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Mord in der beschaulichen Uckermark. Dort, wo hippe Berliner auf Alteingesessene treffen, die sich von den Neuankömmlingen aus ihrer Heimat vertrieben fühlen. Unterschwellige Konflikte brechen auf, als Ben, der mit Bio-Gemüsekisten handelt und in beiden Welten ein und aus geht, tot aufgefunden wird. Erschlagen im Wald. Kommissar Paul Montgomery muss den Mörder eines Mannes finden, der scheinbar keine Feinde hatte. Er stößt auf eine Welt voller Geheimnisse und erkennt: Jeder kann es gewesen sein.
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Seitenzahl: 547
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Sandra Beckedahl
Schorfheiden-Mord
Kriminalroman
Ein Geheimnis zu viel Stadt gegen Land. Es herrschen Spannungen im beschaulichen Biosphärenreservat Schorfheide. Die Zugezogenen leben zwischen den Alteingesessenen – beide Gruppen in ihren jeweiligen Welten. Gegeneinander statt miteinander. Nur Ben ist überall zu Hause. Der smarte Gemüsehändler ist ein Kind der Region, aber auch bei den Exil-Berlinern beliebt. Er wird von ihnen geschätzt, und sie vertrauen ihm ihre Geheimnisse an. Doch dann wird ausgerechnet er ermordet. Der Hamburger Paul Montgomery nimmt die Ermittlungen auf. Als Kommissar ist er erfahren, die Uckermark ist jedoch neu für ihn. Schnell findet er heraus, dass die Gesetze der Großstadt in der dünn besiedelten Schorfheide nicht gelten. Obwohl Ben angeblich keine Feinde hatte, sieht sich Montgomery einer Vielzahl von Verdächtigen gegenüber. Jeder aus Bens Umfeld hat ein Geheimnis. Aber: Wer würde einen Mord begehen, um es zu schützen? Ein Todesspiel mit fatalen Folgen beginnt.
Sandra Beckedahl ist in Augsburg geboren und aufgewachsen. Zum Studium der Kommunikationswissenschaften und Politik zog sie nach Münster. Nach Stationen in Berlin und München lebt sie heute mit ihrer Familie in Hamburg. Sie hat viele Jahre als Reporterin sowie Redakteurin für Magazine und Storylinerin fürs Fernsehen gearbeitet. Daneben war sie Co-Autorin von Sportler-Biografien. Inzwischen ist sie als Kommunikationsberaterin tätig. Zu ihren Kunden zählen auch Politiker, was sie dazu inspiriert hat, das politische Berlin mit in dieses Buch einfließen zu lassen. »Schorfheiden-Mord« ist ihr erster Krimi.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Christian / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-7902-1
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Hamptons befinden sich am Ostende der Insel Long Island im Suffolk County des US-Bundesstaats New York. Sie liegen zwischen 130 und 230 Kilometer von NYC entfernt. Für wohlhabende New Yorker gehört es sich, in den Hamptons eine Wochenend- beziehungsweise Sommerresidenz zu unterhalten. Bekannte Showstars, Wirtschaftsbosse, Milliardäre besitzen dort Anwesen. Die Immobilienpreise der Hamptons zählen zu den höchsten weltweit. Die Zahl derer, die das ganze Jahr dort leben, ist nach 9/11 gestiegen. Etliche New Yorker Familien haben ihren Hauptwohnsitz an den sicheren Ostzipfel von Long Island verlegt.
Die Uckermark ist ein Landkreis im Nordosten von Brandenburg. Etwa 120.830 Menschen leben dauerhaft hier – es ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands –, rund eine Autostunde von Berlin entfernt. Die prominenteste Tochter der Uckermark ist Angela Merkel. Sie hat im Dorf Hohenwalde ein Ferienhaus. Während und nach den Lockdowns der COVID-19-Pandemie haben viele Berliner ihren Feriensitz in der Uckermark zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht.
Nun ist Berlin nicht New York, und die Uckermark hat keinen Meerzugang. Aber für immer mehr Menschen ist die Region die Hamptons der Hauptstadt.
»Nein, Schatz, kein Problem … Ich schaff das schon alleine hier«, flötete Claudia ins Telefon und verdrehte dabei die Augen. »Ich langweile mich wirklich nicht. Drei Kinder, das große Haus … Ich bin froh, wenn ich abends bis zum Essen durchhalte.«
Eilig schob sie hinterher: »Das heißt aber nicht, dass du am Wochenende kommen musst.« Sie hoffte, ihr Mann würde den leichten Anflug von Panik in ihrer Stimme nicht wahrnehmen. Claudia griff nach dem Sektglas auf ihrem Nachttisch und nahm einen Schluck. »Sorry, ich habe gerade vom Morgenkaffee getrunken. Bin noch gar nicht zum Frühstücken gekommen. Könntest du was für mich tun? Mir meinen Lieblingschardonnay schicken. Du kennst das örtliche Weinangebot. Lieber trink ich Essig als das, was die als Qualitätswein verkaufen. Die Hinterwäldler hier halten Franzbranntwein ja für Tischwein. – Au«, rief sie. Ein Schlag traf sie in die Rippen und sie boxte im Reflex zurück. Den Körper, der neben ihr im Bett lag.
»Nein, Schatz. Ich hab mich nur gestoßen, ich räume nebenher ein bisschen auf. Elena lässt ihre Spielsachen überall liegen. Wo waren wir stehen geblieben? Bleib du in Berlin, und natürlich verstehe ich, dass du gerade total viel zu tun hast. Ja, wir kriegen das schon hin. Ich liebe dich auch!« Wieder rollte sie die Augen. »Tschüss!«
Mit einem Seufzen beendete sie das Gespräch und legte ihr iPhone auf den Nachttisch. Sie drehte sich um und schmiegte sich an den Körper unter der Decke. Doch Ben schob sie bestimmt weg. »Hinterwäldler«, schnaubte er wütend.
»Du«, Claudia setzte sich auf, »bist natürlich kein Hinterwäldler. Komm, lass uns da weitermachen, wo wir aufgehört haben.« Sie streckte ihre Hand aus, griff aber ins Leere. Ben war schon aufgestanden.
»Hab keine Zeit, muss los«, grummelte er und verschwand ins angrenzende Badezimmer.
»Das war ja mal wieder tolles Timing, lieber Ehemann«, murmelte sie frustriert und nahm ihren Sekt. Er schmeckte schal. Sie stellte das Glas ab und schwang sich auch aus dem Bett. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt …, dachte sie sich und ging ums ausladende Ehebett in Richtung Tür, die ins En-suite-Badezimmer führte. Vor dem bodentiefen und viel zu großen Spiegel an der Wand blieb sie stehen.
Claudia betrachtete ihren nackten Körper. Kritisch. Im nächsten Monat würde sie 45 Jahre alt werden. 45, was für eine Zahl! Sie erinnerte sich gut daran, wie sie mit Anfang 20 während ihres Studiums in Hamburg mit ihrer Freundin Tina in einer Kneipe gesessen und darüber nachgedacht hatte, wie das Leben jenseits der 30 sein würde. Tina, deren lange blonde Haare bis weit über die Schultern reichten, verkündete: »Mit spätestens 35 schneide ich mir die Haare ab!« 35, das war so weit weg gewesen, dass man so was leichtfertig sagte. Wenn man jung ist, glaubt man, dass sich mit dem Alter das Denken verändert. Dass man besonnen ist und sich nicht mehr von den Gefühlen leiten lässt. Doch lediglich die äußeren Faktoren ändern sich, das Innere bleibt grundsätzlich dasselbe. Diese Erkenntnis hatte sie in den vergangenen Jahren gewonnen. Inzwischen erschien ihr, 35 zu sein, Lichtjahre entfernt – von der anderen Seite. Ihr Körper konnte sogar als der einer Mittzwanzigerin durchgehen. Hier und da war eine kleine Delle, aber der Bauch war flach, selbst nach drei Schwangerschaften. Ihre Brüste hatten den Kampf gegen die Schwerkraft aufgenommen und hielten gut dagegen. Sie war schlank, muskulös und trotzdem weiblich. Sie war zufrieden mit ihrem Anblick. Aber war sie tatsächlich jung, nur weil sie sich so fühlte? Wie nahm ihre Umwelt sie wahr? Natürlich passierte es, dass sie von Jüngeren gesiezt wurde. Was sie jedes Mal irritierte – obwohl es schon so lange geschah.
Die meisten ihrer Freundinnen ließen sich regelmäßig die Fältchen und Falten mit Botox und Hyaluron wegzaubern. Claudia hatte sich bislang gesträubt, wenn sie zu einer Filler-Party eingeladen worden war. Vor allem, weil sie anders sein wollte. Wenn sie ehrlich war, dachte sie in letzter Zeit darüber nach, vielleicht doch mal … Die vergangenen Jahre waren an ihrem Gesicht nicht spurlos vorübergezogen. Aktuell konnte sie die Falten um ihre Augen noch Fältchen nennen. Trotzdem: Sie war es leid, dass sie nicht mehr bei jedem Licht das Gefühl hatte, gut genug auszusehen, um Fotos unbearbeitet hochzuladen. Aber deswegen hatte sie doch keine Probleme mit dem Älterwerden.
Übrigens: Tina hatte die Haare nicht abgeschnitten, sie waren lang wie eh und je, und sie sah toll aus. Mit 45.
