Schickimicki - Ulrich Radermacher - E-Book
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Schickimicki E-Book

Ulrich Radermacher

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Beschreibung

Schön, wohlhabend, verheiratet und eine Affäre. Zwischen der Isar-Toten Petra Malterer und Saskia Engels, die man im Deininger Weiher findet, gibt es verschiedene Gemeinsamkeiten. Hauptkommissar Alois Schön und Kommissarin Natascha Frey ermitteln in ihrem zweiten Fall nicht nur im familiären Umfeld der Toten, sondern auch in der Münchener Bussi-Gesellschaft. Während Natascha darüber hinaus ein privates Problem lösen muss, kommt es wie so häufig ganz anders als man denkt.

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Ulrich Radermacher

Schickimicki

Kommissar Alois Schöns 2. Fall

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © CPN / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5326-7

Die Schönheiten der Isar

Alois Schön rasierte sich, als sein Handy klingelte.

Natascha informierte den Leiter der Mordkommission über den Fund einer Frauenleiche im Englischen Garten, auf Höhe des Hiltons am Tucherpark.

»Die lag noch nicht lange im Wasser, schaut noch recht gut aus«, begrüßte ihn die junge Kommissarin in ihrer gewohnt lockeren Art. Die Feuerwehr hatte den Leichnam, der an den mächtigen Zweigen einer entwurzelten Trauerweide hängengeblieben war, geborgen und am lehmigen Ufer abgelegt. Der herbeigerufene Leichenbeschauer hatte sofort die Gerichtsmedizin und die Kriminalpolizei verständigt. Das Einschussloch im Brustbereich des Mantels war nicht zu übersehen. Ansonsten war die Tote unversehrt. Kein zerfetzter Rock, keine ausgerissenen Haarbüschel, kein abgebrochener Absatz.

»Wissen wir, wer sie ist?«

»Sie heißt Petra Malterer, ist 39 Jahre alt und wohnt in Bogenhausen«, betrachtete Natascha antwortend die abgedeckte Leiche. »In ihrer Umhängetasche fanden wir ihr Portemonnaie samt Handy und Personalausweis.« Anschließend sah sie ihren Chef an: »Wegen der Tatwaffe habe ich die Taucher bereits angefordert!«

»Gut, Frau Kollegin.« Alois Schön richtete seinen Blick auf die gemächlich dahinfließende Isar: »Lassen wir die Spurensicherung in Ruhe arbeiten.«

Familie Malterer wohnte auf einem großen Grundstück, das von der Straße aufgrund einer Mauer nicht eingesehen werden konnte. Die Seiten zu den Nachbarn waren mit einer dichten Thuja-Hecke bepflanzt.

»Meine Frau schläft noch«, beteuerte der Herr, der ihnen öffnete. Er trug eine edle Strickjacke und Pantoffeln, war klein, leicht untersetzt und hatte nur wenige Haare auf dem Kopf. Natascha schätzte ihn auf Ende 60, Anfang 70.

»Was wollen Sie von Petra?« Unsicher sah er die Besucher an.

»Es wäre uns recht, wenn wir das im Haus besprechen können.« Alois Schön holte seinen Dienstausweis aus der Jacke und stellte seine Kollegin vor.

»Natürlich, bitte kommen Sie mit!« Franz Malterer warf nur einen flüchtigen Blick auf die Karte.

Im Zentrum des Wohnzimmers sorgte ein gewaltiger Kachelofen für angenehme Wärme. Auf seiner linken Seite, vor dem Fenster zum Garten, stand ein ovaler Esstisch mit sechs Stühlen, während die andere Hälfte des Raumes von einer braunen Ledergarnitur belegt wurde. Wer auf ihr saß, sah direkt auf die breite Schrankwand, in der außer zahlreichen Büchern auch ein großer Fernseher Platz fand. Zumindest eines der Familienmitglieder schien es gemütlich zu lieben, denn eine ausfahrbare Récamiere bildete den rechten Abschluss der Sitzgarnitur. Zur Terrassentür waren es von dort bloß zwei Schritte. Dem Schutz des Parketts, aber auch als Blickfang dienten zwei ausladende, überwiegend dunkelrote Seidenteppiche, die vor der Sitzecke und neben dem Esstisch lagen. Ihre Fläche von jeweils mindestens drei mal vier Metern war der Größe des Raumes angemessen und gab ihm einen staatsmännischen Charakter. Für die Beleuchtung der Couchgarnitur sorgte eine Stehlampe in der Ecke, während der Tisch sowie die Schrankwand und die beiden Teppiche durch zwei stattliche Kristallleuchter illuminiert wurden.

Natascha fiel auf, dass in jedem Zimmer im Erdgeschoss ein großes Kreuz hing. Sogar in der Küche hatte sie eines beim flüchtigen Blick durch die offen stehende Tür erkannt.

Nachdem sie am Esstisch Platz genommen hatten, erklärte Alois Schön, dass man Petra Malterer tot aus der Isar geborgen habe.

»Und Sie sind sicher, dass es sich um meine Frau handelt?«

»Sie hatte ihren Ausweis bei sich«, erwiderte der Leiter der Mordkommission mit gedämpfter Stimme.

