Schleifeuer – Ein Kriminalroman - Kurt Geisler - E-Book

Schleifeuer – Ein Kriminalroman E-Book

Kurt Geisler

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Beschreibung

Mord, Mythen und Meeresrauschen, die dunkle Seite der Schlei.
Der idyllische Meeresarm Schlei, zwischen Kiel und Flensburg gelegen, gilt als Sehnsuchtsort für Segler, Urlauber und Träumer. Doch hinter der malerischen Fassade aus Reetdachhäusern und sanften Wellen lauert ein düsteres Geheimnis: Schon zu Zeiten der Wikinger war diese Wasserstraße nicht nur ein florierender Handelsweg, sondern auch ein Schauplatz von Raub, Verrat und Feuer.
Und bis heute scheint das Böse hier fest verankert zu sein: kuriose Todesfälle, mysteriöse Brände und bedrohliche Zwischenfälle erschüttern die vermeintliche Idylle der Schleidörfer, als würde die Vergangenheit ihre Schatten auf die Gegenwart werfen. Doch zwischen allem Schrecken blitzt immer wieder der trockene norddeutsche Humor auf, der selbst dem Unheimlichsten einen schrägen Glanz verleiht.
Ein Krimi voller Spannung und Atmosphäre, mit einem Augenzwinkern.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kurt Geisler

Schleifeuer

Kriminalroman

Impressum

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv

Cover: © by Juli Bo mit Bärenklau Exklusiv, 2025

Korrektorat: Bärenklau Exklusiv

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau (OT), Gemeinde Oberkrämer. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

www.baerenklauexklusiv.de / [email protected]

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

Schleifeuer

Donnerwetter

Kanonenfutter

Brarupmarkt

Aus heiterem Himmel

Kleine Gefälligkeiten

Ein Mann von Welt

Lokaltermin

Alte Bekannte

Nouvelle Cuisine

Kalte Füße

Sturmpassage

Bauerntheater

Von Bullen und Bären

Hausfrauenkunst

Landpartie

Amt und Würden

Gebeutelt

Unterhaltungsprogramm

Sommergrippe

Rechenkünste

Unter Piraten

Auszeit

Feld der Träume

Schlummertruppe

Unter Freunden

Richtungswechsel

Schieflagen

Leben und Tod

Einmaleins

Feindesland

Ruhezeiten

Ausgeflogen

Fliegen

Im gleichen Boot

Halbe Sachen

Feine Züge

Hamburger Nächte

Das Buch

Mord, Mythen und Meeresrauschen, die dunkle Seite der Schlei

Der idyllische Meeresarm Schlei, zwischen Kiel und Flensburg gelegen, gilt als Sehnsuchtsort für Segler, Urlauber und Träumer. Doch hinter der malerischen Fassade aus Reetdachhäusern und sanften Wellen lauert ein düsteres Geheimnis: Schon zu Zeiten der Wikinger war diese Wasserstraße nicht nur ein florierender Handelsweg, sondern auch ein Schauplatz von Raub, Verrat und Feuer.

Und bis heute scheint das Böse hier fest verankert zu sein: kuriose Todesfälle, mysteriöse Brände und bedrohliche Zwischenfälle erschüttern die vermeintliche Idylle der Schleidörfer, als würde die Vergangenheit ihre Schatten auf die Gegenwart werfen. Doch zwischen allem Schrecken blitzt immer wieder der trockene norddeutsche Humor auf, der selbst dem Unheimlichsten einen schrägen Glanz verleiht.

Ein Krimi voller Spannung und Atmosphäre, mit einem Augenzwinkern.

***

Schleifeuer

Kriminalroman von Kurt Geisler

Donnerwetter

Ein krachendes Donnern ließ Rosemarie Niebuhr schwitzend aus ihrer Nachtruhe hochschrecken. Offenbar war ein kräftiges Gewitter im Anmarsch. Das erleichterte sie, und entspannt ließ sie sich wieder ins Bett zurückfallen. In jugendlichen Zeiten liebte sie noch die wenigen lauen Julinächte, auch wenn der Gestank aus den Ställen die Luft auf dem Lande unangenehm schwängerte. Mit zunehmendem Alter liebte sie mehr die kühlenden Regennächte, in denen sie das beruhigende Prasseln an den Fenstern schnell wieder in den Schlaf versetzte. Der leicht aufbrisende Westwind hatte schon gestern am Abend eine Wetteränderung angekündigt, was oft schnell im nördlichsten deutschen Bundesland zwischen den Meeren vonstattenging.

Ein leichtes Knarren an der Tür alarmierte sie. Rosemarie fuhr wieder hoch und hielt den Atem an, aber es regte sich nichts. Hatte sie schlecht geträumt? Beunruhigt senkte sie ihr Haupt zurück auf das Kopfkissen. Heute Nacht würde es ihr schwerfallen, wieder einzuschlafen.

Seltsam, auch in den letzten Nächten war sie immer wieder hochgeschreckt. Mal hörte sie Stimmen aus der Vergangenheit, und dann plagten sie unbewältigte Geschehnisse in der Familiengeschichte. Dabei war sie eigentlich eher nicht von ängstlicher Natur, sie hatte schon schlimme Zeiten erlebt. Schließlich hatte sie als kleines Mädchen trotz der vielen englischen Tiefflieger über den Äckern Angelns den letzten Weltkrieg unbeschadet überstanden und später in der schlechten Zeit dem Hunger getrotzt.

Unruhig wälzte sie sich hin und her, bevor ihr Atem wieder gleichmäßiger ging. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie musste unwillkürlich an ihren verstorbenen Mann denken, in den sie sich vor mehr als fünfzig Jahren Hals über Kopf verliebt hatte. Bei einem Feuerwehrball in ihrem Heimatdorf auf der Halbinsel Eiderstedt hatte sie ihn kennengelernt. Er nannte sie immer »Herzröschen«, und so gab sie sich ihm schnell hin. Bei der Heirat in der Kirche St. Michael schielten alle Freundinnen aus dem Dorf neidisch auf ihren ausladenden Bauch, in dem der kleine Heinerich langsam heranwuchs.

