
Über eine weitere steinerne Treppe, die in einer Feuerschutztür aus Stahl endete, gelangten sie in die Tiefgarage. Militärjeeps, gepanzerte Limousinen und mehrere Sportwagen parkten akkurat in einer Reihe. Die Männer der Republikanischen Garde erwarteten sie bereits. Gleich acht von ihnen, verteilt auf zwei Militärjeeps, nahmen Hanas Porsche in ihre Mitte. Derart beschützt ging es eine Auffahrt hinauf ins gleißende Tageslicht, durch den Park und das Tor in der Mauer.
Während die übrigen Bezirke der Hauptstadt eng, laut und die Häuser mehrheitlich einfach bis heruntergekommen waren, wirkte das Regierungsviertel wie ein Ort aus einer anderen Welt: breite Straßen, absolut sauber und leer.
Von patrouillierenden Soldaten, Polizisten und Militärfahrzeugen abgesehen, gab es kaum Fußgänger oder Verkehr. Am Straßenrand parkten Sportwagen und Luxuslimousinen.
„Wir sind da.“ Hana deutete auf ein mehrstöckiges Gebäude, das zu ihrer Rechten lag. Auf dem Dach des Parlaments hing die Landesflagge schlaff an ihrem Mast.
Sie parkten in einer weiteren Tiefgarage. Hana gab ihren Leibwächtern per Handzeichen zu verstehen, dass sie bei den Wagen warten sollten. Lena folgte ihr mit weichen Knien die Treppe hinauf und fand sich in einer lichtdurchfluteten Halle wieder. Den Boden bedeckte ein Mosaik, das Hamdan Walids Gesicht zeigte. Sie schritten über den Staatschef hinweg und gelangten in einen Gang, der von der Halle aus links abbog.
Schwindel erfasste Lena, als sie vor einer dunklen Holztür mit vergoldeter Klinke anlangten. In diesem Raum hielt sich einer der meist gehassten und gefürchteten Männer der Welt auf. Was sollte sie ihm sagen? Wie ihn überhaupt ansprechen? Herr Walid? Herr Ibrahim? Herr Präsident? Würde sie stottern oder kein Wort herausbringen? Was, wenn er sie erbärmlich und unwürdig fand, sein Gast zu sein?
Ich kann nicht zu ihm hinein, völlig unmöglich! Ich muss hier weg!
Hana nahm ihr die Chance zu fliehen, indem sie eintrat und sie mit sich zog. Sofort stieg ihr der Geruch nach Tabak in die Nase. Hamdan Walid Ibrahim saß an einem antik anmutenden Schreibtisch. Er trug einen schwarzen Anzug mit Krawatte, in seinem Mundwinkel hing eine dicke Zigarre und er sah aus wie im Fernsehen, lediglich um ein paar Jahre gealtert.
„Darf ich dir Lena vorstellen, Baba“, sprach Hana ihn auf Englisch an.
Zu Lenas Überraschung erschien ein warmherziges Lächeln auf dem Gesicht des Diktators, das seinen graumelierten Schnurrbart zucken ließ. Im Fernsehen hatte sie ihn nie lächeln sehen.
Er drückte die Zigarre im Aschenbecher aus, erhob sich und küsste Hana auf Wangen und Stirn. Anschließend reichte er Lena die Hand. „Willkommen in Al-Hamdan“, sagte er.
Zögerlich erwiderte sie seinen Händedruck. Einen lächelnden, hervorragend Englisch sprechenden Hamdan Walid hätte sie wenige Minuten zuvor noch für absurd gehalten. Nun stand er vor ihr, eine Tatsache, die sie maßlos überforderte. „Danke, Herr Präsident“, brachte sie stammelnd heraus.
„Hamdan“, verbesserte er mit einem Augenzwinkern.
Lena holte tief Luft. „Okay … Danke, Hamdan.“
„Setzt euch.“ Er deutete auf ein Sofa mit vergoldetem Rahmen. Blaue Samtkissen polsterten Sitzfläche und Rückenlehne. “Was wollt ihr trinken?“
„Kakao“, sagte Hana, ließ sich auf die Couch fallen und streckte ihre Beine aus.
„Ich auch, bitte.“ Eigentlich mochte Lena bei der in Al-Hamdan herrschenden Hitze keinen Kakao. Zu fragen, was es sonst gab, wagte sie jedoch nicht; die Gegenwart des Diktators schüchterte sie zu sehr ein.
Hamdan nahm den Telefonhörer auf seinem Schreibtisch ab, wählte und sprach etwas auf Arabisch in die Muschel. Kurz darauf erschien eine Frau mit Kopftuch und einem Tablett in den Händen. Sie nickte ihrem Präsidenten zu und platzierte je eine Porzellantasse vor Hana und Lena auf dem Glastisch.
„Das ist meine Sekretärin Maryam“, stellte der Präsident sie vor, „unser Mädchen für alles hier im Parlament.“
Die Frau errötete. Man konnte ihr ansehen, wie glücklich und verlegen zugleich es sie machte, von ihm gelobt zu werden.
Nachdem sie den Raum verlassen hatte, setzte sich Hamdan zu Lena und Hana aufs Sofa. Vater und Tochter unterhielten sich auf Arabisch. Lena trank derweil ihren Kakao, der trotz der Hitze draußen schmeckte und schaute sich im Büro um. An den Wänden entlang zogen sich mit Büchern und Aktenordnern gefüllte Regale und hohe Panzerglasfenster öffneten den Blick auf den Fluss.