Franz Malterer schluckte, ehe er sich bekreuzigte. Er stützte seine Ellbogen auf die Tischkante, vergrub das Gesicht und seine goldumrandete Brille in seinen Händen. In dieser Position verharrte er mehr als eine Minute. Nur das Knacken der Holzscheite im Kachelofen störte die Stille.

»Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?« Natascha konnte nicht erkennen, was in dem Ehemann vorging.

»Ja, bitte. Mineralwasser steht im Träger hinter der Tür, Gläser sind im Schrank neben dem Kühlschrank«, antwortete dieser leise. Er rieb sich die Augen, bevor er mit zittrigen Händen die Abdrücke, die seine Handballen auf seiner Brille hinterlassen hatten, mit einem Stofftaschentuch entfernte.

»Herr Malterer, wieso dachten Sie, dass Ihre Frau noch schläft?«, erkundigte sich die Kommissarin, während sie allen einschenkte.

»Petra war gestern mit ihren Freundinnen im P1. Und da sie angekündigt hatte, dass es spät werden würde, habe ich sie schlafen lassen.« Franz Malterer erklärte, dass er mit seinen Kindern alleine gefrühstückt habe. Nachdem Lena und Maximilian gegen halb acht in die Schule gefahren seien, habe er den Tisch abgeräumt. »Anschließend bin ich in mein Arbeitszimmer, wo es noch einiges zu erledigen gab.«

Alois Schön runzelte die Stirn. »Hat es Sie nicht gewundert, dass Ihre Frau nicht aufgewacht ist? Schulkinder sind gewöhnlich nicht so leise, selbst wenn sie sich Mühe geben!«

Der Witwer zuckte mit den Achseln. »Petra und ich haben getrennte Schlafzimmer. Also konnte ich sie beim Aufstehen nicht wecken.« Zum ersten Mal sah er seine Gesprächspartner an. »Vermutlich hat sie den ein oder anderen Cocktail getrunken. Im Übrigen bin ich davon ausgegangen, dass sie Ohrstöpsel benutzt, um ausschlafen zu können.«

Natascha sah ihren Chef verwundert an. Solch klare Antworten hatte sie nicht erwartet. Nicht von einem Mann, der gerade vom Tod seiner Frau erfahren hatte. »Was machen Sie beruflich?«, erkundigte sie sich freundlich.

»Ich bin Studiendirektor, eigentlich schon im Ruhestand. Aber aufgrund des Lehrermangels in den naturwissenschaftlichen Fächern – ich unterrichte Mathematik und Physik – habe ich mich entschlossen, länger zu arbeiten. Allerdings nur von Montag bis Mittwoch, wie Petra auch.«

»Wo arbeitete Ihre Frau?«

»Im Personalreferat der Stadt München, direkt im Rathaus am Marienplatz.« Gedankenversunken drehte Franz Malterer an seinem Ehering. »Nicht wegen des Geldes, Petra brauchte das einfach. Sie war nicht der Typ, der ständig zu Hause hockt.« Nach wenigen Sekunden fügte er hinzu: »Verreisen können wir ja noch nicht, wegen der Kinder.«

Natascha protokollierte fleißig mit: »Wie alt sind Ihre Kinder?«

»Lena ist 14 und Maximilian ist gerade 18 geworden. Er macht im Frühjahr Abitur.«

Alois Schön wartete einen Moment, bevor er sein nächstes Anliegen vortrug. »Herr Malterer«, begann er behutsam, »obwohl Ihre Frau ihren Ausweis bei sich trug, muss sie von einem Angehörigen identifiziert werden.«

»Natürlich«, nickte der Witwer, »jetzt sofort?«

»Wenn sie sich dazu imstande fühlen.« Fragend sah der Leiter der Mordkommission den Ehemann an.

»Ich denke schon«, entgegnete dieser. »Auf jeden Fall wäre es mir lieb, wenn wir das erledigen können, solange die Kinder in der Schule sind.«

Unsicher betrat Franz Malterer den Sektionsraum der Rechtsmedizin in der Nußbaumstraße. Die beiden Kommissare nahmen den alten Herrn in ihre Mitte, stets damit rechnend, ihn auffangen zu müssen. Schließlich wäre er nicht der erste Mann, den beim Anblick seiner verstorbenen Gattin die Kräfte verlassen.

Erst als sie am Seziertisch standen, entfernte der Gerichtsmediziner das Tuch vom Gesicht der Ermordeten. Ihr Körper blieb weiterhin verhüllt.

»Ist das Ihre Gemahlin?«, erkundigte sich Alois Schön leise.

Der Witwer nickte stumm, jedoch deutlich erkennbar.

»Dann sollten wir gehen.«

»Einen Moment noch bitte.« Franz Malterer beugte sich über die Tote und gab ihr einen letzten Kuss auf ihre kalten Lippen. Anschließend drehte er sich behäbig um und ging langsamen Schrittes zur Tür.

Keine Träne, nicht einmal ein Schlucken. Nichts. Absolut gar nichts. Ohne jede Regung saß Franz Malterer im Fond des Wagens. Er ignorierte sogar die Matthäus-Kirche mit ihrem idyllischen Park, die sie bei der Ausfahrt am anderen Ende der Straße passierten. Erst als sie die Theresienwiese hinter sich gelassen hatten, erkundigte er sich, weshalb man ihn nicht nach Hause bringe.