Alle Mädchen in ihrem Heimatdorf wollten wie sie hinaus in die weite Welt: nach Husum, Heide oder vielleicht sogar Kiel, wo das Leben tobte. So war sie heilfroh, dass ihr frischgebackener Mann bald den Hof seiner Eltern in Saustrup in Angeln übernehmen durfte. Gut, die große weite Welt war es nicht. Aber der Bahnhof in Süderbrarup war mit dem Bus gut zu erreichen, und von dort war es mit dem Zug nur eine knappe Stunde bis nach Flensburg oder Kiel.

Mit der Geburt von Heinerich erfüllte sich auch ihr Traum von einer kleinen Familie. Der Bauernhof profitierte seinerzeit von der Unterstützung der Bundesregierung für die Bauern. Nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stellten sie den Hof auf Schweinemast um, um an entsprechende Fördergelder zu kommen. Das klappte zunächst prima, und sie konnten problemlos die notwendigen Maschinen für die Ernte anschaffen, um kein Geld für Futter ausgeben zu müssen.

Bis ihr Mann auf einem steilen Teilstück einer Wiese mit seinem Traktor Holzpfosten für einen Zaun in den Boden drücken wollte, um die Felder für die Schweinemast besser zu sichern. Dafür hatte er die Schaufel des Treckers mit einem Betonblock beschwert, und sie schaute ihm mit Heinerich voller Stolz zu, denn sie waren auf dem besten Weg zu einem modernen Hof. Bei den Arbeiten kam der Traktor allerdings ins Ungleichgewicht, kippte um und stürzte den Hang hinunter, wobei er sich mehrfach überschlug. Erst nach gut 20 Metern kam er zum Stehen. Schnell hielt sie dem kleinen Heinerich die Augen zu, aber helfen konnte ihrem Mann niemand mehr.

Erneut musste sie sich durch schwere Jahre kämpfen. Ihren Sohn zog sie auch in rauen Zeiten mit Anstand groß, obwohl sie wusste, dass der eine oder andere Bauer von den Nachbarhöfen seinerzeit gerne Hand an sie gelegt hätte. Aber damit war sie nach der Geburt von Heinerich sowieso durch. Ihr Sohn packte mit wachsenden Kräften mit an, und irgendwann war er dann groß. Durch die Segnungen der Europäischen Gemeinschaft konnten sie beide mit ihrem Schweinemastbetrieb über Jahrzehnte auskömmlich leben.

Ihren Hof hatte sie dem Heinerich erst vor wenigen Jahren übergeben, als ihre Kräfte zu schwinden begannen. Zum Dank musste er ihr hinter dem Hauptgebäude des Gehöfts ein schmuckes kleines Holzhäuschen bauen, in dem sie seitdem wohnte und den Luxus genoss, nicht mehr von morgens bis abends die Knochen für die eigene Brut hinhalten zu müssen.

Schon wieder vernahm sie ein unheimliches Knarren, dieses Mal aus der Diele. Vorsichtig erhob sie den Kopf und lugte zur Tür. Licht blitzte kurz im Schlüsselloch auf. War es lediglich ihr Sohn, der nach dem Rechten sehen wollte?

»Heinerich, bist du es?«

Eine Antwort erfolgte nicht. Stattdessen vernahm sie von der Landstraße das Geräusch eines vorbeifahrenden Lastwagens. Es mussten die Scheinwerfer des Fahrzeugs gewesen sein, die den Flur kurzzeitig in Licht getaucht hatten. Sie zwang sich, wieder zur Ruhe zu kommen, und senkte erschöpft ihren Kopf auf das Kissen zurück.

Nein, den armen Heinerich, den würde sie nicht im alten Bauernhaus wecken. Der hatte es schließlich schon so schwer genug mit der vielen Arbeit auf dem Gehöft. Rosemarie bekochte ihn zwar noch und schaute hier und dort nach dem Rechten, aber harte Arbeit war das nicht. Fand sie vielleicht deswegen nicht mehr in den festen Schlaf wie früher? Oder waren es die Gedanken an Dinge, die sie nicht ändern oder über die sie sich immer noch furchtbar aufregen konnte?

Nie würde Rosemarie vergessen, wie sich ihre Großmutter seinerzeit während der Trauungszeremonie in der schmucken Kirche St. Michael zu ihr herüberbeugte und auf Plattdeutsch ein vernichtendes Urteil über ihren Zukünftigen in ihr Ohr flüsterte: »Dien Schietbüdel, de döcht nix!«

Der zukünftige Ehemann taugte nichts? Rosemarie hatte es unter den damaligen Umständen schlucken müssen, bis sie endlich aus der Enge des kleinen Dorfes mit ihrem Mann nach Saustrup fliehen konnte. Dort gab es allerdings auch böse Zungen, welche die junge Familie schlechtreden wollten. Zeitlebens hatte Rosemarie dagegen angekämpft. Jetzt war sie alt und schwach.

Ihre verhasste Großmutter erschien ihr im Traum. Rosemarie musste wieder eingedöst sein, ohne es zu bemerken. Heute Nacht würde sie sich nicht zurückhalten und es der alten Hexe zeigen. Bevor sie jedoch ihrem Herzen Luft machen konnte, packte ihre Großmutter sie am Hals und begann sie zu würgen. Mit aller Macht versuchte Rosemarie, sich zu wehren, aber der Druck auf die Luftröhre wurde immer stärker.

Woher nahm die alte Frau nur die Kraft? Das konnten unmöglich die Hände der Großmutter sein. Trotz der Luftnot riss Rosemarie panisch die Augen weit auf, aber in der Finsternis war nichts zu erkennen. Wild zappelnd begann sie um sich zu schlagen, denn der fehlende Sauerstoff raubte ihr zunehmend die Kraft. Sie fühlte aber keine Schmerzen, nur noch Müdigkeit.