„Ich habe gehört, du magst Pferde?“, sagte Hamdan plötzlich auf Englisch.
Sie zuckte zusammen. „Ja.“
„Möchtest du zum Ausreiten auf mein Gestüt kommen?“
Sie starrte ihn an, als habe er sie gebeten, seine vierte Frau zu werden. Einen Vollblutaraber zu reiten, war ein lang gehegter Traum von ihr. Unfähig zu sprechen, nickte sie nur.
Hamdan zeigte erneut sein herzliches, für einen Diktator so unpassendes Lächeln. „Ich reite gewöhnlich kurz vor Sonnenaufgang aus. Dann ist es noch angenehm kühl. Falls du aber lieber ausschlafen möchtest …“
„Nein, vor Sonnenaufgang ist in Ordnung“, versicherte Lena rasch.
„Sei um vier Uhr am Helikopterlandeplatz im Park.“ Er zwinkerte ihr zu und stand auf. „Jetzt müsst ihr mich leider entschuldigen. Ich werde gleich zu einem wichtigen Termin abgeholt.“
Zum Abschied küsste er erneut Wangen und Stirn seiner Tochter und drückte Lenas Hand. Sein Lächeln begleitete die beiden aus dem Büro.
Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, musste Lena blinzeln, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie nicht träumte. Habe ich gerade wirklich Hamdan Walid Ibrahim getroffen und mich mit ihm zum Ausreiten verabredet?
Hana tippte ihr auf die Schulter. „Du siehst aus, als hättest du einen Dschinn gesehen“, bemerkte sie trocken.
„Was auch immer ein Dschinn ist, genauso fühle ich mich.“
Hana stieß ein kurzes, helles Lachen aus und hakte sich bei ihr unter. „Ich sterbe gleich vor Hunger, höchste Zeit fürs Abendessen. Lass uns fahren.“
Erst in diesem Moment spürte Lena, dass auch ihr Magen knurrte. Noch immer überwältigt von der Begegnung mit dem Herrscher Al-Hamdans, ließ sie sich von seiner Tochter zur Tiefgarage geleiten.
Beim Abendessen lernte sie Raschida kennen, die erste Frau des Präsidenten. Dann gab es noch Hamzas und Hanas ältere Schwestern, Yasmina und Amina, mit ihren fünf und vier Kindern, sowie den ältesten Bruder, Hamid, der an Krücken ging. Hamzas drei Söhne waren ebenfalls wieder mit von der Partie.
Die Kinder plapperten und sangen unentwegt. Horst Kohler hätte eine derart ausgelassene Stimmung am Tisch niemals geduldet. Umso mehr genoss Lena die Wärme und Leichtigkeit, die diese Großfamilie ausstrahlte.
Es gab Reis, Gemüse und Lammfleisch. Gegessen wurde mit den Fingern der rechten Hand. Anstelle von Servietten dienten Porzellanschüsseln mit Wasser zum Reinigen der Hände.
Lena bemühte sich, den Reis zu kleinen Bällchen zu formen, wie die anderen es ihr vormachten und hatte das Gefühl, sich furchtbar ungeschickt anzustellen.
Yasin beherrschte die Technik hingegen bereits wie ein Großer. Er strahlte sie unter seinen wilden Locken hervor an und redete auf sie ein. Zu gerne hätte sie ihn verstanden.
„Den hier will ich glatt behalten“, wandte sie sich auf Deutsch an Natalia.
„Vergiss es“, entgegnete diese, „mach selbst einen.“
Lena verdrehte halb lachend, halb gähnend die Augen. Die zahlreichen Eindrücke des Tages und das ungewohnte Klima forderten zunehmend ihren Tribut in Form von bleierner Müdigkeit. Obwohl ihr die Präsidentenfamilie sympathischer war, als sie es je für möglich gehalten hätte, wollte sie nur noch schlafen.
Zu ihrer Erleichterung zerstreute sich die Tischgemeinschaft nach dem Essen in den Weiten des Palastes. So konnte sie sich in ihr Gemach zurückziehen, ohne unhöflich zu erscheinen. Sie kuschelte sich in die weichen Samtkissen ihres Himmelbetts und ließ den vergangenen Tag Review passieren. Die Schönheit der Landschaft. Die Hauptstadt, voller Licht und Leben. Die Menschen, die sie herzlich aufgenommen hatten. Hamdan Walid, der wie der grausame Diktator aus dem Fernsehen aussah, mit diesem aber ansonsten nichts gemeinsam zu haben schien.
Unfähig, das reale Al-Hamdan mit der finsteren Version in ihrem Kopf in Einklang zu bringen, schlief sie ein.
Das Wecksignal des Handys drang in Lenas Bewusstsein. Sie brauchte eine Weile, um sich zu entsinnen, wo sie war und weshalb der Wecker klingelte.
Der Präsidentenpalast in Al-Hamdan und die Verabredung mit Hamdan Walid, natürlich. Schlagartig war sie hellwach. Die Uhr auf dem Display zeigte halb Vier und hinter den hohen Fenstern herrschte noch Dunkelheit. Eilig schlüpfte sie in ihre Kleider und verließ das Gemach.
Die elektrischen Lichter der Kronleuchter tauchten die Palastgänge in ein diffuses Licht, das die Orientierung noch schwieriger als am Tag machte. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich hoffnungslos verlaufen.