Woraufhin Natascha erklärte, dass es am einfachsten und praktischsten sei, wenn man sich in den Räumen der Mordkommission unterhalte.

»Wann kommen Ihre Kinder nach Hause?«, begann Alois Schön die Vernehmung in sanftem Ton. Die Dame aus dem Schreibbüro protokollierte mit flinken Fingern mit.

»So um drei.«

»Möchten Sie, dass wir dabei sind, wenn Sie ihnen die Nachricht vom Tod ihrer Mutter überbringen?«

»Danke, das schaffe ich schon alleine.«

»Sicher?« Natascha sah den Witwer fragend an. Franz Malterer nickte mechanisch. Sein Blick war leer.

»Hatte Ihre Frau einen Grund, sich umzubringen?«, wollte Alois Schön nach einigen Sekunden des Nachsinnens wissen.

Franz Malterers Stirn zeigte deutlich, wie sehr er nach einer Antwort suchte. Bevor er anfing zu sprechen, räusperte er sich: »Nein, weshalb sollte sie so etwas tun? Und hätte man dann nicht die Tatwaffe im Fluss finden müssen?«

»Nicht unbedingt, es könnte ihr jemand geholfen haben.«

»Verstehe.«

Ungeachtet der schnellen Replik ließ Alois Schön dem Witwer Zeit, diesen Einwurf zu verarbeiten. Erst nach einer längeren Pause hakte er nach: »War Ihre Frau krank oder in ärztlicher Behandlung?«

»Natürlich hatte sie einen Hausarzt und ebenso einen Frauenarzt«, warf dieser den Kommissaren eine triviale Auskunft hin, bevor er erneut stoppte. »Sie litt unter Borreliose, aber das war nicht so schlimm«, behauptete er nach einer Weile des Überlegens in festem Ton, ehe er verunsichert nachfragte: »Oder haben Ihre Mediziner etwas anderes herausgefunden?«

»Die Untersuchungen laufen noch«, erwiderte Alois Schön. »Aber unabhängig davon möchten wir uns gerne persönlich mit den Ärzten unterhalten. Können Sie uns bitte die Adressen der Praxen geben?«

»Selbstverständlich, ich werde sie Ihnen zu Hause raussuchen«, versprach der Witwer.

Die Hände gefaltet, die Füße fest auf dem Boden, informierte er anschließend die Kommissare über die finanziellen Verhältnisse der Familie: Petra Malterer stammte aus einer Politikerfamilie. Von ihrem Vater hatte sie vier Wohnungen geerbt. Ferner hatte sie einen nicht minder vermögenden Mann geheiratet, der sich zudem vom Studienrat zum Fachbereichsleiter für Mathematik hochgearbeitet hatte. Geld war in diesem Haus nie ein Thema. Es war einfach da. Franz Malterer erläuterte, dass er vor einigen Jahren das Anwesen in Bogenhausen zwecks Ausnutzung der Freibeträge bei der Erbschaftsteuer auf seine Frau überschrieben habe. Da er davon ausgegangen sei, dass er aufgrund des Altersunterschieds wesentlich früher sterben würde, und weil an der Schule, an der er unterrichtete, Morddrohungen gegen Lehrer aufgetaucht seien. Sein Name habe ebenfalls auf der Liste gestanden. »Zwar wurden die Burschen schnell erwischt, aber so etwas gibt einem dennoch zu denken«, schloss er seine Ausführungen.

Nach einer kurzen Pause erkundigte sich Natascha, wann Franz Malterer seine Frau zuletzt gesehen habe.

»Gestern Abend, so um sechs«, antwortete der Witwer. »Petra hat sich von mir und den Kindern verabschiedet, als sie ins Training ging. Von dort wollte sie direkt zu ihren Freundinnen fahren.« Bereitwillig nannte er die Namen und Kontaktdaten der Damen: Michaela Schmidbauer aus Solln und Manuela Gerhard, wohnhaft im Lehel. Von deren Wohnung sei es zum P1 nicht weit. Daher hätten sich die Ladys bei Manuela verabredet.

»Haben Sie eine Idee, wer Ihre Frau umgebracht haben könnte?«

Franz Malterers Antwort ließ lange auf sich warten: »Na ja, Petra war vor einigen Monaten mal eine Zeit lang genervt, sie fühlte sich bedrängt. Meines Erachtens von einem Kollegen, der aufdringlich wurde«, regte sich der Witwer mehr und mehr auf. »Eine Unverschämtheit, der muss doch gewusst haben, dass sie verheiratet ist!« Seine Stimme vibrierte: »Manchen Leuten ist nichts heilig, nicht einmal das Sakrament der Ehe!« Sein Kopf wurde mit jedem Wort röter, bis er ihn hängen ließ. »Aber Petra hat mir seinen Namen nicht verraten … Ich weiß nur, dass sie sich bei unserer Polizeidienststelle erkundigt hat, was man gegen Stalking tun könne. Ihr wurde geraten, die Vorfälle aufzuschreiben und Unterlagen wie Briefe, E-Mails oder SMS zu sammeln.« Seufzend fügte er hinzu: »Das war wirklich keine große Hilfe.«

»Wir brauchen diese Notizen!«, erhob Alois Schön seine Stimme. Eindringlich sah er Franz Malterer an.

