Schritt für Schritt - Herbjørg Wassmo - E-Book

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Herbjørg Wassmo

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Beschreibung

In einer Welt, in der Frauen die Arbeit, aber nicht das Wort haben, wächst ein Mädchen heran. Wird Mutter, noch ehe sie mit der Realschule fertig ist. Geht dennoch aufs Gymnasium in die norwegische Küstenstadt, wo es immer nach Fisch riecht. Liest wie besessen. Trifft die Verfasser der Bücher, die sie am meisten beeindrucken, in ihren Träumen und lernt von ihnen. Die große norwegische Erzählerin und Dichterin Herbjørg Wassmo schildert in diesem neuen Roman ihr Leben nicht als Erinnerung, sondern mit der ihr eigenen unter die Haut gehenden Direktheit. Man wird sofort hineingesogen in die Erfahrungen, Ängste, Zweifel und Träume des Mädchens, dann der sehr jungen Mutter und Lehrerin, die darum ringt, das Richtige zu tun. Immer wieder eckt sie an, gerät in Streit – mit sich selbst, ihrem Pflichtgefühl, ihrer Rolle in der Gesellschaft, dem Mann, den Kollegen. Entdeckt die Kraft der Worte. Findet ihren Standpunkt, ihre Stimme. Mal steuert sie mühsam von Konflikt zu Konflikt, mal setzt sie impulsiv Ereignisse in Gang, die ihre Umgebung glauben lassen, ihr Leben fiele ihr leicht. Sie zaudert, doch sie findet sich nicht ab. Ihre Kämpfe sind mitreißend, ihre Träume skurril und voll metaphorischer Wucht … Ein hypnotischer Roman über das Leben zwischen Nordlicht und Eschenwäldern, über Frauen und Literatur und den Mut zum Widerspruch.

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Herbjørg Wassmo

Schritt für Schritt

Foto: Rolf M. Aagaard

Herbjørg Wassmo, geboren 1942 auf Skogsøya (Vesterålen, Norwegen), war zunächst Lehrerin und schrieb nur als Freizeitbeschäftigung. 1976 brachte sie ihren ersten Lyrikband heraus. 1981 erschien ihr Romandebüt Huset med den blinde glassveranda (Deutschenkind), Band eins der beeindruckenden Tora-Trilogie, für die sie 1987 die höchste Auszeichnung des Nordischen Rates erhielt. Seitdem widmet sie sich ganz dem Schreiben.

Herbjørg Wassmo gilt als angesehenste und meistgelesene Schriftstellerin Norwegens. Ihre Werke sind in 24 Sprachen übersetzt.

Gabriele Haefs studierte Volkskunde, Sprachwissenschaft, Keltologie und Nordistik und ist als Übersetzerin aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen, Englischen, Niederländischen und Gälischen tätig. Sie engagiert sich unablässig für skandinavische Literatur.

Herbjørg Wassmo

Schritt für Schritt

Deutsch von Gabriele Haefs

Literaturbibliothek

Argument · Ariadne

Für Wenche Marit – meine Schwester

I

Junger Fischer und Abdruck auf Haut

Sie gleitet rückwärts dem entgegen, das sie nicht weiß.

Der Abendnebel steigt aus Moor und Wasser. Wie fremder Atem. Macht alles unwirklich. Legt sich über die Riemen, als sie rudert. Das Knarren der Ruder wird zu fernem Seufzen.

Der Fischer hat ihr das Gesicht zugekehrt und kann die Fahrrinne sehen. Hebt die Hand und zeigt, wohin sie unterwegs sind. Sie korrigiert die Richtung mit leichten Ruderschlägen, sagt aber nichts. Rudern, damit kennt sie sich aus.

Er befestigt Köder an den Haken. Zwei sehnige Finger ziehen zappelnde Würmer aus der Erde in der Blechbüchse. Die Büchse hat Löcher im Deckel, damit die Würmer Luft holen können, bis er sie braucht. Arme Würmer im wahrsten Sinne des Wortes. Er nimmt einen nach dem anderen. An der Schnur hängen viele Haken. Die Würmer krümmen sich standhaft um das Metall.

Dann wirft er die Schnüre über Bord. Das Gewicht zieht sie nach unten. Bis auf den Grund. Er holt zwei Faden ein und ruckt ab und zu daran. Wie zum Zeitvertreib. Während er an etwas anderes denkt. Davon erzählt, was er sieht. Die Berge. Die Seen dahinter. Alles, was zu seinem väterlichen Erbe gehört. Er hat Pläne mit dem Hof. Wenn er erst älter ist und ihn übernehmen kann. Schafe, Tourismus und Forellenfischen. Tankstelle an der Hauptstraße, es wird eine Goldgrube.

Alle brauchen Benzin!, sagt er und lächelt.

Die drei Fische liegen unter einem Sack im Boot, als sie an Land gehen.

Nehmen wir die nicht mit?, fragt sie.

Später, sagt er.

Es wird sich herausstellen, dass das eine Art Eigenschaft ist. Was er tun will, tut er sofort. Alles andere ist für später. Im Moment hat er die Realschule hinter sich gebracht und es sind Sommerferien. Lächelt ein trauriges Lächeln mit geschlossenem Mund und redet leise und eifrig.

Sie müsste zu der Hütte gehen, die ihre Eltern von seinem Vater gemietet haben. Aber das tut sie nicht. Das Gras vor dem Haus ist feucht vom Tau. Sie geht barfuß und spürt, wie das Wasser zwischen ihren Zehen seufzt. Die Haustür jammert. Die Nacht kommt durch die plötzlich vom Sonnenlicht erfüllten offenen Fenster herein. Sie sitzt auf dem Bett und atmet kühle, frisch gehauene Kiefer ein. Und dieses Seltsame der Haut eines anderen. Eine verstaubte Mundharmonika liegt auf dem Nachttisch. Sie sind zu zweit. Nahe. Er nimmt ihren Zopf in die Hand und sieht ihn an. Scheint ihn zu wiegen. Lässt ihn wieder los und lächelt.

Erst ist das Haus ganz still. Sie lauscht auf die Stille. Dann, als ob sie beide darauf gewartet hätten, ertönt von unten der Ruf der lahmen Frau. Beide wissen, dass sie dort ist. Sie ruft nach ihrem Sohn.

Er hat keine Augen. Sie weiß, dass sie blau sind, aber sie sind in seinem Kopf verschwunden. Seine Augenlider zittern im Nachtlicht. Sein Mund ist rosa. Seine Haare sind üppig und er hat tiefe Geheimratsecken. Blond, fast grün sind seine Haare. Jetzt steht er auf und schaltet den Plattenspieler ein. Tangomusik. Eine Männerstimme singt auf Deutsch. Dann geht er hinaus in den Flur und die Treppe hinunter.

Als er zurückkommt, sagt er, seine Mutter wisse, dass sie da ist, aber es mache nichts. Er dreht die Musik lauter. Sie tanzen dicht aneinandergeschmiegt in dem kleinen Zimmer. Seine lahme Mutter tanzt unter den Bodenbrettern mit. Aber sie ruft nicht mehr. Schwingt sich nur immer mit ihnen im Kreis, denn sie können ja nicht anders und müssen sie dazuholen.

Die Frau sitzt auf einem Hocker am Küchentisch, und das Reden fällt ihr schwer. Ihr Gesicht ist ein wenig schief. Dennoch spricht sie.

Sie kann nur bei der Tür stehen bleiben und warten, nachdem sie ihr Begehr vorgetragen hat. Einen Eimer Milch kaufen.

Setz dich, Mädel, sagt die Ältere.

Sie spricht nicht mit dem Akzent der Gegend, sondern mit einem Tonfall, der weiter aus dem Süden stammt. Sie tut wie ihr geheißen. Einsamkeit füllt den Raum wie ein Echo. Zwischen ihnen gibt es eine Neugier. Kleine scharfe Krallen und Wärme. Wie ein Katzenjunges, das auf ihrem Schoß herumkriecht. Sie mag seine Mutter, ohne sie zu kennen. Das Gesicht der Mutter zeigt den Abdruck von Weinen. Aber sie weint nicht. Sie befiehlt, Kaffee aus dem Kessel auf dem Herd einzuschenken.

Nimm dir eine Waffel, sagt sie. Die liegen in der Schüssel auf dem Tisch.

Die Fliegen sind schon dort. Ihre Mutter hätte einen Deckel daraufgelegt. Oder ein Geschirrtuch darüber.

