Schiffbrüche - Alexandre Dumas - E-Book

Schiffbrüche E-Book

Alexandre Dumas

4,7

Beschreibung

Alexandre Dumas, der Autor von weltbekannten Abenteuerklassikern wie ›Die drei Musketiere‹ und ›Der Graf von Monte Christo‹, hat auch vier Geschichten von historischen Schiffskatastrophen hinterlassen, in denen er sich ganz auf der Höhe seiner Erzählkunst zeigt. 1852 als Zeitungsfeuilletons veröffentlicht, wurden sie 2003 wiederentdeckt und nun erstmals ins Deutsche übersetzt. Dumas erzählt mitreißend vom Kampf gegen die Naturgewalt des Wassers. Vom Durst, Erschöpfung, Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Mut, Durchhaltekraft: Der Mensch in seiner elementaren Nacktheit im Kampf um das Überleben steht im Zentrum dieser eindrucksvollen Schilderungen. Sie vermitteln pure Lesefreude, immer findet sich ein Held, mit dem man mitfiebern, immer auch Schurken, gegen die man sich verbünden kann.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 287

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,7 (18 Bewertungen)
13
4
1
0
0



Alexandre DumasSchiffbrüche

Alexandre Dumas

SCHIFFBRÜCHE

Wahre Geschichten

Bontekoe | Kapitän Marion | Die Juno | Die Kent

Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Nicola Denis

Mit einem Text von Volker Harry Altwasser

Bontekoe

Kapitän Marion

Die Juno

Die Kent

Nicola Denis — Alexandre Dumas und das Meer

Volker Harry Altwasser — Meister Dumas’ Fauxpas

Bontekoe

Kapitel I — 1619

Gegen Ende des Monats Mai 1619 fuhren drei holländische Schiffe – die Neu-Zeelandt unter Kapitän Pieter Tijsz, die Enchuysen, unter Kapitän Jan Jansz, und die Neu-Hoorn unter Kapitän Bontekoe – nachdem sie das Kap der Guten Hoffnung ohne aufzulaufen umsegelt hatten, bei herrlichem Wetter an der Terra do Natal entlang.

Einhundertzweiunddreißig Jahre zuvor hatte der Portugiese Bartholomäus Diaz, auf der Suche nach dem berühmten Priester Johannes, den seit drei Jahrhunderten gesuchten Papst des Morgenlandes, es selbst unwissentlich umsegelt und war durch einen Sturm, der ihn unter seine Fittiche genommen hatte, von Süden nach Osten abgetrieben worden.

Von diesem Tag an war ein neuer Seeweg nach Indien entdeckt.

Um die zukünftigen Seefahrer nicht allzu sehr zu entmutigen, hatte König Johann II. von Portugal den Namen Kap der Stürme, den Bartholomäus Diaz ihm bei seiner Rückkehr nach Lissabon gegeben hatte, in Kap der Guten Hoffnung verwandelt, der ihm seither geblieben ist.

Zehn Jahre später war die Reihe an Vasco da Gama.

Es hieß, die Reise von Diaz dort wieder aufzunehmen, wo dieser sie unterbrochen hatte; Indien musste mit Portugal verbunden werden, Kalikut mit Lissabon.

Nachdem er der Terra do Natal in Erinnerung an die Geburt Unseres Herrn ihren Namen gegeben hatte; nachdem er den Anker in Sofala geworfen hatte, das er für das einstige Ophir hielt; nachdem er nacheinander Mosambik, Kilwa, Mombasa und Malindi angelaufen hatte; nachdem er vom König der letztgenannten Stadt einen erfahrenen Steuermann bekommen hatte, wagte sich Vasco da Gama entschlossen in das Arabische Meer, segelte aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen den Lakkediven und den Malediven hindurch und legte am 20. Mai 1498 in Kalikut an, Zentrum des Handels, den Indien zu diesem Zeitpunkt mit dem ganzen weiten Kontinent unterhielt, der sich von Sansibar bis zur Meerenge von Malakka erstreckt.

Dann war die Reihe an Camões, dem Homer des Indischen Ozeans; Die Lusiaden sind der epische Bericht seiner Reise.

Camões hatte im Kampf gegen die Mauren von Ceuta ein Auge verloren, fast zur gleichen Zeit, als Cervantes im Kampf gegen die Türken bei Lepanto eine Hand verlor.

Es ist bekannt, wie ein paar satirische Verse nach dem Besuch von Goa, nach den Kämpfen bei Chembe, am Kap Guardafu und in Maskate ihn ins Exil auf die Molukken führten; wie Dom Konstantin von Braganza ihn zum Erbschaftsverwalter von Makao ernannte, das noch nicht existierte oder gerade erst entstanden war; wie Camões, als er keine Erbschaft zu verwalten hatte, seine Dichtung verfasste; wie er sich mit seinem doppelten Schatz, dem des Vermögens und dem der Dichtung, einschiffte, um nach Goa zurückzukehren; wie der Dichter, nachdem sein Schiff vor der Küste von Siam Schiffbruch erlitten hatte, sein Gold dem Chinesischen Meer überließ, seine Dichtung aber über das Wasser hielt und sich so mit einer Hand sein Leben und mit der anderen seine Unsterblichkeit sicherte.

Aber ach! Obwohl die Dichtung der Lusiaden sechs Jahre darauf erschien, obwohl es noch im selben Jahr eine zweite Auflage gab, obwohl alle Portugiesen die Geschichte vom Riesen Adamastor und vom Unglück Inês de Castros auswendig kannten, sah man nichtsdestoweniger einen armen, auf seine Krücke gestützten Greis durch die Straßen Lissabons gehen, der sich zum Kloster San-Domingo begab, wo er, unter die Schüler gemischt, die Theologiestunden verfolgte, während ein javanischer Sklave für ihn bettelte und ihn mit den erhaltenen Almosen versorgte.

