Schnablerrennen - Kurt Kment - E-Book

Schnablerrennen E-Book

Kurt Kment

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Beschreibung

Ein Hauptverdächtiger, der es nicht gewesen ist und eine frische Beziehung, die er nicht recht einordnen kann - Kommissar Besener hat in Gaißach alle Hände voll zu tun. Der Schuppen des Schnablervereins ist explodiert und ein Zeuge des Anschlags wurde tot aufgefunden. Ist das traditionelle Schnablerrennen, das in ein paar Wochen stattfinden soll, das Ziel? Die Gaißacher lassen sich nicht in die Karten schauen, die üblichen Ermittlungsmethoden stoßen bei dieser eingeschworenen Dorfgemeinschaft an ihre Grenzen. Beseners Team zieht alle Register.

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Kurt Kment

Schnablerrennen

Kriminalroman

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen: Leonhardifahrt (2020)

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Hans und Christa Ede / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-7886-4

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

06. November – Leonhardifahrt

Ich geh mit dir durch dick und dünn, bis ans Ende dieser Welt.

Die Toten Hosen: Bonnie und Clyde

»Schau, da kommt das nächste Gespann!«, rief Gerda. »Sind das die Gaißacher Jungfrauen? Mei, so schöne Haflinger.« Sie packte Manfred am Arm, nach dem Motto: Schau halt endlich hin. Dabei war der Kommissar durchaus aufmerksam. Die vier schwitzenden Pferde, das klingelnde und scheppernde prachtvolle Geschirr mit grünen Bändern, der Gespannführer auf einem der hinteren Pferde im Sattel, der mit Fichtenzweigen und kleinen Blumen geschmückte Truhenwagen, die jungen Frauen, die das Ave-Maria beteten und gelegentlich Zuschauer anlächelten …

Kriminalhauptkommissar Manfred Besener war ein schlanker Mann Anfang 40, blond und etwas verschmitzt aussehend, mit kleinen Lachfalten um die Augen. Ein bisschen wie Terence Hill sah er aus; mit entsprechendem Western-Outfit und Colt wäre er wahrscheinlich als dessen Doppelgänger durchgegangen. Er war zwar schon ein paarmal auf die Ähnlichkeit hingewiesen worden, aber es an Fasching mal drauf ankommen zu lassen – da hatte er keine Ambitionen. Wie ein Kommissar sah er nicht aus, irgendwie. Man weiß ja nie, wie ein Kommissar auszusehen hat, aber zumindest nicht wie ein Westernheld.

Seine Kollegin in Rosenheim, Kriminalhauptkommissarin Gerda Wimmer, war auch seit einem Jahr seine private Partnerin. Ebenfalls blond war sie und einfach umwerfend aussehend, egal, was sie gerade tat oder anhatte. Direkt unangenehm waren Besener die vielen Blicke, die sie auf sich zog. Sie selber schien es gar nicht zu bemerken. In Jeans, weißer Bluse und Pistole am Gürtel oder frisch aus dem Bett mit Druckstellen im Gesicht – es blieb einem die Luft weg. Die ganze Polizeiinspektion Rosenheim kannte die Wimmerin. Die einen vom Sehen, die anderen von den Berichten derer, die sie gesehen hatten. Und er hatte sie an Land gezogen. Oder doch nicht?

»Wann treffen wir den Herbert?«, fragte Gerda, aber sie konnte damit seine Gedanken nicht unterbrechen. Die flossen einfach weiter …

Die hübschen jungen Frauen mit aufwendig zurechtgemachter Frisur, eine lächelte ihn direkt an und nickte. Die Fanni aus Fischbach, mit deren Mutter er mal liiert war! »Schau, das ist die Fanni aus Fischbach, erinnerst du dich? Das sind die Fischbacher Jungfrauen!«, sagte Manfred Besener als Antwort auf die erste Frage von Gerda.

Der Brettlhupfer, der hinten auf dem Wagen mitfuhr, der heruntersprang und die Bremse anzog, weil der Wagenzug zum Stehen kam, die schaukelnde Wagennummer 70 auf dem weißen Kärtchen, fünf platt gedrückte Pferdeäpfel hinter dem Wagen, die entsprechend rochen, überall Leute mit dicken Jacken und Sonnenbrillen, Kinder in Schneeanzügen, Sanitäter, Polizei, Verpflegungsstände …

Es war sonnig, aber saukalt. Minus zwei Grad, und das am 6. November, dem Tag, an dem alljährlich die Tölzer Leonhardifahrt stattfand. Außer, der 6. November war ein Sonntag, dann war sie am Tag drauf. Inzwischen fand die Wallfahrt auch nicht mehr samstags statt, wegen der vielen Alkohol-Touristen.

Dieses Mal war’s ein echter Wintertag. Besener hatte seiner Kollegin – oder Geliebten? Partnerin? Gspusi? – im letzten Jahr während des Terror-Alarms hier in Tölz versprochen, ihr das Spektakel romantisch näherzubringen. Leider hatten sie es nicht geschafft, den Wahnsinn rechtzeitig zu beenden, und waren froh, die Terroristen überhaupt alle erwischt zu haben. Die Nacht vom 6. auf den 7. November war dafür dann schon bemerkenswert gewesen. Eigentlich der Beginn der Romanze. Aber vom Leonhardi-Flair hatte sie nichts mitbekommen.

Seitdem – ja … gerade fuhr der Wagen mit der Nummer 72 vorbei. Ein Tafelwagen, voll mit g’standenen Blasmusikanten mit grünen Hüten, die gerade einen aufspielten. »Die Wackersberger Musik!«, hörte er sich sagen.

Seitdem war wenig Zeit für Privatleben gewesen. Die restlose Aufklärung des Falls, die ganzen Berichte, die Inventarisierung der Beweismittel, Schadensgutachten lesen, Kommentare dazu schreiben, Berichte über kaputte Kraftfahrzeuge berichtigen – das alles hatte drei Monate gedauert. Nebenbei hatten sie noch das »Tagesgeschäft« mit erledigt. Fast die ganze Truppe war befördert worden.

Die frischgebackene Kriminalhauptkommissarin Gerda Wimmer kam nur einzelne Stunden pro Woche zu ihren Kollegen, den Kriminalhauptkommissaren Johannes Hinfaller und »ihrem« Manfred Besener, den Rest der Zeit hatte sie anderweitig zu tun. Sie war zusätzlich in der KPI Rosenheim neue Sonderbeauftragte für Kriminalitätsprävention in »Öffis«, also in Bus und Bahn – und Gleichstellungsbeauftragte. Irgendwer ganz oben hatte ihre totale Unvoreingenommenheit erkannt.

Der ganze Arbeitsaufwand war ein Fass ohne Boden. Sie schafften es immerhin, ungefähr zwanzigmal zusammen auszugehen, was auch ein paarmal im Bett endete. Aber eine Beziehung war das nicht. Eher ein … G’spusi trifft’s ganz gut, dachte Besener.

Im Sommer dann war seine Mutter in Miesbach plötzlich erkrankt – irgendein saudummer Grippevirus, von dem sie sich nur schwer erholte. Seine Woche in Tölz im letzten Jahr – trotz Leonharditerror – hatte ihn nachdenklich gemacht. Wie gerne wäre er wieder daheim in seinem Miesbach! Als dann die Außenstelle der KPI Rosenheim in Miesbach Leute suchte, setzte er sich mit Johannes Hinfaller, seinem Kollegen, zusammen und unterbreitete ihm seinen Plan: Lass uns als Team nach Miesbach gehen!