Als sie geht, denkt sie, dass sie noch nie eine solche Begegnung hatte. Dass das hier einzigartig ist. Die Fliegen hat sie fast vergessen.

Sie sitzt am Fenster in der Hütte und glaubt, dass er vorbeikommen wird. Bald. Sie weiß, dass er den alten Weg nimmt, wenn er im Wasserfall angeln will. Aber er kommt nicht. Er hat anderes vor. Sie weiß nicht, ob er wichtig für sie ist. Aber er hat in gewisser Weise auf ihrer Haut einen Abdruck hinterlassen. Einen nagelneuen Augenblick. Sie wusste nicht, dass sie für Haut etwas anderes empfinden kann als Abscheu.

Sie geht jetzt auf die Realschule. Die Weidenröschen am Hang haben sich bis nach ganz oben hochgeblüht. Sie werden in einer Deutschenbaracke unterrichtet und sie kennt fast alle. Sie sitzen eng zusammengedrängt und verbringen die Freizeit miteinander. Jedenfalls die, die nicht mit dem Bus nach Hause fahren müssen.

Er ist derzeit offenbar selten im Ort. Sie sieht ihn zweimal, aber nur aus der Ferne. Und man kann doch nicht hinter jemandem herrufen, dem man nur zweimal begegnet ist. Er ist älter als sie und scheint sich schnell von allem zu entfernen. Die anderen sprechen über ihn, sie beteiligt sich nicht daran. Eigentlich hat sie keine Verwendung für ihn. Wozu sollte das gut sein?

Sie hört, dass es seiner Mutter noch schlechter geht. Ab und zu sieht sie deren Gesicht vor sich und hört sie sagen, sie solle sich eine Waffel nehmen.

Rasch wird es Oktober. Auf einem Fest im Lokal sieht sie ihn tanzen und lachen. Er hat eine Flasche in der Jackentasche. Die Jacke hängt auf der einen Seite schwer nach unten. Er ist ein anderer als im Sommer. Das liegt sicher an Anzug und Schlips. Er steht die ganze Zeit in einem Kreis von Mädchen. Ist offenbar sehr beliebt und sieht sie nicht. Sie fühlt sich in ihrer Schüchternheit wie in einer Schneewehe. Tanzt mit den Jungen aus ihrer Klasse. Die Musik ist weit weg.

Als sie nach Hause geht, spürt sie, wie in ihrer Brust eine riesige Blase wächst. Sie versucht flach zu atmen, damit die Blase nicht birst. Die Blase steigt ihr in den Hals und schmeckt nicht gut.

Der Herbst will sie holen, durch ihre Strickjacke hindurch.

Rock ’n’ Roll

Sie lehnt sich an eine Wand und lässt sich anfassen. Ihre Haut wird unter den Händen eines anderen zur Gänsehaut. Sie bildet winzige muschelartige Hindernisse und will sich schützen. Im Kopf ist ein Radio, das sagt: Hör zu! Spür es! Jetzt ist es so weit. Du sollst spüren, wie es ist. Kümmer dich nicht darum, dass auf dem Dach eine Möwe sitzt. Die klammert sich an den Dachfirst und schreit.

Sie legt den Kopf in den Nacken und schließt die Augen, um für sich zu sein. Nicht der Junge macht ihr Angst, sondern dass sie das Gefühl hat, nicht entkommen zu können. Sie hört ihn reden, begreift aber nicht, was er sagt. Er bemerkt, dass sie nur dasteht. Dann lässt er die Hände sinken.

Ist schon gut, sagt er.

Die Möwe schreit. Sie ist dieselbe wie vorher. Steht nur ruhig da, um für sich selbst wieder deutlich werden zu können. Sonst ist sie für die anderen doch nicht zu sehen.

Die anderen sind die, die lachen. Die in Grüppchen zusammenstehen. Die alles wissen, was sie nicht weiß. Zum Beispiel, warum sich der Junge aus dem Sommer nicht bei ihr meldet. Die vielleicht gesehen haben, dass sie zittert, wenn sie neben dem Tisch stehen und etwas aufsagen muss. Die deutschen Beugungen. Präpositionen. Und an der Tafel die langen Reihen aus ungelösten Gleichungen. Die wissen, dass ihre Haut zur Gänsehaut wird, schweißnass. Um dann einzutrocknen. Nicht gut zu riechen.

Einige sammeln Beweise. Prüfen. Schreiben Zeugnisse. Leumundsatteste. Diskutieren Bewerbungen auf einen Studienplatz. Andere sitzen hinter dem Küchenvorhang und wissen alles über sie, was sie selbst noch nicht durchdenken konnte. Sie sind froh oder wütend, aber niemals leer. Sie haben das Recht zu urteilen. Sogar über das, was sie nicht wissen, aber zu ahnen glauben.

Der Vater ist noch immer auf und sitzt mit seinem Grinsen in der Küche. Sie geht nicht hinein, sondern schließt die Tür, ohne etwas zu sagen und ohne das Butterbrot zu holen, das sie braucht. Sie trinkt einfach nur am Hahn über dem Waschbecken im Badezimmer. Die Tür hat einen soliden Eisenschlüssel, den der Dichter einmal umgedreht hat. Es riecht nach feuchtem Handtuch und altem Dampf. Die rot angestrichene Badewanne mit den Löwenfüßen und dem patinagrünen Kupferkessel sieht fremd aus. Kalte Asche liegt auf dem Brett unter dem Ofen.

Einst saß der Dichter in der Badewanne, denkt sie. Der Dichter hatte auch einen Körper. Das ist ein seltsamer Gedanke. Jetzt gehört das alles der Gemeinde. Und der Dichter ist tot. Er ist nur noch Schande und Verrat am Vaterland. Der Vater bezahlt die Miete, damit sie dort wohnen können. Der Vater ist überall in den Zimmern. Auch nachts.

Der Winter ist nasse kalte Wolle. Und Lachen auf der zweijährigen privaten Realschule. Sie weiß nicht immer, worüber sie lacht. Das macht nichts. Das Wichtigste ist, dass sie lacht.

Sie tanzt Rock ’n’ Roll mit einem, der älter ist als sie und Elektriker werden will. Man kann darüber lachen, was er sagt. Er singt und zitiert Texte von jemandem, den sie nicht gelesen hat.

Sie tanzen in den Jugendheimen überall in den Dörfern. Akkordeon und Gitarre, die versucht, so zu heulen, wie man das im Radio hört. Die Eltern sind nicht da. Sie denkt, dass sie vielleicht früher nie gelacht hat. Aber das kann doch nicht stimmen. Sie versucht sich daran zu erinnern, worüber sie gelacht haben kann, ehe sie angefangen hat, Rock ’n’ Roll zu tanzen. Sie vermisst ihre Vettern und Kusinen in dem Ort, den sie verlassen haben. Kann sich an nichts erinnern, aber sicher war das Lachen bei ihnen.

Ist es normal, sein Leben vergessen zu haben, wenn man fünfzehn ist, überlegt sie und wünscht, die Mutter, die Schwester und sie selbst könnten allein wohnen. Seine Mutter, seine Tante und sein Bruder leben in dem ockergelben Haus. Nicht weit von dem großen weißen, in dem einmal der Dichter gehaust hat. Jetzt mieten ihre Eltern einige Zimmer im ersten Stock.

Der Elektrikerlehrling geht mit ihr auf sein Zimmer, das er bei einer alten Dame gemietet hat. Das ist nicht erlaubt. Sie schleichen sich mit den Schuhen in der Hand die Treppe hoch. Er brät auf einer alten Kochplatte, an der er einen neuen Schalter angebracht hat, Eier mit Speck. Danach lüftet er gründlich aus, damit der Essensgeruch sich nicht festsetzt, denn dann gerät die alte Dame außer sich. Sie ist bestimmt schon über fünfzig.

Sie sitzen im Schneidersitz auf dem Bett und essen, fröstelnd vor dem offenen Fenster mit den Eisblumen zwischen den Sprossen. Die Blumen fangen von innen an zu weinen. Es tröpfelt ein wenig. Der Speck bekommt eine kalte feste Haut. Der Elektrikerlehrling sagt, sie solle schneller essen, ehe das Essen kalt wird. Er lächelt strahlend. Seine Augen leuchten in der Dunkelheit.

