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"Scheiß was drauf." Mit diesem Satz treffen Mirco und Fabian aufeinander. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Mirco lebt ganz nach dem Motto: Erst zuschlagen, dann nachfragen. Trotzdem werden die beiden Freunde. So etwas wie. Zumindest machen sie sich gemeinsam auf den Weg. Wohin, das wissen sie selbst nicht so genau. Hauptsache weg. Weit weg von Mircos Freundin, die ihn rausgeworfen hat und weg von Fabians Vater, der lieber einen Sohn ohne Tourettesyndrom hätte. Doch ihre Flucht soll nicht unauffällig und leise sein, sie soll adrenalingeladen und spektakulär sein. "Scheiß was drauf" eben.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2024
Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte in Form von derber Sprache, Kraftausdrücken und Suizidgedanken. Gehe bitte behutsam mit Dir um, und sprich mit jemandem darüber, falls es Dir während des Lesens nicht gut geht. Du kannst dich – auch anonym – an die Telefonseelsorge wenden unter 0800 / 111 0 111.
Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.
Psalm 91, 11 – 13
fabian Scheiß was drauf. Ich hatte nicht mitbekommen, wer den Satz gesagt hatte. Irgendwer, der den weiten Weg hierher gemacht hatte, weil das Depot zum angesagtesten Club der Stadt erklärt worden war. Irgendwer, der es nicht hinter die graue Stahltür geschafft hatte oder dem die letzte Zigarette in den Dreck gefallen war. Irgendwer, der keine Ahnung davon hatte, dass er kurz vor Mitternacht noch die gute Tat des Tages tun würde, einfach, indem er mir einen Satz schenkte, einen guten Satz: Scheiß was drauf.
Das ist ein Von-oben-nach-unten-Satz. Er fängt oben an, Scheiß, und rutscht dann nach unten weg, was drauf. Das was hat keine Bedeutung. Es interessiert keinen, was du draufscheißt. Drauf steht an letzter Stelle. Ist eine Falle. Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben (übrigens kein Von-oben-nach-unten-Satz). Du sollst auch den Satz nicht vor dem Ende eintüten, weil du sonst feststellen könntest, ziemlich oft sogar, dass er etwas ganz anderes ist, als du dachtest, dass er nachtritt, aus dem Hinterhalt schießt. Drauf. Du konzentrierst dich voll auf den Anfang, stößt es zischend und giftig heraus, gegen dich, gegen andere, ins Nichts, meistens ins Nichts – scheiß was drauf, von oben nach unten.
Aber dann, manchmal sofort, oft viel später, wenn du Glück hast, geht dir ein Licht auf. Du kannst diesen Satz raushauen, sooft du willst, auf dem Wort an erster Stelle herumturnen, so viel du willst, es kommt am Ende auf das drauf an. Auf das Wort an der letzten Stelle.Es kommt nämlich auf nichts in dem Satz an, sondern auf das, was du gar nicht aussprichst, auf das, wofür drauf steht, auf das, was vor dem Satz war, auf das, auf was du scheißen sollst und nicht kannst. Denn du sagst den Satz nur, weil du nicht tun kannst, was er dir befiehlt. Weil dann alles ganz einfach wäre.
mirco Ich habe keinen blassen Schimmer, wo das alles losging. Wer weiß schon, wo alles richtig losgeht, keiner weiß das. Gott vielleicht, aber an den glaub ich nicht. Yalla auch nicht, also Fabian, er glaubt an Engel, wie seine Oma, aber an Gott nicht. Die Oma schon, die glaubt an ihn, aber die ist tot, sonst könnte man die fragen, ob sie Gott mal fragt, weil Gott wüsste ganz genau, ob die Geschichte schon viel vorher losging. Aber nur, wenn er sowieso alles vorher weiß, also, den vollen Plan im Kopf hat, wie alles laufen soll. Alles für jeden. Dann müsste er so eine Art Megafestplatte im Kopf haben, Gott, meine ich. Mann, ich rede eine Scheiße hier. Das tu ich erst, seit ich Yalla kenne. Vielleicht ist der Mist in seinem Gehirn doch ansteckend. Also Yalla behauptet, es fing mit Scheiß was drauf an, und wenn es für ihn so losging, dann ging es auch für mich so los, auch wenn ich ihn zu der Zeit noch gar nicht gesehen hab. Wenn er den Satz gehört hat, vorm Club, von mir, dann war das der Anfang, vorm Club, in der Schlange. Ich habe keine Ahnung, ob ich den Satz wirklich gesagt habe. Ich sag viel, wenn der Abend lang ist, und wahrscheinlich ziemlich viel Mist und Kram, den keiner hören will. Aber manchmal sage ich auch nichts. Stunden oder sogar Tage. Dann geht nichts. Stau. Keine Ahnung, woran das liegt. Wenn Sandra reden will, kann ich nie, dann ist immer Stau. Probleme, nur Probleme. An dem Abend hätten wir noch Stunden reden können, bevor wir ins Depot gegangen sind. Mit Mopedtobi, Joey, Kralle und ihren Mädchen. Keine Ahnung, wie die heißen, spielt aber auch keine Rolle. Sandra ist anders. Wer sie anguckt, kriegt eins in die Fresse. Die Jungs waren wieder das Problem für sie: schlechter Einfluss und so. Cool, die Jungs schlechter Einfluss! Die Eltern von den Jungs sagen, ich bin schlechter Einfluss. Soll ich in den Club gehen und so tun, als kenn ich sie nicht? Auf jeden Fall hat Sandra mir auch schon Vorträge darüber gehalten. Am Ende waren wir erst am Club, als es schon diese elend lange Schlange gab und Mopedtobi uns mit so einer Panikmache begrüßte. Er hatte seine Pillen vergessen, und ich habe wahrscheinlich gesagt: Scheiß was drauf. Denn irgendwer hat immer was dabei.
