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Bruni verspürt nach 33 Jahren Kindererziehung den dringenden Wunsch, einmal mit sich allein zu sein. Dabei möchte sie etwas verrücktes und außergewöhnliches tun. Sie will einmal einen Wanderweg bis zum Ende gehen und herausfinden, was es mit dem Mythos vom Pilgern auf sich hat. So ging sie von Görlitz bis nach Finesterre, dem so genannten "Ende der Welt", auf Jakobswegen zu Fuß. Tägliche Tagebucheinträge geben Einblick in das Leben als Pilger mit allen Qualen und Freuden des Weges.
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Seitenzahl: 680
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Am Anfang
Deutschland – ein Sommermärchen
1. Tag: Görlitz – Buchholz 28,8 km
2. Tag Buchholz – Bautzen 32,9 km
3. Tag Bautzen – Kamenz 32,2 km
4. Tag Kamenz – Schönfeld 33,4 km
5. Tag Schönfeld – Skassa 23,3 km
6. Tag Skassa – Strehla 26,7 km
7. Tag Strehla – Börln 24,2 km
8. Tag Börln – Wurzen 19,7 km
9. Tag Wurzen – Leipzig 25,7 km
10. Tag Ruhetag in Leipzig
11. Tag Leipzig – Merseburg 36 km
12. Tag Merseburg – Freyburg 31,7 km
13. Tag Freyburg – Naumburg – Punschrau 23,1 km
14. Tag Punschrau – Buttelstedt – Stedten 37,7 km
15. Tag Stedten – Erfurt 26,5 km
16. Tag Ruhetag in Erfurt
17. Tag Erfurt – Gotha 33,8 km
18. Tag Gotha – Eisenach 31,5 km
19. Tag Eisenach – Oberellen 15,3 km
20. Tag Oberellen – Vacha 24,8 km
21. Tag Vacha – Geisa 23,6 km
21. Tag Geisa – Hünfeld 21,7km
23. Tag Hünfeld – Fulda 25,2 km
24. Tag Fulda – Blankenau 23,3 km
25. Tag Blankenau – Sichenhausen 30,7 km
26. Tag Sichenhausen – Ortenberg – Eckartsborn 29,8 km
27. Tag Ortenberg – Rommelshausen 23,9 km
26. Tag Rommelshausen – Kleinkarben 33,5 km
29. Tag Kleinkarben – Eschborn 26,5 km
30. Tag Eschborn – Flörsheim 31,2 km
31. Tag Flörsheim – Mainz 18,6 km
32. Tag Ruhetag in Mainz 12km Stadtlauf
33. Tag Mainz – Heidesheim 21,5 km
34. Tag Heidesheim – Bingen 25,8 km + 5,8 km Stadtgang 31,6 km
36. Tag Koblenz – Alken 25,2 km
37. Tag Alken – Treis-Karden 21,4 km
38. Tag Treis-Karden – Beilstein 16,2 km
39. Tag Bullay – Traben-Trarbach 25,1 km
40. Tag Traben-Trarbach – Klausen 26,1 km
41. Tag Klausen – Schweich 25,1 km
42. Tag Schweich – Trier 26,8 km
43. Tag Trier – Tawern 19,8 km
44. Tag Tawern – Merzkirchen 15,4 km
45. Tag Merzkirchen – Perl 23,3 km
Frankreich – Land des Weines
46. Tag Perl – Sainte-Marguerite 21,1 km
47. Tag Sainte-Marguerite – Vigy (mit Umwegen) 29,1km
48. Tag Vigy – Metz 21,4 km
49. Tag Metz – Vandières 29,7 km
50. Tag Vandières – Liverdun 35,1 km
51. Tag Liverdun – Toul 27,2 km
52. Tag Toul – Vaucouleurs 23 km
53. Tag Vaucouleurs – Gondrecourt-le-Château 24,2 km
54. Tag Gondrecourt le Château – Joinville 44,1 km
55. Tag Joinville – Ambonville 26 km
56. Tag Ambonville – Clairvaux 33,3 km
57. Tag Clairvaux – Essoyes 24,7 km
58. Tag Essoyes – Les Riceys 18,2 km
59. Tag Les Riceys – Étourvy 26,7 km
60. Tag Étourvy – Tonnerre 21,4 km
61. Tag Tonnerre – Chablis 20,7 km
62. Tag Chablis – Auxerre 30,5 km (+10km Stadtwalk)
63. Tag Auxerre – Arcy-sur-Cure 32,9 km
64. Tag Arcy-sure-Cure – Vézelay 22,8km
65. Tag Vézelay - Le Chemin 23,3km
66. Tag Le Chemin – Saint-Révérin 26,7 km
67. Tag Saint Reverin – Prémery – Mauvron 30,7km
68. Tag Mauvron – Nevers 22,1 km
69. Tag Nevers – Grossouvre 32 km
70. Tag Grossouvre – Ainay-le-Château 36,4 km
71. Tag Ainay-le-Château – Bouzais 24,6 km
72. Tag Bouzais – Le Châtelet 23,4 km
73. Tag Le Châtelet – La Châtre 31,3 km
74. Tag La Châtre – Cluis 26,7 km
75. Tag Cluis – Crozant 28,2 km
76. Tag Crozant – La Souterraine 26,9 km
77. Tag La Souterraine – Bénévent- l'Abbaye 22,3 km
78. Tag Bénévent- l'Abbaye – Les Billanges 25,3 km
79. Tag Les Billanges – Montignac 34,5 km
80. Tag Montignac – Limoges 11,4 km
81. Tag Limoges – Flavignac 29,5 km
82. Tag Flavignac – La Coquille 30,9 km
83. Tag La Coquille – Thievers 20,6 km
84. Tag Thievers – Sorges 15 km
85. Tag Sorges – Périgueux 26,1 km
86. Tag Périgueux – Saint Astier 22,7 km
87. Tag Saint- Astier – Mussidan 28,7 km
88. Tag Mussidan – Port Sainte- Foy- et- Ponchapt 35,2 km
89. Tag Port- Sainte- Foy- et- Ponchapt – Saint- Ferme 28,3km
90. Tag Sainte- Ferme – Basanne 25km
91. Tag Basanne – Bazas 22,9km
92. Tag Bazas – Captieux 21,3 km
93. Tag Captieux – Roquefort 36,1 km
94. Tag Roquefort – Mont- de- Marsan 29,9 km
95. Tag Mont- de- Marsan – Saint- Sever 21,3 km
96. Tag Saint- Sever – Hagetmau 18,1 km
97. Tag Hagetmau – Orthez 28,9 km
98. Tag Orthez – Osserain Rivareythe 27,5 km
99. Tag Osserain- Rivareyte – Ostabat- Asme 26,2 km
100. Tag Ostabat-Asme – Saint-Jean-Pied-de-Port 21,3 km
Spanien – Dem Ziel so nah
101. Tag Saint- Jean- Pied- de- Port – Espinal 29,2 km
102. Tag Espinal – Arre 31,6 km
103. Tag Arre – Pamplona 3,4 km
104. Tag Pamplona – Puente la Reina 28 km
105. Tag Puente la Reina – Villamayor de Monjardín
106. Tag Villamayor de Monjardín – Viana 30,8 km
107. Tag Vianna – Logron
108. Tag Logron
109. Tag Nájera – Viloria 36,1 km
110. Tag Viloria – Agés 37 km
111. Tag Agés – Burgos 25,3 km
112. Tag Burgos – Hontanas 32,1 km
113. Tag Hontanas – Boadilla del Camino 30,3 km
114. Tag Boadilla del Camino – Carrión de los Condes 27,1 km
115. Tag Carrión de los Condes – Moratinos 30 km
116. Tag Moratinos – Calzadilla de los Hermanillos 24.1km
117. Tag Cazadilla de los Hermanillos – León 43 km
118. Tag León
119. Tag León – Villar de Mazarife 24,6 km
120. Tag Villar de Mazarife – Astorga 31,6 km
121. Tag Astorga – Foncebadón 26,5 km
122. Tag Foncebadón – Ponferrada 27,2 km
123. Tag Ponferrada – Villafranca del Bierzo 25,6 km
124. Tag Villafranca del Bierzo – O Cebreiro 28,3 km
125. Tag O Cebreiro – Samos 32,7 km
126. Tag Samos – Portomarín 35,9 km
127. Tag Portomarín – Palas de Rei 29,3 km
128. Tag Palas de Rei – Arzúa 30 km
129. Tag Arzúa – Pedrouzo 20,5 km
130. Tag Pedrouzo – Santiago de Compostela 20,7 km
131. / 132. Tag Santiago de Compostela
133. Tag Santiago de Compostela – Vilaserío 37,3 km
134. Tag Vilaserío – Dumbría 30,6 km
135. Tag Dumbría – Muxía 22,9 km
136. Tag Muxía – Fisterra 28,3 km
137. Tag Fisterra – Kap Finisterre 5,5 km
138. Tag Santiago
138. Tag Santiago de Compostela – Görlitz
Nachlese
Anhang
Die Geschichte der Schmunzelsteine
Als ich den Entschluss fasste, meine Reise anzutreten, fragten mich viele, wie man oder besser ich auf die Idee komme, den Jakobsweg von zu Hause aus loszugehen. Schließlich wohne ich in Görlitz, am östlichsten Ende Deutschlands, an der polnischen Grenze und nicht etwa an der deutsch-französischen Grenze, was diesen Entschluss vielleicht erklären würde. Meine Antwort darauf war immer dieselbe: "Das ist eine lange Geschichte."