Sie konnte nicht mehr und sie wollte auch nicht mehr. Dazu hatte sie in den letzten Jahren einfach zu viel erlitten. Immer die Familie verteidigt. So gab sie nach. Nur noch Schlaf, und nie mehr schlechte Träume.

Das kräftige Gewitter, das jetzt über der Schlei zu toben begann, das bekam sie schon nicht mehr mit.

Kanonenfutter

Fröstelnd betrachtete der Kieler Kommissar Hansen machtlos das brodelnde Spektakel unter ihm. Er stand am Geländer der Holtenauer Hochbrücke, die den Nord-Ostsee-Kanal in fünfzig Metern Höhe überspannte. Kaum zweihundert Meter vor ihm trieb wie ein riesiges ertrunkenes Lamm ein manövrierunfähiger qualmender Containerfrachter direkt auf die beiden mächtigen Schleusentore des Nord-Ostsee-Kanals zu, angetrieben nur noch vom leicht aufbrisenden Westwind. Keine ungefährliche Situation, denn der Frachter trieb auf die betagten Schleusentore des meistbefahrenen Kanals der Welt zu. Wenn die beschädigt würden, dann könnte das zu einem wochenlangen Totalausfall der Kanalschifffahrt führen.

Dabei hatte das Unglück zunächst nicht sonderlich spektakulär begonnen. Dem ersten Notruf des Kapitäns der »Baltic Carrier« nach hatte ein im Maschinenraum ausgebrochenes Feuer beißenden Rauch ins Schiffsinnere geleitet. Die Wasser- und Schifffahrtsdirektion hatte die Leitstelle der Polizei sofort darüber informiert, dass der Kapitän deswegen die Hauptschiffsmotoren abstellen ließ. Durch den leicht drehenden Wind bestand allerdings die Möglichkeit, dass der Frachter nicht auf die Schleusentore lief, sondern vorher auf den Kai des Ölhafens im Kanal. Auf dem standen riesige Tanks, die bis zum Rand mit explosiven Stoffen gefüllt waren.

Wegen dieser drohenden Gefahr hatte Kommissar Hansen Großalarm ausrufen lassen. An Land sperrten seitdem unzählige Polizeifahrzeuge weiträumig alle Straßen ab, die zum Kanal führten, auch um mögliche Rettungswege aufrechtzuerhalten. Inzwischen scharten sich um den manövrierunfähigen Frachter mehrere kleine Schiffe, um Besatzungsmitglieder aufzunehmen, die mit einem Sprung ins Wasser ihr Leben retten wollten. Das klappte auch ohne die professionellen Bergungsschiffe, die vermutlich in den Kanalschleusen feststeckten, erstaunlich gut.

Trotz der vorläufigen Nachrichtensperre hatten sich auf der Hochbrücke unweit vom Kommissar die ersten Gaffer eingefunden, was bei der Rauchsäule, die aus dem Schiffsbauch quoll, kaum verwunderlich war. Gebannt verfolgten sie das weitere Geschehen im Kanal, während leichter Nieselregen einsetzte. Kommissar Hansen wurde vom Klingeln seines Handys abgelenkt. Es war Magnussen, sein Polizeidirektor. Nicht ein Mensch von der Sorte, die er sonderlich schätzte, und so nahm er den Anruf nur widerwillig an.

»Hansen, Sie müssen unbedingt durchhalten auf der Brücke. Keine Angst, bald bin ich bei Ihnen. Dann bekommen wir die Situation gemeinsam unter Kontrolle. Alles wird gut enden, vertrauen Sie mir. Bis gleich.«

Ein Klicken beendete das Gespräch grußlos. Durchhalteparolen vom Chef. Wofür? Natürlich war Hansen klar, dass der umtriebige Polizeidirektor Magnussen wie immer versuchen würde, die heikle Situation vor den Schleusentoren zu seinen Gunsten hinzubiegen.

In diesem Augenblick öffnete sich eines der Schleusentore und es steuerten zwei Schlepper auf den Frachter zu. Von dort wurden Taue heruntergelassen, und wenig später wurde das Containerschiff wie ein Fisch an den Haken genommen, um es aus der Gefahrenzone zu schleppen. Dem Kieler Kommissar wurde deswegen mehrfach vom illustren Publikum auf die Schulter geklopft. Die größte Gefahr schien in der Tat gebannt zu sein, und deswegen traten die Schaulustigen laut diskutierend den Heimweg an wie nach einem schwer erkämpften Sieg ihres Heimatvereins Holstein Kiel.

Nach der erfolgreichen Rettung der Besatzungsmitglieder und Bergung des Frachters stand für Hansen jetzt die Ermittlung der Brandursache im Vordergrund. Er zückte sein Handy und wählte die Nummer vom Kollegen Fingerloos von der Spurensicherung. Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sich dessen knarrende Stimme auf seiner Mobilbox meldete.

»Waldorf Astoria, New York. Leider alle Zimmer belegt. Bitte morgen noch einmal versuchen. Wiederhören.«

Damit war die Ansage beendet. Aufsprechen auf die Mailbox konnte Hansen nichts. Während er noch darüber sinnierte, warum man elektronische Stromstöße nicht per Handy verteilen konnte, stoppte eine schwere Limousine mit quietschenden Reifen hinter ihm. Man musste kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es Polizeidirektor Magnussen sein musste. Wenig später erfolgte eine unerwartet warmherzige Begrüßung.

»Gratuliere, Hansen. Sie haben heute einen klasse Job erledigt. Jetzt sind Sie der Held von Kiel.«

Das Lob stimmte den Kommissar nachdenklich. Schließlich hatte er lediglich auf der Hochbrücke gestanden und die eine oder andere Anweisung erteilt. Heldenhaft hatten die Rettungskräfte auf dem Kanal gehandelt.

