Sea Side Story - Stefanie Neeb - E-Book

Sea Side Story E-Book

Stefanie Neeb

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Beschreibung

Forbidden Love! Eigentlich wollte Luz mit ihrem Bruder nach dem Abi einen Roadtrip durch Europa machen. Doch als dieser Traum unverhofft platzt, fährt sie stattdessen nach Cadilla, einen malerischen Küstenort in Spanien, um dort über den Sommer als Rettungsschwimmerin zu arbeiten. Fremde Leute, eine neue Umgebung – eigentlich nicht so ihr Ding. Doch als Luz gleich an ihrem ersten Tag Rico begegnet, hebt sich ihre Stimmung sofort. Denn komischerweise fällt es Luz bei dem selbstgefälligen Surfer überhaupt nicht schwer, einfach draufloszureden. Ganz im Gegenteil, zwischen den beiden fliegen von Beginn an immer wieder die Fetzen – und die Funken. Bis klar wird, wer – oder eher was – Luz eigentlich ist, und sich schlagartig alles ändert. Denn  ganz so friedlich, wie Cadilla auf den ersten Blick wirkt, ist der Ort nicht. Über den Strand zieht sich eine rote Linie. Es gibt die Rettungsschwimmer und es gibt die Surfer. Seit Jahren herrscht zwischen ihnen eine offene Feindschaft. Und Luz gerät unfreiwillig zwischen die Fronten … Eine schlagfertige Young Adult Romance – gefangen zwischen Loyalität und Liebe.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Stefanie Neeb

Sea Side Story

Forbidden Love!

Eigentlich wollte Luz mit ihrem Bruder nach dem Abi einen Roadtrip durch Europa machen. Doch als dieser Traum unverhofft platzt, fährt sie stattdessen nach Cadilla, einen malerischen Küstenort in Spanien, um dort über den Sommer als Rettungsschwimmerin zu arbeiten. Fremde Leute, eine neue Umgebung – eigentlich nicht so ihr Ding. Doch als Luz gleich an ihrem ersten Tag Rico begegnet, hebt sich ihre Stimmung sofort. Denn komischerweise fällt es Luz bei dem selbstgefälligen Surfer überhaupt nicht schwer, einfach draufloszureden. Ganz im Gegenteil, zwischen den beiden fliegen von Beginn an immer wieder die Fetzen – und die Funken.

Bis klar wird, wer – oder eher was – Luz eigentlich ist, und sich schlagartig alles ändert. Denn ganz so friedlich, wie Cadilla auf den ersten Blick wirkt, ist der Ort nicht. Über den Strand zieht sich eine rote Linie. Es gibt die Rettungsschwimmer und es gibt die Surfer. Seit Jahren herrscht zwischen ihnen eine offene Feindschaft. Und Luz gerät unfreiwillig zwischen die Fronten …

Eine schlagfertige Young Adult Romance – gefangen zwischen Loyalität und Liebe.

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Vita

Personen

Rettungsschwimmer

Carlos

Mariela

Juan

Daan

Karla

Luz

Surfer

Mauro

Carmela

Rico

Maria

Estela

Paco

Ramón

PROLOG

Rico

Um mich herum nur schwarzes Meer.

Ich stütze meine Arme auf das Surfbrett und starre hoch zur Klippe. Zu den flackernden Lichtern, die den dunklen Himmel erleuchten und die Baustelle wie eine düstere Burg erscheinen lassen.

Die Wellen tragen mich, es ist ein gleichmäßiges Auf und Ab. Die Burg verschwindet und taucht wieder auf, im Takt der Musik, die über das Meer weht. Oben wird gefeiert. Unten … sterben wir aus.

Mir ist kalt.

Es liegt nicht am Wasser. Die Kälte steckt in mir. Seit einem Jahr ist sie da und frisst sich durch meine Brust.

Wir müssen uns dem Tourismus öffnen und nach vorne blicken.

Einen Scheiß müssen wir!

Meine Hände verkrampfen sich und ich presse die Zähne zusammen, so fest, dass es wehtut. Heute vor einem Jahr kamen die großen Baufahrzeuge und haben mir alles genommen. Erst unsere Finca, dann die Olivenplantage. Ich höre noch immer das Schreien der Bäume, trage es in mir – zusammen mit der Kälte.

»Rico?« Maria taucht wie aus dem Nichts auf ihrem Brett neben mir auf.

»Was willst du?«, pampe ich sie an.

»Sehen, ob du noch lebst?« Sie ist ganz außer Atem. »Waren ein paar tolle Wellen dabei! Aber du liegst hier nur rum.«

»Was dagegen?«

Sie greift nach der Spitze meines Bretts – etwas, das nur Maria darf – und zieht mich zu sich. »Ist mir egal, wie scheiße du dich grade verhältst, aber nicht, wie scheiße es dir geht, okay?«

Ich spüre, wie sich meine verkrampften Kiefermuskeln etwas entspannen. Sie hat es nicht verdient, meinen Ärger abzukriegen, also reiße ich mich zusammen.

»Sie sind alle hochgegangen, hast du gesehen? Daan, Antonio, sogar Juan.« Seinen Namen spucke ich fast aus.

»Ach komm, Rico. Das Richtfest ist eine riesige Party. Was hast du erwartet?«

Dass zumindest Juan nicht hingeht? Wie kann er in der Betonfestung feiern, obwohl er früher zwischen den Olivenbäumen gespielt hat? Bei jeder Ernte dabei war? Jeden Felsen da oben kennt?

Gänsehaut breitet sich auf meinen Unterarmen aus, ganz plötzlich, und zieht sich hoch bis in meinen Nacken. Dieses Mal ist es nicht die Wut in mir, es ist eine Welle! Die Welle, auf die ich gewartet habe. Sie baut sich auf. Ich spüre unter mir, wie sich die Strömung verändert.

»Die nehmen wir!« Auch Maria fühlt es.

Ich nicke und spähe über die Schulter zu den anderen. Zu Mauro, Paco, Estela. Sie sind genauso bereit wie wir.

»Los geht’s!« Ich beginne zu paddeln. Die Welle kommt. Eine A-Frame-Wave. Eine, die von beiden Seiten zu reiten ist. Gut so, denn wir wollen sie alle!

Ich erhöhe das Tempo, muss näher ran. Ich brauche den Moment, in dem sie bricht. Meine Muskeln lauern, spannen sich an. Irgendjemand ruft was, doch in meinem Kopf ist nur noch Platz für das Rauschen. Adrenalin pumpt durch meine Adern, und mit einem letzten Paddelzug bin ich da, auf dem Peak. Ich springe auf die Füße. Das Brett schießt los, Wasser spritzt mir entgegen und – ich lebe.

Ich setze zum ersten Turn an, da rauscht Paco an mir vorbei – viel zu dicht! Er schwankt, es haut ihn raus, ich aber halte das Gleichgewicht. Der Wind pfeift mir ins Gesicht, ich schmecke das Salz auf meinen Lippen. Weiter, ich will alles und gehe hart ran. Den Aerial Reserve! Ich fliege, lande und schreie alles raus, in das Tosen der brechenden Welle.

Sie trägt mich bis fast an den Strand. Mein Herz rast und ich sauge die Luft tief in meine Lunge. Einen Moment lang fühle ich mich befreit.

Das hier nimmt mir keiner!

Wenn du kein Zuhause mehr hast, bleibt dir das Meer.

