Schweigegelübde - Barbara Bierach - E-Book
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Schweigegelübde E-Book

Barbara Bierach

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Beschreibung

Wenn das Krankenhaus zum Tatort wird: Der packende Ermittlerinnen-Krimi »Schweigegelübde« von Barbara Bierach jetzt als eBook bei dotbooks. Emma Vaughan, Kommissarin an Irlands rauer Nordküste, steht vor einem ihrer schwierigsten Fälle. In der sterilen Stille des örtlichen Krankenhauses versetzt ein ominöser »Todesengel« Patienten und Belegschaft in Angst und Schrecken. Ein Opfer hat er bereits gefordert und Emma ist sich sicher, es wird nicht das letzte sein … Auch privat steht Emma vor einigen Herausforderungen: Ihrem Ex-Mann droht das Gefängnis, was Emma als alleinerziehende Mutter besonders hart trifft, und ihr eigener Chef verdächtigt sie des Drogenmissbrauchs. Für Emma zwei Gründe mehr, sich auf den Fall zu konzentrieren. Doch als die Ermittlungen an Fahrt aufnehmen, erfährt Emma, dass sie Mitschuld an den Verbrechen tragen könnte – und plötzlich hängt ihre Zukunft in Sligo am seidenen Faden. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der mitreißende Irland-Krimi »Schweigegelübde« von Barbara Bierach bietet seinen LeserInnen ausgezeichnete Spannung im rauen Sligo. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Emma Vaughan, Kommissarin an Irlands rauer Nordküste, steht vor einem ihrer schwierigsten Fälle. In der sterilen Stille des örtlichen Krankenhauses versetzt ein ominöser »Todesengel« Patienten und Belegschaft in Angst und Schrecken. Ein Opfer hat er bereits gefordert und Emma ist sich sicher, es wird nicht das letzte sein …

Auch privat steht Emma vor einigen Herausforderungen: Ihrem Ex-Mann droht das Gefängnis, was Emma als alleinerziehende Mutter besonders hart trifft, und ihr eigener Chef verdächtigt sie des Drogenmissbrauchs. Für Emma zwei Gründe mehr, sich auf den Fall zu konzentrieren. Doch als die Ermittlungen an Fahrt aufnehmen, erfährt Emma, dass sie Mitschuld an den Verbrechen tragen könnte – und plötzlich hängt ihre Zukunft in Sligo am seidenen Faden.

Über die Autorin:

Barbara Bierach ist im Hauptberuf Wirtschaftsjournalistin und Auslandskorrespondentin. Nach Stationen in München, Düsseldorf, New York City und Sydney, Australien, lebt sie jetzt in Sligo an der irischen Westküste. Im Nebenberuf ermordet sie Leute ... aber nur in ihrer Fantasie! Das Ergebnis sind spannende Krimis und eine gelassene Autorin.

Barbara Bierach veröffentlichte bei dotbooks bereits »Lügenmauer«.

Die Website der Autorin: bierach.com/

Die Autorin bei Facebook: Barbara Bierach

Die Autorin bei Instagram: barbarabierach_author/

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eBook-Neuausgabe Oktober 2024

Dieses Buch erschien bereits 2018 bei Ullstein Taschenbuch

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Barbara Bierach

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Stefan Hilden, hildendesign.de unter der Verwendung von Motiven von © Shutterstock.com und Midjourney

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fe)

ISBN 978-3-98952-349-4

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Barbara Bierach

Schweigegelübde

Ein Irland-Krimi

dotbooks.

Anmerkung der Autorin

Das Sligo General Hospital im Text hat nichts zu tun mit dem Sligo University Hospital der Realität. Die Ärzte und Schwestern der Wirklichkeit haben nur eines im Sinn: das Leben und die Gesundheit der Patienten zu schützen, was ich im Mai 2017 mit großer Dankbarkeit am eigenen Leib erfahren durfte. Auch wenn die Beschreibung der Gebäude und Landschaften im County Sligo der Realität entspricht: Alle Personen und Vorfälle in diesem Buch sind frei erfunden.

Zitat

»I don’t think now that people can be divided

into the good and the bad

as though they were two different races or creatures.

What are being called good women

may have terrible things in them,

madmoods of recklessness, assertion, jealousy, sin.

Bad women, as they are termed,

may have in them sorrow, repentance, pity, sacrifice.«

Oscar Wilde, Lady Windermere’s Fan

Montag, 2.5.2005

Kapitel 1Emma

Emma Vaughan stand in der ersten Morgensonne am Garavogue River, da wo er aus dem Lough Gill kommt, sich durch Sligo Town verengt, um schließlich zu Sligos Hafen zu werden. Sie betrachtete eine Reihe bunt angemalter Ruderboote, die im Fluss vertäut lagen. Ihr Bug zeigte Richtung Atlantik, das bedeutete Flut. Je nachdem, ob der Mond das Wasser aufs Land zu oder aufs Meer hinaus zwang, deuteten die Bootsnasen in einer alle sechs Stunden die Richtung wechselnden Pendelbewegung Richtung See oder Richtung Stadt. Emma fand dieses sanfte Hin und Her des Ozeans beruhigend. Was immer auch passierte, egal, was die Menschen anstellten, Ebbe und Flut war das gleichgültig, das Meer atmete unbeirrbar ein und wieder aus, ein und aus, in alle Ewigkeit. Genau so musste es sein.

Jetzt, Anfang Mai 2005, war es morgens noch kühl. Emmas Blick folgte ein paar Enten, die wild mit den Flügeln schlagend Anlauf nahmen und abhoben, um anderswo weiterzupaddeln. Emma betrachtete den Himmel, der sich nicht recht zwischen Grau und Blau entscheiden konnte, und dachte über ihren Job nach, der schon mal besser gelaufen war. Sie war Inspector bei der irischen Polizei, der An Garda Sfochäna. Eigentlich bearbeitete sie in der Local Detective Unit Sligo alles, was an schweren Verbrechen im County so anfiel, aber nun hatte ihr Boss Emma bis auf weiteres in die Abteilung Domestic Violence versetzt ‒ häusliche Gewalt.