Magnussen schwelgte weiter in Lobeshymnen. »Hansen, nun ist für Sie der außerplanmäßige Weg zum Kriminalrat nicht mehr weit. Sie müssen nur noch ein letztes Spielchen mitspielen.«

Das verstand Hansen nicht. »Spielchen? Welches Spielchen denn?«

Kameradschaftlich hakte ihn Magnussen ein. »Unser gemeinsames Spiel, Hansen. Gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Kein Zentimeter soll mehr zwischen uns stehen. Lassen Sie uns nun noch die letzten fehlenden Millimeter wegräumen, damit ich Sie für die nächste Beförderung vorschlagen kann. Mit Pensionswirkung, dafür verbürge ich mich.«

Das nächste Fahrzeug bremste mit quietschenden Reifen hinter ihm. Sofort löste sich Magnussen von ihm, weil Petra Bester, inzwischen Verlegerin der Kieler Rundschau, aus ihrem kleinen schwarzen Flitzer heraussprang. Sie war zu einer nicht unbedeutenden Größe in der norddeutschen Medienlandschaft herangewachsen. Trotz ihrer eleganten Kleidung überwand sie grazil die schmutzige Leitplanke und steuerte selbstbewusst auf die beiden zu. Während Kommissar Hansen noch zaghaft versuchte, erste unverfängliche Formulierungen für die offenbar anstehende Befragung zu finden, ging Polizeidirektor Magnussen nassforsch in eine Werbeoffensive für sich über.

»Hauptkommissar Hansen. Bitte hier oben nicht nur mit den Händen fuchteln. Stürzen Sie sich sofort hinunter ins Kampfgetümmel zu unseren tapferen Kollegen. Wir müssen Duftmarken setzen und der Bevölkerung unseren unbändigen Einsatzwillen aufzeigen. Ich höchstpersönlich werde die Einsatzleitung übernehmen.«

Verwundert registrierte Hansen die absurden Befehle seines Chefs. Mit dieser Tonart schickte man in den Kriegen Soldaten als Kanonenfutter an die Front. Das meinte Magnussen also mit dem letzten gemeinsamen Spielchen. Hansen überlegte ernsthaft, ob er seinem Direktor nicht einen Vogel zeigen sollte. Widerstand war bei Magnussen aber sinnlos, so grüßte Hansen nur militärisch kurz zurück.

»Jawoll. Wird alles bestens erledigt, Herr Direktor. Bitte um Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen, um in den Kampf mit den Bodentruppen eingreifen zu dürfen.«

Diese Art der Ansprache hatte sein Chef nicht erwartet und zögerte mit einer adäquaten Antwort vor der smarten Verlegerin. Die konnte sich allerdings kaum vor Lachen halten und übermittelte kurzerhand den Marschbefehl.

»Kommissar Hansen. Abtreten und die bösen Buben aufmischen. Und ordentlich reinhalten bei Bedarf. Die letzten Einzelheiten für unsere Kriegsberichtserstattung werde ich höchstpersönlich Ihrem Chef aus der Nase kitzeln.«

Sie zwinkerte ihm dabei zu, während Polizeidirektor Magnussen mit sauertöpfischer Miene und einem kleinen Fingerwink verdeutlichte, dass Hansen nunmehr fehl am Platze war. So nickte der Kommissar den beiden kurz zu, bevor er sich von der Hochbrücke trollte. Konnte aus diesem Abstieg noch ein Aufstieg werden? Wohl kaum.

Der Regen wurde stärker, und Hansen schlug den Mantelkragen hoch. Der einzige Vorteil des erzwungenen Fußmarsches von der Brücke war, dass er endlich wieder reine Luft einatmen konnte. Immerhin fühlte er sich in der Annahme bestätigt, dass der Fisch stets vom Kopf her zu stinken begann.

Brarupmarkt

Die letzten Kilometer in Helge Stuhrs altem Golf waren an diesem regnerischen Sonntag eher schweigsam verlaufen. Jenny hing ihren Gedanken nach, und Stuhr musste sich konzentrieren, um den richtigen Weg zu finden. Die Landschaft um die Schlei war ihm nicht sonderlich vertraut, und wie es um Jennys Seelenlage bestellt war, das ließ sich momentan noch schwerer einordnen. Nachdenklich lenkte Stuhr sein Fahrzeug auf die kleine Landstraße ein, die der gelbe Pfeilwegweiser ihm anbot: Lindaunis, 3 km.

Er hatte es fast geschafft, auch ohne sein Navi. Das musste er bei Ausflügen mit Jenny öfter abstellen, aber an diesem Tag war ihr Tonfall gereizter als sonst. »Helge, heute bin ich deine Ansprechpartnerin und nicht diese quasselige Göre, die du im Armaturenbrett versteckt hältst.«

Wenig später stoppte Stuhr sein Fahrzeug an der roten Ampel vor einer einspurigen kombinierten Straßen- und Eisenbahnklappbrücke, die den Meeresarm Schlei an einer seiner schmalsten Stellen überspannt. Zufrieden stellte er den Motor ab. Jenny würdigte jedoch seine fahrerische Leistung keineswegs, sondern begann wegen des heutigen Ausflugsziels kritisch nachzubohren.

»Helge, dieses Volksfest in Süderbrarup, zu dem wir heute fahren. Sag mal, was wird uns dort geboten? Ein klassisches Konzert? In einer Scheune etwa, so wie letztes Jahr beim Schleswig-Holstein Musikfestival?«

Stuhr verkrampfte ein wenig am Lenkrad, denn Kommissar Hansen hatte ihm den Brarupmarkt wärmstens empfohlen. Mit leuchtenden Augen hatte er davon berichtet, dass sich in den riesigen Bierzelten bei lauter Schlagermusik abends die Landburschen prügelten. Da Stuhr von diesem Süderbraruper Jahrmarkt immer schon abenteuerliche Geschichten gehört hatte, wollte er unbedingt dort einmal hin. Vermutlich würde dieses Volksfest der etwas gröberen Art nicht Jennys Ansprüchen genügen, wenngleich Kommissar Hansen sicherlich wie immer maßlos übertrieben hatte. Nervös trommelte Stuhr mit den Fingern auf dem Lenkrad und antwortete ausweichend.