Es stimmt, dass man innehielt, wenn der Greis vorüberging, um ihn anzuschauen, und dass er jene für seinen Stolz tröstlichen Worte vernehmen konnte:

»Das ist Luís de Camões, der große Dichter.«

Manche fügten hinzu:

»Er ist also arm?«

Woraufhin stets eine Stimme entgegnete:

»Nein, König Dom Sebastião zahlt ihm eine Rente aus.«

Und in der Tat zahlte der König Sebastião dem Mann, der seine Herrschaft besang, eine Rente von jährlich fünfundsiebzig Pfund aus.

Folglich musste, als Dom Sebastião auf seinem Afrikafeldzug umkam, der bereits ärmlich hausende Dichter in der Rua Sant’Anna eine noch ärmlichere Wohnung nehmen.

Folglich musste, als Antonio, der javanische Sklave, starb, da niemand mehr für den Dichter bettelte und er nicht selbst betteln wollte, der Verfasser der Lusiaden seine Pritsche gegen das Spital eintauschen.

Eine letzte Stufe blieb ihm auf dem Weg nach unten, diejenige, die ins Grab führt: Er nahm sie mit einem Lächeln.

Armer Dichter, den sein Vaterland vergaß, der aber sein Vaterland nicht vergessen konnte!

»Wenigstens sterbe ich vor Portugal!«

Und man warf ihn in eine Grube, auf die man einen namenlosen Stein rollte.

Sechzehn Jahre nach seinem Tod, als sein Ruhm sich deutlich vermehrt hatte, machte Dom Gonzalo Coutinho den Vorschlag, dem Dichter ein Denkmal zu setzen; aber ebenso wenig wie den Ort seiner Geburt kannte man den Ort seines Grabes.

Schließlich erinnerte sich ein alter Küster, an einem Gewitterabend ohne Angehörige, ohne Familie, ohne Freunde einen Mann beerdigt zu haben, der mit zwei Verletzungen gezeichnet war, einem ausgestochenen Auge und einem gebrochenen Oberschenkel.

An dieser Beschreibung erkannte man Camões.

Das Grab wurde mit großem Aufwand geöffnet, der Leichnam wurde geborgen, an einen dem Chor der Franziskanernonnen aus dem Kloster von Sant’Anna benachbarten Ort gebracht, und auf sein neues Grab ließ man eine Marmortafel setzen, in die folgende Inschrift eingraviert war:

Hier ruht Luis de Camões,Dichterfürst seiner Zeit.Er lebte in Armut und Elend. Und starb desgleichen.Anno MDLXXIX.

Dort ruhte er, ungestört und in Ehren, fast zwei Jahrhunderte lang; doch eines Tages, am 1. November 1755, drängte es den Himmel, durch ein furchtbares Vorzeichen die Geburt einer Königin zu verkünden, und ein Erdbeben machte Lissabon zunichte, mit Lissabon die Kirche Sant’Anna, und mit der Kirche Sant’Anna das Grab des Verfassers der Lusiaden.

Bei dieser Königin handelte es sich um Marie-Antoinette von Österreich.

Oh, Könige und Dichter, Gott bestimmt euch von Zeit zu Zeit das gleiche Schicksal, um dem Universum vorzuführen, dass ihr ebenbürtig seid!

Die Dichtung von Camões hatte Indien bekannt gemacht. Bald fuhr dort, wo der Seefahrer Diaz, der Eroberer da Gama und Camões, der Dichter, gefahren waren, der Kaufmann van Noort; allerdings gelangte er von der gegenüberliegenden Seite aus nach Indien, indem er an der Küste Patagoniens entlangsegelte und die furchtbare, von Magellan am 28. Mai 1520 entdeckte Meerenge durchquerte; schließlich befuhr er, dem Beispiel Sebastião del Canos folgend, den Atlantik über das Kap der Guten Hoffnung, nachdem er innerhalb von drei Jahren die Welt umsegelt hatte.

Damit begann die Fortuna Maris der Holländer, dieser Phönizer Europas, die sich an einem hoffärtigen Tag als »Auskehrer« der Meere bezeichnen und anstatt einer Flagge einen Besen an der Gaffel ihrer Schiffe tragen sollten.

Vierzehn Jahre später besiegte der holländische Admiral Joris van Spilbergen die spanische Flotte vor der Küste Perus und besiegelte die Herrschaft Hollands auf den Molukken.

Fünf Jahre nach diesem Sieg umsegelten, wie erwähnt, die drei holländischen, von Pieter Tijsz, Jan Jansz und Bontekoe befehligten Schiffe das Kap der Guten Hoffnung.

Wie hielten diese drei Walfischfahrer gemeinsam Kurs? Hören wir den Bericht.

Willem Ysbrantsz Bontekoe war 1618 von der Niederländischen Ostindien-Kompanie zum Kapitän der Neu-Hoorn ernannt worden, ein 1 100 Tonnen schweres Schiff mit einer Mannschaft von 206 Männern, das für den Handel bestimmt war.

Er war am 28. Dezember von Texel aufgebrochen, und sein Schiff war bereits am 5. Januar, nachdem er den Ärmelkanal verlassen hatte, durch drei derart heftige Windstöße erschüttert worden, dass er einen Moment lang geglaubt hatte, seine Reise sei hiermit beendet.

Die Vorsehung wollte es anders: Nach zwei Wochen schwerer See war die Gefahr gebannt, es trat eine Windstille ein, und Bontekoe setzte seine Fahrt fort, noch ohne zu wissen, ob er den Indischen Ozean über die Magellanstraße oder das Kap der Guten Hoffnung erreichen würde.

