Schrei in Flammen - Jeanette Øbro - E-Book

Schrei in Flammen E-Book

Jeanette Øbro

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Beschreibung

VOM DÄNISCHEN ERFOLGS-KRIMIDUO ØBRO & TORNBJERG, AUSGEZEICHNET VON JUSSI ADLER-OLSEN. Der neue Fall für Psychologin und Profilerin Katrine Wraa – direkt von der dänischen Bestsellerliste. »Mein Tod war grausam. Ich verbrannte in lodernden, verzehrenden Flammen, und nach der ersten Berührung von Feuer und Fleisch gab es kein Zurück mehr. Die Zeit blieb stehen. Die Unendlichkeit begann, und dann war Schluss.« Mitten in Kopenhagen wird einem ausgebrannten Auto die verkohlte Leiche einer Frau gefunden. Zum Entsetzen aller stellt sich heraus, dass die Frau noch am Leben war, als das Auto angezündet wurde. Wer war sie? Und wer wollte ihren grausamen, aufsehenerregenden Tod? Die Ermittlungen führen die Kriminalpsychologin Katrine Wraa und ihren Partner Jens Høgh in die Seelenabgründe von Tätern, Opfern, Gangstern und Mitläufern – die mit ihrer ganz eigenen Logik alles nur Erdenkliche versuchen, um ihr wahres Gesicht zu verbergen. »Ein Netz, das sich immer weiter zusammenzieht: teuflisch!« Børsen

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Seitenzahl: 706

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Jeanette Øbro | Ole Tornbjerg

Schrei in Flammen

Kriminalroman

 

Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries

 

Über dieses Buch

 

 

Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um

Mitten in Kopenhagen wird in einem ausgebrannten Wagen eine tote Frau gefunden. Die Ermittlungen führen die Kriminalpsychologin Katrine Wraa und ihren Partner Jens Høgh in die Seelenabgründe von Tätern, Opfern, Gangstern und Mitläufern – die mit ihrer ganz eigenen Logik alles nur Erdenkliche versuchen, um ihr wahres Gesicht zu verbergen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Das Autorenduo Øbro & Tornbjerg gehört zu den international erfolgreichen Shootingstars der dänischen Kriminalszene. Jeanette Øbro, geboren 1969, war als Tänzerin, Hebamme, Mediendesignerin und Beraterin tätig. Ole Tornbjerg, geboren 1967, hat Kommunikationswissenschaften studiert und arbeitete als Produzent und Regisseur für Film und Fernsehen. Die beiden Autoren sind verheiratet und leben mit ihren drei Kindern in Hillerød. Øbro & Tornbjerg schreiben zurzeit an den nächsten Fällen für Katrine Wraa.

Impressum

 

 

Covergestaltung: bürosüd°, MünchenCoveridee und Umschlagfoto: PeterStoltze / www.stoltzedesign.dk

 

Erschienen bei FISCHER Taschenbuch,

Frankfurt am Main, Dezember 2013

 

Die Originalausgabe erschien 2011

unter dem Titel ›Djævlens ansigt‹

im Verlag JP/Politikens Kopenhagen

© Jeanette Øbro Gerlow, Ole Tornbjerg & JP/Politikens Forlagshus A/S, København 2011

 

Für die deutsche Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013

 

Druck und Bindung:

Printed in Germany

 

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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-402093-8

 

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Inhalt

Teil 1

Samstag, 8. Mai

Fünf Tage zuvor

Freitag, 7. Mai

Katrine Wraa sah sich [...]

Teil 2

Es war Montagmorgen. Der [...]

Katrine hatte zu ihrer [...]

Am Mittwochmorgen parkte Jim [...]

Zwei Männer liefen plaudernd [...]

Katrine Wraa ging mit [...]

Teil 3

Lars Sønderstrøm saß am [...]

Lars Sønderstrøm hatte eben [...]

Der Montagmorgen war grau [...]

»Christian Letoft?«, fragte Lars [...]

Die Abhörung von Jim [...]

Katrine Wraa fuhr über [...]

Teil 4

Als Simone endlich die [...]

Jens saß auf Simones [...]

Es kam der Punkt, [...]

Epilog

Danksagung

Teil 1

Mein Tod war grausam. Da gibt es nichts zu beschönigen. Ich verbrannte in lodernden, verzehrenden Flammen, und nach der ersten Berührung von Feuer und Fleisch gab es kein Zurück mehr. Die Zeit blieb stehen. Die Unendlichkeit begann, und dann war Schluss. Ein für alle Mal, die fatale Grenze war überschritten.

Gleich werden sie hier stehen und die verkohlten Reste meines schönen Körpers begutachten. Aber wie lange sie dort auch stehen mögen, sie werden niemals die Sekunden verstehen, in denen meine Haut, meine Haare, meine Muskeln und meine Nervenenden seufzten, schmolzen und in den Flammen vergingen. Die Schmerzen kann man sich nicht vorstellen. Außerstande mich zu bewegen, konnte ich bloß darauf warten, dass mein Körper resignierte.

Meine Haut. Du hättest meine Haut sehen sollen. Ich hatte die zarteste, weichste Haut, die man sich vorstellen kann. Glatt und einladend. Weich und doch fest. Straff über meinen langen, schlanken Gliedern.

Aus und vorbei, sie wurde von den Flammen verzehrt und wird nie wieder von einem Mann berührt werden. Oder von einer Frau. Welch Schande und grenzenlose Vergeudung.

Ich will mich nicht weiter mit Details aufhalten. Es ist aus. Ich spüre nichts mehr. Es gibt keine Zukunft. Keine Träume. Keine Gegenwart.

Was mir bleibt, ist die Vergangenheit, die Menschen, die ein Teil davon waren, und mein gewaltiger Hass.

Doch einer dieser Menschen steht über allen anderen.

Er, der mir erst sein Geheimnis anvertraute und mich dann verließ.

Ihm habe ich nie verziehen.

Samstag, 8. Mai

»Mama, Mama, unter der Brücke brennt es!«

Astrid Birk sprang aus dem Bett und lief zu ihrem fünfjährigen Sohn, der im Pyjama in der Tür zum Schlafzimmer stand.

»Was sagst du, Schatz? Es brennt?«

»Ja, ich musste Pipi, und da hab ich aus dem Fenster geschaut, und da war überall Feuer!«

Sie nahm ihren Sohn auf den Arm und ging mit ihm ins Wohnzimmer, von wo aus man den Parkplatz unter der Autobahnbrücke »Bispeengbogen« im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro sehen konnte.

Verdammt, fluchte sie innerlich. Im letzten Jahr waren dort mehrfach Autos, die zuvor bei irgendwelchen Schießereien in dem endlosen Kopenhagener Bandenkrieg benutzt worden waren, abgestellt und abgefackelt worden.

Sie studierte an der Uni, wohnte allein mit ihrem Sohn in der Dreizimmerwohnung und kam dank der niedrigen Miete gerade so über die Runden. Aber die Schießereien und brennenden Autos machten ihr Angst. Sie erwog ernsthaft, aus der Stadt wegzuziehen. Sie wollte nicht, dass ihr Sohn immer wieder mit solchen Erlebnissen konfrontiert wurde.

»Schatz, bleibst du einen Moment hier sitzen, während ich die Feuerwehr anrufe?«

Er nickte und kniete sich auf einen Stuhl, der dicht vor dem Fenster stand, und sah nach draußen.

Astrid holte ihr Telefon, stellte sich hinter ihren Sohn, wählte die 112 und erklärte rasch, worum es ging. Sie bekam die Auskunft, dass bereits andere Notrufe eingegangen und die Einsatzkräfte unterwegs waren. Sie legte das Telefon weg, nahm ihren Sohn wieder auf den Arm und spürte seine warme Wange an der ihren. Die Flammen spiegelten sich wie ihre Gesichter in der Scheibe.

»Jetzt kommen gleich die Feuerwehrautos und löschen das Feuer. Wir können also beruhigt wieder ins Bett gehen. Willst du bei mir schlafen?

»Ich will aber die Feuerwehrautos sehen.«

Astrid zögerte. War das nicht alles viel zu aufregend für ihn? Andererseits konnte sie seine Faszination verstehen, gleich ein echtes Feuerwehrauto zu sehen, das mit Blaulicht angefahren kam, um ein Feuer zu löschen.

»Okay, wir gucken zu, bis das Feuer gelöscht ist, aber dann gehen wir ins Bett.«

Kurz darauf hörten sie die Sirenen, bevor das erste große rote Löschfahrzeug um die Ecke gebogen kam. Sie konnten nicht erkennen, was genau vor sich ging, aber es dauerte nicht lang, bis die Flammen gelöscht waren.

»So, jetzt sind die Flammen aus. Gott sei Dank. Nur gut, dass du das Feuer gesehen hast, damit wir die Feuerwehr rufen konnten! Jetzt gehen wir aber wieder ins Bett.«

»Ich will weitergucken!«

»Nein, jetzt müssen wir schlafen, du wachst morgens doch immer so früh auf.«

»Ich will zugucken, bis die Feuerwehrautos wieder wegfahren.«

Während ihrer kleinen Diskussion sah Astrid, dass sich auf dem Parkplatz irgendetwas tat, konnte aber nicht erkennen, was. Dann hörte sie laute, panische Rufe, ohne zu verstehen, was genau gerufen wurde.

Sie trat näher ans Fenster und hörte die Worte, auf die sie im Nachhinein nur zu gerne verzichtet hätte:

»Verdammt, da ist jemand drin. Da sitzt jemand im Auto!«

Fünf Tage zuvor

Der Frieden war vorbei.