Der hatte nur genickt und kurz mit seiner Frau telefoniert. Da die Hinfallers in Irschenberg lebten, wäre der Weg zur Arbeit derselbe. Sie bewarben sich. Zwei Fäuste für ein Halleluja. So sahen die beiden auch aus: Johannes Hinfaller war groß, bärtig und vollschlank, wenn man es liebevoll ausdrückte. Deutlich konvex. Auch wenn er dem klassischen Haudrauf Bud Spencer äußerlich ähnelte, so war Hinfaller doch ein genialer Denker und ein wandelndes Lexikon. Sie ergänzten sich perfekt beim Ermitteln.

Ende September war die Zusage gekommen. Hinfaller sollte neuer Außenstellenleiter in Miesbach werden, Dienstantritt für beide wäre der 2. November. Gerda nahm es gelassen und freute sich für Manfred. Er wunderte sich immer wieder über sie. Eine andere wäre stocknarrisch geworden, sie nicht. Als ob es ihr egal wäre. Dabei schaute sie keinen anderen Mann an. Vielmehr hatte er den Eindruck, Männer seien ihr grundsätzlich völlig egal, sie machte halt ihr Ding. Wenn einer wichtig war, dann am ehesten noch er, hatte er den Eindruck.

Sie waren einfach nicht richtig zusammengekommen. Besser vielleicht, nicht wirklich zusammenkommen als zusammen und wieder Schluss. Er schüttelte den Kopf – ein Scheißgedanke!

Dann noch sein Umzug im Oktober. Von Au bei Bad Aibling nach Miesbach. Eine Wohnung suchen, den Hausrat umziehen, ummelden, der ganze Papierkram. Ein Wahnsinn! Aber jetzt war er angekommen. Ein echter Miesbacher war er wieder. Na gut, er wohnte im Ortsteil Bergham, da hielten sich die Bewohner für etwas Besonderes. Aber im Zeitalter von Globalisierung konnte man auch mal einen Berghamer als Miesbacher bezeichnen, das war grundsätzlich legitim.

Der letzte Wagen war vorbei, die wackelnde Nummer 85 verschwand unter den nachströmenden Menschen. Die Gerda strahlte ihn an. »Toll ist das!« Sie war so hin und weg und verliebt in dem Moment, dass sie ihn unbedingt küssen musste.

Polizeihauptmeister Herbert Schwendner, auch nicht im Dienst, tippte zwei Minuten später den beiden Schmusenden auf die Schulter. »He, ich warte auf euch, und ihr steht’s da rum und findet’s kein End. Da kann ich lang warten! Außerdem möchten die Kollegen durch!« Er deutete rundherum und hinter Gerda. Dort standen ein Streifenwagen und die beiden Kollegen – weiblich und männlich – grinsten ihnen genüsslich zu. Sie und das Auto wurden von Leuten umströmt wie ein großer Felsen im Fluss. Wieso standen sie mitten auf der Straße? »Habt ihr euch lang nicht gesehen, oder?«, fragte Schwendner. »Na ja«, sagte Besener gleichzeitig mit Gerda, die »Doch!« sagte. Eine halbe Sekunde lang schien sich eine peinliche Pause zu entwickeln. Dann erklärte Besener: »Wir waren da am Gehsteig, dann kam der letzte Wagen, und die Gerda machte einen Schritt da hinüber, dann gab’s ein Bussi und dann wären wir fast …« Er fuchtelte zum Gehsteig, zur Straße zu den sich entfernenden Gespannen hinauf.

»Jetz kommt’s endlich, da gehen wir jetzt hinauf, zum Tatort vom letzten Jahr, gell! Da gibt’s einen Schnaps und ein paar Platzerl von den Weibsbildern.« Schwendner schob die beiden seitlich vor sich her und winkte den Streifenwagen hinter dem Rücken unauffällig weiter. »Seid’s aber scho fest zusammen, oder?«, flüsterte er Besener zu. Der machte mit dem Zeigefinger eine Schweigensgeste und zuckte mit den Schultern. Gerda war von dem ganzen Trubel ein bisserl abgelenkt und strahlte vor sich hin.

Die junge Beamtin auf dem Fahrersitz ließ die Scheibe herunter und fragte, als der Streifenwagen ganz dicht vorbeirollte: »Sind Sie wirklich der Besener? Mein Kollege erzählt viel Mist, aber ich habe ihr Gesicht schon mal gesehen in so einem Schulungsvideo.«

»Ja, aber heute im Urlaub«, sagte der. Und ganz plötzlich fragte er grinsend: »Darf ich euren Dienstwagen ausleihen?«

»Wir müssen, äh, dringend – da vorn …« Die Kollegin war gut informiert über Beseners Verschleiß an Kraftfahrzeugen im letzten Jahr, und die Scheibe wurde unter einvernehmlichem Grinsen wieder nach oben gefahren.

Wieder war es die Gerda, die ihn heranzog und abknutschte. »Soo schön ist das heute! Mit dir, mein Held!«

Schwendner schüttelte den Kopf. »Wie die Teenager, echt«, brummte er. Er war letztes Jahr als Schutzpolizist an die Ermittlungsgruppe Leonhardi ausgeliehen worden und maßgeblich an der Aufklärung des Falls beteiligt gewesen. Vorher war er ein resignierter Provinzpolizist gewesen, ohne Aussicht auf Wein, Weib oder Gesang. Na gut, statt Wein hatte er sich Bier kaufen können. Die Vorgänge damals, die ganze Scheiße, wie man sagen könnte, hatten ihn wachgerüttelt. Als ob ein Schalter umgelegt worden wäre. Am Ende hatte sich nebenbei noch eine Kollegin in ihn verliebt, die Uschi. Die ihm immer schon imponiert hatte, der er aber nicht das Wasser hatte reichen können. Erst die neue Begeisterung für die Arbeit, dann die Uschi, und am Ende war er zum Hauptmeister befördert worden! Alles ganz von selbst.

»Ihr seid aber scho fest zusammen, oder?«, flüsterte er Gerda zu. Die sagte prompt: »Logo. Bist du blind?«

Sie folgten dem Menschenstrom hinauf zur nahe gelegenen Wiese bei der Kalvarienbergkirche. Die Bergwachtler vom Würstelstand winkten dem Trio zu, ebenso zwei aufmerksam gewordene, grauhaarige Feuerwehrler, die Glühwein ausschenkten. »Servus, Kommissar«, »So eine Freude«, »Habe die Ehre, Besener«. Die höflichen Begrüßungen kannten keine Grenzen. Die Gesten waren auch eindeutig: Wurst gefällig? Es wäre uns eine Ehre. Oder ein Glühwein? Oder drei?

Die Dankbarkeit für die gerettete Leonhardifahrt im letzten Jahr war allen ins Gesicht geschrieben. Der Retter in Person war Besener, der damals noch Kriminaloberkommissar aus Rosenheim war – auch wenn er es ohne sein Team nicht geschafft hätte. Er, KOK Hinfaller und KK Bremser waren der harte Kern gewesen, später stieß noch KOK Wimmer – die Gerda! – hinzu und natürlich als lokaler Insider POM Schwendner, jetzt PHM.

Zu fünft waren sie dann der Situation endlich Herr geworden.

Besener winkte ab, aber Gerda schnappte sich eine dargebotene kostenlose Bergwacht-Grillwurstsemmel, ein schlechtes Gewissen musste sie wahrlich nicht haben. Das sah man ihr auch an. »Geile Wurscht!«, schmatzte sie zufrieden und zwinkerte den Bergwachtlern zu, den Daumen nach oben gereckt. Besener ärgerte sich über seine Höflichkeit. Der Geruch der Grillwurst ließ seinen Magen knurren.