Die Winde sollten entscheiden, ob er nach Osten oder nach Westen drehen würde.

Bevor er die Kanaren erreichte, war er auf die beiden Schiffe getroffen, mit denen wir ihn das Kap haben umsegeln sehen.

Nach einer dreiwöchigen Windstille, der sie mit der Annäherung an den Äquator ausgesetzt waren, trieb sie ein Wind aus Südost in das Karibische Meer mitten zwischen jene Felsbänke, die Abrojos genannt werden.

Sie kamen glücklich davon, suchten die Insel von Tristão da Cunha ohne sie zu finden und näherten sich, bald von wechselnden Winden zum Kap der Guten Hoffnung getrieben, diesem so rasch, dass sie aus Angst, gegen die Küste geschleudert zu werden, nach Süden abdrehten und beschlossen, voller Zutrauen in die gesunden und kräftigen Mannschaften sowie in einen reichlichen Wasservorrat, das Kap zu umschiffen, ohne aufzulaufen.

Auf diese Weise gelangten sie auf die Höhe der Terra do Natal. Dort verließ Kapitän Jansz, der für die Küste von Koromandel ausersehen war, Tijsz und Bontekoe, um die Straße von Mosambik zu befahren.

Nachdem sich, etwas weiter noch, zwischen Tijsz und Bontekoe gewisse Streitigkeiten entsponnen hatten, segelte Tijsz seines Weges und die Neu-Hoorn blieb alleine zurück.

Sie befand sich unter dem 23. Breitengrad, als sie die Neu-Zeelandt aus den Augen verlor.

Seit dem Kap hatte sich der Gesundheitszustand auf dem Schiff deutlich verändert. Etwa auf der Höhe des 30. Breitengrades hatten sich Krankheiten in die Mannschaft eingeschlichen, und fünf oder sechs Tage nachdem Bontekoe sich von seinen letzten Reisegefährten getrennt hatte, lagen vierzig seiner Männer krank in den Hängematten.

Da das nächste Land Madagaskar war, beschloss man, diese Insel anzusteuern, und nahm Kurs auf die Bucht von Saint Louis.

Doch die gesamte Küste war noch schlecht erforscht, und obwohl Bontekoe mit seiner Schaluppe persönlich nach einem geeigneten Ankerplatz suchte, während das Schiff vorsichtig lavierte, obwohl die überall an der Küste entlanglaufenden Eingeborenen Zeichen zum Näherkommen gaben, obwohl sie mit diesen Zeichen auf eine Landungsstelle hinzuweisen schienen, musste man, da sie keinerlei Erfrischung anboten und da das Meer entsetzlich gegen das Ufer prallte, nach dem vergeblichen Versuch eines Matrosen, der sich schwimmend aufmachte und gezwungen war, ohne eine geglückte Landung zu der Schaluppe zurückzukehren, nach dieser unnötigen Strapaze wieder an Bord gehen.

Die Mannschaft hatte vom Deck des Schiffes aus jede Bewegung der Schaluppe verfolgt und sah sie mit Verzweiflung zurückkehren; doch Bontekoe, der von seinen Matrosen verehrt wurde, mahnte sie zur Geduld.

Man beschloss, einen Ankerplatz zu suchen, indem man die nördliche Richtung einschlug, und kehrte bis zum 29. Breitengrad zurück; da dieselben Schwierigkeiten anhielten, wechselte man alsdann erneut sowohl die Meinung als auch den Kurs, und entschied, eine der Maskarenischen Inseln anzulaufen.

So nannte man damals und nennt man heute noch die Inseln Mauritius und Bourbon.

Bontekoe steuerte zwischen den beiden Inseln hindurch.

Da aber die erste Insel, die er sichtete, diejenige war, welche seitdem den Namen Bourbon trägt, versuchte er, hier zu landen. Etwa zweihundert Schritt vom Land entfernt warf man den Anker in vierzig Faden Tiefe.

Doch auch hier bot sich ihnen wieder ein furchtbarer Widerstand: Das Meer schäumte so offensichtlich gegen die Klippen, dass die mit gesunden Männern besetzte Schaluppe erneut nach einer Anlegestelle Ausschau halten musste: Sie machte sich unmittelbar auf die Suche und kehrte nach zwei Stunden zurück. Sie war inmitten einer üppigen Vegetation gelandet und brachte eine große Anzahl Schildkröten mit.

Bekanntlich waren diese Tiere für die armen Skorbutkranken ein beglückendes Manna; so baten die Kranken einstimmig darum, an Land gehen zu dürfen, was ihnen Hein Rol, der Superkargo des Schiffes, zunächst verwehrte.

Er sah das Schiff in Gefahr abzutreiben, und sollte dieses Unglück eintreten, wären die an Land Gegangenen verloren.

Doch für jene Unglücklichen war die in Sicht liegende Insel ein Ort der Wonne, an dem sie herzlich gerne geblieben wären.

Ihre Bitten, man möge sie auf dieses Land bringen, wo sie allein durch dessen Berührung genesen sollten, wurden folglich so drängend, dass Bontekoe sie nicht zurückweisen konnte; er stellte sich in der Mitte des Decks auf und erklärte, dass er trotz möglicher Gefahren alle an Land bringen werde.

Diese Erklärung wurde mit Freudenrufen der gesamten Mannschaft aufgenommen.

Die Kranken, bei denen die größte Eile geboten war, wurden als erste eingeschifft. Bontekoe gab ihnen ein Segel, damit sie ein Zelt bauen und mehrere Tage an Land bleiben könnten.