Die verheißungsvollen Geräusche des Frühlings waren an diesem Samstag, dem ersten warmen Wochenende des Jahres, regelrecht aufdringlich geworden. Die Vögel hatten laut und hysterisch gezwitschert, und aus den Sommerhäuschen, die den ganzen Winter über leer standen, jetzt aber wieder von ihren frühlingstrunkenen Eignern bevölkert wurden, um alles für eine lange Saison an der Seeländer Nordküste vorzubereiten, waren laute Stimmen zu ihr herübergedrungen.

Rasenmäher, Motorsägen, das Kreischen vom Strand, wo die Mutigsten sich in die kalten Fluten stürzten, lebhafte Gespräche beim Essen auf der Terrasse, das Klirren von Besteck, Tellern und Weingläsern, das Bellen von Hunden und das Lachen der spielenden Kinder waren Bestandteile der Tonspur dieses Wochenendes.

Katrine Wraa saß auf der obersten Stufe der breiten Holztreppe ihrer Veranda und blickte über das Meer. Fledermäuse flatterten vor dem hellen Maihimmel hin und her. Sie goss sich den letzten Rest Rotwein in ihr Glas, schlug die Decke enger um sich und legte noch ein Scheit in dem kleinen Keramikofen auf, der vor ihr stand und sie warm anstrahlte. Sie, die das ganze Jahr über hier wohnte, musste sich nun von der Ruhe und dem Frieden, die sie in den letzten Monaten so dringlich gebraucht hatte, verabschieden.

An diesem späten Sonntagabend begannen die Geräusche langsam zu verstummen. Das Klappen von Terrassen- und Autotüren war zu hören, die Leute fuhren zurück in die Stadt. Die Stimmung, die sich im Laufe des Abends eingestellt hatte, passte gut zu ihrer Laune. Es war das Gefühl, dass etwas zu Ende ging. Sie erinnerte sich noch genau, wie sie es als Kind erlebt hatte, wenn sie spät am Sonntagabend, wenn es wirklich nicht mehr anders ging, zurück in die Stadt gefahren waren. Sie auf dem Rücksitz des Autos. Ihre Eltern vorn. Die Haut im Gesicht trocken und straff von der Sonne und dem Salz des Meeres. Sand zwischen den Zehen. Als sie noch ganz klein gewesen war, war sie auf diesen Fahrten immer eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, wenn ihr Vater sie ins Bett getragen hatte. Später, als sie ein bisschen älter war, waren diese Fahrten ein wehmütiger Übergang gewesen. Eine Reise von einem Zustand in einen anderen. Mehr Moll als Dur. Genau diese Stimmung war es, die jetzt in ihr aufkam.

Weil sie auf dem Weg von einem Zustand in einen anderen war. Sie sollte am kommenden Tag nach einer längeren, krankheitsbedingten Auszeit wieder zu arbeiten beginnen. Im Gegensatz zu ihren Erinnerungen ging damit aber keine schöne Zeit zu Ende. Im Gegenteil: Es war der Abschluss einer Zeit, die sie als eine der schrecklichsten Perioden ihres Lebens erlebt hatte.

War sie wirklich schon wieder so weit?, hatte ihr neuer Chef, Bent Melby, sie gefragt. Sie sollte sich auf keinen Fall gedrängt fühlen und deshalb zu früh zur Arbeit zurückkommen. Dabei hatte er geklungen, als wäre es ihm nur recht, wenn sie noch ein bisschen wegbliebe, oder täuschte sie sich in dieser Einschätzung?

Sie sei sich vollkommen sicher, hatte sie im Brustton der Überzeugung gesagt, auch wenn der Krisenpsychologe der Polizei in diesem Punkt nicht ganz ihrer Meinung war. Aber sie wusste ja wohl am besten, was sie jetzt brauchte, schließlich war sie selbst Psychologin; sie musste einfach wieder arbeiten, in Gang kommen, dann würde sich der Rest schon finden.

*

»Da sind wir«, sagte Jens Høgh und lächelte Katrine breit an, als er sie in das Büro führte, das sie sich im nächsten Jahr teilen sollten.

Katrine trat ein und hängte ihre hellbraune Lederjacke hinter die Tür. Jens beobachtete sie. Sie war blass und noch dünner als bei ihrer letzten Begegnung vor ein paar Monaten. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen, und er sah ihr an, dass sie frischer zu wirken versuchte, als sie es in Wahrheit war. Sie fingerte an ihrem hellen, kurzärmeligen Hemd und an dem Gürtel ihrer Jeans, und ihm entging nicht, dass sie sich immer wieder mit der Hand über die langen, lockigen roten Haare fuhr, die sie in einem Pferdeschwanz zu bändigen versucht hatte. Einige Locken tanzten über ihre markanten Wangenknochen.

»Sollen wir uns eine Tasse Kaffee holen?«, fragte Jens. Katrine nickte. Sie gingen in die Teeküche am Ende des Flurs. Der dritte Stock schien sich in nichts vom zweiten zu unterscheiden, in dem das Morddezernat lag, wo sie ihre Einführungsphase zusammen mit Jens angetreten hatte, vor einer gefühlten Ewigkeit, obwohl es erst vier Monate zurücklag. Jens und sie hätten alles dafür gegeben, wieder dort arbeiten zu können, statt in der neu eingerichteten Einheit zur Bekämpfung von Bandenkriminalität.

»Wir sind hier oben inzwischen mehr als hundert Mann«, sagte Jens und goss Katrine Kaffee ein.

»Und die Vergrößerung der Abteilung war kein Problem?«, wollte Katrine wissen, nahm eine Packung Milch aus dem Kühlschrank, warf einen Blick auf das Verfallsdatum und goss sie ins Waschbecken.

»Nein, schließlich sollen wir ja auch präventiv arbeiten. Eine Taskforce gegen die organisierte Kriminalität. Sei’s drum.« Er sah sie vielsagend an. »Es sind die gleichen Leute wie früher, nur anders verteilt. Es ist ja nicht so, dass wir plötzlich mehr Polizisten hätten. Kragh ist logischerweise nicht besonders glücklich, weil er noch mehr Ermittler an uns abtreten musste«, sagte Jens und goss sich selbst Kaffee ein, ehe sie zurück in ihr Büro gingen.

»Sie wollten sogar Torsten hier raufschicken, hehe.«

»Aber …?«, fragte Katrine und sah Jens hoffnungsvoll an.

»Das konnte er verhindern.«

»Das ist doch schon etwas«, sagte sie, erleichtert, nicht mit dem Ermittlungsleiter zusammenarbeiten zu müssen, der Psychologen bei der Polizei für so überflüssig hielt wie Giersch in einem Kräutergarten.

Per Kragh, der Leiter des Morddezernats, hatte Katrine kurz vor Neujahr aus ihrem selbstgewählten Exil in Ägypten abgeworben, wo sie nach einer misslungenen Karriere in England, ihrer Wahlheimat seit ihrem Psychologiestudium, Zuflucht gesucht hatte. Das war eine einmalige Chance, denn Stellenangebote für Profiler waren rar. Budget gab es nur für die Bereiche mit höchster Priorität, und da die Bandenkriege Kopenhagen bereits lange genug in Atem hielten, hatte Per Kragh eine Chance für die Durchsetzung seiner ganz eigenen Pläne gesehen: Als frisch eingesetzter Dezernatsleiter wollte er klare Duftmarken setzen und sich mit der Anstellung neuer Mitarbeiter profilieren, die das Dezernat mit modernen wissenschaftlichen Methoden bereicherten. Da das Morddezernat aber eine außergewöhnlich hohe Aufklärungsrate vorzuweisen hatte und es keinen wirklichen Bedarf an der Einstellung neuer Experten wie Katrine gab, war er auf die Idee gekommen, sie erst einmal in der brandaktuellen Taskforce einzusetzen. Unter vier Augen hatten sie aber vereinbart, dass er sie nach dem einen Jahr in der Sondereinheit im Morddezernat anstellen wollte. Je besser sie also am jetzigen Ort ihre Arbeit erledigte, desto größer waren die Chancen, doch noch einmal ihre Traumstelle zu bekommen.

»Es ist gut, dich wieder hier zu haben«, sagte Jens, als beide an ihren Schreibtischen Platz genommen hatten. Sie wusste ganz genau, dass er das ernst meinte.

»Es ist auch gut, wieder hier zu sein«, sagte sie, nicht ganz der Wahrheit entsprechend. »Ich muss nur erst …«, sie machte Kreisbewegungen mit ihrem Zeigefinger, »richtig in Gang kommen. Du weißt schon.«

»Natürlich. Lass es ruhig angehen, das versteht hier jeder.«

»Und du … bitte entschuldige, dass ich nicht zurückgerufen habe.«

»Ist schon in Ordnung.«

»Nein, ist es nicht. Aber … Na ja, es ging mir halt wirklich scheiße.«

Jens nickte. »Ich habe mitbekommen, dass deine Krankschreibung verlängert worden ist. Geht’s dir denn jetzt besser?«, fragte er.

»Ja, schon, es geht besser. Ich muss jetzt einfach loslegen.«

»Und, ähm, wie war deine Fahrt nach Ägypten? Ist da alles gutgegangen?«

Sie nickte, und Jens sah in ihren Augen so etwas wie Freude aufblitzen. Dieser verfluchte Aussi. Sie hatte in den drei Monaten vor Weihnachten, vor ihrer Rückkehr nach Dänemark, eine Beziehung zu einem australischen Tauchlehrer gehabt. Und als sie krankgeschrieben war, war sie noch einmal dorthin gefahren. Allein der Gedanke daran quälte ihn.