Nur die Nachttischlampe brennt. Auf Tisch und Boden liegen Leitungen, Stecker und Werkzeug herum. Alles knackt. Die Treppe, die Tür, der Stuhl, das Bett. Die Wände haben Ohren und Augen. Dennoch sind sie auf die Dauer nicht richtig leise. Er hat keine besonderen Hemmungen. Aus nächster Nähe riecht er nach frischer Seife und Rasierwasser.

Sie darf nicht so heftig und lange tanzen, dass sie fallen könnte. Dennoch tanzt sie. Sie trägt Ballerinaschuhe und einen schwarzen Taftrock mit Stretchgürtel. Hat ihn selbst genäht. Ein einziger großer Kreis mit dem Loch für die Taille in der Mitte. Der Unterrock ist steif, wenn sie ihn flach auf den Boden legt. Der Unterrock ist steif und wippt, wenn sie sich bewegt. Der Rock beschützt sie. Die Welt kann sie nicht erreichen. Sie fühlt sich lebendig und mutig.

Vielleicht ist sie den Ohnmachten fast schon entwachsen?

In blitzschnellen Augenblicken klammert sie sich an die ausgestreckte Elektrikerfaust. Dann lässt sie sie los und hält sich selbst schwebend im Weltraum.

Zu Besuch nach Schweden gehen

Sie fürchtet sich nicht mehr vor dem Vater. Sagt ihm, dass sie alles aufgeschrieben hat, und wenn ihr etwas passiert, dann gibt es einen Menschen, der es finden kann.

Sein Blick irrt umher, dann starrt er sie an und stürzt zur Tür. Der Vater tut das immer, wenn er aus irgendeinem Grund wütend oder verärgert ist. Sie hat sich schon lange überlegt, dass er kein Mensch ist. Sondern nur etwas, das man haben muss. Inzwischen ist ihr klar, dass sie eine Art Oberhand hat. Versucht, nicht zu denken, dass er dahinterkommen kann, dass der »eine Mensch«, der weiß, wo der Beweis versteckt ist, sie selbst ist.

Sie zeigt ihre falsche Macht. Wenn Schwester, Mutter und sie am Küchentisch sitzen und reden, wenn er nach Hause kommt, verstummt sie. Und sie sieht ihn nicht an. Eine zähe Haut legt sich über die Gestalt in der Tür. Undurchdringlicher Schlamm, den man nicht ansehen darf. Wie der vergessene Kessel in der Trankocherei auf der Insel, mit dem stinkenden geronnenen Tran auf dem Boden.

Sie kann die Stimmung im Zimmer ändern durch das, was sie über die Gestalt in der Tür denkt. Mutter und Schwester halten ebenfalls inne und sind still. Als wüssten auch sie. Aber es kann nicht gesagt werden.

Der Vater hat beschlossen, dass sie zu seiner Schwester in Schweden gehen werden. Sie kennt niemanden, der jemals so etwas gemacht hat. Sie stellt sich vor, dass sie wie Schafe in einer kleinen Herde durch das Gebirge streifen werden. Nur dass die Schafe keinen Rucksack tragen müssen und Grashalme ausrupfen, wo es ihnen gerade passt, und sich, wenn es Abend wird, unter einem Felsvorsprung verkriechen und sich dann kauend schlafen legen können.

Mit dem Vater auf Wanderschaft zu gehen ist, wie mit einem Radio unterwegs zu sein, das den Sender nicht klar hereinbekommt. Es sendet die ganze Zeit Befehle, Klagen und sinnlose Geschichten. Und Wutanfälle …

Zuerst fahren sie mit dem Bus zu dem letzten Ort vor der Grenze. Von da aus werden sie mit Rucksack, Schlafsack und Zelt durch die Berge wandern. Der Vater packt Kompass und Karte ein, die Mutter und sie alles andere. Sie hilft der Mutter dabei, Merklisten zu schreiben.

Sie müssen unterwegs mindestens zwei Nächte im Zelt verbringen, sagt er, und sie brauchen Verpflegung für mindestens vier Tage, für den Fall, dass es Nebel oder ein Unwetter gibt und sie irgendwo unterkriechen müssen. Er ist König, während er erklärt und dirigiert. Großmutter, Onkel und Tante schütteln den Kopf. Sie sitzen in ihrem ockergelben Haus und schütteln den Kopf. Aber sie kritisieren den Vater nie, wenn er in Hörweite ist.

Sie weiß nicht, ob es daran liegt, dass ihr vor der Tour graust, aber sie erbricht sich fast jeden Morgen und wird häufiger ohnmächtig als sonst.

Ich will nich mit!, sagt sie eines Morgens zur Mutter.

Unsinn!, antwortet die Mutter, und damit ist der Fall erledigt.

Wenn die kleine Schwester alles gut findet, muss sie das auch. Tatsache ist, dass sie die Berge immer lieber aus der Ferne betrachtet hat. Oder als notwendiges Übel, das man hinter sich bringen muss, um an ein Ziel zu gelangen. So wie Skilaufen. Ihre ganze Kindheit hindurch, als sie auf der Insel wohnen, muss sie im Winter Ski laufen, um irgendwo hinzukommen. In die Schule, zum Klohäuschen, zur Bücherei und in den Laden. Aber sie fühlt sich auf diesen Brettern nicht frei. Ihre Füße werden zu Sklaven und können nicht so tanzen, wie sie das will.

Sie ist am liebsten am Wasser, an den Stränden. Wo sie rennt, sich schwingt, fliegt. Sie macht es ganz von selbst und hat die Kontrolle. Ist so beschaffen, dass sie fällt, wenn sie die Kontrolle verliert.

Es regnet dort, wo sie ihre Bergwanderung beginnen. Die kleinen Blätter der Krüppelbirken glitzern überall. Das Heidekraut ist durchgeweicht. Über den Höhenzügen in der Ferne liegt die Welt in blauen und grauen Schichten. Undurchdringlich und weit weg. Sie werden Gummistiefel tragen und im Rucksack Turnschuhe haben, denn Bergwanderstiefel können sie sich nicht leisten.

Als der Mann, der sie zum Wanderweg führen soll, ihr Schuhwerk sieht, meint er, sie hätten ein Problem. Entweder schweißnass in den Gummistiefeln oder in den Turnschuhen nass vom feuchten Heidekraut. Dünne Schlafsäcke und ein Zelt ohne Boden. Aber es ist schon zu spät. Sie müssen jetzt loswandern, meint der Vater.

Nachdem der Bergführer kehrtgemacht hat, ist die Mutter schuld an ihrer schlechten Ausrüstung. Sie hat auf Raten eine Nähmaschine gekauft und noch keinen roten Öre verdient. Und immer muss er bezahlen, sagt er. Er schimpft beim Aufstieg, solange er Atem hat. Keine antwortet. Er bindet Knoten in die Zipfel eines großen Taschentuchs. Das trägt er auf dem Kopf, wie ein Scheich. Ab und zu nimmt er es herunter und wringt Schweiß und Regen heraus. Nach und nach vergisst er das Schimpfen, aber jetzt redet er von allem möglichen anderen. Von wichtigen und unwichtigen Dingen. Wenn man ihm den Ton abdrehen könnte, hätte man Ruhe und könnte den Duft von Birken und feuchtem Heidekraut in sich aufnehmen, man könnte sich darüber freuen, dass die Wolkenschicht aufreißt und dass der Himmel über den Baumwipfeln ziemlich klar aussieht.

Als die erste Steigung hinter ihnen liegt, versucht er, nett zur Schwester zu sein, und gibt ihr Schokolade. Er reicht auch ihr ein Stück, aber sie nimmt es nicht an. Kann nichts essen, das er angerührt hat. Sie trinken aus einem Bach und ruhen sich ein bisschen aus. Wenn der Vater nicht da wäre und wenn ihr nicht so schlecht wäre, wäre es gar nicht so übel, denkt sie. Aber sie kann ja nichts machen, außer so zu tun, als wäre er gar nicht da.

