Echt Fies! - Kurt Geisler - E-Book

Echt Fies! E-Book

Kurt Geisler

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Beschreibung

Das Böse ist überall. Und so finden sich zwischen Nord- und Ostsee Tatorte auf Inseln und Schiffen, brandheiße Grenzerfahrungen, gefährliche Steilküsten und menschliche Abgründe auf dem Land. 16 Autoren, darunter auch Mitglieder des Krimi-Kartells, zeigen, dass Schleswig-Holstein nicht nur ein beliebtes Urlaubsland ist, sondern auch unheimlich, kriminell, mörderisch und manchmal eben richtig fies.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Echt Fies!

Kurt Geisler

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2023/2026 dco-Verlag

Verlag: dco-Verlag GmbH, Sommerbergstraße 97, 66346 Püttlingen

[email protected]

Cover – Karina Dreyer

ISBN Paperback: 978-3-910513-05-1

ISBN eBook: 978-3-910513-06-8

Inhalt

Über die Autoren

Wish YOU were here

Björn Högsdal

Tatort

Kurt Geisler

Jägerlatein

Heike Meckelmann

Was sich Jungs so alles wünschen

Jacob Walden

Ein feines Leckerchen

Nadine Sorgenfrei

Schwertträger

Cornelia Leymann

Trinalieschen on Tour

Renate Folkers

Königin der Nacht

Franziska Franz

Der Mann mit dem Messer

Henning Schöttke

Endstation Helgoland

Franziska Franz

Flammentraum

Nina Lund

Gewitter

Sylvia Gruchot

Der grosse Knall

Jörg Rönnau

Heimweg

Sylvia Gruchot

Männerfrau

Regine Kölpin

Die schöne Frau

Henning Schöttke

Sag´s mit Blumen

Sünje Meyer

Quietschenredder

Nina Lund

Klick!

Elke Prediger

Melancholie an der Ostsee

Kurt Geisler

Seebestattung

Inken B. Weiss

Herzschmerzen

Jacob Walden

Über die Autoren

Der Herausgeber

Kurt Geisler ist Herausgeber der Anthologie »Echt Fies«, um eine bunte Vielfalt von spannenden Geschichten in dieser Sammlung zu schaffen. Er ist eingefleischter Schleswig-Holsteiner. Schleswig-Holstein und seine Menschen hält er nicht nur im Wort, sondern auch im Bild fest. Seine Fotografien waren bereits in verschiedenen Ausstellungen zu sehen und haben seinen Blickwinkel für das literarische Schaffen geprägt, was bisher zu sechs Krimis, zwei Herausgeberschaften und einem historischen Band in verschiedenen Verlagen geführt hat.

Die Autoren

Renate Folkers wurde auf Nordstrand in Nordfriesland geboren und hat dort lange in Husum gelebt. Ihr Schreiben galt zunächst dem Aufräumen ihres Lebens. Das hat sie beflügelt, drei Nordseekrimis zu schreiben, einen davon in plattdeutscher Sprache. Die Sommermonate verbringt sie gerne in ihrer Dichterstube, denn dort wurde schon das eine oder andere Grab geschaufelt. Echt fies eben!

Franziska Franz lebt in Frankfurt am Main. Sie entdeckte ihre Leidenschaft für das Schreiben mit Abenteuergeschichten für Kinder im didaktischen Bereich. Seitdem veröffentlichte sie Kurzkrimis und parallel dazu erfolgreiche Thriller und Kriminalromane.

Sylvia Gruchot ist in Ratzeburg geboren. Seit fast 50 Jahren lebt sie in Kiel und arbeitet als Realschullehrerin in Schleswig-Holstein. In ihren Geschichten betrachtet sie Alltagsgeschehen aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Neben vielen Veröffentlichungen in Anthologien bei unterschiedlichen Verlagen ist 2022 ihr erster Krimi »Das Kleid so rot« im dco-Verlag erschienen.

Björn Högsdal ist in Meersburg am Bodensee geboren und zog 1996 nach Kiel. Seine zumeist prosaischen Texte sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften - wie etwa dem Titanic-Magazin - veröffentlicht worden. Er ist zudem Herausgeber von mehreren Textsammlungen. Er gilt als einer der wichtigsten Akteure der Poetry-Slam-Kultur, nicht nur in Norddeutschland.

Regine Kölpin lebt mit ihrer großen Familie in Friesland an der Nordsee. Ihre Romane sind mehrfach auf der Spiegel-Bestsellerliste zu finden und ihre Arbeiten sind mehrfach ausgezeichnet worden. Wenn sie nicht schreibt, bereist sie gern zusammen mit ihrem Mann im Wohnmobil Europa.

Cornelia Leymann gebürtig aus Hannover lebt in Kiel. Nach dem Studium der Pädagogik und anschließend des Verkehrsingenieurwesens arbeitete sie in der IT-Branche. Sie ist Autorin zahlreicher Küsten-Krimis. Daneben widmet sie sich der Malerei.

Nina Lund schaut in ihrem Berufsleben auf mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung im Bereich Journalismus und Fotografie zurück, ebenso Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Liebe zum Schreiben von Krimis hat die 55-Jährige erst vor kurzem entdeckt. Nun stehen viele Ideen im Notizblock, aus denen sie nach und nach Geschichten schreiben möchte. Nina Lund, übrigens ein Pseudonym, lebt in einem Dorf in der Nähe von Kiel.