»Ein Konzert nicht direkt, aber so ähnlich. Musik in jedem Fall. Allerdings glaube ich, dass dort eher Zelte stehen.«

»Zelte?« Jennys Stimme klang skeptisch.

Er bemühte sich, sie zu beruhigen. »Es gibt ja auch schöne Zelte, Jenny. Genau wie klapperige Scheunen. Denk nur mal an die schönen weißen Zelte im VIP-Bereich beim Tennisturnier in Hamburg am Rothenbaum. War das früher nicht immer deine erste Wahl?«

Seine kleine Stichelei wegen ihrer früheren vermögenden Liebhaber hatte sie zum Glück nicht mitbekommen.

»Scheunen finde ich aber romantischer als Zelte, Helge. Der Duft von Heu, manchmal der Blick nach oben durch das kaputte Dach zum Sternenhimmel. Wie damals bei dem klassischen Gitarrenkonzert der Spanier in der Scheune auf Gut Damp. Weißt du noch?«

Sie kuschelte sich unerwartet ein wenig an ihn. Natürlich wusste Stuhr das nur zu gut, denn damals war es eiskalt, und er hatte sich bei dem nicht enden wollenden Geklampfe im Rahmen des Schleswig-Holsteinischen Musikfestivals fast zu Tode gelangweilt. Lediglich sein heimlicher Griff an Jennys wärmenden Po hatte ihn während des Konzerts halbwegs am Leben erhalten.

Stuhrs Aufmerksamkeit wurde jetzt von der Autokolonne in Anspruch genommen, die ihnen von der ehrwürdigen Stahlkonstruktion entgegenrollte. Endlich hatte sie das letzte entgegenkommende Fahrzeug passiert. Freudig startete er den Motor und die Fahrt konnte hoffentlich ohne weitere Diskussionen weitergehen. Die Ampel sprang aber nicht auf Grün um. Stattdessen bewegten sich die beiden Hälften der Klappbrücke unendlich langsam gen Himmel, um zunächst ein Segelschiff auf der Schlei passieren zu lassen. Fluchend schlug Stuhr auf sein Lenkrad. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Jenny erschrocken zusammenzuckte.

In den letzten Wochen hatte es oft unnötig Streit gegeben, und die Nerven lagen ein wenig blank bei beiden. Sicher, auch er wollte gerne mit Jenny in eine größere Wohnung ziehen. Seine war ihr zu klein und unkomfortabel. Während er aber seinen geliebten Hafenblick nicht aufgeben wollte, zog es sie eher in eine der großzügigen Altbauwohnungen mit Stuckdecken aus der Gründerzeit am Blücherplatz, direkt beim Wochenmarkt. Wenngleich ihre Vorstellungen kaum mehr als einen Kilometer auseinanderklafften, so trennten sie Welten.

In der Standortfrage gab Jenny keinen Fingerbreit nach. Seit Wochen war sie zudem mit den Planungen für die Einrichtung beschäftigt, wenngleich die endgültige Einigung noch ausstand. Akribisch hatte Stuhr in ihrem geliebten Mondkalender herumgestöbert und festgestellt, dass zurzeit eigentlich die positiven Einflüsse bei Jenny überwiegen müssten. Natürlich war für jeden halbwegs vernünftig denkenden Menschen klar, dass die Helligkeit des Mondes keinen Einfluss auf Mordraten, Verkehrsunfälle oder Frauenbefindlichkeiten haben konnte. Zumal Stuhr aufgeschnappt hatte, dass selbst der Vollmond nur ein Fünftel der Leuchtkraft einer Kerze besaß. Vielleicht gibt es in den skandinavischen Möbelhäusern deswegen so große Kerzenabteilungen.

Endlich, die Klappbrücke senkte sich wieder, aber die Ampel sprang immer noch nicht um. Den Grund konnten beide wenig später entdecken, weil ihnen auf dem in der Fahrbahn eingelassenen Gleis ein Personenzug im Schritttempo entgegengerumpelt kam. Stuhr kommentierte das lakonisch.

»Da hast du deine Romantik, Jenny.«

Lächelnd antwortete Jenny: »Eine Regionalbahn ist nicht romantisch, da hättest du schon eine richtige Dampflok aufbieten müssen. Warum bist du eigentlich nicht über die Autobahn gefahren? Dann hätten wir uns die ganze Warterei ersparen können.«

Stuhr zeigte auf sein Navi im Armaturenbrett. »Warum? Weil du mir jegliche Konversation mit der freundlichen jungen Dame im Armaturenbrett untersagt hast.«

Jenny zeigte sich schlagfertig. »Seit wann hörst du denn auf die Stimme einer Frau, Helge?«

Sie ließ offen, welche sie meinte. Stuhr konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und nahm den Burgfrieden an. Er schaltete das Radio ein, aber nähere Einzelheiten über das nächtliche Schiffsunglück bei den Holtenauer Schleusen wollte er sich auf der Fahrt zum Volksfest nicht anhören. Ein kurzer Druck auf den Einschaltknopf würgte den Sprecher ab. Endlich sprang auch die Ampel auf Grün, und wenig später manövrierte er seinen alten Golf behutsam über die schmale Brücke.

Für einen kurzen Moment klarte es auf, und zufrieden genoss Jenny den malerischen Blick auf die von der tiefstehenden Sonne in warme Farben getauchte Schlei.