Gestern Nacht hatte sie Padraig Flannery festnehmen müssen, einen 16-jährigen Jungen, der seinen Vater mit dem Hurlingschläger krankenhausreif geprügelt hatte. Der Alte hatte seine Familie jahrelang als Frustableiter benutzt und wahllos Schläge verteilt. Mutter und vier Kinder ‒ alle bekamen regelmäßig ihre Abreibung, und die Nachbarn riefen genauso regelmäßig die Polizei, wenn das Geschrei mal wieder zu laut wurde. Der alte Flannery war ein Vieh mit der Intelligenz eines Butterbrots, doch da seine Frau ihn nicht anzeigte, waren den Beamten weitgehend die Hände gebunden, und so wiederholten sich seine Auftritte so regelmäßig wie seine Alkoholeskapaden.

Gestern Nacht war seinem Sohn Padraig schließlich der Geduldsfaden gerissen. Der Junge war vom Hurlingtraining nach Hause gekommen ‒ eines der schnellsten und brutalsten Ballspiele der Welt, das die Engländer den Iren in der Kolonialzeit einst verboten hatten, weil sie fürchteten, die Gewalttätigkeit des Hurling könnte eine Rebellion anheizen ‒ und hatte den Schläger noch in der Hand, als sein Vater seiner Mutter ein blaues Auge und eine geplatzte Lippe verpasste. Der Teenager hatte sich zwischen seine Eltern geworfen, doch der Alte hatte ihn bloß verhöhnt und gefragt ob »der kleine Schlappschwanz« nun größenwahnsinnig geworden sei. Das zumindest hatte Padraigs Mutter hinterher zu Protokoll gegeben. Da war der Junge durchgedreht und hatte den Hurlingschläger benutzt, um seinem Vater die jahrelangen Prügel mit Zinsen zurückzuzahlen. Es war fraglich, ob der Mann durchkommen würde.

Am Ende saß Padraig weinend auf dem Boden in einer Ecke der Küche, die von dem Blaulicht der draußen parkenden Ambulanz- und Polizeifahrzeuge in blaue Blitze getaucht wurde. Er hatte den Kopf gehoben und Emma mit den Augen eines verletzten Tiers angesehen. Ein Kind, das das Verbrechen eines Erwachsenen begangen hatte und ein Leben lang dafür bezahlen würde.

Emma zog die Schultern hoch und ließ sie wieder sinken, um die dunklen Gedanken abzuschütteln, drehte sich auf dem Absatz um und stapfte zurück in ihr Häuschen, gleich um die Ecke in Doorley Park. Dort lag Stevie, ihr 15 Jahre alter Sohn, noch in den Federn. Sie scheuchte ihn aus dem Bett, bügelte schnell das Hemd seiner Schuluniform auf und schmierte ihm seinen geliebten Marmite-Toast zum Frühstück. Dann fuhr Emma ihm durchs noch nächtlich zerstrubbelte Haar, um sich zu verabschieden ‒ doch Stevie gab nur unwillige Grunzlaute von sich, während er am Küchentisch seinen Toast mümmelte. Typisch verschlafener Teenager!

Unterwegs zur Wache an der Pearse Road klingelte ihr Handy. Ihre Freundin Laura McDern. Sie ignorierte den Anruf, sie hatte jetzt keine Zeit, außerdem sollte man bekanntlich beim Autofahren nicht telefonieren. Sie ergatterte einen Platz für ihren alten Peugeot auf dem immer überfüllten, weil viel zu kleinem Parkplatz hinter der Wache und machte sich auf den Weg in ihr Büro. An der Rezeption fing Aoife Leonard sie ab. Emma konnte die junge Frau nicht ausstehen. Weniger weil sie mit ihrem Raben-Look ‒ glänzend schwarze Haare, noch glänzendere tiefdunkle Augen, dazu ein klarer, blasser Teint ‒ so gut aussah wie eine der Sängerinnen bei The Corrs, und mehr weil Aoifes Attraktivität auch Emmas Kollegen James Quinn nicht entgangen war. Emma wollte lieber nicht darüber nachdenken, warum sie das so störte.

Sie versuchte, ihre Abneigung gegen Aoife im Zaum zu halten, war sie sich doch bewusst, dass ihr Kollege flirten konnte, mit wem er wollte. Selbst mit einer, die zehn Jahre jünger war als Emma und atemberaubend schön. Zudem war Aoife fröhlich, menschenfreundlich und effizient; seitdem sie als Sekretärin in der Pearse Road angefangen hatte, gab es kaum noch vergessene Anrufe und verlegte Dokumente.

»Guten Morgen, Em«, zwitscherte Aoife Emma fröhlich entgegen. »Du sollst zum Chef kommen!«

»Hallo, hallo, guten Morgen, bin schon unterwegs!«

Emma zwang sich wie immer, besonders nett zu Aoife zu sein. Gleichzeitig wunderte sie sich. Noch keine acht Uhr und ihr Chef, Superintendent Paul Murry, war nicht nur schon im Haus, sondern auch schon so weit auf Zack, dass er bereits eine Sitzung anberaumt hatte? Murry war früher ein erfolgreicher Chefermittler bei der Kripo in Dublin gewesen, hatte sich vor einigen Jahren aber in den tiefen Westen in seine Heimatstadt Sligo versetzen lassen, weil er seine Ruhe haben wollte. Er wollte lieber Golf spielen, sich seiner Hundezucht widmen und in Frieden irischen Whiskey trinken, als irgendwelchen Heroindealern oder mörderischen Bankräubern hinterherzujagen. Folglich nahm er jede Art von Verbrechen in Sligo persönlich ‒ und als Versuch, ihm den Feierabend zu versauen.

Auf dem Weg zu Murrys Büro lief Emma Paddy Sloan in die Arme. Der Kollege grinste nur, und Emmas Magen verknotete sich. Irgendwas stank hier zum Himmel. Aber was? Wenn Paddy sich amüsierte, drohte in der Regel Unheil.

Murry saß hinter seinem Schreibtisch und blinzelte Emma kurzsichtig entgegen. Die Brille hatte er auf seine Glatze geschoben.