Was den alten Herrn offensichtlich irritierte. Er überlegte lange und angestrengt, wie man an seiner gerunzelten Stirn erkennen konnte. »Petra war nach dem Telefonat ziemlich sauer. Wo unsere Freunde und Helfer denn wären, wenn man sie braucht? Wozu sie so viele Steuern zahle, wenn sie am Ende den Herrn doch privat verklagen müsse!« Franz Malterer schien auf eine Reaktion der Kriminalbeamten zu warten. Deshalb dauerte es einen Moment, bis er fortfuhr: »Allein deswegen denke ich nicht, dass sie sich welche gemacht hat. Aber Sie können sich gerne in ihren Zimmern umsehen.«

Alois Schön wollte den Witwer beruhigen: »Ich werde mit den Kollegen vom Prinzregentenplatz Kontakt aufnehmen«, versprach er, bevor sie gemeinsam nach Bogenhausen fuhren.

»Wo ist eigentlich der Wagen Ihrer Frau?«, erkundigte er sich, als Franz Malterer die Gartentür aufschloss.

»Keine Ahnung«, zuckte der Angesprochene mit den Achseln und bat die Kommissare mitzukommen.

»Da steht nur meiner«, stellte er seufzend fest, nachdem sie die Garage betreten hatten.

Natascha machte Licht, konnte jedoch nichts Auffälliges feststellen. Rasenmäher, Gartenzubehör, zwei Fahrräder und ein Skateboard – alles stand ordentlich aufgeräumt an seinem Platz. Einzig und allein der zweite Stellplatz war verwaist.

»Vielleicht wissen ja die Freundinnen Ihrer Frau, wo das Auto geblieben ist.« Alois Schön sah Franz Malterer an. »Wenn wir es finden, benötigen wir Ihre Fingerabdrücke zum Abgleich. Und die Ihrer Kinder.«

»Selbstverständlich«, antwortete der Witwer leise, während sie durch den Garten gingen.

»Wie kann ich Ihnen sonst noch helfen?«, erkundigte er sich, als sie ihre Mäntel in der Garderobe aufhängten. Dabei starrte er verunsichert auf die Stufen, die ins obere Stockwerk führten.

»Wenn wir Sie brauchen, rühren wir uns«, erwiderte Alois Schön.

»Gut, dann warte ich im Wohnzimmer. Gehen Sie die Treppe nach oben. Die erste Tür rechts ist Petras Arbeitszimmer, ihr Schlafzimmer liegt direkt daneben.«

»Das ist wohl mehr ein Ankleide- als ein Arbeitszimmer«, stellte Natascha beim Betreten des ersten Raumes fest. Zwar lagen auf dem Schreibtisch unter dem Fenster ein Tacker, sowie Textmarker, Schmierzettel und Stifte. Beherrscht jedoch wurde das Zimmer durch einen Standspiegel und zwei übergroße Schränke, in denen neben teurer Abendgarderobe Faschingskostüme, Skianzüge und sogar Pelzmäntel hingen. Genauso standen im Regal an der Wand nur wenige Ordner. Stattdessen diente es der Aufbewahrung älterer Ausgaben der Zeitschriften Cosmopolitan und Vogue.

»Die Dame hat sich hier wohl ihr eigenes Reich geschaffen«, fasste Alois Schön seine Eindrücke vom Schlafzimmer zusammen. Während das Wohnzimmer der Familie in Mahagoni und dunklem Leder gehalten war, schlief Petra Malterer in einem weißlackierten Wasserbett. Auf einem weißen Tisch am Fenster standen diverse Flakons mit teurem Parfüm sowie Fotos von den Kindern. Der Kleiderschrank, ebenfalls weiß, quoll über vor exklusiver Mode. Nicht ungewöhnlich bei einer Luxusfrau, aber Natascha war beeindruckt. Ansonsten wirkte alles normal: Ein Wecker auf dem Nachttisch, Schmuck, eine Schachtel Aspirin und ein Päckchen Taschentücher in dessen Schublade. Auf dem Bett lag ein ausgeschaltetes Notebook, daneben der Heine-Katalog. Aufgeschlagen war eine Seite mit Abendgarderobe.

Sie nahmen den Laptop, versiegelten die Türen und gingen wieder nach unten.

Am Wohnzimmertisch wartete Franz Malterer mit einem Umschlag, der die Kontaktdaten der beiden Ärztinnen enthielt. »Keine Ahnung«, antwortete er auf die Frage nach dem Passwort, »der PC meiner Frau interessiert mich nicht. Auch ihre Zimmer betrete ich nur selten. Ich achte ihre Privatsphäre.«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir ihn mitnehmen? Unsere Experten finden das Kennwort bestimmt heraus.«

»Machen Sie nur, ich brauche ihn nicht. Bei uns besitzt jedes Familienmitglied sein eigenes Gerät.«

Damit war das Gespräch beendet. Die Kommissare vereinbarten, am nächsten Morgen zwecks Vernehmung der Kinder wiederzukommen.