Er ließ die Schaluppe mit Vorräten beladen, nahm einen Koch und alle möglichen Gerätschaften an Bord und ging selbst mit an Land, um ihnen als Führer zu dienen.

Als man sich dem Land näherte, nahm die Freude der Matrosen zu; mehrere hatten nicht mehr die Geduld, abzuwarten, bis man auf Grund laufen würde: Sie stürzten sich ins Meer, erreichten schwimmend die Küste und wälzten sich, dort angelangt, im Gras, während sie ihre Gefährten riefen, die sie bald eingeholt hatten.

Und in der Tat: sei es ein Traumgebilde ihrer Phantasie, sei es Wirklichkeit – kaum hatten sie den Schatten der mächtigen Bäume erreicht, kaum den Boden berührt, erklärten sie in der Nachfolge des Antaios, dass sie ihre Kräfte zurückkehren spürten.

In diesem Augenblick ließ sich ein Schwarm Ringeltauben in ihrer Nähe nieder.

Ohne sich durch diesen Anblick im Geringsten zu beunruhigen, ließen sich, da die Insel noch unbevölkert war und sie noch nie durch die Anwesenheit des Menschen aufgeschreckt worden waren, die Tauben mit Händen greifen und mit Stockschlägen töten.

Zweihundert kamen am ersten Tag um.

Daraufhin machten sich die Matrosen, um etwas Abwechslung in ihren Speiseplan zu bringen, auf die Suche nach Schildkröten, und fingen etwa fünfzig Stück.

Als Bontekoe sah, dass sie an diesem Ufer, wo die Vorsehung sich so gastfreundlich zeigte, tatsächlich nichts zu befürchten hatten, verließ er sie und kehrte auf das Schiff zurück, dessen Ankerplatz er für so ungeeignet hielt, dass er die Mannschaft trotz ihrer an den Tag gelegten Ungeduld, an Land zu gehen, zur Suche nach einer besseren Lösung bewegte.

Die Mannschaft pflichtete ihm bei.

Diese Zustimmung, die dem lebhaften Wunsch, an Land zu gehen, entgegenstand, rührte Bontekoe; er wollte keine Zeit verlieren, und obwohl es dunkel geworden war, stieg er, da die Nacht klar, da die See windstill war, in die Schaluppe und begab sich auf die Suche nach einer besseren Reede.

Fünf Meilen weiter fand er sie. Es war eine großzügige Bucht mit Sandgrund.

Bei Tagesanbruch begann der Kapitän mit weiteren Nachforschungen. Kaum hatte er sich eine Viertelmeile weit ins Landesinnere begeben, stieß er auf einen See.

Leider enthielt er kein reines Süßwasser; aber seine Ufer waren mit Gänsen und Dronten bevölkert; die Bäume, die es beschatteten, waren voll von grauen Papageien, Ringeltauben, unbekannten Vögeln sämtlicher Arten und sämtlicher Farben, und am Fuß dieser Bäume fand er im Schatten fünfundzwanzig Schildkröten, die kaum laufen konnten, so fett waren sie.

Bontekoe blieb mit drei oder vier Männern an Land und ließ eine zweifache Neuigkeit überbringen: den Kranken, dass er einen besseren Lagerplatz gefunden, der Mannschaft, dass er eine hervorragende Bucht für das Schiff ausgekundschaftet habe.

Das Schiff und die Schaluppe kamen also nach Ablauf von zwei Stunden gemeinsam an.

Das Schiff warf den Anker in der Bucht in fünfundzwanzig Faden Tiefe, und die Männer der Mannschaft gingen der Reihe nach und in insgesamt vier überfahrten an Land.

Matrosen gleichen prächtigen Kindern. Auf die höchste Verzweiflung, auf Titanenkämpfe, folgen bei ihnen bisweilen kindliche Freuden.

Genau das widerfuhr der Mannschaft der Neu-Hoorn, als sie auf der Insel Bourbon gelandet war.

Das ganze Ufer hatte einen festlichen Anstrich, der, die Frauen abgerechnet, etwa an eine Kirmes von Teniers denken ließ. Die einen begannen, das Schleppnetz im See auszuwerfen, die anderen, Schildkröten zu jagen, wieder andere, Tauben mit Stock- und Steinschlägen zu erlegen; einige kamen ganz ausgelassen mit erhobenen Armen herbeigelaufen, stießen ein lautes Geschrei aus und verkündeten, sie hätten soeben einen Süßwasserbach aufgetan.

Man zündete große Lagerfeuer an, fertigte Spieße aus Holzstöcken und grillte Ringeltauben, die man mit dem Fett der in ihren Panzern kochenden Schildkröten übergoss; dann kamen die Fischer: Sie hatten zahlreiche armdicke Aale gefangen, aus denen der Koch riesige »Mateloten« zubereitete; man hatte auch Ziegenböcke gesehen und sie verfolgt, aber nur einen alten fangen können, so alt, dass seine Hörner von Würmern zerfressen waren und niemand davon essen mochte.

Nach drei Tagen waren die Kranken tatsächlich so gut wie genesen; man brachte sie auf das Schiff zurück, bis auf sieben, die noch kränkelten und daher durchsetzten, an Land bleiben zu dürfen, bis das Schiff endgültig die Segel setzen würde.

Man legte einen riesigen Vorrat aus Ringeltauben, Schildkröten und Aalen an, der gesalzen wurde und die Reserven der Mannschaft entsprechend aufstockte.

Schließlich lichtete man den Anker und ließ jene wunderschöne Insel Bourbon, die einhundertfünfzig Jahre später eine der blühendsten Kolonien Frankreichs sein sollte, unbevölkert zurück, so wie man sie vorgefunden hatte.