Abends, als sie das Zelt aufbauen wollen, stellt sich heraus, dass die Hälfte der Heringe fehlt. Nun kann er gar nicht aufhören, die Mutter zu beschimpfen, weil sie nicht nachgesehen hat, ob alle da waren, und sie spürt plötzlich, wie ihr Kopf zerreißt. Ein lautes Gebrüll kommt heraus. Ein Geräusch, das sie noch nie gehört hat

Sie stürzt mit der Zeltstange in beiden Händen auf ihn los. Dann schlägt sie auf seinen Rücken ein, während sie unzusammenhängende Sätze brüllt, die genauso gut Chinesisch sein könnten. Als er sich umdreht, schlägt sie weiter, ohne darauf zu achten, wo sie trifft. Er bleibt stehen und hebt beide Arme vor sein Gesicht. Sie brüllt und brüllt, schlägt und schlägt. Bis sie hinter sich das verängstigte Weinen der Schwester hört.

Die Mutter nimmt ihr die Zeltstange ab und erteilt einen kurzen Befehl:

Sei still!

Die Mutter baut dann schließlich mit den wenigen Heringen das Zelt auf. Sie vertäut es an Gestrüpp und Steinen, wie es gerade kommt. Systematisch und ohne ein Wort zu sagen. Der Vater ist längst schon gegangen. Sein Rücken verschwand hinter einem Felsbrocken.

Sie schämt sich und freut sich zugleich darüber, dass sie ihn vertrieben hat. Die Schwester und sie sammeln Holz für das Feuer und die Mutter bringt es zum Brennen. Während sie darauf warten, dass das Suppenwasser kocht, dreht sich die Mutter um und mustert sie forschend.

Nimm dich in Acht, sonst wirste wie der, sagt sie leise.

Der Vater klebt Pflaster auf die dicken Blasen der Mutter und schimpft ein wenig, weil sie sich nicht früher gemeldet hat. Keine antwortet. Es gibt auch nichts, worauf sie antworten könnten. Hätte er die Blasen verhindern können? Hätte er die Mutter getragen? Hat irgendwer jemals erlebt, dass der Vater die Mutter getragen hätte, um ihr das Leben leichter zu machen? Jetzt will er alles leichter machen, indem er schimpft, weil sie sich Blasen gelaufen hat.

Er zeichnet mit Kopierstift Striche auf die Karte und greift zum Kompass. Er ist der Einzige, der mit dem Kompass umgehen kann. Vermutlich der Einzige auf der ganzen Welt. Trotzdem verirren sie sich.

Irgendwann finden sie den gekennzeichneten Wanderweg wieder und alles beruhigt sich. Oder wird ruhiger. Die kleine Schwester ist eine Heldin. Sie beklagt sich über nichts und lässt ihre Locken in Sonne und Wind tanzen und springen. Aber als sie einen Fluss erreichen, der laut Karte gar nicht da sein dürfte, weigert sie sich, ihn zu überqueren. Sie wagt auch nicht, sich vom Vater hinübertragen zu lassen. Wagt nicht, sich von der Mutter hinübertragen zu lassen. Sie will, dass die beiden Schwestern wieder nach Hause gehen.

Wir können auf dem Ufer hier weiterlaufen und kucken, ob der Fluss irgendwo schmaler wird, versucht sie die Kleine zu überreden.

Und so geschieht es. Die Eltern werden auf dem anderen Ufer warten. Der Vater trägt auch ihren Rucksack hinüber. Dann kämpfen sich die Mädchen eine Böschung am Flussufer hinauf. Der Farn wächst so hoch, dass sie ihre Schwester vor sich nicht sieht.

Sie haben Glück, hinter dem Hügelkamm flacht die Landschaft ab. Der Fluss stammt aus einem See, der über die Ufer getreten ist. Hier oben aber können sie die Stiefel ausziehen und durchwaten, ohne die Gefahr, von der Strömung erfasst zu werden. Sie kommen auf dem richtigen Flussufer wieder nach unten und werden schon erwartet. Sie wischt mit einem Moosbausch die Tragriemen ihres Rucksacks ab. Der Vater hat ihn ja mit seinem Leib berührt.

Er hält eine lange Rede darüber, dass es wichtig ist, nicht aufzugeben, sondern nach Lösungen zu suchen. Es ist wichtig, zusammenzuhalten und nicht den Mut zu verlieren. Wichtig, Rücksicht auf das schwächste Glied zu nehmen und sich nicht die Laune verderben zu lassen, heißt es.

Sie geht hinter einen Felsen und erbricht sich. Die Mutter fragt, ob ihr nicht gut sei, und sie antwortet, sie sei frisch wie ein Fisch. Um das zu beweisen, lacht sie laut. Der Berg äfft sie mit dumpfer Stimme nach.

Es wird sich herausstellen, dass sie fünf Tage brauchen, um die »Kjølen« genannte Bergkette zu durchqueren. Kjølen, also Kiel, ist der passende Name für ein gekentertes Boot. Der Nebel senkt sich über sie, als sie den höchsten Punkt erreicht haben. Der höchste Punkt ist auch der kälteste und feuchteste.

Am letzten Tag haben sie nichts mehr zu essen, nur ein wenig Haferflocken und einige Suppenwürfel. Das Zelt ist nass. Die Schlafsäcke sind nass, obwohl der Vater um den Schlafplatz Sickergruben anlegt, mit einem kleinen Spaten, den er bei der Heimwehr gestohlen hat.

Am fünften Tag brennt die Sonne und der Vater orientiert sich nach Karte und Kompass, er winkt und ruft wie ein Heerführer. Hänge hinab, Anhöhen hinauf. Durch Gestrüpp und Gesträuch durch Heide und Flüsse. Er ist siegessicher und sagt die ganze Zeit, jetzt seien es nur noch dreißig Kilometer oder so.

Sie fühlt sich total erschöpft und denkt, das sei, weil sie ihre Regel haben müsste, die nicht mehr kommt. Die Mutter dagegen blutet heftig. Aus dem Unterleib, aus den Blasen und aus Schrammen an beiden Ellbogen. Die Schwester hat Pflaster auf beiden Knien. Der Vater hat alle Mückenstiche abbekommen. Sein ganzes Gesicht ist geschwollen. Als er klagt, murmelt sie halblaut, das stehe ihm gut. Die Mutter hört sie und wirft ihr einen mahnenden Blick zu.

Die kleine Schwester hat gelernt, dass Quengeln nichts bringt, aber an den feuchtesten und kältesten Stellen macht sie doch einen Versuch. Die Mutter trägt sie einige Schritte, dann setzen sie sich hin, ein Stück von den anderen entfernt. Die Schwester weint leise und putzt sich die Nase mit den kastanienbraunen Korkenzieherlocken. Die Mutter drückt sie an sich, drückt sie an sich. Bis sie nicht mehr weinen kann und aus der Umarmung schlüpft.

Sie haben die nassen Sachen zum Trocknen über die Rucksäcke gehängt und setzen in der Unendlichkeit einen Fuß vor den anderen. Nicht einmal er sagt noch etwas. Aber er atmet. Atmet und atmet und geht mit schweren Schritten weiter.

Der Vater steht der Welt immer im Weg. Und den Menschen, denen sie begegnet. Den Geschehnissen. Der Vater ist ein Schatten, den sie immer wegzuwischen versucht, aber das geht nicht. Sie weiß ja, dass es nicht geht. Er hat die Macht, in ihre Träume einzubrechen, so dass sie mitten in der Nacht plötzlich irgendwo im Zimmer steht. Er sendet stinkende Abscheu quer durch alles hindurch. Selbst wenn sie in der Kirche sitzt, ist sein Schatten überall, in allen Winkeln.

Wenn er jetzt umfällt, tot, müssen wir ihn liegen lassen. Ich brauchte ihn dann nie wiederzusehen, denkt sie. Dann kommen Raben und Füchse und freuen sich über diese Mahlzeit. Und nach ihnen Mäuse und kleine Nagetiere. Die ganze Zeit Mücken aller Art und Schmeißfliegen. Die ganze Zeit. Am Ende liegt sein Gerippe weiß und poliert im Sonnenlicht. Und alles ist geläutert und aus der Welt, denkt sie. Ich will auch geläutert sein, aber in der Welt.

Und ohne es verhindern zu können, hat sie ein Stoßgebet zu Gott dem Herrn gesandt: Hol ihn weg! Jetzt! Bitte!

Als ihr dieser Gedanke bewusst wird, ist ihr klar, wie schlecht sie ist. Wie unendlich schlecht sie ist. Dennoch kann sie nicht bereuen. Sie hakt die Daumen in die Rucksackträger, um ihre Blasen zu schonen, und zwingt sich, an die einzigartige Beschaffenheit des Bösen zu denken. Das die Macht besitzt, sie am Leben zu erhalten. Ohne dieses Böse wäre sie schon längst verschwunden.

