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2.100km pilgerte ich 2021 zu Fuß in 104 Tagen von Leipzig nach Rom - dem Lockdown, schlechtem Wetter und Blasen an den Füßen zum Trotz. Dieses Tagebuch beschreibt meinen Weg von der heimischen Haustür bis zur Papstaudienz in Rom. Es erzählt von den Herausforderungen eines jeden Tages, von bildschönen Landschaften und steinigen Wegen, von inspirierenden Weggefährten und Momenten des Zweifels, von ergreifenden Begegnungen und kleinen Entdeckungen entlang des Weges; kurz: von allem, was die Faszination des Pilgerns ausmacht! Der Pilgerweg nach Rom war nicht mein Erster. Bereits 2015 bin ich den Jakobsweg 3.500km von Görlitz nach Santiago de Compostela gepilgert. Meine Erfahrungen habe ich in dem Buch "Jakobsmuscheln à la Bruni" beschrieben. Schon damals hat Jean-Pierre, ein Weggefährte, zu mir gesagt: "Nach dem Camino ist vor dem Camino." Wie recht er hatte. Als ich nach einem halben Jahr wieder zu Hause ankam, war schnell klar: Der Pilgervirus hatte mich erfasst. Rom ruft! Hier liegt nun also mein zweiter Pilgerbericht vor- für alle, die selbst gern Pilgern, für alle Wanderwütigen und die, die es noch werden wollen.
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Seitenzahl: 584
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Jeder Pilgerweg hat seine Geschichte. Im Christentum gibt es drei große, heilige Pilgerstätten: Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem.
Wer auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgert, geht zum Grab des Heiligen Jakobus. Dessen Zeichen ist die Jakobsmuschel. Der Pilger wird deshalb auf diesem Weg „Peregrino“ genannt. Meinen Pilgerblog und das später erschienene Buch zu diesem Weg nannte ich deshalb „Jakobmuscheln à la Bruni. 3.500 km auf Pilgerwegen durch Europa. Tagebuch einer Pilgerreise“. (Das Buch ist immer noch online als digitale Ausgabe oder Print erhältlich: ISBN-13: 9783751983860)
Auf dem Weg nach Jerusalem nennt sich der Pilger „Palmero“, nach den Palmenzweigen, die für Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem auf dem Boden gelegt wurden.
Der Weg nach Rom beruht auf der Geschichte, in der Jesus zu St. Petrus sagte: „Und ich will Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.“ (Matthäus 16:19)
Der Schlüssel steht somit für den Zugang zum Himmelreich. Er ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde sowie ein Symbol der Bindegewalt des Papstes als Nachfolger Petri und Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Deshalb sind zwei gekreuzte Schlüssel auch im Wappen des Papstes– der goldene für das Himmelreich und der silberne für das irdische Reich.
Der Pilger, der nach Rom pilgert, wird deshalb „Romero“ genannt und führt einen Schlüssel als äußeres Zeichen seiner Pilgerschaft mit. Deshalb wählte ich als Titel für meinen Blog und jetzt für das Buch „Schlüsselerlebnisse à la Bruni“.
Im Sommer 2015 erfüllte ich mir meinen Traum von einer Pilgerwanderung an das Ende der Welt. Ich pilgerte den Jakobsweg von meiner Wohnungstür in Görlitz bis nach Finistère in Spanien, 3500 km in 137 Tagen.
So ziemlich in der Mitte meiner Reise begegnete ich in Frankreich Jean-Pierre, der eine Pilgerherberge betreute. Damals fragte er, was mein Ziel wäre, wenn ich in Santiago de Compostella angekommen wäre, denn er war der Überzeugung: „Nach dem Camino ist vor dem Camino.“ Wer einmal Pilger ist, der bleibt immer ein Pilger. Zu diesem Zeitpunkt jedoch war ich noch von der Einmaligkeit meiner Pilgerreise überzeugt. Ich bewunderte Jean-Pierres Lebensstil, der sich aus Pilgern, Vorträgen und der Betreuung von Herbergen nährte. Er war Pensionär, alleinlebend und hatte sich in diesem Radius das Leben eingerichtet.
Mit Jean-Pierres Worten in meinem Kopf kam Santiago näher, ich gelangte am Kilometer 0 am Kap Finistère an – und spätestens auf dem Rückflug nach Deutschland wurde mir klar, dass ich dieses Abenteuer noch einmal erleben möchte.
Mein Mann Holger hat meinem Wunsch recht schnell nachgegeben. Somit konnte ich mir ein neues Ziel setzen. Schnell war mir klar, dass es eine andere, heilige Stadt werden soll: Rom.
Ich werde nach meinem Pilgerweg immer mal wieder gefragt. Wenn ich von meinen Erlebnissen erzähle, mache ich dies immer noch mit Freude und Begeisterung. Oft blitzen Situationen im Leben auf, die die Erinnerungen wachhalten. Ich merke immer wieder, wie mich der Weg nach wie vor beeinflusst. Immer noch bin ich dankbar für mein kleines, schönes, beschauliches Leben in Frieden und Freiheit. Ich stelle jeden Tag mit Demut fest, wie gut es mir geht. Bei all den Unbill, den das Leben bereithält, findet sich immer eine Möglichkeit, etwas Positives zu sehen. Der Camino hat mich gelehrt, flexibel zu bleiben, umzudenken, mich in Frage zu stellen, neue Blickwinkel bzw. Perspektiven einzunehmen und kreative, manchmal auch ungewöhnliche Lösungen zu finden. Ich habe mich selbst als Teil einer Gemeinschaft erfahren, die einander hilft und untereinander teilt. Dies war eine verbindende Erfahrung. Nach wie vor brauche ich nicht viel, um glücklich zu sein: einen Sonnenstrahl, einen Wandertag, ein Lächeln… Das macht mir die Tage, gerade in Zeiten von Corona, hell und schön. Meinem Urvertrauen, dass der Mensch gut ist, folge ich weiter. Von den vielen Begegnungen mit den Menschen auf und am Weg habe ich einige nicht aus den Augen verloren. Aus Begegnungen wurde Bekanntschaften. Aus einigen Bekanntschaften wurden Freundschaften. Ich freue mich am Glück derer, die auf dem Weg Probleme in Lösungen verwandelt haben. Einige schicken mir ab und an eine Nachricht und lassen mich so Anteil nehmen, an dem, was gerade in ihrem Leben passiert.
Zutiefst traurig hat mich der Tod von Ingeborg gemacht, mit der ich einen regen Austausch pflegte, die ich bewunderte, die für mich eine der starken Frauen am Weg war. Diese Stärke zeigte sie auch bei unserem letzten Telefongespräch, als sie mich tröstete, weil ich ihren kommenden Tod nicht akzeptieren wollte. Ihr Gottvertrauen und ihre Gewissheit, dass alles einen Grund hat, werden mich immer begleiten. Sie lebt in meinem Herzen weiter.
Seit meiner Pilgerwanderung ist mir die tägliche Bewegung im Freien zur Natur geworden. Nach dem Motto: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, bin ich immer unterwegs. Inzwischen bin ich von Görlitz nach Leipzig gezogen. Hier hat es mir der Auwald mit seinen uralten Bäumen angetan. Mein Auge nimmt die Veränderungen wahr und freut sich am Lauf der Jahreszeiten.
Mein schon immer grünes Herz beschäftigt sich seit dem Pilgern noch mehr mit Umweltschutz. Ich bin der Überzeugung, dass Jeder und Jede mit kleinen Schritten etwas erreichen kann. Plastik ist so oft vermeidbar, denn Einwegverpackungen sind in vielen Situationen nur eine Frage der Bequemlichkeit – oder Symptom einer verlorenen Kultur? Ich frage mich immer wieder, warum Menschen im Gehen Kaffee trinken müssen. Es ist doch viel genüsslicher, diesen an einem schönen Platz sitzend zu trinken, egal ob im Café oder zu Hause. Wenn ich unterwegs bin, ist auf jeden Fall der wiederverwendbare To-Go-Becher in meiner Tasche. So gibt es viele Alternativen im Alltag, die nur eine kleine Umstellung des Denkens verlangen. Was auch immer die Politik macht oder verpasst, die Masse der Verbrauchenden ist eine gewaltige Kraft, die meiner Überzeugung nach Veränderungen möglich macht.
Wegen dieser Gedanken habe ich mich 2016 entschlossen, Vegetarierin zu werden. Ich muss sagen, es bekommt mir wunderbar. (Obwohl ich noch manchmal genüsslich an die Leberkäs-Brötchen im Österreich-Urlaub denke.)
Deshalb wurde die Sehnsucht nach einer weiteren Auszeit immer größer. In meinem ersten Plan war der Sommer 2019 anvisiert. Doch dann machten mir meine Achillessehnen einen Strich durch die Rechnung. Ich benötigte eine Operation. 2020 hat bekanntermaßen die Coronapandemie das Leben auf der ganzen Welt durcheinandergebracht. Dazu kam unser sehr kurzfristiger Umzug nach Leipzig, der durch eine neue Stelle meines Mannes zustande kam. Aber ich träumte weiter…
Dieser Umzug bedeutete für mich auch eine Neuplanung meiner Pilgerreise nach Rom. Zum einem brauchte ich ein neues Zeitfenster. Zum anderen einen neuen Weg, denn ich wollte wieder von der Haustür loslaufen und mich Schritt für Schritt in den „Pilgermodus“ begeben. Als alle Kartons ausgepackt waren, begann die Vorbereitung.