»Ich habe den PADI-Schein gemacht«, sagte sie stolz.

»Herzlichen Glückwunsch.«

»Danke.«

»Und … war Ian noch da?«, fragte er und nahm einen Schluck Kaffee. Es gelang ihm sogar, die Frage möglichst beiläufig zu stellen.

»Ja, aber er geht jetzt wieder zurück nach Australien. Er hat einen Job am Great Barrier Reef. Also …« Sie zuckte mit den Schultern, sah aber nicht sonderlich traurig aus.

»Ah ja?« Jens fühlte sich gleich viel besser. Australien, das war schön weit weg! Und das Schulterzucken konnte doch wohl nur eins bedeuten. »Tja, dann …«, sagte er beflügelt, »will ich mal versuchen, dir einen Überblick zu geben.«

»Gerne«, sagte Katrine.

Er stand auf, trat an das große Whiteboard, das hinter Katrine hing, und nahm einen Folienschreiber. Katrine schob ihren Stuhl vom Tisch weg, damit sie besser sehen konnte. Jens begann zu zeichnen, aber der Folienstift war eingetrocknet.

»Augenblick«, sagte er und verschwand durch die Tür. Katrine sah ihrem durchtrainierten Kollegen mit den kurzen Haaren und den blauen Augen nach. Sie waren etwa gleichaltrig, Ende dreißig. Bis jetzt war es doch gar nicht so schwer, dachte sie erleichtert. Sie hatte sich so oft vorgestellt, wie alles ablaufen würde.

Er hatte sie nur einmal kurz oben in ihrem Sommerhaus besucht, gleich nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus. Da war sie noch vollkommen aufgedreht gewesen, fast high, dass sie überlebt und den Fall aufgeklärt hatte. Und dass sie von den schweren Schuldgefühlen befreit worden war. Sie hatte jahrelang geglaubt, ihre Jugendliebe Jon hätte sich das Leben genommen, weil sie mit ihm Schluss gemacht hatte. Doch dann hatte sich gezeigt, dass er gar nicht aus freien Stücken aus dem Leben geschieden, sondern ermordet worden war. Diese Erkenntnis hatte ihr Leben und ihr Selbstbild auf den Kopf gestellt. Und ein ganz neues Licht auf ihr Verständnis von Beziehungen geworfen. Sie hatte lange Telefonate mit ihrer Freundin Fiona geführt, mit der sie in England zusammen studiert hatte, und dabei ganz offen über ihre Schuld und Zweifel und deren Einfluss auf ihr bisheriges Leben gesprochen. Sie war eine Eigenbrötlerin geworden, immer nur mit kurzen Beziehungen, die sie meist von sich aus wieder beendet hatte. Beziehungen ohne jede Zukunftsaussicht, die schon von vornherein zum Scheitern verurteilt waren – wie die Sache mit dem australischen Tauchlehrer in Scharm El Scheich … Das war ihr erstmals richtig bewusst geworden, als sie wieder in Ägypten gewesen war. Sie und Ian hatten sich in Freundschaft getrennt und sich einander ein gutes Leben gewünscht.

Jetzt war sie hier. Und sollte mit dem Mann zusammenarbeiten, der ihr vor vier Monaten an einem eisigen Strand das Leben gerettet hatte. Sie hatte sich vor diesem Wiedersehen gefürchtet. Ohne ihn wäre sie nicht mehr am Leben. Da war es doch nur natürlich, dass sie ihm gegenüber eine besondere Dankbarkeit empfand. Doch gleichzeitig stand das Ganze irgendwie … unglaublich groß und intim … zwischen ihnen.

Es hatte Augenblicke gegeben, in denen sie schrecklich down gewesen war, tief unten in einem finsteren Loch, in dem sie nichts als Wut gespürt hatte. Wut auf sich selbst, sich in so eine gefährliche Situation manövriert zu haben. Und auf Jons Mörder. Und auf Jens, weil sie sich in diesen Augenblicken gewünscht hatte, er hätte sie sterben lassen.

Deshalb hatte sie es einfach nicht übers Herz gebracht, mit ihm zu reden. Bis jetzt. Es war aber fast unmöglich, auf einen Menschen wie Jens Høgh längere Zeit wütend zu sein. Dieser Mann schien mit Helium gefüllt zu sein und stieg immer wieder an die Oberfläche. Nur zu gern hätte sie etwas von diesem Helium in sich aufgesaugt.

Jens kam mit einigen Filzschreibern und einer Thermoskanne mit Kaffee zurück und stieß die Tür mit dem Fuß zu.

»Halt dich fest. Jetzt steigen wir in die dänische Unterwelt hinab«, sagte er. »Und das wird keine schöne Reise.«

»Willst du mir nicht erst sagen, mit welchem Fall sie dich betraut haben?«

»Natürlich, hauptsächlich bin ich dazu abgestellt, die Ermittlungen der Mordfälle zu leiten, die wir auf den Schreibtisch kriegen. Es gibt nämlich verschiedene Varianten davon, sich gegenseitig auf offener Straße abzuknallen. Oder es zumindest zu versuchen, sollte ich wohl eher sagen, denn die meisten treffen nicht sonderlich gut. Das Üble an der Sache ist aber, dass häufig Unschuldige mit reingezogen werden, also Leute, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Was Wirtschaftskriminalität und Drogen angeht, gibt es hier qualifiziertere Leute als mich. Und Lars Sønderstrøm – er ist auch hier, du hast ihn sicher schon mal getroffen?« Katrine nickte. »Er trägt Material über die richtig üblen Rockerbanden zusammen, inklusive Abhörung und Überwachung. Das Ganze nennt sich SKAT, und dabei drehen sie wirklich jeden Fitzel um, gucken sich alle Rechnungen ganz genau an und so. Der ist echt verrückt.« Jens schüttelte lächelnd den Kopf.

»Wenn du die Ermittlungen leitest, bist du befördert worden?«

»Ja, aber ich mache mir trotzdem noch die Hände schmutzig. Ich schaffe es nicht, bloß hier rumzusitzen und die Fäden in der Hand zu halten. Ich muss raus auf die Straße. Ich habe sozusagen eine Sonderbewilligung bekommen.«

»Hm«, sagte Katrine und war fast ein bisschen neidisch. »Weißt du dann zufällig auch, was Melby mit mir vorhat? Ich habe ja nie richtig mit ihm gesprochen.«

Jens sah sie an und trank einen Schluck Kaffee, bevor er antwortete. »Wenn ich ehrlich sein soll …?«

»Ich bitte darum.«

»Ich glaube, er hat keine Ahnung, was er mit dir anfangen soll.«

»Na super, dann sind wir schon zu zweit.«

»Und deshalb glaube ich, dass es ihm am liebsten wäre, wenn du da an diesem Tisch«, er zeigte auf ihren Schreibtisch, »sitzen bleiben und den Rest des Jahres darauf verwenden würdest, ein paar Berichte zu schreiben.«

»Hm.«

»Ich persönlich fände das ja eine schreckliche Vergeudung. Also nicht, dass du nicht tolle Berichte schreiben könntest – das bezweifle ich nicht.«

»Um die Regale im Archiv noch mehr aufzufüllen?«

»Nein, ich denke schon, dass sie gelesen würden. Unsere Arbeit steht im Blickpunkt und hat ziemliche Priorität. Auch für die Medien. Ich denke nur, dass man ruhig etwas ambitionierter denken und dich auch an operativen Einsätzen teilnehmen lassen sollte. Wir können deinen Input sicher gut gebrauchen.«

»Es würde wenig Sinn machen, wenn ich vollkommen abgeschnitten von den Ermittlungen arbeite …«

»Das sehe ich genauso.«

»Und die Vorstellung, für den Rest des Jahres hier am Schreibtisch zu sitzen und Berichte zu schreiben, ohne jemanden zu stören – ich brauche doch etwas, womit ich arbeiten kann!«

»Genau.«

»Weißt du eigentlich, wie schwer es ist, unter so einem Chef zu arbeiten?«, fragte sie stöhnend.

»Ja, und genau deshalb müssen wir ihm helfen«, sagte Jens und beugte sich verschwörerisch über den Tisch. »Okay? Wir helfen ihm, indem du ein hübsches Konzept schreibst, aus dem hervorgeht, wie du zum Beispiel untersuchen kannst, wann und wieso es bei den Kids, die in den Banden landen, zum Filmriss kommt und sie die Schule oder ihre Ausbildung abbrechen. Und natürlich, wie man das verhindern könnte. Um genügend Hintergrundinformationen zu bekommen und die Arbeit wirklich qualifiziert angehen zu können, solltest du neben den Kontakten mit den Streetworkern und so weiter auch unbedingt an ausgewählten Ermittlungen teilnehmen – also mich unterstützen«, ergänzte Jens und grinste breit. »Es leuchtet doch ein, dass man das Milieu so am besten kennenlernt. Und wenn du es schaffst, das Ganze plausibel darzustellen …«

»Du meinst ein angewandtes Forschungsprojekt …«, sagte sie mit ironischem Unterton und fuhr, angestachelt von Jens’ eifrigem Nicken, fort, »… über die Attraktivität krimineller Subkulturen – und die Entwicklung von Strategien, der initialen Rekrutierung entgegenzuwirken?«

»Exakt! Besser kann man es nicht formulieren!« Jens sah sehr zufrieden aus. »Wunderbar, dass du das auch so siehst, ich habe ihn nämlich schon ein bisschen vorbereitet, dass das ein gutes Einsatzgebiet wäre.«

»Du bist ganz schön gerissen.«

»Ich habe meine hellen Momente«, sagte Jens zufrieden. »Und bevor wir uns umsehen, sind wir beide wieder im Morddezernat. Prost!«

Er streckte ihr seine Kaffeetasse über den Tisch entgegen. Sie stießen an, wobei Jens’ Kaffee aus der Tasse auf einen Stapel Papiere schwappte.