»Chef, was gibt’s?«

»Emma, Sie gehen heute zu Ihrer medizinischen Untersuchung, wie geplant. Wir haben ja schon in der vergangenen Woche darüber gesprochen. Ich will einen gründlichen Check-up sehen. Es hat sich herumgesprochen, dass Sie ziemlich viele Tabletten schlucken.«

Emma fiel ihm ins Wort. »Das sind legale, verschreibungspflichtige Schmerzmittel. Ich hatte einen schweren Autounfall, wie hier auch jeder weiß.«

»Emma, ich muss einfach wissen, dass du nicht tablettenabhängig bist.«

Wenn Murry mit Emma alleine war, wurde er gelegentlich mal väterlich, nannte sie Emma oder Em, und seine Stimme klang liebevoll. Wenn er dagegen richtig sauer war, nannte er sie ganz einfach beim Nachnamen: Vaughan.

Emma seufzte laut auf. »Ja, ich schlucke das Zeug. Regelmäßig. Ich hab ja auch regelmäßig starke Schmerzen. Aber ich bin eine gute Polizistin.«

Murry sah sie aufmerksam an und rieb sich müde die Augen.

»Ich stehe hinter dir, aber wenn du die Pillennummer nicht in den Griff kriegst, wirst du höchstens noch in Fällen von geklauten Campingbussen ermitteln! Ich muss mich darauf verlassen können, dass du richtig reagierst und nicht im Tablettennebel irgendeinen Mist baust.«

Emma drehte sich wortlos auf dem Absatz um und stapfte zur Tür. Was gab es auch zu sagen?

Im Flur wurde ihr schwindelig. Sie hätte doch mehr als nur Tee und zwei Oxycodon frühstücken sollen!

Sie schloss die Augen und sofort erschien der Traum, der sie heute Morgen so früh aus dem Bett gejagt hatte, wieder vor ihrem inneren Auge: Aus der Dunkelheit tauchten Lichter auf und rasten auf sie zu. Sie konnte nicht richtig sehen, kriegte die Augen nicht auf. Ihre Wimpern waren wie verklebt. Neben sich spürte sie Paul, ihren Mann. Emma hatte im Traum darum gekämpft, die Augen zu öffnen, hatte durch den Wimpernkranz aber nur verschwommen Lichter auf sich zukommen sehen. Plötzlich war die Sicht klar. Paul steuerte den Wagen in der Mitte der Straße, entgegen kam ein Lieferwagen. Der hupte wie wild. Emma schrie laut auf, Paul schreckte hoch, zog den Wagen nach links ‒ doch zu spät! Es knallte, und plötzlich war alles gleißend hell ‒ und Emma war in Schweiß gebadet aufgewacht.

Nach dem Unfall hatte Emma damals wochenlang mit einer zerschmetterten Hüfte und diversen Brüchen im Krankenhaus und in der Reha zugebracht ‒ da hatten sie ihr auch zum ersten Mal Oxycodon gegeben.

Das war 1995 gewesen und nun fast zehn Jahre her, ihre Ehe mit Paul war längst zerbrochen, doch die Schmerzen und das Oxy waren ihr geblieben. Und leider ließ sich das Zeug tagelang in ihrem Organismus nachweisen. Drei bis fünf Tage lang unter normalen Umständen, bei Daueranwendung auch länger, hatte Emma im Internet gelesen.

Nun war ein Gesundheitstest plus Drogenscreening angesetzt, Murry hatte das so gewollt. Emma hatte es zwar geschafft, teilweise auf andere Schmerzmittel auszuweichen, aber ganz konnte sie auf ihr Oxycodon nicht verzichten. Dazu war ihr Alltag einfach zu anstrengend. Das Drogenscreening würde positiv ausfallen, und es würde Ärger geben. Emma atmete tief durch und machte sich auf den Weg in ihr Büro.

Dort wartete ihre Freundin, die Rechtsanwältin Laura McDern. Vielmehr saß Laura in ihrer Bürohälfte, denn Emma teilte sich die Bude mit ihrem Kollegen und Dienstpartner James Quinn. Der aufgeräumte Teil des Zimmers war seiner, in Ems Reich dagegen herrschte Chaos aus aufgeschlagenen Akten, halb verspeisten Frühstücksbrötchen, Hausmitteilungen, Quittungen, unvollendeten Berichten und Papierkram in jeder Form. Was gelegentlich ziemlich nervte, denn in das winzige Büro passten nur die beiden Kopf an Kopf gestellten Schreibtische, plus je ein Bürostuhl und auf jede Seite ein Aktenschrank. Als Besuchersessel diente ein wackeliger Drehstuhl, der als Museumsstück durchgegangen wäre, würde er nicht so verlebt aussehen. Auf dem Fensterbrett dämmerte James’ Yuccapalme vor sich hin. War sie so traurig, weil in Sligo so selten die Sonne schien? Das war James’ Theorie, seine Familie stammte nämlich eigentlich aus Kerry im Süden der Insel, wo es angeblich viel wärmer war ‒ oder lag es daran, dass James ihr zu viel Wasser angedeihen ließ? Letzteres war Emmas Überzeugung, da sie eine Abneigung gegen Zimmerpflanzen hatte. Mit der Ausnahme von Kriminellen sollte man Lebendiges nicht einsperren, fand sie. Grünzeug gehörte nach draußen und sollte sich selber versorgen, im Haus hatte es nichts zu suchen.

Laura hatte in dem bei jeder Bewegung quietschenden Gästestuhl Platz genommen, und James hatte ihr einen Kaffee gebracht. Nun murmelte er irgendwas von »eine rauchen« und verließ diskret den Raum. Wieso musste der eigentlich nicht zum Drogenscreening? Nikotin war schließlich bekanntermaßen ein Massenmörder, wohingegen ihr Oxycodon vom Arzt verschrieben war. James versuchte seit Jahren, die Glimmstengel sein zu lassen ‒ und roch doch beständig nach Zigarettenrauch.