fabian Es war ein guter Satz. Das spürte ich. Er würde eine Zeit lang mein Gehirn in Schach halten. Ich kann mich auf wenig verlassen, aber gute Sätze erkenne ich. Darauf kann ich mich verlassen. Ich muss es können, weil ich sonst verrückt werde. Viele glauben, dass ich es schon bin, und oft ist es auch gut so. Sollen sie es glauben. Wenn Leute glauben, du seist durchgeknallt, ist vieles einfacher. Oft ist es aber beschissen. Ich bin nicht verrückt.
In meinem Kopf ist einiges verrückt, an die falsche Stelle gerückt, in die falsche Richtung, so, als würdest du eine Weiche in letzter Sekunde stellen und der Zug rast in die falsche Richtung. Du kannst ihn nicht stoppen, weißt genau, in diese beschissene Richtung gehört er nicht, aber es ist zu spät. Es ist gar nicht so einfach, nicht verrückt zu werden, wenn in deiner Birne ständig was verrückt. Gute Sätze helfen mir dabei: nicht verrückt zu werden oder in einen beschissenen Club zu kommen, von dem alle behaupten, er sei total angesagt.
In meinem Kopf rasten die Züge aufeinander zu, viel Zeit blieb nicht mehr, die Weichen in meinem Kopf klapperten, hin, her, rechts, links. Zwei endlose Züge, die auf ihren Schienen durch eine Kurve donnerten, aufeinander zu, dann aber doch knapp aneinander vorbei, so nah, dass ihre stählerne Haut sich immer wieder rieb und meine Ohren, das Trommelfell, die Zellwände in meinem Hirn mit den kreischenden Schlägen ihrer Berührungen zum Bersten brachten.
Einmal, wünschte ich mir, einmal, einmal und für immer sollten sie aufeinanderprallen, sich nicht nur reiben, nicht nur ihre kalte, starre Schale aneinanderschmiegen und dabei meine Gehirnwindungen aufladen wie eine ungeschützte Hochspannungsleitung. In tausend Stücke zerschellen sollten sie. Alles mit sich reißen. Nie wieder in ihren Schienen fahren können. Meine Wünsche waren bisher nicht erfüllt worden.
Solange die Leute in der Schlange nach vorne schauten, würde nichts passieren. Zumindest hatte ich eine Chance, auch wenn nicht Baby, sondern einer der anderen Türsteher an dem grell ausgeleuchteten Eingang stand. Sie hatten heute sogar zwei Drängelgitter aufgestellt, die eine schmale Schleuse vor der eigentlichen Tür bildeten.
Baby hatte das nicht nötig. Baby brauchte keine Drängelgitter. Hinter ihrem Rücken mogelte sich niemand in den Club. Schon den Gedanken daran würde sie in deinen Augen erkennen, dich aus der Schlange fischen und ihr leises, aber vernichtendes Urteil verkünden: Abmarsch. Mehr musste sie nicht sagen, und mehr sagte sie nicht. Keiner diskutierte mit Baby, ob er vielleicht doch und seine Freundin sei schon drin und er kenne den Besitzer und der ganze Mist. Allein Baby entschied, wer reindurfte in das heruntergekommene Gebäude aus Backstein, in dem früher noch Kabel dick wie mein Unterschenkel auf gigantische Holzspulen gerollt worden waren.
Es war ungewöhnlich, dass Baby einen ihrer Jungs an die Tür ließ. Vielleicht würde sie noch kommen. Dann war alles kein Problem. Sie würde mich durchwinken. Baby wusste, dass ich immer sofort an meinen Platz ging, dass es keinen Ärger geben würde. Den Typ, der ihren Job jetzt machte, hatte ich noch nie an der Tür gesehen, meistens stand er hinter einer der Bars.