Die Suche nach der neuen Route gestaltete sich schwierig, denn im Gegensatz zum Jakobsweg gibt es wenige Wanderführer, die den Rom-Weg beschreiben. Ausgerechnet für den italienischen Teil fand ich nur einen einzigen Wanderführer: „Der Weg nach Rom“ von Ferdinand Treml, der aber oft von den Pilgerwegen auf unmarkierte Wege ausweicht. Mit viel Recherche habe ich dann meinen Weg gefunden und musste ein Zeitfenster planen, damit ich im Herbst 2021 auch noch mit meiner Arbeit als Tagesmutter in der neuen Stadt beginnen konnte. In der Hoffnung, dass Corona nicht ewig unser Leben bestimmt, hatte ich Ostern als Pilgerstart geplant. Doch es wurde schlimmer statt besser: die Grenzen dicht und Lockdown!
Die ersten Impfstoffe waren zwar auf dem Markt, doch leider nicht frei zugänglich. In der Praxis von einer Bekannten in Görlitz gab es jedoch eine große Impfkampagne mit dem AstraZeneca- Impfstoff. Also fuhren wir für unsere erste Impfung von Leipzig nach Görlitz. Immerhin war somit der Anfang getan. Die zweite Dosis würde ich mir dann holen, wenn ich Deutschland durchwandert habe. Auch die anderen Länder erklärten, dass sie im Sommer für Geimpfte die Grenzen öffnen wollen. So zeigte sich für meine Planung ein Hoffnungsschimmer am Horizont.
Die letzten Besorgungen der Packliste mussten noch erledigt werden und da ich keine Freundin des Internethandels bin, wollte ich damit bis zur Öffnung der Läden warten. Das neue Prinzip des Click&Meet war für mich eigentlich auch kein Einkaufserlebnis, aber in Anbetracht der Lage war es die einzige Möglichkeit, meine Ausrüstung zu vervollständigen. Was für eine Zeit!
Mental war ich schon mehr auf dem Weg als noch in Leipzig. Ich habe die Wanderführer zwei Mal gelesen. Die Pilgerpässe sind per Post von den verschiedenen Jakobsgesellschaften gekommen. Was für ein Gefühl! Dann waren es nur noch vier Wochen bis zum Start. Ich betete weiterhin, dass die Beherbergungsbetriebe öffnen dürfen und ich nicht im Wald übernachten muss.
Mein Plan war mein Ablenkungsmittel gegen den Corona-Blues! Immer, wenn mich die graue Stimmung erreichte oder etwas schief lief, fokussierte ich mich auf den Weg.
Ostern nahte und ging vorüber, doch es schien kein Ende zu nehmen. Im Gegenteil, die Maßnahmen wurden verschärft und mir lief die Zeit davon.
Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Mein Wille wurde immer stärker. Ich entschloss mich, die Schwarmintelligenz der sozialen Medien zu nutzen, um Privatquartiere bei Freunden, Verwandten, Freunden von Freunden, Kirchgemeinden, Arbeitskollegen und Unbekannten zu suchen. Ganz nach dem Motto: „Wer kennt wen?“ Dafür habe ich meine Deutschlandreise in Etappen unterteilt und alle Übernachtungsorte mit Datum gepostet. Die Resonanz war sehr durchwachsen. Manche reagierten gar nicht, andere waren voll Bewunderung, sprachen mir Mut zu und unterstützten mich, wieder andere waren überrascht ob dieser außergewöhnlichen Pläne, andere wiederum waren offen ablehnend. So meinten zum Beispiel zwei Pfarrer, mich beschimpfen zu müssen. Ich habe solche heftigen Reaktionen mit dem allgemeinen Stresslevel der Menschen zur Coronazeit entschuldigt. Schließlich waren wir noch nie so lange von unserem sozialen Leben getrennt wie in dieser Pandemie.
Die Bettenliste füllte sich nur langsam, aber mit jeder neuen Übernachtungsmöglichkeit, die ich fand, wurde ich mir sicherer, dass ich starten kann. Durch die strenge Organisation im Vorfeld verlor allerdings das Pilgern auch einen Teil seiner Leichtigkeit.
Ich freute mich ganz besonders auf Italien, da mir das Land noch völlig unbekannt war. Ich werde es von Norden her durchlaufen und über die Hälfte meiner Pilgerzeit dort verbringen. In ein Land so eintauchen zu können, es sich wandernd zu erschließen, ist in meinen Augen die schönste Art, einen Flecken Erde kennenzulernen – und ein Privileg.
Zur Verständigung hatte ich in den letzten Wochen mit einer App versucht, den Grundwortschatz zu erlernen. Meinen kleinen Sprachführer habe ich um die mir wichtigen Vokabeln erweitert. So hoffte ich, dass ich gut durchkomme und jeden Tag einen Satz dazu lernen werde – genau wie ich es in Frankreich 2015 gemacht habe. Wenn alles gut gehen würde, sollte ich in Rom auch schon etwas in Italienisch erzählen können. Zwischendurch würde ich mir auch noch mit ein wenig Englisch und Französisch helfen – oder mit Händen und Füßen gestikulieren. Nur Mut zu meinen Lücken!
Der Countdown lief und meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich war unruhig, aufgewühlt, angespannt, glücklich, euphorisch, zweifelnd, voller Tatendrang, hoffend, verunsichert… alles innerhalb von wenigen Stunden. Seit Tagen bereitete ich meinen Abmarsch vor.
Alle notwendigen Sachen lagen auf dem Gästebett ausgebreitet. Ich habe auch schon einmal Probe gepackt. Erfahrungsgemäß wurde wieder alles knapp kalkuliert und gewogen. Aber über ein gewisses Hygiene-Wohlfühl-Kleidungspaket muss ich verfügen! Dafür bin ich mir zu wichtig. Ich kann nicht stinkend mit dreckigen Klamotten durch die Lande streichen. Einmal hörte ich einen Podcast von Christine Thürmer, die schon 50.000 km durch die Welt gewandert ist. Für ihre Unternehmungen bewundere ich sie. Aber bei den hygienischen Bedingungen, die sie zum Teil schildert, läuft es mir kalt den Rücken herunter!
Als die Vorbereitungen und das Probepacken abgeschlossen waren, stieg ich einmal ohne und einmal mit Rucksack auf die Waage. TADADADA!!! 10 kg! Hurra, ich schaffte es, mit weniger Gewicht loszulaufen als noch bei meiner ersten Pilgerreise 2015. Da waren es noch 15 kg gewesen – plus Wanderstöcke und Verpflegung. Nun also 5 kg weniger! Ich war mega glücklich, stellte aber fest, dass mein schöner, kleinerer, neuer Rucksack nicht die praktischen Außentaschen hatte wie der große Rucksack von meinem Mann Holger, den er genutzt hatte, als er mit mir in Frankreich unterwegs war. Also habe ich mich doch für 500 Gramm mehr, dafür aber auch für einen Rucksack mit gutem Ordnungssystem und Platz entschieden. Ich bin ein sehr strukturbedürftiges Wesen.
Jedoch, bei aller vorfreudigen Packerei und Kalkulation: das Bettenproblem hatte sich immer noch nicht vollständig gelöst. Da dachte ich an meinen Blog, den ich in Vorbereitung auf diese Pilgerreise bereits begonnen hatte. Er wurde von Vielen gelesen und geteilt. So hoffte ich, dass sich die fehlenden Betten noch auf dem Weg finden würden. Ich träumte schon jede Nacht vom Weg. Es waren nicht immer gute Träume, ich sah mich auch im Traum immer wieder vor Problemen. Doch mein Glaube an die Sache und die besondere Herausforderung ließen mich trotzig werden. Mein Ehrgeiz war geweckt, es unbedingt versuchen zu wollen. Als dann die Nachrichten Lockerungen ab Pfingsten versprachen, wuchs meine Hoffnung, bald aufbrechen und gut durch Deutschland kommen zu können. Auch aus Österreich kamen erste Signale, dass der Tourismus bald wieder in die Gänge kommen sollte. Ich bemühte mich, optimistisch zu bleiben.
Doch plötzlich spielte auch noch mein Körper verrückt. Ich bekam irre Kopfschmerzen, die Knochen knackten. Ich redete mir selbst gut zu, dass dies alles psychisch sei und sich nach der ersten Etappe schon geben würde.
Ich ertappte mich immer öfter bei „letztes- Mal- Gedanken“: Das letzte Mal Rasen mähen. Das letzte Mal einkaufen. Das letzte Mal putzen… Schließlich wollte ich Holger einen geordneten Haushalt hinterlassen. Bei so etwas meldet sich meine bundesdeutsche Hausfrauenehre! Und als zuverlässige, umsorgende Ehefrau, die ich seit 25 Jahren bin, ging ich in die Vollen: Den Vorratsschrank hatte ich mit Gummibärchen, Schokolade, Chips, Salzstangen und Keksen aufgefüllt, sodass mein Mann seine Sehnsucht in Zucker ertränken kann – oder sich den Fußballsamstag versüßen. Für das Frühstück war der Tiefkühler voll Brötchen und Brot: selbstgebacken und nach Holgers Wunschliste. Trotzdem war mein Mann natürlich traurig, dass ich ihn für so lange Zeit wieder verlasse. Lange hoffte er noch, dass ich es mir anders überlege. Aber Holger kennt mich. Er wusste natürlich tief in seinem Inneren, dass ich ziehen musste. Für mich. Das alles hatte nichts mit ihm zu tun. Ich bewundere immer wieder, wie Holger mich so verständnisvoll loslassen kann. Mein Trost: ich komme wieder.