Heike Meckelmann zog vor mehr als 30 Jahren aus dem Hamburger Umland auf die Insel Fehmarn und widmete sich dort, nach ihrem Studium und verschiedenen unternehmerischen Tätigkeiten, dem Schreiben von Krimis, die überwiegend auf der Ostseeinsel und an der Küste spielen. Sie bezeichnet sich heute als echte Insulanerin.

Sünje Meyer ist in Flensburg geboren und lebt mit Familie und Tieren als tierärztliche Spezialistin in Kiel. Sie schreibt vorwiegend Kurzgeschichten, die bereits in mehreren Anthologien veröffentlicht wurden. Zurzeit arbeitet sie an einem Roman.

Elke Prediger ist Krimifan mit Hang zum schrägen Humor. Sie arbeitet als Journalistin bei verschiedenen Zeitungen und Magazinen im Kieler Raum und hat unter dem Namen Elke Höver das Buch »Carstens Schreie« veröffentlicht, in dem sie einen verurteilten Mörder über längere Zeit in einer Justizvollzugsanstalt aufgesucht und interviewt hat.

Jörg Rönnau ist in Plön geboren und bezeichnet sich selbst als glücklichen Ehemann und Vater, Holsteiner Dickschädel, Gern-Schleswig-Holsteiner, Meermensch und spleenigen Plattsnacker. Er lebt mit seiner Familie am Rande der Holsteinischen Schweiz. Nach mehreren norddeutschen Krimis hat er »Grulich Fund« veröffentlicht, einen plattdeutschen maritim-historischen Krimi.

Henning Schöttke lebt in Kronshagen bei Kiel. Er studierte zunächst Mathematik und Musik auf Lehramt. Er zeichnete zahleiche Comicserien und illustrierte über 100 Schulbücher. Seit 2002 ist Henning Schöttke auch als Autor tätig und schrieb zunächst Drehbücher für mehrere prämierte Kurzfilme. Seitdem erschienen von ihm sechs Romane. Er ist seit Jahren Dozent für Kreatives Schreiben und wurde 2016 Kulturvermittler des Landes Schleswig-Holstein.

Nadine Sorgenfrei war zehn Jahre lang als Zeitschriften-Redakteurin beim Heinrich Bauer Verlag angestellt. Seit 2010 schreibt sie als freie Autorin für zahlreiche Magazine zu Reise-, Pferde- und Lifestyle-Themen. Seitdem hat sie neben Sachbüchern auch zahlreiche Kurzgeschichten für Anthologien und Lifestyle-Magazine veröffentlicht.

Jacob Walden wuchs in Südhessen auf und studierte in Freiburg und Heidelberg. Nach Abschluss des Medizinstudiums zog es ihn für zehn Jahre nach Sylt. Durch die ärztliche Tätigkeit in Krankenhaus, Hausarztpraxis und Kurheimen sowie bei Notdiensten und für die Polizei bekam er Einblicke hinter die schöne Fassade der Insel. Inzwischen lebt Jacob Walden in Bremen. »Wahrheit oder Sylt?« ist sein erster Kriminalroman.

Inken B. Weiss ist in Kiel an der Ostsee aufgewachsen. Nach einer musikalisch geprägten Kindheit studierte sie zunächst Musik, später Rechtswissenschaften. Als Referendarin arbeitete sie bei Gericht, in diversen Rechtsanwaltskanzleien und bei der Kriminalpolizei. Nach dem 2. Staatsexamen war sie jahrelang journalistisch tätig. Heute lebt sie in der französischen Schweiz und hat mit ihrem Kriminalroman »Der Eisprinz« ein erfolgreiches Debüt vorgelegt.

Wish YOU were here

Björn Högsdal

Eine Auswahl möglicher Inschriften für meinen Grabstein:

Was guckst du so blöd, du stirbst auch noch!

Jeder Grabraub wird zur Anzeige gebracht.

Amtierender Weltmeister im Toter-Mann-spielen.

How is my dying?

Call 911-GRIMREAPER!

Und in winzig kleiner Schrift:

Wenn Sie das hier lesen können,

stehen Sie auf meinen Kopf.

Hier könnte Ihre Werbung stehen.

Toter alter Mann an Bord.

Hier liegt Björn Högsdal

76 Menschen gefällt das.

Ich bin ein Star, holt mich hier raus!

»Leider ist dieser Grabsteinspruch

in Ihrem Land nicht verfügbar.«

Do not open before Christmas.

Wish YOU were here!

Oder ich gönne mir drei Gräber nebeneinander mit Licht-show und der Ansage:

Ob ihr wirklich richtig steht,

seht ihr, wenn das Licht angeht!

Tatort

Kurt Geisler

Ermutigend an diesem trostlosen dunklen Herbstabend in Kiel-Gaarden waren für die Filmproduzentin Rosi Puschner lediglich die drei von Scheinwerfern punktuell ausgeleuchteten Fenster im ersten Stock eines in die Jahre gekommenen tristen Geschäftsgebäudes in der Elisabethstraße. Unter jedem der drei Fenster waren Hebebühnen mit weichen Matten platziert. Es waren aber nicht nur die hohen Kosten für die geliehenen Spezialfahrzeuge, die Rosi Puschner beunruhigten.