Plötzlich stand die Uschi vor ihnen, die kleine, gut aussehende Kollegin aus Tölz. In Uniform und wirklich fesch. »Grias eich!«, strahlte sie. »Servus, Schatzi!«, zu Schwendner und warf sich ihm an den Hals. Jetzt war es an Gerda zu stupsen. »Hä, pst«, flüsterte sie, »Uniform und Auftritt in der Öffentlichkeit!« Uschi ließ ab und zog ihre Jacke nach unten, streifte vermeintliche Flusen ab und räusperte sich. Sie grinste immer noch. »Die im Dienst befindliche Exekutive der Stadt Bad Tölz grüßt den Retter derselben mitsamt seiner Gattin!«

Besener zuckte unmerklich zusammen, Gerda schaute ihn schnell und offen an. Was jetzt? »Griasde Uschi, Retter ja, der Rest wird sich finden«, diplomatisierte er sich aus der Situation heraus.

Gerda ließ sich nichts anmerken und schaute ihn immer noch mit großen Augen an. »Ich liebe dich fei schon – wirklich!«, fügte Besener hinzu. »War das ein Antrag?«, fragte der ungeschickte Depp, der Schwendner. Uschi erkannte die brenzlige Situation und erwiderte schnell: »Eine Liebeserklärung war’s, du Depp! Horch genau hin, wie so was geht!«

Gerda ließ es dabei bewenden und erkannte eine der Damen auf einem Wagen. »Kommt mit!«, sagte sie im Weggehen und streckte die Hand nach hinten, in Richtung ihres Verehrers. Besener schnappte sich die Hand, und kurz drauf standen sie bei dem Truhenwagen. Oben saß die Schwester des Tölzer Polizeidienststellenleiters Obermeier, fesch herausgeputzt mit einem Fuchsfell um den Hals. »Einen Scharfen oder einen Süßen?«, fragte die und hielt ihnen die Plätzchendose hin. »Was hast’n für einen Scharfen?«, fragte Schwendner. Uschi war im Dienst und hatte sich bereits wieder verabschiedet. Sie war mit einem jungen Kollegen unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. »Williams, selbst gebrannt von meinem Schwager in Gaißach.«

»Au ja!«, riefen Besener und Schwendner gleichzeitig. Gerda entschied sich für den selbst angesetzten Schlehenlikör, also den »Süßen«. Gemütlich standen sie beisammen und ließen es sich gut gehen.

Gleich daneben, auf dem nächsten Wagen, saß die junge Fanni aus Fischbach. Auch gutes Gebäck, auch ein Schnaps. Die eingespannten Pferde waren teilweise mit Kotzen abgedeckt und dampften in der Kälte. Ein durchdringender Pferdegeruch waberte zwischen den Wägen und Leuten hindurch. Kleine Mädchen mit Elternteilen im Schlepptau pilgerten von einem Pferd zum nächsten, um alle zu streicheln. Die Rösser waren geduldig. In ungefähr 30 Minuten würde es eh schon weitergehen.

Plötzlich stand der Bürgermeister neben ihnen, der Fenser Herbert. Er schüttelte Besener und Gerda lang und ausgiebig die Hand, mit der linken Hand deren Grußarm packend. Das war in Ordnung, sie hatten zusammen allerhand durchgemacht. »Grias eich, Kripo! Dieses Jahr gibt’s keine Arbeit für euch, Gott sei Dank, ha?«, meinte er.

»Oft brauch ich das nicht«, bestätigte Besener. Gerda nickte. Besener dachte auch an die eine oder andere brenzlige Situation damals. Das war nicht ohne gewesen!

»Wie geht’s zu im Nachbarlandkreis?«, wollte der Bürgermeister wissen. »Gibt’s Gewaltverbrechen in Miesbach? Bist du in Tölz in Zukunft auch zuständig? Mensch, hoffentlich braucht’s das nicht!«

»Wenig is los«, bestätigte Besener. »Der Hinfaller hält heut die Stellung. Wir haben ja auch erst vor ein paar Tagen dort angefangen. Zuständig sind wir in Tölz nur, wenn uns die KPI Weilheim anfordert. Manchmal braucht’s halt Insider. Wir schauen nach dem Rechten im Landkreis Miesbach, da haben wir genug zu tun. Viel Drogen wegen Autobahnnähe, und natürlich der Tegernsee! Du verstehst.«

Obermeier nickte wissend. Nach einer langen Pause und einem Schnaps sagte er plötzlich: »Für eine Mordserie in der Jachenau zum Beispiel tät man euch brauchen. Das ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Da kommt ein Weilheimer nicht weit.« Er dachte nach. »Aber da ist ja nix los in der Jachenau, verbrechenstechnisch. Was soll da schon passieren? Fronleichnamsprozessions-Terror – so was glaub ich nicht!«, philosophierte der Bürgermeister. »Noch eingeschworener sind die Gaißacher. Da tätst du keinen Mörder finden, das schwöre ich dir! Nicht mal du. Das is eine andere Welt! Aber los ist da allerhand. Stell dir vor, du musst das Schnablerrennen retten, das wäre nicht vergleichbar zu dem Schlamassel hier bei uns im letzten Jahr, sondern hoch drei!«

Besener winkte ab. »Geh, Bürgermeister, jetzt redest du einen Schmarrn. Gewaltverbrechen in Gaißach ist wie Leonhardi ohne Pferde – das hat’s noch nie gegeben!«

»Doch, es gab so einen Wildbretschützen in Gaißach, den sie damals erschossen haben, da kann man schon von Mord reden, gell!«, widersprach Fenser. »Wilderer sagt man heute, aber das waren vor allem arme Teufel, die Hunger hatten.«

»Erzähl mir nix, Bürgermeister. Ein Vorfahr von mir ist der Wildschütz Jennerwein, den haben’s auch erschossen«, sagte Besener. »Nur, um Hunger ging’s nicht immer. Auch ums Prinzip. Um Nervenkitzel. Auflehnung gegen die Obrigkeit. Um die Frauen. Wiederherstellung der Gerechtigkeit und so weiter.« Er hob an, das Lied zu singen, das im Oberland ein jeder kannte: »Es war ein Schütz in seinen besten Jahren, er wurde weggeputzt von dieser Erd…« Er räusperte sich. »Direkt verwandt bin ich nicht, die Mutter vom Georg Jennerwein, die Anna, hatte sieben Geschwister. Und eine Schwester, die Maria ist meine Urururur…, ach ihr wisst scho.«

Das Thema war einerseits erledigt, andererseits kam Unruhe auf.

Der Wagenzug setzte sich wieder in Bewegung. Die Gespannführer der ersten Wagen waren konzentriert bei der Sache, die Pferde ohne Gefährdung der Zuschauer wieder auf die Straße zu lotsen. Die Schaulustigen, die Verehrer, die Schnapsbettler, die Verwandten, die Polizisten und alle anderen versuchten (ohne Schaden anzurichten oder zu nehmen), sich aus dem Wagengewirr zu entfernen. Gut, dass es schon länger so kalt und der Boden gefroren war. Dieselbe Wiese war an anderen Leonharditagen nämlich schnell batzig und ein echtes Hindernis für manchen Betrunkenen oder älteren Wallfahrer – von Kinderwagen gar nicht zu reden!

Manfred Besener, Gerda Wimmer und Herbert Schwendner entkamen sicher und zielstrebig dem Gewirr und gingen abseits der Route zur Marktstraße, um die Gespanne beim »Hinaufpreschen« zu sehen. Mancher Gespannführer zeigte dabei sein ganzes Können, und die Pferde demonstrierten ihre Kraft, indem sie im schnellen Trab mit dem voll besetzten Wagen die gepflasterte Marktstraße hinaufdonnerten. Als sich dann die Menge zerstreute und einige Goaslschnoizer sich aufreihten, um die Peitschen knallen zu lassen, schmiegte sich Gerda an Manfred. »Schön war das, danke für alles!«, sagte sie.