Claudia betrat das Bad. Ein knapp 30 Quadratmeter großer Raum, in dem ein Designer sich ausgetobt hatte, ohne Rücksicht auf Platz und Budget nehmen zu müssen. Vor dem Panoramafenster, das fast die komplette Breite einnahm, befand sich eine freistehende Badewanne mit Löwenfüßen. Der Holzboden mit den breiten, gebeizten Dielen verlieh dem Raum Wärme und passte zur ansonsten reduzierten Gestaltung. Es gab eine kleine Sauna und eine ebenerdige Dusche, in der mühelos zwei Personen gleichzeitig Platz fanden. Momentan ließ sich darin Ben allein vom warmen Wasser berieseln, das aus der Regendusche von der Decke kam. Was für eine Verschwendung, dachte sich Claudia und näherte sich ihm von hinten. Sie drückte ihren Körper an den seinen, ihren Unterleib an seinen Po und ging mit ihrer rechten Hand auf Entdeckungsreise in seinem Schritt.
Die Haare waren noch nass, als Claudia ihre Locken 20 Minuten später zu einem Dutt band, während sie die Treppe hinunter in die weitläufige Halle ging. Sie hatte sich nur schnell einen Hoodie übergezogen zu den Laufleggings – ihr Standardoutfit in der Uckermark.
Ben stand schon in der Diele und schlüpfte in seine braune Lederjacke.
»Übrigens …« Sie stellte sich vor ihm auf die Zehenspitzen. Claudia vermutete, dass es seine Jugend war, die sie magisch anzog. Er war 31 und somit 14 Jahre jünger als sie. »Mein Mann bleibt das Wochenende über in Berlin. Ich könnte die Kinder bei Manu und Bert übernachten lassen, von Samstag auf Sonntag. Und wir haben ein Date?« Sie sah ihm in die Augen. Er erwiderte ihren Blick.
»Ich könnte uns was kochen«, fügte sie hinzu. Ben grinste.
»Okay, ohne kochen.« Sie drückte ihren Körper an seinen und schlang ihre Arme um seinen Hals.
»Du könntest bei mir übernachten …« Sie spürte die Reaktion seines Körpers auf den ihren, und es gefiel ihr. Statt zu antworten, nahm Ben ihr Gesicht in die Hände und küsste sie. Das gefiel ihr noch besser. Ein kurzer Kuss. Sie wand sich aus der Umarmung, schlüpfte in ihre Ugg-Boots, nahm ihren Schlüssel aus einer Schale von der Kommode neben der Tür und öffnete diese. Ben trat vor ihr nach draußen in die kühle, klare Vormittagsluft. Die Sonne schien. Es war Ende März, es wurde Frühling – endlich.
Obwohl sie allein vor dem Haus waren, kein Nachbar in Hör- oder Sichtweite und die Uckermark nicht unbedingt überbevölkert war, wahrte sie Distanz. Sie lächelte ihm zu und sagte: »Nächste Woche dann dieselbe Größe. Auf Wiedersehen.«
Ben öffnete den Kofferraum seines VW-Busses, hievte eine gut gefüllte Gemüsekiste heraus, ging zum Eingang zurück und stellte sie ab. »Danke, Claudia. Sie bekommen die nächste Lieferung wie besprochen am Samstag.« Er nickte ihr zu und sprang in seinen Wagen. Claudia hob lächelnd die Hand zum Gruß. Es war albern, aber es entsprach ihrer Definition von Affäre, dass diese nur innerhalb ihrer vier Wände stattfand. Vielleicht mochte sie die Geheimhaltung deswegen so gern, weil sie ansonsten sehr viel Privates aus ihrem Leben mit ihren Instagram-Followern teilte. Das Verhältnis gehörte (fast) ihr allein. Niemand sollte davon wissen.
Sie stieg in ihren SUV, ließ den Motor an und bog rechts in die Dorfstraße ein. 11:36 Uhr zeigte die Uhr am Armaturenbrett. Sie war perfekt in der Zeit. Um 12 Uhr musste sie die Kinder abholen. Sie drehte das Radio lauter und gab Gas »Because I’m …«, sang Pharrell Williams, und sie stimmte schief, aber inbrünstig mit »happy« mit ein.
Ben hielt sich hinter dem schwarzen Range Rover. Nach 300 Metern bog er ab in Richtung Templin. Die Straße war schmal, rechts und links vom märkischen Wald gesäumt. Ben liebte seine Heimat. Er ließ das Fenster herunter, nahm einen tiefen Zug der kühlen Luft. Die roch nach Erde und Wald, ein bisschen moorig. Er drehte das Radio lauter. »Because I’m happy«, sang er mit. Niemals könnte er sich vorstellen, an einem anderen Ort zu wohnen als im urigen Herzen der Uckermark. Hier, wo es wenige Menschen gab und der nächste Wald von überall in fünf Minuten zu erreichen war. Der Wald war sein Lebenselixier. Viel mehr brauchte er nicht. Sein Handy klingelte. Er nahm den Anruf an.
»Schwester, was kann ich für dich tun?«
»Nichts. Ich wollte nur fragen, ob wir uns heute Abend sehen.«
»Ja, klar. Ich komme um acht zu Mutti. Gibt’s einen Grund, warum du mich treffen willst?«
»Nein, es ist nur …«
»Mach nicht so ein Geheimnis draus, schieß los!«
»Erzähl ich dir später. Ich muss jetzt zur U-Bahn.«
»U-Bahn. Hab ich was verpasst? Seit wann gibt es in Templin eine U-Bahn?«
Sie lachte ihr kehliges Lachen. »Ich bin in Berlin.«
»Warum?«
»Heute Abend. Bye«
Ehe er noch etwas sagen konnte, hatte sie das Gespräch auch schon beendet. Ben drosselte die Geschwindigkeit, da vor ihm eine Radfahrerin seelenruhig in der Mitte der Straße fuhr. Davon gab es immer mehr hier, und sie gingen ihm gehörig auf die Nerven mit ihren grellen Warnwesten. Er hupte. Die Radlerin drehte sich weder um noch fuhr sie zur Seite oder trat kräftiger in die Pedale. Frechheit. Egal. Er hatte Zeit und wollte sich die Laune nicht verderben lassen. Rechts kam er an einem dieser Schilder vorbei, die in der ganzen Mark aufgestellt waren: »Haltet den Wald sauber!«, grüne Schrift auf weißem Grund. In einer Anmutung, die alles andere als modern war. Erinnerte an die DDR, wobei er sich da eigentlich gar nicht sicher war, denn das war vor seiner Zeit gewesen. Ben bezweifelte, dass ein Plakat diese Idioten abschreckte, die in den Wald gingen und ihren Müll einfach daließen. Ehrlicherweise hatte er auch keine wirksamere Idee. Beziehungsweise keine, die legal war.
Was seine Schwester ihm wohl zu sagen hatte? Es ging sicher wieder um einen ihrer super Pläne. Die hatte sie mit einer gewissen Regelmäßigkeit, und sie waren jedes Mal ihre wahrhafte Bestimmung und Berufung. Mit Feuereifer stürzte sie sich hinein, und genauso schnell war es dann wieder vorbei. Zuletzt war es eine Karriere als Beauty-Influencerin gewesen. Diesmal? Die Neugierde fraß ihn nicht wirklich auf. In ein paar Stunden würde er es sowieso wissen und in wenigen Monaten vergessen haben – wie Jana selbst.
Er fischte das Handy aus der Mittelkonsole. Und startete ein neues Telefonat.
Glücklicherweise nahm seine Mutter sofort ab.
»Mutti, kannst du mir heute bitte Karotten, Kohl, Lauch und Steckrüben mitbringen?«
»Weiß nicht, ob wir was Frisches dahaben«, antwortete sie zögernd.
»Frisch ist nicht wichtig. Kann schon drüber sein.«
»Was meinst du mit ›drüber‹? Mangelhafte Ware verkaufen wir nicht!«, sagte sie tadelnd.
Sie stellte sich mal wieder an. »Es soll ja nichts sein, was ihr noch verkauft.«
»Aber … Außerdem Steckrüben …«
Langsam verlor er die Geduld. Warum war seine Mutti so kompliziert? Sie machte das nicht zum ersten Mal.
»Dann hol was aus der Tonne. Die ist doch voll. So viele containern ja wohl nicht bei euch. Ich brauch das heute Abend. Tschüss.« Jetzt legte er auf, ohne eine Antwort abzuwarten.
Es war kurz nach acht, als Peggy die Haustür aufschloss. Sie hörte die Stimmen von Ben und Jana aus der Küche. Ihre Kinder waren beide da. Ihre erwachsenen Kinder: Jana war 33 und Ben 31 Jahre alt. Letzterer baute seine 1,91 Meter im schmalen Flur vor ihr auf. »Hast du das Grünzeug dabei?«, fragte er ungeduldig.
»Dir auch einen schönen guten Abend«, entgegnete Peggy und deutete durch die offene Tür auf ihren Skoda, der vor dem Haus parkte. »Da drinne«, ergänzte sie.
Ohne ein weiteres Wort ging Ben mit genervtem Gesichtsausdruck nach draußen. Höflichkeit fand er offensichtlich überbewertet. Bevor Peggy in die Küche ging, wusch sie sich im Gäste-WC die Hände. Zum wievielten Mal heute, überlegte sie. Auch wenn die Pandemie überstanden war, einige der in den vergangenen Jahren antrainierten Verhaltensmaßnahmen konnte sie nicht so schnell ablegen, dachte sie und trocknete sich die Hände ab.
»Hallo, Mutti.« Jana fiel ihrer Mutter um den Hals, als diese in die Küche kam. Obwohl sie heute Morgen gemeinsam gefrühstückt hatten. Janas Begrüßung war jedes Mal so überschwänglich, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen. Anders als Ben, der mit Emotionen knauserte, war ihre Tochter stets freundlich – zu allen. Wie unterschiedlich ihre Kinder doch waren.