Fettbacke hatte für jeden den richtigen Spruch drauf. Ich wusste genau, was er sagen würde, wenn ich meinen Kopf auch nur einmal nach hinten werfen, die Augen aufreißen würde, bis sie wie zwei Murmeln herauszufallen drohten, oder mir ein Speichelfaden aus dem verzerrten Mundwinkel tropfte, was zwar nicht oft vorkam, aber eben manchmal, selten, eben, wenn alles auf eine beschissene Weise zusammenkam. Ich musste möglichst schnell an meinen Platz vor die Boxen, oder der Abend war gelaufen.
Ich habe keine Ahnung, an welcher Stelle ich mit einem Satz durch bin. Das ist das Risiko. Ich erkenne einen guten Satz, aber ich kann nicht garantieren, dass er mich genau so lange beruhigt, wie ich es gerade brauche. Manche Sätze sind richtig gut, sie klingen nach, wirken länger, als ich an sie denke. Andere betäuben nur an der Oberfläche. Scheiß was drauf schien richtig gut gewesen zu sein, mein Hirn schlich ihm noch nach, aber lange durfte es nicht mehr dauern. Ich konnte ihn noch ein paar Mal drehen und wenden, aber dann würden sich die Tics den Weg nach draußen bahnen. Sie ließen sich nie wirklich lange austricksen.
Die Schlange trippelte weiter vor. Nur diese endlosen Beine noch, drei Paar, zwei auf hohen Absätzen, eines in silbernen Glitzersneakern, dann war ich dran. Ich tastete mich Blick für Blick an den Schenkeln der Mädchen hoch. Die Züge in meinem Kopf ratterten leise in unbestimmter Ferne, ein Branden nur, ohne Gefahr, fast schon so, als pufften die alten Dampflokomotiven am Bahnsteig. Ich wusste, dass sie jederzeit aus dem Stand in volle Fahrt ausbrechen konnten.
»Nimm deine Augen da weg!«, blaffte mich eine an. Ihre langen Haare verdeckten mehr, als das über die Schulter gerutschte Shirt. Sie reichten fast bis zu dem Minirock und streichelten bei jeder Bewegung ihres Kopfes den schmalen Streifen nackter Haut über ihrem Gürtel.
Nimm deine Augen da weg. Das war ein Giebelsatz, von unten nach oben nach unten, das Wichtigste in der Mitte. Deine Augen. Meine Augen. Nimm deine Augen da weg. Es ging um meine Augen, nur um meine. Ich sollte meine Augen da wegnehmen. Von allen Augen war nicht die Rede, sondern nur von meinen. Hingucken ja, aber nur die Richtigen, der Richtige. Ich kam durcheinander. Nimm deine Augen da weg war kein guter Satz.
»Macht der Typ Ärger?« Das war so ziemlich die schlimmste Frage, die ein Türsteher stellen konnte. Du darfst alles machen, nur keinen Ärger, und am schlimmsten ist, dass er das Wort im Griff hat. Ärger, meine ich, das hatte er im Griff. Es ist ein typisches Machtwort. Es hat keine eigene Bedeutung. Was Ärger ist, bestimmst du. Oder er. Jeder für sich. Du allein hast die Macht darüber, was das Wort bedeutet. Aber alle anderen auch. Jeder für sich. Das kann eine Menge Ärger geben. Es ist völlig egal, wenn irgendein Idiot so ein Wort im Griff hat, wirklich, es kommt nur drauf an, ob du oben oder unten bist. Oben oder unten ist immer wichtig, aber bei Wörtern und Sätzen ist es lebenswichtig. Überlebenswichtig. Oder eben wichtig für die Frage, ob der Türsteher dich reinlässt oder nicht und du Scheiß was drauf sagen musst und wieder gehen.
Ich musste aufpassen, dass ich nicht in eine Schleife geriet, eine endlose Schleife um den einen guten Satz des Abends, um Ärger, um Wünsche, um Augen.
Die sechs endlosen Beine kicherten nur. Sie interessierten sich einen Teufel für mich, egal wie viel Ärger ich auf dieser Welt machen konnte. Ein Wink von Fettbacke und sie waren drin. Darum ging es, und sie waren genauso wenig volljährig wie ich. Zutritt nur für Volljährige. Oder für Beine, Haare, nackte Streifen Haut.