Zum Glück eignen sich Bücher dazu, Geschichten zu erzählen. Deshalb schreibe ich sie hier nieder, die lange Geschichte - in der Kurzfassung.
Ich bin leidenschaftliche Tagesmutter, Anfang fünfzig, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Die beiden großen Töchter waren schon ausgezogen, als ich mit meinem Mann Holger 2008 nach Görlitz zog.
Wandern machte uns in der Familie schon immer großen Spaß, zudem bin ich seit Jahren eine begeisterte Joggerin und lief schon lange mindestens einmal im Jahr einen Halbmarathon. Die Idee einer Pilgerreise entwickelte sich daher bereits vor zehn Jahren. Mein Sohn Tim Pepe, damals noch süße acht Jahre alt, bekam abends immer von uns vorgelesen und umso älter er wurde, desto interessierter wurde er auch an Büchern, die mich interessierten. Weil auch Tim Pepe ein begeisterter Wanderer war, gab uns die Oma ein Buch über den Jakobsweg von Carmen Rohrbach. Die Autorin beschreibt den spanischen Jakobsweg mit all den Schönheiten der Natur. Tim Pepe fragte, ob wir so eine Pilgertour nicht auch machen könnten. Ich vertröstete ihn auf später, denn er müsse seinen Rucksack allein tragen können. Später lasen wir dann auch das 2006 erschienene Buch von Harpe Kerkeling gemeinsam und immer, wenn Harpe ins Hotel floh oder jammerte, war Sohnemanns Kommentar: “ So ein Weichei! Mama, das machen wir aber nicht!“
So ging es eine ganze Weile. Wir lasen alles, was wir zum Jakobsweg fanden, gemeinsam. Die Urlaube, die ohnehin zumeist Wanderurlaube war, sahen wir als unsere Trainingscamps an.
Als es dann endlich so weit war, Tim Pepe das entsprechende Alter, Statur und Kraft hatte, kam mit dem Wachstumsschub auch das Hormonchaos. Die Pubertät kam und Tim Pepe hatte keine Lust mehr, mit seiner Mutter auf lange Wanderschaft zu gehen.
Ich aber hatte inzwischen Blut geleckt und wollte den Pilgerweg unbedingt gehen - wenn nicht mit Tim Pepe, dann eben allein. Vielleicht könnte ich dann auch ein bisschen Frankreich vorneweg mitnehmen, dachte ich. Mein Mann Holger fand die Idee weniger gut. Er meinte, wenn ich das wirklich machen wolle, dann könnte ich das erst tun, wenn unser Sohn mit der Schule fertig sei. So kam es zu dem ursprünglichen Plan.
Als wird dann nach Görlitz zogen, war es ausgerechnet die Jakobstraße, in der unser neues Domizil liegen sollte. Welch ein Zeichen! Die Jakobstraße liegt auf dem Jakobsweg der von Prag über Zittau nach Görlitz führt. In der Altstadt trifft er auf die Via Regia, eine alte Handelsstraße und ebenfalls ein Jakobsweg, der von Kiew kommt. Für mich war nun klar, dass wenn ich pilgere, dann laufe ich von der Haustür los!
Ich hatte damals ehrlich gesagt keine Vorstellung, wie viele Kilometer länger der Weg dadurch sein würde, wo genau die Pilgerroute durch Deutschland verläuft und wie viel Zeit ich dafür brauchen würde. Es war eine kühne Idee, aber genau das gefiel mir daran. Holger meinte, es sei unmöglich zu schaffen und hoffte wahrscheinlich insgeheim, dass auch ich das bald einsehen würde und das Vorhaben begraben würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Jetzt wollte ich erst recht das Unmögliche schaffen! Umso mehr ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel mir der Gedanke, allein unterwegs zu sein und dorthin laufen zu können, wohin ich wollte. Wie oft wollte ich während des Wanderurlaubs in den Alpen einen Pfad weiter folgen, musste aber umkehren, weil es gute, vernünftige Gründe gab: Die Zeit wurde knapp, die Unterkunft war in der anderen Richtung, vom nächsten Tal aus gab es keine Verbindung... Endlich könnte ich einmal einen Wanderweg bis an sein Ende gehen, nach Lust und Laune selbst entdecken, was hinter der nächsten Kurve kommt, wohin der Weg nach Tagen führt. Ich wollte einmal in meinem Leben etwas Außergewöhnliches tun, meine Geschichte selbst erfinden. Seit meinem achtzehnten Lebensjahr war ich Mutter, stets berufstätig, lange Zeit auch alleinerziehend, immer umgeben von Kindern und mit den Schultern voll Verantwortung. Ich wollte die Chance nutzten, einmal längere Zeit allein zu sein, mich nur um mich kümmern, mich aus dem selbst gewähltem Korsett der Verpflichtungen befreien - einmal aus der Zeit fallen! Damit stand der grobe Plan bereits 2008. Es war mir klar, dass ich erst gehen kann, wenn Tim Pepe sein Abitur geschafft hat und das bedeutete noch sieben lange Jahre zu warten. In der Zeit erschienen weitere Pilgerbücher und ich las und der Drang wurde immer größer. Ich begann, meine Pläne anderen mitzuteilen, mir Tipps und Informationen einzuholen. Außerdem dachte ich mir, umso mehr Menschen ich es erzähle, desto mehr wächst der Druck, das Vorhaben auch wirklich in die Tat umzusetzen. Auch Holger musste langsam einsehen, dass meine Pilgerreise keine fixe Idee ist, die sich wieder verflüchtigt. Und mir wurde klar, dass es mein Traum ist, den ich mir erfüllen möchte und nicht sein Traum. Ich werde Holger dafür längere Zeit verlassen müssen. Das war ein teurer Preis, denn in unserer fast zwanzigjährigen Ehe waren wir nicht länger als einige Dienstreisen voneinander getrennt, die maximal zwei Wochen andauerten.
Je höher Tim Pepe in den Klassenstufen stieg, desto mehr häuften sich auch die Bedenken. Besonders prominent waren dabei die Einwände meine Ausdauer und Gesundheit betreffend: Ich hatte von Kindesbeinen an Probleme mit Ohnmachten, die kein Arzt erklären konnte, die sich aber just wieder häuften. Nachdem Holger 2012 den Notarzt rufen musste, weil ich nachts im Badezimmer zusammengebrochen bin, drohte die Reise zu kippen. Doch mit meinem Ziel vor Augen, gab ich mich mit den Ausreden, ich habe einen geringen Blutdruck, nicht mehr zufrieden. Ich veranlasste meinen Hausarzt dazu, mich überall hinzuschicken, wo er es für sinnvoll hielt.
Schließlich landete ich im Herzzentrum Dresden zur Dauerüberwachung. Tatsächlich wurde dort das Mysterium nach achtundvierzig Jahren unregelmäßiger Ohnmachtsanfälle aufgeklärt. Ich bekam einen Herzschrittmacher, was ich für mein vergleichsweise junges Alter zwar ein wenig gruselig fand, aber nun einmal nicht zu vermeiden war. Immerhin: Der Weg rückte wieder in greifbare Nähe, die Sorgen um meine Gesundheit wurden um ein Wesentliches reduziert.
Ich beschäftigte mich nun eingehend mit den verschiedenen Pilgerwegen, suchte mir die entsprechenden Wanderführer und verschlang Kataloge für Wanderausrüstung und Zubehör. Das Netz der Pilgerwege in Deutschland ist weit verzweigt, sodass ich die Qual der Wahl hatte. Ich entschied mich letztendlich für die Route, die mich landschaftlich am meisten interessierte. Zwei Jahre verbrachte ich so mit der Vorbereitung. Als ich das erste Mal die Kilometer zusammenzählte, erschrak ich vor der Summe: über 3.000 km! Man, hatte ich eine Courage! War das überhaupt zu schaffen? Und wenn ja, in welchem Zeitraum? Die Zahl war beeindruckend - erdrückend.
Ich dachte an "Momo" von Michael Ende und die Weisheit von Beppo, dem Straßenfeger: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig." Der Gedanke gab mir Mut. So wollte ich es auch halten und so habe ich es auch bis zum Schluss gemacht: Ich habe mir abends immer nur die Etappe für den nächsten Tag angeschaut und mir möglichst offen gelassen, wie weit ich an diesem Tag kommen soll. Um so wandern zu können, habe ich mir genug Zeit eingeplant. Nach Tim Pepes Abitur im Juli wollte ich starten und versuchen, bis Weihnachten wieder zurück zu sein. Neue Plätze für Tageskinder habe ich sicherheitshalber erst ab Februar 2017 vergeben. Bis vier Wochen vor dem Ziel habe ich keinen Rückflug gebucht, sondern immer nur geschaut, was der nächste Tag bringt. Ich ließ mir so lange wie möglich offen, wann ich meinen Weg beenden werde. So waren die ersten 100 km schnell geschafft, es folgten 500 km und als ich die ersten 1.000 km überwunden hatte, da wusste ich, dass ich das Kap Finisterre erreichen werde.