Und dann kam das letzte letzte Mal: Ich habe meine Pilger-Spar-Kugel geleert, in der ich seit der Rückkehr von meiner letzten Pilgerreise immer all meine 2€-Münzen gesammelt habe. Der Geldautomat war schnell überlastet. Es erforderte Geduld, mein erspartes Geld einzuzahlen. Doch dann waren die Vorbereitungen beendet.
Der Wonnemonat Mai brach an. Ich begann meine Reise am 10. Mai. Mein Weg durch drei verschiedene Länder voller Abenteuer, Begegnungen und Herausforderungen begann. Davon werde ich nun berichten.
Los geht´s!
Gestartet während Corona, nach 20 Tagen umgedreht, um dann neu durchzustarten. Der Anfang eines etwas anderen Pilgerns.
1. Tag
Leipzig
–
Böhlen
2. Tag
Böhlen
–
Borna
3. Tag
Borna
–
Altenburg
4. Tag
Altenburg
–
Crimmitschau
5. Tag
Crimmitschau
–
Zwickau
6. Tag
Zwickau
–
Reichenbach
/
Rotschau
7. Tag
Reichenbach
– Herberge
Göltzschtal
8. Tag
Göltzschtal
–
Plauen
9. Tag
Plauen
–
Schwand
10. Tag
Schwand
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Hof
11. Tag
Hof –
Lichtenfels
Bahnfahrt
12. Tag
Lichtenfels
13. Tag
Bayreuth
per Zug
14. Tag
Bayreuth
15. Tag
Bayreuth
–
Schwürz
16. Tag
Schwürz
–
Pegnitz
17. Tag
Pegnitz
–
Stierberg
18. Tag
Stierberg
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Gräfenberg
19. Tag
Gräfenberg
–
Kalchreuth
20. Tag
Kalchreuth
–
Nürnberg
Comeback
Leipzig
–
Nürnberg
21. Tag
Nürnberg
–
Schwabach
22. Tag
Schwabach
–
Dürrenmungenau
23. Tag
Dürrenmungenau
–
Gunzenhausen
24. Tag
Gunzenhausen
–
Heidenheim
25. Tag
Heidenheim
–
Öttingen
26. Tag
Oettingen
–
Wemding
27. Tag
Wemding
–
Harburg
28. Tag
Harburg
–
Druisheim
29. Tag
Druisheim
–
Biberbach
30. Tag
Biberbach
–
Augsburg
31. Tag
Ruhetag in
Augsburg
32. Tag
Augsburg
– Pittriching
33. Tag
Pittriching –
Landsberg
am
Lech
34. Tag
Landsberg
a. L. –
Hohenfurch
35. Tag
Hohenfurch
–
Rottenbuch
36. Tag
Rottenbuch
–
Ober ammergau
37. Tag
Oberammergau
–
Garmisch
–
Partenkirchen
38. Tag
Garmisch
–
Partenkirchen
–
Mittenwald
39. Tag
Mittenwald
–
Reith
bei
Seefeld
40. Tag
Reith bei Seefeld
–
Innsbruck
41. Tag
Innsbruck
– Pausentag
42. Tag
Innsbruck
–
Mühltal
/
Ellenbögen
43. Tag
Mühltal
–
St. Jodok
44. Tag
St. Jodok –
Gossensaß
Fast sechzig Tage durch ein neues, unbekanntes Land: der Kampf mit Sprachproblemen, Hitze, Blasen und den wunderbaren Begegnungen am Wegesrand.
45. Tag
Gossensaß
–
Mittewald
46. Tag
Mittewald
–
Vahrn
/
Brixen
47. Tag
Vahrn
–
Klausen
48. Tag
Klausen
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Lengmoos
49. Tag
Lengmoos
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Bozen
50. Tag
Bozen
– Kaltern
51. Tag
Kaltern – Margreid
52. Tag
Margreid –
San Michele
53. Tag
San Michele
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Trient
54. Tag
Trient
55. Tag
Trient
– Levico Terme
56. Tag
Levico Terme – Borgo Valsugana
57. Tag
Borgo Valsugano –
Cismon del Grappa
58. Tag
Cismon del Grappa
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59. Tag
Bassano del Grappa
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Castelfranco Veneto
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Camposampiero
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Camposampiero
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Padua
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Monselice
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Polesella –
Ferrara
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Ferrara
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68. Tag
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Bologna
mit dem Zug
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Bologna
70. Tag
Bologna
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Settefonti
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Tossignano
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75. Tag
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Brisighella
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Modigliana
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Dovadola
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Premilcuore
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Camaldoli
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Doccione di Sotto
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La Verna
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Caprese Michelangelo
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Sansepolcro
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Sansepolcro
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Citta di Castello –
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Gubbio
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Gubbio
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Eremeo San Pietro
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Assisi
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Assisi
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Assisi
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Foligno
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Settecamini –
Monteluco
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Monteluco
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Macenano
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Piediluco
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Piediluco –
Poggio Bustone
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Poggio Bustone
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Rieti
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San Lorenzo
100. Tag
Poggio
San Lorenzo
– Kloster
Farfa
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Kloster
Farfa
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Montelibretti
102. Tag
Montelibretti
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Monterontondo
103. Tag
Monterontondo
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Monte Sacro
104. Tag
Monte Sacro
–
Petersdom
Abschluss mit Papst
Rückreise
Danksagung
Die Geschichte der Schmunzelsteine
Nachwort
Packliste
Bildanhang
24,8 km
Ich wache nach einer sehr unruhigen Nacht auf. Holger begrüßt mich mit einem: „Jetzt geht es los!“ Ich bin etwas durcheinander und weiß noch nicht, was ich fühle. Eine gewisse Unsicherheit macht sich in mir breit und ich bekomme ein bisschen Angst vor der eigenen Courage. Das ist meine typische Reaktion vor Unbekanntem. Ich denke kurz, dass der Sommer in Leipzig doch auch ganz nett wäre. Hier bei meinem Liebsten in unserem wunderschönen Haus. Tausche ich wirklich ein genüssliches Leben mit allem Komfort und einem riesigen Kleiderschrank gegen den Minimalismus in meinem Rucksack ein? Schnell wische ich die Gedanken beiseite und gehe unter die Dusche. Dort wird mir erst richtig bewusst, dass es jetzt wirklich losgeht. Ich ziehe mich an, verstaue den Rest im Rucksack und wiege uns. Der Rucksack wiegt 13,5 kg. Er ist damit immer noch leichter als bei meiner ersten Tour nach Santiago de Compostella, aber doch schwerer als von mir anvisiert. Doch das macht nichts. Ich werde sehen, ob ich unterwegs noch etwas aussortieren kann.
Holger hat Tee gekocht und so sitzen wir zusammen und trinken Tee. Draußen scheint die Sonne.
Um 8 Uhr habe ich meinen Testtermin. Auf dem Weg dahin laufen meine Gedanken in die falsche Richtung. Als ich vor dem Testzentrum stehe und warte, vibriert mein Handy: 7.58 Uhr. Eine Erinnerung auf dem Display: ROM beginnt in zwei Minuten. Jetzt muss ich lächeln. Ja, es beginnt.
Mein Test ist negativ und so geht es zur Thomaskirche. Die ersten Meter höre ich in meinen Körper hinein und analysiere die Ausgangssituation: Der Rucksack ist ungewohnt schwer. Ein leichter Druck auf dem Beckenkamm. Also justiere ich die Gurte nach. Der Rucksack ist immer noch nicht körpernah genug und schaukelt auf meinem Rücken. Also verändere ich nochmals die Gurte. Linkes Knie? Rechtes Knie? Beide ruhig.
Ich laufe beschwingt zur Thomaskirche. Unterwegs wird mir so warm, dass ich im Rosenthal anhalte, die Jacke in den Rucksack packe und meine lange Hose gegen die kurze Hose eintausche. Es ist erst neun Uhr! Aber heute, am 10. Mai 2021, soll es laut Wetterbericht zum ersten Mal sommerlich warm werden. Hurra!
An der Kirche wartet Holger auf mich. Ich bekomme erst zehn Uhr den Pilgersegen und so setzen wir uns vor die Kirche in die Sonne und genießen die letzten gemeinsamen Minuten. Holger spricht mir Mut zu, ich selbst bin noch zögerlich. Pünktlich zehn Uhr gehen wir in die Kirche, in der gerade Orgelmusik gespielt wird. Was für ein Empfang! Leider werden wir von einer jungen Frau gleich wieder rausgeschickt. Als ich mein Begehr erkläre, ruft sie den Pfarrer an. Der kommt sofort und wir gehen zum Altar. Er liest einen alten Pilger – Psalm. Danach segnet er mich und meinen Weg. Als ich seine Hände über mir fühle, durchströmt mich ein ruhiges Gefühl der Glückseligkeit und gibt mir Zuversicht. Ich komme zur Ruhe und spüre eine Kraft in mir, die mich mutig aus der Kirche schreiten lässt. Holger denkt noch daran, dass ich mir den Pilgerstempel geben lasse und ich, dass Holger noch mein Handy einstecken hat, weil er ein Foto machen wollte. Das war knapp!