»Hallo Laura, sorry, dass ich vorhin nicht ans Telefon gegangen bin, ich war im Auto.«

»Schon okay«, sagte Laura, »Polizei hat Vorbildfunktion, ich weiß schon!« Dabei lachte sie übers ganze Gesicht. Emma war sich nie sicher, ob Laura so gerne lachte, weil ihr Gesicht mit dem überbreiten Mund dazu wie geschaffen war, oder ob Laura so einen fröhlichen Mund hatte, weil sie so gerne lachte.

»Was gibt’s denn so Dringendes?«, fragte Emma, und Laura wurde ernst.

»Schlechte Nachrichten. Der Generalstaatsanwalt hat durchblicken lassen, dass er Paul am liebsten vor den Special Criminal Court in Dublin stellen würde.«

Der Tag wurde immer fürchterlicher. Emma schloss die Augen.

Emmas Kollegen hatten ihren Ex-Mann verhaftet, weil sie der Meinung waren, dass Paul Vaughan ein Operativer der irischen Terrorgruppe Provisional IRA war. Auch in Emmas letztem und übrigens ungelöstem Fall ‒ dem Fitzpatrick-Mord an einem protestantischen Vikar ‒ hatte er nach Auffassung der Kollegen seine Finger dringehabt.

Eamon Kelly, ein arrogantes Arschloch aus der Polizeizentrale in Dublin, hatte die Leitung der Ermittlung übernommen. Dieser Kerl, der beim Blick in den Spiegel regelmäßig ein Genie entdeckte, war der Auffassung, Paul sei ein strategischer Vordenker der IRA ‒ oder von dem, was nach dem Karfreitags-Friedensabkommen von 1998 noch von der IRA und ihren Splittergruppen übrig war. Angeblich hatte die Provisional IRA unter Pauls Anleitung Fitzpatrick umgebracht, weil der als Armeepfarrer für die Briten gearbeitet hatte ‒ so zumindest lautete Eamon Kellys Theorie. Auch gab es Andeutungen im Präsidium, dass Paul von seiner Ex-Frau Emma genug über die Methoden der Kriminalpolizei gelernt haben könnte, um diesen Mord zu inszenieren.

Nun wurde Paul also offenbar direkt als IRA-Mann angeklagt.

Als Emma die Augen wieder aufmachte, sah ihr Laura geduldig ins Gesicht. Emma hatte sie gebeten, Pauls Verteidigung zu übernehmen, und fragte nun ungläubig:

»Vor dem Special Criminal Court wird doch gegen Staatsfeinde und organisierte Kriminalität verhandelt?«

»Genau, das könnte einen Terroristen-Prozess geben.«

»Scheiße!«, sagte Emma.

»Scheiße«, bestätigte Laura.

»Paul als Stratege der IRA! Wer das glaubt, wird selig. Und mit der Fitzpatrick-Nummer hat er auch nichts zu tun, das weiß ich sicher, zu hundert Prozent«, sagte Emma. »Das wird sich früher oder später auch so herausstellen.«

Kurz blitzte ein trauriges Frauengesicht mit einem dicken, roten Zopf über der Schulter in Emmas Kopf auf. Sie verdrängte es jedoch sofort.

»Kann schon sein«, entgegnete Laura. »Laut Offences Against the State Act von 1939 reicht es, wenn die Polizei sagt, dass jemand Terrorist ist, um ihn vor den Special Criminal Court oder SCC zu bringen«, sagte Laura. »Genau das tun Kelly und die Dubliner Kollegen. Deswegen ist mir der Fall auch eine Nummer zu groß. Ich bin eine Wald-und-Wiesen-Anwältin, keine Strafrechts-Bulldogge. Wenn Paul wirklich ein IRA-Mann war … Das ist mir zu heiß. Einen Terror-Prozess führen, das kann ich nicht.«

»Da steckt Eamon Kelly, dahinter«, stöhnte Emma. »Dabei ist seine komplette Theorie Schwachsinn.«

Emma hatte gute Argumente für ihre Auffassung, dass Kellys Annahmen ein Haufen Bullshit waren: Fitzpatrick war bei seiner Ermordung längst pensioniert gewesen ‒ wenn die Republikaner dem alten Pastor ans Leder gewollt hätten, wäre das schon vor Jahren passiert. Außerdem bombte oder schoss die IRA ‒ Fitzpatrick war jedoch in seinem eigenen Haus hinterrücks erwürgt worden. Aber vom Modus Operandi mal ganz abgesehen: Selbst wenn die Terroristen neue Methoden angewandt hätten, ihr Ex war einfach nicht schlau genug, zum Obertaktiker organisierter Kriminalität zu werden. Paul hatte intellektuell schon genug damit zu tun, seine Saathandlung plus Haushaltswarengeschäft am Laufen zu halten. Kurz und gut: Fitzpatricks Erdrosselung hatte andere Hintergründe, aber Kelly war zu selbstverliebt und überheblich, um die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen.

Laura fuhr sich mit den Händen durch ihre Lockenpracht und verzog den vollen Mund, der nun gar nicht mehr fröhlich aussah. »Wie auch immer. Da muss jedenfalls ein Strafrechtsspezialist für dicke Fische ran, am besten aus einer großen Dubliner Rechtsanwaltskanzlei.«

»Das wird teuer. Wer soll das bezahlen?«

Laura schwieg betreten und sagte dann: »Der Mann ist der Vater deines Sohnes, da musst du jetzt ausnahmsweise mal mit Paul an einem Strang ziehen. Egal, was es kostet.«

»Kannst du mir jemanden empfehlen?«, wechselte Emma das Thema.

»Ja, ich hab schon einen Kandidaten im Visier. Andrew Shannon. Wir haben zusammen studiert. Aber während ich Daddys Kanzlei hier auf dem platten Land übernommen habe, ist er in Dublin zum Staranwalt herangewachsen. Der ist genau der Richtige für Pauls Fall.«

»Staranwalt. Wie das schon klingt!«, sagte Emma.