Doch davon möchte ich nun in Ruhe berichten.
Am Anfang ist der Traum, dessen Erfüllung immer näher kommt: Ausrüstung, Packlisten und Wanderführer liegen bereit. Nach einem langen Hin und Her habe ich mich schließlich gegen die Anschaffung eines GPS Gerätes entschieden. Schließlich habe ich vor langer Zeit Kartenlesen gelernt und diese Fähigkeiten in der Vorbereitungsphase aufgefrischt. Ich möchte lieber so wandern, wie ich es gewohnt bin, analog und ohne Strom. Weil Bücher und Karten aber viel wiegen, verabrede ich mit Holger, dass er mir die Lektüre etappenweise zuschicken wird.
An der Volkshochschule belege ich noch schnell einen Urlaubs-Crashkurs in Französisch; Spanisch fällt leider mangels Beteiligung aus. Langsam wird mir ich ein wenig Bange. Fragen gehen durch den Kopf: Habe ich an alles gedacht? Was ist, wenn...? Doch ich sage mir: Es ist allein mein Traum. Wenn ich feststellen sollte, dass die Idee bescheuert war, dann kann ich jederzeit damit aufhören und etwas „Vernünftigeres“ in dem halben Jahr machen.
Auch mein Umfeld wird langsam nervös. Alle wollen wissen, wie sie denn erfahren, ob es mir gut geht und was ich mache. Darauf habe ich keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich wenig Lust darauf habe, während des Pilgerns ständig Anrufe entgegen nehmen oder abends jede Menge SMS verschicken zu müssen. Ohnehin überrascht mich das plötzlich weitreichende Interesse an meiner Mission. Plötzlich sprechen Menschen mich an, die von meiner Tour erfahren haben, welche ich nur vom Sehen kenne. Alte Klassenkameraden melden sich und fragen. Liegt das an der kleinen Stadt oder der Größe meines Vorhabens? Es ist Tim Pepe, der die rettende Idee hat, ich solle doch einen Blog schreiben. Also gibt mir mein technikversierter Sohnemann eine Lektion zum Thema, denn ich habe mich mit diesem Kommunikationsmittel tatsächlich noch nie beschäftigt. Facebook, Twitter und ähnliches interessieren mich nicht, Handyspiele gehen an mir vorbei. Seit knapp einem Jahr kenne ich immerhin Whats App und kann Fotos mit dem Handy verschicken. Das beschreibt meinen Stand und Umgang mit der Technik wohl am besten.
Tim Pepe erklärt mir also, was ein Blog ist und wie man ihn einrichten kann. Ich solle mir nun Gedanken über die Gestaltung machen. Oh je! Noch eine Herausforderung, der ich mich nun, einen Monat vor dem Start, widmen muss. Doch gemeinsam mit Tim Pepe geht es besser als gedacht, das Layout sagt mir zu und ich finde mich langsam zurecht. Nur für den Namen fehlt mir noch die zündende Idee. Ich schicke meiner Freundin Ines per SMS meine schlaffen Namensideen. Auch sie ist nicht begeistert. Doch nach ein paar Stunden kommt der entscheidende Vorschlag von Ines: „Jakobsmuscheln à la Bruni!" Das gefällt mir sofort. Dass in dem Blog-Titel sowohl der Jakob als auch ich erwähnt werden, finde ich super. Und ich koche gern. Vor meiner Karriere als Tagesmutter habe ich auch mal Köchin gelernt. Doch die Zeiten unter Volldampf in den Großküchen, wo man sich eine halbe Tagesschicht lang nur mit Butterrosen spritzen oder Fisch ausnehmen beschäftigen muss, sind zum Glück schon lange vorbei. Die Tageskinder jedoch profitieren nach wie vor täglich beim Mittagessen von meinem Handwerk und natürlich koche und backe ich auch nach wie vor gern für Holger, Tim Pepe - und für mich.
Nun war der Name also gefunden. Damit ich in Übung komme, starte ich 20 Tage vor meiner Abreise meinen Blog mit dem ersten Eintrag. Das Schreiben geht mir leicht von der Hand und macht sofort Spaß. Oh Mann, jetzt werde ich mit fünfzig Jahren zur Bloggerin, was für ein Gefühl! Doch ich sollte bald lernen, dass es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen dem bequemen Verfassen von Blogeinträgen am Laptop und dem krampfhaften Eintippen möglichst orthografisch richtiger Sätze an der Handytastatur, für die auch nach jahrelanger Übung meine Finger nach wie vor zu dick und zu unkoordiniert scheinen. Vorerst aber scheint das Problem mit der Kommunikation gelöst.
Elf Tage vor meiner Abreise bringt mir Heike, eine Görlitzer Freundin und begeisterte Hobbytöpferin ein besonderes Geschenk vorbei: Neun „Schmunzelsteine" aus Keramik getöpfert. Dazu erzählt sie mir eine Geschichte, die am Ende des Buches zu finden ist. Sie werden mich auf dem Weg begleiten und ich werde sie bei lieben Menschen zurücklassen.
Ich rätselte zwar schon lange, wie ich meinen Rucksack für den langen Marsch möglichst effizient und leicht packe. Ein paar Steine scheinen da für mich zuerst nicht hilfreich. Aber die Geschichte dazu ist so schön, der Gedanke dahinter so liebenswert, dass ich sie einfach mitnehmen muss.
Nach Tim Pepes großen Tag, dem Tag der feierlichen Übergabe des Abiturzeugnisses, rückt dann auch mein großer Tag immer näher. Ich verabschiede mich von meinen Tageskindern und Eltern mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wir sinnieren, was man einem Wanderer auf seiner Reise wünscht. „Berg frei" heißt der Gruß für die Bergsteiger, „Ski heil" für die Skifahrer, „Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel" wünscht man den Seglern. Und Wanderern? Mir fällt nur „Blasen frei und Knochen heil." ein. Ein wichtiger Satz, wie ich später des Öfteren auf meiner Wanderung bemerken sollte.
Die paar freien Tage vor meinem Start nutze ich, um mein Arbeitszimmer in Kisten zu verpacken, damit Holger nicht allzu viele Mühen hat, den Kaufmannsladen, die Murmelbahn und die anderen Spielzeuge sauber zu halten. Und dann kommt auch schon der große Moment des Packens. Ich hatte beim Kauf des Equipments penibel darauf geachtet, möglichst die leichteste (und zumeist auch teuerste) Variante zu kaufen. Lediglich bei den langen Wanderhosen habe ich nach der Farbe entschieden.
Sie sind himmelblau passend zu meinem himmelblauen, super teuren, aber ökologisch vertretbaren Rucksack. Auch ein neues Opinel-Taschenmesser kam deshalb für mich nur in himmelblau in Frage. Diesbezüglich bin ich dann doch ganz Frau: Himmelblau an grauen Tagen lässt doch Wunderbares erahnen! Nun liegt also alles schön sortiert und geordnet in wasserabweisenden, nicht knisternden Stoffbeuteln vor mir und wartet auf seinen Platz. Rein passt alles, denn es gibt ohnehin noch ein paar Dinge, die ich erst kurz vor dem Aufbruch einpacken kann. Doch der Schock kommt bereits jetzt mit dem Wiegen des Rucksacks. Hätte ich mich nach einem Festmahl auf die Waage gestellt, hätte der Schock nicht größer sein können. Schon jetzt stand auf der Anzeige 13 kg! Wie geht das denn? Ich habe alle Packlisten von den Outdoor-Führern studiert, Erlebnisberichte aufgesaugt und Fachgespräche bei Globetrotter geführt! Ich habe keinerlei Abendoutfit eingepackt, mich lediglich auf ein paar Kleidungsstücke beschränkt, um den Mindestbedarf an Reinlichkeit decken zu können. Es hat offenbar alles nichts geholfen. Also noch einmal aussortiert und nur die leichtesten Laufshirts, nicht die Beliebtesten, eingepackt.