»Ausweis«, schmatzte Fettbacke um sein Kaugummi herum. Er rückte seine sowieso schon weit gespreizten Beine noch ein Stück auseinander. Fußspitzen, Unterschenkel, Oberschenkel, links und rechts zwei gerade Linien, ein Trichter, ein gleichschenkliges Dreieck, das im Schritt des Türstehers zusammenlief. Hier musst du durch, hier wird’s eng, ganz eng für dich, und glaube mir, ich ficke dich ins Knie, wenn du Ärger machst. Der Türsteher klemmte sich die Daumen in den Gürtel, tappte mit den anderen Fingern auf den Bund seiner schwarzen Lederhose. Tapptapptapp, tapp, tapp.
Mit der rechten Hand winkte er ein paar Jungs hinter mir nach vorne, an mir vorbei. Ich wollte mich einfach an sie hängen, aber schon sah ich die Tätowierung in der Innenfläche seiner Pranke, die er mir entgegenstreckte.
»Du nicht«, sagte er, aber er hätte es nicht sagen müssen. Im Unterschied zu ihm war ich nicht blöde und nicht doof und nicht dumm, vor allem nicht dumm. Ich wusste, wer die Frau in seiner Hand war, in feinen Linien gestochen, schwarz und weiß und grau, alles mit einem bläulichen Schimmer. Die Frau, eigentlich nur der Kopf der Frau, der abgeschlagene, aus der Halsschlagader triefende Kopf, mit züngelnden Schlangen statt Haaren, nur der Kopf mit weit aufgerissenen Augen und im Schrei erstarrten Schlund. Wer in diese Augen schaute, erstarrte zu Stein. Alter Griechenkram. Ich gab mir Mühe, jetzt nicht nach ihrem Namen zu suchen. Ich vergaß so etwas nicht, nicht den Namen von Frauen mit Schlangen auf dem Kopf, aber der Name war weg. Vielleicht ein gutes Zeichen, wofür auch immer.
Beschissenerweise erstarrte ich nicht, sondern das Gegenteil passierte. Sie hatten Fahrt aufgenommen, die Züge, sie fuhren, das Zischen der Dampfkessel wurde lauter. »Ausweis, Mann!«, drang die Stimme von Fettbacke hindurch.
Ich konnte es nicht zurückhalten, ich musste den tappenden Rhythmus aufnehmen. Kein Satz, kein Wort, konnte mir jetzt noch helfen. Tapptapptapp, tapp, tapp. Tapptapptapp, tapp, tapp. Tapptapptapp, tapp, tapp. Wo es in meinem Körper ankommen würde, wusste ich nicht. Bis mein Fuß sich bewegte, langsam anhob, im Knie gewinkelt und schnell, aber sacht mit den Zehenspitzen auf den Boden tappte. Tapptapptapp, tapp, tapp. Das war harmlos. Es sah aus, als müsste ich pinkeln.
Der Versuch, meinen Ausweis aus der Tasche zu fummeln, misslang. Es hatte sowieso keinen Zweck. Zutritt nur für Volljährige. Statt der kleinen Plastikkarte kam das Döschen mit dem Veilchen und den Efeuranken drauf zum Vorschein, zerkratzt, mit kaum noch erkennbarem Violett und Grün und mit schwarzer Schrift, rutschte über den Rand der Hosentasche. Einen Herzschlag lang standen die Züge in meinem Kopf still, warteten darauf, wie die runde Blechschachtel in Zeitlupe zu Boden schwebte, aufschlug, den Deckel abwarf, die weißen, flachen Pastillen ausspuckte.
»Scheiße, ich wusste, dass du Ärger machst, Leute wie du machen immer Ärger. Keine Drogen, ist das klar?« Er bückte sich, sammelte die Pillen auf, ließ sie in seiner Lederjacke verschwinden und steckte mir die leere Dose in den Hosenbund. Ein dreckiges Grinsen huschte über seine rissigen Lippen, als er mir zuraunte, dass das Zeug zwischen den Glocken am sichersten sei. Während er mit den Fingern der Schlangenkopfhand meine Jeans von meinem Bauch zog, stopfte er mit der anderen noch zweimal nach. Ich spürte, wie das kalte Blech zwischen meine Eier rutschte und im Gummi meiner Unterhose am linken Bein hängen blieb.
»Verpiss dich.«
»Rück das Zeug raus, Leo. Und lass ihn durch.«
Baby.