»Andrew war früher echt okay. In letzter Zeit hatte ich nicht mehr so viel Kontakt mit ihm, der arbeitet rund um die Uhr, und ich weiß nicht, wie er sich entwickelt hat. Aber ich fand ihn immer nett ‒ und ob du ihn magst oder nicht, ist nun wirklich irrelevant. Paul braucht Hilfe, oder der Vater deines Sohnes sitzt die kommenden 15 Jahre hinter Gittern.«

»Shannon ‒ protestantischer Name, oder?«, fragte Emma nach.

»Ja, genau«, sagte Laura, die selber katholisch war, wie 97 Prozent der Bewohner Sligos. »Wenn du einen Katholiken nimmst, denken alle, der steht der IRA nahe und will Paul nur deswegen raushauen, schuldig oder nicht. Ich rate Paul zu einem protestantischen Anwalt wie Andrew, der eher der britischen Seite nahesteht. Dann kommt das Thema Voreingenommenheit erst gar nicht auf.«

»Irland ist einfach komplett bescheuert.« Emma war als Kind irischer Emigranten in New York aufgewachsen, und nun schlug mal wieder die Jugend in Amerika und ihr Unverständnis für »religiöses Gedöns« durch, wie sie die Teilung Irlands in die katholische Republic of Ireland im Süden und in das britisch besetzte, mehrheitlich protestantische Northern Ireland zu bezeichnen pflegte. Warum zwei christliche Gruppierungen bis aufs Blut um ein verregnetes Stück Fels im Atlantik kämpften, konnte man vermutlich nur verstehen, wenn man mit dem kollektiven Irrsinn aufgewachsen war.

Laura hatte jedoch keine Lust, mit Emma zum siebzehnten Mal das Thema Religion in Irland zu diskutieren und ignorierte die Bemerkung.

»Ich rede mit Paul. Irgendwer muss ihm die Neuigkeiten schonend beibringen.« Seitdem das berüchtigte Gefängnis in Sligo Ende der 1950er Jahre geschlossen worden war, saßen Gefangene in Untersuchungshaft oft wochenlang in den Zellen des Sligoer Polizeipräsidiums in der Pearse Road und warteten auf ihre Verhandlung. Und daher verbrachte Emma zum ersten Mal seit Jahren wieder viel Zeit mit Paul unter einem Dach. Wenn auch nicht freiwillig.

Der Besucherstuhl quietschte, Laura machte sich auf den Weg zur Tür und Emma stand auf, um ihre Freundin zu umarmen.

»Ich ruf dich an, sobald ich mit Paul und Andrew gesprochen habe.«

Als die Tür hinter Laura ins Schloss gefallen war, trat Emma ans Fenster und starrte auf die Straße. Draußen stand ihr Kollege und Bürogenosse James in einer Qualmwolke. Leider rauchte er nicht alleine, Aoife Leonard stand bei ihm. Viel zu nahe übrigens für Emmas Geschmack.

Kapitel 2Hass

Es ist, als wäre ich unsichtbar. Wenn Frauen älter werden und die Fettpölsterchen an die falschen Stellen rutschen, werden sie für Männer geradezu durchsichtig. Nicht, dass die Kerle vorher viel wahrnehmen würden, was über Titten und Ärsche hinausgeht. Doch wenn der Sexualreiz einer Frau nachlässt, ist es ganz vorbei. Wie primitiv.

Da drüben kommt eine ganze Herde junger Fußballfans, Bier in der Hand, Schals um den Hals. Grölend. Schubsend. Pickelig. Hosenboden in den Kniekehlen, Eier statt Hirn und Testosteron statt Blut. Losgelassen wie ein Rudel angriffslustiger Hunde.

Wie ich sie hasse!

Zu denken, dass Frauen diese Tiere einst unter Schmerzen geboren und dann ihren Schlaf, ihren Job, ihr Leben auf gegeben haben, um für diese Monster da zu sein. Denn Männer sind Monster. Sobald sie körperlich kräftig genug sind, missbrauchen sie ihre physische Macht. Schlagend. Trinkend. Wieder schlagend. Und fickend. Am liebsten fickend. Egal was, egal wie, egal wen. Ich hab vergewaltigte Sechsjährige gesehen, vergewaltigte Sechzehnjährige, vergewaltigte Sechzigjährige. Und nie war der Kerl schuld. Immer nur die kleine Nixe, die ihn angemacht hat. Verführt hat.

Wie ich die Kerle hasse.

Wir werden geschlachtet von denen, die wir geboren haben. Abgewiesen von denen, die wir gefüttert haben. Angegriffen von denen, die wir beschützt haben. Doch ich habe begriffen, was ich tun muss. Sonst tut es ja keiner. Ab sofort ist Schluss ‒ und Wohl denjenigen, die unsichtbar bleiben.

Kapitel 3Desinfektionsmittel und Kohl

Emma parkte ihren himmelblauen Peugeot auf dem großen Parkplatz hinter Sligos General Hospital, wo sich die Bäume wunderbar lindgrün nach Frühlingssonne sehnten, und machte sich auf den Weg ins Krankenhaus. Aus dem Himmel fielen vereinzelte Tropfen, landeten auf Blättern, rutschten weiter ins satte Gras. An der Rezeption ließ sie sich erklären, wo sie für ihren Gesundheitstest plus Blutabnahme hinmusste. Sie war schon oft im Sligo General gewesen ‒ nach ihrem Unfall sowieso und dann dienstlich, um die Opfer von Messerstechereien oder Schusswunden zu vernehmen. Gelegentlich auch privat, wenn sich Stevie beim Sport mal wieder irgendwas ausgerenkt oder angebrochen hatte. Teenager! Dennoch verlief sie sich immer wieder in dem unübersichtlichen Bau, der über die Jahre so viele An- und Umbauten erlebt hatte, dass keiner mehr so recht wusste, wo nun eigentlich der Kern des Krankenhauses lag. Im Übrigen wurde die ebenerdige Etage hier als »drittes Stockwerk« bezeichnet, was die Orientierung nicht leichter machte ‒ lag der erste Stock in der Logik der Klinik doch zwei Etagen unter der Erde.