Ein wenig später tauchte am Straßenrand das Ortseingangsschild von Süderbrarup auf. Sie passierten einen großen Friedhof, der sich bis zu einer mächtigen Kirche hinzog. Die Straße füllte sich zunehmend mit Passanten, und bald war es nur noch möglich, im Schritttempo weiterzufahren.

Plötzlich gab es einen dumpfen Knall. Entschlossen trat Stuhr auf das Bremspedal. Ein verwegener älterer Bursche in Jeansjacke, der flach auf die Motorhaube geknallt war, blickte Stuhr durch die Windschutzscheibe mit starren offenen Augen an. Während Jenny erschrocken ihre Tür verriegelte, zog Stuhr die Handbremse an und sprang aus dem Wagen.

»Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen.«

Der Bursche auf der Haube rührte sich nicht. Stattdessen näherte sich ein Passant.

»Er Sie auch nicht. Augenstillstand. Der kommt direkt vom Brarupmarkt.« Der Passant zog den Betrunkenen wie selbstverständlich von der Haube, was kein leichtes Unterfangen war, weil der von durchaus kräftiger Statur war. Dann verabschiedete sich der freundliche Helfer mit knappen Worten.

»Ich weiß, wo er wohnt. Ich bringe ihn besser nach Hause. Ist ja weiter nix passiert. Nichts für ungut. Moin.«

Stuhr war erleichtert. »Danke. Können Sie mir bitte noch schnell sagen, wie ich am besten zum Brarupmarkt komme?«

Obwohl der hilfreiche Passant Schwierigkeiten mit dem Gewicht seines betrunkenen Bekannten hatte, bemühte er sich, eine korrekte Antwort abzuliefern. »Eigentlich sind Sie schon da. Der ist gleich hinter der Kirche, genau in der Stadtmitte. Da werden Sie aber kaum einen Parkplatz bekommen. Besser, Sie fahren da vorne rechts auf die nächste Koppel zum Parken. Immer einfach den anderen Autos hinterher.«

Stuhr bedankte sich höflich, während der Passant den Betrunkenen jetzt noch fester packte, um langsam mit ihm davonzuhumpeln. Erleichtert stieg Stuhr ins Fahrzeug, wo ihn Jenny verängstigt ansah.

»Kein Konzert, Helge?«

»Musik, Jenny. Sagte ich bereits. Warte einfach ab.«

Stuhr startete den Motor, fuhr um die Ecke und an vielen wild parkenden Autos vorbei auf eine große matschige Koppel, die am Ende leicht anstieg. Er wollte lieber dicht bei der Einfahrt parken, um nicht allzu weit zur Festwiese laufen zu müssen. Jenny zog auf dem Beifahrersitz ihre Stiefel an, die sie neuerdings bei Stuhrs Ausflügen vorsichtshalber immer mit sich führte.

Dann marschierten sie gemeinsam los und folgten dem Strom der Passanten. Der Lärm vom Jahrmarkt war nicht mehr zu überhören, und flackernde bunte Lichter von einem kleinen Riesenrad signalisierten ihnen, nicht mehr weit vom Festgelände entfernt zu sein. Darüber geriet Jenny in Verzückung.

»Ein Rummelplatz, Helge. Wir besuchen einen richtigen Jahrmarkt? Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Eine großartige Idee von dir. Du musst mir unbedingt ein Lebkuchenherz kaufen.«

Stuhr nahm Jenny fest in den Arm. »Selbstverständlich, mein Schatz. Sag, wo möchtest du zuerst hin: Riesenrad, Achterbahn oder Autoscooter?«

Sie löste sich etwas von ihm. »Wenn ich ehrlich bin, zunächst auf die Damentoiletten, Helge. Möglichst schnell, wenn es irgendwie geht.«

Stuhr war klar, dass alle anderen Aktivitäten verschoben werden mussten. Glücklicherweise fanden sie die Damentoiletten schnell in einer Nische zwischen diversen Fahrgeschäften. Allerdings hatte sich davor eine lange Schlange gebildet. Jenny kniff die Beine zusammen und zog eine unglückliche Miene.

»Keine Angst, ich halte schon durch, Helge. Aber es wird dauern, bis ich dran bin. Willst du dich in der Zwischenzeit nicht ein wenig auf dem Landmarkt umsehen? Wir treffen uns dann wieder hier.«

Das war für Stuhr die einmalige Gelegenheit, sich auf dem Volksfest eine Zeit lang ohne Jenny umzusehen. »Machen wir genau so, mein Schatz.«

Jenny hauchte ihm einen Kuss auf seine stoppelige Wange. Normalerweise schimpfte sie dann immer, weil er sich sonntags nur selten rasierte. Aber momentan erforderte offensichtlich die Blase ihre volle Aufmerksamkeit.

Schon nach wenigen Metern ließ sich Stuhr von der Menge aufsaugen, die in Scharen mit Kind und Kegel geduldig ihre Runden um das Festgelände drehten. Er staunte nicht schlecht: Der Landmarkt war viel größer als der Kieler Jahrmarkt und nicht nur auf den ersten Blick unübersichtlich. Der vom Regen der letzten Tage durchweichte Boden war modderig und an vielen Stellen nahezu unpassierbar. Dennoch schoben sich viele der überwiegend ländlichen Besucher wie selbstverständlich durch die matschigen Gassen.

Für Stuhr war das ungewohnt, weil man als Städter mit Bürgersteigen und asphaltierten Flächen vertrauter war. Im Gegensatz zum Kieler Jahrmarkt war zudem auffällig, dass zwischen den vielen Fahrgeschäften, Schießständen und Losbuden zahlreiche große Bierzelte platziert waren. Mit lauter Schlagermusik und dummen Sprüchen versuchten bunt gekleidete Diskjockeys, erste Besucher in die noch leeren Suffhöhlen zu kobern. Mit tödlicher Sicherheit war davon auszugehen, dass es später dort hoch hergehen würde. Dann würden Jenny und er schon längst friedlich zu Hause schlummern.