Mir bleibt es noch diesen Sommer …

»Rico!« Es folgt ein Schwall an Flüchen. Ich springe vom Brett und drehe mich um. Hinter mir steigt Mauro aus den Fluten – ein Gott des Meeres, breit und riesig. »Für dich ist hier Schluss!«

»Was?«

Er tritt gegen mein Brett, die Leine, an dem es befestigt ist, reißt an meinem Knöchel und mich fast von den Beinen. »Geht’s noch? Was soll das?« Ich will mich wegdrehen, ich will wieder aufs Brett und hinauspaddeln, doch Mauro stellt sich mir in den Weg. »Du weißt, dass das ein No-Go ist!«

»Paco ist mir in die Quere gekommen. Er war selbst schuld.«

»Blödsinn. Du hast ihn geschnitten! Mach Schluss, bevor du dich oder jemand anderen verletzt.«

Ich starre auf die Tattoos, die seine gesamte Haut bedecken. Mauro war schon immer der Chef unserer Truppe. Sein Wort ist Gesetz – normalerweise.

»Ich meine es ernst.« Seine Stimme klingt jetzt weicher. »Wir haben alle Verständnis, okay? Das ist heute ein Scheißtag für dich. Hör einfach auf. Mit Wut im Bauch aufs Wasser, das geht selten gut aus.«

Einmal angesprochen, ist die Wut wieder da. Ich nicke, auch wenn sich alles in mir dagegen sträubt, und ziehe mir mein Brett ran. Sobald Mauro weg ist, schließe ich meine Finger um den Anhänger meiner Kette – die Kugel aus Olivenholz, das Abschiedsgeschenk meiner Schwester. Mit einem Ruck reiße ich mir die Kette vom Hals und schleudere sie ins Meer.

»Hey!« Am Strand holt Maria mich ein, ihre Hand schiebt sich in meine, aber ich schüttele sie ab. Nicht, weil ich das nicht mag. Ich habe Angst, dass ich sie zerdrücke.

Schweigend gehen wir über den Sand. Im Strandhaus der Rettungsschwimmer brennt noch Licht, auf dem Balkon hebt sich eine dunkle Silhouette vor dem nachtblauen Himmel ab. Es muss Carlos sein, der selbst ernannte »Wächter der Bucht«.

Ich zeige ihm den Mittelfinger.

Fucking traidores!

Die Verräter in ihren roten Shorts sind für uns ein rotes Tuch. Und nicht nur das, über den ganzen Strand zieht sich eine rote Linie. Es gibt die Rettungsschwimmer, und es gibt uns. Die Surfer. Jeder hat sich für eine Seite entschieden. Und niemand überschreitet diese Linie, es sei denn, er will richtig Stress!

1. KAPITEL

Luz

Ich nehme das Schild mit der Aufschrift »Cerrado – geschlossene Gesellschaft« von der Tür und hänge es zurück an seinen Platz hinter der Theke. Hier herrscht auf dem Tresen noch das reinste Chaos: leere Flaschen, stapelweise dreckige Teller, halb volle Gläser, in denen vereinzelt Konfettischnipsel schwimmen. Die Party ist vorbei, es ist nach Mitternacht. Aber kann ich das echt alles so stehen lassen?

Du sollst den letzten Abend mit deinen Freunden nur genießen!

Ich spüre Tränen in mir aufsteigen. Mit der Abschiedsfeier haben meine Eltern mich total überrascht. Und ich kann es immer noch nicht glauben, dass sie dafür extra das Restaurant geschlossen haben. An einem Freitagabend, an dem wir normalerweise ausgebucht sind. Wir müssen gerade echt kämpfen, nicht nur mit den steigenden Kosten, uns fehlt an allen Ecken und Enden Personal. Und trotzdem haben sie es geschafft, die Party hinter meinem Rücken zu organisieren.

Ich wische mir über das Gesicht und schaue in den dunklen Gastraum. Auch wenn er jetzt leer ist und die Stühle auf den Tischen stehen, höre ich noch immer die vielen Stimmen, das ausgelassene Lachen, die lieben Wünsche.

»Genieß die Zeit, Luz!«

»Hab Spaß!«

»Rette Leben – aber vergiss uns nicht!«

Als ob das passieren könnte. Ich fange an, die Teller vorzuspülen, und horche dabei in mich hinein.

Freue ich mich auf Spanien? Ja!

Habe ich Schiss? Ja!

Werde ich das alles hier vermissen? Meine Familie, meine Freunde, das Restaurant? Auf jeden Fall!

Zwei Monate. Ich war noch nie so lange weg, schon gar nicht allein, und ich kenne in Cadilla außer meinem Onkel niemanden. Neue Leute – nicht gerade meine Stärke. Dafür darf ich das tun, was ich liebe: den ganzen Tag lang schwimmen. Und im Notfall Leben retten.

Mein Blick wandert zu dem riesigen Luftballon, der mit einem Band an einer Flasche Sonnencreme befestigt ist und über meinem Geschenketisch in der Luft schwebt. Auf dem Ballon prangt ein typisches Baywatch-Girl. Im roten Badeanzug und mit einem Surfbrett unter dem Arm rennt es über den Strand. Ein Geschenk von Javi. Von wem auch sonst? Lächelnd schüttele ich den Kopf. Das Mädchen könnte tatsächlich ich sein. Rotbraune lange Haare, dunkle Augen, ein schmales Gesicht – nur ist der Rest von ihr alles andere als schmal. Sie hat Kurven da, wo ich keine habe. Von der Figur her wäre ich eher das Brett.

»Ist die Party schon vorbei?«

Ruckartig fahre ich herum. »Mann, Javi! Wie kann man mit ’nem Rollstuhl nur so schleichen?«

»Reine Übungssache. Aber …« Mit hochgezogener Augenbraue schaut sich mein Bruder im Gastraum um. »Hast du etwa doch geputzt?«

»Ne! Also … das waren Leon und Max. Sie haben abgeräumt und die Stühle hochgestellt.« Dass ich währenddessen die ganze Zeit versucht habe, irgendwie das Konfetti vom Boden zu kratzen, verschweige ich lieber und stelle auch möglichst unauffällig das Wasser ab.

»War es denn noch gut?« Javi rollt weiter und nimmt sich eine Flasche Limo.

»Ja! Du hast aber nicht mehr viel verpasst.« Nach seinem Rückzug vorhin hat sich die Party so langsam aufgelöst. Wenn er geht, fehlt einfach was. Er ist das Herz unserer Clique, seit er die siebte Klasse wiederholen musste und zu uns gestoßen ist. Nicht nur optisch, auch vom Temperament her ist er durch und durch Spanier. Viel mehr als ich. Javi ist es, der Stimmung bringt, der die Welt unterhält. Eigentlich, vorhin aber sah er echt fertig aus.

»Und was machst du noch hier?« Im Schlafshirt und mit total verwuschelten Locken. »Du warst doch schon im Bett, oder?«

»Jup. Aber mein Bein juckt übelst. Und ich brauch ’nen neuen!« Mit zerknirschter Miene hält er einen zerbrochenen Holzkochlöffel hoch.

»Warte, ich hol dir einen aus der Küche!«

»Da sag ich ausnahmsweise nicht Nein!«, murmelt er mir hinterher. Was mir klarmacht, wie schlimm es sein muss. Javi hat sich noch nie gerne helfen lassen – schon gar nicht von mir.

»Sag mal, von wem sind denn die Kondome?«, ruft er mir aus dem Gastraum hinterher, und ich laufe voll gegen den Küchenschrank. Mist! Die Teepackung. Exotic collection steht drauf, nur sind keine Teebeutel drin, sondern eine bunte Auswahl an Kondomen. Klar, dass Javi das sofort gecheckt hat – ich mag gar keinen Tee.