Emma wanderte die im diskreten Charme der 1970er Jahre gehaltenen Gänge entlang und versuchte, den Geruch nach Krankheit, Kohl und Desinfektionsmitteln zu ignorieren, brachte der doch die Erinnerung zurück an die vom Schmerz verzerrten Wochen nach ihrem Unfall.

Als sie etwas zu schnell und zu scharf um eine Ecke bog, stieß sie hart mit einer Frau zusammen. Die ließ vor Schreck ihre Tasche fallen, aus der prompt verschiedene Tuben und Fläschchen kullerten.

»Oh, das tut mir leid«, stammelte Emma und bückte sich, um das Durcheinander wieder einzusammeln.

»Es ist ja nichts zerbrochen«, sagte die andere kühl und ging ebenfalls in die Hocke, um nach ihren Sachen zu greifen. Als der ganze Kram wieder in dem selbstgestrickt wirkenden Beutel der großen dünnen Frau verstaut war, nickte sie Emma zu und machte sich auf den Weg. Emma sah ihr nach: langes, graues Haar, langer, wallender Rock, darüber verschiedene Schichten unterschiedlich langer Hemden und Tuniken, alles in verschiedenen Grüntönen. Eine Kräuterhexe wie aus dem Bilderbuch. Nur Besen und Katze fehlten. Und das in einer modernen Klinik. Was es nicht alles gab!

Emma misstraute allem, was nach Esoterik, New Age und Gesundbeterei roch, als Quacksalberei, aber der herbe Kräuterduft, der ihr im Umfeld dieser Frau in die Nase stieg, war nicht unangenehm, sondern im Gegenteil deutlich besser als der schulmedizinisch einwandfreie Krankenhausmuff.

Als Emma erneut versuchte, sich in der verbauten Klinik zu orientieren, stand ihr plötzlich Michael McCaffrey gegenüber, der Ehemann ihrer Freundin Laura. Sligo war mit seinen 25 000 Einwohnern so klein, dass Emma ständig Menschen in die Arme lief, die sie kannte. Dennoch hätte Emma Michael in seinem grünen Chirurgenkittel, den Mundschutz noch halb vors Gesicht gezogen, mit dem dicken, graumelierten Schopf unter dem Hygieneschutz fast nicht erkannt. Doch er erkannte sie.

»Emma! Dich schickt der Himmel! Ich hab gerade an dich gedacht!«

»Hallo Michael, das ist ja das reinste Familientreffen heute, deine Frau war gerade bei mir auf der Wache«, entgegnete Emma überrascht.

Wieso hatte Michael an sie gedacht? Sicher nicht, weil sie Paul eingesperrt hatten, denn die beiden Männer waren nie so recht warm miteinander geworden. Emmas Ex war ein sportbegeisterter Hüne, der zu viel trank, während Michaels Idee von Freizeit in einem langen Bad, einer Tasse Tee und einem guten Buch bestand. Hätte sie bloß einen wie Michael geheiratet, der ihr Gedichte von Seamus Heaney vorgetragen hätte, statt sie so wie Paul nach Belieben zu verdreschen.

Michael zog sich den Mundschutz vom Kinn vollends auf die Brust. »Was machst du hier? Hast du ein paar Minuten für mich?«

»Jetzt nicht, ich bin schon zu spät für einen Gesundheitstest. Anweisung vom Chef, Polizisten müssen immer mal wieder ihre Fitness unter Beweis stellen«, entgegnete Emma.

»Kannst du danach bitte kurz bei mir im Büro vorbeikommen? Ich muss dich dringend was fragen.«

Michaels Augen musterten sie eindringlich. Offenbar hatte die Sache mit dem Gesundheitstest genauso verwirrt und sorgenvoll geklungen, wie Emma zumute war.

Sie versuchte, den Knoten in ihrem Bauch einfach wegzulächeln. »Nach meinem Termin komme ich vorbei. Das heißt, wenn ich deine Bude wiederfinde, ich verlaufe mich in diesem Kasten hier immer.«

Emma hatte ohne Widerworte einen blauen Klinikkittel angezogen, der hinten offen war und sie frösteln ließ, hatte brav unterschrieben, dass die Polizeibehörde als ihr Arbeitgeber die Testergebnisse sehen durfte, den Arm hingehalten und sich abnehmen lassen, was wie ein halber Liter Blut aussah. Wozu brauchten die bloß so viel? Dann hatte sie sich widerstandslos abklopfen, abhören und verdrahten lassen, war geradelt und auf dem Ergometer herumgelaufen, bis ihr der Schweiß in die Augen troff. Anschließend hatte die Krankenschwester sie nach Hause geschickt. Auf Emmas Frage, ob denn alles okay sei, hatte sie nicht reagiert.

»Wir schicken den Bericht ins Präsidium«, meinte sie knapp.

Den letzten Gesundheitscheck für die Polizei hatte Emma noch vor der Polizeischule in Templemore über sich ergehen lassen. Aber das war vor ihrem Unfall gewesen, vor ihrer Scheidung ‒ und vor dem Oxycodon.

Nun stand sie wieder in der winzigen Umkleidekabine und wischte ein Loch in die Kondensation, die ihr heiß gelaufener Körper auf den Spiegel zauberte. Sie betrachtete sich und sagte »Idiotin!« zu ihrem Spiegelbild. Langsam überzog sich das Glas wieder mit Dampf, und Emmas Konterfei verschwand im Nebel. Das war ihr nur recht.

Nach ein paar Irrläufern hatte sie Michaels kleines Büro gefunden. Ärzte in Irlands öffentlichem Gesundheitssystem hatten noch schäbigere Arbeitsräume als irische Polizeibeamte, wie Emma traurig feststellte. Michael war ein geachteter Chirurg, der vielen Menschen im Umkreis von mehr als 100 Kilometern das Leben gerettet hatte, und musste trotzdem mit einer winzigen Kammer klarkommen:

Sechs Quadratmeter mit spuckgrünem Linoleum und wackeligen Regalen.

»Magst du einen Kaffee?«

Emma lehnte dankend ab, sie wollte eigentlich nur noch nach Hause in den Doorley Park. Duschen, Tee machen. Füße hoch. Oxy einwerfen. Michaels Bitte war sie nur nachgekommen, weil sie ihn um ein neues Rezept angehen wollte ‒ wenn sie schon mal hier war.