Kapitel II — Das Feuer

Bontekoe hatte die Absicht, Mauritius anzulaufen wie er Bourbon angelaufen hatte, damit die zweite Insel an seiner Mannschaft das von der ersten so vielversprechend begonnene Genesungswerk vollenden würde.

Doch die Gissung war falsch, man kam zu weit nach Süden ab, und das aus der Ferne gesichtete Mauritius blieb auf der linken Seite liegen.

Man begann, den Entschluss zu bereuen.

Ein paar Kranke waren noch an Bord: Zwei oder drei Tage mehr hätten sie geheilt.

Warum hatte man diese zwei oder drei Tage, die bei einer solchen Reise so wenig ins Gewicht fallen, nicht der Gesundheit geopfert, diesem obersten Gut der Matrosen, diesem großen Reichtum des Kapitäns?

Zu diesen traurigen Überlegungen kam eine weitere Sorge.

So wenig man über dieses fast unbekannte Meer wusste, ja in der gänzlichen Ahnungslosigkeit, in der man noch befangen war, schrieb man ihm mehr Launen zu als es tatsächlich hatte; man rechnete damit, dass die südlichen Breitengrade unter Umständen lange zu durchmessen wären, bis man auf Passatwinde stoßen würde, die das Schiff nach Bentem oder nach Batavia treiben sollten.

Diese Angst hatte zur Folge, dass man wendete und geradeaus in westlicher Richtung auf die Insel Sainte-Marie zuhielt, die sechzig Meilen von Madagaskar entfernt und ungefähr der Bucht von Antongil gegenüber lag.

Man gelangte auf natürlichem Wege über die Ostseite der Insel dorthin, und ankerte in einer Einbuchtung der Küste in dreizehn Faden Tiefe eines derart klaren Wassers, dass der Meeresgrund deutlich zu sehen war.

Die Insel Sainte-Marie war bevölkert.

Obwohl ihre Bewohner noch weniger als die Madagaskars an den Anblick von Europäern gewöhnt waren, beeilten sie sich, an Bord zu gehen und Hühner, Limonen und Reis dorthin zu bringen; außerdem gaben sie durch Zeichen zu verstehen, dass sie noch Kühe, Schafe und weitere Vorräte hatten.

Um ihre Gunst zu gewinnen, bot Bontekoe ihnen in einer Silbertasse Wein an; sie tranken, so wie es ein Hund oder jedes andere beliebige Tier getan hätte, indem sie das ganze Gesicht in die Tasse steckten; kaum hatten sie getrunken, tat der Alkohol auf sie eine umso schnellere Wirkung, als sie nicht daran gewohnt waren, und sie begannen, wie verrückt zu tanzen und wie wild zu schreien.

Sie gehörten der zweiten, der gelben, aus der Asiatischen Hochebene stammenden Rasse an und waren nackt, bis auf einen Stofflappen, den sie wie eine Schürze trugen.

Jeden Tag ging man an Land und trieb Tauschhandel mit ihnen; Schellen, Löffel, Messer, Glas- oder Korallenperlen waren die einflussreichen, von Bontekoe eingesetzten Mittel zu ihrer Eroberung.

Für jeden dieser Gegenstände bekam man ein Kalb, ein Schwein, Schafe, Reis, Wassermelonen und Milch, die sie in großen zu Körben geflochtenen Blättern anbrachten, dicht wie Holzschalen oder Porzellantassen.

Da aber gerade die fehlenden Früchte – Limonen und Orangen – für die vom Skorbut befallenen Männer am notwendigsten waren, beschloss Bontekoe, eine Erkundungsfahrt nach Madagaskar zu unternehmen, um sich damit zu versorgen.

Er rüstete also die Schaluppe aus, ließ die Waren verladen, von denen er glaubte, dass sie für die Madagassen am wertvollsten seien, und begab sich, um die Distanz zwischen Sainte-Marie und Madagaskar zu überbrücken, auf einen Fluss, den er stromaufwärts zu rudern begann.

Je weiter er vordrang, desto tiefer senkten an beiden Ufern des schmaler werdenden Flusses die Bäume, die zunächst einen grünen und schattigen Baldachin geformt hatten, ihre Zweige, die ins Wasser ragten und dadurch die Durchfahrt schließlich gänzlich unmöglich machten.

Darüber hinaus schienen die Ufer dieses Flusses unbevölkert, und da sie keine Früchte hergaben, da zehn mit Pfeilen bewaffnete, hinter den Bäumen verschanzte Männer sie bis auf den letzten Matrosen hätten vernichten können, ohne selbst angreifbar zu sein, gab Bontekoe das Zeichen zum Rückzug und ging wieder an Bord.

Glücklicherweise fand er zwei Tage später an einer anderen Stelle der Insel Sainte-Marie das, was er so weit entfernt gesucht hatte: Orangen, Limonen und Bananen in verschwenderischer Fülle.

Neun Tage verstrichen in Sainte-Marie.

Während dieser neun Tage erlangten die Männer aus der Mannschaft der Neu-Hoorn erneut die ganze Kraft und Gesundheit zurück, über die sie beim Aufbruch von Texel geboten hatten.

Während dieser neun Tage waren mehrfach Matrosentrupps an Land gegangen; auf ihren Ausflügen wurden sie häufig von einem Musiker begleitet.

Dieser Musiker spielte auf der Leier.

Das war für die Insulaner eine große Freude. Das Instrument, so einfach es war, rief bei ihnen jedes Mal neuerliches Erstaunen und großes Vergnügen hervor.