(Das führte im Übrigen dazu, dass ich regelmäßig Werbung für den Leipziger Nachtlauf machte. Als mein Weg später durch Leipzig führte brachte mir das einen netten Kommentar ein: "Nachtlauf? Mädel, da biste zu früh los!") Tagebücher hatte ich drei verschiedene, sehr hübsche geschenkt bekommen. Ursprünglich hatte ich mich für das illustrierte von den Tageskindern entschieden. Nun aber entschied die Waage dagegen und ich packte das leichteste ein. Schwer im Verhältnis zur Größe sind auch die Steine und mein Schutzengel, den ich von meiner lieben Freundin Brigitte erhalten habe. Doch bei denen gibt es keine Diskussion, die müssen mit. Meine Stoffbeutel wiegen 200gr mehr als Plastiktüten, das lässt mich kurz grübeln. Doch mit Rücksicht auf eventuelle Mitpilger und meinem Drang nach einem Ordnungssystem behalte ich sie. Nach langem Abwiegen und Abwägen kann ich das Gewicht ein wenig reduzieren, richtiges Sparpotential finde ich jedoch nicht. Der Rücken wird also zeigen müssen, ob sich mein einjähriges Hanteltraining auszahlt.
Am Vorabend des 6. Juli 2016 packe ich die letzten fehlenden Sachen dazu, stelle die Wasserflasche bereit und ziehe mich für den Abiball um. Der Ball ist der letzte gemeinsame Abend für Holger und mich. Wir tanzen bis in die Nacht und feiern den Abschied.
In 45 Tagen auf über 1100km auf dem Jakobsweg quer durch Deutschland, in der Sommerhitze gepilgert. Der Beginn einer ungewöhnlichen Erfahrung.
1. Tag: Görlitz – Buchholz 28,8 km
2. Tag Buchholz – Bautzen 32,9 km
3. Tag Bautzen – Kamenz 32,2 km
4. Tag Kamenz – Schönfeld 33,4 km
5. Tag Schönfeld – Skassa 23,3 km
6. Tag Skassa – Strehla 26,7 km
7. Tag Strehla – Börln 24,2 km
8. Tag Börln – Wurzen 19,7 km
9. Tag Wurzen – Leipzig 25,7 km
10. Tag Ruhetag in Leipzig
11. Tag Leipzig – Merseburg 36 km
13. Tag Freyburg – Naumburg – Punschrau 23,1 km
14. Tag Punschrau – Buttelstedt – Stedten 37,7 km
15. Tag Stedten – Erfurt 26,5 km
16. Tag Ruhetag in Erfurt
17. Tag Erfurt – Gotha 33,8 km
18. Tag Gotha – Eisenach 31,5 km
19. Tag Eisenach – Oberellen 15,3 km
20. Tag Oberellen – Vacha 24,8 km
21. Tag Vacha – Geisa 23,6 km
21. Tag Geisa – Hünfeld 21,7km
23. Tag Hünfeld – Fulda 25,2 km
24. Tag Fulda – Blankenau 23,3 km
25. Tag Blankenau – Sichenhausen 30,7 km
26. Tag Sichenhausen – Ortenberg – Eckartsborn 29,8 km
27. Tag Ortenberg – Rommelshausen 23,9 km
26. Tag Rommelshausen – Kleinkarben 33,5 km
29. Tag Kleinkarben – Eschborn 26,5 km
30. Tag Eschborn – Flörsheim 31,2 km
31. Tag Flörsheim – Mainz 18,6 km
32. Tag Ruhetag in Mainz 12km Stadtlauf
33. Tag Mainz – Heidesheim 21,5 km
34. Tag Heidesheim – Bingen 25,8 km + 5,8 km Stadtgang 31,6 km
37. Tag Alken – Treis-Karden 21,4 km
38. Tag Treis-Karden – Beilstein 16,2 km
39. Tag Bullay – Traben-Trarbach 25,1 km
41. Tag Klausen – Schweich 25,1 km
42. Tag Schweich – Trier 26,8 km
43. Tag Trier – Tawern 19,8 km
44. Tag Tawern – Merzkirchen 15,4 km
45. Tag Merzkirchen – Perl 23,3 km
1. Tag: Görlitz – Buchholz 28,8 km
Dann endlich ist der Morgen des lang ersehnten 6.Juli 2015 angebrochen. Holger muss auf Dienstreise und verabschiedet sich schon 6.30Uhr und ich schlafe nicht mehr ein, obwohl ich erst 10Uhr in der Peterskirche sein will. Aber das Kopfkino lässt sich nicht abschalten und so springe ich unter die Dusche und muddel noch ein bissel rum, wie der Sachse gemütlich sagt.
Ich frühstücke und merke, wie die Endorphine Purzelbäume schlagen.
Ich packe den Rucksack fertig: Wasser, Äpfel und Kleinigkeiten, die mir noch einfallen und stelle ihn auf die Waage: 18,5kg.
Mich trifft der Schlag! Ich packe komplett aus und finde nichts, was ich nicht brauche. Meine ich zu diesem Zeitpunkt. Also packe ich die Klamotten in Müllbeutel, fühle aber sofort, dass ich damit nicht umgehen kann, denn in den Stoffbeuteln herrschte eine gewisse Ordnung, welche jetzt gestört war. Also zurück und pfeif drauf! Mit 18,5kg, fast 20% meines Körpergewichtes, laufe ich los! Tim Pepe und seine Freundin Doreen finden 9.30Uhr aus dem Bett, um mich zu verabschieden und ein Startfoto zu schießen. Mein Großer lässt sich sogar noch einmal drücken und nimmt seine Mama in seinen Arm, was immer wieder ein witziges Gefühl ist, da er einen Kopf größer ist.
Ganz kurz erschrecke ich vor der eigenen Courage und hoffe, ich träume. Dieser Moment verflüchtigt sich aber rasch und ich bin wach und gespannt, was mich erwartet, was der Weg für mich bereit hält und wie ich mit mir allein zurecht kommen werde.
Als ich zur Haustür heraus komme, erwarten mich die Nachbarn und verabschieden sich mit Winkelementen (wehende Taschentüchern). Ich bin total gerührt und merke, wie die Tränen aufsteigen.
Schnell losgelaufen und von der Baustelle vor unserer Tür Abschied genommen. Mein Schritt ist locker-fröhlich und ich bin so glücklich. Eine innere Stimme jubiliert: Jetzt gehts loooos!
Gedanklich singe ich "Hänschen klein" und erinnere mich, dass ich dieses Lied den ganzen Tag summte, als Tim Pepe in den Kindergarten kam. Ein Schritt in die Freiheit. Ich schwebe auf einer Wolke von Glücksgefühlen zur Peterskirche und habe Tränen der Freude in den Augen. Die Kirche wird gerade aufgeschlossen und ich gehe in die menschenleere Kirche und fühle die Vorfreude und schicke ein Gebet nach oben. Ich warte auf Frau L., welche mir den Pilgersegen versprochen hat. Nervös beobachte ich die Tür. Sie öffnet sich immer wieder, aber leider nur um Touristen einzulassen. Frau L. aber kommt nicht. Dafür kommen meine Freunde Agata und mein Lauffreund Torsten und ich bin freudig überrascht. Plötzlich stehen auch Heike und Thomas am Pfeiler und ich bin gerührt, dass ich nicht allein bin. Jeder hat mir zum Abschied eine Kleinigkeit mitgebracht. Torsten Fußcreme, Agata einen Müsliriegel und Heike eine gebastelte Papierblume mit gehäkeltem Stil für meinen Rucksack. Wir warten und warten und wer nicht kommt, ist Frau L. Dafür kommt Pfarrer P. und übernimmt die Aufgabe gern.
Wir begeben uns zum Hochaltar und die Zeremonie des Pilgersegens ist ergreifend. Wir betrachten das Altarbild, welches Gott im Himmel und die Jünger auf der Erde zeigt. Es symbolisiert, dass wir im Himmel wie auf Erden behütet sind. Ich fühle mich gerade irgendwo dazwischen. Wir sprechen gemeinsam den Görlitzer Pilgersegen:
Einer: Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen
Alle: Und mit deinem Geist.
Einer: Gott ist ein Gott des Weges. So erzählt es die Bibel. Und wir sind Pilger, Menschen des Weges.
Sehnsucht gehört zu uns: Sehnsucht nach Neuem, Sehnsucht danach, selber neu zu werden.
Menschen des Aufbruchs sind wir: Frei im Losgehen, frei in der Veränderung, frei zur Begegnung.
Unter dem offenen Himmel geht unser Weg mit den Füßen auf der Erde. Der Himmel grüßt uns. Die Erde trägt uns.
Und immer wieder gibt es Ziele: Ankommen dürfen am Abend. Ankommen dürfen am Ziel der Zeit.
Auch die Heimkehr hat ihre Zeit: Wir gehen jetzt auf die Hinreise und bitten Gott, dass er dann auch unsere Rückreise begleite.
Alle: Amen
Welch anrührende und bewegende Worte, die ich auf meiner Reise im Herzen bewahren werde. Mir steigen schon wieder die Tränen hoch. Nun heißt es endgültig Abschied nehmen. Vor der Tür bilden meine Freunde ein Spalier. Jeder nimmt mich in den Arm und wünscht mir einen guten Weg. Ich tänzele die Treppenstufen hinab, winke lachend und laufe los! Ich fühle mich so glücklich, so fröhlich, so frei! Ich lächele vor mich hin und in mir jubiliert es.