Geräuschvoll lasse ich die Schublade zuknallen. »Da sie nicht von dir sind, bleibt nur eine, oder?«

Javi lacht. »Tatti?«

»Klar!«

Grinsend nimmt er den neuen Kochlöffel entgegen und schiebt ihn vorsichtig unter seinen Gips. »Und? Nimmst du die Dinger mit oder lässt du mir den Tee da?«

Ich will jetzt echt nicht mit Javi über Kondome reden. Ich weiß, wohin das führt. Bei seinem Sexleben habe ich inzwischen den Überblick verloren, meins hingegen findet nicht statt. Und Javi spielt zu gerne meinen Entwicklungshelfer.

»Du kannst ja grad eh nicht«, versuche ich das Thema abzuhaken. Erfolglos. Javis Lippen verziehen sich zu einem frechen Grinsen. »Och, ich denke, auch das ist reine Übungssache.«

Na, super! Bevor mein Kopf mir jetzt Bilder einblendet, die ich definitiv nicht sehen will, schiebe ich Javi einfach aus dem Weg und fange an, die Geschenke in meinen Rucksack zu packen. Den superknappen Tiger-Bikini von Ina und Louise, den Sonnenhut von Tim, den Geldumschlag von meiner Oma, die roten Badelatschen von –

»Spielen wir ’ne letzte Runde?«

»Jetzt noch? Es ist gleich eins!«

Aber Javi ist bereits zur Dartscheibe gerollt und hat sich die Pfeile gegriffen. »Komm schon. Als Abschiedsgeschenk für mich, ja?«

Javis Hundeblick. Verdammt, er weiß genau, wie er mich kriegt. »Okay. Aber glaub bloß nicht, dass ich dich aus Mitleid gewinnen lasse.«

»Wow. Seit wann bist du so herzlos?«

»Reine Übungssache«, antworte ich und wir müssen beide lachen.

Mann, ich werde ihn echt vermissen! Und darf gar nicht daran denken, wo wir jetzt eigentlich wären. Paris, Rom, London, Stockholm. Für unseren Roadtrip nach dem Abi haben wir beide seit Jahren gespart. Um noch Zeit miteinander zu verbringen, bevor es ins Studium geht. Er Architektur in Aachen, ich Wirtschaftspsychologie hier in Köln. Und dann? Holt ihn ein betrunkener Autofahrer vom Rad. Meine Finger schließen sich fest um den Dartpfeil, den Javi mir in die Hand gedrückt hat. Vielleicht treffe ich ja besser, wenn ich mir auf der Scheibe das Gesicht des Autofahrers vorstelle?

Wir einigen uns auf ein kurzes Spiel. Highscore.

Javi fängt an, doch bevor er seinen ersten Pfeil wirft, schaut er noch einmal zu mir. »Wie immer, okay? Wer gewinnt, darf sich was wünschen.«

»¡Sí!« Einen Wunsch hab ich schon, aber nicht für mich. Die ganze Sache mit der Rettungsschwimmer-Staffel in Cadilla hat Javi sich nach dem Unfall überlegt. Er wollte nicht, dass ich den Sommer hier rumhänge und doch wieder nur lerne. Er hat bei unserem Onkel Miguel in Cádiz angerufen und alles mit ihm abgesprochen. Jetzt wünsche ich mir nur, dass Javi wieder ganz schnell auf die Beine kommt und die Zeit bis zur Uni noch irgendwie nutzen kann. Drei Wochen ist der Unfall jetzt her. Javi hat echt Glück gehabt, dass er auf der Motorhaube gelandet und nicht unter die Räder gekommen ist. Trotzdem Trümmerbruch, und der Heilungsprozess ist verdammt langwierig.

»Yes!« Sein Jubel reißt mich aus meinen Gedanken. Er hat tatsächlich die Mitte getroffen. Fünfzig Punkte. Bei ihm keine Seltenheit, aber aus dem Rollstuhl?

Ich hole mir ebenfalls einen Stuhl, um mir später nicht nachsagen lassen zu müssen, ich hätte einen Vorteil gehabt, und ziele auf die Scheibe. Der Winkel ist vollkommen anders, aber ich sehe die Flugbahn vor mir, blende Javis blöde Kommentare aus und … treffe! Mitten ins Bull’s Eye.

»Fuck! Ey, dafür habe ich Wochen geübt.« Ungläubig sieht er mich an.

»Tja, ist halt doch nicht alles nur Übungssache«, ziehe ich ihn auf. Mein nächster Wurf gelingt mir leider nicht so gut, und Javi liegt vorn. Um noch zu gewinnen, bräuchte ich einen Triple.

»Mist!« Mein Pfeil landet haarscharf daneben, und Javi feiert sich mit einer Rollstuhlrunde um sich selbst, bevor er sich plötzlich meine Hände schnappt und ich auf seinem Schoß lande. »Mach dir nichts draus, zorrita! Du solltest mir eher dankbar sein. Wenn mein Wunsch nämlich wirklich in Erfüllung geht, hast du einen verdammt geilen Sommer vor dir.«

»Oh nein!« Das Funkeln in seinen Augen ist eindeutig und ich muss sofort an die Kondome denken. »Vergiss es! Den Tee lasse ich dir da.«

Javi lacht auf. »Das hab ich mir nicht für dich gewünscht. Also nicht direkt.«

»Was dann?«

»Dass du mal deinen Kopf abschaltest und lauter verrückte Sachen machst.«

»Ich soll also Javi spielen?«

»Genau. Und ich mache hier einen auf Luz. Putzen und aufräumen geht mit dem Scheißding nicht. Aber Einkaufslisten schreiben, im Kühlraum alles nach Verfallsdatum sortieren, die Post nach Eingangsstempel, die Rechnungen nach Alphabet …«

Ich schlage Javi auf die Brust. »So schlimm bin ich nicht.«

»Aber fast!«

»Und stattdessen mache ich in Cadilla nur Party, oder was?«

»Zum Beispiel. Oder …«

»Ich lerne surfen!«

Das wäre wirklich verrückt.

Rico

»Mehr Gewicht nach hinten, Bea! Ja, genau so. Und jetzt … Yes!« Sie schafft den Turn, genau auf dem Wellenkamm. Und fällt vor Freude direkt vom Brett.

Egal! Ich halte beide Daumen hoch. Einen Turn, das war ihr Wunsch, und wir hatten nur eine Woche Zeit!

Bea taucht wieder auf, die weißen Haare hängen ihr klatschnass ins Gesicht, doch darunter sehe ich ihr breites Lächeln und kann gar nicht anders, als es zu erwidern. An Bea ist alles breit, ihr Gesicht, ihr Körper. Auch ihre Umarmung, in der ich gerade komplett verschwinde. »Niemals! Niemals hätte ich geglaubt, dass ich das doch noch hinkriege.«

»Ehrlich gesagt, ich auch nicht.«

»Du!« Bea lacht auf und spritzt mir eine Ladung Wasser ins Gesicht.

Gemeinsam kämpfen wir uns aus den Wellen, umrunden die Stände der anderen Surfschulen und steuern unseren Pavillon an. Surf Soler. Die Buchstaben auf dem Stoff sind so verblichen, dass man sie kaum noch lesen kann, aber wenigstens hält die notdürftig reparierte Stange.