Die einen setzten sich im Kreis um den Musiker und schnippten mit den Fingern; die anderen sprangen oder, besser noch, hüpften wie wilde Tiere, und sie gingen, als wollten sie ihren Göttern für das ihnen gewährte Vergnügen danken, von Zeit zu Zeit vor Rindsköpfen in die Knie, die oben auf Pfähle gesteckt waren und ihre Fetische zu sein schienen.

Schließlich waren die neun Tage vergangen; während dieser neun Tage waren die Kranken wieder zu Kräften gekommen, das Schiff war mit größter Sorgfalt ausgebessert worden: Man ging wieder unter Segel und fuhr auf die Sundastraße zu.

Am 19. November 1619, als man sich in etwa auf dem Breitengrad dieser Meerenge befand, das heißt bei 5‘30“, band der Bottelier, der wie gewohnt heruntergestiegen war, um den am nächsten Tag zum Austeilen bestimmten Branntwein abzuzapfen, gegen zwei Uhr nachmittags seinen Eisenleuchter an ein Fass aus der Reihe, die sich oberhalb von dem anzuzapfenden Fass befand. Da fiel, durch einen jener furchtbaren Zufälle, die große Katastrophen auf eine nichtige Ursache zurückführen, ein Stück des glühenden Dochts in das Spundloch; sofort brach das Feuer aus, die beiden Fassböden zerbarsten, und wie ein flammendes Rinnsal lief der brennende Schnaps bis zur Kohle in der Schmiede, zwischen der er versickerte und scheinbar erlosch.

Man kippte über diese Stelle ein paar Krüge Wasser; das Wasser machte sich gleichsam auf die Verfolgung des Feuers und versickerte wie dieses zwischen der Kohle.

Es schien, als sei alles überstanden.

Erst jetzt teilte man diesen Zwischenfall Bontekoe mit, der persönlich herunterging, weitere Wassereimer auf die Kohle kippen ließ und beruhigt wieder an Deck stieg.

Eine halbe Stunde später wurde der Schrei »Feuer!« vernommen.

Bontekoe stürzte zu einer Luke und sah in der Tat die Flamme, die vom unteren Lagerraum aufstieg: Das Feuer hatte die Kohle erreicht, zwischen die der brennende Schnaps geflossen war. Die Gefahr war umso bedrohlicher, als sich drei oder vier Reihen Fässer übereinander befanden.

Es gab also keine Zeit zu verlieren.

Die Kohle musste so schnell wie möglich gelöscht werden; man goss das Wasser aus vollen Krügen in den Lagerraum.

Doch da ereignete sich ein weiterer Zwischenfall: Das mit der brennenden Kohle in Berührung geratene Wasser verursachte einen so fürchterlichen Qualm, dass sich niemand mehr im unteren Lagerraum aufhalten konnte.

Bontekoe unterdessen blieb.

Er wurde sich der ganzen Verantwortung bewusst, die er Gott gegenüber für das Leben seiner Mannschaft auf sich genommen hatte, und seinen Schiffseignern gegenüber für die Ladung seines Schiffes.

Er harrte also mitten im Qualm aus und erteilte weiterhin seine Befehle, während er seine Matrosen um sich herum zu Boden stürzen und röcheln hörte.

Gelegentlich war er selbst gezwungen, an der Luke seine Lungen mit frischer und reiner Luft zu füllen; daraufhin kehrte er mitten in den Qualm zurück, wo ihn allein der starke Wille, von dem er beseelt war, am Leben zu halten schien.

Während eines jener kurzen Ausflüge rief er nach dem Superkargo Rol. Dieser eilte herbei.

»Was wünschen Sie, Kommandant?«

»Ich glaube«, sagte Bontekoe, »es wäre nötig, das Pulver ins Meer zu kippen.«

»Aber, Kapitän,« sagte jener, »wenn das Pulver erst einmal versenkt ist, was wird aus uns, wenn wir Piraten begegnen, oder wenn wir auf einer Insel anlegen, deren Bewohner uns feindlich gesinnt sind?«

»Du hast Recht«, sagte Bontekoe; »das überdenken wir später.«

Und er ging erneut daran, mitten im Qualm und mit ungeschmälerter Tapferkeit seine Befehle zu erteilen.

Unterdessen nahm das Feuer nicht ab, und der Qualm wurde immer dichter. Bontekoe war gezwungen, vom Lagerraum auf das Zwischendeck zu wechseln.

Man griff zu Äxten und hieb große Löcher in die Decke, durch die man weiterhin Wasser schüttete, so wie man es gleichzeitig durch die Luken tat.

Währenddessen ließ man nicht nur das große Beiboot auf das Meer herab, sondern auch die Schaluppe, die sich auf dem Deck befand und denen, die Wasser schöpften, außerordentlich hinderlich war.

Ließ man in diesem Augenblick den Blick über den gesamten Horizont schweifen, was die Männer der Neu-Hoorn von Zeit zu Zeit angsterfüllt taten, war nichts weiter zu sehen als das offene und menschenleere Meer.

Kein Land, kein Schiff; keine Hoffnung auf Zuflucht, keine Aussicht auf Hilfe.

Da bei diesem Anblick der überlebensinstinkt über die Pflicht die Oberhand gewann, rutschten sämtliche Männer von Bord, indem sie sich von den Pardunen ins Wasser herabgleiten ließen, zum Boot und der Schaluppe schwammen, einstiegen, sich dort schweigend unter den Bänken und unter den Segeln versteckten und den Moment zum Aufbruch abwarteten, in dem sie ihrer Meinung nach genau die richtige Anzahl erreicht hätten.

Dann würden sie ihren Kapitän und ihre Kameraden unbarmherzig zurücklassen.

In diesem Augenblick betrat der Superkargo Rol zufällig die Galerie und sah, wie all diese Männer herabglitten, schwammen, sich in der Schaluppe und im Boot drängten.