Hätte ich bloß Natalia geweckt, dachte sie, ärgerlich über sich selbst.
Wie sollte sie es rechtzeitig zum Helikopterlandeplatz schaffen?
Vor ihr tauchte der Rücken eines Mannes auf. Reglos stand er am Ende des Flurs. Unter einem weißen, knielangen Obergewand aus Baumwolle schauten ebenfalls weiße Hosenbeine heraus, um den Kopf trug er ein rot-weiß kariertes Tuch.
„Entschuldigen Sie, bitte“, sprach Lena ihn auf Englisch an, „können Sie mir sagen, wie ich zum Ausgang komme?“
Der Mann drehte sich um, ein tiefgründiges Lächeln auf dem Gesicht, das die Optik des Kriegers zunichtemachte; dennoch erschrak Lena, als sie Hamdan erkannte.
„Ich dachte mir, dass du Hilfe brauchst. Du glaubst gar nicht, wie viele Staatsgäste und Würdenträger sich in diesen Gängen schon verlaufen haben.“
Lena fühlte Röte in ihre Wangen schießen und hoffte, dass die diffuse Beleuchtung sie verbarg. „Wie nennt man die Kleidung, die Sie anhaben?“
„Dischdascha heißt das Gewand, Kufiya die Kopfbedeckung“, erklärte Hamdan. „Nichts ist in der Wüste angenehmer zu tragen.“
Gemeinsam erreichten sie den Helikopterlandeplatz. Lena überkam ein mulmiges Gefühl, als sie die Militärmaschine bestieg, die von den Flutlichtern im Boden angestrahlt wurde. Niemals zuvor war sie in einem Hubschrauber geflogen.
Mit einem Ruck hoben sie vom Boden ab und gewannen rasch an Höhe. Lenas Bauch kribbelte und ein Druck lastete auf ihren Ohren. Die Richtung Boden gesenkte Nase des Helikopters erweckte den Eindruck, mit dem Gesicht voran in einen Abgrund zu stürzen. Krampfhaft klammerte sie sich am Sitz fest. Erst als sie nicht mehr weiter aufstiegen, entspannte sie sich. Die Landschaft unter ihnen lag noch immer in Dunkelheit, doch ein grauer Streifen am Horizont kündigte die nahende Morgendämmerung an. Da der Lärm der Rotoren jede Unterhaltung unmöglich machte, schwiegen sie während des Fluges. Lena war es recht so, da sie ohnehin nicht gewusst hätte, worüber sie mit ihm sprechen sollte. Trotz aller Freundlichkeit, die er ihr gegenüber an den Tag legte, blieb er der Mann aus dem Fernsehen, der eine Bedrohung des Weltfriedens darstellte.
Die Landung verlief angenehmer als der Start, da sich statt der Nase nun das Heck absenkte. Allerdings setzte der Helikopter für Lenas Geschmack zu heftig am Boden auf.
Mit zittrigen Knien folgte sie Hamdan ins Freie.
Der vertraute Geruch nach Pferden ließ sie alle Flugängste vergessen und ihr Herz vor Freude pochen.
Neben ihr atmete der Präsident tief ein.
„Ich vermisse diesen Geruch immer sehr, wenn ich nicht bei den Pferden bin.“
Ich auch, dachte Lena.
Zwei längliche, einander gegenüberliegende Gebäude ragten aus der Dunkelheit. Hamdan schritt voran durch die Stalltür und betätigte den Lichtschalter. Edle Köpfe in allen Fellfarben reckten sich ihnen entgegen und ein vielstimmiges Begrüßungswiehern ertönte.
Langsam ging der Präsident die Stallgasse entlang, streichelte Nüstern und sprach auf Arabisch zu den Pferden. Zärtliche Laute, die Lena angesichts der hart klingenden Sprache überraschten.
„Dies hier sind meine Stuten. Einige von ihnen besitzen Stammbäume, die bis auf die Pferde unseres Propheten Muhammad zurückreichen.“ Stolz schwang in seiner Stimme. „Die Hengste bewohnen ihren eigenen Stall.“
„Reiten Sie alle?“
„Wenn es meine Zeit zulässt, ja“, antwortete er. „Ansonsten bewegen sie die Angestellten des Gestüts. Zum Umgang mit Pferden gehört viel mehr, als sie zu reiten. Ich möchte ihr Freund sein, mich an ihrer Schönheit, Kraft und Schnelligkeit erfreuen.“
Lena blickte ihn überrascht an. Er hatte in Worte gefasst, was sie selbst mit Pferden verband. Konnte ein Gewaltherrscher, Kriegstreiber, Schreckgespenst westlicher Medien und Politik tatsächlich genauso fühlen wie sie? Die Vorstellung erschien absurd.
„Du kannst Salma reiten“, sagte er in ihre Gedanken hinein und deutete auf eine zierliche, braune Stute. „Sie ist schnell und temperamentvoll, aber dabei leicht zu lenken. Soll ich einen Stallburschen beauftragen, sie zu satteln oder möchtest du es selbst erledigen? Als Frau hast du die Wahl.“
„Warum nur als Frau?“, wollte Lena irritiert wissen.
„Unter Beduinen gilt das ungeschriebene Gesetz, dass ein Mann sein Pferd selbst putzt und sattelt.“
„Ich tue es auch selbst“, sagte Lena.
Er nickte ihr zu. Lag da ein Hauch von Anerkennung in seinem Blick? Nein, sie musste sich täuschen.