Nun kommt der schwerste Teil des ersten Tages. Der Abschied von Holger. Ich hoffe, dass er die Zeit meistert und wir uns irgendwann auf dem Weg wiedersehen. Wir machen es kurz. Alles ist bereits gesagt. Ein letzter Kuss und ich laufe in der Sonne zur Karl-Tauchnitz-Straße. Dabei drehe ich mich immer wieder zu Holger um, der an der Haltestelle steht. Ich summe die Comedian Harmonists und denke mir den Text dazu: „Gib mir den letzten Abschiedskuss, weil ich dich heut verlassen muss. Ich sage dir auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, leb wohl.“
An einer Laterne entdecke ich die erste Pilgermuschel. Die markiert allerdings nicht das Wegzeichen der Via Imperia, der ich bis Hof folgen werde, sondern den Jakobsweg nach Santiago. Ich habe immer noch Zweifel, als ich in den Auwald komme. Vor mit zeigt sich ein lieblicher Weg mit weiß blühendem Bärlauch, wohin das Auge schaut. Licht und Schatten wechseln sich eindrucksvoll ab und ich folge begeistert dem Fluss, der sich durch den Wald schlängelt. Der Knoblauchduft kitzelt meine Nase und die Vögel zwitschern ihre Lieder. Mein innerer Schalter legt sich um. Alle zweifelnden Gedanken lösen sich bei jedem Schritt auf und weichen einer unbändigen Freude. Heute geht es los. Es geht wirklich los – und am Abend werde ich meinem Ziel, Rom, circa 25 km näher sein.
Am Wildtierpark gibt es an einem kleinen Spielplatz eine Bank, wo ich meine Frühstückspause mache. Mit Wasser, Apfel, Banane und Müsliriegel beobachte ich eine Kindergartengruppe, die auf Wanderausflug ist und hier ebenfalls rastet. Die Erzieherin ermuntert jedes Kind, genügend zu trinken, bevor sie weiterziehen. Ich telefoniere noch kurz mit meiner besten Freundin Katharina, um ihr zu sagen, dass ich wirklich losgelaufen bin. Sie versteht meine Euphorie und wünscht mir Glück.
Ich laufe weiter und obwohl ich mich im Schatten bewege, strömt mir der Schweiß aus allen Poren. Um die Mittagszeit bin ich am Cospudener See und gönne mir eine zweite Pause. Am FKK-Strand lege ich mich kurz in das flache, eiskalte Wasser und lasse mich im Schatten einer Birke vom lauen Wind trocknen. Die Sonne scheint unermüdlich. Ich trinke meine Wasserflasche bereits hier fast leer. Ich verlängere die Erholungspause mit einem zweiten Apfel, döse ein wenig und lese ein paar Seiten. Zwei Enten halten mich für ungefährlich und watscheln bis an meine Füße heran. Ich bin da ängstlicher und ziehe meine Beine ein, als sie mir zu nah kommen.
Weiter geht es ohne Schatten zur Ruine der Zöbigker Fahrradkirche, wo es einen Wasserhahn gibt. Eine kurze Kneipp-Anwendung über Nacken und Arme, ausgiebig trinken und dann geht es mit frisch gefüllter Flasche weiter. Danach kommt ein hartes Stück Weg in der prallen Sonne durch die Neue Fahr, eine Schonung. Also brauche ich noch einmal eine Trinkpause, bis es nach Großdeuben geht. Doch ab da wird es noch härter, denn der Weg führt anderthalb Kilometer direkt an der B 95 entlang. Ich durchleide dank einer Baustelle zusätzlich zur prallen Sonne noch riesige Staubwolken, ohrenbetäubenden Lärm und den heißen Gummigeruch vorbeifahrender Autos. Dieses Stück Weg ist wirklich grausam und steht im harten Kontrast zu den bisherigen, beschaulichen Kilometern. So erreiche ich Böhlen, wo ich mir im Supermarkt etwas zum Abendessen und ein süßes Teilchen kaufe.
Ich laufe zum Pfarrhaus, setze mich in den Schatten der Kirche und warte auf die Pfarrerin, welche mir ein Bett im Gemeindezimmer angeboten hat. Sie kommt und zeigt mir meinen Schlafplatz im ausgebauten Dachgeschoss des Nebengebäudes. Dank Corona ist hier schon eine Ewigkeit nicht mehr gelüftet oder gefegt worden. Aber der Pilger nimmt, was man ihm gibt. Ich bin froh, überhaupt ein Bett gefunden zu haben. Die Couch ist ausklappbar und ich bin müde genug, um über alles andere hinwegzusehen.
Mein Versuch, mit der Pfarrerin ins Gespräch zu kommen, scheitert. Der Funke springt nicht über. Liegt es an ihrer Unsicherheit oder ist es wirklich eine Folge von Corona? Ich darf die Küche im Pfarrhaus benutzen und so koche ich mir einen Kaffee und setze mich mit meinem Teilchen in den Garten. Der Küster, Herr S., kommt vorbei und fragt, ob ich die Kirche sehen möchte. Na klar! So bekomme ich eine fast einstündige Führung durch die kleine Kirche samt Glockenturm. Für mich lässt er sogar das Geläut erklingen. Herr S. liebt diese kleine Kirche. Das spüre ich bei jedem Satz. Seine Erzählungen sind bezaubernd!
Dann sitze ich noch auf der Pfarrwiese, ruhe mich aus und telefoniere mit Holger. Alles ist wunderbar. Inzwischen bin ich gelöst und freue mich, dass ich unterwegs bin. Ich schreibe meinen ersten Blogeintrag. Schon gibt es die ersten Probleme. Ich kann die Bilder nicht hochladen. Mein Sohn Tim Pepe hilft mir mit einer Ferndiagnose.
Zurück in meiner Unterkunft putze ich mir das Waschbecken und wasche mich, so gut es geht. Danach setze ich mich mit meinem Abendbrot vor die Tür. Die Pfarrerin ist unterdessen verschwunden. Ich suche sie nicht weiter, sondern verbarrikadiere stattdessen meine Schuppentür und gehe schlafen. Dabei denke ich glücklich: Die ersten Kilometer sind geschafft! Morgen geht es weiter. Schritt für Schritt werde ich meinem Ziel näher kommen. Es ist wieder da, dieses Gefühl von Freiheit, von unendlichen Möglichkeiten und einer wunderbaren Zeitlosigkeit.
22,6 km
Nachts schien der Mond in mein Zimmer und ich konnte einen herrlichen Sternenhimmel bewundern. Morgens sechs Uhr wache ich auf, doch ich bleibe noch etwas in meinen Schlafsack gekuschelt liegen und dämmere vor mich hin. Die Glocken läuten. Ich kann mir genügend Zeit für die Morgentoilette lassen und bummeln, denn meine liebe Freundin Gesa kommt heute zu mir. Sie hat Urlaub und möchte mit mir eine Etappe pilgern. Weil ich in Borna kein Bett gefunden habe, nimmt sie mich heute Abend in ihrem Auto mit nach Braunsdorf, wo ich bei ihr schlafen kann, und bringt mich morgen zurück nach Borna. Was für eine tolle und liebe Idee!
Ich genieße mein Frühstück im Garten, räume auf, bezahle meinen Obolus und verabschiede mich von der Pfarrerin. Es ist angenehm warm und leicht bewölkt. Traum – Wanderwetter also. Gesa kommt pünktlich mit dem Zug in Böhlen an. Wir laufen los und quasseln. Leider verlieren wir schon in Böhlen den Weg nach Rötha und laufen stattdessen nach Gaulis. Dadurch verlängert sich unsere Etappe um vier Kilometer. Das fängt ja gut an! Doch wir bleiben optimistisch.
Weiter geht es auf dem Lutherweg. Bis Kahnsdorf bin ich ihn schon einmal gegangen; danach ist auch für mich die Route neu. Im Führer wird von einer Bäckerei in Großzössen berichtet, die bereits in dritter Generation in Familienhand ist. Die wollen wir für eine schöne Pause ansteuern. So laufen wir der Markierung folgend in einen Ort und fragen nach der Bäckerei. Aber wir müssen erfahren, dass wir in Neukieritzsch sind – und es hier keinen Bäcker gibt. Wir hätten den Weg an einer Gabelung verlassen müssen. So ein Mist. Hinter uns liegen schon vierzehn Kilometer. Zurücklaufen wäre für Gesa zu viel. Außerdem ist es inzwischen auch wieder richtig warm geworden und so suchen wir lieber die kürzeste Verbindung nach Borna. Diese führt direkt an der B 176 auf einem Radweg entlang. Nachdem der Weg bis jetzt wunderschön über Wiesen und Felder und durch einen Bärlauch-Wald ging, kommt nun also der Härtetest: Asphalt!