»Meinst, dass wir zwei zusammenpassen?«, hätte Besener gern gefragt. Stattdessen kam ihm nur ein geseufztes »Ja« heraus.

»Lass uns heimfahrn«, sagte sie. Das klang nach Miesbach, registrierte Besener erfreut. Er durfte nicht mehr fahren nach den Schnäpsen, und sie wohnte in Rosenheim. Wahrscheinlich gab es heute keinen Grund mehr für sie heimzufahren. Eigentlich könnte sie ja bei ihm wohnen, wenn man sich einig wäre. Platz hätte er genug in Bergham.

1

Anfang Januar, noch 36 Tage bis zum Rennen

Ein klarer Kopf ist die beste Droge. Na klar, das kann schon sein.

Die Toten Hosen: Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)

Eine groß gewachsene Gestalt stapfte durch den stockdunklen Wald den Lehener Berg in Gaißach hinauf. Sie war gekleidet in eine knielange Lederhose, hohe Filzstiefel und eine gestrickte Joppe. Der Hut hielt gut den Nieselregen ab und beschattete das Gesicht, wobei der Wald sowieso nur aus Schatten bestand. Ein mittelgroßer, schwerer Rucksack ließ sich unter dem Kotzen erahnen. Der Kotzen war ein Überwurf aus grobem Lodenstoff, der nur einen Schlitz für den Kopf hatte und den Oberkörper vor der Nässe schützte. Keine Ärmel, keine eingeschränkte Bewegung. Das Bild vervollständigte ein umgehängtes Jagdgewehr, das die dunkle Gestalt wie ein selbstverständliches Kleidungsstück mit sich trug. Bis zur Schweiger­alm war er fast unsichtbar im dunklen Wald gewesen. Jetzt, etwas weiter oberhalb auf ungefähr 1100 m Seehöhe, ging der Nieselregen in leichten Schneefall über, und vor ihm war der Boden schon leicht weiß angezuckert. Dort würde der nächtliche Wanderer leichter zu erkennen sein. Er hielt sich in der Nähe der Bäume und nahm kleine Umwege in Kauf, um nicht über freies Gelände gehen zu müssen. Der Weg kreuzte ein paar Lichtungen, da huschte er am Waldrand von Baum zu Baum.

Der Großteil des Weges war geschafft, immer wieder hatte sich der bisher Ungesehene umgeschaut und war stehen geblieben, um in der Dunkelheit zu lauschen. Die drei Flaschen selbst gebrannter Obstler und der Speck wogen schwer, außerdem hatte er noch zwei handgeschmiedete Axtköpfe und fünf Sapieköpfe dabei, was den Rucksack an seine Belastungsgrenze brachte, den Träger nur leicht ins Schwitzen. Er war fit, er kannte die Strecke gut. Er war sicher, dass ihn keiner bisher bemerkt hatte.

Er schaute auf seine Uhr: noch eine halbe Stunde bis zum Treffen, er war gut in der Zeit. 20 Minuten würde er noch brauchen, schätzte er. Er durfte nur nicht als Erster am Treffpunkt sein, das war gefährlich. Lieber noch ein wenig die Umgebung durchstreifen. Dass es schneite, wunderte ihn nicht. Am 2. Januar schneite es immer da heroben. Er stieg weiter.

Seit fast einer Stunde beobachtete eine zweite Gestalt genau die Bewegungen des Bewaffneten, der sich allmählich dem Gipfel des Rechelkopfs näherte. Sie hatte einen beigefarbenen Windstopper an, eine hellbraune Outdoor-Hose aus einem atmungsaktiven Material und eine selbst gestrickte Mütze mit schwarz-weißem Eisblumenmuster. Die Gestalt war so im hell-dunklen Wechselspiel der geringen Schneeauflage neben den Bäumen und den dunklen Baumstämmen nicht zu sehen, wenn sie sich nicht bewegte. Unten im dunklen Wald, wo kein Schnee gelegen hatte, war es umso schwieriger gewesen, nicht gesehen zu werden. Der große Mann war froh, dass der Bewaffnete bisher nichts bemerkt hatte.

In Sichtweite des Gipfels standen zwei Kisten an einem Baumstamm, gut verpackt in Rettungsfolie. Abstand war nicht unbedingt notwendig, der Inhalt war nicht sehr gefährlich. Aber sicher ist sicher, dachte sich der Besitzer mit der Eisblumenmütze und mied diesen Bereich. Das kleinste Geräusch konnte ihn verraten.

Der Bewaffnete tauchte plötzlich ab und verschwand hinter einem Stamm. Der Beobachter auch. Eine schwer atmende Gestalt kam den Berg herauf. Es war ein mittelgroßer Mann mit mittelgroßem Bauch, bekleidet mit Regenjacke und mittelgroßem Hut. In seinem Rucksack klapperte und knarzte es, geräuschvoll zog er die Nase hoch und spuckte aus. »Kruzifixscheißberg!«, schimpfte er. Nur zehn Meter unterhalb des beigefarbenen Beobachters verließ er plötzlich den Weg zum Gipfel und querte den Hang. Er schnaufte laut aus. »Bin i froh, so a Scheißweda. Endlich herom«, brummte er und verschwand hinter ein paar jungen Fichten. Kurz darauf hörte man ein Rummsen und Quietschen.

Der Bewaffnete kam in Bewegung. Erstaunlich flink war er plötzlich nur noch wenige Meter von seinem Beobachter entfernt. Der bewegte sich schnell leicht parallel zu ihm in Richtung des Gebüschs, wo der schnaufende Dicke verschwunden war.

Der Beobachter warf die drei Schneebälle, die er vorbereitet hatte, in Richtung des Bewaffneten, was den kurz ablenkte und herumfahren ließ. So kam er etwa drei Sekunden vor ihm an der Hüttentüre an und riss sie auf. Als er hineinstürmte, rief er: »Zweiter!« Der Bewaffnete tat es ihm gleich und stürmte hinein. »Dritter, Scheiße!«

Beide schauten sich an: Die Hütte war leer, obwohl Licht brannte. Da öffnete sich die Tür erneut, und der Dicke kam herein. »Habe ich mir schon gedacht, dass ihr Kindsköpf’ wieder gewettet habt’s! Und wie lautet die Wette?« Er stemmte beide Hände in die Hüften.

»Griasde, Präsi, so eine Freude«, meinte der mit dem Gewehr. »Wir haben um eine Flasche Schnaps gewettet, die der zahlen muss, der ungerade kommt.«

»Ungerade?« Der Präsi tippte sich an die Stirn. »Was soll das sein?«

»Na, Erster oder Dritter oder Fünfter, woast«, mischte sich der Kontrahent ein. »Und der Luis hat verloren!« Er zeigte auf den Mann mit dem Gewehr.

»Ich bin extra wieder hinausgegangen, weil ich euch zwei schon lauern gesehn habe. Meinst, ich bin blind, bloß weil ich ein Bäucherl habe?« Er klopfte sich auf den Bauch. »Ich bin der bessere Waidmann als ihr zwei Krippeln, dass das klar is! Und gewonnen hat der Luis.« Er deutete auf den Mann im Kotzen. »Er war Zweiter in der Hütte.«

Der reckte die Faust.

Der Präsi hatte gesprochen, das Wort galt.