»Was kann ich für dich tun, Michael?«

Michael guckte ein wenig hilflos in seinem Büro herum, als könnte er in den mit Papierkram vollgestopften Ecken die richtigen Worte finden. Offenbar mit wenig Erfolg.

»Ich glaube, wir haben einen Todesengel auf der Station«, platzte er heraus.

Emma rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her und versuchte, ihr Unbehagen in einen Witz zu verwandeln: »Was soll das sein? Ein Geist, der Menschen mitnimmt? Damit ist die Polizei überfordert!«

Michael verzog das Gesicht. »In den vergangenen Monaten sind acht Patienten auf meinen Stationen gestorben, darunter einige, die wirklich gute Chancen gehabt hätten, hier auf zwei Beinen wieder rauszulaufen. Irgendjemand oder irgendetwas sorgt dafür, dass sich die Leute nicht erholen, sondern plötzlich tot in ihren Betten liegen.«

»Hast du das medizinisch untersucht?«

»Ja, klar. Meist kommen ältere Patienten ums Leben. Herzstillstand. Auch wenn es zuvor keine dramatischen kardiologischen Beschwerden gab.«

»Du meinst, die sterben an einer Krankheit, die sie gar nicht hatten?«

»So könnte man es ausdrücken, ja.«

Emmas Stimmung sank.

»Irgendwas Auffälliges gefunden? Fehlt was in der Apotheke?«

»Nein. Das habe ich alles schon möglichst unauffällig untersucht. Es fehlen keine Medikamente, keine Herzmittel, keine Opiate, keine Schmerzmittel. Nichts dergleichen. Es sind auch keine hausfremden Medikamente oder Spritzen gefunden worden. Das Ganze ist mir ein Rätsel, doch mein Gefühl sagt mir, die Sache stinkt.«

»Ist die Klinikleitung informiert?«

»Ja, aber die will das naturgemäß herunterspielen. Die Sesselpupser fürchten sich vor juristischen Konsequenzen. Unterlassene Hilfeleistung, mangelnde Sorgfaltspflicht, was weiß ich. Blabla. Mit der Juristenlingo kennt Laura sich besser aus.«

»Michael, wenn du so einen schweren Verdacht hast, musst du das offiziell machen. Sonst ist das am Ende tatsächlich ein Vergehen. Ein schlauer Rechtsverdreher könnte dir im Auftrag der betroffenen Angehörigen sogar Beihilfe zum Mord anhängen.«

»Deswegen wollte ich ja mit dir reden, Emma. Und fragen, wie wir das offiziell machen ‒ ohne dass gleich die ganze Journalistenmeute auf uns einprügelt«, sagte Michael.

»Okay. Ich gehe jetzt nach Hause und werde darüber nachdenken. Morgen informiere ich meinen Chef und spreche mit den Kriminaltechnikern. Dann komme ich offiziell zurück, und wir nehmen den Laden auseinander. Wenn hier wirklich eine Pflegekraft oder ein Arzt Patienten umbringt, finden wir das raus. Versprochen.«

Michael nickte dankbar.

»Gestern Nacht ist übrigens wieder eine alte Dame gestorben, der ich gute Chancen auf noch ein paar angenehme Jahre gegeben hätte.«

»Dann behalte die Frau auf jeden Fall in der Leichenhalle. Die soll sich unser forensischer Pathologe mal genauer ansehen.«

»Okay. Kein Problem. Aber mach schnell, die Familie will mit den Vorbereitungen für die Beerdigung anfangen.«

Emma nickte. Beerdigungen waren in Irland ungeheuer wichtig, so ähnlich wie in anderen Ländern Hochzeiten ‒ und sie fanden ziemlich prompt nach einem Todesfall statt. Oft mussten Exil-Iren über Nacht aus England oder den USA anreisen, um ihre Verwandten zu beerdigen, so eilig hatten es die Leute, die Toten unter die Erde zu bringen.

In der Tür drehte Emma sich noch mal um und sagte fast beiläufig: »Bevor ich gehe … kannst du mir bitte noch ein Rezept ausstellen? Ich habe manchmal starke Schmerzen, die auf den alten Autounfall zurückgehen. Dann nehme ich Oxycodon.«

»Ich weiß ‒ und ich hab dir schon mehrfach gesagt, das Zeug ist keine Dauerlösung«, entgegnete Michael. »Das ist ein Opioid und hat enormes Suchtpotential. Es gibt Studien aus den USA, dass dort die Zahl der Suchtkranken massiv zugenommen hat, seitdem sie den Wirkstoff 1996 als Oxy-Contin zugelassen haben. Manche reden inzwischen von einer Verdreifachung der Drogentoten. Wir müssten dich mal gründlich untersuchen, röntgen vor allem. Vielleicht können wir operativ was machen. Auf jeden Fall musst du eine Schmerztherapie machen. Du kannst doch nicht ein Leben lang solche Hammerdinger schlucken!«

»Noch eine OP? Ich hab schon einige hinter mir. Mit begrenztem Erfolg.«

Emma starrte Michael an, bis er nachgab und sein Blöckchen zückte.

»Hier hast du was, aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt vor dem Zeug!«

Als Emma nach Hause kam, donnerte U2 aus Stevies Zimmer. Die Musik der Dubliner Band war Irlands wichtigster Exportartikel, erfolgreicher noch als Guinness-Bier oder Jameson-Whiskey. An den herumliegenden Schuhen sah sie, dass Stevie nicht alleine war. Pinke Turnschuhe in Größe 38 waren definitiv nicht Stevies Sache. Sophie, seine Freundin, war also ebenfalls im Haus. Wegen dieser Beziehung der Kinder war Emmas Ex Paul noch vor ein paar Wochen völlig ausgeflippt. Hatte herumgeschrien, dass die »kleine Schlampe« seinem Goldjungen nur einen Balg anhängen würde.