Beas Mann sitzt auf einem unserer Klappstühle, strahlt voller Stolz und zeigt ihr gleich sein letztes Video. Er hat ihren Turn erwischt! Samt Sturz ins Wasser. Dann kommt er zu mir und zieht einen Umschlag aus seiner Bauchtasche. Zahltag. Es ist idiotisch, aber irgendwie ist es mir immer unangenehm, Geld anzunehmen. Vor allem bei Menschen wie Bea und Thomas. Sie sind keine typischen Touris, sondern erfüllen sich gerade ihren Rentner-Traum. Mit dem Wohnwagen durch den Sommer – egal wohin. Und da der genauso klapprig aussieht wie der Jeep, mit dem Maria und ich jeden Tag die Bretter hier an den Playa del Paraíso schaffen, kann ich mir denken, dass sie nicht gerade im Geld schwimmen.

»Keine Widerrede, Rico«, mahnt Thomas, der viel zu viele Scheine zückt. »Deine Abrechnung stimmte nicht. Mit heute waren es nicht zehn, sondern zwölf Stunden. Und den Rest steckst du dir so ein.«

Trotz des Schattens spüre ich plötzlich die Wärme der Sonne auf meinem Gesicht und senke den Kopf. Mein Konto ist voll – so voll wie noch nie. Meine Eltern versuchen, sich freizukaufen. Was sie vergessen können!

Das Konto der Familie Soler dagegen ist tief im Minus. Klar also, wohin das Geld wandern wird. »Danke, Thomas!«

Für heute bin ich hier fertig und kann einpacken. Am Jeep klebt kein Strafzettel. Das tägliche Spiel mit dem Glück – heute hat es geklappt. Ich schalte die Musik ein und biege auf die Küstenstraße. Der schwarze Teer, die hellweißen Linien der Straßenmarkierung wirken in der sonnenverbrannten Gegend noch immer so unwirklich. Früher hatte ich eine Staubwolke hinter mir, jetzt hinterlasse ich nichts.

Die Baustelle auf dem Felsen taucht vor mir auf. Und sofort kühlt sich die Luft um mich herum ab. Ich fröstele, erhöhe das Tempo, passe es meinem Puls an. Vielleicht hätte ich gehen sollen, so wie Marias Bruder, anstatt mich hier an etwas festzuklammern, das eigentlich schon verloren ist. Nur wohin? Zu meinen Eltern nach Sevilla sicher nicht.

Ich schaue über die Bucht zur Surferklippe. Wenigstens dieser Flecken ist uns geblieben, der alte Leuchtturm, unsere selbst gebauten Hütten.

Noch diesen Sommer …

Zurück in Cadilla erwarten mich verstopfte Straßen und überall Menschen mit Koffern. Es ist gleich 12 Uhr. Abreise und Anreise überschneiden sich, dazwischen die Touris, die noch bleiben. Und wir, die neue Kunden gewinnen müssen.

An dem modernen Glaskasten von Tonis Surf-Shop stehen bereits einige Leute Schlange, bei uns kommt nur ein kleiner Junge mit neuen Schwimmflossen aus dem Kiosk. ¡Mierda!

Die Leihbretter müssen vom Jeep und abgespritzt werden, und da Tito heute freihat, muss ich ran. Ich selbst brauche dann auch eine Dusche, nutze die am Strand, bevor ich mir im Kiosk einen Eistee aus dem Kühlschrank nehme und mich zum Verkaufstresen durchschlängele. Maria hat anscheinend doch neue Kunden. Dann können wir vielleicht bald den Pavillon erneuern!

»Ach, seht mal, da ist er ja.« Ihre dunklen Augen leuchten mich erleichtert an. Klar, Kinder sind einfach echt nicht so ihr Fall.

»Lena und Timo, das ist Rico. Er übernimmt hier bei uns immer die Anfängerkurse«, erklärt sie den beiden und zwei Paar blaue Augen strahlen mich begeistert und erwartungsvoll an.

»Die Unterkunft von denen hast du gecheckt?«, frage ich Maria, sobald die Familie draußen ist.

»Ja, sie wohnen in den Apartments beim …«

»Hallo?« Eine helle Stimme unterbricht uns und ich spähe zum Eingang. Hellbraune lange Haare, geschminkte Lippen, ein Top von Joop. Maria und ich tauschen einen kurzen Blick. Hat die sich verlaufen? Hinter ihr erscheint eine geklonte Version von ihr, nur in Blond.

»Ich hab dich grade gesehen, mit dem Jeep und den Brettern«, säuselt die Braunhaarige. »Und da dachten wir. Also … gibst du auch Kurse?«

Ich mache unwillkürlich zwei Schritte rückwärts, aber Maria schiebt mich unsanft wieder nach vorne. »Klar macht er das! Seid ihr denn schon mal gesurft?«

»Ne, aber wir … also ich würde es gern lernen.«

»Die Anfängerkurse macht bei uns Maria«, mische ich rasch mich ein und verstecke die Lüge hinter einem entschuldigenden Lächeln, bevor ich durch den Vorhang in unser kleines Büro verschwinde.

Die Enttäuschung der beiden höre ich trotzdem. Marias dann auch, als die Tussis weg sind. »Fuck, Rico. Die hatten echt Geld!«

»Kann sein.« Aber ich verkaufe nur mein Können auf dem Brett, nicht mich. Außerdem hatten sie das falsche Bändchen. »Sunshine Palace, hast du ihre Hotel-Armbänder nicht gesehen?« In Rot. Also auch noch all inclusive.

»Oh!« Maria wird blass. Klar, der Nobelschuppen von Juans Vater. Gäste, die da wohnen, sind für uns tabu.

»Ist mir tatsächlich nicht aufgefallen«, murmelt sie und legt den Block mit den Anmeldezetteln zur Seite. So zögerlich, dass ich nachhake: »Es bleibt doch dabei, oder? Wir nehmen niemanden aus den Hotelburgen.«

»Ja sicher. Es ist nur …« Sie holt ihr Handy raus und öffnet ihre Fotogalerie. Etwas, das sie normalerweise einhändig macht, gerade aber benötigt sie beide Hände – kein gutes Zeichen. »Das lag vorhin bei uns auf dem Küchentisch.«

Es ist eine abfotografierte Rechnung. Coumunidad Cadilla.

Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, was die Stadt diesmal von uns will, starre dann entgeistert auf das Display. Tausend Euro Standgebühr? Für vier Tage?

»Hey, Rico, stopp!«, fordert mich Maria auf, und erst da spüre ich den Schmerz in meinem Kiefer. Meine Zähne mahlen aufeinander, um den Schwall an Flüchen zu unterdrücken, der sich in meiner Brust sammelt. »Und bevor du irgendwas sagst, Papá hat es schon überwiesen.«

Das Handy in meiner Hand beginnt zu zittern und ich lege es so behutsam wie möglich auf den Tisch. »Damit ich das richtig verstehe«, presse ich hervor. »Dein Vater hat für die Feria, also für vier Tage Stadtfest, über tausend Euro hingelegt? Obwohl es sein Kiosk ist? Für den er jährlich Miete zahlt?«

Maria schluckt, nickt dann.

»Warum?«, fahre ich sie an.

»Weil er keinen Ärger will. Und weil das wohl jeder zahlen muss. Für die Organisation.« Sie sieht mir fest in die Augen. »Das Stadtfest können wir uns nicht entgehen lassen, das rettet uns immer über die schlechten Monate hinweg. Und das weißt du. Was also hätte er tun sollen? Nicht teilnehmen?«

Wahrscheinlich wäre das besser. Um das Geld wieder reinzukriegen, muss er schon mehr anbieten als nur gekühlte Getränke, ein paar Schwimmflossen und die in die Jahre gekommenen Leihbretter. Ich lasse mich auf den Stuhl fallen und reibe mir über den Nacken.