Kurz darauf kehrte Ben mit mehreren Plastikboxen zurück, die bis oben voll mit Gemüse waren.
»Mach mal Platz!«, wies er seine Schwester an, die sofort begann, den Tisch freizuräumen. Ben stellte die Behälter darauf. Neben der Eckbank wartete ein Turm aus Holz-Gemüsekisten.
»Warum müsst ihr das Zeug immer in Plastik verpackt kaufen?«, motzte er seine Mutter an. Er riss eine Tüte auf, in der drei Paprikas waren: rot, grün und gelb. »Hilf mir!«, sagte er zu Jana und schob eine Kiste voller Plastikbeutel mit Möhren in ihre Richtung. »Alles raus!«
»Das entscheide ja nicht ich, wie die Ware zu uns kommt«, rechtfertigte sich Peggy. »Außerdem ist es momentan echt schwer, überhaupt was abzuzweigen. Die Leute bunkern für die Feiertage …«
»Ich hab für nächste Woche auch zehn Lieferungen zusätzlich«, fiel ihr Ben ins Wort.
Peggy setzte sich zu den Kindern an den Tisch. Sie nahm sich eine Tüte mit Möhren aus der Kiste, riss die Plastikverpackung auf. Unschlüssig, was sie damit machen sollte, legte sie die Karotten in einer Reihe der Größe nach geordnet auf den Tisch.
»Das heißt, die übliche Ration reicht nicht? Warum fährst du nicht nach Polen und holst dort was?«, fragte sie zögerlich.
»Nein«, sagte Ben mit einer Vehemenz, die keinen Widerspruch zu dulden schien. »Hab keine Zeit. Außerdem hat mein Händler dort sein Business aufgegeben. Und ich kann mir das Gemüse ja nicht aus den Rippen schneiden.« Seine Worte klangen vorwurfsvoll, dennoch schenkte er seiner Mutter ein gewinnendes Lächeln. Dem hatte sie noch nie widerstehen können. Peggy nahm sich die nächste Tüte.
Natürlich durfte sie Ben bei seinen Geschäften eigentlich nicht unterstützen. Billiges Gemüse vom Polenmarkt hinter der Grenze in Holz-Gemüsekisten als Bio-Ware aus der Region mit einer saftigen Marge zu verkaufen – das war Betrug!
Aber seine Kunden waren diejenigen, die seit einigen Jahren die Uckermark für sich einnahmen. Alte Scheunen, verfallene Höfe und leerstehende Häuser zu Luxusimmobilien machten. An den Wochenenden und in den Ferien fielen sie in Heerscharen aus Berlin hier ein. Dann stauten sich die Geländewagen und Teslas auf den Straßen, und in der gesamten Schorfheide war die Hafermilch ausverkauft. Kontakt mit ihnen, den Einheimischen, suchten die wohlhabenden und modernen Berliner nicht. Die einzigen Berührungspunkte waren die Putzkraft, der Gärtner oder die Kinderbetreuer, die sie aus der Region beschäftigten. Ihre Haltung drückte aus: »Mit euch Hinterwäldlern wollen wir nichts zu tun haben.« Wenn ein SUV einem mal wieder die Vorfahrt nahm, ein Haus hinter hohen Hecken verschwand, das früher Teil des Dorfbildes gewesen war, oder direkt am Waldrand aus unerfindlichen Gründen eine Baugenehmigung für einen Pool erteilt wurde, während die Böden immer trockener wurden, war das nicht unbedingt ein Schritt in die Richtung: Es wächst zusammen, was zusammengehört. Die Uckermark machen die Dörfer mit ihrer starken Gemeinschaft aus, doch die Berliner hatten kein Interesse, sich zu integrieren. Sie blieben unter sich, bildeten Außenstellen vom Prenzlauer Berg und Schöneberg. Und die Einheimischen hatten das Gefühl, in der eigenen Heimat zu Gast zu sein. Es gab Aufkleber auf denen stand: »Uckermark – Die Hamptons von Berlin«. Das ging nun wirklich zu weit, fand Peggy. Obwohl sie nicht genau wusste, was die Hamptons waren.
Auch kauften die Hamptons-Uckermärker nur im Notfall in dem Lebensmittelmarkt ein, in dem Peggy Filialleiterin war. Viel lieber ließen sie sich Wein, ihre Bio-Delikatessen und das Fleisch aus Berlin liefern. Support your local dealer, galt ausschließlich für Ben. Kisten mit Bio-Obst und Gemüse waren in. Ihr Sohn hatte eine Marktlücke erkannt und bediente nun den Bedarf. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass seine Ware Discounterware war – in stylisher Bio-Boheme-Verpackung.
Es hatte mit dem Lockdown begonnen. Da hatte Ben nicht nach Polen fahren können, die Grenzen waren geschlossen. Gleichzeitig brummte sein Geschäft. Viele von den Wochenend-Berlinern waren plötzlich dauerhaft da und verlangten nach der Bio-Kiste. Hätte Ben nicht geliefert, wäre er in Konkurs gegangen. Denn die Kunden würde er nicht wiederbekommen. Abgesehen davon, dass er ihnen den Lieferausfall nicht begründen könnte. Schließlich glaubten sie ja, er würde das Gemüse selbst anbauen, und das Pflanzenwachstum war ja nicht vom Lockdown betroffen. Also musste ihm seine Mutter helfen. Sie zweigte das ab, was sie im Laden nicht verkauften und in den Tonnen gelandet wäre. Peggy tat es sowieso leid: diese Verschwendung von Lebensmitteln. Von dem, was bei ihnen pro Woche alles in den Müll geworfen wurde, würde man ein ganzes Dorf satt bekommen. Es war ja nicht so, dass Ben den Betrug geplant hatte, redete sich Peggy das Handeln ihres Sohnes und ihr eigenes schön. Er hatte anfangs tatsächlich eigenes Bio-Gemüse verkauft, und dafür in der Nähe ihrer Datsche einen Acker angemietet. Doch mit dem Anbau lief es nicht wie geplant oder besser gesagt: Der Ertrag entsprach nicht dem Bedarf, und so war er in seiner Not über die Grenze gefahren. Keinem seiner Kunden war etwas aufgefallen – im Gegenteil. Das Geschäft lief. Im gleichen Maße, wie Berliner die Region besiedelten, kamen neue Kunden hinzu. Fast jede Familie aus Berlin, die in der Uckermark Besitz erwarb, bestellte »Bens Bio-Kiste«. Sie wollten Nachhaltigkeit und Regionalität, und Ben verkaufte es ihnen. Irgendwann hatte er aus Zeitgründen den eigenen Anbau aufgegeben und ausschließlich Ware eingekauft.
Inzwischen waren die Lockdowns Geschichte und die Beschränkungen nach und nach gefallen, doch Peggy versorgte Ben weiterhin mit Ware aus ihrem Laden. Anfangs hatte sie sich nicht getraut, ihn zu fragen, warum er nicht nach Polen fuhr, sondern ihm bereitwillig geholfen. Mit schlechtem Gewissen und ziemlich viel Angst. Es wurde schwerer, ihr Treiben vor den Kollegen zu verheimlichen. Sie hatte Angst, dass die etwas ahnten. Wenn ihr Telefon klingelte und die Nummer der Firmenzentrale aufleuchtete, dachte sie, es sei vorbei. Natürlich war ihr Handeln ein fristloser Kündigungsgrund, ganz egal, ob die entwendeten Waren in der Tonne gelegen hatten, da noch gelandet wären oder nicht. Aber wenn Ben sie dann wieder bat, ihm Gemüse mitzubringen, konnte sie ihm das nicht abschlagen. Das hatte sie nie gekonnt. Lange würde das nicht mehr gut gehen, das spürte sie. Er musste sich etwas anderes überlegen. Die Schlinge lag schon um ihren Hals. Ihr graute davor, dass am kommenden Wochenende die Sommerzeit begann. In der helleren Jahreszeit wurde es schwerer, unbemerkt die Tonnen zu leeren, als im Schutze der Dunkelheit.
Sie nahm die Holzkisten und stellte sie nebeneinander auf den Boden. »Bens Bio-Kiste – Uckermark« hatte ihr Sohn darauf drucken lassen. Es sah wirklich hochwertig aus. Da überprüfte keiner den Inhalt genau. Peggy legte in jeden der Behälter zehn Karotten. Wenn die erfolgreichen und reichen Berliner wüssten, was sie da geliefert bekamen … Immerhin hatten sie in ihrem Laden seit einiger Zeit auch Bio-Waren aus der Region. Also war es eigentlich kein richtiger Betrug.
Einträchtig bestückten sie gemeinsam die Boxen, während sich auf dem Tisch ein höher werdender Cellophantütenberg bildete. Die drei waren mittlerweile ein eingespieltes Team. Zwei- bis dreimal pro Woche saßen sie so abends in der Wohnküche.
»Ich muss euch was sagen«, platzte Jana in die Stille.
»Dann mach und spann uns nicht auf die Folter.« Ben schaute nicht auf und unterbrach auch seine Arbeit nicht.
»Ich werde in den Bundestag gehen.« Triumphierend schaute Jana von einem zum anderen und strich sich dabei eine Haarsträhne hinters Ohr.
»Als Maskenbildnerin?«, fragte Peggy.
Jana hatte eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht und einige Jahre in Berlin als Maskenbildnerin beim Fernsehen gearbeitet. Seit zwei Jahren war sie wieder zurück in der Uckermark. Sie jobbte in Gerswalde im Kosmetikstudio »Schön und Schöner«, wo sie gelernt hatte. Zuletzt hatte sie versucht, sich als Beauty-Influencerin einen Namen zu machen. Davor hatte sie Model werden wollen und sich bei der Show von Heidi Klum beworben. Beides ohne Erfolg. Nun also wieder Berlin.