Ärgerlich war, dass Aufnahmestab und Darsteller wegen des Mangels an Übernachtungsmöglichkeiten in Gaarden auf der anderen Seite der Förde untergebracht werden mussten. Das bedeutete ein kosten- und zeitintensives Hin- und Herpendeln.

Der eigentliche Dreh hinter der schnöden Backsteinfront sollte in einem hell ausgeleuchteten ehemaligen Großraumbüro stattfinden, während der für einen Raub interessanter erscheinende darunterliegende Sultan-Markt im Erdgeschoss völlig im Dunkeln lag. Heute zogen sich die Aufnahmen zu ihrem Missvergnügen unerwartet in die Länge. Nachdenklich nahm Rosi vor dem Backsteingebäude einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Sie war völlig entnervt von ihrer ersten Zusammenarbeit mit dem jungen, aufstrebenden Filmemacher Mark Holthusen. Der galt in der gesamten Branche nicht unbedingt als pflegeleicht, aber sie würde ihm irgendwie schon den Zahn ziehen. Genau wie all den anderen Wichtigtuern, mit denen sie in den letzten zwei Jahrzehnten Serienkrimis realisiert hatte.

Zwei Zigarettenlängen später erlebte sie allerdings den Jungspund in einer Verfassung, die ihre allerschlimmsten Befürchtungen übertrafen. Händerudernd brach er zum vierten Mal den Dreh mit einem unbeholfenen Kleindarsteller ab.

»Klappe, Klappe! Nein, so geht das nicht. Ja, bin ich denn nur von Dilettanten umgeben? Es kann doch nicht so schwierig sein, einen hell ausgeleuchteten Raum zu durchqueren und durch eines der drei mittleren Fenster auf eine darunterliegende Gummimatte zu springen.«

Rosi hatte früher Regisseure anderen Kalibers erlebt, als die Filmemacherei noch reine Männerdomäne war. Gottgleich, selbstverliebt und immer auf der Pirsch nach frischem Fleisch. Offenbar hatte Holthusen einige dieser unschönen Eigenschaften übernommen, denn er plusterte sich auf wie ein Pfau.

»Ja, gibt es in Kiel denn keine guten Darsteller mehr? Bernhard Minetti, Heinz Reinicke, Uwe Schwenker. Was waren das noch für grandiose Schauspieler!«

Ein Tontechniker warf kurz eine Frage in den Raum. »Uwe Schwenker, war das nicht ein Handballspieler vom THW Kiel?«

Wie eine Pistolenkugel schoss der nassforsche Filmemacher die Antwort zurück. »Ja, und? Selbst der Handballer konnte auf dem Spielfeld nach einem Foul besser schauspielern als dieser Dilettant hier. Am liebsten würde ich den gesamten Dreh abblasen. Pause, halbe Stunde.«

Während sich der Kleindarsteller geknickt ins Treppenhaus verzog, vergrub die Produzentin das Gesicht in den Händen und drehte sich angewidert weg. Unbemerkt zog sie das Handy aus der Tasche und wählte eine vertraute Nummer der Sendeanstalt.

»Ah, unsere verehrte Frau Puschner. Wieder einmal in Nöten bei einem Dreh?«

»Ja, Dr. Trutz. Aber dieses Mal müssen Sie vom Sender her einschreiten. Der Holthusen versaut hier alles. Er muss weg, auf der Stelle.«

Der Justiziar der Sendeanstalt blieb formell. »Hören Sie gut zu, liebe Frau Puschner. Zwei schriftliche Abmahnungen in angemessenem Abstand, erst dann kann es einen möglichen Kündigungsgrund geben. Deutsches Arbeitsrecht.«

Rosi war schier am Verzweifeln. »Aber so kann es hier nicht weitergehen. Der vergeigt mit seinen endlosen Wiederholungen unseren gesamten Produktionsetat.«

Der Justiziar blieb ruhig. »Werte Frau Puschner: Nehmen Sie sich den Jungspund einfach einmal vor die Brust und spuren Sie ihn tüchtig ein.«

Rosi war verzweifelt. »Wie soll mir das denn ohne Ihre Hilfe gelingen, Dr. Trutz?«

Der Justiziar blieb sachlich: »Mein unbedeutender Rat: Horizontal.«

Rosi verstand nicht. »Horizontal?«

»Ja, Frau Puschner. Flachlegen, im Bett. Das soll bisher immer geholfen haben bei anderen Produktionen. Notfalls können Sie ihm hinterher immer noch mit Vertragsbruch drohen, aber bitte nichts schriftlich oder vor Zeugen. Wiederhören.«

Wie immer vom Sender allein gelassen blieb Rosi nichts anderes übrig, als den jungen Regisseur mit ihrer altbewährten Mischung von Zuckerbrot und Peitsche zur Vernunft zu bringen.