Sie legten den Pferden Halfter an und führten sie hinaus in den Hof, wo sie sie im Licht der Hoflaternen anbanden, putzten und sattelten.
Seite an Seite ritten sie durch die gusseisernen Torflügel, die je ein Mann der Republikanischen Garde für sie aufhielt, hinaus in die finstere Wüste. Im Reitunterricht hatte Lena gelernt, dass Pferde im Dunkeln sehen können. Dennoch war sie erstaunt, wie sicher die Stuten einen Huf vor den anderen setzten, während sie selbst nicht die Hand vor Augen erkennen konnte.
Die Luft war kühl und von vollkommener Stille erfüllt, nur durch das Knirschen der Hufe auf Sand und Steinen, ein gelegentliches Knarzen der Sättel und das leise Schnauben der Pferde, unterbrochen.
Nach einer Weile parierte Hamdan aus dem Trab heraus zum Stehen durch. Lena tat es ihm nach. „Was ist los?“, fragte sie.
„Ich möchte dir etwas zeigen. Sieh nach Osten.“
„Wo ist Osten?“
„Direkt vor uns.“
Sie sah nur den Schatten ihres Begleiters und seines Schimmels im grauen Dämmerlicht, sonst nichts. Ruhig saß sie im Sattel und wartete, worauf auch immer.
Vor ihnen erschien ein leuchtender Streifen am Himmel, erst zartrosa, wechselte dann zu Rot und Orange. Der Streifen breitete sich aus, bis der Himmel zu glühen schien. Inmitten dieses Glühens schob sich die Sonne über den Horizont. Lena musste geblendet die Augen schließen. Als sie sie wieder öffnete, war es hell genug, um zu erkennen, dass sie am Rand einer Schlucht standen. Tief unter ihnen floss der Al-Hamdan dahin, deutlich kleiner als in der Hauptstadt und gesäumt von einem grünen Band aus Bäumen. Der Grund der Schlucht lag noch im Schatten, während die Wüste bereits vom Sonnenlicht beschienen wurde. So weit das Auge reichte, erstreckte sich eine endlose Ebene aus Sand und Steinen, darüber der brennende Morgenhimmel.
In den Anblick der Landschaft versunken, zuckte Lena zusammen, als Hamdan sie ansprach: „Na, was meinst du?“
„Wunderschön.“ Mehr vermochte sie nicht zu sagen. Die Schönheit dieses Ortes raubte ihr den Atem.
Er lächelte. „Ich habe die Sonne unzählige Male über der Wüste aufgehen sehen und bin doch immer wieder aufs Neue ergriffen. Al-Hamdan ist ein gesegnetes Land, Lena.“
„Das stimmt“, gab sie ihm recht, im Wissen, dass sie ihr Herz endgültig und unwiderruflich an sein Land verloren hatte.
„Traust du dir einen Galopp zu? Ich lasse die Pferde auf dem Heimweg immer laufen.“
„Ja, natürlich.“ Lena nickte voller Eifer.
„Gib Salma einfach die Zügel frei. Sie kennt den Weg nach Hause.“ Mit diesen Worten ließ er seine Schimmelstute durchstarten. Salma folgte, ohne dass Lena sie antreiben musste. Für einen Moment nahm die Geschwindigkeit ihr den Atem. Niemals zuvor war sie auch nur annähernd so schnell geritten. Wind und Sand peitschten in ihr Gesicht. Sie beugte sich tief über den Hals der Stute, um ihr Gesicht vor den scharfkantigen Körnern zu schützen. Zu ihrer Linken bewegte sich Hamdan mit der Geschmeidigkeit eines Wüstenkriegers im Sattel.
In der Ferne tauchte die Mauer auf, die das Gestüt umgab. Die Pferde verlangsamten das Tempo, fielen erst in den Trab, dann in den Schritt zurück.
Lena klopfte Salmas Hals und stellte fest, dass der rasante Galopp sie kaum zum Schwitzen gebracht hatte. Die Ausdauer der Vollblutaraber war bemerkenswert.
„Du bist eine gute Reiterin“, sagte Hamdan.
Lena senkte den Kopf und betrachtete intensiv die Zügel in ihrer Hand. An hämische Kommentare in Bezug auf ihre Pferdeliebe war sie gewöhnt, an Lob hingegen kaum; erst recht nicht von einem derart mächtigen und berühmten Menschen. Noch immer war sie überwältigt vom Farbenspiel des Sonnenaufgangs, der atemberaubenden Landschaft, ihrem Galopp auf Salma und von Hamdan. Sie konnte kaum fassen, dass er ihr diesen wunderschönen Morgen geschenkt hatte.
Warum ist er so nett und aufmerksam? Ausgerechnet zu mir, die nicht einmal andere Teenager ernst nehmen?
Sie blinzelte in Richtung des Horizonts. Jenseits der Oase und der sie umgebenden Wüste ragten mächtige, schattenhafte Gebilde auf, die mit dem Himmel und dem Flimmern der Luft verschmolzen schienen.
„Sind das Berge?“
„Ja, sehr hohe sogar.“
„Sie sehen so …“, Lena suchte nach dem passenden englischen Wort, „unwirklich aus.“
„Die Wüste ist Herrin über Traum und Wirklichkeit, Lena. An manchen Tagen schaust du in die Ferne und glaubst, das Meer zu sehen, obwohl dort in Wahrheit nur Sand und Steine sind. An anderen zeichnet sie die Wirklichkeit so scharf und klar, dass sie wiederum wie ein Traum erscheint.“
Die Hitze nahm stetig zu. Jede Bewegung schien in Zeitlupe abzulaufen und trieb Lena den Schweiß aus den Poren.