»Nein, als Abgeordnete.« Als hätte sie nicht gerade eine Bombe platzen lassen, nahm Jana ungerührt zehn Karotten vom Tisch und legte sie fein säuberlich in eine Kiste.
Peggy verschlug es die Sprache, und Ben ließ den Wirsing sinken, den er in der Hand hielt.
»Für welche Partei? Die Beautypartei?«, fragte er.
Jana sah ihn fragend an. »Wie kommst du darauf? Die EPD natürlich.«
»Natürlich. Die befinden sich ja gerade im Höhenflug. Gute Wahl, Schwester. Wo liegen die, bei 15 Prozent?«, stichelte er.
Jana hielt inne und antwortete vollkommen ernst. So, als würde sie in einer Politikerrunde im Fernsehen auf eine Frage des Moderators eingehen und nicht am Küchentisch auf die Provokation ihres kleinen Bruders. »Bis September kann viel passieren. Außerdem passt meine Biografie viel besser zu denen. Und entscheidend ist«, Jana machte eine bedeutungsvolle Pause, »der bisherige Mandatsträger tritt nicht mehr an.«
Jana schaffte es immer wieder, sie zu überraschen. Peggy war sich sicher, dass ihre Tochter bis vor Kurzem nicht gewusst hatte, dass in diesem Jahr Bundestagswahl war. Jana hatte sich nie für Politik interessiert, sie konnte sich nicht mal erinnern, ob ihre Tochter je zu einer Wahl gegangen war, und jetzt sprach sie bereits wie eine Politikerin. »Mandatsträger«, diese Vokabel war definitiv noch nicht lange Teil ihres Wortschatzes.
»Wenn der nicht antritt, gibt es doch bestimmt mehrere, die seinen Platz wollen. Fängt man nicht erst unten an. Im Kreistag?«
»Das war früher so. Als sich weiße Männer hochgearbeitet haben. Keiner von denen, die den Platz wollen, hat so gute Chancen wie ich«, konterte Jana selbstbewusst.
Ben zog die Augenbrauen hoch und hielt sich eine Pastinake wie ein Mikro vor den Mund: »Deine Aussichten sind gut, weil du so viel Erfahrung hast?« Er streckte den Arm aus und hielt Jana das Gemüse vors Gesicht.
»Nein. Die ist nicht wichtig. Entscheidender ist, für was ich stehe. Diversität, die nächste Generation Politik und ich bin ein Kind der Region. Weiblich, jung und verkörpere Hoffnung auf Veränderung, auf etwas Neues. Ich bin die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die sich durchgekämpft hat, und die Schwester eines jungen Unternehmers. Mir liegen die Nöte und Probleme der Menschen dieser Gegend am Herzen. Ich kenne sie. Meine Wurzeln sind hier, und meine Stimme werde ich in Berlin für die Uckermark einsetzen.« Jana redete sich in Fahrt.
»Gelaber«, kommentierte Ben trocken. »Politik. Das ist doch total langweilig. Lauter Anzugträger und Meetings …« Demonstrativ wandte er sich den Pastinaken zu.
»Überhaupt nicht«, entgegnete Jana genervt. »Du musst es ja nicht machen, du kannst ja weiterhin Grünzeug verpacken.« Mit spitzen Fingern zog sie eine Steckrübe aus der Kiste. »Was ist denn das?«
»Kind, das musst du wissen, wenn du demnächst die Region im Bundestag vertrittst«, warf Ben streng ein, wobei er das Wort »Bundestag« in die Länge zog. »Das ist eine märkische Steckrübe«, belehrte er seine Schwester. »Steckrüben sind eigentlich Tierfutter. Aber die Bio-Boheme ist ganz wild darauf. Unser lieber Dr. Seemüller sagt immer: ›Die märkische Seele auf der Zunge – so authentisch im Geschmack‹.«
Ben verdrehte die Augen, und Peggy musste grinsen. Auch Jana lachte.
Ein paar Minuten packten sie schweigend weiter.
»Von allen schlechten Ideen, die du bisher hattest, liebes Schwesterlein, ist das die beschissenste«, fing Ben erneut an.
»Warum?«, fragte sie spitz und sah ihn mit ihren großen blauen Augen vollkommen ernst an.
»Wegen deiner Vergangenheit!«
»Weil ich mal Model werden wollte …«
»Und Influencerin.«
»Das ist authentisch, hat Michael gesagt«, erwiderte Jana trotzig.
»Wer ist Michael?«, fragte Peggy.
»Dr. Michael Kunze. Der wohnt in dem umgebauten Herrenhaus. Wenn man bei Manu und Bert die Straße weiterfährt, kurz vor dem Wald«, erklärte Jana.
»Dieser Luxuskasten«, schnaubte Ben.
»Er ist Politikberater. Der kennt das System. Er meint, ich habe gute Chancen mit meinem Lebenslauf und meiner Mission. Er unterstützt mich und will mich den Entscheidern vorstellen. Und mein Profil herausarbeiten.«
Das war typisch für ihre Tochter, dachte Peggy. Sie fand stets Menschen, die ihr bei ihren Vorhaben halfen. Meistens waren sie männlich. Leider war Janas Durchhaltevermögen auf einem sehr niedrigen Niveau und sie gab viel zu schnell auf. Trotz professioneller Hilfe. Wäre ihre Ausdauer auf einem ähnlichen Level wie ihre Begeisterungsfähigkeit und ihr Charme, könnte sie es wirklich weit bringen.
»Es ist keine gute Idee.« Ben ließ nicht locker.
Er hatte recht, überlegte Peggy. Es war eine typische Jana-Flause: groß, schwer zu erreichen, aber sie hatte in der Vergangenheit wahrlich schlechtere Ideen gehabt. Wenn man sich die Politiker in den Talkshows anschaute, was da mittlerweile alles rumsaß, da würde ihr Kind sich bestimmt behaupten können. Jana war nicht auf den Mund gefallen. Und sie sprach bereits wie eine Politikerin.
Jana funkelte Ben böse an. »Weißt du was? Das ist nicht dein Business. Kümmere du dich lieber um deine Speckrüben«, sagte Jana.
»Steckrüben«, korrigierte Peggy.
»Dann halt …«
Wieder schwiegen sie.
Kurz darauf waren die Kisten fertig gepackt, und Ben brachte sie raus zu seinem VW-Bus, während Jana an ihrem Handy hing.
»Soll ich uns was kochen?«, fragte Peggy, stand auf, ging zum Kühlschrank und überprüfte den Inhalt.
»Nein, ich bin schon aus meinem Essensfenster.« Jana machte ständig irgendeine Diät, auch wenn sie die überhaupt nicht nötig hatte. Sie hatte eine Bombenfigur. Knapp 1,80 Meter groß, schlank (für Peggys Geschmack ein bisschen zu dünn) und trotzdem weiblich. Aber seit Jana Model hatte werden wollen, fand sie sich zu dick und kontrollierte ihr Essen. Momentan probierte sie Intervallfasten aus.
Für sich allein wollte Peggy nichts kochen, dann lieber ein Brot. Oder sie wartete auf Ben, vielleicht hatte der Hunger?
Vier schrille Töne rissen Peggy aus ihren Gedanken. Es folgten drei weitere. »Was war das?«
»Bens Handy, er hat wohl eine Nachricht bekommen«, antwortete Jana gelangweilt.
Erneutes Piepsen.
Jetzt sah Peggy Bens Handy auf dem Küchentisch liegen.
Wieder die Töne.
»Ich schalt es aus.« Ohne von ihrem eigenen Smartphone hochzusehen, griff Jana nach dem Telefon ihres Bruders, nahm es in die Hand und schaute dann aufs Display. Ihr Gesichtsausdruck wechselte von maximal gleichgültig zu hoch interessiert.
»Krass«, murmelte sie, während sie auf dem Display rumwischte. Als sie das Gerät zurücklegte, kam Ben zurück in die Küche.
»Dein Handy hat gepiept.« Jana deutete auf den Tisch und guckte, als würde sie das nichts angehen. Aber Peggy kannte diesen Blick bei ihrer Tochter, er verhieß nichts Gutes. Hastig steckte Ben das Gerät in seine Hosentasche, ohne die Nachrichten zu checken.
Mit ihrem Smartphone stellte Claudia die Musik lauter und sang bei »Saturday Night« von Whigfield mit. Schief.
Sie konnte stolz auf sich sein. Punktlandung, es war 19:30 Uhr. Das war eine Meisterleistung, lobte sie sich selbst. Dafür hatte sie sich einen Aperitif verdient. Sie öffnete die Tür ihres amerikanischen Kühlschranks und holte Champagner heraus. Geübt entkorkte sie die Flasche mit einem lauten Knall und füllte ein Glas bis zur Hälfte. Wie nett von Michael, dass er eine Kiste Champagner zusammen mit dem Chardonnay geschickt hatte. Ihr Mann kannte ihre Bedürfnisse – zumindest einige davon.