»Mark, du weißt genau, dass unser Budget lediglich eine knappe Million ist. Nicht alle werden beim ersten bedeutenden Dreh gleich mit großem Spielzeug belohnt. Wir hätten alles weitaus kostengünstiger im Studio Hamburg abdrehen können.«

Verständnislos schüttelte der Jungspund den Kopf. »Rosi, das kannst du nicht verstehen. Hier in Gaarden bin ich groß geworden. Dieses Backsteingebäude war früher GeKa, das Gaardener Kaufhaus. An der linken Hauswand kannst du noch die Bohrlöcher der ehemaligen Beschriftung erkennen. Mein Opa hat meinem Vater dort seine erste Spielzeugeisenbahn gekauft, und Großmutter hat gleich nebenan am Vinetaplatz bei Stahl&Stiller Garne und Stoffe für die Schnitte aus den Modeheften gekauft.«

Rosi war genervt. »Das ist doch alles Schnee von gestern, Mark.«

Der Jungspund begehrte auf. »Nein, das gesamte Kieler Ostufer ist ein wahrlich historischer Ort. Von hier ging der Matrosenaufstand am Kriegsende 1918 aus.«

Die Produzentin winkte ab. »Das interessiert heute kein Schwein mehr, Mark.«

Jetzt ereiferte sich ihr Regisseur. »Rosi, nach Ausrufung der Weimarer Republik musste der deutsche Kaiser am 9. November 1918 abdanken und sich nach Holland absetzen. Das ist Weltgeschichte.«

Die Produzentin hatte ein anderes Weltbild. »Wobei die junge Republik wenig später vom nächsten Despoten in Diktatur, Holocaust und Krieg gestürzt wurde. Wir drehen hier keine Weltliteratur, sondern produzieren Spannung für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, also für die gesamte Bevölkerung. Denkst du wirklich, dass dein Thema die Menschen in Ostdeutschland interessiert?«

Der junge Regisseur sah sie verwundert an. »Wieso denn nicht? Haben die keinerlei Lehren aus ihrer Geschichte gezogen?«

Die Produzentin nahm ihm den Wind aus den Segeln. »Mark, was interessiert die Menschen in Ostdeutschland ein marodes Gaardener Geschäftsgebäude aus den späten 1950er Jahren, in dem jetzt im Erdgeschoss ein Türke seine Waren feilbietet? Über uns gibt es viele beengte Sozialwohnungen mit kleinen Räumen. Sollen das etwa die Fernsehzuschauer in Angermünde, Bautzen oder Chemnitz gut finden?«

Der Filmemacher zeigte sich uneinsichtig. »Was gehen mich die Leute in Ostdeutschland an? Hier geht es um meine Heimat.«

Jetzt zeigte die Produzentin erstmals ihr böses Gesicht. »Heimat, was soll das, Mark? Das ist klebriger Schmalz. Beim Fernsehen geht es um die Quote, und davon hängt für uns das Geldverdienen ab.«

Der junge Regisseur widersprach nicht, und so konnte Rosi nachlegen. »Klare Ansage von mir, Mark: Du lässt jetzt den Komparsen noch einmal von unten aus dem Ladengeschäft mit dem geklauten Geld in die erste Etage sprinten und aus einem der drei beleuchteten Fenster hüpfen, unter denen die teuren Hebebühnen mit den weichen Matten platziert sind. Du musst ihn aber auch wenigstens einmal springen lassen.«

Der Filmemacher empörte sich. »Rosi, unser Kleindarsteller ist so etwas von unglaubwürdig, da wäre mir ehrlich gesagt der Dreh ohne die weichen Matten fast lieber. Der Dilettant würde dann vom lieben Gott direkt seiner gerechten Strafe zugeführt werden.«

Rosi überging den Einwurf. »Mark, warum müssen wir eigentlich diesen heruntergekommenen Drehort für teures Geld von innen und außen beleuchten? Kein Dieb auf der ganzen Welt würde auf die Idee kommen, durch helle Räume zu flüchten und sich aus einem angestrahlten Fenster zu stürzen. Im Gegenteil: Er würde sich schnellstmöglich in der Dunkelheit verpieseln, gerade abends hier in Gaarden.«

Jetzt trumpfte der Jungspund auf. »Ganz einfach, Rosi. Damit deine Fernsehzuschauer in Angermünde, Bautzen oder Chemnitz dem Idioten bei seiner Flucht ins Auge sehen können. Aber wenn der Komparse völlig talentfrei ist … .«

Jetzt sprach die Produzentin ein Machtwort. »Genug, Mark. Egal, was passiert, du lässt den Kleindarsteller jetzt durchlaufen bis zu seinem Abgang durchs Fenster. Notfalls können wir die Szene später umarbeiten: Zeitraffer, Zeitlupe oder Schwarz-Weiß. Nun komm schon, 30 Sekunden Dreh sind schließlich keine Ewigkeit.«

Der Filmemacher wirkte sichtlich frustriert, bequemte sich aber zu seinem Regiestuhl und hob genervt die Hand. »Okay, Aufnahme 24/12 noch einmal. Wir lassen das jetzt einfach durchlaufen. Ganz egal, wie beschissen der Dreh wird.«

Während die Produzentin erleichtert durchatmete, wurde die verschlossene Tür zum Treppenhaus taghell ausgeleuchtet. Sie wurde aber nicht behutsam geöffnet, wie im Drehbuch vorgesehen, sondern brachial aufgebrochen. Ein anderer Komparse stürmte in den Drehort und schaute sich wegen der vielen Mitarbeiter des Filmteams erschrocken um. Sonderlich erfahren wirkte er nicht, aber deutlich glaubhafter als sein Vorgänger. Mit seiner kräftigen, gedrungenen Gestalt und einer derben, ungehobelten Ausstrahlung versprühte er Angst und Schrecken. Die hamsterartig unter dem Arm eingeklemmten Zigarettenstangen machten die Szene glaubwürdig und die Geldscheine in seinen Händen wirkten richtig echt.