Zur Befragung der Nachbarn trennten sie sich. Während sich auf der Seite von Alois Schön überwiegend Villen älteren Baujahrs befanden, durfte Natascha zumeist an Wohnungen moderner Mehrfamilienhäuser klingeln. Eine Entwicklung, die den steigenden Grundstückspreisen geschuldet war, und die sich im Fachjargon ›Nachverdichtung‹ nennt: Wo früher ein Anwesen mit großem Garten, Schwimmbad und höchstens einer Einliegerwohnung stand, platzierte ein Bauträger nach dem Erwerb des Grundstücks mindestens sechs Apartments, um den Bebauungsplan und den Return on Invest maximal auszureizen.

Während die neuen Anwohner der Straße mangels Kontakt zur Familie so gut wie gar nichts über diese berichten konnten, erzählten die alteingesessenen Nachbarn ausschließlich Positives: Die Malterers seien überaus nett, die Kinder gut erzogen, der Ehemann gebildet und seine Frau ein ausgesprochen fesches Madel. Alois Schön musste häufig nicht einmal seinen Ausweis zeigen, bevor er sich die Lobeshymnen anhören durfte.

Kritisch äußerte sich bloß der Bewohner der Dachgeschosswohnung des Neubaus an der Straßenecke. Ein Architekt, wie das Klingelschild verriet. Ausgestattet mit einem enorm großen Ego, wie Natascha schon kurz nach Vorzeigen ihres Dienstausweises feststellte. Auf seine Frage, seit wann denn die Polizei Models einstelle, hatte sie noch mit einem Lächeln reagiert. Doch schon seine nächste Bemerkung, bei einer so hübschen Kommissarin lohne es sich ja fast, einen Mord zu begehen, empfand sie als ungehörige Anmache. Deshalb erwiderte sie trocken, er möge sich das gut überlegen. Denn sie könne – ein zynisches ›bei aller Liebe‹ konnte sie sich gerade noch verkneifen – nicht garantieren, dass sie dann auch für ihn zuständig sei. Schließlich gebe es mehrere Mordkommissionen in München. Alsdann erklärte sie nüchtern, dass man Petra Malterer tot aufgefunden habe, und nun alle Nachbarn befragen müsse.

»A geh … des wundert mi ned, bei der Matz!«, kommentierte der Architekt die Geschehnisse. Dabei huschte ihm ein spöttisches Grinsen über das Gesicht. Anschließend fügte er hinzu: »Die Petra un ihre Freindin, des woar’n zwoa ganz bleeda Henna.«

»Können Sie das bitte genauer ausführen?« Natascha bemühte sich, ihre Verwunderung zu verbergen.

»Jo mei. Zickig woar’ns halt.« Mit einem Mal wurde der Mann wortkarg. »Obwoi … wenn i mir’s recht überleg …«

»Ja, was denn nun?« Die Stimme der Kommissarin wurde laut und ungeduldig. »Kennen Sie jemanden, der als Mörder von Frau Malterer infrage kommt?«

»Na, so schlimm woar’s a wieda ned.«

Natascha erkannte, dass sie dem Herrn keine weiteren brauchbaren Informationen über die Tote entlocken würde. Deswegen erkundigte sie sich: »Können Sie uns denn etwas über die Freundin von Frau Malterer sagen?«

»Ieber die Saskia? Des woar a Schlamp’n!«

Natascha hob die Augenbrauen, sah den Nachbarn fragend an.

Doch sie erntete nur Schweigen. »Können Sie die Dame beschreiben?«, fügte sie deshalb hinzu. »Ist sie groß oder klein? Sportlich? Schlank?«

»Schaut ganz guad aus, is aba ned mei Typ.«

Eine Aussage, die die Kommissarin veranlasste, sich im Zimmer umzusehen. Denn es fiel ihr schwer, ihre Antipathie gegenüber diesem Zeugen zu verbergen. Durch das große Panoramafenster sah sie nach unten in den gepflegten Garten, am Horizont erblickte sie die Hochhäuser am Arabellapark. Die einen Spalt weit geöffnete Tür gewährte den Blick auf eine moderne Küche vom Feinsten mit der Herdzone in der Mitte. Diese Wohnung ließ ein gewisses Vermögen des Besitzers erahnen. War das der Grund, weshalb der Kerl zu glauben schien, alle Frauen müssten bei seinem Anblick sofort in Ohnmacht fallen? Weil man sah, dass er regelmäßig im Fitnessstudio trainierte? Natascha war sicher, dass die wenigsten Damen die Selbstwahrnehmung dieses Herrn bejahten. Denn dass seine Arme an Schraubzwingen erinnerten und seine Hände ungepflegt waren, hatte ihm vermutlich noch keiner gesagt. Genauso wie sein Schnauzer und seine gegelten Locken nicht unbedingt als up to date bezeichnet werden konnten.

Nun hatte auch der Architekt begriffen, dass man mit seiner Antwort nicht zufrieden war. »Mei, so hoit, net wahr, so circa … verstehst?« Er streckte seinen Arm aus und wippte mit diesem einige Zentimeter auf und ab, bis er auf einer Höhe von etwa 1,55Meter stehenblieb.

Natascha drehte sich um.

»Die Figur passt. D-Körbchen würd i sagen«, fügte der Zeuge eilig hinzu.