Als sie endlich bei Menschen ankommen, einer kleinen roten Hütte, wo aus dem Schornstein Rauch aufsteigt, glaubt sie nicht, dass es die Wirklichkeit ist, sondern etwas, das sie sich nur einbildet. Ein kleines Märchenhaus im Schutz hoher Kiefern, umgeben von Hagebutten. Man kann damit rechnen, dass die Hexe herauskommt, um sie zu fangen und zum Abendbrot zuzubereiten.

Sie glaubt, die anderen vorgehen zu lassen, um ein wenig allein zu sein. Aber die Knie geben unter ihr nach. Und als Letztes nimmt sie den frischen Geruch von Sauerampfer wahr. Dann füllt sich ihr Mund und alles verschwindet.

Sie erwacht zur Geschichte ihres Vaters, wie sie sich im Nebel verirrt haben und wie er dennoch mit Hilfe von Karte und Kompass die Richtung gefunden hat. Die Wörter strömen aus der Übelkeit. Die Erleichterung, Menschen erreicht zu haben, wird einsam wie ein Moor im wilden Gebirge.

Später erinnert sie sich an den Geruch der Hagebuttensuppe und an den Klang der nordschwedischen Sprache.

Alles kommt an den Tag

Sie muss sie glauben machen, sie habe ihren Spaß, sie dürfen die Wahrheit nicht entdecken. Sie hört selbst, dass ihr Lachen so schrill ist wie eine ungeölte Fahrradbremse an einem steilen Hang. Aber sie bringt die anderen zum Lachen. Laut.

Die Mutter freut sich, wenn sie Freundinnen zu Besuch hat, und ist immer nett. Alle essen Brote und trinken Kakao. Die Mädchen aus der Schule und sie. Tanzen in dem großen leeren Wohnzimmer im Erdgeschoss, denn das ist im Moment unbewohnt. Sie haben einen Plattenspieler mitgebracht. Sie hören Tango, Walzer und Rock. Vor allem Rock. Sie kann sich nicht daran erinnern, wie die Stücke heißen oder wer singt. Mit einer Ausnahme. Elvis. »Blue Suede Shoes«. Ihr ist schon schlecht, noch ehe sie anfangen, und ab und zu fällt sie. Nicht nur beim Tanzen.

Setz dich, sagt die Mutter mit sanfter Stimme.

Die Schwester ist schlafen gegangen und sie sind allein.

Du hast überall zugenommen, fügt die Mutter hinzu. Sie hat es gesehen. Verstanden. Mit dem Elektrikerlehrling hat es nicht nur Rock ’n’ Roll und Tanz gegeben.

Dann kommt es an den Tag, wie man sagt. Alles kommt an den Tag. Der einzige Vorwurf, den die Mutter ihr macht, ist, dass sie so unvernünftig war, durch die Berge zu gehen, ohne etwas zu sagen.

Wusst ich doch nich, glaubt ich doch nich, konnt ich doch nich glauben, behauptet sie mit brüchiger Stimme, ehe sie zusammenbricht.

Zuerst ist es still. Entsetzlich still. Man kann sich vorstellen, dass mehrere Tage vergehen, ehe die Mutter endlich etwas sagt.

Aber sie kann hören, dass sogar die Mutter ihre Zweifel hat.

Der große runde Ofen im Wohnzimmer ist kalt. Mit seinen eisernen Rändern und Figuren reicht er fast bis an die Decke. Die Mutter hat ihn soeben geschwärzt und sich die Hände gewaschen. Jetzt reicht sie ihr ein Handtuch, damit sie sich die Nase putzen kann. Schwarze Farbe und Lappen liegen in einem Pappkarton neben dem Kokskasten.

Machst du den Dreck für mich weg? Dann koch ich jetzt, sagt die Mutter und steht auf.

Sie hat die Schande im Bauch. Wenn sie keine Lösung findet, kann sie nur noch sterben. Alles eilt, aber sie begreift nicht, was sie tun soll. Das Leben zerfällt jetzt in Monate. Nur noch siebeneinhalb Monate übrig. Sie lacht laut, egal mit wem, und bereitet sich vor. Ab und zu geht sie zu der hohen Brücke über dem Fluss. Tief unten gibt es Steine und dunkles Wasser. Es dauert nicht viele Sekunden. Das weiß sie ja.

Der Elektrikerlehrling kommt und will sich mit ihr verloben. Sie stehen im Treppenhaus und er ist plötzlich ein Fremder, ohne dass sie weiß, wie das passiert ist. Sie muss es ihm offen sagen, sie kann sich nicht verloben.

Warum nicht, will er wissen.

Sie kann keinen vernünftigen Grund finden und schüttelt nur den Kopf.

Er nimmt ihre Hand und sagt, es sei in Ordnung, dann geht er. Am Hang zur Straße dreht er sich noch einmal um und lächelt.

Am Tag darauf kommt seine Mutter und sagt, sie müssten heiraten. Das sei nur recht und billig, sagt seine hübsche kleine Mutter.

Sie ist zu Besuch bei ihnen gewesen und hat Eintopf gegessen. Es hat die ganze Zeit geregnet und sie saßen im Haus und spielten Karten. Seine Mutter lächelte ununterbrochen und ließ die beiden gewinnen. Als ob sie kleine Kinder wären.

Ihre Mutter steht am Küchentisch und knetet weiter den Brotteig, obwohl sie Besuch haben. Ein Brotteig kann niemals warten. Das weiß auch der Besuch. Die Mutter dreht sich um und wischt sich an der Schürze die Hände ab. Langsam. Dann breitet sie ein sauberes Geschirrtuch über den Teig im Holzbottich.

Die sind doch noch Kinder. Ist schwer genug, dass die das Kind kriegen, da müssen die nich auch noch so ’ne Ehe auf sich nehmen. Die sollen lieber überlegen, wie sie ihr Brot verdienen und das Kind und sich selbst versorgen könn’. Wenn die heiraten wolln, könnse das machen, wennse erwachsener sind, sagt die Mutter und setzt Kaffeewasser auf.

Für die Mutter war das eine lange Rede.

Sie sieht Jesus in den Armen der Mutter liegen und lächeln. Er trägt die Dornenkrone und hat mollige Ärmchen. Über dem Kopf der Mutter hängt der Vollmond wie ein Heiligenschein. Jesus tröstet die Mutter damit, dass alles gut gehen wird. Er reckt sich und stellt die Füße auf den Boden.

Dann stehen sie da nebeneinander und lächeln sie an. Die Mutter und Jesus. Als ob sie Geschwister wären. Die Mutter streichelt Jesus über die Dornenkrone und sticht sich. Jesus zieht ein Pflaster aus dem Kittel und klebt es auf ihren Finger.

Es sieht aus, als ob die beiden mit sich selbst beschäftigt sind und sie vergessen haben.

Im Fenster der Schande

In der ersten Zeit, nachdem die Übelkeit sich gelegt hat, isst sie dicke Scheiben Brot mit kaltgerührter Himbeermarmelade. Trinkt Milch wie ein Kalb und wird rund und üppig. Das passt sehr gut, um ihren Zustand zu verbergen.

Dennoch wird sie zum Schularzt befohlen. Als ob sie eine schrecklich ansteckende Krankheit hätte. Der Arzt untersucht und stellt eine Menge Fragen, die sie vergisst, noch ehe sie sie beantwortet hat.

Die Eltern bekommen mit der Post einen Brief.

Sie geht von der Realschule ab und lernt allein weiter.

Die Menschen, die ihr unterwegs begegnen, starren sie mit leerem Blick an, ohne etwas zu sagen. Als wäre sie gar nicht da. Sie schlägt die Augen nieder oder schaut zur Seite. Wenn es mehrere sind, fangen sie sofort an zu tuscheln, sowie sie vorüber ist.

Dann geht sie nicht mehr aus dem Haus, solange es noch hell ist.

Der Vater weint und sagt, sie habe furchtbare Schande über die Familie gebracht. Seine Mutter kommt mit Rosinenkuchen in einem Spankorb. Sagt, sie sei nicht die Erste und werde nicht die Letzte sein, die ein Kind bekommt, ohne verheiratet zu sein. Das ist dem Vater kein Trost. Er nennt sie nur noch »die Schande«.