Der junge Filmemacher nickte, vermutlich hatte er sich die Szene genauso vorgestellt. Allerdings verharrte der Komparse zu lange auf der Stelle und so wischte ihn der junge Filmemacher mit einer knappen Handbewegung weg.

»Husch, husch. Nun aber schnell zum Fenster hin und ab an die frische Luft. Ist alles mit weichen Matten gesichert.«

Verunsichert blickte sich der schwitzende Komparse noch einmal um, bevor er auf die Fensterfront zueilte. Er schien höllischen Respekt vor den drei hell ausgeleuchteten mittleren Fenstern zu haben, wich in letzter Sekunde zu einem der im Dunkeln liegenden Außenfenster ab und suchte mit einem mutigen Hechtsprung das Weite. Das hässliche Geräusch beim Aufklatschen des Körpers auf den Bürgersteig war nicht zu überhören.

»Cut, cut, cut.« Mit dramatischer Geste beendete der junge Regisseur den Dreh und eilte besorgt zum unbeleuchteten Fenster. Rosi folgte ihm, aber der Anblick des leblosen Kleindarstellers auf dem Steinpflaster in einer großen Blutlache war nicht sonderlich schön.

Völlig unerwartet schritt jetzt aus der gewaltsam aufgebrochenen Tür aus dem Treppenhaus der ursprünglich eingesetzte Kleindarsteller mit einem blauen Auge und blutiger Stirn.

»Habt ihr den fiesen Ladendieb fassen können? So ein brutaler Hund, der hat mir einen über die Rübe gezogen. Ich muss ins Krankenhaus. Tut mir leid.«

Rosi und Mark waren sich mit Augenkontakt schnell einig, dass die letzte Aufnahme mit dem verunglückten Ladendieb mit Abstand die beste war. Klar, sein Abgang war natürlich weniger erfreulich, aber das lag zum Glück außerhalb ihrer Verantwortlichkeiten für die Dreharbeiten. Höhere Gewalt, sozusagen.

Trotz des Rauchverbots zündete sich Rosi genüsslich eine Zigarette an und blickte ihrem verunsicherten Jungspund tief in die Augen. »Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören. Drehschluss für heute, Mark.«

Der Regisseur wirkte völlig verunsichert. »Und der tote Ladendieb?«

Rosi ließ Routine walten. »Einzelschicksal. Irgendwas ist immer, Mark. Wenn alle Formalitäten erledigt sind, dann versaufen wir den Toten gleich nebenan in der kleinen Kneipe. Man muss schließlich auch vergessen können.«

Das begehrliche Lächeln der Produzentin entging dem jungen Filmemacher nicht.

Jägerlatein

Heike Meckelmann

Sein Kopf lag mit dem Gesicht auf dem mit Gulasch befüllten weißen Teller. Es war einer von denen mit verziertem Goldrand und den Hirschgeweihen, die zu seinem Lieblingsgeschirr gehörten. Zeigte es doch mit aller Konsequenz die Leidenschaft des passionierten Jägers. Es war die zweite Portion, die er sich aufgefüllt und die ihn ganz offensichtlich dahingerafft hatte.

Irmgard Hansen öffnete die Haustür. Sie stellte ihren Koffer im Flur, direkt neben der Treppe, die nach oben führte, ab und schüttelte im Eingangsbereich den Schirm aus, der nur so triefte. Seufzend betrachtete sie die Wasserlache am Boden und stellte ihn in den Regenschirmständer auf der anderen Seite. Sie blickte in den Spiegel. Die 60-jährige seufzte erneut. Eigentlich wollte sie dieses Haus nie mehr betreten. Sie hatte es sattgehabt. Wollte ihn endgültig verlassen. 34 Jahre lang hatte sie seine üble Laune und sein überhebliches Gehabe ertragen. Hatte seine Wäsche gewaschen, sein Essen zubereitet und seine Schuhe geputzt, wenn er von der heißgeliebten Jagd kam.

Heißgeliebt ja, Jagd ... auf eine bestimmte Art sicherlich auch, wenn er von seinen Techtelmechteln frühmorgens sturztrunken nach Hause kam. Sie war für ihn ja schon lange durchsichtig gewesen. Damit sollte nun endgültig Schluss sein. Es wäre alles nicht so schlimm gewesen. Sie hatte ihn schließlich geliebt.

Aber nun war es genug. Sie hatte wieder einmal Lippenstiftreste an seinem auf 60 Grad gewaschenen und gestärkten Hemd entdeckt. Ihr Herz war ihr fast kollabiert, als sie die Schandflecke gesehen hatte. Es reichte. Da wollte sie lieber von vorne anfangen. Er würde zahlen müssen und sie konnte ihrem Leben noch einmal den richtigen Schwung verpassen. Sie streifte ihren Mantel ab und hängte ihn an die Garderobe.