»Du lässt die letzten Idioten rein …«
»Abmarsch, Leo. Wen ich reinlasse, ist meine Sache.«
Baby griff in Fettbackes Jackentasche und holte eine Handvoll Pillen, zwei Joints und ein flaches, aus Alufolie gefaltetes Briefchen hervor. Mit zwei Fingern schob sie es auseinander und ließ das weiße Pulver auf den Asphalt schneien. »Verdammter Idiot«, presste sie durch die Lippen. »Wir meinen das ernst.« Sie schlug mit der flachen Hand auf einen in Folie verschweißten Zettel, der jeglichen Drogengebrauch im Club verbot. »Fucking ernst. Verstehst du das.« Baby hielt mir die Pillen hin, die sie Leo Fettbacke abgenommen hat. »Findest du deine raus, hey.«
Natürlich fand ich meine raus. Aus einer kompletten Düne in der Sahara, die nur aus Pillen bestand, hätte ich sie rausgefischt. Meine hatten keinen Aufdruck, keine Smileys, keine Kleeblätter, sie lachten mich nicht an, und sie brachten mir kein Glück. Glück ist anders. Ich bin mir sicher, dass Glück anders ist. Aber ich nahm sie, nahm sie aus Babys Hand, die viel weicher war, als ich erwartet hätte. Keine Türsteherhand, eine Babyhand, rosig und weich und trocken. Ich hatte Baby noch nie berührt, ich wäre nie auf die Idee gekommen. Baby berührte man nicht.
Ich hätte Fettbacke gerne eine in die Fresse gehauen. Ich hatte noch nie jemand eine in die Fresse gehauen, aber ich hatte es mir schon oft gewünscht. Ich hörte noch, wie er weitermoserte und Baby ihm klarmachte, dass er gefeuert sei, dann schlug die Tür hinter mir zu. Ich war drin, immerhin.
Medusa, dachte ich. Die Schlangenkopffrau heißt Medusa.
An der Garderobe wartete das Paillettenmädchen. Ich kannte ihren Namen nicht, für mich war sie einfach das Paillettenmädchen, und das sollte sie bleiben, auch wenn sie dieses Kleid aus Tausenden von Blitze schleudernden Silberplättchen nur ein einziges Mal getragen hatte, an dem Abend, als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Ich musste damals die Augen schließen. Wahrscheinlich habe ich sie zugekniffen wie ein kleiner Junge, der Angst vorm schwarzen Mann hat und hofft, dass dieser ihn nicht sieht, wenn er sich die Augen nur ganz fest zuhält, mit beiden Händen. Später hatte sie an manchen Tagen in wirklich scharfen Teilen dagestanden, hinter der Sperrholzplatte, die ihr Reich abgrenzte und verhinderte, dass jeder tun konnte, was er sich wünschte, nämlich sie nur ein einziges Mal zu berühren. Aber für mich blieb sie immer das Paillettenmädchen.
»Willst du mir deine Jacke nicht geben?«, hatte sie gefragt, mit einer seltsam hauchenden Stimme, die nicht von Schallwellen getragen zu sein schien. Es war viel zu laut, die dröhnende Musik überwalzte alles, schon im Vorraum konnte man sich nur durch Anschreien verständigen. Aber das Paillettenmädchen hauchte ihre Frage, und die Worte wehten durch meinen Kopf, als stünden wir an einem See, nur sie und ich, im kühlen Abendnebel. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie eine Nixe und ihr bis auf den Boden reichendes Paillettenkleid eine Haut aus Schuppen gewesen wären, an denen die Tropfen hinabperlten, bis sie plötzlich in den Fluten verschwand.
Und sie verschwand auch, allerdings mit irgendeiner Jacke zwischen den langen Reihen der vollgepackten Garderobenständer, und ich konnte in den Gesichtern der anderen Typen lesen, was sich irgendwo hinten auch in meinem Kopf abspielte.
Wahrscheinlich nahmen sogar im Hochsommer alle eine Jacke mit, um sie bei ihr abgeben zu können. Jeder gibt, was er kann, hatte sie mit einem blutroten Lippenstift auf ein Stück Pappe geschrieben. Das Schild baumelte über ihren pechschwarzen Haaren an einer Kordel, die sie um ein Heizungsrohr geknotet hatte. Die Typen gaben. Und wie sie gaben! In der etwas abgewetzten Handtasche aus blauem Leder, die sie offen auf den Holztresen gestellt hatte, sammelten sich haufenweise Münzen, und immer lagen auch ein paar Scheine darin. Wenn eine ganze Clique von Typen die Klamotten abgab, konnte sie sicher sein, dass jeder den anderen überbot. Morgens, wenn der letzte Affe seinen Kram abgeholt hatte, ließ sie den Verschluss des altmodischen Dings zuschnappen, wickelte sich die lange goldene Kette um die Finger und warf die Tasche über die Schulter, um mit einem zufriedenen Lächeln heimzugehen.
»Nichts für mich?«, hauchte sie mich heute an. Mit dem traurigen Blick, der sich unter den schweren Augenlidern hervordrückte, schaffte sie es fast, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Als habe sie den ganzen Abend nur auf mich gewartet, auf etwas von mir, und sie konnte das nichts so klingen lassen, als ginge es nicht um eine Jacke.