Claudia genoss den ersten Schluck. Herrlich, wie das prickelte. Der Tag war bislang genau so verlaufen, wie sie ihn geplant hatte. Vormittags hatte sie mit den Kindern einen Ausflug nach Templin gemacht. Ostereinkäufe. Danach hatten sie Eier bemalt. Claudias Instagram-Story belegte jeden der Schritte. Färben, bemalen, verzieren. Selbstverständlich Pretty-Instagram-Welt konform. Konzentrierte Kinder, die beflissen die Eier verschönerten. Nicht zu sehen war, wie Ferdinand seiner jüngeren Schwester ein Büschel Haare ausreißt, nachdem sie aus Versehen Pinselwasser über sein Werk geschüttet hat. Auch nicht Claudias unzählige Versuche, die Eier ohne Schaden auszublasen. Nein, wunderschöne Bilder, perfekt, aber nicht makellos. Die ihre Hater neidisch machten, weil ihre Welt so wunderbar war, und ihre Fans verzückten. Mittlerweile hatte sie eine Followerzahl im mittleren vierstelligen Bereich. Fast ganz organisch gewachsen. 234 davon hatten ihr heutiges Tagwerk bereits zur Kenntnis genommen.
Die Kinder hatte sie zu Manu und Bert gebracht. Was für ein Glück, dass es die zwei gab. Claudia schätzte das bescheidene Ehepaar nicht nur für seine Hilfe – Manu putzte, Bert machte den Garten, und zusammen betreuten sie die Kinder, wenn Claudia Termine hatte –, sie mochte die beiden richtig gern. Natürlich waren sie nicht kosmopolit wie ihre eigene Mutter, die zwischen Stuttgart und dem Zweitwohnsitz in Südfrankreich hin- und herpendelte. Claudia war sich nicht mal sicher, ob Bert und Manu Deutschland je verlassen hatten. Auch war ihr Geschmack für Ästhetik ein wenig fragwürdig. Ihr kleines Einfamilienhaus war seit der Wende Jahr für Jahr bunter geworden. Die Plastik-Flamingos im Vorgarten harmonierten zwar farblich mit dem lilafarbenen Garagentor, aber sorgten regelmäßig für Lästerattacken ihrer Freunde und Nachbarn aus Berlin.
Selbst Michael vermied Begegnungen mit Bert und Manu. »Ich habe keine Lust, mit diesen AfD-Wählern zu reden«, pflegte er zu sagen. Das fand Claudia absurd, denn nur weil sie aus der Uckermark kamen, waren Bert und Manu ganz sicher nicht rechts. Ihr Mann war schon immer borniert und vorurteilsbehaftet gewesen.
Claudia hingegen verbrachte gerne Zeit mit den beiden. Sie wusste, dass Manu und Bert sich vor etwa 50 Jahren in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft kennengelernt hatten, für die sie gearbeitet hatten, und seit ihrer Heirat waren sie weniger als ein paar Dutzend Tage getrennt gewesen. Das war auf eine schöne altmodische Art anrührend und romantisch, fand Claudia, deren eigene Mutter, eine ehemalige erfolgreiche Rechtsanwältin, aktuell mit ihrem vierten Ehemann zusammenlebte. Eine bessere Bezeichnung für ihr Zusammensein wäre »zusammenstreiten«.
Bert und Manu liebten Claudias Kinder. Bert ging mit ihnen in den Wald, zeigte ihnen die Futterplätze der Tiere, sogar Seeadler hatten sie schon beobachtet, und mit Manu backten sie Kuchen und arbeiteten im Garten. Sie waren mehr Großeltern als es Claudias Schwiegereltern waren. Die lebten im Siegerland, und wann immer sie ihre Enkel sahen, langweilten sie die mit Geschichten aus ihrer Nachbarschaft, anstatt mit den Kindern Erlebnisse zu schaffen. Von sonderlich ausgeprägtem Geschmack zeugte deren Spießer-Doppelhaushälfte auch nicht. Mit all den Entenfiguren im ganzen Haus.
Manu und Bert waren ein Segen. 365 Tage im Jahr. Besonders heute. Pures Gold. So hatte Claudia nicht nur an diesem Abend, sondern bis morgen um 10 Uhr Zeit für sich. Und Ben.
Es war das erste Mal, seit sie ihre Affäre im Sommer begonnen hatten, dass Ben und sie eine Nacht zusammen verbringen würden. In den ersten Monaten hatten sie sich sporadisch getroffen, wenn Claudia allein in der Uckermark war. Da waren ihre Treffen seltener gewesen, eher auf Zuruf. Doch mit der Zeit waren sie regelmäßiger geworden. Claudia fand ständig Gründe, kurz von Berlin aus in die Datsche zu fahren. Mal war es ein Handwerker, der ins Haus gelassen werden musste, mal etwas, das sie am Wochenende dort vergessen hatte und nun dringend in Berlin brauchte. In den Ferien wie jetzt war sie sowieso die ganze Zeit mit den Kindern auf dem Land. Unter einem Vorwand brachte sie die Kinder zu Bert und Manu oder zu Karo, die eine Tochter und einen Sohn im gleichen Alter hatte. Zufälligerweise genau dann, wenn die Gemüsekiste geliefert wurde oder wenn Bens Route an ihrem Haus vorbeiführte. Ben kam vorbei und sie hatten schnellen, erfüllenden und aufregenden Sex. Nie hatten sie lange Zeit, es war jedes Mal ein Treffen zwischen Tür und Angel. Das heutige außerplanmäßige Date schickte der Himmel beziehungsweise Michaels voller Terminkalender, der es ihm nicht erlaubte, übers Wochenende in die Uckermark zu kommen. Ein Treffen mit einem Minister oder so. Claudia hatte nicht genau hingehört, warum er in der Hauptstadt unabkömmlich war, ihr reichte die Tatsache an sich. Es war genau der richtige Zeitpunkt. Die Osterfeiertage standen bevor, Michael würde nächste Woche bereits am Donnerstagmittag in die Uckermark kommen. Heute Abend war eine Art vorösterlicher Feiertag. Claudia kicherte ob ihres schlechten Vergleichs.
Mit dem Champagnerglas in der Hand tanzte sie barfuß zur Musik durchs Wohnzimmer. Sie fühlte sich plötzlich wieder wie 20 und war aufgeregt wie vor dem ersten Date mit ihrem Schwarm.
Obwohl Ben und sie sich seit Monaten regelmäßig sahen, wusste sie kaum etwas über ihn. Er belieferte all ihre Freunde aus Berlin, die hier ein Ferienhaus hatten – und das waren nicht wenige –, mit seiner Gemüsekiste. Schien zum Leben zu reichen. Er war 31 und wohnte allein. Keine Kinder. Seine Mutter war im Supermarkt zwei Dörfer weiter Filialleiterin. Darum vermied es Claudia, dort einzukaufen, irgendwie war ihr das unangenehm, auch wenn sie ziemlich sicher war, dass Ben niemandem von ihrer Affäre erzählt hatte.
Ben war ein eher schweigsamer Typ. Geheimnisvoll. Das reizte sie noch mehr. In den kommenden Stunden würde sie die Gelegenheit haben, mehr von ihm zu erfahren. Sie freute sich darauf …
Claudia setzte sich auf einen der Barhocker, die an der Stirnseite des großen Küchenblocks standen. Sie musste noch ihre letzte Instagram-Story hochladen. Fürs perfekte Alibi. Nicht, dass ihr Mann oder jemand anderes auf die Idee kam, sie heute Abend stören zu wollen. Darum hatte sie vorhin ein Selfie von sich mit Gesichtsmaske in der Wanne gemacht. Sie fügte folgenden Text hinzu: »Me-time, Handy aus und Entspannung!« Niemand würde sich wundern, wenn sie – entgegen ihrer Gewohnheit – nicht erreichbar war. Sie schaltete das iPhone aus und legte es auf den Tresen. Heute Abend würde sie es nicht mehr brauchen. Es war 19:47 Uhr. Ben war ein pünktlicher Mensch. Er würde also gleich da sein. Sie sah an sich herunter. Der gemütliche Hausanzug, den sie trug, war zwar stylish – wie ihre gesamte Garderobe –, allerdings alles andere als sexy. Kleines Schwarzes? Nein, too much. Jeans und bauchfrei? Nein, zu möchtegern-jugendlich. Hatte Ben nicht mal erwähnt, wie heiß er es fände, wenn sie ihn nackt auf dem Bett erwarten würde? Claudia dachte nach. Selbst wenn es vielleicht doch nicht Ben gewesen war, der das gesagt hatte, welcher Mann fand diese Vorstellung nicht reizvoll? Das wäre der ideale Prolog für eine wilde Nacht. Claudia nahm einen letzten Schluck aus ihrem Glas und verließ den Küchen-Wohnbereich. In der Diele öffnete sie die Haustür und lehnte sie an. Ben würde das Zeichen richtig deuten. Die Gefahr eines Fremden, der zufällig vorbeikam und die offene Tür als Einladung sah, war in dieser Region gering. Claudia ging die Treppe hoch und schlüpfte aus ihrem Cardigan. Sie war gerade oben angekommen, da hörte sie Geräusche an der Tür. War er das schon? Hastig zog sie sich ihr Oberteil über den Kopf und huschte ins Schlafzimmer. Jetzt musste sie sich beeilen. Die Haustür fiel ins Schloss, als sie ihr Höschen herunterstreifte und splitterfasernackt aufs Bett sprang. Punktlandung. Die Schritte auf der Treppe näherten sich. Doch die klangen so gar nicht nach denen von Ben …
»Nepomuk, beeil dich.« Die Stimme seines Vaters schallte durch den Wald. Nepomuk blieb stehen, hielt sich die Ohren zu und schloss die Augen. Mit seinen neun Jahren wusste er inzwischen, dass man sich nicht unsichtbar machen konnte, wenn man die Augen schloss. Trotzdem hoffte er, es würde funktionieren. Die Stimme kam näher. Jetzt war sie direkt vor ihm. Nepomuk spürte den warmen Atem seines Vaters auf der Haut. »Nepomuk, Schatz. Schau mich an!« Sein Vater klang bestimmt, war aber auch sanft. Obwohl er wütend war – und daran bestand kein Zweifel –, war er beherrscht. Vielleicht lag es daran, dass er jeden Morgen nach dem Aufwachen eine Stunde lang meditierte. Papa verlor nie die Fassung. Fast nie. Nur wenn nachts mal wieder jemand aus dem Haus seinen Müll statt in den Tonnen im Lastenrad der Familie entsorgt hatte, wurde er richtig laut. Dann hängte er einen Zettel in den Hausflur, was ungefähr so viel brachte, wie Augen fest zuzukneifen, um unsichtbar zu werden. Wahrscheinlich würde Papa sich irgendwann nachts auf die Lauer legen, um die Täter auf frischer Tat zu ertappen.