Stuhr blickte sich um und eilte hastig zum ersten Zuckerbäcker, der ihm ins Auge fiel. Dort kaufte er das größte Lebkuchenherz, das er auftreiben konnte. Die Inschrift ›Schnucki‹ fand er zwar nicht sonderlich prickelnd, aber der rote Zuckerguss am Rand würde vermutlich bei Jenny gut ankommen.

Als Jenny erleichtert aus dem Toilettenwagen schritt, zauberte Stuhr hinter seinem Rücken das Lebkuchenherz hervor. Sie fiel ihm dankbar um den Hals und hängte es sich um. Dann hakte sie sich bei ihm ein. Nun konnte es weitergehen, auch wenn beide vermutlich ein wenig zu elegant für dieses ländliche Volksfest gekleidet waren. Als sie vor einem großen Loswagen innehielten, vor dem sich ungewöhnlich viele Marktgänger tummelten, schmetterte der Losverkäufer ihnen prompt einen kühnen Spruch entgegen.

»Ah, die beiden Turteltauben vom Film sind endlich auch da. Zehn Lose umsonst für Sie. Kommen Sie einfach zu mir.«

Das Publikum begann zu klatschen. Da Jenny keinerlei Anstalten machte, sich auch nur einen Millimeter vom Fleck zu rühren, begab sich Stuhr auf den Weg zum Losverkäufer. Der schenkte ihm aber keine Lose, sondern drückte ihm gleich einen riesigen braunen Teddybären in den Arm. Dann schrie er in sein Mikro:

»Leute, kauft! Ihr seht, jedes zehnte Los gewinnt.«

Während die gierige Menge jetzt nach vorne drängelte, gestaltete es sich für Stuhr schwierig, mit dem großen Stoffbären im Arm wieder zu Jenny zu finden. Sie zeigte sich auch nicht sonderlich erbaut über den Gewinn, und in der Folge brachte sie auch für die anderen lokalen Attraktionen wie Schießbuden, Autoscooter oder das kleine Riesenrad wenig Interesse auf. Nach einer Stunde kannten beide den Jahrmarkt in- und auswendig, aber so richtig entscheiden für irgendetwas mochte sich Jenny nicht. Bis sie urplötzlich vor einem großen Bierzelt anhielt.

»Weißt du was, Helge? In ein solches Festzelt wollte ich immer schon einmal hinein und zünftig feiern. So wie auf dem Oktoberfest in München. Machst du mit?«

Nun gut. Süderbrarup war nicht München, und mit einem großen Plüschbären im Arm wollte er auch nicht unbedingt gesehen werden. Im Gegensatz zum Oktoberfest gäbe es auf dem Brarupmarkt vermutlich aber kaum Probleme mit freien Plätzen. Kennen würde ihn auch niemand, und zudem fing es gerade wieder an zu nieseln. Aus welchem Grund sollte er ihr den Spaß verderben?

Aus heiterem Himmel

Der wolkenverhangene Himmel über Kiel ließ an diesem Sonntagnachmittag nur trübes Licht in das schmucklose Büro der Polizeidirektion. Obwohl das genau zu der tristen Grundstimmung von Kommissar Hansen passte, begegnete er seinem eintretenden Kollegen Ferdinand Fingerloos von der Spurensicherung freundlich. Der arme Kerl war wegen des Unglücks der »Baltic Carrier« fast 24 Stunden mit seiner Truppe im Dauerregen unterwegs gewesen. Eine wahre Sisyphusarbeit, und das am heiligen Sonntag. Hatte er inzwischen etwas herausgefunden?

Neugierig bohrte Hansen nach. »Kannst du schon etwas sagen?«

Fingerloos wirkte müde und antwortete nur knapp. »Ja. Guten Tag.«

Hansen hatte eigentlich erste Informationen erwartet, aber er hatte verstanden. »Guten Tag, der Herr. Käffchen gefällig?«

Sein Kollege musterte ihn erstaunt. In seiner Antwort schwang sogar ein wenig Dankbarkeit mit. »Gerne, Konrad. Ich bin ziemlich kaputt.«

Kommissar Hansen zuckte bei seinem Vornamen immer wieder aufs Neue zusammen. Pferdi Fingerloos und er duzten sich zwar, aber sein Kollege hätte es auch beim Nachnamen belassen können.

»Ich auch. Hier, zwei Taler für den Kaffee. Meinen bitte mit Milch. Kann auch schnell gehen.«

Mit einer schwungvollen Handbewegung warf er dem verdutzten Fingerloos zwei Münzen zu, die der erschrocken auffing.

»Mensch, Hansen, wenn du einen so wie heute über den Tisch ziehst, dann muss man verflixt aufpassen, dass man die Reibungshitze nicht mit Nestwärme verwechselt. Gleich oder sofort, den Kaffee?«

Der Kommissar blickte beim vorgetäuschten Studium seiner Akten nicht auf. »Gleich sofort.«

Kopfschüttelnd quittierte sein übermüdeter Kollege das mit einer knappen Bemerkung, bevor er sich kopfschüttelnd zum Automaten in Bewegung setzte. »Deine arme Frau.«

Hansen fuhr am Schreibtisch hoch. »Mach einmal halblang, Pferdi. Ich und meine Frau sind fast seit mehr als einhundert Jahren glücklich verheiratet. Finde du erst mal eine, die es mit dir länger als sechs Wochen aushält.«

Ohne weiter Notiz von Fingerloos zu nehmen, stürzte sich Hansen wieder auf die beiden Aktenberge, die sich vor ihm aufgetürmt hatten. Erste Ermittlungen zum Schiffsunglück hatten ergeben, dass die Abgase vom Schiffsdiesel schlagartig aus unerklärlichen Gründen nicht mehr durch den Schornstein abgeleitet worden waren, sondern in das Innere des Schiffes gelangt waren. Zuvor soll es ersten Augenzeugenberichten nach einen gewaltigen Knall gegeben haben.