Sie hatte es drauf, daran bestand kein Zweifel, und sie würde mich begleiten, später, wenn sie schon längst die blaue Handtasche auf ihren Küchentisch geleert und das Geld von uns Idioten gezählt hatte. Wenn sie schon unter ihrer dicken Daunendecke abgetaucht war, würde sie mich noch begleiten. Und wenn sie einschlief und ein letztes Mal an die Idioten dachte, die ihr die Tasche voll Geld stopften, nur um zu sehen, wie ihr süßer Hintern zwischen Garderobenständern verschwand, auch dann wäre sie noch bei mir, sehr nah bei mir. Deshalb sollte sie das Paillettenmädchen sein, ohne Namen, weil sie dann bei mir sein und nur für mich da sein würde und ich mit mir und mit ihr machen konnte, was ich wollte. Einen Namen brauchte ich dazu nicht.
»Mann, ey, ich könnte mir auf der Stelle einen runterholen auf die!«, beendete jemand meine Reise in die Zukunft dieser Nacht.
Er drehte sich um. Seine Haare waren auf einen Millimeter geschoren, straßenköterblond wie der fusselige Bartflaum, der seine Wangen bedeckte und seinen Hals. Zwischen den Schneidezähnen klaffte eine kleine Lücke, was mich zusammen mit seiner spitzen Nase an die Ratte aus irgend so einer Puppen-Show erinnerte. Er starrte mich mit offenem Mund an.
»Schwuchtel, was guckst du? Verpiss dich!«, sagte er, und ich verpisste mich.
Vielleicht hätte ich dem Typ eine in die Fresse hauen sollen. Genau wie Fettbacke, genau wie allen: Fabulous Fabian, genannt die Faust, eine Schneise der Verwüstung, wo er auftaucht, blutige Nasen, geplatzte Lippen, blaue Augen. Stattdessen verpisste ich mich, durchquerte den langen, schlauchartigen Gang, der zur Tanzfläche führte. Schnatternde Grüppchen, Mädchen, die noch weniger anhatten als die endlosen Beine vor der Tür, Typen, die lässig den Daumen in die Hosentasche und zwischen Mittel- und Zeigefinger eine Flasche Bier geklemmt hatten, mit einer Kippe im Mundwinkel coole Sprüche abließen, die Flasche an die Lippen setzten und kurz vorher erst – mit den restlichen Fingern derselben Hand – die Zigarette aus dem Weg räumten und sie nach einem tiefen Schluck sofort wieder an ihren Platz klebten. Ich drückte mich eine Zeit lang in eine dunkle Nische neben dem Gang, der zu den Klos führte. Die Musik, die mir aus der Haupthalle des Clubs entgegendröhnte, stimmte noch nicht, vielleicht war es ein neuer DJ, ich wusste es nicht. Ich spürte immer genau, wann meine Zeit kam, wann ich bereit für den Flow war, der mich davontragen konnte, wenigstens für ein paar Stunden. Als ich das erste Zittern im Bauch spürte, pellte ich mich aus meiner Ecke und bewegte mich so unauffällig wie möglich in die Richtung der schweren Vorhänge, die den Flur vom eigentlichen Inneren des Clubs trennten.
Am Ende des Ganges tanzte ein Typ mit einer verspiegelten Pilotenbrille mit sich und der Wand. »Der ist so weg, Alter, echt«, schrie jemand aus der Gruppe des Straßenköters. »Hey, Mopedtobi, geht die Reise richtig ab?«
Ein paar Kumpels kicherten, waren nicht weniger auf E als der Typ – jedenfalls sprachen ihre tunnelweiten Pupillen, ihre hektisch malmenden Kiefer und ihre kaum zu bändigenden Glieder dafür. Eigentlich unterschied ich mich kaum von ihnen oder sie sich von mir. Lauter blasse Gestalten, in deren Kopf die Schaltkreise nicht ganz das taten, was sie sollten, serotoningesteuerte Monster, dopamingestörte Freaks, randvoll mit Chemie, mit oder ohne Kleeblätter drauf. Mit einem Unterschied: Sie nahmen die Pillen, um zu zucken, ich nahm sie, um nicht zu zucken.
»Letzte Woche hat er mit dem Spielautomaten in Trudes Kaffeebude getanzt, bis Trude uns alle vor die Tür gesetzt hat. Irgendwann dröhnt er sich den Kopf weg!«, lachte der Straßenköter. Er wurde von einem Mädchen zur Seite gezogen.