»Nepo, gleich kannst du wieder träumen, wenn wir bei der Hörübung sind. Auf dem Weg musst du aber genau schauen, wohin du trittst, es liegen so viele Äste rum. Du möchtest doch nicht hinfallen und dir wehtun. Komm, Schatz!« Nepomuk ahnte, dass sein Vater die Hand nach ihm ausstreckte. Er öffnete das rechte Auge und blinzelte. Papa stand vor ihm. Er sah albern aus, fand Nepomuk. Allein, dass er Dreadlocks hatte. Niemand, der so weiß und alt war wie Papa, hatte so was. Die verfilzten Zöpfe hatte er unter einer monströsen bunten Wollmütze versteckt. Wie jeden Tag trug er eine weite, verwaschene Baumwollhose, die heute war in einem anderen Leben mal rot gewesen, und einen türkisfarbenen Pullover. Darüber seine orange Allwetterjacke, die er sommers wie winters anhatte. Immer lief er wie ein bunter Vogel rum. Konnte er nicht wie andere Väter Jeans und Jacke anziehen? In Blau oder Schwarz? Sodass er nicht überall auffiel. Er war Nepomuk so peinlich. Jetzt nahm er seine Hand und setzte sich in Bewegung. Widerwillig trottete Nepomuk neben ihm her. Warum war seine Familie nicht wie andere? Wo man am Sonntag normale Sachen unternahm? Statt gemeinsam mit der Bahn zum Waldbaden ans Ende der Welt zu fahren. Wald gab es doch auch in Berlin. Aber sie mussten gefühlte Ewigkeiten in die Ödnis tuckern.
»Der Wald in der Uckermark ist authentischer, er ist ideal zum Entspannen, man trifft keine Menschenseele. Ein einzigartiges Waldbadeerlebnis«, so schwärmten seine Eltern ihren Freunden vor. Überhaupt: Sonntag ist Achtsamkeitstag, hieß es in ihrer Familie. Das gab es bei keinem seiner Kumpels. Die wussten gar nicht, wie gut sie es hatten! Anton ging heute mit seinem Vater zum Angeln. Das war richtig nice. Sie fingen große Fische, die sie danach grillten. Eine unmögliche Vorstellung für seine Eltern. »Wir teilen uns mit den Tieren diesen Planeten, wir essen sie doch nicht«, lautete das Mantra der vegan lebenden Familie. Nepomuk hatte sich noch nie getraut, auch nur zu fragen, ob er mal mit Anton mitgehen durfte.
Waldbaden ist was für 100-Jährige, dachte er sich, während er wütend neben seinem Vater durch das märkische Unterholz stapfte. Es war matschig, überall lagen Äste. Gestern Abend hatte es gestürmt. Nepomuk hatte gehofft, dass sie deshalb in Berlin bleiben müssten. Aber ihm blieb nichts erspart. Die Sonne schien, und seine Eltern kannten keine Gnade. Seine Schwestern fanden das alles genauso doof, aber Penelope und Persephone waren Schleimerinnen und taten, als hätten sie Spaß.
»So, da sind wir.« Papa ließ Nepomuks Hand los und sich neben Mama nieder, die mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt auf einer Bastmatte saß. Sie hatte die Augen geschlossen. Genau wie seine Schwestern, die ein paar Bäume weiter hockten.
»Magst du zu Penelope und Persephone, Nepo?« Nepomuk hasste seinen Namen. Keiner hieß so, und die Abkürzung fand er besonders dämlich. Warum mussten ihn alle so nennen? Wieso hieß er nicht Leo oder Lukas, und warum waren seine Eltern keine Menschen, die bei Netto einkauften und nicht in der Kooperative oder in diesem Laden, wo die Sachen unverpackt waren und aus großen Behältern abgefüllt wurden. Mama ging immer mit Gläsern und Stoffbeuteln dahin, die sie dort vollmachte. Wie lästig! Wenn er erwachsen ist, wird er sich einen neuen Namen geben. Ben oder Paul. Dann wird er nie wieder freiwillig in einen Wald gehen.
»Ich setz mich da hinten hin«, murmelte er seinem Vater zu und ging ein Stück die Böschung hinab. Da war es nicht so matschig, und es sah auch nicht so aus, als würden dort eklige Käfer rumkriechen. Er nahm sich einen kleinen Ast von der Erde und knibbelte die Rinde ab. Das ging ganz leicht, weil die äußere Schicht vom Regen aufgeweicht war. Und es machte Spaß. Es würde ungefähr zehn Minuten dauern, die ihm wie Stunden vorkamen, ehe Papa aufstand und die Hörübung für beendet erklärte. Dann würden sie die mitgebrachten Brote essen und – bevor sie zurück in Richtung Bahnhof wanderten – die Sehübung machen. Auf der Pirsch nach dem Kleinen, dem Unbemerkten, hatten sie jeder eine Lupe in der Hand und begutachteten alles, was ihnen unter das Glas kam. Die Struktur eines Tannenzapfens zum Beispiel. Beeindruckend.
Auf diese Art vergeudeten sie jeden Sonntag, egal, ob es regnete, schneite oder die Sonne schien. Nepomuk bemitleidete sich.
Der Ast in seiner Hand war inzwischen kahl, und er schleuderte ihn fort, so weit er konnte. Zehn Meter weiter landete das Holz nicht auf dem Waldboden, sondern auf etwas, das sich farblich abhob. Etwas Braunblaues. Nepomuk stand auf, um zu sehen, was es war. Da lag ein Mensch im Matsch. Vielleicht hatte er auch Waldbaden müssen und war vor lauter Langeweile eingeschlafen. Neugierig ging Nepomuk so leise wie möglich zu dem Mann, schließlich wollte er ihn nicht aufwecken. Und seine Eltern durften natürlich nicht mitbekommen, dass er sich wegbewegte. Die Person lag auf dem Bauch mit dem Kopf die Böschung abwärts. Ob er wirklich schlief oder nur so tat? Nepomuk ging ein bisschen näher. Jetzt stand er direkt hinter ihm. Der Schlafende trug Turnschuhe, Jeans und eine Lederjacke. »Hallo«, sagte er kaum hörbar. Leiser, als er es beabsichtigt hatte, denn irgendwie war ihm doch mulmig zumute. Der Mann rührte sich nicht. Nepomuk bewegte sich ein Stückchen weiter in Richtung des Kopfes. Da sah er es. Blut! Viel Blut! Der Hinterkopf des Mannes war blutverschmiert. Nepomuk bekam es mit der Angst zu tun. Schnell kletterte er die Böschung wieder hoch und schrie dabei panisch, so laut er konnte: »Paaaaapaaaaa! Da ist ein Mann, der blutet!«
Kerzengerade führte der Weg durch den Wald. Von einer Straße zu sprechen, wäre vermessen, er war gerade mal breit genug für ein Auto, nicht asphaltiert. Die Buchen und Eichen, die den Weg säumten, waren haushoch. Momentan waren ihre Äste noch kahl, aber in ein paar Wochen würden sie voll hellgrüner frischer Blätter sein, ihre Kronen würden sich in der Höhe treffen und ein natürliches Dach über dem Weg bilden. Was für ein schöner Wald, dachte Paul Montgomery, als er im Schritttempo fuhr. Ein herrlicher Ort. So friedlich. Die Ruhe nach und vor dem Sturm. Kaum vorstellbar, dass nur wenige Hundert Meter entfernt eine Leiche lag. Ein Mensch, der keines natürlichen Todes gestorben war, so viel stand fest. Pauls Sonntagsausflug in den uckermärkischen Forst war nicht der Erholung geschuldet. Auf ihn wartete Arbeit.
Drei Polizeistreifenwagen, ein weißer Transporter von der Spurensicherung und ein Leichenwagen standen am Ort des Geschehens wie Perlen hintereinander aufgereiht auf dem Weg und versperrten ihm die Weiterfahrt. Paul stoppte hinter dem letzten Streifenwagen, stieg aus und verschloss seinen Dienst-Audi – sicherlich war das nicht nötig, aber den Automatismus konnte er nicht abstellen. Das hier war Brandenburg auf dem Land. Er war nicht mehr in der Großstadt – davon zeugte der Tatort. Die Kollegen hatten sogar darauf verzichtet, ihn mit Flatterband abzusperren. Warum auch? Hier kam höchstens mal ein schaulustiges Reh vorbei. Anders als Paul das aus Hamburg kannte, wo sich Menschentrauben gebildet haben, sobald ein Tatort als solcher gekennzeichnet worden war. Und kurz darauf waren Videos und Fotos davon im Netz aufgetaucht.