Ich laufe wirklich, wahrhaftig los! Unfassbar – einfach irre! Das Wetter meint es gut mit mir, ca. 25 °C, leicht bewölkt und es geht ein leichter Wind: Ein absolutes Pilgertraumwetter. So geht es beschwingt die ersten Kilometer und ich lasse meine Gedanken spazieren und erlebe erstaunt, wie sie sich selbstständig machen.
Auf den ersten 1,4km grüßen mich meine Sehnen und Muskeln in den Beinen als wollen sie mir sagen: "Wir sind für dich da, wir tragen dich, wir schaffen das!" Ein Schmetterlingspaar taumelt vor mir her, landet auf meinem Schuh und lässt sich zwei Schritte tragen, bevor es weiterfliegt. Das ist für mich beseeltes Ding ein Zeichen mit Symbolcharakter. Für mich heißt das, dass ich jetzt frei fliegen kann und sicher einen Platz zum Ausruhen finden werde.
Am Wegesrand finden sich leckere Kirschen und Mirabellen und ich laufe zwischen Wiesen und Feldern in die Königshainer Berge. Ein kurzer Blick zurück und die Landeskrone grüßt aus der Ferne. Bye, bye Görlitz. Ich genieße jeden Atemzug und lasse die Blicke in die Natur schweifen. In Königshain bin ich kurz irritiert, weil die Jakobsmuschel als Markierung fehlt. Ich sehe ein altes, vergessenes Wahlplakat und darunter eine Wandermarkierung. Als ich es hochschiebe kommt die Muschel zum Vorschein und alles ist gut.
Auf dem Hochstein bin ich nach knapp drei Stunden und setze mich in den Garten des Restaurants, in die Sonne. Außer mir ist nur eine tschechische Familie zu Gast. Ich trinke ein stilles Wasser und bestelle mir das Pilgersüppchen. Es ist ein Nudeleintopf mit Huhn für 3,70 € statt 4,70 €. Sehr heiß, sehr lecker mit frischen Möhren, Sellerie und Liebstöckel, aber zu wenig für eine hungrige Pilgerin. Nachschlag wäre schön, aber hier beginnt die Genügsamkeit.
Ich gehe weiter und jetzt merke ich langsam die Beine und den Rucksack. Ich laufe auf Arnsdorf-Hilbersdorf zu und eine Ringelnatter ringelt sich über den Weg und schlängelt sich in das Dickicht am Wegesrand. Ich kehre in der Kirche ein, wasche mir Hals und Gesicht und trinke köstliches, frisches Wasser. Ich fülle meine Flasche auf und bin dankbar für diesen Wasserhahn.
Ich setze mich in den Schatten, verspeise einen Müsliriegel und einen Apfel und unterhalte mich mit einem Mann, bevor es weiter geht. In Dobschütz laufe ich am schwarzen Schöps entlang und die erste Mücke sticht zu. Ein Schild sagt mir noch 6,9 km bis Buchholz. Langsam wird es anstrengend.
Vierkirchen streife ich nur. Meine Achillessehnen schmerzen abwechselnd und der Rucksack drückt auf den Po. Plötzlich bin ich am Ortsausgang Tetta und die Kirche habe ich verpasst. Es steht nur noch 1km bis Buchholz und ich jauchze laut. An der "alten Schule" in Buchholz, die für heute meine erste Pilgerherberge ist, finde ich ein Schild mit Telefonnummern. Während ich die Erste anrufe, kommt schon jemand vorbei, der die Herbergsmutter holt. Hier auf dem Land nimmt man den Fremden noch wahr. Ich bin fix und foxy und freue mich, endlich den Rucksack absetzen zu können.
Eine Frau kommt und stellt sich als Katharina vor. Sie weist mich nett ein und zeigt mir die Herberge. Ich bin allein hier und darf mir Tee kochen und alles, was vorhanden ist, nutzen. Wir reden kurz über meinen Weg und sie sagt, wenn ich es wirklich schaffen sollte, diesen weiten Weg zu gehen, sollte ich nach der Rückkehr einen Vortrag in der Gemeinde halten.
Es gibt einen schönen Veranstaltungsraum und es wäre sicher interessant. Ich lasse es offen, denn ich weiß nicht, ob ich das kann. Dann verabschiedet sie sich und ich rufe Holger kurz an und berichte. Danach genieße ich eine lange, heiße Dusche und reibe meine Beine und Druckstellen an den Füßen mit Pferdegel ein. Ich gehe in die Küche, koche mir Tee und backe ein paar Scheiben Brot auf, die ich mit Käse und Leberwurst esse, welche ich im Kühlschrank finde. Dazu Apfel, Müsliriegel (der Rucksack muss ja leichter werden) und als Verwöhnprogramm ein kleines Stück Kuchen. Mir geht es so gut! Ich muss über mich selbst lachen, weil ich schon am ersten Tag alle Bedenken über Bord werfe und fremde, angebrochene Butter und Wurst esse. Normalerweise bin ich sehr pingelig und ernähre mich aus Überzeugung vollwertig, biologisch. Angebrochene, unbekannte Sachen sind mir suspekt. Nach einem Tag habe ich das schon über Bord geworfen. Ehrlich gesagt, es war sicher nicht BIO, aber köstlich.
Ich stecke mein Handy an die Steckdose, wasche mein Hemd und bin einfach dankbar. Ich setze mich hinter das Haus, trinke Tee, schreibe Tagebuch (suche verzweifelt meinen Kuli, meine ihn verloren und finde einen in der Herberge) und bin so glücklich und so müde.
Später finde ich ihn wieder und fühle mich als Glückspilz! Ich wasche ab und telefoniere mit meiner großen Schwester, die mich im August eine Woche begleiten will.
Dann versuche ich den ersten Blogeintrag mit dem Handy zu starten und verzweifle schier daran, da ich irgendeinen Button nicht finde. Technik! Also falle ich schon 21Uhr glücklich und K.O. ins Bett.
2. Tag Buchholz – Bautzen 32,9 km
6Uhr werde ich wach, weil die Blase drückt. Durch das offene Fenster kommt schon warme Luft. Ich versuche weiterzuschlafen, aber der Kopf will nicht. Ich bin viel zu aufgeregt, als dass ich wieder einschlafen könnte. Also packe ich den Rucksack und mache mir Frühstück. Ich koche Tee und esse Baguette mit Marmelade. Dazu lese ich einen Artikel über Flüchtlingspolitik in Spanien in einer Kirchenzeitschrift, nicht ahnend, dass dies auch bald ein Thema in Deutschland sein wird.
Ich warte bis 7.30Uhr, um meinen Pilgerstempel zu erhalten (der aber leider verwischt, wie ich in Bautzen später feststellen muss). Ich beschaue mir die kleine, barocke Kirche in Buchholz, lese die Herrenhuter Losung und starte in den zweiten Pilgertag. Das Hochgefühl und der Adrenalinausstoß halten an. Bei gefühlten sonnigen 25°C rinnt der Schweiß schnell in Strömen, aber der Weg nach Weißenberg läuft sich gut und schnell. Ich schaue mir das Kirchlein an und suche die Pilgermuschel. Ich irre hin und her und als ich den Wegweiser endlich entdeckt habe, schickt mich eine Frau vehement in die andere Richtung. Nach einigen Diskussionen gebe ich mich geschlagen und laufe dorthin, wohin mich die Frau geschickt hat - mehr um die besserwisserische Dame loszuwerden, als im Glauben, dass sie Recht hat. Als ich an der nächsten Gabelung erneut stutze, werde ich von einem Mann weitergeschickt. Schließlich wird der Weg allzu sonderbar und ich schaue doch auf die Karte. Ich finde die richtige Richtung, verpasse aber den Abzweig. Letztendlich lande dann doch auf dem Weg, den ich ursprünglich gehen wollte und laufe die Hälfte zurück. Was sagt mir das? Lasse dich nicht beirren und gehe deinen Weg!
Jetzt komme ich auf den in meinem Outdoor-Pilgerführer erwähnten Baumstamm über einen Bach, wo gerade ein Schild angebracht wird, der das Betreten auf eigene Gefahr ausweist. Ich überquere ihn ohne Schwierigkeiten und bin in der Grödtzer Skala, einem lieblichen, lichten Wald entlang des Flüsschens. Nur die Mücken greifen massiv an und ich hole mein Autan aus dem Rucksack und stinke nun nach Zedernholz. Von Gröditz geht es nach Wurschen, wo ich einen netten Menschen beim Verlassen seines Grundstückes aufhalte und ihn bitte, mir die Wasserflasche aufzufüllen. Das tut er auch gern und wir unterhalten uns ein wenig. Wie es sich herausstellt, bin ich nicht die erste Pilgerin, die an seine Tür klopft. Ich schwitze wie verrückt und verliere schon wieder den Weg. Entweder ist die Auszeichnung schlecht oder ich bin einfach noch nicht auf das Erkennen der Zeichen geeicht. Ich suche eine halbe Stunde in Wurschen nach einem Ausweg und stelle fest, dass ich meine Wanderkarte verloren habe. Mist! Nach kurzem Nachdenken gehe ich den Weg zurück und finde die Karte am Wegesrand. Sie muss mir aus dem Rucksack gefallen sein, als ich sie beim Laufen zurücksteckte. Yippiyeah! Dann entdecke ich auch noch den Weg an der nächsten Kreuzung - das Glück ist wieder auf meiner Seite!