Nach dem Absatteln führten sie die Pferde auf eine Weidefläche mit Bäumen und üppigem Gras, die an den Al-Hamdan und einen lichten Laubwald grenzte.
An den Koppelzaun gelehnt, schaute sie zwei Fohlen zu, die aneinander hochstiegen und sich gegenseitig in die Mähnenkämme zwickten. Sobald der Sieger des spielerischen Kräftemessens feststand, stoben sie quer über die Weide davon, schienen sich im Flimmern der Luft aufzulösen.
„Sie gehören in die Wüste, genau wie ich“, sagte Hamdan.
Lena betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Unter der Kufiya zeichnete sich sein Profil scharf ab und seine dunklen Augen funkelten geheimnisvoll.
Wann hatte sie aufgehört, den Bösewicht aus den Abendnachrichten in ihm zu sehen? Als sie sah, wie zärtlich er zu seinen Pferden sprach oder erst, nachdem er ihr den Sonnenaufgang gezeigt hatte? Sie konnte den exakten Zeitpunkt nicht mehr bestimmen, an dem aus dem Monster ein Mensch geworden war.
Zur Mittagszeit, als die Temperaturen unerträglich wurden, flogen sie in die Hauptstadt zurück.
In ihrem Gemach wurde Lena bereits von Natalia erwartet. „Und? Wie war euer Ausritt?“
„Schön“, sagte Lena. Ein Wort, das nicht annähernd ausreichte, um das Erlebte zu beschreiben. „Du hattest übrigens recht, Hamdan ist wirklich nett.“
„Fast so nett wie sein Sohn.“ Natalia strahlte sie an. „Apropos: Hamza, die Kinder und ich sind zu Verwandten eingeladen. Kommst du mit?“
Lena seufzte. „Ich bin müde und komplett durchgeschwitzt. Wäre es in Ordnung, wenn ich hierbleibe?“
„Kein Problem, ruh dich aus und geh duschen.“ Natalia rümpfte die feine Stupsnase. „Du riechst wie ein ganzer Pferdestall. Wir sehen uns dann später.“
Nach einer ausgiebigen Dusche und einem schuldbewussten Blick auf die Wasserflecken, die sie auf dem blank polierten Marmorboden hinterlassen hatte, begab Lena sich ins Esszimmer. Sie war fast ein wenig stolz, dass sie den Weg auf Anhieb fand.
Hamdan, Raschida, Hamid und Hana saßen bereits um den Tisch versammelt. Ohne die Kinder war es stiller im Esszimmer als am Abend zuvor, dennoch füllte eine entspannte und heitere Atmosphäre den Raum. Sie aß mit großem Appetit, bis das Nachrichtensignal ihres Handys sie unterbrach.
Natalia, dachte sie und warf einen flüchtigen Blick auf das Display. Der letzte Bissen Essen blieb ihr im Hals stecken.
Unter krampfhaftem Husten sprang sie auf und verließ das Esszimmer, ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten.
Liebe Lena, ich habe gerade Frau Nowikow im Supermarkt getroffen. Das Gespräch war äußerst aufschlussreich. Ich wünsche dir noch einen angenehmen Aufenthalt in Al-Hamdan. Wir sprechen uns in sechs Wochen. Beste Grüße Papa
Die Sonne brannte auf den Balkon, den Fluss und Lenas Kopf nieder. Trotzdem zitterte sie so sehr, dass ihre Zähne klapperten. Halt suchend klammerte sie sich am steinernen Geländer fest. Eine Bewegung in der Tür zu ihrem Gemach ließ sie beinahe aufschreien.
„Ich bin es nur.“ Hamdan trat neben sie. „Geht es dir gut?“
Sie wich seinem Blick aus. „Ich habe dich nicht kommen hören und mich erschreckt.“
„Uns Beduinen hört man nie kommen, Lena. Wir sind Geister der Wüste, lautlos wie Schatten und unsichtbar wie der Wind, aber uns entgeht nichts. Wer hat dir geschrieben?“
„Mein Vater.“ Sie übersetzte ihm die Zeilen, die auf jeden, der Horst Kohler nicht kannte, harmlos, vielleicht sogar freundlich wirken mussten.
Seine dunklen Augen nahmen einen lauernden Ausdruck an, schienen bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken. „Schlägt er dich?“
Lena zuckte zusammen. Lautlos wie Schatten und unsichtbar wie der Wind, aber uns entgeht nichts. Tränen brannten in ihren Augen und ließen sich nur mit äußerster Willenskraft zurückhalten.
Hamdan legte einen Arm um ihre Schultern, zog sie an seine Brust und hielt sie fest, auf eine ihr unbekannte, väterlich-schützende Weise. Sie atmete den herben Geruch von Rasierwasser und Tabakrauch. Ein Schluchzen sprengte sich den Weg aus ihrer Kehle frei und riss alle Dämme in ihrem Inneren nieder. Die Tränen begannen ungehindert zu fließen.
Hamdan streichelte ihr Haar. „Alles wird gut“, sagte er leise.
Wie hatte sie je ein schlechtes Bild von diesem Mann haben können?