»Willkommen beim Gipfeltreffen, ihr zwei Kindsköpfe. Schee, dass ihr da seid! Die anderen werden bald kommen.«

»Ich hol die zwei Biertragln rein«, sagte der Mann mit der Strickmütze und verließ die Hütte. Luis stellte vorsichtig seinen Rucksack auf den Boden. Das Gewehr gab er dem Präsi. »Da hast dein Stutzn zurück. Mei Vater hat ihn durchgecheckt. Jetzt is er wieder jagdtauglich, nach jeder europäischen Norm, gell! Außerdem die bestellten Werkzeuge für die Holzarbeit da heroben. Da, die Axt- und Sapieköpfe.« »Geltsgod«, sagte der Präsi und öffnete einen Waffenschrank in der Ecke der Hütte, wo er das Gewehr einschloss. Kurz darauf kam der Verlierer der Wette mit zwei Kisten Bier zurück. »Das war fei schon eine Schinderei, die zwei Tragln da herauftragen. Hab’ ich heut Vormittag schon gmacht. Ich wollte den Luis ja unbedingt im Auge behalten. Trotzdem war’s gut: Wir brauchen heute ja unbedingt was zu trinken. Wir haben schließlich allerhand zu besprechen!«

»Griasde, Dama«, sagte Luis, der natürlich Alois hieß. »Erst mal freundlich grüßen, tät ich sagen.«

»Hast recht, Luis«, entgegnete Thomas, der natürlich Dama genannt wurde. Sie umarmten sich und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.

Der Präsi war ihr Vereinsvorstand. Das Gipfeltreffen war alljährlich die erste Zusammenkunft der Verantwortlichen des Gaißacher Schnabler- und Schlittenvereins e.V., sie nannten sich das »Komitä«. Es ging wie jedes Jahr darum, wann das Schnablerrennen, die ganz harmlos als »Rennats« bezeichnete Faschingsgaudi, stattfand, und wer was zu tun hatte. Es schneite so gut wie immer am 2. Januar am Rechelkopfgipfel, das Schnablerrennen aber hing von mehreren Faktoren ab. Die mussten jedes Jahr neu diskutiert und analysiert werden. Wehe, wer anderes vermutet!

Nach 20 Minuten war die Hütte gefüllt mit elf gestandenen Männern. Am Tisch lagen Speck, Käse und ein Laib Brot, allerhand Getränke in Flaschen standen bereit. Der Präsi füllte elf Schnapsgläser.

Er teilte aus und hob sein Stamperl in die Höhe. »Ich erkläre das diesjährige Gipfeltreffen für eröffnet!« Ohne einen Ton, fast ehrfurchtsvoll, schauten sich die Männer in die Augen und leerten ihr Glas.

Erst dann kam Schwung in die Gruppe. Von »Aaah, guat« bis »So ein Scheißwetter« oder »Mei Frau hat ganz schön g’schimpft, dass heut wieder Gipfeltreffen is« konnte man allerhand Gesprächsfetzen hören. Man setzte sich, das Geräucherte und der Käs wurden angeschnitten, die Hüte blieben auf den Köpfen. Nur in der Kirche wurden die abgesetzt.

Nachdem der größte Hunger gestillt war, fing der Präsi mit der üblichen Tagesordnung an. »Der erste mögliche Termin is heuer der 9. Januar, genau in einer Woche. Der Wetterbericht sagt bis jetzt nix Genaues, nur, dass sich das Wetter nicht so schnell ändert und wahrscheinlich erst in ein paar Wochen mit Schnee zu rechnen ist. Da müssen wir wahrscheinlich Anfang Februar anpeilen, was meint ihr?«

Die anderen nickten und brummten zustimmend.

»Sicherheitschef?« Einer hob die Hand. »Ich halt, wer sonst?«

»Parkplatzwart?« Ein anderer hob die Hand. »Hier!«

»Streckenchef?« Ein Dritter brummte: »Machs nicht so kompliziert, Präsi.«

Nach der einigermaßen optimistischen Wetterprognose für Anfang Februar ging es im Komitä hoch her: Sitzungen wurden geplant, Aufgaben verteilt. Obwohl jedes Jahr fast immer dieselben Leute für dieselben Tätigkeiten verantwortlich waren, musste doch die Liste abgearbeitet werden:

Start aufbauen, Strecke absperren, Strecke präparieren, Zielraum aufbauen, Parkplätze organisieren, Verpflegungsstände mit den anderen Vereinen abstimmen, eigene Verpflegung besorgen, Lautsprecheranlage, Toiletten …

Dann rückte der Vorstand noch mit einem weiteren Punkt heraus: »Leute, es gibt noch was zu besprechen: Der Feichtner hat den Antrag gestellt, ob nicht der Grünhofer Robert seinen Posten im Komitä als Sicherheitsbeauftragter übernehmen könnte. Schorsch, du hast das Wort.«

Der Feichtner Schorsch stand auf und begann: »Ihr wissts ja, ich bin nimmer der Jüngste und das Hinauf- und Hi­nunter­hatschen, das Überprüfen eines jeden Schlittens, das Einweisen der Teilnehmer, das ist mir alles inzwischen zu anstrengend. Der Grünhofer ist zwar ein Zuagereister, aber er ist engagiert in der Gemeinde und wirklich zuverlässig. Der Jüngste ist er zwar auch nicht mehr, aber 15 Jahre machen viel aus, und außerdem ist er fit wie d’ Sau!« Es gab zustimmendes Gemurmel und Genicke. »Er möchte ja heuer auch mitfahren beim Rennats, dass er mal ein Gefühl für die ganze Gaudi kriegt. Einen Piloten muss er halt noch finden, weil er bis jetzt nur als Bremser taugt.«

»Das geht auf keinen Fall, dass er selber vorn sitzt, das is klar!«, mischte sich der Sepp ein, der Schriftführer im Komitä und Inhaber der Streckenbestzeit war, Letzteres bereits seit fünf Jahren. »Man muss da schon erst ein paarmal hinten mitfahren, bevor man selber die Verantwortung übernehmen kann.«

Da alle Anwesenden mehrfach schon beim Rennats teilgenommen hatten, der eine mehr, der andere weniger erfolgreich, gab es da weiter wenig zu besprechen. Eine kurze Pause entstand. Der Präsi sagte dann: »Also, was spricht dagegen, dass der Grünhofer den Posten übernimmt?«

Der Kassier, der Jager Uli, sagte grantig: »Er ist nicht von da!«

»Und er is viel beschäftigt, der wird vielleicht zwenig Zeit haben für unsere Vorbereitungen«, meinte der Leitner Dama, der Jüngste im Komitä. »Im Gemeinderat ist er doch auch furchtbar am mitg’schafteln, oder? Tät mich nicht wundern, wenn er demnächst als Bürgermeister kandidiert. Die Frau vom Bürgermeister hat er ja schon. Ich tät einen Jüngeren vorschlagen, wenn schon der Schorsch aufhörn möcht.«

»Einen von da!«, ergänzte der Uli.

Die Komitä-Mitglieder sprachen über eventuell geeignete Kandidaten für den Posten vom Schorsch, einige verwarfen sie wieder, weil sie sich die in so einem Amt nicht vorstellen konnten. Andere waren zu jung, zu alt, nicht in Gaißach wohnhaft und so weiter. Viele Gaißacher verschlug es ja in die Nachbargemeinden, meistens der Liebe wegen. Geeignet als Komitä-Mitglied war nur jemand, der wenigstens einmal beim Rennats teilgenommen hatte, der Gaißacher Bürger und über 18 war und, wenn möglich, noch irgendeine andere Qualifikation vorweisen konnte. Am besten wäre freilich ein Handwerksberuf oder Chef bei einem Baumarkt oder Ähnliches.