»Du sagst nichts dazu?« Maria lehnt sich vor mir gegen die Schreibtischkante.

»Ne, was auch?« Das ist so bescheuert. Ich könnte die Standgebühr locker zahlen, nur würden die Solers mein Geld nicht annehmen. Aber vielleicht das von Bea und Thomas. Ich ziehe die Scheine aus der Tasche meiner Shorts und lege sie auf den Tisch. Immerhin dreihundert Euro. »Du hast die Abrechnung für den letzten Monat noch nicht gemacht, oder?«

»Nein. Wieso?«

»Weil wir sie ein bisschen anpassen werden.« Fünfzig-fünfzig, das ist die Absprache. Eine Hälfte der Kursgebühren geht an mich, die andere bekommen die Solers. »Ab jetzt habe ich offiziell einfach mehr Stunden gegeben. Mach aus den Doppelstunden immer drei oder auch vier. Egal.« Dann fließt mehr Geld zu ihren Eltern.

»Das geht nicht, Rico! Dann bleibt dir fast nichts.«

»Ich komm schon durch.« Für den Moment. Für eine eigene Wohnung ab Herbst wird’s eng. Ohne das beschissene Geld von meinen Eltern.

Maria protestiert, doch sie kommt nicht weit, denn jemand betritt den Kiosk, ein Mann mit seiner Tochter. Einzelstunden für die nächsten zwei Wochen. Das Mädchen übernimmt Maria, den Vater ich.

»Und wo wohnt ihr?«

»Im Mirador del Mar.«

Marias Blick fliegt von dem Anmeldebogen zu mir. Das Hotel steht auf der roten Liste, allerdings im untersten Drittel. Keine direkte Verbindung zum Bürgermeister, die Familie ist nicht mal im Stadtrat, keiner von ihnen bei den Rettungsschwimmern. Wir zögern beide, nicken uns dann aber unauffällig zu.

Sechs neue Kunden gewinnen wir heute – für einen Samstag echt nicht schlecht. Maria schließt um 18 Uhr die Kasse ab und ich räume draußen ein. Der Abend gehört uns, wir wollen nur noch auf die Bretter.

Der Strand leert sich bereits, sodass mich die roten Hosen von überall her anleuchten. Mit Pfeife um den Hals bewacht Daan direkt vor mir den schmalen Abschnitt für die Boards und die Boote. Als ob die paar SUP-Stümper, die noch auf dem Wasser sind, wirklich eine Gefahr wären.

»Oh, der Poser!« Maria stellt sich breitbeinig neben mich, eine Hand in die Hüfte gestemmt. Mit der anderen streicht sie sich so Daan-like durch ihre kurzen schwarzen Haare, dass ich grinsen muss.

»Ja, Papas ganzer Stolz!« Und ein absoluter Idiot. Wie alle aus der Familie Van Berg.

»Komm!« Maria schnappt sich ihr Surfbrett und läuft los. Auf Daans Höhe dreht sie sich so schwungvoll zu mir um, dass er zur Seite springen muss, um ihr Brett nicht abzukriegen. Sein Gesicht färbt sich ungesund rot, doch er sagt nichts. Auch nicht, als wir an ihm vorbei zur Sperrzone laufen. Anscheinend sollen sie uns nach allem, was passiert ist, in Ruhe lassen und auf Abstand gehen. Waffenstillstand also? Fragt sich nur, wie lange sie durchhalten.

Stimmen wehen uns entgegen, lautes Lachen. Es sind schon viele Surfer da. Auf dem Strand unterhalb des Felsens liegen die Bretter bereit, umringt von Handtüchern, Rucksäcken, mittendrin einige Sixpacks Bier. Maria und ich machen die Runde und begrüßen neben Mauro, Paco und Estela auch die Zwillinge Rodrigo und Álvaro und all die anderen, die aus den Dörfern im Hinterland gekommen sind – wie jedes Wochenende.

Ich werfe mein Shirt in den Sand, entknote die Leash und befestige sie an meinem Knöchel. Dabei schaue ich aufs Meer raus. Die Wellen sind super, besser noch als gestern. Maria ist schon auf dem Weg ins Wasser, Mauro und Paco folgen ihr, nur Estela steht noch am Strand, ihr Kinn gehoben, die Augen geschlossen.

»Na, was sagt dir die Stimme des Meeres?«, ziehe ich sie auf.

»Sie schweigt«, flüstert sie. »Aber irgendwas liegt in der Luft – das fühle ich.«

»Ach ja?« Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Estela fühlt immer irgendwas.

»Lach nicht, Rico!« Die eingeflochtenen Muscheln in ihren Dreadlocks klimpern leise, als sie sich zu mir dreht. »Es wird etwas passieren.«

Tut es ja immer, blockt mein Kopf ab. Doch der düstere Glanz in Estelas Augen sorgt dafür, dass sich etwas in meiner Brust zusammenzieht.

Luz

Ich vergesse sonst nie etwas, und jetzt ausgerechnet meine Sonnenbrille? Meine Augen sind echt super-empfindlich – ich kann nicht ohne. Aber sie ist nicht im Rucksack.

»Im Handschuhfach müsste noch eine von Isabella rumfliegen«, sagt Miguel.

»Was?«

»Eine Sonnenbrille.« Mein Onkel zwinkert mir zu. »Die suchst du doch, oder?«

»Äh ja!« Ich stopfe meinen Rucksack zurück in den Fußraum und öffne das Fach vor mir. Ein Haufen an Flyern und Kunstprospekten fliegt mir entgegen. Darunter liegt tatsächlich eine Sonnenbrille – ein riesiges Monstrum! Joop prangt in goldenen Buchstaben auf einem der breiten Bügel, die Gläser sind tiefschwarz. Egal. Alles ist besser, als weiter gegen die Sonne anblinzeln zu müssen. Sie steht schon so tief, dass mir die Augen richtig brennen.

Miguel lacht auf. »¡Muy elegante!«

»Ja?« Ich schaue in den Spiegel an der Sonnenblende und muss auch lachen. Ich sehe nur noch Brille – total crazy. Aber … passt doch. Ich soll hier ja verrückt sein.

Die Berge um uns herum werden flacher, wir nähern uns der Küste, und auch wenn Miguel seit Jahren schon in Cádiz wohnt, kann er mir zu allen Städtchen und Dörfern, durch die wir kommen, Geschichten erzählen.

Immer wieder sehe ich das Meer aufblitzen, lächle allen Palmen entgegen und spüre ein Kribbeln in meinem Bauch aufsteigen, als ich ein Schild entdecke, auf dem Cadilla steht. Mein Blick bleibt an einer großen Werbetafel hängen. Sie kündigt ein neues Luxushotel an, das noch in diesem Jahr eröffnen soll. Esplendor del Mar ***** Das animierte Bild verspricht einen wahren Palast im maurischen Stil, mit unzähligen Giebeln, kleinen Balkonen mit traumhaften Meerblick und einer riesigen Poollandschaft.

Miguel seufzt auf. »Ja, da war ich leider zu spät dran.«

»Wie meinst du das?«, frage ich nach.

»Ach, es kommt immer mal vor, dass Gäste unserer Restaurants nach besonderen Grundstücken suchen, und mir macht es Spaß, sie ihnen zu vermitteln. Lohnen tut sich das auch. Von dem großen Grundstück auf dem Felsen an der Bucht hier wusste ich nur, dass die Besitzer lange nicht verkaufen wollten, es dann aber plötzlich doch sehr zügig ging.«

Er erzählt mir, wie sich Cadilla in den letzten Jahren verändert hat. »Der Ort war so verschlafen und blüht jetzt regelrecht auf.«

Die Küstenstraße schlängelt sich weiter an den felsigen Bergen entlang, rechts neben mir geht’s steil runter. Und da! Plötzlich kann ich die Bucht sehen. Türkisfarbenes Wasser, ein fast weißer Sandstrand, eingerahmt von zwei Felsplateaus, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Auf dem vorderen thront der Hotelneubau, noch unverputzt, aber dennoch ziemlich imposant. Auf dem anderen steht ein alter Steinturm, umringt von einigen Holzhütten.