»Was macht ihr?«, rief er ihnen zu, »was habt ihr vor?«

»Verdammt!«, antworteten sie, »wir tun etwas sehr Einfaches, wir bringen uns in Sicherheit; wir haben eine ganz natürliche Sache vor: der Gefahr zu entkommen.«

Daraufhin riefen zwanzig Stimmen: »Kommen Sie mit uns, Rol, kommen Sie mit uns!«

Der Superkargo überlegte kurz, dass dies vielleicht das einzige Mittel sei, die Männer zum Warten auf den Kapitän zu bewegen.

Er kletterte seinerseits über Bord und erreichte das Boot.

Doch ohne ihm Zeit zum Reden zu lassen und ohne zu hören, was er sagte, durchtrennten sie, kaum sahen sie ihn an Bord, das Tau, das sie noch an das Schiff band, und befanden sich in wenigen Sekunden mehrere Taulängen von diesem entfernt.

Die Schaluppe machte es ebenso.

Sogleich ertönten die Rufe: »Kapitän! Kapitän!« an Bord des Schiffes.

Bontekoe steckte den Kopf aus der Luke.

Er sah, wie die auf dem Deck Verbliebenen, blass und stumm, mit der Hand auf einen Gegenstand zeigten, den sie wohl sahen, den er aber, zur Hälfte im Unterdeck steckend, nicht sehen konnte.

Indes drangen folgende Rufe zwischen den blassen Lippen, den zusammengepressten Zähnen hervor:

»Das Boot! Die Schaluppe! Sie flüchten!«

Bontekoe stürzte auf das Deck und hatte auf den ersten Blick alles erfasst: die Gefahr, vor der seine Männer flohen sowie die Gefahr, die ihn bedrohte.

»Wenn sie uns in einem solchen Moment in Stich gelassen haben, sagte er mit einem Kopfschütteln, dann kommen sie auch nicht wieder.«

»Aber was sollen wir dann machen, Kapitän?«

Und all diese Männer warteten, als sei Bontekoe ein Gott, gespannt auf die Worte, die er an sie richten würde.

Bontekoe war vielleicht an Tapferkeit den anderen überlegen, aber schließlich war auch er nur ein Mensch.

Er ließ seinen Blick, einen dieser Blicke, die Horizonte versetzen, lange im Kreis schweifen.

Aber er sah weit und breit nichts, weder Land, noch Segel, einzig jene beiden Boote, die ohne zu wissen, wohin sie fuhren, noch unüberlegter als ihre Gefährten mit aller Kraft von dannen ruderten.

Dann fasste Bontekoe ganz plötzlich seinen Entschluss und rief:

»Hisst schnell auf und macht die Segel los!«

Man führte zuerst den Befehl des Kapitäns aus, dann erkundigte man sich, warum dieser Befehl gegeben worden sei.

»Warum?«, sagte Bonteko, »weil wir versuchen, sie einzuholen, und, sollten sie sich daraufhin weigern, uns in ihre Schaluppe aufzunehmen, das Schiff über diese Elenden hinweglenken werden, um ihnen beizubringen, ihre Pflicht zu tun.«

Dank dieses Manövers und der Unkenntnis, in der sich die Flüchtigen hinsichtlich des Befehls und seiner Ausführung befanden, näherte man sich ihnen tatsächlich bis auf ganze drei Schiffslängen; indem sie jedoch ihrerseits manövrierten und sich dabei gleichzeitig der Segel und der Ruder bedienten, gewannen sie die Windseite ab und konnten sich wieder entfernen.

Die letzte Hoffnung des Kapitäns war damit abermals dahingegangen.

Er stieß einen Seufzer aus; dann sagte er, indem er den Kopf schüttelte, als wollte er aus ihm seine eigenen Ängste verdrängen:

»Ihr seht, meine Freunde, dass wir nur noch auf unsere eigenen Anstrengungen und auf das Erbarmen des Herrn hoffen können. Nehmen wir also all unseren Mut zusammen; ein Teil von uns soll weiterhin versuchen, den Brand zu löschen, während die anderen das Pulver über Bord kippen werden.«

Es hieß dieses Mal, zu gehorchen, und prompt zu gehorchen; wenn in diesem äußersten Fall überhaupt noch eine Möglichkeit zur Rettung verblieben war, dann lag sie in der Entschlossenheit der Manöver.

Ein jeder machte sich also an die befohlene Arbeit; und während etwa zwanzig Männer zur Pulverkammer liefen, ging Bontekoe, der Bohrer und Hohlmeißel verteilte, mit gutem Beispiel voran, indem er versuchte, in den Lagerraum des Schiffes Löcher zu schlagen.

Doch dort tat sich ein Hindernis auf, das man nicht bedacht hatte: Meißel und Bohrer stießen auf die Plankenverkleidung des Schiffes und konnten nicht durchbrechen.

Das war die letzte Hoffnung. Als diese Hoffnung verloren war, bot das Schiff einen grauenhaften Anblick der Trostlosigkeit.

Dennoch gelang es Bontekoe wieder, die erste Verzweiflung zu besiegen, und er setzte durch, dass man das Pulver weiter ins Meer kippte.

Er selbst verschrieb sich dieser gefährlichen Arbeit und überließ anderen die Aufgabe, mehr Wasser in den Lagerraum zu schütten.

Vorübergehend meinte man, dass Feuer sei schwächer geworden, und atmete auf.

Plötzlich wurde Bontekoe mitgeteilt, das Feuer habe soeben die Ölvorräte erreicht.