Der Vater geht ins Büro, ehe sie aufgestanden ist. Wenn er nach Hause kommt und sich in den besten Sessel setzt und seufzt, ist sie bereits in dem Zimmer, das sie mit der Schwester teilt. Sie hofft, dass er dann die Mutter in Ruhe lassen wird.

Schließlich fängt er an, auf dem Flur darüber zu reden, dass »dieses Mädchen« der ganzen Familie Schande gebracht hat. Die Mutter erinnert ihn daran, dass die Schande darin liegt, von den anderen im Haus gehört zu werden. Die leise, gebieterische Stimme dringt durch die Wände zu ihr durch.

Nun geht der Vater in das ockergelbe Haus und zu seiner Verwandtschaft. Dort darf er weinen und schreien. Und die Mutter kann in Ruhe alles erledigen, was erledigt werden muss.

Es wird jetzt früh dunkel. Sie trägt einen weiten Anorak mit Kapuze. Eines Abends tut sie das, was sie sich vorgestellt hat. Klettert hinauf. Das Brückengeländer ist eiskalt. Der Fluss zischt »komm!«. Die Strömung ist reißend.

Sie verspürt eine Angst, die fast so groß ist wie die Schande in ihrem Bauch. Es ist unmöglich zu sagen, wovon ihr mehr schlecht wird. Sie wartet darauf, dass sie ohnmächtig wird, um es nicht selbst tun zu müssen. Es ist offenbar eine furchtbare Sünde, es selbst zu tun. Aber was sein muss, muss nun einmal sein. Gott kann sie nicht strenger bestrafen als ohnehin schon. Und die Auferstehung ist sowieso nicht für solche wie sie gedacht.

Sie hat sich oft gefragt, wer sie wohl vermissen wird. Viele sind es nicht. Die kleine Schwester ist vielleicht die Einzige. Sie wird ja nichts von alldem verstehen. Die Mutter der Mutter, vielleicht, aber die hat ja so viele. Sie hat ihr Leben lang Menschen verloren und ist daran gewöhnt. Die andere Großmutter wird weinen. Jedenfalls im ersten Augenblick. Die alte Tante wird wohl trauern und seufzen, aber wird sie ihr fehlen? Die Familie wird ein großes Problem weniger haben. Das weiß sie ja. Nach der Beerdigung werden sie auf andere Gedanken kommen. Sogar die Mutter. Sie hat das Leben der Mutter fast unerträglich gemacht. Hat ihr Gesicht gesehen, wenn sie aus dem Laden kam und anderen begegnen musste. Gequält. Leer. Wie ein vergessenes Bild in einem Malbuch. Wird sie erleichtert sein?

Sie können sagen, sie sei immer so leicht gefallen, sie hätten eigentlich schon drauf gewartet. Es ist ja vorgekommen, dass sie auf dem Boden gelegen hat, verkrümmt und mit Schaum vor dem Mund. Vielleicht ist es so passiert? Dass sie sich aus irgendeinem Grund über das Geländer gebeugt und einen Anfall erlitten hat? Dann war es ja keine vorsätzliche Tat.

Der Vater wird erleichtert aufseufzen und weinen, wenn andere ihn ansehen. Er wird allen, die es sich anhören mögen, eine dramatische Geschichte erzählen über etwas, das er nicht miterlebt hat. Froh wie eine Lerche im Frühling. Er hat schon längst begriffen, dass er nicht wissen kann, was ihr alles zuzutrauen ist. Jetzt sitzt sie da und klammert sich an ein eiskaltes Geländer und tut sich selbst leid. Das hat sie sicher vom Vater, überlegt sie.

Tief dort unten scheinen die Wassermassen kehrtzumachen. So ist es nun einmal. Bei Flut kommen die Wassermassen durch die schmale Öffnung und in die verschlossene Bucht. Sie hat dem Onkel mehrmals geholfen, das Boot hindurchzurudern, genau zwischen Ebbe und Flut, wenn die Strömung weniger reißend ist. Manchmal schäumt das Wasser auf. Jetzt aber nicht. Die Strömung hält den Atem an und wartet auf sie.

Zwei Eiderenten tauchen zwischen den Felsen auf und gleiten durch die Wirbel, als sei alles nicht weiter wichtig. Die Laternen auf der Brücke lassen die dunklen Federn des Erpels aufleuchten. Das Weibchen ist einfach nur graubraun. Die Häuser hinten auf der Odde haben schwarze Umrisse, als ob sie sie gezeichnet hätte.

Wird sie schon tot sein, wenn die Strömung sie ins offene Meer reißt? Wie lange braucht man zum Ertrinken? Warum weiß sie dermaßen wichtige Dinge nicht?

Zu ihrer Demütigung kommt jetzt jemand. In der Dunkelheit kann sie nicht sehen, wer es ist. Es ist beschämend und kindisch, dass sie so nutzlos dort herumsitzt. Also klettert sie schnell wieder herunter.

Als der Mensch ihr mit dunkler Stimme einen guten Abend wünscht, erwidert sie diesen Gruß. Er sagt nichts darüber, dass er sie gesehen hat. Als ob das einfach ab und zu nötig wäre: auf einem Geländer zu sitzen und in die Ewigkeit hinunterzuschauen. Er geht einfach an ihr vorbei. Wie an einem Pferdeapfel. Oder einem Menschenschatten.

Vermutlich ist das das Problem. Dass sie eigentlich nur der Schatten von etwas ist. Oder der Abfall. Etwas, das jemand weggeworfen hat. Sie lehnt sich an das Geländer und hat ein seltsames Gefühl im ganzen Leib. Eine Art Lähmung. Es ist nicht das erste Mal. Aber es war noch nie so stark. Das Gefühl sagt, dass sie nicht hier auf der Erde ist. Dass sie nur so tut. Und sie muss eben weiter so tun, solange das geht, denkt sie.

Die Menschen wünschen trotz allem keinem Pferdeapfel einen guten Abend.

Sie bringt es nicht einmal über sich, wieder auf das Geländer zu klettern.

Diese Fremdheit.

Der Riss in ihrer Brust ist mit Stacheldraht genäht.

Es gibt Menschen, die eine solche Schande sind, dass man sie nicht zur Schule gehen lassen darf. So ein Mensch ist sie. Sie darf nicht gesehen werden. Jetzt, wo alle es wissen und wo sie von der Schule abgegangen ist, kann sie nichts mehr hinunterbringen. Was, wenn es so einfach ist? Einfach mit Essen aufzuhören? Aber die Mutter hat ihre Gedanken offenbar erraten.

Wennde nix isst und krank wirs, wird alles für mich auch noch schlimmer, kapierste das nich?

Zum ersten Mal erwähnt sie, dass ihr Leben nicht gut ist. Aber sie kocht Bouillon und die trinken sie zusammen, am Küchentisch. Danach isst sie eine halbe Schnitte Brot mit Himbeermarmelade, während die Mutter ihr schweigend zusieht.

Von nun an beobachtet sie ihre Mutter, um zu wissen, wie schlecht es der geht. Je bleicher und erschöpfter die Mutter aussieht, umso mehr versucht sie zu essen. Aber es kommt wieder hoch.

Die Schande will nicht zwangsernährt werden.

Zwei Lehrer kommen zu ihr nach Hause, um ihr beim Lernen zu helfen. Die Mutter hat sie darum angefleht. Die Schule hat keine Examensberechtigung, deshalb müssen alle privat zum Examen antreten. In dieser Hinsicht ist sie nicht die Einzige. Sie lernt und löst Aufgaben, obwohl sie weiß, dass sie vor dem Examen sterben wird. Schon im Januar wird sie sterben. Und das Examen findet erst im Mai und Juni statt.

Die Mutter geht zu der alten Hebamme, die die nächste Nachbarin ist, und bittet sie, nach ihr zu sehen. Vielleicht kann sie das Kind holen, wenn es so weit ist, dann braucht sie, so jung, wie sie ist, nicht in der Ferne im Krankenhaus unter Fremden zu liegen.

Die alte Hebamme sieht nach ihr und tastet sie ab. Verspricht nichts, sagt aber auch nicht nein.

Es ist doch klar, wenn das Mädchen einen Blutsturz erleidet oder das Kind falsch liegt, krieg ich die Schuld, ich altes Weib, sagt die Hebamme und seufzt.

Aber sie scheint keine besondere Angst zu haben und schließt mit einer Mahnung. Eine Schwangere muss ordentlich essen, sonst geht es schief, droht sie.