Vier Männer in den weißen Ganzkörper-Overalls des Erkennungsdienstes waren damit beschäftigt, am Waldboden Fußabdrücke zu nehmen, das ließ ihr Handeln zumindest vermuten. Paul scannte die Szenerie: Weiter vorn befand sich eine kleine Gruppe von drei Männern, ebenfalls in weißen Overalls, die um etwas am Boden Liegendes gruppiert waren. Einer kniete. Ein anderer machte Fotos. Sie hatten darauf verzichtet, ein Zelt um den Toten zum Schutz der Spuren aufzubauen, wie das mittlerweile gang und gäbe war. Aber wahrscheinlich hatte man es hier nicht ganz so oft mit Tötungsdelikten zu tun und es im Eifer des Gefechts einfach vergessen.
Rund 30 Meter entfernt standen zwei Erwachsene, die so aussahen, wie man sich gemeinhin Hippies vorstellt: langhaarig, in bunten, weiten Klamotten. Bei ihnen drei Kinder, zwei Teenagermädchen und ein kleinerer Junge, genauso farbenfroh gekleidet. Und da war Mandy. Die einzige Person, die Paul hier kannte. In diesem Augenblick entdeckte sie ihn und lief zu ihm.
»Guten Morgen, Chef!« Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln. Mit ihren 31 war sie zehn Jahre jünger als er. Das, was ihr an Erfahrung fehlte, machte sie mit ihrer Intelligenz und Fleiß wett, sodass Paul sie mehr als Partnerin auf Augenhöhe sah denn als Kriminalassistentin. Er arbeitete lieber im Team als in spitzer Hierarchie.
»Guten Morgen, Mandy«, grüßte er zurück.
»Ist alles okay bei Ihnen?«, fragte Mandy.
»Natürlich. Warum nicht?« Paul wunderte sich über ihre Frage.
»Ich dachte nur, weil Sonntagmorgen ist …« Mandy druckste herum.
»Ja und?« Sie sprach in Rätseln.
»Ach egal, ich dachte nur, Sie sind ja aus Hamburg …« Mandy wurde rot.
»Um genauer zu sein, komme ich gerade aus meiner Wohnung in Templin, dort bin ich heute Morgen aufgewacht, war eine Runde joggen, wollte gerade frühstücken, als Ihr Anruf mich erreichte. Beantwortet das Ihre Frage zur Genüge?« Paul lächelte.
»Ja.« Mandy strahlte zurück. »Ich dachte, der Anruf hätte Sie aus dem Bett geworfen.«
»Ich glaube, Sie gucken zu viele TV-Krimis«, sagte Paul. »Wir sind in der Realität, nicht im ›Tatort‹. Hier ist der Kommissar aus der Großstadt nicht verkatert oder gerade aufgestanden.«
Paul hatte wirklich gar nichts mit TV-Kommissaren oder Figuren aus Romanen gemeinsam. Weder war er verschroben noch hatte er Autismus. Er war weder hochintelligent noch ungebildet und ein Suchtproblem begleitete ihn auch nicht. Er war »the normal one«. Der Nice Guy. Er war stets freundlich, aber nicht aus Berechnung, sondern aus Respekt oder einfach als Folge seiner Erziehung.
Mandy wurde ein bisschen rot und murmelte: »Alles klar.«
»Was haben wir?« Paul musste grinsen. Diese Frage klang doch wie aus einem TV-Krimi-Drehbuch.
»Männlicher Toter. Erschlagen. Alles deutet darauf hin, dass er letzte Nacht schon hier gelegen hat. Der kleine Junge«, Mandy zeigte zu der Familie, die im Kreis zusammenstand und sich an den Händen hielt, »hat ihn gefunden. Er dachte erst, der würde schlafen. Bis er das Blut sah.«
»Hat er ihn angefasst?«
»Nein, er hat seinen Vati geholt, und der hat die Lage richtig eingeschätzt und uns sofort gerufen.«
Paul atmete innerlich auf. Ein Kind, das eine Leiche entdeckt, ist nie gut, aber dankenswerterweise hatte der Vater richtig reagiert.
»Es sind Tagestouristen aus Berlin. Brauchen wir sie noch oder können sie gehen?«, fragte Mandy.
»Ich spreche mit ihnen.« Paul entschloss sich, mit der Familie zu reden, bevor er sich ein Bild vom Opfer machte. Die Leiche hatte keine Termine mehr.
»Guten Tag. Mein Name ist Paul Montgomery, ich bin von der Polizei in Templin«, sagte er freundlich und holte seinen Dienstausweis aus der Jackentasche. Er zeigte ihn erst dem Vater, bevor er ihn auf Augenhöhe des Jungen hielt.
»Bist du ein richtiger Polizist, obwohl du keine Uniform trägst?«, fragte der Kleine.
»Ja, ich bin Kommissar, nicht im Streifendienst und deshalb muss ich keine Uniform anziehen. Das ist praktisch, ich kann also rumlaufen, wie ich will. Wie ganz normale Menschen, wie dein Vater.« Paul zeigte auf den bunten Vater.
Der Junge verzog das Gesicht.
»Und du hast den Mann gefunden?«
»Ja, Nepomuk war das«, antwortete der Vater für den Sohn.
»Können wir drei uns unterhalten?«, fragte Paul.
»Ja, sicher«, der Vater nahm die Hand des Sohnes und folgte Paul ein paar Meter weg vom Rest der Familie zu einer kleinen Lichtung, wo eine Bank stand. Sie setzten sich.
»Erzähl doch mal, Nepomuk, wie hast du den Mann gefunden?«
»Wir waren gerade bei der Hörübung. Ein Teil unseres Waldbadeprogramms«, beeilte sich der Vater zu sagen.
»Waldbaden?« Davon hatte Paul noch nie etwas gehört. Sein Blick schien Bände zu sprechen, denn der Vater ergriff wieder das Wort.
»Shinrin Yoku. Das ist japanisch und heißt Baden im Wald. In Japan ist es ein Bestandteil des gesunden Lebensstils. Man taucht mit allen Sinnen in die Stille und Unberührtheit des Waldes ein. Waldbaden verbessert unser Wohlbefinden. Es ist eine Kur für Körper und Seele. Wir kommen jeden Sonntag hierher.« Er machte eine kurze Pause.
Paul startete einen weiteren Versuch, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. »Also, ich muss herausfinden, was hier passiert ist. Und dabei kannst du mir helfen. Erzähl doch mal, Nepomuk.«
»Ich war da.« Er zeigte in die Richtung, wo das Team des Erkennungsdienstes um den Toten gruppiert war. »Und dann hab ich den da liegen gesehen. Ich hab gedacht, der schläft, und darum bin ich zu ihm hin.«
»Und dann?«
»Hab ich ›Hallo‹ gesagt. Aber er hat sich nicht bewegt, und da dachte ich, vielleicht ist er hingefallen und braucht Hilfe.«
»Das war sehr schlau von dir.« Paul schenkte dem Jungen ein Lächeln, der erwiderte es scheu.
»Als ich an seinem Kopf stand, war da das ganze Blut. Dann hab ich nach Papa gerufen.« Nepomuk blickte zu seinem Vater, der den Arm um seinen Sohn legte. Der Junge schmiegte sich an ihn. Der Anblick rührte Paul, versetzte ihm aber auch einen kleinen Stich. Auch Jahre danach tat es noch weh.
»Ich hab sofort ihre Kollegen verständigt, nachdem ich realisiert habe, dass er …« Er machte eine Bewegung an seinem Hals, die symbolisieren sollte, dass der Mann tot war.
Paul nickte ihm zu. »Hast du den Mann angefasst?«, fragte er den Jungen.
Nepomuk schüttelte den Kopf.
»Ich auch nicht«, beeilte sich der Vater zu sagen.
»Hast du noch irgendwas anderes gesehen, Nepomuk? Etwas, das nicht in den Wald gehört?«
»Nein. Da war nix.«
»Ist Ihnen etwas aufgefallen? Jemand begegnet?«
»Nein. Darum kommen wir ja immer hierher, man trifft normalerweise keine anderen Lebewesen.« Der Vater hielt inne, ihm schien in diesem Augenblick die Doppeldeutigkeit seiner Formulierung bewusst zu werden. »Wir haben nichts und niemanden gesehen. Weder vorher noch nachher.«
»War irgendwas anders als sonst? Vielleicht ein Auto, das abgestellt war?« Paul hatte in den Jahren, in denen er Zeugen befragte, die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich besser erinnerten, wenn er ihnen Beispiele nannte. Die Fragen so konkret wie möglich formulierte und Bilder im Kopf der Befragten erzeugte, die das Gehirn abrufen konnte.
Der Vater schüttelte den Kopf.
Doch auch diese Methode stieß an ihre Grenzen, wenn es einfach nichts zu berichten gab. Bei diesem Leichenfundort schien es der Fall zu sein. Paul sah sich um, sein Blick blieb bei der Mutter und ihren Töchtern hängen. Er beschloss, die Befragung zu beenden. »Vielen Dank, Nepomuk, du hast mir super geholfen. Und danke Ihnen.«
»Brauchen Sie uns nicht mehr?«
»Nein. Soll meine Kollegin Sie zum Bahnhof fahren?« Instinktiv ging Paul davon aus, dass die Familie nicht im eigenen Auto von Berlin in die Uckermark gekommen war.
»Danke für das Angebot. Es tut uns ganz gut, jetzt den Kopf ein bisschen freizubekommen bei einem kleinen Marsch nach Friedrichswalde.«
Paul sah den enttäuschten Blick des Sohnes. Er wäre sicher lieber im Polizeiauto gefahren, als zu laufen.