Das Gipfeltreffen dauerte bis zum Folgetag um 13 Uhr, so zäh wurde das eine oder andere Thema verhandelt. Sogar abgestimmt wurde noch, dass der Grünhofer Robert ins Komitä aufgenommen werden sollte – mit zwei Gegenstimmen. Es gab wirklich momentan keinen Besseren für den Posten. (Ein Außenstehender könnte meinen, es wäre jedes Jahr dasselbe zu besprechen, aber das kann man nicht beweisen.)

Man kam überein, dass man sich am 7. Januar, am Tag nach Heiligdreikönig, am Gerstlandhang treffen wollte – wie jedes Jahr.

2

Montag, noch 34 Tage bis zum Rennats

Was ich anpack, pack ich aus.

Frank Zander: Hier kommt Kurt

Lisi hatte das »Pling« von seinem Smartphone auf dem Esstisch gehört und in Richtung Bad gerufen: »He, eine Nachricht hast gekriegt!«

Thomas wollte gerade das Wasser aufdrehen und stand schon nackt in der Dusche. »Das wird der Bertl sein, wegen morgen. Schaust halt, wennst neugierig bist. Meine PIN weißt ja.«

Gerade als das Wasser begann, schön warm zu werden, flog die Badezimmertür auf, und Lisi stürmte herein. Er lugte am Duschvorhang vorbei. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht verhieß nichts Gutes. Sie kam sonst nie zu ihm ins Bad, nur manchmal, wenn ihre Stimmung besonders romantisch war. Danach sah es aber nicht aus. Eher ganz im Gegenteil.

Sie riss den Duschvorhang zur Seite, streckte ihm sein Handy hin und fauchte: »Erklärung!«

»Wenn die Vroni morgen ihre Peitsche mitbringt, dann geht das leicht und wir machen uns einen schönen Tag«, las er in der Kurznachricht und schüttelte den Kopf. Obwohl er nicht wusste, was das sollte, wurde er rot. Wieso eigentlich? Hatte der Bertl neuerdings Lust auf geschmacklose Scherze? Sie wollten am kommenden Tag den Schlitten aus dem Stadel holen. Wie kam Bertl auf die Vroni? Meinte er wirklich die Vroni, die Freundin seiner Schwester? Er wusste nicht, was los war. Er konnte keine Erklärung liefern, die Lisi zufriedenstellen würde, zumal er selbst keine hatte.

»Und?« Lisi hatte ihren Gesichtsausdruck nicht verändert. »Den Arsch ruf ich jetz an«, sagte Thomas, suchte den Kontakt und drückte auf den grünen Hörer. Sicherheitshalber stellte er auf Lautsprecher.

»Griasde, Freind!«, sagte Bertl gut gelaunt. »Was gibt’s? Hast du vielleicht schon was von der Vroni gehört, hat sie Zeit?« Lisi zog hörbar die Luft ein. »Sag mal, spinnst du?«, fragte Thomas. »Welchen Scheiß schreibst du mir da? Hast du das gelesen, was du schreibst? Ich versteh gar nicht, was du von mir willst!«

Eine Pause. Bertl fing an zu kichern. »Hihi, so ein … – das is lustig … stell dir vor, die Lisi liest des!«

Die beugte sich zum Handy hinunter und sagte mit Grabesstimme: »Zu spät, Oida!«

»Scheiße. Griasde, Lisi!«, sagte Bertl kleinlaut. »Pass auf, das is ganz einfach: Wir müssen den Schnabler aus dem Stadl in der Fuizn holen, und ich hab doch meinen Bus nicht mehr. Der Karrn hat im September seinen Geist aufgegeben. Nach 20 Jahren, stell dir vor! Kolbenfresser. Und die Vroni hat doch so einen Pick-up, wegen ihren Pferden, weißt und da – äh – den brauchen wir halt. Und sie deswegen auch. Sie muss ja fahrn, den leiht sie gewiss nicht her.« Pause – er merkte, dass die Erklärung nicht reichte. »Ach so. Ich hab’ Pritsche eingetippt und das blöde Kastl hat Peitsche draus g’macht. Kapiert? Tut mir leid. Echt!«

Lisi zog ihr eigenes Handy heraus und suchte den Kontakt »BertlF«. Sie tippte »Pritsche« ein und das Autokorrekturprogramm änderte es ab in »Peitsche«. Dann drückte sie auf Senden, nickte und verließ das Bad, nicht ohne die Tür mit einem lauten Rumms zuzuschmeißen.

»Mach so was nie wieder, Bertl«, sagte Thomas. »Die is da wahnsinnig empfindlich.«

»Ist scho recht«, meinte der und fuhr besserwisserisch fort: »Lies halt erst mal selber deine Nachrichten, so als menschliche Firewall, verstehst? Soll ich dir ein sicheres Passwort empfehlen? grzlFz56Hui! wäre so was. Oder ScheißPIN88#%. Da liest keiner mehr deine Nachrichten.«

»Depp, was meinst, was die sagt, wenn ich plötzlich ein Passwort habe statt meiner uralten PIN? Du bist kein Frauenversteher. Such dir lieber eine, dass du mitredn kannst!« Er beendete die Verbindung und murmelte: »So ein Volldepp!«

3

05. Januar, Dienstag, Gaißacher Filze

Komm, wach auf, ich zähl bis zehn. Das Leben will einen ausgeben und das will ich sehn.

Seeed: Aufstehn

»Der Bertl ist da!«, rief Thomas durch die geschlossene Badezimmertür. Lisi war gerade bei der Morgentoilette. Sie hatten ausgeschlafen, romantisch gefrühstückt und waren wieder ins Schlafzimmer gegangen. Jetzt war es 11 Uhr, und wie ausgemacht stand der Bertl vor der Tür. Ihre »Pritsche« hatte die Vroni schweren Herzens verliehen. Eines ihrer Pferde hatte eine Entzündung am Huf, und sie musste auf den Tierarzt warten.

Die beiden Männer wollten den Schnabler aus dem Stadel von Bertls Onkel in der Fuizn holen, dem Moorgebiet, das genau in dem Dreieck zwischen Isar, der Gaißacher Kirche und dem Lehener Berg lag. Schnabler waren Hörnerschlitten, mit denen man früher im Winter das im Sommer gemähte Gras – inzwischen zu Heu getrocknet – ins Tal befördert hatte. Auch Baumstämme wurden zum Teil so transportiert. Heute waren die Schnabler eine schöne Tradition, die man in Gaißach wirklich lebte. Alljährlich, wenn es die Schneelage erlaubte, fand vor oder spätestens am Faschingswochenende am »Gerstland«, das war ein baumfreier Hang am Lehener Berg, das sogenannte Schnablerrennen statt. Das war kein Spektakel für irgendwelche Urlaubsgäste. Nein, das war ein echter Wettbewerb! Ein Spektakel war es sowieso auch, logisch.

Bertl gehörte der Schnabler. Der musste überholt, die Kufen poliert und gewachst werden. Halteseile mussten erneuert, tragende Holzteile überprüft werden. Es ging um viel. Der Schnellste sein, das wär’s! Vom weitesten Sprung redete man erst mal gar nicht!

Lisi rief aus dem Bad: »Ich lieb dich!«, und Thomas eilte nach unten. Er war froh, dass die blöde Nachricht von Bertl mit der Peitsche kein Thema mehr war. Aber er war auf der Hut. Lisi war in der Hinsicht äußerst empfindlich. Eifersüchtig – nein! Aber ein anderes Wort fiel ihm nicht ein. Misstrauisch vielleicht. Aber warum? Für Thomas gab es nur sie.