Der Bauch wächst, auch wenn sie nur ab und zu ein Brot hinunterbringt. Sie geht nicht mehr aus dem Haus. Sie liest nur noch. Liest und liest. Vor allem für die Schule. Aber sie scheint ein Loch im Kopf zu haben, denn alles, was sie abends zu wissen glaubte, ist verschwunden, wenn sie aufwacht. Die Nacht hat es durch Ohren, Nase und Augen entweichen lassen. Sie ist undicht wie ein Sieb und ihr Bauch wächst.

Die kleine Schwester begreift nicht, dass es eine solche Schande ist, dass sie ein Kind erwartet. Sie will lernen, dafür etwas zu stricken, sagt sie. Die Mutter sagt, es sei kein das, sondern ein Mensch.

Sie suchen hellgrüne Wolle heraus und fangen an. Sie fängt die Maschen auf, die die Schwester immer wieder fallen lässt. Es geht langsam. Wenn die Schwester schläft, strickt sie ein wenig weiter, um ihr zu helfen. Das ist das Mindeste, was sie tun kann.

Wem wird das Kind wohl ähnlich sehen?, fragt die Schwester munter.

Sie sagt, sie hoffe, es werde ihr ähnlich sehen, sie sei doch die Tante.

Die Schwester kostet das Wort »Tante« aus und fragt, warum sie das glaubt. Weil ich noch nie so ’n schönes Kind gesehen hab wie dich, antwortet sie ernst.

Die Kleine nickt energisch und lächelt zufrieden.

Die Mutter kommt mit einem Buch aus der Bücherei. Es geht um einen Embryo im Bauch einer Frau, die ohne einen einzigen Blutfleck in zwei Teile zerschnitten worden ist. Es ist natürlich nur eine Zeichnung. Man sieht alles darinnen. Einige Bilder zeigen, wie das Kind herauskommt. Total unnatürlich und nicht zu fassen. Sie will es gar nicht sehen. Aber das muss sie. Blättert im Buch und fühlt sich elend. Jetzt weiß sie, wie Menschen zumute ist, die in einem Berg gefangen sind. Schlimmer. Sie hat einen Berg, der ihren Körper verlassen muss.

Wieder weiß die Mutter, was sie denkt, und erzählt, dass sie und die Großmutter leichte Geburten hatten und dass sie vermutlich auf die beiden kommen wird. Sie nickt verängstigt.

Ich bin ja da, wenn es passiert. Und die alte Hebamme auch, sagt die Mutter.

Dann sitzen sie eine Weile da und haben nichts mehr zu sagen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es kein Unglück ist, sondern ein Mensch, der uns wichtig ist, sagt endlich die Mutter mit blanken Augen.

Ihr geht auf, dass die Mutter noch nicht vor ihren Augen geweint hat. Sie senken den Kopf und weinen ein bisschen zusammen. Von Schluchzen kann nicht die Rede sein. Es ist eher ein Schnaufen, zum Beweis dafür, dass sie einander verstehen. Die Mutter bringt das Buch mit der halben Frau und dem Embryo im Bauch weg, damit es nicht nass wird. Es gehört doch der Bücherei und nicht ihnen.

Die alte Hebamme, die eigentlich schon in Rente ist, trägt eine große weiße Schürze und redet mit ruhiger Stimme, während sie hinter ihrer Brille die Augen zusammenkneift. Atmen!, sagt sie. Zwischen den Wehen erzählt sie von dem letzten Kind, das sie in diesem Zimmer geholt hat. Vor vielen, vielen Jahren.

Das ’s jetzt schon ’n erwachsener Mann. Das war das Kind von der armen Marie, die ist jetzt mit allem allein. Der selber saß zum Schreiben da draußen im Pavillon und durfte nicht gestört werden. Der war kein erwachsener Mann, der Kerl, egal, wie berühmt er war. Es ging nicht darum, dass er unbedingt schreiben musste, der konnte einfach kein Blut sehn! So sind die Männer oft, verstehst du. Ich kenn einen Bauern in Nordbygda, aber ich sag keinen Namen, der kann seine eigenen Lämmer nicht holen. Männer … jagen und schlachten, Krieg führen und morden, aber kein Blut sehn können, wenn’s ernst wird. Das verstehe, wer will! Sie hat furchtbar kämpfen müssen, die Marie, aber wir konnten das Kind doch rausholen, sie und ich zusammen. Das war eine liebe Frau! Ihm hat der Ruhm ja nicht gutgetan, das kann ich dir sagen. Dachte, er wär was anderes als andere. Das ist das Problem von diesen Burschen, die glauben, der Herrgott hätte sie erhöht. Aber dem Herrgott ist das alles egal, das kann ich dir sagen, mein Kind. Du und dein Kleines, ihr seid genauso viel wert wie der Dichter!

Sie denkt nicht darüber nach, was sie wert ist. Hat genug damit zu tun, in Stücke gerissen zu werden, in Fetzen, mit Gerippe und Muskeln und allem anderen. Zwischen den Wehen denkt sie, das hier sei schlimmer, als von einer Brücke zu springen. Sie hat nicht einmal Zeit, sich zu fürchten. Sie will es nur hinter sich bringen. Die ganze Zeit war klar, dass sie in ihrem eigenen Blut im Bett der Mutter sterben würde, während die Hebamme über die Schlafzimmermöbel des Dichters plappert, in denen die Entbindung leichter ging. Höhere Betten, aber natürlich nicht so modern.

Einmalig schöne Farbe ham die Möbel hier, sagt die Hebamme beifällig, als die Mutter saubere Laken bringt. Jetzt nicht einschlafen, das Kind muss satt werden, du musst mithelfen.

Nur mit dem Nachthemd bekleidet vor einem großen offenen Fenster. Der Himmel ist voller stechender Sterne. Die zielen auf sie. Unter ihr bewegen sich Menschen. Einige drohen mit den Fäusten und rufen etwas, das sie nicht hören will. Sie haben keine Gesichter. Dennoch kann sie verstehen. Die Verachtung dieser Menschen füllt alle Hohlräume und fängt an, sie von innen her zu zerfressen. Ihr das schweißnasse Nachthemd vom Leib zu reißen. An ihren Sehnen zu zerren. Einen Knochen nach dem anderen zu brechen. Ihre Hüften werden losgerissen. Die Kiefer. Steht sie trotzdem aufrecht? Nein, sie hängt. Hängt mit dem Kopf nach unten. Dann merkt sie, dass auch der Dichter dort hängt. Er ist immerhin bekleidet, seine Weste ist zugeknöpft. Aber er zappelt und will zu ihr. Das Nachthemd fällt über sie, über Waden und Schenkel. Über den Bauch. Dann ist sie nackt. In Eis gehüllt. Plötzlich spricht der Dichter, wie sie ihn im Radio gehört hat, mit schnarrender Stimme, gebieterisch.

Sei ganz ruhig und denk deine Gedanken fertig, dann geht es vorbei, sagt er. Sie haben gut reden, möchte sie antworten. Aber das schafft sie nicht. Schmerz hat seinen eigenen Klang. Aber der Dichter lässt sich nicht beirren. Er redet weiter.

Sie glauben, sie hätten dich, aber du musst ihnen zeigen, dass sie sich irren.

Die Frau des Dichters

Der Ort will den hundertsten Geburtstag des großen Dichters feiern. Dass er im Krieg auf der falschen Seite gelandet ist, wird nicht so eng gesehen. Dass er sogar einen Nachruf auf den Führer verfasst hat, versucht man zu verschweigen. Aber natürlich erwähnen einige es eben doch. So ist es ja immer. Immer gibt es welche, die Dinge tun, nur um Unfrieden und Diskussionen hervorzurufen. Aber ausgerechnet jetzt! Jetzt, wo sie feiern und froh sein wollen!

Der Bezirksrat, oder wer auch immer, hat die noch lebende Frau des Dichters eingeladen, um mit ihnen zu feiern. Und dann sollen alle sich gefälligst anständig benehmen. Man soll nicht schlecht über die Toten sprechen und sie nicht kleiner machen, als sie sind. Wir reden hier trotz allem über einen Dichter von Weltgeltung! Einen, der das Dorf im wahrsten Sinne des Wortes auf die Weltkarte gesetzt hat. Soll man sich da mit übler Nachrede und Schikanen abgeben? Bei einem, der als Kind in einem kleinen Dorf gewohnt hat und nach vielen Jahren mit seiner Frau zurückkehrte, um den Boden zu bestellen. Mit eigenen Händen auf eigenem Hof. Steht das stattliche Haus nicht noch immer da? Es ist zwar heruntergekommen und müsste neu gestrichen werden, aber es wohnen ja Leute darin. Und es ist das Haus eines Mannes, der den Nobelpreis bekommen hat. Eine Ehre, die nur verdienten Ausländern zuteilwird.