»Ist sie Brillenträgerin? Sind Ihnen irgendwelche unverwechselbaren Merkmale aufgefallen? Vielleicht ein Tattoo?«

»Naa, ned, dass i wissat!«

»Oder wissen Sie, wie die Dame mit Nachnamen heißt und wo sie wohnt?«

»Na, so guad kenn i sie a ned! I woaß nur, dass sie Saskia hoaßt un glaab, dass sie in Minga woahnt.«

»Könnten Sie ein Phantombild von Saskia erstellen?«

Der Architekt sah Natascha fragend an: »Wos soi des bringa, glaabst des? Die wechselt d’Frisur fast so oft wia de Mannsbuilder. A jed’s Moi, wenn i die g’sehn hob, hod’s anders ausgschaut. Und immer hod’s an Haufa Spachtelzeig im Gsicht g’habt. Ohne Schminke is di g’wiss voi schiach!«

Erneut musste Natascha tief durchatmen. Sie ging zum Fenster, das zur Straße zeigte. Vom Grundstück der Malterers sah man nur die Hecke und einen unbedeutenden Teil des Gartens. Was sie jedoch freute, war der Umstand, dass Alois Schön bereits am Auto auf sie wartete. Sie gab dem Zeugen ihre Visitenkarte und bat ihn, sich zu ihrer Verfügung zu halten. Ebenso solle er unverzüglich auf sie zukommen, wenn ihm noch etwas einfiele.

»Mach i, scheene Frau«, verabschiedete sich der Stenz.

»Selbstmord aus finanziellen Gründen können wir wohl ausschließen«, erklärte die Kommissarin auf der Rückfahrt ins Büro.

»Vielleicht litt sie ja unter Depressionen!«

»Das wird der Doc herausfinden!« Natascha beugte sich nach vorn und drehte den Kopf, um ihren Chef ansehen zu können: »Wie, glaubst du, werden die Kinder reagieren?«

»Schwer zu sagen«, erwiderte dieser, »hoffen wir, dass sie nicht durchdrehen!« Natascha nickte.

Doch Alois Schön brannte eine weitere Sache unter den Nägeln: »Kannst du mir erklären, was eine junge, hübsche Frau an einem so alten Kerl findet?«

Natascha ließ sich mit der Antwort Zeit: »Also wenn ich etwas mit einem Mitt-Fünfziger anfangen würde …« Sie schüttelte sich.

»Also bitte«, monierte der Leiter der Mordkommission. »Auch wenn es bei mir bis dahin noch ein paar Jährchen hin sind.« Er schmunzelte. »Und ich mir bewusst bin, dass nicht jeder …«

»Warum fühlst du dich eigentlich angesprochen, mein lieber Alois?«, fiel Natascha ihm ins Wort. Sie lachte laut auf. »Vor allem, weil dich deine Beate doch gut in Schuss hält! Man sieht, dass du Sport treibst, nur ein leichter Bauchansatz …«

»In Bayern sagt man: unter 80 Kilo is koa Mo ned!«, wurde sie unterbrochen, »bei knapp 1,80 Metern ist das doch weiß Gott nicht zu viel! Aber unabhängig davon … ihr jungen Dinger könnt doch die Vorteile des Alters und seiner Erfahrung gar nicht wertschätzen!«

»… und eine flotte Frisur, nicht zu vergessen! Obwohl es ein paar Haare mehr sein könnten«, führte die Kommissarin ihren Gedanken trotzdem zu Ende. Sie grinste: »Im Übrigen finde ich es gut, wenn du für deine Generation eine Lanze brichst!« Danach wurde sie wieder ernst: »Aber um deine Frage zu beantworten, lieber Alois. Da fallen mir eigentlich nur zwei Gründe ein: Geld und Vaterersatz!«

»So jung und schon so abgebrüht«, kommentierte der Leiter der Mordkommission die Äußerung seiner 24-jährigen Mitarbeiterin. »Kein Wort von Liebe!«

»Liebe kann auch mal vorkommen. Immerhin haben sie zwei Kinder.« Nach kurzem Nachdenken fügte Natascha hinzu: »Wir werden schon herausfinden, wie glücklich die Ehe war.«

Am Nachmittag fuhr Alois Schön in die Rechtsmedizin. »Schon was rausgefunden, Doc?«

»Klar«, schmunzelte dieser. »Frau Malterer gehört zu den Damen, die ich lieber in meinem Bett als auf meinem Seziertisch sehe. Ausgesprochen sexy und abgesehen von wenigen Treibspuren erstklassig in Schuss.«

»Jetzt krieg dich mal wieder ein!« Alois Schön runzelte die Stirn. Er kannte den Leiter der Gerichtsmedizin schon lange und schätzte ihn sehr. Aber an seinen Humor würde er sich nie gewöhnen. »Was denkst du, wie lange ist sie bereits tot?«

Der Doc überlegte: »Als sie mir heute Morgen gebracht wurde, war es kurz vor 10. Da ließen sich die Totenflecken nicht mehr vollständig umlagern. Allerdings lassen sie sich auch jetzt noch gut wegdrücken. Wenn ich die anderen Ergebnisse berücksichtige, würde ich sagen, unsere Schönheit ist heute zwischen 2 und 3 Uhr umgebracht worden.«

»Das könnte hinkommen. Nach den Angaben ihres Mannes war sie mit ihren Freundinnen in der Disco. Es spricht also vieles dafür, dass sie auf dem Heimweg erschossen wurde. Oder gibt es Anzeichen für Selbstmord?«

»Bis jetzt nicht. Genauso können wir meiner unbedeutenden Erfahrung nach auch Raubmord ausschließen. Die Tote trug noch ihren gesamten Schmuck.«

Alois Schön drehte sich zur Seite, um den Doc anzusehen: »Sonst noch was?«

»Momentan nicht. Es dauert halt, bis die Blutwerte fertig sind.«

»Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst«, verabschiedete sich der Leiter der Mordkommission.