»Prost!«

*

»Unsere wichtigste Aufgabe ist es natürlich, den Bandenkrieg so schnell wie möglich zu beenden«, sagte Bent Melby ernst, beugte sich über seinen Schreibtisch und musterte Katrine, die ihm gegenübersaß. »Sechs Tote und fast sechzig Schießereien allein im letzten Jahr sind einfach inakzeptabel. Die Sicherheit der Bevölkerung ist da nicht mehr gewährleistet. Wir müssen die Leute wegsperren, die für die Schießereien und die Gewalt verantwortlich sind, und wir müssen neuen Zwischenfällen vorbeugen. Ebenso wichtig ist es aber auch, eine Ebene tiefer vorzudringen und die Grundlagen dieses Bandenkriegs aufzuarbeiten: der extrem lukrative Markt für Cannabis, Drogen und Prostitution. Dabei müssen wir hart und konsequent gegen die Hintermänner vorgehen. Es kommt – mit anderen Worten – darauf an, das Unkraut mitsamt der Wurzel auszureißen!«, sagte er mit einer energischen Handbewegung.

Katrine hatte Melby erst ein einziges Mal getroffen, als sie vor einigen Monaten im Morddezernat begonnen hatte. Da hatte er müde und abgearbeitet ausgesehen, und ihr hatte davor gegraut, ihn als Chef zu haben. Der Mann, der jetzt vor ihr saß, wirkte ganz anders, wie von einem inneren Feuer angetrieben. Vermutlich hatte ihm die erste Zeit hart zugesetzt, dachte Katrine, doch inzwischen hatte er eine größere Organisation hinter sich, und die Aufgaben schienen gut verteilt und alles auf den richtigen Weg gebracht worden zu sein. Sie schätzte ihn auf Anfang fünfzig, und er schien sich gut in Form zu halten. Seine vollen, stahlgrauen Haare waren kräftig und kurzgeschnitten, und seine Augen strahlten vor Energie und Leben, ließen dabei aber keinen Zweifel am Ernst der Lage. Er stand auf und lief durch den Raum. Vermutlich kam jetzt der Vortrag, auf den Jens sie vorbereitet hatte.

»Die organisierte Kriminalität hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Früher nutzten die kriminellen Organisationen illegale Methoden, wenn sie auf dem illegalen Markt operierten. Doch in den letzten fünf bis zehn Jahren hat es da Verschiebungen gegeben, jetzt bedient man sich illegaler Methoden auf dem legalen Markt. Sie haben Modelle entwickelt und sind im großen Stil dabei, Firmen und Unternehmen zu etablieren – insbesondere im Bereich Gebäudereinigung, Gerüstbau, Sicherheit und in verschiedenen Handwerkszweigen. Anfangs halten sie sich exakt an die Vorschriften, später werden die Firmen dann zur Geldwäsche genutzt – für Geld aus Drogengeschäften, Prostitution, Erpressung oder anderen kriminellen Aktivitäten oder um im großen Stil Steuern zu hinterziehen.«

Ein etwas schräges Bild von muskelbepackten, langhaarigen Bikern mit Lederweste, die von ihren Schreibtischen kleine Firmen leiteten, drängte sich Katrine auf.

»Das ist …«, Melby hielt einen Moment inne, um den Ernst der Situation zu unterstreichen, »eine echte Bedrohung. Zum einen ist ihr Einstieg in das legale Geschäftsleben häufig begleitet von Gewalt, zum anderen – und das ist weitaus gefährlicher – unterminieren sie damit unsere ganze Gesellschaft. Sie entziehen den öffentlichen Kassen enorme Geldbeträge, für die wir alle aufkommen müssen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die organisierte Kriminalität heute zu den größten Bedrohungen unserer Demokratie zählt. Deshalb müssen wir uns mit aller Härte dagegen zur Wehr setzen. Es gibt ausreichend Schreckensszenarien, was passiert, wenn ein Land die Kontrolle über diese kriminellen Organisationen verliert: Sie infiltrieren uns, drängen erst in die Wirtschaft und dann in die Politik. Das Resultat ist eine in hohem Maße korrumpierte Gesellschaft, geleitet von Kriminellen, die nicht vor Gewalt, Mord und Erpressung zurückschrecken. Das ist in vielen Ländern Mittel- und Südamerikas passiert …«

»Und in Russland.«

»Ja, wobei das eine etwas andere Geschichte ist.«

»Natürlich, aber es ist doch wohl noch ein weiter Weg, bis Dänemark so weit ist«, sagte Katrine.

»Natürlich. In einem Land mit einer so hohen Rechtssicherheit wie dem unsrigen geht das nicht so schnell. Aber es ist wichtig, diese Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren.« Bent Melby blieb stehen und beugte sich über den Tisch.

Dann begann eine Aufzählung ihrer Aufgaben. Es war in etwa so, wie Jens es sich gedacht hatte. Sie sollte die Netzwerkbildung und Rekrutierung analysieren – mit besonderem Fokus auf den kleineren, neueren Bandenformationen. Sie sollte der Polizei mit ihrer Arbeit tiefere Einblicke in diese Prozesse verschaffen, um die Prävention zu stärken und all jenen Hilfestellung bieten zu können, die das Milieu wieder verlassen wollten. So weit, so gut.

»Es ist für diese Arbeit aber essentiell, an ausgewählten laufenden Ermittlungen teilzunehmen«, sagte Katrine.

Melby lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Das kommt nur in äußerst begrenztem Umfang in Frage«, sagte er mit fester Stimme.

»Es ist aber für die Qualität meiner Untersuchungen von höchster Bedeutung, dicht am Milieu dran zu sein und die Ermittlungen zu begleiten«, versuchte sie es erneut.

Melby beugte sich wieder vor. »Ich war nicht an Ihrer Anstellung beteiligt«, sagte er in freundlicherem Ton, »aber ich gehe grundsätzlich davon aus, dass die Mitarbeiter, die meiner Spezialeinheit zugeteilt werden, auch die nötigen Qualifikationen mitbringen. Hinzu kommt, dass ich rein juristisch nicht nachvollziehen kann, was Sie zu unserem Arbeitsfeld überhaupt beitragen können. Aber gut«, sagte Melby und stand auf. »Wenn Sie dann bitte einen kurzen Bericht über das schreiben könnten, was wir heute hier besprochen haben. Sagen wir bis nächste Woche?«

Katrine verließ Melbys Büro mit hängendem Kopf. Je eher dieses Jahr vorüber war, desto besser, dachte sie und sah das Morddezernat weit, weit hinten am Horizont verblassen. Wie sollte sie allein durch die Beschaffung von Hintergrundmaterial die Entscheidungsträger überzeugen, dass man sie unbedingt im Morddezernat brauchte? Was hatte Per Kragh sich nur dabei gedacht? Eine echte Scheißsituation. Melby war ihr vor die Nase gesetzt worden und hatte nichts Besseres zu tun, als sie an einen Schreibtisch zu ketten. Sie konnte sich aber auch schlecht hinter Melbys Rücken bei Kragh beschweren. Solche Spielchen konnte sie nicht leiden. Ihr blieb keine andere Wahl, sie musste versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. In England hatte sie am Ende den Ruf gehabt, eigenmächtig und wenig teamfähig zu sein, doch dort war der Führungsstil deutlich hierarchischer und straffer. Wenn sie in Dänemark Karriere machen wollte, würde sie sich anstrengen müssen, eine Balance zu finden zwischen dem, was sie für richtig hielt, und dem, was ihre Vorgesetzten von ihr erwarteten, damit sie nicht wieder in der gleichen Situation landete. Dumm nur, dachte sie missmutig, dass ihr Chef offenbar nicht die geringste Ahnung von ihrem Fach hatte.

Freitag, 7. Mai

Katrine Wraa hatte die erste Woche darauf verwendet, sich in ihr neues Tätigkeitsfeld einzulesen, um einigermaßen vernünftig beschreiben zu können, wie sie die neue Aufgabe angehen wollte. Sie hatte Untersuchungsberichte und Fachliteratur vor allem aus England und den USA gefunden, die sie im Laufe der letzten Tage und Nächte durchgeackert hatte. Erst jetzt, am Freitagnachmittag, war sie in der Lage, den Bericht zu schreiben, den sie am Montag abgeben sollte. Auf der anderen Seite des Tisches bemerkte sie eine gewisse Unruhe.

»Was machst du am Wochenende?«, fragte Jens betont beiläufig, während er sich auf seinem Stuhl zurücklehnte.

»Ich werde wohl arbeiten müssen, wenn ich meinen Bericht für Melby fertigkriegen will«, sagte Katrine, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

»Hm.«

»Und du?«

»Ich habe Bereitschaft, aber ich dachte, wir könnten vielleicht, ich meine, wenn du Lust hast …«

»Schönes Wochenende, wollt ihr nicht auch bald nach Hause?«, ertönte es von der Tür, die plötzlich komplett ausgefüllt wurde. Einer der größten Männer, die Katrine jemals gesehen hatte, Lars Sønderstrøm, lehnte am Rahmen und lächelte ihnen gutmütig zu. »Ich mache jetzt jedenfalls bis Sonntag frei«, fuhr er fort. »Dann muss ich wieder hier antreten, aber okay, ich habe ja gerade erst 57 Überstunden abgefeiert.«

Jens sah Lars verärgert an. Katrine wunderte sich den Bruchteil einer Sekunde, dann hatte sie verstanden. Hatte er sie wirklich fragen wollen, ob sie sich sehen sollten?, dachte sie und spürte einen Anflug von Panik.