Am Radweg machen wir aber zuerst Pause – ohne leckeren Kuchen! Dafür gibt es Müsliriegel und Äpfel zur Stärkung. Dann gehen wir los, den Asphalt zu bezwingen. Doch die Laune sinkt, die Gespräche schlafen ein. Einsilbig und leidend schleppen wir uns über die Kilometer, bevor wir endlich wieder auf den Jakobsweg treffen. Dieser führt uns zuerst zur Emmauskirche und dann zur Stadtkirche St. Marien. Beide sind geöffnet. In der Emmauskirche ist eine Telefonnummer hinterlegt, die ich anrufe, um meinen Pilgerstempel zu bekommen. Es ist wieder ein Stempel des Lutherweges. Die Via Imperii scheint hier niemand zu kennen. Ich leiste Aufklärungsarbeit, so gut ich kann.
Auf dem Weg zu Gesas Auto kaufe ich beim Bäcker Erdbeerkuchen. Am Himmel braut sich ein Gewitter zusammen und es beginnt zu regnen. Wir aber fahren dem schlechten Wetter davon und auf Gesas Bauernhof. Unterwegs ziehe ich meine Schuhe und die feuchten Socken aus und sehe, dass ich eine dicke Blase an der dritten Zehe des linken Fußes habe.
Bei Gesa angekommen setzen wir uns mit Radler und Erdbeerkuchen vors Haus und lassen es uns schmecken. Beim Duschen entdecke ich, dass auch noch an meiner rechten Ferse unter der Hornhaut eine Riesenblase entstanden ist. Sie ist prall gefüllt, aber beweglich und hat sich an der Einlegesohle hochgeschoben. Ich steche achtmal ein, bevor die gesamte Flüssigkeit abfließen kann. Mit drei Gelpflastern und darüber noch drei herkömmlichen Pflastern polstere ich meine Ferse. Schließlich möchte ich morgen weiterlaufen können! Die Betten sind organisiert; da gibt es keine Kursabweichung.
Gesa und ich sind beide ziemlich fertig. Viel ist mit uns heute nicht mehr anzufangen. So knacke ich mir nur noch ein paar Walnüsse als Proviant und trinke mit Gesa ein Glas Wein auf unsere Freundschaft. Die Wäsche wird noch schnell aufgehangen; dann gehe ich schlafen.
27,7 km
Ich bin schon vor sieben Uhr wach und habe gut geschlafen, obwohl meine Blasen schmerzen. Nach meinen morgendlichen Sportübungen packe ich den Rucksack und gehe zum Frühstück. So richtig Hunger habe ich um diese Zeit noch nicht. Mir reicht ein Latte Macchiato und ein Bircher- Müsli; von Gesa selbst gemixt. Die Wäsche ist trocken und die Einlegesohlen, dank Gesas Vorrat, sind gewechselt. Halb neun werde ich nach Borna gebracht und kurz nach zehn sind wir da. Ich verabschiede mich herzlich von Gesa und bedanke mich für den Pilger-Luxus und ihre Gesellschaft.
Im Gegensatz zu den letzten beiden heißen und trockenen Tagen (25 °C) sind heute nur 15°C mit hundertprozentiger Regenwahrscheinlichkeit und sieben bis neun Litern Niederschlag angesagt. Super Aussichten! Mich aber stört das nicht. Ich freue mich auf einen schönen Weg und hoffe nur, dass ich mich nicht verlaufe. Einen unnötigen Umweg will ich meinen Füßen nicht zumuten.
Der Weg beginnt idyllisch an kleinen Flüsschen und Bachläufen entlang, vorbei an saftigen Wiesen mit Pferden und Schafen. Es regnet gleichmäßig sanft vom Himmel herab. Ich habe mein rotes Regencape übergezogen. In Zedtlitz finde ich ein offenes Garagentor, wo ich Unterschlupf finde, um meine Ausstattung zu optimieren. Ich binde mir ein Stirnband um, damit mir die nassen Haare nicht ständig im Gesicht hängen. Mit dem Band kann ich auch die Brille fixieren, die mir unter dem Regencape ständig von der Nase rutscht. Ich gehe weiter und der Ort ist niedlich, ländlich, sittlich. Am Wegesrand wurden die alten Zaunsäulen aus Beton liebevoll mit verschiedensten Mosaiken aus schillernd farbigen Scherben verziert. Es gibt eine Bücherbox, an der der Spruch prangt: „Lesen gefährdet die Dummheit.“ Das zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
Weiter geht es über regennasse Wiesen, an einem kleinen See vorbei und auf dem Bahndamm nach Whyra. Der Regen ist unterschiedlich stark, meistens kommt er als ein sanfter Landregen mit feinen Tropfen, der meine Stimmung eher hebt als betrübt. Der Regen bildet einen feuchten, dunstigen Luftschleier und auch von den Bäumen tröpfelt es fröhlich. Schnecken und Regenwürmer queren meinen Weg und es ist ein wunderschöner Feen-Tag. In Whyra angekommen, wird gerade die Kirche geputzt. Ich habe also Glück und kann dieses Kleinod besichtigen. Die Empore ist aus dunklem Holz geschnitzt, der Altar schön vergoldet. Ich bestaune die Holzbemalungen und kann kurz innehalten, bevor die Kirche wieder geschlossen wird. Die Mittagspause gönne ich mir dann im Bushaltestellenhäuschen. Dank Gesa ist mein Rucksack mit leckeren Snacks gefüllt – und ich habe richtig Hunger.
Ich laufe weiter und stelle fest, dass ich erst ein Drittel der Strecke geschafft habe. Meine Blasen schmerzen, doch die Schmerzen vernebeln mir Gott sei Dank nicht meine Sinne. So genieße ich die Eindrücke des Weges an diesem Wassertag. Über einen Wiesenweg gelange ich zu einem Feldweg, wo das erste Gelb der Rapsblüten meinem Auge entgegenspringt. Der Geruch des Rapses ist durch den Dauerregen ganz zart geworden und lässt den Sommer ahnen. In einem Märchen-Mischwald springt mir ein Reh über den Weg und eine Schnecke kriecht gemächlich durch das Gras. Überall rekeln sich Regenwürmer. Es sieht aus, als könnten sie in den Pfützen schwimmen. Können Regenwürmer schwimmen? Die Frage beschäftigt mich eine ganze Weile. So komme ich an den Ausläufern des Pahnaer Sees vorbei und erreiche den idyllischen Campingplatz, wo ich das erste Schild der Via Imperii sehe. Bisher war der Weg nur als Lutherweg und allgemeiner Pilgerweg ausgezeichnet. Meine Augen entdecken eine Pilgerin mit Esel, die mir entgegenkommt. Elke ist vor zwei Tagen in Altenburg gestartet und möchte mit ihrer Eselin zum Störmthaler See pilgern. Ihr Esel will eigentlich nicht mehr weiterlaufen, aber der Campingplatz hat geschlossen und sie muss ein Quartier finden. Ich erzähle ihr von den hübschen Dörfern, durch die ich gekommen bin und wünsche ihr Glück.
Dann passiere ich die Landesgrenze und laufe in Thüringen ein. Durch den Wald geht es an den Ausläufern der Talsperre Windischleuba vorbei, wo jede Menge Betreten Verboten- Schilder auf die mögliche Gefahr des Versinkens aufmerksam machen. Versinken? Ich bin unsicher und weiche nicht vom Weg ab. Im nächsten Wald sehe ich die ersten Maiglöckchen und jede Menge blühende Walderdbeeren. Wäre ich später hier, könnte ich jetzt mit vollen Händen ernten. An einer überdachten Bank stelle ich den Rucksack ab und schlage mich in die Büsche. Dabei ringelt sich eine Ringelnatter vor meine Füße. Ich hocke ganz still, um sie nicht zu erschrecken. In Pähnitz entdecke ich einen Storch im Horst und einen richtig coolen Spielplatz mit Tischtennisplatte und einem Schrank mit Schlägern und Bällen, sodass man sofort losspielen kann. Der Fahrradweg ist mit bunt verzierten Fahrrädern markiert und das Dorf macht einen sehr gepflegten Eindruck. Es geht am Schloss vorbei. Ein Schild verrät mir, dass es noch fünf Kilometer bis Altenburg sind. Meine Schuhe haben sich inzwischen voll Wasser gesogen. Ich merke schmerzhaft, wie sich die Pflaster lösen und die Blasen aufweichen.
Ab Remsa wird jeder Schritt von Schmerz begleitet und ich lenke mich mit wachem Blick in die Natur ab. So erreiche ich Altenburg und laufe alle drei Kirchen ab, um einen Stempel zu bekommen. Nirgends ist jemand. Die Kirchen sind geschlossen. Aber ich gebe nicht auf. Im Stadtkirchenamt läute ich mich durch das Klingelbrett und schon beim vierten Knopf erreiche ich den Kantor. Der nette, junge Mann stempelt mir meinen Ausweis. Ich laufe zum Drogeriemarkt und lege die Hälfte meines Tagesbudgets in Blasenpflaster an. Im Blumenladen besorge ich einen Strauß rote Papageientulpen für meine heutigen Gastgeber Andrea und Daniel. Daniel ist der neue Vorsitzende des Altenburger Paul- Gustavus-Haus- Vereins, in dem meine Tochter Svea Mitglied ist, die einmal in Altenburg gelebt hat. Sie hat dort angefragt, ob ich im Haus übernachten dürfte. Das war leider aufgrund der Coronamaßnahmen nicht möglich, aber Daniel hat mich spontan privat zu sich nach Hause eingeladen.