„Ich wünschte, du wärst mein Vater.“
Seine Hand verharrte reglos auf ihrem Kopf. „Ich kann dich als mein Kind annehmen, wenn du das möchtest.“
Lena blickte ihn durch den Schleier ihrer Tränen hindurch an. „Du willst mich adoptieren?“, hakte sie ungläubig nach.
„Wenn du das auch möchtest, sehr gerne.“
Ohne nachzudenken, nickte sie.
„Dann soll es so sein. Ab heute bist du nicht mehr Lena Kohler aus Deutschland. Sadia soll dein Name sein. Sadia Hamdan Walid.“
„Sadia Hamdan Walid“, wiederholte Lena. Der Name klang fremd und geheimnisvoll in ihren Ohren, aber er gefiel ihr, genau wie der Gedanke, seine Tochter zu sein. Vergessen waren in diesem Moment die Schlagzeilen über seine Schreckensherrschaft, die Kriegsverbrechen, die ihm zur Last gelegt wurden. Sein warmherziges Lächeln überstrahlte das grimmige Antlitz aus dem Fernsehen, das sie bis gestern mit ihm verbunden hatte. War es wirklich erst gestern gewesen, seit sie ihn, den echten Hamdan Walid, kennengelernt hatte? Sie dachte daran, wie er seine Kinder und Enkel umarmte, küsste und sich liebevoll mit ihnen unterhielt. Ihr Leben lang hatte sie sich nach einem solchen Vater gesehnt.
Hamdan legte den Arm um ihre Schultern. „Komm, Sadia, unten warten die anderen und dein Essen.“
Mit einer Mischung aus Verwunderung und Beschämung stellte sie fest, dass Raschida, Hana und Hamid tatsächlich auf sie gewartet hatten. Sie blickten ihr hinter halbvollen Tellern entgegen.
„Darf ich vorstellen, Sadia Hamdan Walid, eure neue Schwester und Tochter.“ Hamdan geleitete sie mit sanftem Druck auf ihre Schultern zu einem freien Stuhl.
Hamid runzelte die Stirn. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den sie nicht deuten konnte. „Warum ausgerechnet dieser Name, Baba?“, fragte er.
Hamdan bedachte seinen ältesten Sohn mit einem ebenfalls unergründlichen Blick. „Du weißt, dass sie auch für mich wie eine Tochter war. Sie zu retten, stand weder in deiner noch in meiner Macht.“
Sie schaute ratlos von einem zum anderen. „Es gibt noch eine Sadia?“
Ein Lächeln huschte über Hamids Lippen. „Ihr Name war Sadia as-Salah.“
„War? Was ist mit ihr passiert?“
Das Lächeln erstarb. „Sie hat mich geliebt. Das ist ihr passiert.“
Wie eine Wolke senkte sich das kühle Schweigen des Marmorgewölbes auf den Tisch herab, hüllte das Esszimmer ein und erstickte die entspannte Heiterkeit. Hamdan, Raschida, Hana und Hamid starrten betreten vor sich hin.
Unter dem Tisch gruben sich Sadias Fingernägel in ihre Handflächen. Als es anfing, weh zu tun, drückte sie noch fester zu.
Warum habe ich nachgefragt und Wunden aufgerissen? Kein Wunder, dass mich in Deutschland niemand leiden kann.
Gleich würde Hamdan ihr mitteilen, dass er sie doch nicht adoptieren wolle, dass sie zu dumm und taktlos sei, um seine Tochter zu werden. Ihre Wangen und Augen brannten. Sie konzentrierte sich auf den Schmerz in ihren Handflächen und atmete langsam ein und aus, um nicht erneut in Tränen auszubrechen.
„Du musst essen, meine Tochter.“ Der sanfte Klang von Hamdans Stimme vertrieb die dunklen Wolken aus ihrem Geist.
Hana beugte sich zu ihr und umarmte sie. „Willkommen in unserer Familie. Ich habe mir schon immer eine kleine Schwester gewünscht.“
Raschida war die nächste, die sie in die Arme schloss, gefolgt von Hamid.
Bloß nicht weinen!
Sadia schluckte, atmete und lächelte gegen die Tränen an, während ihre Gefühle zwischen Glück, Scham und Rührung Achterbahn fuhren. Die Herzlichkeit dieser Familie war mehr, als sie ertragen konnte und gleichzeitig genau das, wonach sie sich ein Leben lang gesehnt hatte. Für kurze Zeit verlor die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Horst Kohler ihren Schrecken.
Im Laufe des Nachmittags traf beinahe die ganze Verwandtschaft im Präsidentenpalast ein, um Hamdans neue Tochter kennenzulernen. Unzählige Cousins, Cousinen, Tanten und Onkel besetzten das Sofa des Hauptsalons, sämtliche Sessel und Stühle und sogar die Teppiche am Boden.
Hamdans zweite Ehefrau, Munia, war blond und blauäugig; sie sah überhaupt nicht arabisch aus. Sadia überwand ihre Schüchternheit und erkundigte sich nach ihrer Herkunft.
Munia zwinkerte ihr zu. „Von hier. Ich bin die einzige Hauptstädterin der Familie. Alle anderen stammen aus dem Norden. Das blonde Haar habe ich von meiner Mutter geerbt und sie wiederum von meiner Großmutter.“
„Munia war Babas Sekretärin“, erzählte Hana, „dann haben sie sich verliebt. Später kam noch Karima dazu.“ Mit einem Kopfnicken deutete sie in Richtung der Genannten, die sich gerade mit Hamza und Natalia unterhielt.