Nun geht es nach Drehsa über Felder in der prallen Sonne. Inzwischen sind die angesagten 36°C sicher erreicht. Ich trinke und schwitze. Nach kurzem Verlieren der Markierungen, finde ich sie am Wasserturm wieder und laufe nach Kubschütz. Unterwegs bitte ich einen alten Mann, meine Flasche zu füllen und trinke sie auf der Stelle aus. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ihn ein zweites Mal zu bitten, denn er ist schlecht zu Fuß. Der Durst jedoch lässt mich beharrlich werden. Schließlich könnte der Mann mich auch selbst zum Außenwasserhahn gehen lassen. Aber das Tor bleibt zu und wir reden über den Zaun. Er ist so freundlich und wünscht mir einen guten Weg, auch wenn er mich für verrückt hält. Ich erfahre bei jeder Wasserflasche nicht nur, dass die Menschen mir gern helfen, sondern bekomme immer auch nette Worte und liebe Wünsche für den Weg. Allerdings ist es für die meisten unvorstellbar, bei den Temperaturen zu wandern und dann auch noch bis Santiago de Compostela! An einem Stück! Vielleicht ist es zu verrückt. Ich denke ja selber, dass es so ist. Aber es ist machbar und ich möchte es schaffen. Meine Dünnhäutigkeit hält an und ich habe oft Tränen der Freude und der Dankbarkeit in den Augen. In mir jubelt und jauchzt es und ab und zu muss es einfach raus! Ich bin zum Glück allein auf dem Weg und selbst die Dörfer sind in der Hitze wie ausgestorben.
In Kubschütz finde ich eine reizend geschnitzte Doppelbank auf dem Dorfplatz. Dazu ein Infoblatt mit der Sage von der Zwickenden Martha. Ich hänge mein Hemd zum Trocknen auf, rolle die Isomatte auf der zweiten Bank aus und stelle mein Picknick zusammen: Wasser, Nüsse, Apfel. Ich ziehe Schuhe und Socken aus (Welch eine Befreiung!) und strecke mich aus. Ich schaue in das Blätterdach einer mächtigen Kastanie, die Sonne blitzt durch die Zweige und die Vögel singen... Nach einer dreiviertel Stunde wache ich auf und erschrecke, schließlich standen all meine Habseligkeiten offen und unbewacht herum. Aber es ist alles in Ordnung. Ich packe ein und gehe ausgeruht weiter nach Jenkwitz. Der Weg führt an einer Straße entlang. Es ist heiß, ich atme Teer ein und es kommen recht viele Autos. Doch bald kommt zum Glück wieder ein Feldweg. Inzwischen ist es Nachmittag und immer noch drückend heiß. Ich hänge meinen Gedanken nach und spüre so weniger die Hitze. Die Felder sind abwechslungsreich. Dann geht es an die Bundesstraße nach Bautzen. Heftiger kann der Unterschied nicht sein! In den Feldern und Wäldern bin ich niemanden begegnet, jetzt rauscht der Verkehr. In Bautzen werde ich heute Nacht bei meiner Freundin Anna übernachten. Sie betreibt ein Frauenfitnessstudio in Görlitz und ich habe sie beim Europa-Marathon kennengelernt. Natürlich unterstützt sie mein Vorhaben. Ich habe ihre Adresse bekommen, sie aber zuvor noch nie in Bautzen besucht. In einem Tapetenmarkt am Stadtrand bitte ich um eine Toilette und mache mich frisch. Ich schütte das restliche, inzwischen heiße, Wasser aus und nehme mir neues kühles. Freundlich bedanke ich mich, denn ich durfte ausnahmsweise die Personaltoilette benutzen. Dann finde ich den Marktplatz, aber der Dom hat wegen Umbau geschlossen. Im daneben liegenden Pfarramt bekomme ich meinen Pilgerstempel und lasse mir den Weg zu Anna erklären. Wir telefonieren kurz, da sie noch arbeitet. Steffen, ihr Mann, ist aber da und heißt mich willkommen. Er zeigt mir Bett, Bad und Waschmaschine. Danach fühle ich mich wieder richtig gut und die Strapazen sind vergessen, auch wenn ich zwei blaue Zehennägel entdeckt habe. Die erste kleine Blase an der Mittelzehe ist sichtbar und ich behandle sie schnell mit dem Blasenstift. Bei der Hitze schwellen meine Füße so sehr an, dass ich gut eine Nummer größere Schuhe gebrauchen könnte.
Wir essen im Garten Abendbrot und schwatzen. Er plant gerade den diesjährigen Urlaub nach Georgien. Sie wollen mehrere Wochen Wandern und Klettern gehen und müssen dafür die ganze Ausrüstung mitnehmen. Steffens Rucksack wird 25kg wiegen: Das hat schon Expeditionscharakter! Ich bin beeindruckt. Ich erfahre, dass Anna vor zwei Wochen spontan den 24-Stunden-Watzmann-Lauf mit über 60km und 2.500 Höhenmetern absolviert hat. Wahnsinn, was für eine taffe Freundin ich doch habe! Sie kommt erst 22Uhr nach Hause und so reden wir nur kurz. Ich nehme die Wäsche ab, weil es blitzt, aber es ist schon fast alles trocken. Dann rufe ich Holger an, um Bescheid zu geben, dass alles in Ordnung ist. Er hat begonnen, Harpe Kerkelings "Ich bin dann mal weg" zu lesen.
Vor dem Schlafengehen reibe ich mir alle schmerzenden Stellen mit Pferdegel ein und ab geht es in den Seidensack zur wohlverdienten Ruhe. Es ist recht warm und laut im Zimmer, da die Autobahn nur circa 100 Meter entfernt vorbeiführt. Der Wind wird stärker und dann geht ein Gewitter los, das mich nicht schlafen lässt. Also unternehme ich noch einmal den Versuch, einen Blogeintrag über die App zu schreiben. Akribisch tippe ich alles über die kleine Tastatur ein, kontrolliere die Rechtschreibung, lade die Bilder hoch, sende... Ich habe vergessen, die mobilen Daten zu aktivieren! Also schalte ich das Internet an meinem Handy an und dann – Ich bin verwirrt. Ist der Blogeintrag weg!? Ich kann ihn jedenfalls nicht finden. Also Fenster zu und endlich schlafen.
3. Tag Bautzen – Kamenz 32,2 km
Ich werde von der vollen Autobahn (nachts habe ich das Fenster wieder geöffnet, weil es so warm war) und der vollen Blase geweckt. Dazu kommen starke Rückenschmerzen. Mein Rucksack ist definitiv zu schwer, sagt mein Rücken. Also muss ich mich beschränken. Ich sortiere Kopfkissen, Fleecejacke, eine Dose, ein Handtuch und Kleinzeug aus und packe den Rucksack neu. Nun wiegt er nur noch 15kg. Anna wird die aussortieren Sachen für mich nach Görlitz nehmen.
Ich gehe online und sehe, dass mein gestriger Versuch, einen Blogeintrag zu schreiben, wohl tatsächlich gescheitert ist. Also schreibe ich alles noch einmal neu, lade die Bilder hoch, sende... Es wird wieder nichts! Der Text ist weg und ein Googlezeichen erscheint. Ich verstehe die Welt nicht mehr und gehe frustriert frühstücken. Dann verabschiede ich mich von Anna und laufe los.
Es ist stürmisch, windig und gefühlte 20°C, also ideales Wanderwetter. Der Rücken schmerzt und ich rede ihm innerlich zu, dass es leichter wird. Nach drei Kilometern geht es auch leichter. Ich laufe auf Landstraßen und kaum ein Auto kommt vorbei. Ich sehe in der Ferne die Autobahn und denke: Was haben es die Leute eilig! Mir wird bewusst, welchen Luxus ich gerade lebe, dass ich es mir leiste, mich von mir selbst treiben zu lassen, ohne Terminplan und Verpflichtungen.
In Salzenforst begegnet mir der Wasserspender aus Wurschen und wir plaudern noch einmal kurz. Es ist doch lustig, dass ich ihm hier an seiner Arbeitsstelle wieder begegne. Dann geht es über ein Stück Feldweg mit Kirschbäumen, an denen die Früchte in Pilgerhöhe hängen. Also pflücke ich eine Hand voll und lasse den Rest für die nachfolgenden Pilger.
Im nächsten Ort entdecke ich das Schild einer Tagesmutter, aber ich sehe keine Kinder im Garten. Kurz überlege ich, ob es nicht eine tolle Idee gewesen wäre, von Tagesmutter zu Tagesmutter zu pilgern und sie kennenzulernen. So hätte man vielleicht ein breiteres Netzwerk aufbauen können. Aber ich ich verwerfe den Gedanken schnell wieder, als ich an die Ambivalenzen allein der Görlitzer Tagesmütter denke. Außerdem bin ich gerade glücklich arbeitslos.