Glücklicherweise wurde das Eintreten der Abgase in den Kabinenbereich von der Besatzung schnell bemerkt. Sie schlossen alle Schotten und flüchteten an Deck. Der Kapitän ließ die Hauptmaschine abschalten und manövrierte den Frachter langsam weiter mit Bug- und Heckstrahlruder, die elektrisch gespeist wurden. Prekär wurde die Situation erst, als auch die Steuerhilfen durch den Ausfall der Bordelektrik versagten und das Schiff manövrierunfähig wurde. So kam es letztlich zu der Havarie vor den Schleusenkammern, die Hansen von seinem luftigen Standort aus letzte Nacht miterleben durfte.

Der Kollege Fingerloos tauchte erst nach einer Ewigkeit mit zwei Bechern Kaffee wieder auf und reichte Hansen seelenruhig sein Heißgetränk. Missgestimmt schien er nicht zu sein. »Was liest du denn da, Konrad?«

»Na, was denn wohl? Einen halben finnischen Wald haben die Kollegen geopfert, um die bisherigen Aussagen der Beteiligten der Havarie mit Druckertinte auf Papier zu gießen. Die meisten Protokolle sind allerdings ohne irgendwelche Hinweise auf den Hergang des Unglücks. Aber danke für den Kaffee. Ich schicke dich gerne mal wieder los, du kannst schon gut helfen.«

Hansen prostete ihm provozierend mit seinem Kaffeebecher zu. Fingerloos setzte jedoch das Gespräch mit gewohnt ruhiger Stimme fort.

»Ich will dich ja nicht bei deiner Lieblingsbeschäftigung stören, aber deine Leseübungen kannst du dir ersparen, Konrad. Vermutlich haben wir die Ursache des Unglücks bereits herausgefunden.«

Kommissar Hansen sah erstaunt auf. »Und das teilst du mir so beiläufig mit?«

Fingerloos schnappte sich eine von Hansens Büroklammern, bog den Draht auf der Außenseite gerade und begann, mit der gerundeten Innenseite sorgfältig in den Ohren nach Fremdkörpern zu bohren.

»Ja, wir haben mit drei Ingenieuren des Herstellers der Maschine gesprochen, der MaK: Maschinenbau Kiel. Ihr Firmensitz liegt in Friedrichsort, direkt an der Kieler Förde unweit der Holtenauer Schleusen. Die MaK kontrolliert die bei ihnen hergestellten laufenden Systeme elektronisch weltweit per Internet. Beim Motor der ›Baltic Carrier‹ gab es keinerlei Unregelmäßigkeiten, bis schlagartig um 22.32 Uhr ein Zylinder der Hauptmaschine ausgefallen ist.«

Kommissar Hansen behagte es nicht, dass Fingerloos unablässig am Dozieren war. Deswegen hielt er von einer anderen Warte aus dagegen. »Nun, 1976 hatte auch ich einen Motorbrand zu verkraften. In meinem Opel Kadett. Die Ursache war eine Fehlkonstruktion, denn der Plastikbenzinschlauch war direkt über dem überhitzten Motorblock verlegt. Solche Fehler passieren im Industriebereich immer wieder einmal. Ich kann mich sogar noch gut erinnern, dass in den Nachkriegsjahren bei einer Karosserie eines deutschen Autoherstellers eine Seite des Fahrzeugs zwei Zentimeter länger als die andere war.«

Fingerloos musterte ihn skeptisch. »Nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg?«

Kommissar Hansen streckte ihm die Zunge heraus. »Du weißt genau, was ich meine. Es war übrigens die Firma Borgward.«

Jetzt wachte Fingerloos endlich auf. »Borgward? Das Bremer Autounternehmen, das in den 1960ern pleitegegangen ist?«

Hansen freute sich, seinen Kollegen belehren zu können: »Falsch. In die Pleite getrieben wurde. Isabella und Arabella, das sind immer noch klangvolle Namen deutscher Wertarbeit. Selbst die Firmen Goliath und Lloyd gehörten zum Borgward-Firmenkonzern. Das waren noch echte Aufbauzeiten nach dem Krieg. Kennst du vermutlich alles nicht. Du hast ja nur die Früchte des Wohlstands geerntet, den ich mit erschaffen habe.«

Fingerloos schien wenig Interesse an einer weiteren Auseinandersetzung zu haben. »Ich weiß, der Leukoplastbomber. Wer den Tod nicht scheut, der fährt Lloyd.«

Hansen lächelte. »Etwas Farbe, etwas Lack, fertig ist der Hanomag. Genauso ein dummer Spruch. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Menschen heilfroh, irgendeinen fahrbaren Sitz für kleines Geld unter den Hintern zu bekommen. Einen Austauschmotor bekam man für 98 Mark. Endlich war man wieder mobil.«

»Ja, Konrad. Aber nur, wenn man wie der Konstrukteur Carl Borgward 1,66 Meter misst und ein Sitzriese ist. Dann konnte man sich in dessen Fahrzeugen einigermaßen gut bewegen. Vermutlich hättest du dort auch gut hineingepasst.«

Der Kommissar schaute unwillkürlich auf seine Beine, denn er überragte Carl Borgward immerhin um mehr als zweieinhalb Zentimeter. Dennoch erschien es an dieser Stelle notwendig, das Gespräch wieder auf das Wesentliche zu beschränken.

»Nun werde man nicht persönlich, Pferdi. Mit den Autos ist es nicht viel anders als mit uns Menschen. Wenn die einigermaßen gut konzipiert sind, halten die Innereien deutlich länger als das Blech. Sicherlich hatten Borgwards Fahrzeuge zu Beginn Kinderkrankheiten, aber mit der Zeit waren sie ausgereift und recht beliebt.«

---ENDE DER LESEPROBE---