»An dem Leuchtturm aber bin ich dran«, meint Miguel und biegt von der Küstenstraße ab. In Serpentinen geht es jetzt hinunter und wir tauchen ein in ein Labyrinth aus schmalen Gassen. Die alten Häuser strahlen in unterschiedlichen warmen Farben, als wären sie gestern erst frisch gestrichen worden. An den Fenstern, auf den vielen kleinen Balkonen, überall stehen Blumentöpfe. Wäre mein Handy durch die Wühlaktion nicht irgendwo in meinem Rucksack verschollen, würde ich alles um mich herum für Javi fotografieren.

»Mist!«, flucht Miguel und lenkt meinen Blick wieder auf die Straße. »Durchfahrt verboten! Seit wann haben die hier denn eine Fußgängerzone?«

Er versucht, über eine Nebenstraße an den Strand zu kommen, doch auch hier landen wir vor dem gleichen Schild. Unruhig schaut er auf seine Uhr. »Zorrita, ich …«

»Du musst Isabella zur Vernissage bringen«, beende ich seinen Satz. »Aber du kannst mich einfach hier rauslassen, ich find das schon.« Der Rettungsschwimmer-Pavillon liegt ja direkt am Strand und ist vermutlich nicht zu übersehen.

»Wirklich?« Zerknirscht schaut er mich an. »Wäre mein Wagen nicht in der Werkstatt, hätte ich alle Zeit der Welt. Aber so?«

Unser Abschied fällt kurz aus, denn um uns herum wird schon gehupt. Miguel flucht lautstark zurück und ich beeile mich, meinen Koffer von der Rückbank zu bekommen.

»Die Brille!«, rufe ich noch und will sie ihm durch das geöffnete Seitenfenster geben, doch Miguel winkt ab. »Behalt sie ruhig! Und bis bald!«

Kopfschüttelnd sehe ich ihm und dem verbeulten orangefarbenen Jeep hinterher. Isabellas Auto passt so was von gar nicht zu meinem Onkel, der immer in schwarzen Designeranzügen und mit top gestylten Haaren rumläuft. Ich hatte echt Angst vor ihm, als er uns das erste Mal in Deutschland besucht hat. Da war ich vielleicht sechs?

Dabei rettet Miguel selbst Fliegen das Leben.

Und jetzt? Ich schaue mich um. Weiter vorne beginnt die Fußgängerzone, ich sehe viele kleine Boutiquen und Cafés mit bunten Markisen. Direkt neben mir geht eine schmale Gasse ab, überspannt von weißen Tüchern zum Schutz gegen die Sonne. Die Häuser wirken total verwunschen, irgendwie ursprünglich. Außerdem ist hier wenig los. Ich ziehe meinen Koffer rumpelnd hinter mir her und sehe durch die eng stehenden Häuser das Meer aufblitzen.

Eine Promenade öffnet sich vor mir, mit hohen Palmen und blank polierten Bodenfliesen. Staunend bleibe ich stehen. Javi und ich haben uns so viele Fotos und Videos auf dem Insta-Kanal von Cadilla angesehen, aber wie schön die Stadt wirklich ist, wird mir erst jetzt klar. Ich setze mich kurz auf eine kleine Mauer, die die Promenade vom Strand trennt, und atme die salzige Meeresluft ein.

Ich bin da!

Kein Großstadtlärm, kein Geschrei und Gehetze um mich herum, dafür das Rauschen der Wellen und fröhliches Kinderlachen.

Fast paradiesisch schön. Und das große Holzhaus auf Stelzen direkt vor mir ist mein neues Zuhause!

Ich stehe auf, wühle jetzt doch mein Handy hervor und schicke Javi sofort ein Snap – mit crazy Sonnenbrille. Die ich dann aber lieber im Rucksack verstaue. Den Koffer muss ich über den Strand tragen, dann eine lange Holzstiege zum Eingang hoch.

»¿Luz? ¿Eres tú?« Eine tiefe Stimme schallt mir entgegen, und als ich durch die offen stehende Tür den schmalen Flur betrete, kommt ein Bär von einem Mann um die Ecke. Groß, breit und mit grauen, zu einem Zopf gebundenen Haaren.

»¡Hola! Sí, soy Luz.« Meine Stimme klingt eher nach einem kleinen Vogel.

»Schön!«, fährt er in seinem breiten Spanisch fort. »Ich bin Carlos. Dann komm mal rein.«

Ich folge ihm mit meinem Koffer durch den Flur. Als wir schließlich auf einer weit ausladenden Holzveranda wieder herauskommen, rutscht mir fast der Griff aus der Hand. Denn das hier, das ist wirklich paradiesisch! Vor mir taucht die Sonne gerade ins Meer und überzieht den Himmel mit einem rosa Schleier. Auf dem glitzernden Wasser sehe ich einige Surfer, sie fliegen geradezu über die Wellen, springen hoch, drehen sich. Ich höre ihre Stimmen, ihr Jubeln. Ihr Lachen.

Wie frei man sich fühlen muss, wenn man das kann!

»Setz dich.« Carlos deutet zu einem langen Tisch, um den herum jede Menge Stühle stehen. »Schön, dass du uns unterstützt, Luz. Heute sind die meisten ausgeflogen. Samstags ist hier Party-Time. Und ich werde mich auch morgen leider nicht um dich kümmern können, dazu ist am Wochenende zu viel los. Aber leih dir einfach ein Brett aus und erkunde die Bucht. Lerne das Meer kennen, die Strömung, die hier echt nicht ohne ist. Ich zeig dir gleich mal einen Plan dazu. Und am Abend kommst du wieder her, dann können …«

»¿Perdón, Carlos?« Ein Junge tritt auf den Balkon, in Jeans und T-Shirt. In seinen braunen Haaren schimmern sonnengebleichte Strähnen und auf seinen Lippen erscheint ein offenes Lächeln, als er mich neben Carlos stehen sieht. »Oh, du bist sicher Luz, oder? Ich bin Juan.«

»Ja, und … hi!« Ich weiß nicht recht, was ich noch sagen soll, doch Juan redet sofort drauflos und lädt mich sogar ein, gleich mitzukommen. »Die andern sind schon im Sunset Tropics. Ist ein cooler Club hier. Wenn du willst? Ich fahr jetzt los.«

»Äh, danke! Aber … ich glaub, ich muss erst einmal ankommen. Nächstes Mal, okay?«

»Klar!« Er wendet sich an Carlos. »Von dir brauche ich nur noch die Schlüssel für das Mofa.«

»Sicher. Aber macht nicht so lang. Morgen um 9 Uhr –«

»– ist Dienstbeginn«, sagt Juan und verdreht grinsend die Augen, als er an mir vorbeigeht. »Bis dann, Luz!«

Carlos braucht von mir noch einige Unterlagen, meine Zertifikate als Rettungsschwimmerin, meinen Pass, bevor er mit mir die Besichtigungsrunde startet. Als Erstes zeigt er mir den Pausenraum mit der Gemeinschaftsküche, in dem wir Frühstück bekommen. »Die anderen Mahlzeiten organisiert ihr euch selbst. Kocht was oder geht irgendwo essen.«

Dann die zwei Bäder, die wir uns alle teilen. Als Letztes mein Zimmer, das ich mir ebenfalls teilen muss. Mit einer Karla.