Dass drei Frauen sich einen Mann teilten, befremdete Sadia. „Streitet ihr euch nicht andauernd?“
„Manchmal“, sagte Munia mit einem Lächeln.
Ihr zwölfjähriger Sohn Omar aus erster Ehe fragte Sadia nach Deutschland aus, das Klima, die Kultur und Details aus der Geschichte des Landes, von denen sie selbst keine Ahnung hatte. War der Mauerfall 1989 oder 1990? Entsprach das Amt des deutschen Bundeskanzlers dem des Premierministers in Al-Hamdan?
Nachdem sie ihm kaum eine seiner Fragen beantworten konnte, rückte Omar seine runden Brillengläser zurecht, setzte sich inmitten des Trubels auf den Boden und begann, in einem Buch zu lesen.
Sadia schloss die ganze Verwandtschaft sofort ins Herz. Dennoch war sie erleichtert, als sich gegen Abend alle nach und nach verabschiedeten. Die Aufmerksamkeit um ihre Person hatte sie erschöpft.
Zum Schluss blieben nur noch Hamdan, Natalia, Raschida und Hana übrig.
„Sadia Hamdan Walid.“ Natalia lehnte sich ihr gegenüber in einem Sessel zurück und grinste sie an. „An deinen neuen Namen muss ich mich erst gewöhnen.“
„Ich mich auch.“ Sadia schwirrte der Kopf von den Entwicklungen und Begegnungen dieses Tages. Heimlich nach Al-Hamdan zu reisen, war das mit Abstand Verrückteste und Rebellischste, das sie je unternommen hatte. Mehr ging nicht, hatte sie gedacht. Nun war sie Hamdan Walids Tochter und es fühlte sich großartig an.
„Bevor ich es vergesse.“ Ihr neuer Vater trat neben sie und reichte ihr einen Schnellhefter.
„Was ist das?“
„Ein Mietvertrag für eine Wohnung in Deutschland. Nur wenige Minuten Fußweg von deiner Schule entfernt.“
„Ich darf als Minderjährige in Deutschland keine Wohnung mieten. Sonst wäre ich schon längst zu Hause ausgezogen.“
Hamdans Augen blitzten geheimnisvoll. „Das weiß ich, kleine Blume. Deshalb habe ich einen Bekannten gebeten, den Mietvertrag für dich abzuschließen.“
Sadia las die Unterschrift auf der letzten Seite: Ahmad Faisal Maktub. Der Name sagte ihr nichts. „Gehört er zu deiner Regierung?“
„Nein, Mitglieder meiner Regierung sind in Deutschland unerwünscht. Ahmad stammt aus einem Land, das die Europäische Union nicht als Schurkenstaat einstuft … Obwohl sein Vater der größere Schurke von uns beiden ist.“ Er räusperte sich. „Ahmad besitzt einen Diplomatenpass. Weder die Ausländerbehörde, noch dein Vermieter werden Fragen stellen. Falls du auf neugierige Nachbarn triffst, erzähle ihnen, dass du mit deinem Vater zusammen lebst und dass Ahmad Faisal Maktub ein Freund von ihm sei.“
„Ich muss wirklich nicht mehr bei meinen Eltern wohnen? Nie wieder?“
„Nie wieder“, bestätigte er.
Sie sprang vom Sessel auf, umarmte ihn. „Danke, Hamdan.“
„Baba“, verbesserte er und tätschelte ihren Rücken.
Vom Monster aus den Abendnachrichten, über Hamdan zu Baba. Eine beachtliche Wandlung innerhalb von zwei Tagen.
Sadia lümmelte zwischen Natalia und Hana auf dem Sofa in ihrem Gemach. Hana schminkte sich vor einem goldgerahmten Handspiegel und Natalia las in einer deutschen Tageszeitung, die extra für sie eingeflogen wurde. Auf dem Flachbildschirm lief ein Hollywoodstreifen und exotische Essensdüfte erfüllten die Luft. Das Küchenpersonal arbeitete auf Hochtouren, um die Verpflegung von Natalias und Hamzas Hochzeitsgästen sicherzustellen.
„Es riecht so gut, dass ich pausenlos Hunger habe.“ Sadia atmete genüsslich ein.
Ihre Schwester ließ den Spiegel sinken und verzog das Gesicht zu einer komischen Grimasse. „Nach der Hochzeit wirst du tagelang kein Essen riechen können“, prophezeite sie.
„Du sprichst wohl aus Erfahrung?“
„In Al-Hamdan heiratet ständig jemand. Hochzeiten sind quasi unser Hobby.“ Hana zog ihre Lippen in dunklem Weinrot nach und betrachtete das Ergebnis eingehend im Spiegel.
„Die Feier steigt erst morgen“, erinnerte Sadia.
„Kein Tag ist zu gewöhnlich, um gut auszusehen. Warum schminkst du dich eigentlich nie?“
„Weil ich noch nie einen Grund dazu hatte.“
„Schade, du würdest wunderschön aussehen.“
Das bezweifle ich, dachte Sadia.