»Genau wie du!«, fuhr sie ihn an. »Komm, du hast mir versprochen –«
»Hey, Süße, ich hab nichts eingeworfen! Verdammtes Ehrenwort.«
Ich sah, wie er die Finger hinter dem Rücken kreuzte. Sein Mittelfinger der linken Hand blitzte rot auf, ein fetter Ring mit einem glänzenden Stein, fast so groß wie eine Walnuss, steckte daran.
»Lass uns tanzen!«
»Das ist was für Weicheier«, wehrte sich der Typ.
»Wofür nimmst du das Zeug, wenn du doch nicht tanzen willst?«
Sie ließ ihn stehen, rempelte sich zwischen ihrem Freund und seinen Kumpels durch. keinaberoderdoch stand quer über die Brust geschrieben, eine schöne Brust, in einem schwarzen T-Shirt mit silberner Schrift. Keinaberoderdoch. Ein paar Schritte, sie stand vor mir, zögerte, schaute mir in die Augen. Keinaberoderdoch. Ich schaute zu Boden. Grüne Chucks, ganz neu, sauber, hellgrün, nach dieser Nacht würden sie die schmutzigen Flecken und Streifen haben, die aus Schuhen ein Gefühl machten. Sie drehten ab, links an mir vorbei.
Ich folgte ihr, hatte sie aber schon im Gewühl verloren, kaum dass wir den Raum mit der Tanzfläche, den Bars gleich vorne am Eingang, den Ecken zum Chillen mit Sofas und Clubsesseln, betreten hatten. Ich spürte die Blicke in meinem Rücken, wusste, welche Palette an Reaktionen zwischen betretenem Wegschauen und Meine-Tics-Nachäffen sich hinter mir abspielte. Daran hatte ich mich gewöhnt. Quatsch. Nicht gewöhnt. Keiner gewöhnt sich an so etwas. Ich nahm es hin. Ich wusste, dass die nächsten Stunden nur mir gehören würden. Ich spürte, wie die schweren Schläge der Bässe sich ihren Weg in meinen Bauch gruben, wie sie unter dem Zwerchfell wummerten, sich von dort ausbreiteten, von meinem ganzen Körper Besitz ergriffen, bis sie auch im Kopf ankamen. Für diesen Augenblick nahm ich alles in Kauf, egal, was die Arschlöcher hinter mir für Grimassen machten.
Ich tauchte in die Musik, überließ ihr ganz meine Arme, meine Beine, jede Faser in mir. Sobald die Beats auch die letzte Zelle in meinem Hirn gefüllt hatten, begann eine Reise, die ich zu keinem Zeitpunkt meines Lebens sonst haben konnte. Ich wusste nicht, warum es nur hier ging, warum ausgerechnet diese Tanzfläche, diese Lightshow, dieser DJ mir das gaben, was kein Medikament, kein Arzt, kein Ergotherapeut mit seinen Spielchen mit Ton und Holz und all diesem Quatsch konnten. Hier brauchte ich keine Wörter, keine guten Sätze, nichts. Ich hörte die Musik nicht nur, ich spürte sie nicht nur, ich konnte sie schmecken, ich konnte die Lichtsäulen der Scheinwerfer anfassen, in meinen Händen halten. Etwas übernahm die Kontrolle in mir, das nicht aus meinem Kopf kam, nicht aus diesen verfluchten Zellen, die mich Dinge tun ließen, die ich nicht tun wollte. Der Preis, den ich dafür zahlen würde, war hoch, ich wusste es, die Tics würden später gnadenlos zuschlagen, aber das war später, nicht jetzt, später. Jetzt tauchte ich in den reißenden Fluss aus Sound, Licht, Schweiß, Bewegung und würde darin bleiben, bis ich keine Luft mehr bekam und kaum noch fühlte, dass ich Beine hatte.