»Stimmt, höchste Zeit, Feierabend zu machen«, beeilte sie sich zu sagen und stand auf.

»Übrigens, schön, dass du wieder hier bist«, sagte Lars Sønderstrøm, trat einen Schritt vor und reichte ihr die Hand. Katrines Hand verschwand vollständig in seiner Bärenpranke.

»Danke«, sagte Katrine.

»Es ist schon eine Leistung, nach alldem, was du durchgemacht hast, hierher zurückzukommen«, sagte er, bevor er ihre Hand losließ. »Das hätten nicht alle geschafft.«

»Danke«, sagte sie noch einmal. Ein Augenblick der Stille schob sich zwischen sie. Sie hätte etwas Kluges, Einsichtiges sagen wollen, aber ihr fehlten die Worte. Stattdessen nickte sie nur. Er erwiderte ihr stummes Nicken und zwinkerte ihr zu.

»Tja, dann packe ich mal zusammen«, sagte sie und begann zwei große Plastiktüten mit den ausgedruckten Berichten und Artikeln zu füllen.

»Also, schönes Wochenende dann«, sagte Lars und verschwand.

Sie steckte ihren Laptop in die Tasche, hängte sie sich über die Schulter und stand beladen wie ein Packesel da, als Jens aufstand.

»Ich dachte mir … Also, ein Freund von mir hat ein kleines Speedboat, das ich mir manchmal ausleihe. Es ist ziemlich cool, sich Kopenhagen vom Wasser aus anzusehen. Wenn du also Lust hättest, könnten wir am Wochenende ein bisschen Boot fahren?«

Jens Høgh ist ein Romantiker, dachte sie, im Grunde nicht sehr überrascht. Eigentlich hätte sie gern ja gesagt, aber das Ganze war so schon kompliziert genug.

»Klingt sehr verlockend«, sagte sie und schnappte sich die Tüten. »Aber ich schaffe das nicht, wenn ich Melby am Montag was Anständiges abgeben will.«

Die Enttäuschung war ihm anzusehen. »Kein Problem«, sagte er schnell. »Dann sehen wir uns Montag.«

Sie nickte und ging.

*

Die kleinen Rippen auf der Wasseroberfläche rollten mit einem leisen Glucksen auf den Strand und wurden zu einem Rieseln, als das Wasser wieder zurücklief und Sand und kleine Kiesel mit sich zog. Der Strand war in dieser Mainacht wunderbar einsam. Am Himmel war keine Wolke mehr, nachdem es am Abend aufgeklart hatte, und der Mond spiegelte sich wie ein leuchtender Streifen Silber auf dem Wasser. Katrine ging gerne im Dunkeln ans Wasser, wenn sie dort allein war, schlafen konnte sie ohnehin nicht.

An dem ganz besonderen Platz blieb sie eine Weile stehen. Hier hatte sie vor ein paar Monaten das Leben verloren und wiedergewonnen. Sie hatte nicht einfach nur in Lebensgefahr geschwebt. Sie war tot gewesen. Ertrunken.

Und Jens hatte ihr das Leben gerettet. Er hatte sie hier an diesem Strand gefunden und sie im letztmöglichen Augenblick wiederbelebt, ihr Brustbein wieder und wieder nach unten gedrückt und ihr Herz so noch einmal zum Schlagen gebracht. Anschließend hatte sie schreckliche Schmerzen gehabt. Jens hatte ihr drei Rippen gebrochen, was sie ihm aber nie erzählt hatte.

Nach einigen Tagen im Krankenhaus und einem kurzen Ferienaufenthalt in Ägypten wollte sie eigentlich wieder mit ihrer Arbeit anfangen. Sie war davon ausgegangen, dass sie drüber weg war, ja dass dieses heftige Erlebnis, das aus rein fachlicher Sicht für eine Psychologin natürlich nicht uninteressant war, sie klüger gemacht hatte. Was für abwegige Gedanken. Hatte sie wirklich geglaubt, mehr oder minder weitermachen zu können wie zuvor? Offensichtlich war es doch etwas komplizierter, von den Toten aufzuerstehen.

Noch immer hatte sie mitunter Flashbacks. Erinnerungsfetzen an die Verzweiflung, keine Luft mehr zu kriegen, an die Krämpfe in ihrem Bauch, die endlos langen Sekunden in dem eiskalten Wasser, bevor der Atemreflex sie zwang, nach Luft zu schnappen und Wasser zu atmen, bis ihre Lungen voll waren. Und an die Schmerzen, die sie in diesen nicht enden wollenden Sekunden verspürt hatte, bis alles dunkel geworden war.

Flashbacks waren ganz normal und gesund. Das wusste sie. Als Teil der Aufarbeitung der schrecklichen Dinge, die sie erlebt hatte, wollte ihr Gehirn wieder und wieder all die Empfindungen durchspielen, bis die Geschichte verarbeitet war und alles seine eigene Ordnung gefunden hatte. Das alles wusste sie. Wenn die Geschichte in ihrem Inneren bis zu Ende erzählt war, würde der konstante Strom der Eindrücke wieder abnehmen. Aber sie würde auch Phasen erleben, in denen tiefgreifende, existentielle Fragen über Leben und Tod auftauchten, sagte David, ihr wohlmeinender Krisenpsychologe. Und ja, auch diese Phasen hatte sie erlebt. Mit ihm zu reden war, wie ein Buch über Krisenpsychologie durchzuarbeiten. Bislang hatte David es noch nicht geschafft, ihr irgendetwas zu sagen, dass sie nicht schon wusste. Sie hatte sich vorgenommen, die Therapie abzubrechen, da sie zu nichts führte. In der nächsten Woche hatte sie wieder einen Termin, da wollte sie es ihm sagen, damit sie zu einem Schluss kämen.

Sie kämpfte mit Schlafproblemen und konnte sich zwischendurch nicht richtig konzentrieren. Aber – mein Gott – es gab doch wohl bei jedem Menschen Phasen im Leben, in denen er nicht so gut schlief. Sie sah die Ursache für diese Probleme eher in ihrer nicht ganz unkomplizierten Arbeitssituation. Dass sie durch den Schlafmangel nicht so ausgeglichen wie sonst war und schnell die Fassung verlor, war deutlich unangenehmer.

Katrine ging zurück zum Haus, stieg die Holztreppe zum Gartentor hoch und durchquerte den Garten. Das kleine schwarze Sommerhaus mit den weißen Fenstern und Türen, das inmitten des Wildrosendickichts lag, hatte sie von ihrer Mutter geerbt, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, als Katrine neunzehn war. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits ein Jahr studiert. Ein paar Monate nach dem Tod der Mutter hatte ihr Vater, der Engländer war, vorgeschlagen, zurück nach England zu ziehen. Katrine hatte nicht gezögert. Sie war mit ihm gegangen, hatte dort ihr Studium fortgesetzt und dann zu arbeiten begonnen – bis letzten Herbst.

Sie war schon fast beim Haus, als ihr Handy klingelte. Sie warf einen Blick auf das Display. Jens? Nachts um halb zwei?

»Entschuldige, dass ich dich mitten in der Nacht störe. Habe ich dich geweckt?«

»Nein, hast du nicht.«

»Ich bin auf dem Weg zu einem ausgebrannten Auto unter dem Bispeengbogen«, sagte er. »Die Wache aus Bellahøj ist gerufen worden, aber als der Brand gelöscht war, haben sie bemerkt, dass jemand auf dem Beifahrersitz saß.«

»Und das war kein Verkehrsunfall?«

»Das Auto parkte ordnungsgemäß unter der Überführung, also nein, es sieht nicht nach einem Verkehrsunfall aus. Möglicherweise hat es was mit Bandenkriminalität zu tun, so dass bis auf weiteres sowohl das Morddezernat als auch unsere Taskforce gefordert ist. Und … ja – es wäre nicht schlecht, wenn wir wüssten, was du davon hältst. Es klingt nach einem etwas speziellen Fall.«

»Ich komme«, sagte sie.

*

Das letzte Mal. Es war das letzte Mal.

Wenn das überstanden war, würde ich endlich frei sein.

Alles lag vor mir. Wer bezahlen sollte, hatte bezahlt. Zu guter Letzt würde ich doch noch den Sieg davontragen.

Es gab eine Zeit, in der es nicht danach aussah, dass ich Erfolg haben sollte – da war ich dicht dran, mein eigener Untergang zu werden.

*

Eine knappe Stunde später bog Katrine Wraa in die Ågade in Kopenhagen ein und sah sofort das Chaos vor sich. Unter dem Bispeengbogen, der Autobahnbrücke, über die jeden Tag Tausende von Menschen nach Kopenhagen pendelten, blinkten die unterschiedlichsten Blaulichter. Polizisten rannten hin und her, und hinter den Absperrungen drängelten sich die Schaulustigen.

Sie parkte weit von der ersten Absperrung entfernt, sah sich um und ging langsam auf den Ort des allgemeinen Interesses zu. Hinter den Fenstern auf der anderen Straßenseite standen Anwohner, sie hatten freien Blick auf den ruhigeren Bereich des Parkplatzes. Dann sah sie das ausgebrannte Auto. Es stand in einer Ecke des Parkplatzes, die aus den Wohnungen vermutlich nicht einzusehen war. Unter den weißgekleideten Gestalten, die den Wagen umschwirrten, erkannte sie Jens und trat hinter die Absperrung. Als er sie erblickte, ging er ihr entgegen.