Bertl lehnte lässig an der Fahrertür des großen schwarzen Pick-ups. »So ein geiler Karren, echt!«, strahlte er. »Ein Glück, dass sie keine Zeit hat. Und, dass ich fahren darf. Das ist echt ein feiner Zug. Müssen wir vorsichtig sein, dass dem Prachtstück da ja nix passiert.« Er streichelte den Lack liebevoll. Dabei wies das Fahrzeug schon deutliche Gebrauchsspuren auf. Am Kotflügel vorn war eine Delle zu erkennen, von Dreckspritzern ganz zu schweigen.

»Frag die Vroni halt«, meinte Thomas. »Was denn?« Bertl runzelte die Stirn.

»Ja, ob sie mal Zeit hat, dass du bisschen mit ihr rumfahrn darfst, halt. Und ob sie frei ist. Obwohl wir das ja wissen, oder? Sei halt nicht so saudumm, als ob du nix kapierst!«

»Die ist nicht meine Liga, das verstehst du nicht. Ich bin doch bloß ein windiger Elektriker, und sie managt da inzwischen den ganzen Hof daheim und gibt auch noch Reitunterricht! Die will doch von mir nix!«

»Hast sie gefragt?« Thomas ließ nicht locker.

»Naa«, brummte Bertl.

Robert lief. Er lief und lief und lief … wie der VW Käfer in den 70er-Jahren in der Werbung. Aus dem MP3-Player hörte er Musik, überwiegend deutschsprachig, da konnte er abschalten. Dabei lief er heute nicht wirklich gern. Es war saukalt, und viel Zeit hatte er nicht. In zwei Stunden war Gemeinderatssitzung, da musste er ordentlich beinander und frisch geduscht anwesend sein. Und bei Sinnen. Er wollte ja was bewegen, und auf seine Meinung zählten die anderen schließlich auch. Unglaublich eigentlich, er als »Zuagroaster« oder »Neiheisler«, wie man hier sagte. Er hatte sich das Wohlwollen der Gaißacher verdient. Vor fünf Jahren hatte er einen Hof im Ortsteil Oberreuth gekauft. Die Eigentümer waren gestorben, und die Erbengemeinschaft konnte sich nicht einigen, wer ihn bewirtschaften sollte. Er hatte mit viel Wohlwollen des Gemeinderats den Zuschlag erhalten. Schließlich hatte er auf der anderen Seite der Isar gelebt, in Wegscheid, das zu Lenggries gehörte. Man wollte ja nicht jeden hereinlassen in die Gemeinde.

So lief er und sinnierte vor sich hin. Was er schon alles sportlich gemacht hatte, mit mehr oder weniger Freude. Windsurfen war toll. Im nächsten Juni war’s wieder so weit. Nur spazieren fahren auf dem nahe gelegenen Stausee, dem Sylvensteinsee, nicht dem großen Sturm nachrennen. Das war ihm immer schon zu stressig. Er würde nächstes Jahr 60 werden, aber er war noch fit. Viele junge Leute meinten, Windsurfen wäre einfach, wenn da so ein Grauhaariger aufsteigt und losfährt. Dabei ist es Übungssache und muss schon ein bisserl erklärt werden. Da sagte er nie Nein, wenn die Jungen am Sylven­steinsee fragten, ob sie auch mal fahren dürften und dann nach 30 Minuten weit hinten abgeholt werden mussten, wohin sie der Wind geweht hatte. Viel Seewasser wurde bei der Gelegenheit auch oft geschluckt. Rauf aufs Brett und wieder runter, war die Lehrzeit beim Windsurfen. Da musste jeder durch.

Nur fliegen war nicht seins. Der fliegende Robert! Jedes Kind weiß, wie das ausgeht bei Felix Hofmann, zumindest in seiner Generation. Lieber nicht. Ein paar Flüge zu Bundeswehrzeiten im Hubschrauber und dienstlich im Linienflugzeug hatten schon gereicht. Die vielen Gleitschirmpiloten fielen ihm ein, die bei gutem Wetter um das Brauneck in Lenggries herumschwirrten. Steil bergab Anlauf nehmen und so einem Stofffetzen vertrauen? Nein, sagt der Naturwissenschaftler! Das Risiko ist gegen den Spaßfaktor eindeutig im Vorteil. Zumindest bei ihm.

Im Kopfhörer kam gerade ein Song von Rammstein: »Der Mensch gehört nicht in die Luft.« Er grinste – das passte zu seinen Gedanken. »Wir müssen leben, bis wir sterben«, ging es weiter. So schaut das aus. Zum Laufen zwar kein idealer Takt, aber eine willkommene Untermalung. Einschnaufen, ausschnaufen. Er wurde sogar ein bisschen schneller.

Er lief gerade auf der schmalen Teerstraße zwischen dem Gaißacher Ortsteil Lehen und dem Parkplatz, wo es zur Schweigeralm geht, als er von hinten ein Fahrzeug kommen hörte. Langsam schloss ein riesiger Pick-up auf und fuhr neben ihm her. Das Beifahrerfenster war heruntergelassen, und der Leitner Thomas grinste heraus, lässig den Arm herausgewinkelt: »Servus, Gemeinderat! Fleißig ist er, gell!«

Robert hatte einen Ohrstöpsel herausgezogen und Thomas gerade noch verstanden. »Habediehre, Thomas. Hilft nix, wer nix tut, wird alt und krank.« Er schnaufte kurz im Takt und fuhr fort: »Was macht’s ihr da? Griasde, Bertl. Ist das nicht der Karrn von der Hoissn Vroni?« Er versuchte, gleichmäßig weiterzulaufen. Viel Platz war nicht neben dem Wagen, der Bertl am Steuer wirkte auch sehr angespannt.

»Wir holen den Schnabler aus dem Schupfn, der gehört mal gescheit angeschaut und notfalls auf Vordermann gebracht. Vor dem Start wird er ja noch mal vom Schnablerwart begutachtet, ob er auch taugt zum Rennats, da riskieren wir nix. In ein paar Wochen isses so weit, ha? Da Wetterbericht sagt Schnee, heuer fällt das Rennats auf keinen Fall aus!«

Das Rennats! Es fand jedes Jahr an einem Sonntag nach Heiligdreikönig statt, spätestens am Faschingssonntag. Wenn es keinen oder zu wenig Schnee hatte, fiel es aus. Bei den milden Wintern der letzten Jahre hatte es überwiegend Ausfälle gegeben.

»Coole Mütze, Oida!«, bemerkte Thomas und deutete auf den Kopf des Läufers. Es war eine Sportmütze aus einem funktionalen Stoff, der zwar die Feuchtigkeit durchließ, aber den Wind abhielt. Gore-Tex hieß das früher in Thomas’ Kindheit, erinnerte er sich. Auf der Mütze war vorne ein großer Schriftzug der Firma »Craft«.