Meine Finger klammern sich um den Griff meines Koffers, als ich das Chaos sehe. Überall auf dem Boden liegen Klamotten, die Fensterbank ist voller Schminksachen, das rechte Bett total zerwühlt. Und das linke, meins, wirkt in dem wilden Durcheinander, durch das ich mich hindurchkämpfen muss, wie ein Rettungsboot. Ich versuche, mir mein Entsetzen nicht anmerken zu lassen, versichere Carlos, dass alles okay ist und ich nur noch schlafen möchte. Was auch wirklich stimmt.

Es gibt nur einen Schrank, und da ich Angst habe, dass mir beim Öffnen alles entgegenfliegt, packe ich meinen Koffer gar nicht erst aus. Nur meinen Waschbeutel brauche ich, mein Schlafshirt und meinen Wecker. Alles andere kann ich morgen machen, nachdem ich Karla kennengelernt habe.

Tatsächlich sehe ich sie aber schon früher – laut meinem Wecker um halb zwei, als plötzlich die Tür aufgeht. Das Knarren weckt mich. Ein schmaler Lichtschein fällt auf den Boden und ich muss blinzeln. Sandige Füße, ein goldenes Kettchen am Knöchel, der hellblaue Stoff eines Kleides. Mein Herz beginnt zu klopfen. Soll ich was sagen?

Karla schleicht zu ihrem Bett. Hat sie echt blaue Haare?

Ich spüre ihren Blick, stelle mich aber schlafend und hoffe, dass sie das Zucken meiner Augenlider nicht sieht.

Als ich das nächste Mal aufwache, scheint die Sonne durch den Stoff der Gardinen und färbt das Zimmer dunkelrot. Sechs Uhr zeigt mein Wecker. Karla bewegt sich nicht, ich höre nur ihren leisen, tiefen Atem. Hier liegen bleiben will ich nicht, mich zieht es raus. Raus aus diesem Zimmer, zum Strand. Ins Meer.

Doch das geht nicht ohne Schwimmsachen.

Im Koffer rumzuwühlen, wäre zu laut, aber … der Bikini! Ich hatte meine Abschiedsgeschenke ja in meinen Rucksack gestopft. Vorsichtig ziehe ich das Tiger-Teil hervor und betrachte es einen Moment lang skeptisch. Aber was soll’s. Um die Uhrzeit wird hoffentlich noch nicht viel los sein.

Ich schnappe mir noch Isabellas Sonnenbrille und schleiche mich aus dem Zimmer. Im Bad ziehe ich den Bikini unter mein Schlafshirt und binde mir die Haare zu einem Knoten zusammen. Zum Glück hängt mein Handtuch von gestern Abend noch hier.

Einige Holzdielen knarren, als ich mich rausschleiche, doch außer mir ist anscheinend niemand wach, denn ich komme ungesehen die Treppe hinunter.

Warmer, weicher Sand unter meinen Füßen. Für mich das schönste Gefühl auf der Welt. Ich schließe hinter der Brille die Augen und halte mein Gesicht in die Sonne, strahle ihr entgegen, bevor ich zum Wasser laufe.

»Oha!« Sofort ziehe ich meine Zehen zurück, das Meer ist scheißkalt! Vielleicht sollte ich mit dem Schwimmen doch noch warten.

Ich schlendere am Strand entlang und genieße es, allein hier zu sein. Die Cafés an der Strandpromenade haben alle noch geschlossen, Tonis Surf-Shop auch. Aber ein paar Meter weiter entdecke ich einen kleinen Strandkiosk, bei dem die Tür schon offen steht. Surf S l r. Einige Buchstaben fehlen und auch das hölzerne Dach wirkt so, als würde es nicht mehr lange durchhalten.

Ob die Bretter verleihen? Jetzt mit einem SUP raus – müsste doch gehen, die Wellen sind längst nicht so hoch wie gestern. Draußen vor dem Kiosk ist niemand zu sehen, also ziehe ich die Tür noch etwas weiter auf und spähe hinein. Jemand ist da. Ein Typ. Ich sehe von ihm nur dunkle Locken, schwarze Shorts und ein gelbes Surfershirt. Er schiebt einen Ständer mit Schwimmflossen und Taucherbrillen aus dem hinteren Teil weiter nach vorn. Ich will mich gerade zurückziehen, weil mir die Situation jetzt doch irgendwie peinlich ist, da schaut er plötzlich hoch und zuckt erschrocken zusammen. So sehr, dass der ganze Ständer umkippt. Und er gleich mit!

Rico

»¡Maldita mierda!« Ich versuche, mich von dem Ständer zu befreien. Meinen Ellbogen hat es voll erwischt, der Schmerz zieht mir hoch bis in die Schulter.

»Oh nein! Das … das tut mir total leid!«

Sollte es auch. Scheiße, hat die mich erschreckt!

Ich beiß die Zähne zusammen und stehe auf. Die Sonne blendet mich, ich muss blinzeln. Erst sehe ich nur einen Umriss, aber dann … Ungläubig starre ich sie an.

Ein Alien? Fragt sich nur, von welchem Planeten. Das Mädchen sieht völlig verrückt aus.

Schmales Gesicht, aber ’ne fette Sonnenbrille auf der Nase – von Joop! Irgendwo muss der Typ hier einen Stand haben. Um ihren Hals schlingen sich die Bänder eines getigerten Bikinis, der Rest ihres Körpers steckt in einem überdimensionierten Shirt. In grellem Pink – mit einem goldenen Fuchs drauf. Kopfüber hängt er an einer Stange. Be different steht fett darunter. Und ich würde mal sagen: gelungen!

Am krassesten aber sind ihre Haare. Sie hat sie zu einem hohen Knoten gebunden, oder es zumindest versucht, und die Sonne hinter ihr lässt ein paar lose Strähnen tiefrot erstrahlen.

Ich weiß, dass mein Starren sie verunsichert, ihre Finger spielen nervös an dem Band ihres Bikinis.

»Ähm, also sorry noch mal«, stottert sie. »Kann ich … soll ich dir noch irgendwie helfen?« Ihr Blick wandert über den Haufen Schwimmflossen und Taucherbrillen auf dem Boden.

»Helfen? Klar! Hier stehen ja noch ein paar Ständer, die man umwerfen kann. Also tu dir keinen Zwang an.«

»Echt?« Eine Augenbraue wandert über den Rand ihrer Brille nach oben. »Mit dir oder ohne dich?«

Gegen meinen Willen muss ich grinsen, und plötzlich interessiert es mich, was sie hier will. Ihr Outfit schreit geradezu nach Touri-Tussi, ihr Spanisch aber klingt wie das einer Einheimischen. Nur müsste ich sie dann eigentlich kennen. Viel mehr noch aber interessiert es mich, wie sie ohne diese Riesenbrille aussieht. »Wir haben zwar noch geschlossen, aber brauchst du was? Schwimmflossen? Badelatschen? ’ne schicke Sonnenbrille wohl nicht, die hast du ja schon.«

Täusche ich mich, oder wird sie tatsächlich rot?

»Ich hab sie nur geliehen«, sagt sie und erzählt irgendwas von ’nem Onkel, dabei schiebt sie die Brille hoch, und ich schaue in goldbraune Augen. Verdammt schöne goldbraune Augen.

Zorrita. Mit den Haaren und den Augen hat sie etwas von einem Fuchs. Deswegen das Shirt?