»Was wissen wir?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Nicht sehr viel.«

»Mann oder Frau?«

»Anne Mi meint, es ist eine Frau. Wegen der Größe. Ich glaube, sie hat recht. Hier«, sagte er und reichte ihr einen Schutzanzug. »Komm mit.«

Sie streifte sich den Overall und die Schuhüberzüge über, legte den Mundschutz an und folgte ihm zum Auto, wo sie die Kriminaltechniker und die Rechtsmedizinerin Anne Mi Kjær begrüßte, die sie schon von ihrem ersten Fall bei der Kopenhagener Polizei her kannte.

»Schön, dass du wieder da bist«, sagte Anne Mi. »Bist du okay?«

»Ja, danke.« Katrine nickte.

Sie legte die Nasenklammer an und folgte ihr, durch den Mund atmend, zum Auto. Der Gestank nach Benzin und verbranntem Fleisch war überwältigend.

Ein schrecklicher Anblick bot sich ihr. Auf dem Beifahrersitz saß ein bis zur Unkenntlichkeit verbrannter menschlicher Körper. Die Leiche war in der charakteristischen Fechterstellung verkrampft, mit angezogenen Beinen und leicht angewinkelten, abstehenden Armen, als wäre die Person in dem Versuch erstarrt, sich noch einmal wie ein Embryo zusammenzurollen. Durch die extreme Hitze der Flammen zogen sich die großen Oberarm- und Oberschenkelmuskeln zusammen, war Katrine einmal von einem Rechtsmediziner erklärt worden. Wann ist sie gestorben? Und wie?, schoss es ihr durch den Kopf. Hoffentlich war sie bereits tot, als das Auto in Brand geriet.

»Der Notruf ging um 00.25 Uhr ein«, sagte Jens. »Gleich von mehreren Anwohnern.«

»Kannst du schon etwas über die Todesursache sagen?«, fragte Katrine.

Anne Mi schüttelte den Kopf. »Bis jetzt durfte ich noch nicht richtig an die Leiche ran«, antwortete sie. »Aber die Brandexperten sind gleich fertig.«

»Die Techniker haben Benzin unter den Fußmatten im Wagen gefunden«, sagte Jens. »Es deutet also alles daraufhin, dass da Benzin als Brandbeschleuniger benutzt wurde. Ich bezweifle, dass wir einen Führerschein oder irgendetwas anderes finden, das uns hilft, die Tote jetzt und hier zu identifizieren. Die Hitze war wirklich extrem.«

Katrine musterte das Auto. Alles Brennbare im Wageninneren war in den Flammen aufgegangen, nur der verkohlte Stahlrahmen und der tragische Passagier waren übrig.

Jens fuhr fort: »Außerdem sind sich die Brandexperten ziemlich sicher, dass Luft zugeführt wurde – auch das, um den Brand zu beschleunigen. Vermutlich waren ein oder zwei Fenster geöffnet, um das Feuer ordentlich anzufachen.«

»Der wusste also, was er zu tun hatte.«

»Hm«, sagte Jens. »Aber dafür braucht es nicht sonderlich viel Intelligenz.«

»Ist das Auto explodiert?«, fragte sie. Ihr dämmerte, dass dafür eine ganz bestimmte Konstellation vonnöten war.

»Nein«, antwortete Jens. »Dafür braucht es eine exakte Konzentration von fünf Prozent, und die kriegt man nicht so leicht hin. Aber damit hat der Täter dafür gesorgt, keine DNA zu hinterlassen.«

»Gibt es Zeugen, die etwas gesehen haben?«, fragte Katrine.

»Bis jetzt nicht. Ich habe ein paar Leute drangesetzt, die sind gemeinsam mit den Beamten von Bellahøj unterwegs und befragen die Anwohner, deren Fenster zum Parkplatz weisen.«

»Wissen wir etwas über den Wagen?«

»Nein, noch nicht. Die Nummernschilder sind geschmolzen, aber die Techniker können die Fahrgestellnummer feststellen, wenn sie im Innenraum zu arbeiten beginnen. Die steht in der Regel unter dem Teppich vor dem Beifahrersitz.«

Sie blickten beide zu Boden und auf die verkohlten Beine, die in halber Höhe gleichermaßen elegant und grausam in der Luft schwebten.

»Sind Sie wirklich wieder fit genug, um so was wie das hier wegzustecken?«

Katrine erkannte die Stimme und drehte sich um. Torsten Bistrup, einer der Ermittlungsleiter des Morddezernats, stand hinter ihr. Katrine begegnete seinem unergründlichen Blick. »Es geht mir gut«, sagte sie und drehte sich wieder um. Bei diesem Mann musste man vorsichtig sein.

»Verdammt üble Sache, in die Sie sich da verstrickt haben.«

Meisterleistung, dachte sie. Voller Mitgefühl reibt er mir unter die Nase, dass ich selbst schuld an meiner Misere bin. Katrine hatte ihn gleich bei ihrer ersten Begegnung im Januar durchschaut. Hinter der brüsken Fassade und den perfiden Bemerkungen versteckte sich ein verbitterter Mittfünfziger, der das Gefühl hatte, das Leben und der berufliche Erfolg seien auf ungerechteste Art an ihm vorbeigezogen. Man sollte ihn behandeln wie ein ungezogenes Kind. Entschieden und ohne jede Toleranz. Sollte. Aber so etwas erforderte Selbstbewusstsein und Sicherheit in einem Maße, wie sie es noch nicht hatte. Zum Henker mit dir, dachte sie, sagte aber nur: »Ich habe einen Mordfall aufgeklärt, über den Rest will ich nicht reden.«

»Na, na«, sagte Bistrup und sah sich um Unterstützung gegen die mürrische Psychologin heischend um. Als ihm das nicht gelang, weil alle mit etwas anderem beschäftigt waren, fuhr er fort: »Und, kriegen wir ein Täterprofil von Ihnen, wenn Sie schon mal hier sind? Warten Sie, ich habe eine Ahnung: Der, der das hier getan hat, könnte gut einen Psychologen gebrauchen?« Er lachte laut.

»Das könnten viele Menschen«, sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. »Zum Beispiel Leute, die ihre Kollegen schikanieren.«

Im Gegensatz zu ihm hatte sie jetzt die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden.

Bistrup hob abwehrend die Hände, als wäre er das unschuldige Opfer einer verbalen Attacke. Verdammt, dachte Katrine.

»Ich würde sagen, das reicht«, sagte Jens und sah Torsten Bistrup wütend an.

»Du kannst dann loslegen«, sagte einer der Techniker in diesem Moment zu Anne Mi, die umgehend ihre Tasche holte und sich an die Arbeit machte.

Katrine ging so dicht wie nur möglich an das Auto heran, ohne zu stören, und beobachtete, wie Anne Mi ihre ersten Eindrücke diktierte und eine Reihe von Fotos schoss, bevor sie irgendetwas anfasste. Katrine ging auf die andere Seite des Autos, so weit von Bistrup weg wie möglich. »Jens meint, du glaubst, dass es eine Frau ist?«, fragte sie Anne Mi.

Anne Mi nickte, steckte den Kopf ins Auto und sah sich an, was einmal ein Gesicht gewesen war. Dann leuchtete sie den Körper mit einer Taschenlampe ab.

»Statur und Hüfte deuten daraufhin.«

»Kannst du sehen, ob sie schon tot war, als das Feuer ausbrach?«, fragte Katrine.

»Das ist mit bloßem Auge nur sehr schwer zu erkennen. Ich muss eine CT machen und Proben nehmen, um zu überprüfen, ob Kohlenmonoxid im Blut ist. Aber ich will mal gerade etwas ausprobieren …«

Sie holte ein langes Wattestäbchen aus ihrer Tasche, das sie vorsichtig in den Hals des Opfers führte. Sie stand unbequem verdreht unter der offenen Tür des Autos und konnte kaum richtig sehen, was sie tat. Sie musterte das Wattestäbchen genau, bevor sie Katrine mit schmalen Augen ansah. »Mit größter Wahrscheinlichkeit war sie noch nicht tot, als das Auto angesteckt wurde. In ihren Atemwegen ist Ruß. Der kommt da nur hin, wenn das Opfer während des Feuers geatmet hat.«

Katrine starrte stumm auf den toten Körper. Eine Frau. Lebendig verbrannt. Sie konnte sich keinen grausameren, schmerzhafteren Tod vorstellen.

»Aber warum hat sie die Autotür nicht aufgemacht?«, fragte Katrine. »Wenn sie gelebt hat, warum ist sie dann nicht geflohen?«

»Vielleicht war sie bewusstlos. Sie kann auch gefesselt gewesen sein, das kann ich jetzt nicht mehr erkennen«, sagte Anne Mi. »Vielleicht hat sie den Türgriff auch umklammert, aber die Kontraktionen der Muskeln nach Eintritt des Todes waren so stark, dass sie den Arm weggezogen haben. Möglich, dass sie so in Panik war, dass sie den Sicherheitsgurt nicht aufbekommen hat«, sagte Anne Mi und zeigte auf die Schnalle des Gurts, die noch im Schloss steckte. Der Gurt war verbrannt.

»Wie lange hat das gedauert …?«, fragte Katrine.

»Bei der angenommenen Heftigkeit des Feuers …« Anne Mi musterte das Auto und die Leiche, bevor sie weiterredete. »Vielleicht dreißig Sekunden, höchstens eine Minute.«

Eine Minute in der Hölle, dachte Katrine finster.