Irmgard sah sich im Hausflur um. Eine Augenbraue richtete sich unwiederbringlich auf. Seine Schuhe lagen wie immer verschmutzt auf dem Boden. Nicht unter der Garderobe, wie sie es ihm immer wieder vorgebetet hatte. Auf der Treppe verstreut aalten sich ein paar getragene, stinkende Socken und sein Lieblingspullover, den mit dem Hirschkopf darauf, den seine Mutter ihm zu Weihnachten gestrickt und geschenkt hatte. Irmgard stöhnte. Wie blöd!

Auf dem Geländer hing seine grüne Jacke, die, die er immer anzog, wenn er zum Jagen loszog. Sie hasste es, wenn sie jagen gingen. Was die jagten? Anscheinend junge Rehe auf zwei Beinen. Das wusste Sie, weil er jedes Mal volltrunken nach Hause kam, nach Schnaps stank und Lippenstiftreste am weißen Kragen präsentierte. Um den ehelichen Verkehr brauchte sie sich keine Gedanken machen. Gott sei Dank konnte sie ihn, wenn er nur wenige Minuten im Bett lag, unbekümmert zudecken, weil er bereits seelenruhig schnarchte.

Irmgard richtete sich ihre Haare. Sie war vor einer Woche extra zum Friseur gegangen. Wollte eine neue Frisur für ihr neues Leben. Ein in satten Rottönen gefärbter Bob sollte es auf Anraten ihrer Friseurin sein. Sie vertraute ihr, aber dieses Mal hatte sie vollends danebengelegen. Irmgard seufzte erneut und fuhr sich mit der Hand durch die nass gewordenen Haare. Sie sah aus wie Pippi Langstrumpf auf Wanderschaft. Irmgard rümpfte die Nase. Es roch nach Essen. Sie zog die schwarzen Budapester von den Füßen und stellte sie ordentlich unter die Garderobe. Auf Strümpfen marschierte sie ins Wohnzimmer. Auch hier herrschte heilloses Durcheinander, fast, wie sie es erwartet hatte. Die Stühle, die normalerweise akkurat um den Esstisch platziert waren, standen abgerückt wie nach einer wüsten Orgie im Zimmer umher. Mechanisch fing sie an, sie wieder zurück an ihren Platz zu schieben.

Oje. Irmgard hielt sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf. In ihrem dunkelblauen Hosenanzug sah sie adrett aus. Keine Spur von einer 60-jährigen, die ausgetauscht werden musste. Sie hatte sich prima gehalten für ihr Alter und freute sich stets über die Komplimente der Jägerkollegen ihres Johannes. Vor ihrem inneren Auge erschien sein Bild und sie sinnierte über die erste Zeit ihres Kennenlernens. Da hatte er ihr genauso schöne Worte gemacht, Blumen mitgebracht und Parfüm, damit sie für ihn duftete. Er nannte es den Lockstoff des Jägers. Heute jagte er anderen Duftstoffen nach.

Später lobte er sie nur noch, wenn das Essen gut duftete. Sie schmunzelte. Die Blumen in der Vase auf dem Esstisch waren verwelkt. Ein Strauß rosafarbener Rosen, die sie sich, bevor sie verschwand, vom Einkaufen mitgebracht hatte.

Ein Euro 99 Cent, die ganze Pracht. Nun war er hinüber, wie ihre Ehe. Irmgard zuckte die Schultern. Später wollte sie die Blumen fortschaffen. Überhaupt musste sie erstmal Ordnung machen. Aber zuerst wollte sie wissen, ob Johannes zu Hause war. Sie verließ das unaufgeräumte Wohnzimmer und trabte in die Küche. Schockstarr blieb sie im Türrahmen stehen. Ihre Haut wurde bleich und ihre Kehle trocknete aus. »Johannes«, flüsterte sie krächzend und hielt sich die Hand vor den Mund. »Mein Gott. Was hast du wieder angestellt.«

Sie eilte an den Küchentisch, wo der Kopf ihres Ehemannes mit dem Gesicht nach unten auf dem mit Gulasch befüllten Teller lag.

Eine Stunde später wimmelte es im Haus nur so von Polizeibeamten, nachdem der Hausarzt, ein guter Freund von Johannes, ihn untersucht und sie misstrauisch beäugt hatte.

»Wer hat Ihren Mann vorgefunden?«, wollte der Kommissar der Mordkommission wissen.

»Ich habe ihn vorgefunden«, antwortete Irmgard wahrheitsgetreu.

»Wo waren Sie vor, sagen wir mal, acht bis zehn Stunden?«, wollte der Kommissar wissen.

»Ich bin gerade erst nach Hause gekommen«, antwortete Irmgard Hansen.

»Woher nach Hause gekommen?«, wollte der Kommissar wissen.

»Ich war im Urlaub«, entgegnete Irmgard ehrlich auf seine Frage.

»Sie waren im Urlaub, soso. Gibt es dafür Zeugen?«, wollte der Kommissar wissen.