mirco In der Gartenhütte hat er mir erklärt, wie das abgeht in seinem Kopf, das mit den Sachen, die er tun muss und sagen muss und den ganzen Schrott, dass er diesen Druck hat, nicht wirklich Druck, also kein Drücken, das man messen könnte oder so, nicht so, als ob jemand die Hände um deine Birne legt und presst, so nicht. Es ist einfach ein Gefühl, hat er gesagt. Das ist übel, wenn du nicht tun kannst, was du willst, wenn da so was in dir abgeht, was nicht fragt, ob du das willst oder nicht. Ich habe das ziemlich schnell kapiert, auch wenn ich nicht dieses Dings, Tourette-Dings habe. Am Anfang denkst du, das krieg ich hin, Alter, kein Problem, du hast den falschen Trip geschmissen. Oder du merkst es gar nicht so richtig, irgendwas ist anders, und du wehrst dich dagegen, also, ohne dass du das merkst. Ich hab mich total dagegen gewehrt, das kannst du mir glauben. Meinst du, ich hätte dich nicht gesehen, auf der Tanzfläche. Klar hab ich das, und soll ich dir was sagen? Ich war tierisch sauer, irgendwas knallte da in meinen Leitungen durch, aber das war anders als sonst. Wenn in deiner Birne plötzlich etwas total anders ist, und du nicht weißt, was da abgeht, und du heiß und kalt gleichzeitig hast und alles, da kann dir der Arsch auf Grundeis gehen, das kannst du glauben. Aber wem sag ich das. Ich wär am liebsten sofort abgehauen, aber das ging auch nicht, irgendwie ging das nicht. Na ja, nachher weißt du immer alles besser, und vielleicht stimmt das mit dem Schicksal ja doch. Oder es gibt so einen verfickten Engel, der dafür sorgt, dass du das Richtige tust und nicht abhaust, wenn du nicht abhauen darfst, und abhaust, wenn du abhauen musst und so. Mann, Alter, ich denke über so viel Scheiß nach, seit ich dich auf dieser Tanzfläche gesehen habe und gedacht habe: Scheiße, Mirco, du willst sein wie der Typ da. Ja, verdammt, wie der Typ, der den totalen Matsch im Kopf hat, aber das wusste ich da ja noch nicht so richtig. Ist das ein Witz? Und am Ende weißt du überhaupt nicht mehr, wer du bist und wer der andere ist.
fabian Von ferne sah ich das Mädchen wieder. Sie stand auf einem Podest und hatte die wogende Masse im Blick. keinaberoderdoch stand auf ihrem schwarzen T-Shirt, keinaberoderdoch, silbern, die Strahlen der Scheinwerfer brachen sich darin, einzelne Buchstaben blitzten, blau, rot, gelb. Für einen Wimpernschlag glaubte ich, sie beobachte mich, dann aber warf sie den Kopf in den Nacken, weil ihr Freund mit dem roten Ring hinauf zu ihr sprang und sein Gesicht in ihren langen Locken vergrub und die Arme von hinten um ihre Taille schlang. Er passte sich den Bewegungen des Mädchens an, schmiegte seinen Unterkörper eng an ihren. Seine Kumpels feuerten ihn an, bis es ihr zu viel wurde und sie den Typ von sich schob.
Ich schloss die Augen. Vor der durch bunte Schlieren durchzogenen Schwärze meiner Lider erschien sie, trat aus der Dunkelheit, umgeben von einem Lichtkranz strahlten ihre lockigen Haare. Sie tanzte mit mir, mit mir allein. Ihr Typ verschwand. Ich stellte mir vor, wie ich an seiner Stelle auf dem Podest stand. Ich war er. Ich umschlang das Mädchen mit meinen Armen, wir verloren uns ineinander, alles löste sich auf, nur noch wabernde Farbkleckse, die sich zum Takt der Musik vereinten, pulsierend, zuckend, fließend, wieder trennten, neue Formen bildeten und sich erst auflösten, als ich nach Stunden die Augen öffnete. Und allein auf der mit kaltem Neonlicht übergossenen Tanzfläche stand.
fabian Als ich die schwere Stahltür aufdrückte, stand draußen Baby. Sie hatte sich unter das kleine Vordach aus Wellblech geduckt, das den Eingang zum Club überspannte, aber immer wieder wehten Windböen ihr den prasselnden Regen ins Gesicht. Es störte sie nicht.
In meinem Kopf heizten sich die Dampfkessel der Züge auf. Sie warteten darauf, mir die Lektion zu erteilen, mich zu bestrafen für die Stunden völliger Loslösung, die ich beim Tanzen erlebt hatte.
»Scheißwetter«, knurrte Baby.
Sie holte ihre rechte Hand hinter dem Rücken hervor, zu einer Muschel geformt, um die Marlboro zwischen ihren Fingern zu schützen. Nach nur einem tiefen Zug hatte der nächste Windstoß die Glut gelöscht und den Glimmstängel durchnässt.
»Dreck«, fluchte Baby, und wenn Baby Dreck sagte, dann war es Dreck, dann schmeckte und roch man Dreck.
»Dreck, Dreckarbeit, Dreckeimer, Dreckfink, Dreckhaufen, dreckig, Drecknest, Dreckpfote, Drecksack, Drecksarbeit, Dreckschleuder, Dreckskerl, Dreckspatz«, sprudelte es aus mir hervor.
Ich hatte irgendwann damit begonnen, sinnloses Zeug auswendig zu lernen. Wahrscheinlich gab es keinen auf der ganzen Welt, der den kompletten Duden auswendig konnte, so wie ich. Nur leider spuckte mein Gehirn ihn nicht geordnet und auf Abfrage, sondern nach Lust und Laune aus. Nach einer Lust und Laune, die meistens nichts mit mir zu tun hatte.