*

Katrine lief herum, machte Fotos vom Tatort und versuchte dabei, die Situation sowohl aus den Augen des Opfers als auch des Täters zu sehen. Ihr eigener Blick richtete sich dabei immer wieder in einer Mischung aus Grauen und Verwunderung auf den verbrannten Körper im Auto.

Wer bist du?, dachte sie. Und wer hat dir dieses Schicksal beschert? Wer hatte diese wahnsinnige Idee? Sie konnte sich an keinen Fall erinnern, der diesem Szenario auch nur nahekam.

Als sie an die hundert Fotos gemacht hatte, ging sie zu Jens, der zehn Meter entfernt bei Bistrup stand und den möglichen Tathergang diskutierte.

»Ausgehend von dem Wagen, könnte das ein Fall für euch sein«, sagte Bistrup kurz angebunden.

»Darum sind wir ja hier«, sagte Jens. »Aber lass uns erst einmal herausfinden, wer die Tote ist. Und wir sollten das Naheliegende nicht ausschließen, also Selbstmord, eine Eifersuchtstat, Rache oder irgendeine psychische Krankheit …«

»Selbstmord …?«, platzte Bistrup heraus. »Nein, also, da müsste man schon total verrückt sein!«

»Mag sein«, sagte Jens. »Andererseits sieht das hier aber ganz und gar nicht nach einem typischen Bandenkonflikt aus. Die abgefackelten Autos, mit denen wir in dem Zusammenhang zu tun hatten, waren alle gestohlen und in irgendwelche Schießereien verwickelt. Die sind angezündet worden, um mögliche DNA-Spuren zu beseitigen. Da saßen nie tote Frauen drin. Außerdem gibt es keinerlei Hinweise, dass heute Abend irgendwo etwas los war.«

»Die Fälle, die mir dazu ganz spontan in den Sinn kommen, sind allesamt Sexualverbrechen, bei denen der Täter sein Opfer nach dem Übergriff getötet und dann die Leiche und die nähere Umgebung in Brand gesteckt hat, um seine Spuren zu beseitigen«, sagte Katrine.

»Das muss ich gleich notieren!«, sagte Bistrup gehässig.

»Tu mir den Gefallen und reiß dich zusammen, Torsten!«, sagte Jens, der jegliche Geduld mit seinem infantilen Kollegen verloren hatte.

»Hat das Auto eine Wegfahrsperre?«, fragte Katrine und ignorierte Torsten Bistrups verwunderten Blick, dass sie sich mit solchen technischen Details auskannte.

»Ja, es ist ziemlich neu, sollte also eine haben«, antwortete Jens.

»Und wie klaut man so ein Auto?«

»Das ist ein bisschen umständlicher als bei älteren Wagen. Man braucht dazu einen Computer, die richtige Software und einen unbespielten elektronischen Schlüssel.«

»Wenn das Auto gestohlen ist, können wir daraus also schließen, dass der Täter in diesem Bereich über gewisse Kompetenzen verfügt?«

»Ganz sicher«, stimmte Jens zu.

Sie sahen sich den Leichnam einen Moment lang schweigend an. Bistrup ließ sie allein.

»Wir sollten im Auge behalten, dass es eine Frau ist«, sagte Jens. »Frauen sind nur selten in Bandenkriege verwickelt. Warum befand sie sich also in diesem Auto?«

»Und wenn es darum ging, ein Attentat zu begehen, was kann geschehen sein?«, fragte Katrine.

»Vielleicht sollte sie den Tätern das potentielle Opfer bloß zeigen?«, schlug Jens vor.

»Oder sie hat das Attentat zu verhindern versucht. Dann sehen wir hier das Ergebnis von etwas, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist.«

»Oder könnte es ein Statement sein? Eine Warnung für irgendjemanden?«

»Und für wen?«, fragte Katrine.

»Derjenige müsste jedenfalls wissen, dass er gemeint ist«, antwortete Jens. »Das würde dann aber auch bedeuten, dass außer dem Täter noch jemand von dieser Tat weiß.«

»Es sei denn, der Täter hätte es darauf abgesehen, dass wir genau diese Assoziationen haben«, schlug Katrine vor. »Dass wir exakt diese Gedanken wälzen und uns damit in die Irre führen lassen.«

»Absolut eine Möglichkeit«, sagte Jens. »Dann wäre es allerdings wirklich gut geplant und nicht bloß eine schiefgelaufene Operation, bei der eins zum anderen geführt hat.«

»Entscheidend ist auf jeden Fall die Frage, ob es primär dieses Opfer treffen sollte oder ob eigentlich jemand anderem die Ehre zuteilwerden sollte«, sagte Katrine.

Sie sahen sich noch einmal die Leiche im Wagen an. Torsten Bistrup schlenderte auf sie zu.

»Aber warum in einem Auto? Und warum mit Feuer?«, fragte Jens. »Was ist das für ein Mensch, der so etwas tut?«

»Die Distanz ist bei einem solchen Mord viel größer als zum Beispiel bei einem Kontaktmord, also wenn man mit einem Messer zusticht oder jemanden mit bloßen Händen erdrosselt. Er hat eine Situation geschaffen, in der er aus einer gewissen Entfernung operieren kann, gleichzeitig muss er sich darüber bewusst gewesen sein, wie grausam und schmerzhaft ein solcher Tod ist. Wenn es denn tatsächlich geplant war, dass sie in den Flammen umkommt. Vielleicht dachte er ja, sie sei bereits tot – wir wissen schließlich nicht, was er ihr vorher angetan hat. In dem Fall wäre es nur darum gegangen, mögliche Spuren zu beseitigen. Das ist für die Motivation seines Vorgehens natürlich von entscheidender Bedeutung.« Sie warf einen Blick auf das Auto und sah dann zu Jens. »Er kann alles Mögliche sein, ein Mensch mit stark eingeschränkter sozialer Kompetenz, gefühlsmäßig extrem instabil, mit ernsten Problemen und Wutanfällen, bis hin zu einem eiskalten, durchorganisierten Planer. Er hat den Mord mitten in der Stadt verübt und ist damit ein hohes Risiko eingegangen. Auch die Methode rangiert ganz oben auf dem Risikobarometer. Feuer zieht immer Aufmerksamkeit auf sich. Aber ich muss natürlich erst ein bisschen mehr wissen, bevor ich konkreter werden kann. Wer ist sie? Aus welchem Milieu stammt sie? Wessen Auto ist das?«

»Genau! Wenn wir das wissen, führt es uns zu ihm«, sagte Bistrup und ging zu einem der Techniker. »Jungs, habt ihr bald die Fahrgestellnummer? Wir brauchen etwas Konkretes«, sagte er, trat vor die Absperrung und zündete sich eine Zigarette an.

Katrine und Jens sahen ihm nach.

»Hat ihn gerade seine Frau verlassen?«, fragte Katrine.

»Nein, nicht dass ich wüsste«, antwortete Jens. »Obwohl man das wirklich verstehen könnte.«

»Aber echt«, fuhr Katrine fort. »Wenn ich zu diesem Fall etwas Substantielles beitragen soll, brauche ich viel mehr Zeit, als Melby mir zugestanden hat.«

»Verdammt«, sagte Jens.

*

»So.« Ein Kriminaltechniker reichte Jens Høgh ein Blatt Papier mit der Fahrgestellnummer des Wagens. Er hatte sich bis zu der Stelle vorgegraben, an der die Nummer in die Karosserie des Wagens geprägt war, wobei er den schwebenden Frauenbeinen beunruhigend nahe gekommen war.

»Gut«, sagte Jens, nahm den Zettel und ging zu einem der Beamten von der Wache Bellahøj. »Dann wollen wir mal herausfinden, wo der Wagen herkommt.«

Der Beamte tippte die Fahrgestellnummer in die Suchmaschine des Straßenverkehrsamts ein.

»Asger Dahl, Weyesgade in Østerbro.«

»Sieh an«, sagte Jens. »Gibt es einen Eintrag zu diesem Wagen? Ist er als gestohlen gemeldet worden?«

»Laut Register nicht.«

»Hm.« Jens sah zu Katrine hinüber. »Dann reden wir doch mal mit ihm.«

»Ich fahre nach Hause«, sagte Torsten Bistrup zu ihrer Erleichterung. »Wir sehen uns morgen bei der Obduktion.«

Er duckte sich unter dem Absperrband hindurch und ging zu seinem Wagen. Verflucht! Warum musste er jetzt wieder mit diesem notgeilen Jens Høgh zusammenarbeiten, der von Psychologensex träumte, den er von dieser besserwisserischen Schachtel nie bekommen würde. Torstens einzige Hoffnung bestand darin, dass dieser Fall ganz ihnen zugeteilt wurde, so dass er bis auf weiteres nichts mehr mit ihnen zu tun haben würde. Was bitte hatte eine Psychologin in einer Mordermittlung verloren? Es sagte einiges über Per Kragh aus, dass er solche Leute einstellte. Was würde als Nächstes kommen? Eine Schar Hellseherinnen, die sie anrufen konnten? Torsten blickte auf 30 Jahre Berufserfahrung zurück, und dann wollte ihm so eine Unitusse sagen, wie er seine Arbeit machen sollte?

Er hatte schon letzte Woche in der Kantine mit Bent Melby darüber diskutiert. Melby hatte deutlich durchblicken lassen, wie unzufrieden er damit war, dass man sie seiner Abteilung aufgedrückt hatte. Er hatte große Skrupel, sie überhaupt an den Ermittlungen teilhaben zu lassen, andererseits musste er sie irgendwie beschäftigen.

Torsten hatte ihn darauf hingewiesen, dass sie ohne Polizeiausweis und Waffenberechtigung keine anständige Polizeiarbeit leisten konnte. Melby schien dankbar für seinen Hinweis gewesen zu sein.