Natalia tippte ihr auf die Schulter. „Hör dir das an, Lena … ähm … Sadia: Al-Hamdans Diktator Hamdan Walid ließ heute per Parlamentsbeschluss die Adoptionsgesetze seines Landes ändern. Diese orientierten sich bisher am islamischen Recht, der sogenannten Scharia, welche Adoptionen verbietet. Erlaubt war lediglich die Übernahme einer Pflegschaft für ein nicht-leibliches Kind, wobei dieses den Namen der leiblichen Eltern behielt. Künftig soll eine Adoption erlaubt sein, sofern das Adoptivkind aus einer nicht-islamischen Familie stammt. Welche Intention der als säkular geltende Despot mit dieser Gesetzesänderung verfolgt, darüber kann nur spekuliert werden.“
Natalia ließ die Zeitung sinken. „Ich kann noch gar nicht glauben, dass du jetzt die Tochter des Präsidenten bist.“
„Sagt ausgerechnet die Frau, die morgen einen Sohn des Präsidenten heiratet.“
Natalia seufzte sehnsüchtig. „Fünf Tage feiern, dann darf ich endlich mit Hamza allein sein. Ich werde über ihn herfallen, dass ihm Hören und Sehen vergeht.“
„Erspare mir weitere Details!“ Sadia verdrehte die Augen zu den kunstvollen Rankenmustern der Zimmerdecke.
„Was redet ihr da auf Deutsch?“, fragte Hana.
„Ich gebe deiner Schwester Nachhilfe in Liebesdingen.“
Hana prustete los. „Könnte ich auch gebrauchen.“
„Ich nicht“, bemerkte Sadia.
„Eines Tages wird auch uns die Liebe treffen.“
„Hoffentlich nicht! Ich habe keine Lust, mein Gehirn an einen Mann zu verlieren.“
„Nicht alle Männer sind wie dein Erzeuger und du bist nicht deine Mutter“, warf Natalia ein.
„Themenwechsel, bitte.“
„Lasst uns zu Yasmina und Amina fahren“, schlug Hana vor. „Dort gibt es keine Männer.“ Sie warf Sadia einen verschmitzten Blick zu.
„Hamza nehmen wir aber mit“, protestierte Natalia umgehend.
„Wenn das so ist, müssen wir Hamid auch fragen. Wird wohl doch nichts mit dem männerfreien Ausflug, Sadia.“
„Macht nichts.“ Gegen ihre Brüder hatte sie nichts einzuwenden.
Hamid holte sie mit einem weinroten Rolls-Royce ab. Auf dem Beifahrersitz saß Hamza.
Umgeben von Fahrzeugen der Republikanischen Garde ging es zur Villa von Yasmina und Amina, die am Rande des Regierungsviertels lag.
„Arbeiten die Männer der beiden?“, fragte Sadia, „weil du meintest, dass sie nicht zu Hause seien, Hana.“
Im Auto herrschte plötzlich Schweigen.
„Ihre Ehemänner sind tot“, sagte Hamza nach einer Weile, „Allah yarhamun, Allah möge ihnen gnädig sein.“
Sadia wechselte einen Blick mit Natalia, die nicht minder erschrocken schien.
„Oh, nein. Das tut mir leid.“ Etwas Besseres fiel nicht einmal ihrer sonst so schlagfertigen Freundin ein.
Was mochte geschehen sein? Sie wagte nicht, zu fragen.
Als Amina und Yasmina sie an der Eingangstür ihrer Villa begrüßten, hatte sie die Nachricht vom Tod ihrer Ehemänner noch immer nicht verdaut. Sie beobachtete ihre Schwestern und deren Kinder, während sie im Salon Tee tranken und Dattelgebäck aßen. Yasminas ältester Sohn war dreizehn, Aminas kleinste Tochter erst vier Jahre alt. Keine Spur von Trauer lag in ihren Gesichtern. Oder ließen sie sich einfach nichts anmerken?
Unvermittelt stand Amina auf. „Es ist gleich Zeit für Asr“, sagte sie.
„Zeit wofür?“
„Das Nachmittagsgebet. Eines von fünf Pflichtgebeten am Tag, die Allah uns durch seinen Propheten Muhammad befohlen hat.“
„Hana kann dir zeigen, wie man betet, Sadia“, warf Hamza ein.
Der Gebetsruf von der nahen Moschee ersparte es ihr, auf seinen Vorschlag einzugehen.
Horst Kohler war überzeugter Katholik, eine Tatsache, die ihren Glauben an Gott schon als Kind ausgelöscht hatte. Sie konnte keinen Schöpfer verehren, dessen Anhänger Frau und Kinder misshandelten.
„Du hast dir also auch noch nicht das Beten angewöhnt“, stellte sie an Natalia gewandt fest, nachdem sich alle anderen zurückgezogen hatten.
„Nein, obwohl Hamza es mir ständig beibringen will. Falls es Gott gibt, wird er mich schon nicht ins Höllenfeuer kicken.“
„Wenn nicht dich, wen dann?“
Natalia streckte ihr grinsend die Zunge heraus, wurde aber sofort wieder ernst. „Wusstest du von der Sache mit Yasminas und Aminas Männern?“
„Nein.“
„Traurige Sache.“
„Hamid hat auch jemanden verloren. Sie hieß Sadia as-Salah. Sagt dir der Name etwas?“
Ehe Natalia antworten konnte, kehrten die anderen mit strahlenden, geläuterten Gesichtern zurück.
„Es gibt nichts Schöneres als das Gebet“, bemerkte Yasmina voller Inbrunst.
Sadia lächelte höflich, Natalia rollte mit den Augen.