So stehe ich dann am frühen Abend tropfnass vor seiner Tür und werde sehr herzlich von Andrea und Daniel begrüßt. Ich ziehe gleich die nassen Klamotten vor der Tür aus und bekomme einen Wäschekorb, damit alles in der Waschmaschine landen kann. Was für ein Service! Bei einem kurzen Kaffeeklatsch kommen wir schnell ins Gespräch und ich fühle mich sehr wohl. Beide sind offen und herzlich und wir finden jede Menge Gesprächsstoff. Die Wohnung ist in einem alten Jugendstilhaus und sehr geräumig, was durchaus seine Gründe hat: Die beiden leben als Patchwork – Familie zusammen, in der immer mal ein paar mehr oder weniger Kinder zu Hause sind. Ich bekomme ein eigenes Zimmer mit einem richtigen Bett. Welch ein Luxus!
Die Küche ist der Hammer! – Ein stilvoll bunter Mix von alt, neu und modern. Hier wurde viel von Daniel entworfen und gebaut. Es gibt einem glänzenden Marmorboden und witzige Tapeten zu entdecken. Teilweise sind auch alte Zeitungen an der Wand und ich bestaune leere Bilderrahmen. Der Tresen am Herd lässt die lebhaften Gespräche auch beim Kochen nicht einschlafen. Das ganze Zimmer hat einen herrlich heimeligen Küchen- Bar- Kneipen- Charakter.
Ich gehe duschen und verarzte meine Füße neu. Dabei entdecke ich drei (!) blaue Zehennägel und zwei neue Blasen. Das wird schmerzhaft. Zum Abendessen bekomme ich gebackenen Blumenkohl, Salat, Laugenbrötchen, Humus und Butter und fühle mich wie im Pilgerhimmel.
Am Abend lerne ich noch eine der Töchter, Paula, und den Hund Leopold kennen, der ganz aufgeregt ist, weil Besuch im Haus - dank Corona - inzwischen selten geworden ist. In unseren abendlichen Gesprächen unterhalten wir uns unter anderem über Home- Schooling und dessen Einschnitte in das Familienleben, über Theater, Kultur und ehrenamtliches Engagement. Paula ist dreizehn Jahre alt und mag Schule von zu Hause aus überhaupt nicht. Sie vermisst ihre Schule und ihre Freunde. Andrea engagiert sich im Elternrat und setzt sich besonders für sogenannte „nicht-konforme“ Kinder ein, denn sie sieht in jedem Kind ein Potential, was gefördert werden sollte. Daniel engagiert sich mit all seiner Kraft neben Arbeit und Familie für das Paul- Gustavus- Haus, wo ich zu Sveas Altenburger Zeiten auch ab und an war. Beide sind sehr leidenschaftlich in ihrem Engagement und ich freue mich, sie kennen lernen zu dürfen. Leider vergeht die Zeit viel zu schnell. Die frische, feuchte Luft lässt mich zusätzlich schläfrig werden und so verabschiede ich mich in mein Bett.
Aber davor drehen wir noch einen kleinen Videoclip zur Aktion: „Warum vermisse ich das Paul- Gustavus- Haus?“, eine Aktion zum Kulturerhalt während Corona. Schnell schreibe ich noch mein Tagebuch und lege mich mit schmerzenden Füßen und leichtem Muskelkater in mein Bett.
29,3 km
Die Nacht war sehr unruhig, weil es in meinen Zehen pulsierte, ich Schmerzen hatte und mich für eine Schmerztablette entschied, um besser zu schlafen. Der Morgen ist regengrau und ich beginne mit dem morgendlichen Pilgerritual: Morgentoilette, packen und schauen, dass alles an seinem Platz ist und ich nichts vergesse. Alles im Rucksack erscheint mir essenziell und ich erinnere mich noch an meinen Schock in Frankreich, als ich mein Handykabel stecken ließ. Also habe ich mir ein Beutelsystem ausgedacht. Es darf kein Beutel leer bleiben, dann habe ich alles. Trotzdem bin ich nicht gefeit und schaue lieber genau nach. Hosentaschen abklopfen, ob Telefon, Geldbörse und Papiere an der richtigen Stelle sind. Manchmal bin ich schon krass in meiner Strukturierung. Ich kann nicht aus meiner Haut.
Ich erhalte Nachricht, dass auf meinem Blog Kommentare eingegangen sind. Einer ist dabei, der mich etwas verunsichert, denn der Grundtenor ist so negativ und will mich wohl einschüchtern. Leider ist er unter einem Pseudonym geschrieben, sodass ich keine Ahnung habe, woher er kommt. Ich lösche den Kommentar und bleibe optimistisch.
Das Frühstück ist sehr üppig, ich darf mir Proviant einpacken und bekomme wieder eine sehr schöne Unterhaltung. Es herrscht eine Rundum- Wohlfühl- Atmosphäre und es fällt mir schwer, mich von den beiden lieben Menschen zu verabschieden und in den Regen zu gehen. Aber Rom ruft!
Mit frisch gefetteten Wanderschuhen laufe ich über Wald-, Wiesen- und Feldwege gleichmäßig wie der Regen.
Auf dem Weg nach Paditz kommt mir eine Joggerin entgegen, die mich vor einem weißen Lieferwagen mit Erfurter Kennzeichen warnt. Der Fahrer hat versucht, sie in sein Auto zu zerren, sie war aber schneller und meint, ich solle aufpassen. Mir fährt der Schreck in die Glieder. Diese Information und mein morgendlicher Kommentator lassen mich vorsichtig werden.
Hinter mir kommt eine Frau mit zwei kleinen Kindern und ich frage sie, ob wir ein Stück gemeinsam gehen können, um die Lage zu sondieren. Kein Problem. So schlendern wir bis zur Brücke und von da sehe ich schon den Ort. Wir haben nichts gesehen und langsam entspanne ich mich wieder. Heute ist Christi Himmelfahrt und der Vorteil des Wetters ist, dass ich keinen Festtags- Männer-Umzügen begegne. Der Regen hat also auch Vorteile.
In meinem roten Regenkleid bin ich für jeden Hund ein rotes Tuch und alle kläffen mich wütend an. Auf einer Koppel scheut sogar ein Pferd, als ich daran vorbei gehe. Der Wind bläht das Cape auf, sodass ich wohl sehr bedrohlich auf die Tiere wirke. Dabei bin ich doch wirklich ungefährlich und froh, wenn mich jeder Hund ignoriert. Zum Glück habe ich meine größten Ängste überwunden und so tangiert mich das Bellen nicht so sehr. Mein Herz bleibt ruhig.
Meine Blasen merke ich bei jedem Schritt und so bevorzuge ich heute wasserverfüllte Wiesenwege statt glattgespülten Asphalt. Der Raps auf den Feldern beginnt zu blühen und setzt dem grauen Wetter etwas freundliche Farbe entgegen. Die kleinen Dörfer am Weg sind hübsch und sehr oft liebevoll restauriert. Es gibt ein Schloss in Ehrenberg und eine feudale Villa in Selleris, doch keine Bank für einen fußlahmen Pilger. Erst in Saara finde ich eine Bushaltestelle für die nötige und verdiente Mittagspause. Ich telefoniere noch wegen der nächsten Übernachtungen und dann geht es weiter im Regen. Mit dem Blick am Boden kommt es, wie es kommen muss. Ich verpasse irgendwie den Weg zu einem kleinen Ort, doch ein netter Mensch mit Hund führt mich auf den richtigen. Am Ortsausgang von Maltis entdecke ich eine sehr schön gestaltete Pilgerbank, aber sie ist leider klitschnass.
Bis Bornsheim laufe ich über Wiesen, Felder und Hügel mit herrlichen Ausblicken, doch ab Gößnitz geht es nur noch auf Pflasterstraßen und Teerwegen weiter. Meine Füße stöhnen. Eigentlich wäre eine Pause nötig, aber kein Bushäuschen ist zu finden. So schleppe ich mich bis zum ersten Haus mit Vordach in Frankenhausen und klingle an der Tür. Eine jüngere Frau öffnet und ich frage, ob ich auf ihrer Bank vor dem Haus bitte eine Pause machen dürfe. Ich darf und sie ist so freundlich und kocht mir sogar heißes Wasser, sodass ich mich mit einem Kaffee stärken kann. Dazu noch liebe Worte und ein viel Glück! Das tut gut! So gestärkt nehme ich die letzten fünf Straßenkilometer in Angriff. Unterwegs werde ich von einer älteren Dame nach dem Wohin gefragt. Über meine Antwort schüttelt sie den Kopf und findet mich sehr mutig. Auch sie wünscht mir Glück.
Unter einer Brücke sehe ich dann doch eine feucht- fröhliche Männergruppe mit Bollerwagen. Sie veranstalten unter dem Brückenbogen einen Bierflaschenslalom, grölen und grillen und ich gehe forsch mit einem Hallo auf den Lippen an ihnen vorbei. Das angebotene Bier lehne ich freundlich ab und folge meinem Weg. So komme ich nach Crimmitschau. Im dortigen Pfarramt reagiert niemand auf mein Klingeln und so bekomme ich heute keinen Stempel von meinem Etappenort. Hier in Crimmitschau habe ich kein Quartier gefunden, als ich im Vorfeld suchte. Aber in Glauchau wohnt Beate, eine Tagesmutter. Die fand meine Anfrage nicht komisch, sondern hat sich über eine Abwechslung in der jetzigen Zeit gefreut. Ich rufe sie an und sie holt mich an der Kirche ab.