Ich komme am Milleniumsdenkmal vorbei und empfinde diesen leeren Ort mit den großen Statuen als göttlich. Es liegt etwas Erhabenes an diesem Platz, das mich ehrfürchtig innehalten lässt. Dann fährt ein Güllewagen auf dem benachbarten Feld vorbei und der Moment verfliegt rasch.
Ich gehe weiter und komme an einem abgeernteten Feld vorbei, auf dem jede Menge Saatkrähen sitzen sowie drei Störche und zwei Möwen. Ich frage mich, woher die kommen und was sie hier suchen. Vielleicht sind es Pilgermöwen. Ein Raubvogel zieht in der Höhe seine Kreise und ich ärgere mich über meine Unkenntnis der heimischen Vogelarten. Letztlich ist es auch egal und ich genieße die Stimmung und die unbekannten Gefährten meines Weges.
An der Landbäckerei in Storcha gibt es das zweite Frühstück mit einem Pott Milchkaffee und Apfelkuchen für unschlagbare 2,30€! Den Kaffee hätte meine Großmutter Blümchenkaffee genannt, denn das Koffein musste ich suchen. Doch meine Pause lasse ich mir davon nicht verderben. Ich denke über die Gewichtsverteilung in meinem Rucksack nach und packe noch einmal um.
Während ich mein Tagebuch schreibe, liegt plötzlich ein großer Bernhardiner neben mir. Ich weiß nicht genau, wann er sich angeschlichen hat oder ob er schon die ganze Zeit über da war. Ich habe eine Hundephobie. Die betreffenden Herrchen können mir noch so sehr versichern, dass ihr Exemplar ein ganz ruhiger und ganz lieber Hund ist, das ist mir egal. Ich habe Angst und kann mich auch auf Gartenfeste nicht entspannen, wenn ein freilaufender Hund in der Nähe ist. Gerade beim Joggen ist das ein großes Problem und ich oute mich jedes Mal indem ich schon von weitem rufe „Bitte nehmen Sie den Hund an die Leine!“.
Als ich also die Gegenwart des sehr großen Hundes spüre und mich allein mit ihm weiß, geht mir erst einmal das Herz in die Hose. Aber ich versuche keine Panik zu bekommen. Deshalb beobachte ich den Bernhardiner ruhig: Von ihm scheint keine Gefahr auszugehen. Er blinzelt mich träge an und genießt die Ruhe.
Ich besuche noch die Kirche und bin erstaunt. Sie besticht durch einen wunderschönen barocken Stil, den ich in dieser ländlichen Gegend nicht erwartet hätte. Es geht weiter am Asphaltband nach Prautitz. Ich habe Glück, denn anders als im Führer beschrieben, fahren nur sehr wenige Autos an der Straße entlang. Als ich eine Spaziergängerin, eine alte Dame, überhole, halten wir ein kurzes Schwätzchen. Sie erklärt mir die Wegkreuze (zum Gedenken an Heilige u. ä.) und was auf dem dahinter liegenden Feld wächst (Saubohnen). Das ist meine erste Lektion in der Landwirtschaft.
In Crostwitz verliere ich die Muschel aus dem Blick und als ich einen Mann nach dem Pilgerweg frage, fragt er, ob ich Hunger habe. So lieb das auch gemeint ist, leider habe ich noch keinen. Ich schaue mir die hiesige Herberge an. Sie ist ganz entzückend, mit einer Pilgeroase im Garten und einem Schild vor dem Haus auf dem steht: 2.270km bis nach Santiago. Aber es ist noch zu früh und so laufe ich weiter nach Panschwitz-Kuckau. Der Weg kommt mir länger als angegeben vor, aber was soll's. Im Kloster betrete ich den Laden mit einem freundlichen „Grüß Gott", worauf ich verwundert angeschaut und ignoriert werde. Es wird munter auf Sorbisch weiter geplappert. Ich suche eine Postkarte für Julian aus. Julian war mal mein Tageskind, ist inzwischen Schulkind und schreibt mir immer noch aus jedem Urlaub eine Karte. Deshalb bekommt er natürlich auch die erste Karte von meiner Reise. Ich warte bis die Dame hinter dem Tresen ihr inzwischen aufgenommenes Telefongespräch beendet. Sie fragt freundlich, ob ich übernachten möchte. Es ist aber erst 14 Uhr und es erscheint mir ähnlich kommerziell wie das Kloster St. Marienstern, in dem ich mal mit meiner Freundin Katharina beim Wandern übernachtet habe. Ich danke, lasse mir einen Stempel geben und laufe weiter.
Ich habe mir angewöhnt bevor ich eine neue Ortschaft betrete, mich einmal im Kreis zu drehen und den Blick schweifen zu lassen. Es ist jedes Mal erstaunlich, wie anders der Weg aussieht, den man gerade gegangen ist, wen man ihn von der anderen Richtung aus betrachtet. Und ich staune immer wieder, wie schön unsere Heimat ist. Heute sind durch den Wind ganz andere Geräusche in der Natur, als gestern in der gleißenden Sonne. Der Weizen raschelt und in den Bäumen rauscht es.
In Dürrwircknitz komme ich ernsthaft in Versuchung, meinen Pilgertag früh zu beenden, denn es sieht dort in der Herberge sehr einladend aus. Ich sehe mich schon mit einem Tee gemütlich im schönen Garten sitzen. Leider ist die Unterkunft auch ein Bed&Bike und dadurch vollständig ausgebucht. Mit mir kommt eine Mutter mit ihrer etwa siebenjährigen Tochter an der Herberge an. Als sie hört, dass ich pilgere, erzählt sie mir, dass sie ihrer Tochter gerade erst auf der Herfahrt erklärt hat, was pilgern bedeutet und nun treffen sie gleich eine Pilgerin! Ja, das sei schon ein lustiger Zufall sage ich ergänze, dass Pilgern ja toll sei, wenn man nur ein Bett findet.
Ich bekam keines und zog weiter nach Nebelschütz, wo auch eine Herberge ist. Die finde ich auch, nachdem ich an der Kirche war und sie sieht auf den ersten Blick hübsch aus. Aber die Klinke ist mit Spinnweben behangen, was nichts Gutes ahnen lässt. Ich rufe trotzdem mutig die angeschriebene Telefonnummer an. Empfang: Nur zwei Balken! Die gute Frau am anderen Ende der Leitung schimpft, weil sie auf einer Radtour sei und sie keine Lust habe, jetzt zu kommen, um die Herberge aufzuschließen! Ich soll bis nach Kamenz laufen und wenn ich nicht mehr laufen will, solle ich in den Gasthof um die Ecke gehen, die hätten auch Betten! Tolle Idee! Und tolle Einstellung zu Pilgern! Das erklärt dann allerdings immerhin die Spinnweben. Vielleicht ist sie ja mit dem Gasthofbesitzer verbandelt?
Pilgerlektion: Wenn eine Telefonnummer an der Pilgerherberge steht, heißt das nicht automatisch, das man Einlass findet!
Also laufe ich weiter auf dem Asphaltradweg nach Kamenz. Heute bin ich das Asphaltgirl! Ich muss nur noch einen Berg erklimmen, bevor ich in der Touristeninfo den Schlüssel für die Pilgerherberge auf dem Hutberg erhalte. Dazu gibt es einen gratis Rundgang durch die Ausstellung in der Klosterkirche St. Annen. Sie ist sehr beeindruckend, aber ich bin zu müde und mein Kopf streikt. Ich bewundere noch die sogenannten "Verstrickungen" einer Künstlerin, die in dem Kirchenraum Wollfäden und Stricke gespannt hat. Damit schuf sie neue Verbindungen und Sichtlinien in dem kleinen Raum und wurde auf besondere Details der Architektur aufmerksam gemacht. Vor der Tür ist im Fußboden der Ausspruch von Assisi eingelassen: "Tue erst das Notwendige, dann das Mögliche und plötzlich schaffst du das Unmögliche." Er widerspiegelt so ziemlich genau, wie ich mich fühle. Er scheint zu meinem Weg zu passen, bei dem die Etappen größer werden als geplant.
Heute beende ich die 3. Etappe und habe die 100km-Marke überschritten. Yeah! Dann stehe ich in einem kleinen Laden, der sich angeblich auf Pilger eingerichtet haben soll und frage mich, was ich mit einem 250gr Stück Butter oder einer handelsüblichen Packung Käse soll. Ich hoffte auf Portionspackungen. Einkäufe mitzuschleppen ist für mich keine Option und so verlasse ich den Laden und lande beim Bäcker, wo ich ein Brötchen kaufe und danach in der Fleischerei Mildern-Spindler den Belag dafür suche. Für einen Euro bekomme ich das Brötchen liebevoll mit Butter, Salatblatt, Wurst und Käse geschmiert und auch noch ein paar Radieschen als Garnitur. Die Verkäuferin und ich plaudern nett zusammen. Dann besteige ich den Hutberg. Oben angekommen gehe ich zuerst in die Gaststätte. War das göttliche Eingebung oder nur Zufall? Just in dem Moment, als ich eintrete, will der Wirt gerade schließen, weil keine Gäste mehr da sind. Ich darf aber noch in letzter Minute einen Salat mit Hühnerbruststreifen und ein Radler bestellen und dies auf der Terrasse genießen, während die Küche geschlossen wird.