Von da an war der Untergang besiegelt: Je mehr Wasser man ausschüttete, desto näher kam das mit dem Wasser ansteigende erhitzte Öl dem Brand auf dem Deck; und dennoch machte man mechanisch weiter, unter großem Geschrei und Gebrüll, das all den verzweifelt gestikulierenden, mitten durch den Qualm laufenden Männern das Aussehen wahrer Dämonen verlieh.

Dennoch hielt das Beispiel des Kapitäns all diese Männer zusammen.

Man hatte bereits sechzig halbe Stückfässer mit Pulver ins Meer geworfen, aber es waren noch dreihundert übrig.

Unweigerlich näherte sich das Feuer der Pulverkammer; schließlich gaben die dort arbeitenden Männer, obwohl es weder an der einen noch an der anderen Stelle Hoffnung auf ein Entrinnen gab, die Pulverkammer auf und stürzten mit jenem bei großen Gefahren üblichen Bedürfnis nach Luft und Raum mit folgendem Ruf auf das Deck: »Das Pulver! Das Pulver!«

In diesem Augenblick befanden sich noch einhundertneunzehn Männer auf dem Schiff. Bontekoe hielt sich in der Nähe der großen Luke auf; er zählte dreiundsechzig Wasser schöpfende Männer.

Bei diesem Ruf wandte er sich um, sah jene bleichen, bestürzten, zitternden Männer, begriff, dass alles verloren war, reckte die Arme zum Himmel empor und rief:

»Mein Gott, Allmächtiger! Erbarme Dich meiner!«

Er hatte dieses letzte Wort noch nicht ganz ausgesprochen, da spaltete sich das Schiff, Flammen speiend wie der Krater eines Vulkans, mit einem grauenhaften Geräusch, und er wurde mitsamt allen Umstehenden in blitzartiger Geschwindigkeit mit den brennenden Trümmern der Neu-Hoorn in die Luft geschleudert.

Kapitel III — Das Wasser

»Inmitten der Lüfte, in die ich mich geschleudert sah«, so sagt Bontekoe selbst in dem Bericht, den er von diesem furchtbaren Ereignis verfasst hat, »bewahrte ich mir nicht nur die ganze Freiheit meines Geistes, sondern ich bewahrte auf dem Grunde meines Herzens auch einen Funken Hoffnung.

Ich spürte bald, dass es wieder abwärts ging und fiel, mitten im Feuer und im Qualm, ins Wasser zurück zwischen die Trümmer des in tausend Stücke zermalmten Schiffes!

In dieser Lage wuchs mein Mut, und mir war, als werde ich zu einem anderen Menschen. Ich blickte mich um und sah den Großmast zu meiner Rechten und den Fockmast zu meiner Linken. Ich erreichte den am nächsten liegenden – es war der Großmast –, ich klammerte mich an ihn und rief, als ich all die traurigen Gegenstände um mich herum sah, das Herz voller Tränen, mit einem tiefen Seufzer:

Oh mein Gott! Ist es denn möglich, dass dieses schöne Schiff zugrunde gegangen ist wie Sodom und Gomorrha!«

Man wird mir beipflichten: Wenigen Männern war es gegeben, Zeilen schreiben zu können, die den soeben von uns übersetzten gleichen.

Unterdessen war Bontekoe nicht der einzige, der diese Katastrophe überleben sollte.

Kaum hatte er sich an seinen Mast geklammert, kaum hatte er die von uns erwähnten Worte ausgesprochen, sah er, wie sich eine Welle öffnete und an der Wasseroberfläche ein junger Mann auftauchte, der aus den Tiefen der See zu kommen schien.

Dort angelangt, schaute er sich um, entdeckte einen Teil des Rammsporns, der in ein paar Faden Entfernung trieb, schwamm energisch in seine Richtung, klammerte sich daran, reckte somit nicht nur den Kopf, sondern auch die Brust aus dem Wasser und rief dabei:

»Ach! Gelobt sei der Herr! Ich bin also noch von dieser Welt!«

Bontekoe mochte seinen Augen nicht trauen; doch als diese Worte zu ihm drangen, rief er seinerseits:

»Oh! Ist also außer mir noch ein anderer Mensch am Leben hier?« »Ja!, ja!, ich!«, antwortete der junge Mann.

»Wer, ich?«

»Harmen van Kniphuysen.«

Bontekoe nahm seine ganz Kraft zusammen, reckte sich über die Wellen und erkannte ihn tatsächlich.

In der Nähe des jungen Mannes trieb ein kleiner Mast, und da derjenige, der dem Kapitän Halt gab, sich unablässig wegbewegte und um sich selbst drehte, was ihn viel Kraft kostete, sagte er:

»Harmen, schieb’ mir diese Spiere zu: Ich werde mich auf sie legen und mich, sobald ich oben bin, auf dich zu bewegen, damit wir dieselben Aussichten auf Rettung haben.«

»Ah! Sie sind’s, Kapitän!«, sagte der junge Mann. Wie wunderbar!«

Und obwohl er in die Luft geschleudert, obwohl er unter Wasser getaucht worden war, schob er, wohlauf und energisch, die Spiere Bontekoe zu, der sie sogleich ergriff.

Es war höchste Zeit: So zerschlagen wie er war, den Rücken zerschmettert und den Kopf an zwei Stellen durchlöchert, wäre es ihm unmöglich gewesen, die Spiere zu erreichen.

Da erst wurde sich Bontekoe über seinen Zustand klar: Es schien ihm, als sei sein gesamter Körper eine einzige Wunde, und der Schmerz überwältigte ihn am ganzen Leib mit einer solchen Wucht, dass er unvermittelt weder sehen noch hören konnte.

»Zu Hilfe, Harmen!«, sagte er. »Ich glaube, ich sterbe!«