Wir sehen uns, verstehen uns und da wir beide Tagesmütter mit Leib und Seele sind, haben wir sofort ein Gesprächsthema. Obwohl wir konträrer in unserem Charakter kaum sein könnten, kommt das Gespräch nie ins Stocken.
Meine Arbeit und mein Lebensrhythmus sind stark strukturiert und ohne meine Ordnungssysteme würde ich mich ständig verzetteln. Beate ist der Sammlertyp, hat für alles eine kreative Verwendung und beherrscht ihr Chaos. Ich bewundere sie für diese Fähigkeit, fällt es mir doch schwer, Dinge einfach mal laufen zu lassen. Bei Tee und Kuchen in ihrer gemütlichen Küche erzählen wir uns von unserem Alltag und entdecken viele Gemeinsamkeiten.
Ich wasche meine Wäsche und abends koche ich uns leckere Gemüsenudeln. Beate freut sich über ein neues, schnelles und so leckeres Rezept und genießt es, einmal bekocht zu werden. Ich fühle mich wohl am fremden Herd und so sitzen wir und quatschen übers Pilgern, Wandern und unser Leben. So vergeht ganz schnell der Abend. Beate möchte eine Etappe mit mir gemeinsam laufen und so habe ich morgen Gesellschaft. Wie schön. Ich freue mich darüber.
26,4 km
Meine Füße haben mich heute Nacht auf Trab gehalten. Egal wie ich mich legte, die Füße schmerzten und pochten. Dadurch bin ich schon sieben Uhr auf den Beinen und packe meine Sachen. Das Frühstück mit Beate ist wieder sehr gemütlich und im Anschluss bekomme ich noch eine Führung durch ihren großzügigen, sehr schönen Garten. Hier ließe es sich aushalten, wenn die Sonne einmal hervorkäme.
Wir fahren mit dem Auto zurück nach Crimmitschau und begeben uns gemeinsam auf den Pilgerweg. Wir finden ihn sofort und bald geht es in einen kleinen Wald, danach auf einen Wiesenpfad mit herrlichen Hügelblicken in grauer Regenlandschaft. Es tröpfelt leicht, doch das stört uns Beide nicht. Nach einer Weile hört es auf und wir wandern in einen trockeneren Tag. Schnell sind wir in Lauenhain, einem kleinen hübschen Dorf. Wir unterhalten uns die ganze Zeit, haben viele, gemeinsame Themen und gehen so in einer sich anbahnenden Freundschaft auf, dass wir an einem Wegweiser die falsche Entscheidung treffen. Der Jakobsweg ist hier nicht markiert, die Weggabelung nicht erwähnt und so kommen wir nach Dänkritz statt nach Mosel. Zuerst machen wir Mittagspause und essen die restlichen Nudeln als Salat, dazu ein gekochtes Ei und Käsebrot und so gestärkt geht es ein Stück zurück. Wir finden eine Abkürzung nach Mosel und erreichen bald den schönen Ort. Nun laufen wir nur noch auf Wiesenpfaden und kleinen Sträßchen zur Zwickauer Mulde und dann am mäandrierenden Flussverlauf entlang auf dem Damm. In Oberrothenbach pausieren wir noch einmal und ich telefoniere die nächsten Bettengastgeber ab. Wie jeden Tag ist es ein Überraschungsei, da ich nie weiß, wer mich beherbergt.
Zwickau ist nicht mehr weit, allerdings ziehen nun wieder Wolken auf und es beginnt immer wieder kurz zu regnen.
Die Landschaft ist wunderschön und Beate zeigt mir Brunnenkresse, welche ich verkoste.
In Zwickau laufen wir zuerst zum Dom, wo ich ohne Probleme einen Stempel bekomme. Der Dom ist beeindruckend und ich halte kurz inne und danke für den Tag und die Begegnung mit Beate.
Wir ziehen weiter in Richtung Bahnhof und kommen an einer Biobäckerei vorbei und ich lade Beate auf einen Milchkaffee und ein riesiges Stück Donauwelle ein. Wir setzen uns auf eine Bank in der Fußgängerpassage und genießen unsere letzten gemeinsamen Momente.
Beate hat einen großen Walnussriegel gekauft und schenkt ihn mir als Rucksackverpflegung für morgen. Wie lieb von ihr.
In der Apotheke möchte ich mich einem weiteren Coronatest unterziehen, um niemand zu gefährden. Im Netz stand, dass dies ohne Voranmeldung möglich ist. Vor Ort steht ein großes Schild: Nur mit Voranmeldung. Ich frage in dem Testladen (Laden neben der Apotheke) nach und werde direkt in die Apotheke geschickt, da es dort koordiniert wird. Der nette, junge Apotheker erklärt mir, dass alle Termine voll sind und auch niemand abgesagt hat. Ich erkläre ihm meine Situation und bitte ihn zu fragen, ob ich als Pilgerin nicht doch noch getestet werden kann, damit ich nicht auf der Straße schlafen muss. Die Testerin hat ein Einsehen und so darf ich als Letzte zusätzlich um 17.10 Uhr zum Test kommen. Ich freue und bedanke mich. Es ist noch genug Zeit, um Beate zum Bahnhof zu bringen. Wir verabschieden uns und ich danke ihr für ihre Gesellschaft und hoffe, wir bleiben in Kontakt. Sie verspricht es mir.
Zurück am Testladen muss ich noch eine ganze Weile warten, weil es sich verzögert. So habe ich Zeit, mit Holger zu telefonieren und meiner Gastgeberin Bescheid zu sagen, dass ich später komme.
Mit meinem negativen Testergebnis laufe ich noch zweieinhalb Kilometer zu meiner Übernachtung. Die Pfarrerin der evangelischen Gemeinde hat mir ein Bett in einer leerstehenden Wohnung in einem kircheneigenen Haus versprochen. Den Schlüssel darf ich einer gewissen Elke abholen.
Elke erwartet mich und ich lerne sie als eine sehr warmherzige Frau kennen. Sie ist eine ehemalige Apothekerin und ganz rührend um mich besorgt. Ich bekomme einen Tee, einen Badezusatz, Bademantel, ein Handtuch und einen Badvorleger für meine leere Wohnung, damit ich es mir gemütlich machen kann. Die Pfarrerin hat mir Matratzen, einen Tisch, Wasserkocher, Geschirr, Tee und einen Willkommensgruß hingestellt und ich bin gerührt von dieser Fürsorge. Die Wohnung wurde geputzt und mit viel Liebe ausgestattet. Ich bin voller Dankbarkeit für die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird.
Ein kurzes Gespräch über meinen Weg und die ersten Erlebnisse und dann lege ich mich in die heiße Badewanne und entspanne. Meine malträtierten Füße sind heiß gelaufen und ich brause sie eiskalt ab und lege sie auf den Wannenrand. Dieses Wechselbad wiederhole ich mehrmals und danach fühlen sie sich besser an.
Ein kleiner Imbiss aus dem Rucksack und dann folge ich der Einladung von Elke auf einen Tee und einen Plausch. Inzwischen hat sie meine nasse Wäsche gewaschen und hängt sie in ihrer Wohnung auf, damit sie bis morgen trocknet. Sie ist eine ganz liebe Seele und ich genieße ihr Verwöhnprogramm. Wir unterhalten uns und sie gibt mir einen kleinen Einblick in ihr Leben. Sie erzählt, dass sie ihre vielen Enkelkinder und ihre Kinder schon ein Jahr wegen Corona nicht gesehen hat. Die Rücksicht ist für sie verständlich, aber es ist sehr einsam und ein Videoanruf ersetzt nicht die Besuche. Deshalb freut sie sich, dass ich ihr etwas Ablenkung in den Corona- Alltag bringe. Was für ein Erlebnis.
Gegen einundzwanzig Uhr verabschiede ich mich von ihr und sie lädt mich noch zum Frühstück ein.
Bevor ich mich schlafen lege, rufe ich die Pfarrerin an und bedanke mich für das Dach heute Nacht. Beim Schreiben meines Tagebuches lasse ich die wunderbaren Erlebnisse des Tages noch einmal an mir vorüberziehen und bin so unendlich dankbar für diese Begegnungen. Vielleicht ist dies der Sinn meiner Pilgerreise in dieser ungewöhnlichen Zeit. Diese Menschen kennenzulernen, zu erzählen und zu zeigen, dass Träume wahr werden können, auch in diesen unruhigen Zeiten. Dass wir träumen dürfen und andere uns darin unterstützen und vielleicht auch wieder träumen. Ich bin so glücklich unterwegs zu sein, dass die schmerzenden Füße genauso dazu gehören wie die belebenden Gespräche. Erleben zu dürfen, wie sich Menschen aufeinander einlassen und öffnen, ist für mich ein Geschenk des Weges.