Torsten seufzte. Immer wurden die Falschen befördert, das hatte er jetzt schon zum x-ten Mal erlebt. Nein wirklich, er hätte Kraghs Stelle haben sollen. Schließlich besaß er alle Qualifikationen. Und er konnte gute Reden halten, zu jeder Gelegenheit. Mitreißend und inspirierend. Auch bei traurigen Anlässen. Beerdigungen, zum Beispiel. Für diese Ansprachen hatte er sogar ein ganz spezielles Feeling. Lange, rührende Reden. Doch, das konnte er. Seine Frau bekam schon feuchte Augen, wenn er nur ans Glas schlug.

Er war wirklich inspiriert an diesem Abend: »Katrine Wraa war nur eine kurze Zeit bei der Kopenhagener Polizei vergönnt, bevor sie im Dienst zu Tode kam. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort und landete mitten in einem Schusswechsel zweier rivalisierender Banden.«

*

Jens Høgh und Katrine Wraa parkten beide in der Weyesgade in Østerbro. Sie waren mit zwei Wagen gefahren, damit sie nach dem Gespräch mit Asger Dahl direkt jeder zu sich nach Hause fahren konnten. Wenn der Besuch keine neuen Gesichtspunkte brachte, würden sie im Laufe der Nacht kaum noch etwas tun können.

Asger Dahl wohnte in einem älteren, dreistöckigen Baugenossenschaftshaus. Eine frühaufgeblühte Glyzinie kletterte an der Hauswand empor und verdeckte mit ihren Blüten das Mauerwerk. An der Tür stand Familie Dahl. Jens klingelte. Kurz darauf waren drinnen Schritte zu hören. Ein verschlafen aussehender Mann in hellgrauem Pyjama öffnete die Tür. Seine Haare waren zerzaust, und er kniff die Augen leicht zusammen, als würde er sonst eine Brille oder Kontaktlinsen tragen.

»Ja?«, fragte er und sah sie verwundert an.

»Polizei Kopenhagen«, sagte Jens.

Der Mann in der Tür schien schlagartig wach zu werden.

»Mein Name ist Jens Høgh, und das ist Katrine Wraa. Asger Dahl?«

»Ja, aber was …?« Er schüttelte den Kopf.

»Dürfen wir einen Augenblick hereinkommen?«, fragte Jens.

»Selbstverständlich.« Asger Dahl öffnete die Tür und führte sie in eine gemütliche Wohnküche. Die geräumige Wohnung deutete darauf hin, dass ihre Bewohner keine Geldsorgen hatten. Eine Frau in einem weißgrauen Morgenmantel gesellte sich zu ihnen. Sie hatte schulterlange, dunkle Haare. Beide waren schlank und etwa Anfang vierzig.

»Kirsten Dahl«, stellte sie sich vor und reichte ihnen beiden die Hand. »Um was geht es denn?«

»Hm …«, sagte Asger Dahl, der in der Zwischenzeit auf den Grund ihres Kommens gekommen war. »Geht es um das Auto?«

»Was ist denn mit dem Auto?«, fragte Kirsten Dahl ihren Mann.

»Das ist heute Abend gestohlen worden, auf dem H. C. Ørsteds Vej. Dort arbeite ich«, erklärte er Jens und Katrine.

»Gestohlen?«, wiederholte Kirsten verwundert.

»Ja, aber es war schon so spät, ich wollte nur noch nach Hause und dachte, ich könnte den Diebstahl dann morgen früh melden. Außerdem wollte ich dich nicht wecken«, sagte er zu seiner Frau. »Haben Sie den Wagen schon gefunden?«

»Ja«, sagte Jens. »Er ist gefunden worden. Ein schwarzer Citroën mit dieser Nummer?« Er hielt Jens einen Zettel hin. Asger Dahl nickte und sagte anerkennend: »Das nenn ich effektiv. Ich habe den Diebstahl ja noch nicht einmal gemeldet.«

»Ja«, sagte Jens. »Aber der Fund hat einen speziellen Grund.«

»Welchen?«

»Das Auto ist ausgebrannt unter dem Bispeengbogen gefunden worden.«

»Oh, Mist!«, platzte Dahl verärgert heraus. »Diese Scheißkerle!«

»Leider ist das noch nicht alles«, sagte Jens. »Wir haben die Leiche einer Frau im Wagen gefunden.«

»Was?«, rief das Paar simultan und riss die Augen auf.

»Was haben Sie? Aber …« Asger Dahl schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich kann ja verstehen, wenn irgendwelche Idioten den abgefackelt haben, aber … was sagen Sie da? Eine Leiche? Das ist doch vollkommen absurd!«

Kirsten Dahl hielt noch immer die Hand vor den geöffneten Mund.

»Wo hat der Wagen gestanden, sagen Sie?«, fragte Jens.

»Also, der Wagen …« Dahl zögerte einen Augenblick. »Der stand in Frederiksberg, wo ich arbeite. Ich bin Geschäftsführer der Kinderschutzorganisation Børns Ret, unser Sekretariat ist im H. C. Ørsteds Vej. Sie müssen schon entschuldigen, aber das ist wirklich ein Riesenschock für mich.«

»Das verstehen wir gut«, sagte Jens. »Und Sie haben gearbeitet, an einem Freitagabend?«

»Ja, in der nächsten Woche ist eine wichtige Vorstandssitzung, weshalb ich die letzten Tage zu diversen Meetings und Vorträgen im ganzen Land unterwegs war. Ich musste noch ein paar Stunden investieren, um mich vorzubereiten und reinen Tisch zu machen, damit ich das Wochenende mit gutem Gewissen freimachen kann. So funktioniert das für mich am besten.« Kirsten Dahl nickte zustimmend. Anscheinend war diese Vorgehensweise für ihren Mann nicht ungewöhnlich.

»Und als Sie nach unten auf die Straße kamen, war Ihr Auto weg?«

»Ja, wie vom Erdboden verschluckt. Ich bin die ganze Straße auf und ab gelaufen, weil ich mir plötzlich nicht mehr sicher war, wo ich geparkt hatte. Ich war ziemlich müde, weil ich den ganzen Tag über in Slagelse auf einem Seminar gewesen war, aber das Auto war definitiv weg.«

Dahl wirkt in Anbetracht der Situation auffallend gelassen, dachte Katrine.

»Hm«, Jens nickte. »Und um wie viel Uhr war das?«

»Das war gegen …«, Asger Dahl dachte nach, »… kurz nach elf, vielleicht halb zwölf. Ich weiß es nicht genau, ich wollte einfach nur heim.«

»Und wie sind Sie dann nach Hause gekommen?«

»Zu Fuß.«

»Ich dachte, Sie wären müde gewesen? Das ist doch eine ziemliche Strecke.«

»Die frische Luft tat mir ganz gut. Das war eine stressige Woche für mich.«

»Wann waren Sie zu Hause?«

»Das muss so um halb eins gewesen sein. Vielleicht später.«

»Und was haben Sie dann gemacht?«

»Ich bin geradewegs ins Bett gegangen. Kirsten schlief schon.« Kirsten Dahl nickte wieder.

»Ich habe dich gar nicht nach Hause kommen hören«, fügte sie hinzu.

»Wie viele Schlüssel haben Sie für den Wagen?«, fragte Jens.

»Zwei«, antwortete Asger Dahl. »Wir haben jeder einen.«

»Okay, die würde ich gerne mitnehmen. Ich glaube, dann wären wir fürs Erste fertig«, sagte Jens und machte Anstalten aufzustehen.

»Kann ich Sie morgen erreichen?«, fragte Asger Dahl. »Ich meine … Die Situation ist ja etwas prekär, wenn man meine Position berücksichtigt. Ich bin ja eine öffentliche Person, weshalb es mir sehr recht wäre, wenn …«

»Ja, und erst recht unsere Töchter, wir müssen ihnen das ja erklären«, sagte Kirsten. »Das wird schrecklich werden, Asger.« Sie sah ihren Mann an. »Silje wird das nicht verkraften.«

»Wir haben zwei Mädchen, Silje und Thea, dreizehn und fünfzehn Jahre alt«, sagte Asger Dahl erklärend zu Katrine. »Silje ist sehr sensibel.«

»Wir nehmen morgen ganz sicher mit Ihnen Kontakt auf«, sagte Jens zu Asger. »Außerdem kriegen Sie die hier.« Er reichte ihm seine Visitenkarte.

»Wer ist die Tote?«, fragte Kirsten Dahl.

»Wir haben die Leiche noch nicht identifiziert, wir hoffen aber, dass wir ihre Identität bis morgen kennen. Gut, dann will ich sie nicht länger stören«, sagte Jens und stand auf.

Katrine und Jens wurden nach draußen begleitet. Sie verabschiedeten sich, und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Gleich darauf war von drinnen das Schluchzen einer Frau zu hören.

»Seine Erklärung scheint auf den ersten Eindruck ja ganz plausibel«, sagte Jens.

»Hm«, erwiderte Katrine. »Wäre trotzdem interessant zu wissen, ob es da eine Verbindung gibt. Ich meine, ob diese Frau und er sich kennen.«

»Das wird sich zeigen«, sagte Jens. »Tja, ich kann dich kaum bitten, morgen zu kommen, wenn wir noch nicht einmal wissen, ob wir für diesen Fall überhaupt zuständig sind.«

»Und wie willst du mich davon abhalten …?«

»Gut, dann kümmern wir uns morgen um ihn«, sagte Jens.

»Das tun wir.«

Beide lächelten müde.