So wie Emma ihm damals in New York. Nach dem Abitur wollte ihr nicht so recht einfallen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte, und da ihren irischen Eltern der geplante wirtschaftliche Neustart in Amerika nie so ganz gelungen war und sie ihre Tochter finanziell nicht weiter unterstützen konnten oder wollten, hatte Emma ziemlich ziellos herumgejobbt. Schließlich hatte sie sich in Joe Bradys Irish Pub in der Maiden Lane als Kellnerin beworben. Beim Vorstellungsgespräch vor Ort hatte der Wirt Emma nicht geglaubt, dass sie tatsächlich Irin war, klang sie doch als Kind der verwahrlosten Lower East Side so amerikanisch wie nur irgendeine US-Göre. Da hatte sich ein gutgewachsener Hüne mit lachenden Augen ins Gespräch eingemischt, der zuvor schweigend hinter dem Tresen Gläser poliert hatte. »Die ist wirklich aus Irland, Boss. Das kannst du glauben, und den richtigen Akzent bringe ich ihr auch noch bei, keine Sorge.«

Der Alibi-Ire, der Joe Bradys Pub wenigstens einen Hauch von Glaubwürdigkeit verleihen sollte, hieß Paul Vaughan.

Zudem war er protestantisch und stammte genau wie Emmas Eltern aus der Grafschaft Sligo. Am Ende brachte Paul ihr noch viel mehr bei als einen irischen Akzent. Die daraus resultierende Schwangerschaft nahm Paul ihr jedoch fast so übel wie Emmas Vater, der seiner Tochter daraufhin nie mehr wirklich vertraut hatte.

Dass Paul sie geheiratet hatte, erfüllte Emma immer noch mit Dankbarkeit, denn selbst Ende der 80er Jahre war die Schwangerschaft eines unverheirateten Mädchens in irischen Kreisen ein echter Skandal. New York allerdings hatten sie verlassen müssen, denn erstens konnten sie sich die Mieten der Metropole nicht leisten und zweitens kriegte so auf beiden Seiten des Atlantiks kaum einer mit, dass Emma ein »gefallenes Mädchen« war.

Schließlich war das junge Paar in Sligo gelandet, wo Paul die elterliche Saathandlung übernommen hatte. Genau vor diesem Schicksal war er jedoch ursprünglich in die USA geflüchtet, und entsprechend traurig und frustriert reagierte er nun darauf, dass er nicht als erfolgreicher, wohlhabender Hotelier wie in seinen Träumen nach Sligo zurückgekehrt war, sondern als abgebrannter Loser mit einer schwangeren Frau im Schlepptau.

In den Wohnräumen über dem Geschäft verdampfte Pauls Charme dann auch so schnell wie irischer Morgennebel in der Mittagssonne, und Emma hatte Pauls Fäuste mehr als genug zu spüren bekommen. Eheliches Glück sah anders aus.

Zum Glück saß der Choleriker nun unter Terrorismusverdacht in Untersuchungshaft, hatte andere Sorgen und ließ Emma und Stevie zufrieden. Dennoch ‒ eine Teenager-Schwangerschaft im eigenen Haus war das Letzte, was Emma gebrauchen konnte. Schwangerschaftsabbruch war in Irland schließlich immer noch von der Verfassung verboten, und die Katholiken sorgten engagiert dafür, dass das auch so blieb. Also hatte sie Stevie Kondome in die Hand gedrückt, doch der war nur rot geworden und hatte herumgestottert. Ihr großer Junge war doch noch ein Kind.

Irgendwann würde Emma ihm sagen müssen, welche Verdachtsmomente gegen seinen Vater bestanden. Bei dem Gedanken war ihr ganz und gar nicht wohl.

Sie ging nach oben, klopfte vernehmlich und öffnete die Tür zum Kinderzimmer. Stevie und Sophie lagen tatsächlich auf dem Bett ‒ allerdings vollständig angezogen und mit der Nase in Bücher vertieft.

»Hi, du bist ja heute schon früh da«, wurde Emma von ihrem Sohn begrüßt. Sofort war sie wieder vom schlechten Gewissen der berufstätigen Mutter erfüllt. Nie zu Hause!

»Was für ein Radau!« Genau wie Stevie liebte Emma U2 ‒ aber nicht in der Lautstärke eines Düsenjägers. Zum Glück war die alte Mrs. Corrigan von nebenan fast taub.

Stevie drehte den röhrenden Bono leiser und grinste.

»Hallo Mama ‒ haste den schon gehört: Was ist der Unterschied zwischen Gott und Bono?«

»Der Unterschied zwischen Gott und Bono?«, sagte Emma. »Keine Ahnung. Sag du es mir.«

»Gott läuft nicht durch Dublin und denkt, er sei Bono.«

Emma musste lachen, und die Kinder giggelten mit. Bono hatte in der Tat fast göttlichen Status in Irland.

»Und was ist hier sonst so los?«, erkundigte sich Emma.

»Wir lernen Mathe!« Stevie hatte unlängst miserable Noten nach Hause gebracht ‒ ein weiterer Grund für Pauls Vorwürfe gegen Emma als »unfähige Mutter« und Öl auf dem Feuer ihres schlechten Gewissens.

»Soph hilft mir.«

Sophie war in Stevies Parallelklasse und gut im Jonglieren von Zahlen.

»Fabelhaft.« Emma war ehrlich beeindruckt. »Da spare ich ja ein Vermögen an Nachhilfestunden. Da könnte ich euch ja einen ausgeben. Wie wär’s mit Pizza? Oder lieber Chinesisch?«

Die puppenhaft hübsche und in Emmas Augen unglaublich jung aussehende Sophie lehnte jedoch ab: »Nee, ich muss nach Hause zum Essen. Sorry. Sonst dreht mein Vater wieder durch!«

Noch so ein Wüterich, der seine Lebensängste an Kindern im Teenager-Alter ausließ.

Nach dem Besuch im Krankenhaus war Emma trotz ihrer Sehnsucht nach einer Dusche doch noch zur Wache zurückgefahren und geradewegs ins Büro ihres Chefs marschiert.

»Und? Wie waren die Tests?«, fragte Murry.