25,2 km
Meine pochenden Füße wecken mich nachts auf und ich wiederhole die kalten Güsse, nehme eine Schmerztablette und schlafe fest bis sieben Uhr. Die Pilgerroutine beginnt: Sport, waschen, packen und pünktlich acht Uhr bin ich zum Frühstück bei Elke. Mich erwartet ein ausgezeichnetes Frühstück, Proviant für den Weg und ganz liebevolle Worte. Ich bin sehr berührt, freue mich an ihrer Herzenswärme und bin von ihrer Güte beeindruckt. Es fällt mir schwer, mich von ihr zu verabschieden. Zum Glück hat sie einen Friseurtermin, so dass es klappt.
Mit Rucksack und Mülltüte verlasse ich die Wohnung und laufe auf dem Marienthaler Fußweg aus Zwickau hinaus. Ein Mix aus Sonne, Wolken und frischem Wind begleiten mich.
Holger schickt mir einen Glückwunsch zu unserem heutigen Hochzeitstag. Stimmt!! Der ist ja heute. Ich rufe ihn an und bedanke mich für das Geschenk, heute wandern zu dürfen, und für vierundzwanzig Ehejahre. Wo ist die Zeit geblieben? Was haben wir alles gemeinsam erlebt und geschafft: gelacht, geliebt, gestritten, Kompromisse gefunden, uns ein schönes Leben gemeinsam aufgebaut.
Über den Brander Marktsteig geht es nach Brand und ich freue mich über schlammige Feldwege und wasserverfüllte Wiesenwege, sind diese doch eine Wellnesskur für meine Füße. Der Begriff „heiße Füße“ erschließt sich mir dieser Tage völlig neu. Die Sinne sind geschärft und die Gedanken laufen in alle Richtungen. Ich freue mich, dass ich vorwärtskomme und ich langsam die Blickwinkel meines Pilgerführers verstehe und mich mal nicht verlaufe.
Weiter geht es nach Lichtentanne an der Straße entlang bis zum Rußbuttersteig, der sich wieder wohlfühlweich, wiesenschwammig, wunderbar laufen lässt. Die Burg Schönfels passiere ich und laufe die kürzere Variante nach Altrottmannsdorf. Auf dem Spielplatz wächst eine herrliche Löwenzahnwiese und die satten, gelben Blüten locken die Insekten an. Eine Bank lädt zur Pause ein und ich bitte einen jungen Mann, der auf seinem Grundstück Rasen mäht, um heißes Wasser für meinen Tee. Er ist so lieb und bringt es mir zur Picknickbank und so genieße ich die Pause mit ausgezogenen Schuhen. Schwarze Wolken türmen sich auf und ich hoffe, dass der Wind sie verbläst. Ich laufe frohen Mutes weiter und bin ganz aufgedreht, wenn ich an all die lieben Menschen denke, denen ich jetzt schon begegnet bin. Es ist der Wahnsinn.
Mein Weg wird wieder zum Camino Duro - der harte Weg- , denn es wird ein fünf Kilometer langer Asphaltweg bis Neumark. Danach kommt zum Glück wieder ein Waldweg, der zu einem Damm führt, wo ich einen wunderbaren Weitblick genießen kann. In der Ferne ist Reichenbach, mein heutiges Ziel, zu sehen. Es ist ein abenteuerlicher Himmel. Blaue, weiße, graue und regenschwarze Wolken werden vom Wind getrieben und in der Ferne sehe ich Regenschleier über Reichenbach. An einer Bank präpariere ich mich für eventuelle Regenschauer. Also doch noch einmal ein rotes Regenmonster sein. Bis zur Kirche Peter und Paul komme ich trocken und lasse mir vom Pfarrer die Kirche aufschließen, um innezuhalten und für den heutigen, schönen Pilgertag zu danken. Ein kleines Gespräch mit dem Pfarrer, einen Stempel in den Pilgerausweis und dann soll es weitergehen. Doch draußen regnet es in Strömen. Also setze ich mich unter das Kirchenportal, warte ab und lasse meine Gedanken schweifen.
Der Regen wird schwächer, aber es scheint sich eingeregnet zu haben, sodass ich die letzten Kilometer zu meinem heutigen Bett in Angriff nehme. Dafür muss ich aus dem Ort heraus an einer Landstraße entlanglaufen. Die Straße ist schnell gefunden, die Suche nach dem Haus dauert länger, weil die Nummerierung nicht stimmig ist. Dies merke ich erst am Dorfende, also gehe ich zurück und finde das richtige Haus.
Magdalena, eine Tochter des Hauses, öffnet mir die Tür und bittet mich herein. Der Rest der Familie stellt sich vor und begrüßt mich freundlich. Leo, der Sohn meiner Gastgeber, überlässt mir dankenswerterweise sein Zimmer. Zuerst werde ich auf einen Kaffee in das Wohnzimmer gebeten. Leo putzt noch sein/ mein Zimmer zu Ende und ich bedanke mich für seinen Einsatz. Wir unterhalten uns ganz nett, bevor ich duschen gehe. Abends wird gegrillt und ich genieße es, eine große Portion frisches Grillgemüse zu verspeisen. Danach zeige ich Fotos von meiner Pilgerreise aus Spanien und habe sehr aufmerksame Zuhörer. Vor allen Friederike ist sehr interessiert und nach einer anfänglichen Distanz gehen wir nun zu einem freundschaftlichen Du über. Der Abend wird lang und ich komme erst spät in mein Bett. Die Füße pulsieren wieder, sind heiß und ich lagere sie hoch, um besser schlafen zu können.
7,4 km
Heute ist Sonntag und ich habe mir vorgenommen, es am siebenten Tag wie der Herr zu halten und einen Pausentag einzulegen. Durch die derzeitige Situation möchte ich natürlich die Gastfreundschaft nicht überstrapazieren und so habe ich mir die nächste Übernachtung in einer kurzen Distanz gesucht.
Die Sonne weckt mich, doch kurz darauf ziehen wieder Wolken auf. Nach der üblichen Routine gehe ich in die Küche und Magdalena hat schon Kaffee für alle gekocht. Der Rest der Familie schläft noch. Magdalena zeigt mir Bilder auf ihrem I-Pad und möchte dann Fotos von mir anschauen. Ich erkläre ihr, dass ich gar nicht so viele auf dem Handy habe. Sie schaut sich mein Handy an, wischt ein paar Mal kurz darüber und auf dem Display erscheinen Bilder, die ich meinte, längst gelöscht zu haben. Ich bin erstaunt, was das Mädchen kann. Nun hatten wir genug anzuschauen. Die Anderen kommen nacheinander runter und wir fahren gemeinsam zum Gottesdienst nach Mylau. Dort lerne ich die Pfarrerin kennen, die mir meine Gastfamilie vermittelt hat. Ich erfahre, dass sich drei Familien bereit erklärt hatten, mich aufzunehmen und dass die erste mich gewonnen hat. Das ist doch eine super Erfahrung. Hätte ich das gewusst…
Der Gottesdienst wurde von Orgelmusik und Gesang (Tenor) umrahmt und die Predigt war sehr ansprechend. Das Thema war Wasser, Durststrecke und Dürsten. Sehr schön nach einer für mich sehr langen Durststrecke, denn in Leipzig habe ich noch nicht die zu mir passende Gemeinde gefunden. Im Anschluss machen wir noch ein Familienfoto an der Göltzschtalbrücke und fahren zum Frühstück zurück. Gemeinsam wird der Tisch gedeckt und zusammen wird ein Lied als Gebet gesungen und ich bin tief ergriffen von den vielen Stimmlagen dieser musikalischen Familie. Das gibt diesem Sonntag einen feierlichen Rahmen und ich fühle mich richtig wohl. Doch auch hier muss ich Auf Wiedersehen sagen und meine es auch so. Es ist für mich ein sehr beglückendes Erlebnis, all diesen Menschen zu begegnen und ich bin an jedem Abend sehr aufgedreht und begeistert, sodass ich lange brauche, um zur Ruhe zu kommen. Was für ein Weg!!!
Wieder auf der Straße laufe ich in die falsche Richtung und komme nochmal nach Mylau. So fotografiere ich noch die Stadtkirche und die Burg, um dann nach Mühlwand und auf dem richtigen Weg zu laufen.
Es geht durch fast kniehohe, sattgrüne Wiesen und dann über Hügel durch den Wald bis zur „Herberge im Göltzschtal“ Die Wirtsleute sind sehr herzlich und die Herberge ist ein Kleinod. Der „Fuchsbau“ ist mein heutiges Domizil. Die Herberge ist ein gelungener Mix aus alt und neu und wirkt sehr gemütlich, modern und familiär. Sie begrüßen mich als erste Pilgerin des Jahres und ich kann mir vorstellen, was es wirtschaftlich für diese Familie heißt, den Lockdown zu überstehen.
Mit Kaffee, dem Walnussriegel von Beate, Schlafsack und Schreibzeug setze ich mich in die Sonne auf die Terrasse und telefoniere ein wenig herum. Ich brauche ewig, um meinen Blog hochzuladen, denn der Internetempfang ist schlecht und die Bilder sind eine Herausforderung. Bis zum Abendessen schaffe ich es. Ich werde sogar bekocht und durfte mir etwas wünschen. Das ist doch Service und Liebe zum Metier.
Die Wirtin serviert mir Rührei mit Kartoffel- Gurkensalat und Quark mit Erdbeeren, was für ein Genuss.