Die Familie

»Mama, ich muss dir unbedingt was erzählen!« Lenas Stimme überschlug sich vor Aufregung, als sie die Haustür mit aller Kraft zur Seite stieß, »du wirst dich totlachen.« Schnell zog sie ihre nassen Schuhe aus, schmiss Rucksack und Anorak in die Ecke und stürmte in die Küche. Dort traf sie auf ihren Vater: »Hi, Paps. Hast du Mama gesehen?«

Franz Malterer antwortete nicht.

»Hey Mama, wo bist du?« Das Mädchen schien bereits auf dem Sprung ins obere Stockwerk, als es realisierte, wie bekümmert der Vater schaute. »Was ist mit ihr?« Verunsichert sah es ihn an.

Doch es erhielt nur betretenes Schweigen.

»Sag schon!«

Franz Malterer öffnete die Arme, ging einen Schritt auf seine Tochter zu. »Sie ist tot«, sprach er kaum vernehmbar.

Lena wich intuitiv zurück, suchte nach Halt. Sie schrie: »Du spinnst doch, das kann doch nicht sein!« Tränen bahnten sich ihren Weg über das verzerrte Gesicht der Schülerin.

Als Franz Malterer zwei weitere Schritte in Richtung seiner Tochter gemacht hatte, war es bereits geschehen: Eine Fontäne Erbrochenes beschmutzte den Ärmel seiner Strickjacke, der Rest landete auf den hellen Küchenfliesen. Lena war nicht einmal in der Lage gewesen, sich zur Spüle zu wenden, um in den Ausguss zu spucken. Sie stand da, als ob sie gerade einen Zombie gesehen hätte. Und als ihr Vater versuchte, sie zu berühren, rannte sie auf ihr Zimmer und warf sich auf ihr Bett. Ihr Gesicht im Kopfkissen vergraben weinte sie hemmungslos.

»Was ist denn hier passiert?«, rümpfte ihr Bruder die Nase, als er fünf Minuten später gleichfalls aus der Schule kam. »Ich wisch das nicht auf!«

»Deine Schwester hat sich übergeben, als ich ihr die Nachricht vom Tod eurer Mutter überbracht habe.«

Nun schluckte auch Maximilian. Nichtsdestotrotz behielt er die Fassung: »Hatte sie einen Unfall? Wurde sie angefahren?«

»Sie wurde erschossen«, erwiderte der Vater leise.

Für einen Moment war Maximilian sprachlos. Dann stieg er mit seinen langen Beinen über das Erbrochene, nahm sich eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und verschwand ebenfalls im ersten Stock.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Franz Malterer alle Putzmittel beisammen hatte, um das Missgeschick seiner Tochter zu beseitigen. Anschließend ging er ins Bad, um seine Strickjacke im Waschbecken einzuweichen.

Lena rührte sich nicht, als er bei ihr klopfte. Behutsam öffnete der Vater die Tür, um nach dem Rechten zu schauen. Das Mädchen lag nach wie vor auf dem Bett.

Franz Malterer zwang sich zu einem Lächeln: »Was wolltest du Mama denn Lustiges erzählen?«

Die Tochter reagierte nicht. Ebenso wenig antwortete sie auf die Frage, ob sie etwas trinken wolle. Damit war Franz Malterer mit seinem Latein am Ende. Ihm fiel nichts mehr ein, womit er Lena helfen könnte.

Maximilian hingegen hatte seine Kopfhörer auf und trommelte mit den Fingern im Takt auf den Schreibtisch. Die Musik war so laut, dass man die Bässe hören konnte. »Du wirst noch taub bei dem Krach!«, monierte der Vater. Doch sein Sohn drehte sich nicht einmal zu ihm um.

Franz Malterer schloss daraus, dass es Maximilian einigermaßen gut ging. Er verließ den Raum und kurz darauf das Haus, um in St. Georg für seine Frau zu beten.

Er liebte die ehemalige Dorfkirche, selbst wenn sie inzwischen nur noch den Status einer Filialkirche innehatte. Allein der barocke Hochaltar sowie die kunstvoll gestaltete Kanzel lohnten den Besuch. Nachdem er sich am Eingang bekreuzigt hatte, kniete er sich in die Bank in der ersten Reihe. In diesem Moment wollte er Gott so nahe wie möglich sein. Inständig betete er, dass Petra in den Himmel komme. Immerhin hatte sie ihm zwei Kinder geschenkt. Er kaufte die teuerste Kerze, die er fand. Ebenso steckte er einen großen Schein in den Opferstock.