»Ja, die Empfangsdame des Hotels, die Kellner des Hotels, die Zimmermädchen ... reicht das?«

Der Mann, der in altem Trenchcoat vor ihr stand und sie irgendwie an ihre Lieblingsserie, mit ihrem Lieblings-Inspektor Columbo erinnerte, nickte. »Geben Sie mir bitte Name und Adresse des Hotels. Wo war das Hotel ...? Ich meine, wo haben Sie ihren Urlaub verbracht?« fragte der Kommissar und zog sein Notizbuch heraus.

»Ich bin in Ramsau gewesen, in Berchtesgaden, wenn Ihnen das etwas sagt«, antwortete Irmgard.

»Hm«, murmelte der Kommissar, zog die buschigen Augenbrauen hoch und notierte sich, was Irmgard Hansen zu sagen hatte.

»Aber Sie beschuldigen doch nicht etwa mich?«, fragte sie und sah den Polizeibeamten verdutzt an.

»Nein, ich verdächtige erstmal jeden, der für den Tod ihres Mannes verantwortlich sein könnte, wenn es denn kein natürlicher Tod gewesen sein sollte. Das aber klären wir, sobald der Tote abgeholt und untersucht wurde.«

»Untersucht? Ja, warum denn? Der Mann hatte sicher einen Herzinfarkt bei dem frevelhaften Lebenswandel.«

»Wieso, was für ein frevelhaftes Leben hat er denn geführt?«, wollte der Kommissar wissen.

»Er war ein Hallodri. Jawohl! Hat von keinem Schnapsglas und von keiner Frau unter 40 die Finger gelassen. So ein Leben hat der Johannes geführt.« Irmgard setzte sich auf den Stuhl am Küchentisch, der dem ihres Mannes gegenüberstand.

»So so. Aber Sie sind doch noch jung und eigentlich attraktiv anzuschauen«, sagte der Kommissar und schob seine Pfeife in den Mundwinkel. Er wusste, dass es überhaupt nichts zu bedeuten hatte und betrachtete seine Notizen.

»Was heißt hier eigentlich?«, wollte Irmgard wissen. »Ich war am Ende nur noch seine Haushälterin. Die fürs Grobe. Seine Leidenschaften, die hat er mit seinen Kumpanen in der Jägerstube und mit den Weibern ausgelebt. Ich war nur die fürs Grobe«, sagte Irmgard und ihre Mundwinkel verzogen sich nach unten.

»Und da wollten Sie erstmal allein in den Urlaub fahren ... sozusagen Abstand gewinnen?«

»Nein, ich wollte eigentlich nie mehr wiederkommen. Ich hatte vor, den Johannes verlassen. Das wollte ich«, sagte Irmgard mit fester Stimme. Die Kollegen der Spurensicherung taten derweil ihre Arbeit und suchten nach Hinweisen. Einer der Kriminaltechniker fand ein zweites Weinglas. Eines mit Lippenstiftspuren am oberen Rand. »Haben Sie mit ihrem Mann Wein getrunken, als Sie wiedergekommen sind?«, wollte der Kommissar wissen.

»Ich? Wo denken Sie hin? Ich sagte Ihnen doch, ich bin seit zwei Stunden erst wieder da. Das letzte Glas Wein, dass wir miteinander getrunken haben, war zu unserer Silberhochzeit. Und das ist ziemlich lange her. Das ist sicherlich von einer seiner Liebschaften. Da sollten Sie mal nachforschen.«

»Werden wir tun«, sagte der Kommissar. »Können Sie uns ein paar Namen nennen?«

»Was fällt Ihnen ein! Das müssen Sie schon selbst herausfinden oder soll ich mich darum jetzt auch noch kümmern?«

»Was ist das auf dem Teller?«, wollte der Kommissar wissen. »Gulasch. Hirschgulasch, das isst ... aß der Johannes so gerne.«

»Und das haben Sie ihm gekocht?«

»Natürlich ... was glauben Sie, wer das sonst gekocht haben könnte außer mir?« Sie tippte sich unentwegt mit ihrem rot lackierten Fingernagel gegen die Brust.

»Ja, aber Sie sagten, Sie waren im Urlaub und sind erst heute Morgen zurückgekommen. Wie kann es dann sein, dass Sie ihm Gulasch gekocht haben?«

»Ich habe es hergerichtet. Also vorgekocht. Aber schon letzte Woche. Ich habe es für Johannes eingefroren.«

Der Kommissar warf einen Blick auf den Teller, soweit dies in Anbetracht der Situation möglich war. »Das sieht aber auch lecker aus«, stellte der Kommissar fest und schmatzte trotz der desolaten Lage wohlwollend. »So richtig appetitlich mit Rotkohl und Pilzen ... wat lecker«, wiederholte er und kaute auf seiner Pfeifenspitze. »Das Essen muss in die Toxikologie. Wie brauchen eine Untersuchung!«, forderte er die Beamten der Spurensicherung auf.

»Was glauben Sie, dass ich den Mann vergiften wollte?«, lachte Irmgard hysterisch. »Das hätte ich schlauer angestellt«, sagte sie trotzig.

»Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen«, entgegnete der Kommissar. Einer der Beamten nahm den Kopf des toten Mannes hoch, ein anderer zog den Teller unter seinem Gesicht heraus. »In die Toxikologie«, sagte er. Der Kollege nickte.

»Das ist nun aber wirklich nicht ihr Ernst«, jaulte Irmgard plötzlich. »Warum hätte ich ihn töten sollen?«

»Na ja, was Sie mir hier im Laufe der letzten halben Stunde alles erzählt haben, trägt nicht dazu bei, dass Sie kein Motiv hätten, ihren Mann zu töten. Im Gegenteil.« Der Kommissar sah sie gleichmütig an und steckte sein schwarzes Notizbuch in die Manteltasche. Dann verließ er den Fundort des Geschehens.

Vier Tage später allerdings stand er mit Verstärkung vor der Tür. »Frau Hansen, ich habe hier einen Haftbefehl. Wir müssen Sie leider unter dringendem Tatverdacht, Ihren Mann getötet zu haben, festnehmen.«

Irmgard Hansen stand in Kittelschürze, einem Tuch im hochgebundenen Haar und übergestülpten Handschuhen im Türrahmen und wurde blass, was den Kontrast zu ihrer roten Haarpracht nur verstärkte. »Das ist nicht ihr Ernst«, sagte sie.

»Und ob das mein Ernst ist. Abführen!«, sagte er und verschwand.

Doch selbst, wenn er sie verhaften musste, glaubte er nicht so recht daran, dass sie eine Mörderin war, die ihren Ehemann auf diese Art und Weise entsorgt hatte. Viel zu augenscheinlich, dachte er und stellte weitere Untersuchungen an. Forschte am nächsten Tag bereits im Umfeld des Jägers Johannes Hansen, während seine Witwe versuchte, die Untersuchungshaft durchzustehen. Als er in die Jägerstube kam, herrschte keine tieftraurige Stimmung, wie er es vermutet hatte. Die Musik flötete und die Jäger saßen ausgelassen um die Tische und leerten eine Flasche nach der anderen.

»Moin«, sagte er und beobachtete die gutgelaunte Truppe. »Na, Sie scheinen ja nicht gerade in Trauerlaune zu verfallen«, stellte der Kommissar unaufgeregt fest. Auf einmal starrten die Männer der heiter gestimmten Jägertruppe den Polizeibeamten, der in Trenchcoat und Pfeife vor ihnen stand, unverhohlen an.

»Ne, Herr Kommissar. Wir sind sehr wohl in Trauer. Wenn Sie sich dazugesellen möchten ... nur zu.«

»Aber was feiern Sie so ausgelassen?«, wollte der Kommissar wissen, ohne die Miene zu verziehen.

»Wir geleiten unseren Freund in seine ewigen Jagdgründe.«

Einer der Männer stand plötzlich auf, nahm sein Jagdhorn und blies ein anständiges Halali. »Nun trinken wir noch einmal ausgiebig auf sein Wohl.« Lautes Gelächter.

»So so«, entgegnete der Polizeibeamte und machte Notizen. »Wo waren Sie alle vor drei Tagen zwischen 20 Uhr und Mitternacht?«, fragte der Kommissar und kaute auf dem Mundstück seiner kalten Pfeife.

»Wir? Vor drei Tagen? Das war Freitag«, lachte Ernst, der anscheinend Rädelsführer der Jägergruppe war. »Wir waren hier. Bis ungefähr zwei Uhr nachts«. Die anderen nickten.

»Und warum ist dann der Johannes nicht bis um zwei Uhr dageblieben?«, wollte der Kommissar wissen.

»Weil der noch ein Schäferstündchen hatte«, lachte der dickliche Wilhelm aus vollem Hals. Die anderen stimmten ein. Ihnen liefen die Tränen herunter. »Prost!«, rief Ernst und hob sein Glas. »Auf Johannes.«

»Schäferstündchen?«, wollte der Kommissar wissen. »Aber der war verheiratet«, sagte er und sah in die Runde der grölenden Männer.

»Das hat doch den Hannes nicht gestört«, grölte Ernst und kippte nach. »Der nahm sich, was er brauchte, und die Mädels waren nicht prüde. Der Johannes soll ja ein richtiger Hirsch gewesen sein«, brüllte Wilhelm und röhrte wie ein Hirsch in der Brunft. Lautes Gelächter in der Jägertruppe. »Außerdem waren ihre Tage wohl gezählt«, sagte Ernst und schwieg plötzlich. »Nichts gegen Irmgard, aber die hatte den Zenit in seinen Augen längst überschritten.« Es wurde leise in der Wirtsstube. »Sie ist aber eigentlich eine feine Deern und zu bedauern«, murmelte Wilhelm und leerte sein Glas.

»Wieso zu bedauern?«, wollte der Kommissar wissen. »Na ja, der Johannes wollte sie entsorgen, also auf eine lange Reise schicken, wie er betont hatte.«

»So so, auf eine lange Reise. Was meinte er damit?«, fragte der Kommissar.

»Na, der wollte sich von seiner Ollen trennen, weil er sich eine junge, knackige Dame angelacht hatte«, rief Karl und sagte: »Prost, alter Junge. Auf dich und deine Reise.«

---ENDE DER LESEPROBE---