»Sie können es sich überlegen, diskutieren Sie es gern mit Ihrer Frau.«
»Danke.«
»Sie müssten heute oder morgen in Berlin bei einer Dienststelle Ihre Aussage zu Protokoll geben.«
»Ja, natürlich, das machen wir.«
»Und noch etwas …« Paul zog den Vater ein Stück zur Seite. »Ich muss schnell was mit deinem Papa besprechen«, sagte er in Nepomuks Richtung, der daraufhin zu seiner Mutter und den Schwestern trottete.
»Beobachten Sie Ihren Sohn die nächsten Tage bitte genau. Kinder verarbeiten traumatische Erlebnisse anders als wir Erwachsenen. Sollte Ihr Sohn auffälliges Verhalten zeigen, können Sie jederzeit Supervision für ihn oder sich in Anspruch nehmen.« Er gab ihm seine Visitenkarte. »Rufen Sie mich an. Und natürlich auch, sollte Ihnen etwas einfallen, das Sie vergessen haben.«
Der Vater steckte die Karte ein und ging zum Rest seiner Familie. Die Mutter umarmte ihren Sohn, die Schwestern nahmen jede eine seiner Hände. Eine anrührende Szene. Paul hatte vor ein paar Minuten zum ersten Mal von Waldbaden gehört und wusste nicht so wirklich, was sich dahinter verbarg, dennoch bezweifelte er, dass Waldbaden etwas war, was Kinder gern in ihrer Freizeit taten. Doch die Familie ging so liebevoll miteinander um, dass ihm warm ums Herz wurde.
Er selbst hielt Ausschau nach Mandy. Er sah sie im Gespräch mit den Männern neben der Leiche. Paul zog Einweghandschuhe aus seiner Jackentasche und streifte sie über.
»Guten Morgen. Ich bin Paul Montgomery, der Neue«, stellte er sich vor.
»Das hab ich mir fast gedacht«, sagte einer der drei Männer und gab ihm die Hand. »Schreiber aus Eberswalde, angenehm.« Er war ungefähr in Pauls Alter, und das schien auf den ersten Blick die einzige Gemeinsamkeit zwischen beiden zu sein. Schreiber war klein, untersetzt, hatte einen kurz geschorenen Haarkranz auf dem Kopf und trug eine Brille. Paul war optisch das Gegenteil: groß, athletisch, mit dichtem blondem Haar.
Mit Blick auf den Toten, der inzwischen auf dem Rücken lag, fragte Paul: »Was können Sie mir bislang sagen?«
»Der Mann ist tot«, antwortete Schreiber trocken. Die beiden anderen Männer lachten und Mandy kicherte. »Wurde erschlagen. Höchstwahrscheinlich damit.« Schreiber zeigte auf einen Ast, der aufgrund seines Umfangs eher die Bezeichnung »Stamm« verdiente und in einen Plastiksack verpackt neben dem Toten lag. »Vermutlich von hinten, während er die Böschung hinabging.«
Paul sah sich um. Die Bäume standen hier nicht dicht beieinander. Unwahrscheinlich, dass der Täter aus dem Hinterhalt angegriffen hatte. Zumindest nicht bei Tageslicht. Realistischer war, dass Täter und Opfer sich getroffen hatten und es zu einer Handlung im Affekt gekommen war. Die Tatwaffe hatte zufällig dagelegen. Also Totschlag, nicht Mord. Eher eine Beziehungstat, denn ein Zufallsopfer, fasste Paul seine Überlegungen zusammen. Natürlich war es viel zu früh für derartige Schlussfolgerungen einzig auf Basis der Beweislage am Tatort. Dennoch: Der erste Eindruck war oftmals der Schlüssel zur Aufklärung eines Verbrechens. Darum nahm er bei einem Tatort das Szenario intensiv auf. Mit allen Sinnen.
»Können Sie etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«
»So wie das Blut aussieht …« Schreiber deutete mit der behandschuhten Hand auf den Kopf des Opfers, der blutverkrustet war. Dicke braune Haarbüschel in Blut getränkt. Kein schöner Anblick. »Auf den ersten Blick würde ich sagen, er liegt da seit ein paar Stunden. Vielleicht seit irgendwann gestern Abend oder heute am frühen Morgen.«
»Also in der Nacht!«
»Der verkürzten«, warf Mandy ein.
Stimmt. Vergangene Nacht war der Übergang von der Winter- auf die Sommerzeit. Die Uhren waren um 2 Uhr vorgestellt worden.
»Guter Hinweis«, sagte Paul. »Das dürfen wir bei der Berechnung des Todeszeitpunktes nicht vergessen.« Schreiber nickte.
»Spuren daran?« Paul deutete auf das mutmaßliche Tatwerkzeug.
»Außer Blut bislang nichts. Ich fürchte auch, es wird nicht mehr viel hinzukommen. Es hat die ganze Nacht geregnet und gestürmt. Das Holz ist vollgesogen. Dürfte schwer werden, da verwertbare Spuren zu finden«, sagte Schreiber achselzuckend. »Mehr kann ich bislang nicht sagen. Ich wäre dann fertig hier.« Er streifte die Plastikhandschuhe ab. »Wenn nichts dagegenspricht, würden wir ihn jetzt in die Gerichtsmedizin bringen.«
»Wohin?«, fragte Paul.
»Erst mal nach Eberswalde.«
»Alles klar.« Paul beugte sich über die Leiche. Ihr Kopf lag in einer Pfütze, die sich in einer Kuhle gebildet hat. Gestern war das noch ein lebendiger, denkender Mensch mit Träumen und Bedürfnissen gewesen, jetzt war es ein Haufen DNA. Der Mann lag auf dem Bauch ausgestreckt. Es sah aus, als sei er überrascht worden, und er schien nicht gestrauchelt zu sein. Er war groß, 1,90 Meter, schätzte Paul. Und schlank. Seine Kleidung war unauffällig. Vor allem im Vergleich zu der der Hippie-Familie aus Berlin, die ihn gefunden hatte. Helle Sneaker, Jeans, Lederjacke. Leicht welliges braunes Haar.
Schreiber und seine Kollegen begannen, den Toten zu entkleiden. Fast ein wenig verschämt wandte Mandy sich ab und gesellte sich zu Paul, der ein Stück nach unten gegangen war und fast am Ufer vom Großdöllner See stand.
»Hat der Erkennungsdienst verwertbare Fußabdrücke gefunden?«, fragte er.
»Bislang die des Opfers und verschiedene andere. Der Regen war nicht gerade konservierend.«
Das hatte er befürchtet.
»Aber«, Mandy wedelte mit zwei durchsichtigen Beweisbeuteln vor seiner Nase, »wir haben das hier.« In dem einen steckte ein Personalausweis, in dem anderen befand sich ein älteres iPhone-Modell in Schwarz.
Sie kannten also die Personalien des Opfers. Wenig war frustrierender als eine tage-, wochen- oder gar monatelange Suche nach der Identität eines Toten. Das würde ihnen diesmal erspart bleiben.
Paul nahm ihr die Tüte mit dem Ausweis aus der Hand. Ben Limberg, geboren am 9. November 1989. Das Foto zeigte einen Mann mit braunen Haaren und Dreitagebart, der biometrisch konform, aber ein bisschen missmutig in die Kamera blickte. Ein hübsches Gesicht, ohne nennenswerte Kennzeichen. Gerade, mittelgroße Nase, volle Lippen. Unauffälliges Hautbild. Dem Alter entsprechend kaum Falten, nur einige feine Linien um die Augen. Ein Haarschnitt und Bart, wie ihn momentan so viele junge und mittelalte Männer trugen, landauf, landab. Das Markanteste schien noch das Geburtsdatum, Ben Limberg war am Tag des Mauerfalls in Schwedt geboren. Paul drehte den Personalausweis um. Da standen Adresse (Anhaltender Straße 34, 15434 Groß Schönebeck), Größe (1,91) und Augenfarbe (graublau). »Lag der neben ihm?«
»Nein, der steckte am Handy.« Mandy deutete auf den Plastikbeutel, in dem sich das Smartphone befand, auf der Rückseite war ein durchsichtiger Cardholder, um dort Karten zu deponieren.
»Wo war das Handy?«
Ehe sie antworten konnte, begann das Telefon zu vibrieren und verkündete lautlos einen eingehenden Anruf. »Claudia Kunze«, stand auf dem Display. Mandy sah ihn fragend an. Paul nickte ihr zu. Mit behandschuhten Fingern nahm sie das Telefon aus dem Beutel und den Anruf über Lautsprecher entgegen. Sie hielt das Telefon zwischen sich und Paul.
»Hallo«, setzte er an und wurde sofort von einem Wortschwall unterbrochen.
»Sag mal, wo warst du denn gestern? Nicht zu kommen, ist das eine, aber nicht auf meine Nachrichten zu reagieren, das andere …« Es war eine sehr aufgebrachte weibliche Stimme.
Pause.
»Mit wem spreche ich bitte?«, fragte Paul.
Nun schien die Person am anderen Ende der Leitung, mutmaßlich Claudia Kunze, zu realisieren, dass nicht Ben am Apparat war. »Mit wem spreche ich?«, entgegnete sie.
»Paul Montgomery, Polizei Templin. Wer sind Sie?«
»Ach so, Polizei …«, murmelte sie, ehe sie laut sagte: »Mein Name ist Claudia Kunze. Hat Ben sein Handy verloren? Wurde es ihm geklaut?« Sie schien nicht eins und eins zusammenzuzählen und sein Fernbleiben am Abend zuvor nicht mit der Polizei in Verbindung zu bringen.
»Nein. Soweit wir das beurteilen können, ist das nicht der Fall. Darf ich fragen, in welchem Verhältnis Sie zu Herrn Limberg stehen?«