Er deutet wieder auf das Logo: »Hilft das wenigstens?« Der laufende Robert, der sich seines Alters und seiner Fitness wohl bewusst war, grinste nur wissend und zwinkerte Thomas zu: »Darfst du entscheiden!«

Vorne kam ein roter Kleinwagen in Sicht, und Bertl rief: »Du, Greahofer, wir müssen weiter. Pfiate!« Thomas grüßte lässig und fuhr seine Scheibe nach oben, sie beschleunigten und passierten den kleinen Fiat, indem sie halb in die Wiese hinausfuhren. »Ranger« stand auf dem Pick-up hinten protzig drauf. Im Fiat saß die alte Bäuerin aus dem nahe gelegenen Hof, die Robert nur vom Sehen kannte. Er winkte ihr. Am Parkplatz einen Kilometer weiter standen wie so oft mehrere Autos. Ab hier war gesperrt für Kraftfahrzeuge, nur noch Anlieger durften fahren. Hier parkten Hundehalter und Wanderer. Er war froh, dass noch kein Schnee lag im Tal. Da sah man sonst alle paar Meter die gelben Markierungen der Hunde im Schnee. Sie waren zwar ohne Schnee auch da, aber nicht sichtbar. Gelber Schnee, pfui Deife! Er passierte den Parkplatz und holte zwei junge Mädchen ein, die wie Läufer angezogen waren, aber nebeneinander hergingen. Die eine kannte er, die Tochter des Gemeindekämmerers, die Anni. »Griasgod!«, sagten die Mädchen unisono, als er an ihnen vorbeilief, darauf plötzlich die Anni: »Ah, der Greahofer ist das! Griasde, Robbi.« Den »Robbi« mochte er zwar nicht so gern, aber es war lieb gemeint von ihr. Ein paar junge Leute halfen bei ihm auf dem Hof ein wenig mit, als Ferienjob, und da hatte er den »Robbi« halt bekommen. »Grias eich«, entgegnete er freundlich. Im Oberland wurde noch gegrüßt von den Einheimischen. Das freute ihn ungemein. Die Urlauber dagegen grüßten häufig gar nicht. Vor allem nicht die Radfahrer, die dem Bodensee-Königssee-Radwanderweg folgten. Er hatte die Beobachtung gemacht, dass viele nicht gleichzeitig lenken und grüßen konnten. Schon gar nicht die mit dem Elektroradl.

Nach weiteren 15 Minuten sah er den Pick-up der beiden Schnablerfahrer bei einem Stadel stehen. Er lief immer die gleiche Runde, häufig auch zur selben Zeit, und kannte den Stadel. Er diente dem Eigentümer offensichtlich mehr als Lager für Diverses als für landwirtschaftliche Zwecke. Ein alter verrosteter VW Käfer stand drin, sah er. Lehnte da ein Flugzeugpropeller an der Wand neben dem Käfer? Gerade lief »For those about to rock« von AC/DC in seinen Ohren. Dann die Kanonenschüsse: Wumm! Die Band hatte er schon live in der Olympiahalle in München gesehen. Bei den Kanonenschüssen hatte man das Gefühl gehabt, das Hallendach fliege weg. In der Studentenstadt waren damals sicher einige aufgewacht. Er schmunzelte.

Er grüßte Bertl noch mal mit der Hand, hielt aber nicht an. Thomas war nicht zu sehen. Dummerweise übersah er dabei eine gefrorene Pfütze und rutschte plötzlich ein kleines Stück seitlich weg. Er ruderte mit den Armen und schaffte es gerade noch, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Seine Mütze flog in hohem Bogen davon. Wie hatte er das gemacht? Er drehte notgedrungen um, angelte sie aus dem dürren Gras am Wegrand und setzte sie wieder auf. Er musste besser aufpassen, eine Verletzung konnte er nicht gebrauchen. Er hatte gerade mal die Hälfte seiner Laufrunde – jetzt aber flott weiter. Der Ausrutscher hatte ihn ordentlich aus dem Takt gebracht. Da half der nächste Song von Nena auch nichts, die da den Leuchtturm hinaufstieg. Er bekam Seitenstechen.

Als Thomas aus dem Stadel kam, war Bertl ins Auto gebückt und kramte herum. »Was machst du Schönes?«, fragt er ihn geradeheraus. »Ach, dings, weißt …, mei Handy is mir da irgendwie vorhin hinuntergerutscht«, entgegnete der. »Das Peitschenhandy?«, grinste Thomas. »Aber das hast du doch beim Aussteigen in der Hand ghabt und aufs Moor hinausfotografiert, weil der Nebel so gedampft hat?«

»Ja, und dann war ich im Auto und, äh, hab’s verloren«, behauptete Bertl wenig glaubhaft. Es war offensichtlich, dass er ihm etwas verheimlichte. Thomas war’s egal. Scheiß drauf, dachte er sich, der Bertl ist alt genug, soll er machen, was er will. Und wenn’s ein Kopfstand mit Anlauf ist. Sie hievten den Schnabler vom »ersten Stock«, einem Zwischenboden im Stadel, herunter und luden ihn auf die Ladefläche. Sie schlugen das eisenbeschlagene Schlittenmonstrum in ein paar alte Decken ein, um Vronis Fahrzeug nicht zu beschädigen. Die Ladefläche des »geilen Karrens« war um einiges zu kurz. Aber ein Spanngurt löste das Problem; die beiden waren geübt in solchen Dingen. Sie schlossen den Stadel wieder ab und brachen auf. Während des Verladevorgangs und auf dem gesamten Rückweg war Bertl extrem wortkarg. Auf Thomas’ Hinweise, wer heute so alles unterwegs sei, brummte er nur mal ein »ja« oder »aha«, einmal sogar, »das ist der nicht, sondern sei Bruder«. Auch dem Kassier des Schnablervereins begegneten sie, der war mit dem Radl in Richtung Gaißach-Mühl unterwegs. Der laufende Greahofa Robert war wahrscheinlich schon fünf Kilometer entfernt.

4

Noch ein Monat zum Rennats, Donnerstag

Wir müssen leben, bis wir sterben.

Rammstein: Dalai Lama

Es war wieder kalt geworden, der Boden gefroren – ideale Bedingungen für die Durchführung des Rennats. Nur der Schnee fehlte noch, aber der war vom Wetterdienst schon prognostiziert. Im Zielbereich des traditionellen Faschingswettbewerbs stand ein großer Stadel, der schon seit Jahren nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wurde. Der Eigentümer hatte ihn an den Gaißacher Schnabler- und Schlittenverein e.V. verpachtet, freilich nur förmlich, ohne etwas zu verlangen. Als Gegenleistung schenkte er am Renntag an der sonnenbeschienenen Wand des Stadels Schnaps für die Zuschauer aus. Da kam mehr zusammen als durch eine Vermietung. Die Reparaturen und Instandhaltung des hölzernen Kastens übernahm der Schnablerverein in Eigenleistung. Das Komitä samt nächster Verwandtschaft strotzte vor Handwerkern. So war der Stadel inzwischen mit einem oberen Stockwerk, einem gemauerten Klo und allerlei praktischen Regalen ausgestattet. Sogar eine Dusche war drin, besagte ein Gerücht. Aber das war wahrscheinlich ein Neider, der so etwas verbreitete. Wahrscheinlich.

Wegen des gefrorenen Bodens parkten die Autos der freiwilligen Helfer alle auf der großen Wiese unterhalb und seitlich des Stadels. Vom Hang oben sah es so aus, als ob ein Zyklop bunte Spielzeugautos hingeworfen hätte. Thomas und Bertl standen etwa 200 Meter Luftlinie entfernt oben am Waldrand, wo die Schnabler aus dem Hohlweg herausschießen würden, um ein paar Meter unterhalb die Schanze optimal zu erwischen und dann einen möglichst weiten Sprung hinzulegen. Theoretisch konnte man auch vorbeifahren. Wer Gaißacher war und etwas auf die Tradition hielt, tat das nicht.

Thomas war Schanzenwart. Schon seit drei Jahren war er »in case of the run« zuständig, dass die Schanze ordnungsgemäß präpariert war und die in der Satzung festgelegten Maße hatte. Das klang einfach, aber es war eine stabile Unterkonstruktion aus Holz nötig, danach eine große Menge Schnee, der in Verbindung mit einem Odelbanzen voll Wasser über drei Nächte zu einem gefrorenen Klumpen wurde. Genutzt wurde eine natürliche Grube im Hang, an deren Auslauf die Kante etwas verlängert wurde.