Ich betrachte die Herberge und bin etwas geschockt: Keine Dusche, Plumpsklo und das Zimmer voller Spinnweben und Laub, welches vom Fenster hereinfliegt. Das muss ich erst einmal putzen! Ich finde Gummihandschuhe und Putzmittel und zum Glück habe ich Desinfektionstücher dabei. So geht es wischi, waschi schnell übers Waschbecken und WC. Einen Staubsauger finde ich auch noch, sodass ich mir ein Mindestmaß an Wohlfühlsauberkeit selbst herrichten kann. Leider gibt es auch kein Kopfkissen und schon bereue ich meine gestrige Aktion, den Rucksack zu erleichtern. Inzwischen kommt ein älterer Radpilger an, der das zweite Zimmer bezieht. Von ihm erfahre ich, dass es erst in Schönfeld die nächste Dusche gibt und dass ich dort vorher anrufen muss. So wird die morgige Etappe auch wieder größer als ursprünglich gedacht. Aber eine Dusche kann und muss mir das wert sein! Ich telefoniere mit meinem Sohn Tim Pepe und erzähle ihm von meinem Leid der verschwundenen Blogeinträge. Er findet die Entwürfe und stellt sie online. Was für ein Schatz, so einen technikversierten Sohn zu haben! Mit Holger halte ich noch einen kurzen Plausch, damit er sich keine Sorgen macht. Dann wird es Zeit schlafen zu gehen.
Ich will mich am frisch geputzten Waschbecken waschen und stelle fest, dass ich den Boiler vorher hätte anschalten müssen, um warmes Wasser zu haben. Also muss ich noch eine Viertelstunde warten. Ich vertreibe mir die Zeit mit dem Lesen des Gästebuches. Es ist schon 22Uhr als ich endlich ins Bett komme. Ich versuche mich nicht zu ärgern. Ich kann schließlich ausschlafen. Anna hat mir zwei Sprüche mit auf den Weg gegeben, die ich zum Einschlafen lese:
„Das Leben ist ein Spiel. Man macht die größten Gewinne, wenn man Verluste riskiert!" (Christine von Schweden) und „Es gibt nur einen Ausweg, wenn man einmal in ein Labyrinth geraten ist. Das ist der Wille.“ (Fanny Lewald) Mal schauen, wie diese Sprüche zu meinem Weg passen werden.
Als ich in den Schlaf dämmere, habe ich plötzlich ein erleuchtendes Erlebnis: Ich liege bei offenem Fenster (vergittert, da im Wald) in meinem kuscheligen Daunensack, als meine Augen ein Licht streift. Ich öffne meine Augen, die ohne Brille nur verschwommen sehen können und sehe über mir einen kreisrunden, neongrünen Lichtkreis, der sich bewegt. Mein erster Gedanke gilt nächtlichen Wanderern mit Taschenlampe. Aber Neongrün?! Ich setze mir die Brille auf die Nase und dann sehe ich es: Ein Glühwürmchen hat sich in mein Zimmer verirrt. Ich denke sofort an Eric Carle's Kinderbuch, das ich den Kleinen so häufig vorgelesen habe. Ich helfe ihm den Weg nach Draußen zu finden und schlafe dann endlich ein.
4. Tag Kamenz – Schönfeld 33,4 km
Ich werde 5Uhr wach, weil der Radpilger aufsteht und fröhlich rumort. Ich drehe mich auf die andere Seite und schlafe weiter. 7Uhr bin ich endgültig wach, stehe auf und mache mir Frühstück. Vor der Tür gibt es reife Johannisbeeren, die es vitaminreich werden lassen. Vorher wische ich noch den Tisch ab, denn der nette Pilger scheint den Gebrauch eines Lappens nicht zu kennen. Als ich auf die Toilette gehe, lerne ich die heutige Pilgerlektion: Wenn ich eine Pilgerherberge in Abwesenheit eines Radpilgers putze, damit sie meinen hygienischen Ansprüchen genügt, heißt das nicht, dass ich sie am nächsten Morgen (nach dem Verschwinden des Radpilgers) noch geputzt vorfinde.
8Uhr starte ich in den Tag und es beginnt zu tröpfeln. Ich hole die Regenjacke raus, verpacke den Rucksack und los geht es. Der Regen nimmt rasch zu und schon bald schüttet es, was mich aber wenig beeindruckt, denn meine Jacke hält dicht und sogar die Brille bleibt unter dem Schirm der Kapuze trocken. In Schwosdorf frage ich einen Mann, ob er mir einen Gefrierbeutel als Schutzhülle für meinen Pilgerführer geben kann, was kein Problem ist. Ich laufe über Wald- und Wiesenwege und es ist trotz des Regens einfach herrlich. Das Geräusch des Regens auf meiner Kapuze und das unterschiedliche Rauschen des Wassers im Wald verbinde ich zu meiner eigenen Wassermusik. Das Vogelgezwitscher fehlt leider heute. Mein morgendlicher Tee treibt und ich muss mal Pippi. Bei dem Regen, kann ich es vergessen, den Rucksack abzustellen. Das erste Mal in meinem Leben fühle ich Penisneid! Was haben es die Kerle gut! Hingestellt, Hose auf und laufen lassen! Ich habe 15kg auf den Rücken und muss mich damit noch hinhocken. Das Gleichgewicht zu halten ist eine Kunst, die mir nicht hundertprozentig gelingt. Zum Glück steht vor meiner Nase ein Bäumchen (der Vorteil des Waldes), an dem ich mich festhalten und später hochziehen kann. Diese Kunst soll ich im Laufe des Weges noch komplett beherrschen! Wieder eine Pilgerlektion gelernt!
Meine Gedanken kreisten heute länger um ein Erlebnis aus der Vergangenheit und später merke ich, dass ich auch mal an gar nichts denken kann. Mir fehlt ein bisschen Konversation und so brabble ich ein wenig vor mir her. Hört ja keiner. In Reichenau komme ich an einer Pilgerherberge vorbei. Sie sieht sehr hübsch aus und der Garten ist toll. Schade, dass ich gestern nicht bis hierhin gekommen bin.
11Uhr hört der Regen auf und meine Zehen reiben in den feuchten Socken. Ich muss unbedingt die Socken wechseln, um Blasen zu vermeiden. Als ich vor Königsbrück aus dem Wald trete steht da eine Rastbank mit Pilgerapotheke und Blasen-Präventionsspray! Auch eine hüfthohe Rucksackablage ist angebaut. Ich bin überwältigt. Es gibt liebe und kreative Menschen, die mit uns Pilgern mitfühlen. Ich ziehe die nassen Socken aus, spraye die Füße ein und ziehe trockene Socken an. Ich esse ein paar Nüsse und zwei Müsliriegel und dann geht es beschwingt weiter. Es ist trockenes, windiges Wetter als ich in Königsbrück einlaufe. Am Blumenladen finde ich den Spruch "Blumen sind das Lächeln der Natur." und er gefällt mir ausnehmend gut. Der Marktplatz ist sehr hübsch und in der Touristeninformation erhalte ich zwei schöne Stempel. Die Damen dort sind sehr überrascht, dass ich allein pilgere und fragen mich, ob ich keine Angst habe. (Diese Frage wird mir noch oft von Frauen gestellt werden.) Ich verneine und erkläre meine Ansicht, dass mir überall etwas passieren könne, auch vor der Haustür. Außerdem sehe ich nicht in jedem Mann den potentiellen Übeltäter. Sie sind überrascht, über so viel Mut. Dann meinen sie noch, dass ihre Männer sie nicht gehen lassen würden und dass sie dafür auch gar keine Zeit hätten und wünschen mir einen guten Weg. Oh, was für ein Glück, dass ich die Freiheit habe, mir diese Zeit zu nehmen und den Mann, der mir das gönnt!
Ich laufe zu der Ausstellung, die verschiedene Modelle wichtiger Gebäude entlang der Via-Regia zeigt und die Führung dazu ist interessant. Ich bewundere die Menschen, die sich einer solchen Sisyphus-Arbeit widmen. Gleichzeitig frage ich mich aber auch: Wozu? Sie sind schon eine besondere Gattung, die Modellbauer, die mir auch ein wenig suspekt sind. Der Eintritt ist frei und ich spende deshalb 5€ und laufe weiter. Wieder geht es in den Wald. Als ich aus diesem heraustrete, knackt es plötzlich hinter mir und ein Ast stürzt direkt neben mir ab. Da habe ich Glück gehabt. Das hätte eine Beule oder mehr geben können. Ich fühle mich beschützt.
In Tauscha