So reden und denken sie, wenn sie zusammenstehen und das Beste für den Ort wollen.

Die Großmutter holt zwei Bücher vom Dachboden und legt sie zur Feier des Tages aufs Büfett in der guten Stube. Der Onkel schnaubt verächtlich, lässt sie aber liegen.

Sie leiht sie aus und liest sie noch einmal. »Pan« und »Victoria« heißen sie. Ein Wort, das immer wieder in ihrem Kopf auftaucht, wenn sie über den Müllerssohn und Victoria liest.

Wunderbar.

Sie kann es nicht laut sagen, wenn andere es hören könnten. Aber es denken, das kann sie.

Sie war so furchtbar kindlich, als sie diese Bücher zum ersten Mal mit der Taschenlampe auf dem fensterlosen Dachboden gelesen hat. Als die Batterie leer war, schmuggelte sie die Bücher in ihr Bett. Das war, ehe sie ins Dorf gezogen sind, als sie nur in den Ferien bei der Großmutter war.

Jetzt ist sie erwachsen. Fast alt. Sie ist mit einem kleinen Jungen im Bauch nach Schweden gewandert. Bald wird sie ihn bei der Mutter zurücklassen, weil sie aufs Gymnasium geht. Sie muss etwas werden und sich selbst versorgen können.

Als Erste sieht die Mutter, wie die Frau den Hang herunterkommt. Sie stehen auf der Veranda und klopfen Teppiche aus. Eine stattliche Gestalt mit üppigem weißem Haar und einer Brosche am Revers. Die Mutter zieht ganz schnell die Teppiche hinter das Geländer und sagt, sie solle hinlaufen und die Frau zum Kaffee bitten. Dann stürzt sie ins Haus, um alles vorzubereiten. Und sie kann nur tun, was die Mutter ihr aufgetragen hat.

Die Frau des Dichters steht mit abgewandtem Gesicht unter einem Baum. Sie tritt langsam näher und fühlt sich schwerelos vor Schüchternheit. Zwei Schritte vor der Frau bleibt sie stehen. Die Fremde dreht sich zu ihr um und ein kleines Lächeln verwandelt ihr Gesicht in eine Sonne.

Wer bist du, Kind?, fragt sie mit leiser Stimme.

Sie antwortet, dass sie mit ihren Eltern im ersten Stock wohnt und dass die Mutter die gnädige Frau zum Kaffee einladen möchte.

Danke! Und wie heißt du?, fragt die Frau.

Als sie antwortet, hört sie, dass ihre Stimme kaum trägt.

Es ist nett von deiner Mutter, zum Kaffee zu bitten, aber ich würde gern hier draußen unter diesem Baum sein … Vielleicht ein Weilchen dort auf der Bank sitzen, sagt die Frau des Dichters und lächelt wieder.

Ich bring Ihnen den Kaffee, sagt sie eifrig und rennt los, ohne die Antwort abzuwarten.

Als sie mit dem Kaffee und den frisch gebackenen Hefewecken der Mutter herauskommt, sitzt die Frau auf der Bank und schaut auf die Landschaft hinaus. Sie putzt sich die Nase mit einem weißen Taschentuch und hat blanke Augen.

Hier konnte man das Meer sehen, jetzt ist alles zugewachsen …, sagt sie leise, wie zu sich selbst. Aber sie nimmt das Tablett entgegen. Kaffee in der Thermoskanne, Tasse, Untertasse und Kuchenschüssel.

Sie bleibt einfach mit hängenden Armen stehen, ohne zu wissen, wie sie sich verhalten soll. Die Frau des Dichters findet das sicher peinlich.

Richte deiner Mutter meinen herzlichen Dank aus, ich stelle das Tablett auf die Treppe, wenn ich gehe, sagt sie und möchte sicher allein sein. Aber sie beugt sich vor und reicht ihr die Hand. Es ist eine Überraschung, die anzufassen. Sie hat eine Arbeitshand.

Später, als die Frau des Dichters schon längst das Tablett auf die Treppe gestellt hat und wieder den Hang hochgegangen ist, denkt sie an das Gespräch, das möglich gewesen wäre. Sie läuft hinaus und setzt sich auf eine Bank in dem überwucherten Garten. Stellt sich vor, die sei noch warm, weil die Fremde dort gesessen hat. Dann stellt sie alle möglichen Fragen. Wie es war, als sie damals den Hof betrieben haben und sie mit ihren Kindern hier wohnte. Der Dichter selbst war natürlich im ganzen Land unterwegs und schrieb seine Bücher.

Sie fragt, ob er ihr etwas darüber erzählt hat, was er schrieb, ehe es gedruckt wurde. Irgendwann hat sie das Gefühl, die Antworten der anderen zu hören, in ihrem eigenen Kopf. Die Stimme ist deutlich, genau wie in Wirklichkeit. Sie erzählt von Einsamkeit, ohne das direkt zu sagen. Nicht klagend, eher als ob sie aus einem Buch vorliest. Darüber, in den Augen der Leute anders zu sein, weil sie aus einem anderen Landesteil stammt. Darüber, mit einem Mann zu leben, aus dem niemand schlau wird. Die zu sein, die zwischen Dorf und Dichter steht und alle praktischen Probleme klären muss. Wie es ist, zurück an diesen Ort zu kommen, dieses Haus zu sehen, in dem sie gelebt und Kinder geboren hat, und den Hof, den sie meistens allein mit dem Gesinde bewirtschaften musste. Es ist wehmütig. Sie benutzt dieses Wort, wehmütig. Und wieder werden ihre Augen blank. Sie ist nicht traurig, die Wehmut ist schuld daran.

Sie wird sich für immer an dieses schöne Wort erinnern. Wehmut. Aber sie wagt nicht zu fragen, wie es war, die Frau eines berühmten Mannes zu sein. Der dann Schande und Elend über die ganze Familie gebracht hat.

Stattdessen vertraut sie sich an, erzählt, dass sie im selben Zimmer ein Kind geboren hat, mit derselben Hebamme wie die Frau des Dichters. Und die Frau des Dichters schlägt die Hände zusammen und seufzt, so dass ihr üppiger Busen sich mehrmals hebt und senkt.

Und noch so jung, sagt sie. Aber du brauchst dich nicht zu schämen. Du bist doch kein Nazi. Nicht verzweifeln, sagt die Frau des Dichters und weiß sehr viel über die Nazis. Vieles, das sonst niemand weiß.

Freimütig gesteht sie der Fremden, dass sie sich vor dem Gymnasium fürchtet, sich aber darauf freut, von zu Hause wegzukommen. Sie fragt ganz offen, ob sie ein schlechter Mensch ist, weil sie ihr Kind verlässt, wie der Dichter es ja auch immer wieder getan hat.

Nicht doch, sagt die andere. Du bist alt genug, um zu wissen, dass solche Dinge dich nicht zu einem schlechten Menschen machen.

Sie erzählt, dass sie vom Pastor ein Leumundszeugnis einholen musste, um sich an verschiedenen Gymnasien bewerben zu dürfen.

Und wie ging das?

Er hat geschrieben, mein Leumund sei tadellos und über meinen ethischen und moralischen Wandel sei nichts hinzuzufügen.

Dem Pastor musst du unbedingt glauben, er hat sicher in seinem Amt alles Mögliche erlebt, sagt die Frau des Dichters. Es ist eine Erleichterung, dass sie genau das sagt, was sie selbst gedacht hat.

Und dann bleiben sie einfach so sitzen, in tiefem Gespräch über alles, was sie weder der Mutter noch jemand anderem erzählen kann. Fast jeden Tag, den ganzen August über, bis sie dann zum Gymnasium fahren muss, sitzen sie so da.

Damit niemand glaubt, sie verschwende ihre Zeit, hat sie immer ein Buch vor sich liegen. Wenn sie aus Versehen etwas laut sagt oder gestikuliert, können die anderen einfach glauben, sie versuche, den Lehrstoff auswendig zu lernen.

Der Preis des Wissens