»… ihr auch SUPs habt.«

»Was?«

Sie neigt ihren Kopf zur Seite und lächelt mich an. »S U P. SUPs. Das sind Stand-up-Paddle-Boards.«

»Ach so!«, spiele ich ihr Spiel mit. »Ja, hab schon mal was davon gehört.«

»Verleiht ihr die auch?«

»Du meinst die, die hier überall rumstehen?« Langsam macht es mir Spaß. »Ne, die darf man sich nur angucken.«

»Verstehe.« Sie sieht sich um, streicht mit den Fingern über eines der Boards. »Sehen tatsächlich auch wie Museumstücke aus.«

Sie hat recht – trotzdem frech. Ich spüre, wie sich meine Schultern verspannen. »Hört sich an, als würdest du dich auskennen?«

»Vielleicht?« Sie dreht sich zu mir um. »Und ich bräuchte eins. Ich möchte die Bucht erkunden.«

»Okay.« Ich gebe nach und hole einen Anmeldebogen hinter dem Tresen hervor. »Wie heißt du?«

»Luz Fernández.«

»Woher? Also, woher kommst du?«

»Aus Köln.«

Verwundert schaue ich auf.

»Na ja, ursprünglich aus Sevilla.«

Sevilla. Ich presse die Zähne zusammen. Sehe meine Eltern vor mir, meine Schwester. Und spüre, wie der Bleistift zwischen meinen Fingern fast zerbricht.

»Stimmt was nicht?«, fragt sie vorsichtig nach.

»Doch, alles gut.«

Ich konzentriere mich auf das nächste Feld. Unterkunft. Die alles entscheidende Frage. Aber ich stelle sie nicht. Sie trägt kein Hotel-Armband. Und … 30 Euro. Können wir brauchen.

»Super. Ich – ähm.« Sie schaut an sich hinunter. »Ich hab nur kein Geld dabei.«

»Na ja, ich denke mal, dich findet man wieder. Bring es später einfach vorbei.« Ich suche ihr ein Paddel heraus und will es auf die richtige Größe einstellen, aber sie winkt ab. »Danke, das schaffe ich schon.«

»Und wie man die Leash befestigt …«

»… weiß ich auch.«

»Alles klar!« Also wirklich ein Profi?

Ich trage ihr das Board nach draußen und sehe ihr neugierig hinterher. Mit der Leine scheint sie sich tatsächlich auszukennen, das Paddel jedoch stellt sie viel zu lang ein. Für Wellen völlig ungeeignet.

Aber … nicht mein Problem. Mein Brett wartet. Ich hab mir gestern einen heftigen Kratzer an der Nose eingefahren, den ich harzen will. Nur deswegen bin ich so früh hier. Ich hole das Board raus, will es gerade aufbocken, da höre ich vom Wasser her ein schrilles Aufquieken.

Na super! Nicht mal die erste Welle hat sie geschafft.

Luz

Scheiße, ist das kalt!

Ich krieg kaum Luft. Mein ganzer Körper zittert, und meinen Herzschlag spüre ich bis in den Hals. Ich klammere mich ans Brett, bekomme aber sofort die nächste Welle ab. Unten und oben – wieder wirbelt es mich durcheinander. Die Leine zieht an meinem Knöchel, das Paddel hab ich zum Glück auch noch. Ich kämpfe mich aus dem Strudel heraus, der mich zurückzerren will.

Ein Lachen! Das Erste, was ich höre, ist ein beschissenes Lachen, und ich kann mir denken, von wem das kommt.

Wut steigt in mir hoch. Auf mich, weil ich mich so doof anstelle, obwohl ich schon so oft mit dem SUP unterwegs war. Mehr aber noch auf ihn.

Ich bin in meinem Leben genug ausgelacht worden.

Die kann ja nicht mal richtig Deutsch. Die weiß nicht, was ein Jeck ist!

Salzwasser brennt in meinen Augen und ich muss blinzeln.

»Soso, du schaffst das also schon?«

Idiot! Auf sein Surfbrett gelehnt steht er nur wenige Meter von mir entfernt am Strand. Ich rappele mich auf und funkele ihn zornig an. »Halt deine Klap- oh!« Überrascht sehe ich auf meine Sonnenbrille in seiner Hand. Sie muss mir beim Sturz weggeflogen und ihm direkt vor die Füße gespült worden sein.

»Dieses Prachtexemplar gehört doch dir, oder?« Sein Grinsen ärgert mich, trotzdem bedanke ich mich und will sie mir gerade nehmen, da zieht er seine Hand weg.

»Gib mir dafür dein Paddel.«

»Was? Wieso?«

»Weil das so nichts wird. Es ist zu lang eingestellt.«

»Hä?« 20 Zentimeter über dem Kopf, so wie immer.

»Luz?«

Mein Name, von ihm ausgesprochen, sorgt dafür, dass etwas in meinem Magen aufflackert. Weil es eine Nähe schafft, die es zwischen uns nicht gibt?

Genervt sieht er mich an. Die Wellen umspülen inzwischen nur noch meine Knöchel, ich komme immer wieder ins Wanken, gebe ihm aber das Paddel und bekomme meine Brille zurück. Hinter den abgedunkelten Gläsern kann ich ihn ungestört beobachten. Ein ziemlich selbstverliebter Idiot – aber schon echt verdammt gut aussehend.

Dunkle, fast schwarze Augen, hohe Wangenknochen, geschwungene Lippen, die er gerade konzentriert zusammenpresst. Er wäre fast schon zu hübsch, hätte er nicht diese leichte Stupsnase. Aber grade die mag ich, sie gibt ihm etwas Freches, etwas, das ihn –

»Luz? Hey!«

»Ja?«

»So müsste es passen.« Er reicht mir das Paddel und erklärt, dass man es bei Wellengang wesentlich kürzer einstellen muss. »Und um überhaupt rauszukommen, musst du das Meer beobachten. Die Wellen kommen immer in Sets.«

»In was?«

»In Sets. Mehrere hintereinander.«

»Das hab ich gemerkt.«

Seine Mundwinkel zucken. »Warte das Set einfach ab. Und dann gib Gas.«

Ich nicke und hoffe, dass er wieder verschwindet. Nur er tut das nicht.

Also dann! Ich ziehe mir das Brett ran, gehe ein paar Schritte weiter ins Wasser hinein und richte es mit der Spitze nach vorn aus. Diesmal will ich es unbedingt schaffen.

Ich sehe die Wellen heranrollen, verstehe, was er mit Sets meint, und warte ab. Eins, zwei … nach der dritten Welle bleibt es einen Moment ruhig und ich springe aufs Brett.

»Wohooo!« Sein erstaunter Ausruf bringt mich kurz ins Wanken. Aber ich gleiche aus und … stehe!

»Einen Fuß nach vorn. Und mehr in die Knie!«

Ich folge seinen Anweisungen, meine Knie zittern total, und doch spüre ich sofort, dass es so leichter ist. Trotzdem habe ich Schiss vor den nächsten Wellen. Sie rollen schon auf mich zu.

»Paddel, Luz!« Er ist plötzlich neben mir auf seinem Surfbrett. »Paddel voll in die Welle rein. Jetzt!«

Mein Board hebt sich und ich stoße das Blatt mit aller Kraft ins Wasser.

»Jaaa!« Ich bin drüber. Ich bin tatsächlich drüber und stehe noch immer. Freude kribbelt durch meinen Magen, nur rollen schon die nächsten Wellen heran. Doch da ich jetzt weiß, wie es geht, schaffe ich auch die.