Am Freitagmorgen erstatteten die Taucher Bericht. Das Wetter war gut gewesen und so hatten sie den ganzen Bereich vom neuen Praterkraftwerk bis zum Oberföhringer Wehr absuchen können. Eine Strecke, die Münchner und Touristen zum Spazierengehen und Joggen einlädt: links entlang der Jugendstilhäuser im Lehel oder rechts auf der Heinrich-Mann-Allee, vorbei an den Diplomatenvillen in Bogenhausen. Architekturbegeisterte finden hier sämtliche Baustile nebeneinander, von der Atriumvilla, die an die Römerzeit erinnert, über kleine Ritterburgen bis hin zu hypermodernen Immobilien. Gemeinsam ist diesen Häusern der Umstand, dass sie für Normalsterbliche alle unbezahlbar sind. Doch die Taucher hatten weder Zeit zum Sightseeing noch zum Entspannen. Wie immer wurden verschiedene Dinge, die in einem Fluss nichts verloren haben, entdeckt: zwei kaputte Fahrräder, ein Mofa und mehrere Autoreifen. Die Tatwaffe fanden sie jedoch nicht.

Alois Schön rief in der Gerichtsmedizin an:»Gibt’s was Neues, Doc?« Er bevorzugte es, schnell und auf dem kleinen Dienstweg informiert zu werden.

»Nicht viel, Alois, tödlich war der Schuss ins Herz. Handelsübliche neun Millimeter, aber das hätte selbst ein Blinder festgestellt. Ein Sexualdelikt scheidet ebenfalls aus. Die Tote hatte keinen Geschlechtsverkehr und schwanger war sie auch nicht.«

»Danke, das ist mehr, als ich erwartet habe«, freute sich der Leiter der Mordkommission. Dieser Freitag schien ein guter zu werden.

Als Alois Schön und Natascha wie vereinbart um 10 Uhr in Bogenhausen klingelten, sahen sie, wie ein junges Pärchen an der Wand zur Garage lehnte und heftig rumknutschte. Die Finger des Burschen steckten unter dem Reißverschluss der dicken Steppjacke, die die Frau trug.

»Hast du immer noch nicht genug, Maxi?«, beschwerte sich diese, »lass das, ich muss zur Arbeit!« Ein letzter Kuss und Maximilian lief mit den Kommissaren ins Haus. Doch anstatt diesen ins Wohnzimmer zu folgen, rannte er wortlos die Treppe hoch.

Mit ihren roten Haaren und den Sommersprossen erinnerte Lena an Pippi Langstrumpf, auch wenn ihre Haare dünner und länger waren. Natascha überlegte, welchem Elternteil die Tochter ähnlich sah, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Vermutlich glich sie einem ihrer Großeltern. Das Mädchen trieb Sport, das war unverkennbar. Sie zählte nicht zu den Computer-Kids, denen man die mangelnde Bewegung schon in jungen Jahren am Umfang ihrer Oberschenkel und den Fettpolstern an den Hüften ansieht. Im Gegenteil: Lena war ausgesprochen dünn. Obendrein wirkte sie durch ihren langen Oberkörper im Sitzen größer als sie wirklich war.

Aber heute sah sie richtig schlecht aus. Man erkannte sofort, dass sie heftig geweint hatte. Ihre Haarspitzen klebten in der Tränenflüssigkeit auf ihrer Backe. Die Augen gerötet und umrändert, was auf fehlenden Schlaf hindeutete.

»Wie geht es dir, Lena?«, erkundigte sich Natascha. Keine Antwort.

»Sie hat die ganze Nacht geweint. Ich glaube nicht, dass sie Ihnen viel helfen kann«, meldete sich der Vater zu Wort.

Das Mädchen saß einfach nur da und ließ das Geschehen über sich ergehen. Sie war im wahr­sten Sinne des Wortes nur körperlich anwesend. Ihre Gedanken schienen vollkommen woanders zu sein.

Natascha zupfte sie vorsichtig am Ärmel: »Lena, kannst du uns sagen, wann du deine Mutter zuletzt gesehen hast?«

»Am Mittwoch, vor dem Training«, schniefte die Kleine.

Natascha bot ihr ein Papiertaschentuch an: »Danke, du machst das ganz toll. War da irgendetwas Besonderes?«

Lena schüttelte den Kopf.

»Was habt ihr gemacht? Worüber habt ihr geredet?«

»Mama war voll gut drauf!« Tränenüberströmt und völlig verzweifelt rannte die Kleine aus dem Zimmer. Weder die beiden Kommissare noch ihr Vater versuchten sie aufzuhalten.

»Wo ist eigentlich Ihr Sohn, Herr Malterer?«, erkundigte sich Alois Schön, »kommt er gleich runter?«

»Ich denke nicht. Wir hatten Streit.«

Natascha wunderte sich, dass der Witwer das so offen zugab: »Worum ging es denn?«

»Er hat mir gestern Abend erklärt, dass er so schnell wie möglich ausziehen will. Da bin ich laut geworden und er ist auf sein Zimmer gerannt.«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich zu ihm gehe und ihm ein paar Fragen stelle?«

Der Vater schüttelte den Kopf. »Geh’n Sie nur. Die Treppe hoch, die letzte Tür auf der linken Seite. Mich will er momentan sowieso nicht sehen. Er hat nicht einmal Guten Morgen gesagt!«

»In Ordnung, Frau Frey. Ich mache dann hier alleine weiter«, genehmigte Alois Schön die Pläne seiner Mitarbeiterin. Obwohl es mit Franz Malterer nicht viel zu bereden gab, hielt er es für zielführender, wenn sich Natascha alleine mit dem Sohn unterhielt.