Sebastian in der Mühle - Eva Johne - E-Book

Sebastian in der Mühle E-Book

Eva Johne

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Beschreibung

Sebastian ist ein Auskenner von Technik und Funktion der alten Wassermühle und kann diese auch gut erklären. Seine fiktive Zeitreise führt ihn mit dem Sprung in den hohlen Weidenbaum zum historisch verbrieften Müller Gregor Götze und den anderen Bewohnern der Mühle vor rund 400 Jahren. Fortan lebt, wohnt und arbeitet er bei den Müllersleuten und verliebt sich ein wenig in die Magd Anna. Bei einem Ausflug mit dem Karrenwagen in die nahegelegene Residenzstadt Dresden bestaunt er das Festspektakel anläßlich der Hochzeit des Kurfürstensohnes Christian I. Bei allem Abenteuer mit Augenzwinkern wird die Funktionsweise und Technikgeschichte von Wassermühlen sehr anschaulich erklärt. Es zeigt sich seit dem Ersterscheinungsjahr 1996, dass mit diesem Lesestoff, Heimatgeschichte, Sachkunde- und Deutschunterricht bis zur 5. oder 6.Klasse eine informative und lebendige Ergänzung erfahren haben. Leider muss in dieser Digitalausgabe auf die erklärenden Grafiken verzichtet werden.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Eva Johne

Sebastian in der Mühle

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Sebastian und die Mühlenführung

Ankunft in der Mühle an der Schoone

Alltag in der Mühle

Ein Arbeitstag in der alten Mühle

Das große Fest

Wieder ein hohler Baum

Impressum neobooks

Sebastian und die Mühlenführung

Die Schulglocke ertönte. Augenblicklich entstand in der 6. Klasse ein ohrenbetäubender Lärm. Die Kinder hüpften hoch, stellten schnell die Stühle auf die Tische, nahmen die heute leichten Schultaschen und stürmten los. Lächelnd schüttelte die Lehrerin den Kopf. Es war jedes Jahr das gleiche Bild. Sie atmete tief durch: Endlich Schulferien! Vor der Schultür tauschten Sebastian und Anna mit einigen anderen aus der Klasse einen kurzen Gruß und schwenkten dann in ihre Straße ein. „Du hast es gut“, Anna seufzte. „Du bist heute Abend in der alten Mühle, und ich muss noch zwei Wochen warten, ehe wir nach Dänemark fahren. Na ja, was soll‘s. Grüß Paul von mir und mach’s gut.“ Sie verschwand hinter der Haustür.

Zu Hause legte Sebastian das Zeugnis auf den Küchentisch und schrieb einen kleinen Zettel an seine Eltern, mit dem er die 4 in Englisch abdeckte:

„Tschüss, bis in einer Woche, ich fahre jetzt zu Onkel Thomas in die Mühle. Euer Sebastian.“

Im Flur schnappte er sich den von Mutti gepackten Rucksack, holte aus dem Kinderzimmer noch Kaugummis, den kleinen Gummiball, ein Knäuel fester Schnur, einen Kugelschreiber, eben ein paar Sachen, von denen er glaubte, sie gebrauchen zu können in der Mühle und stopfte alles in seine Hosentaschen. Dann suchte er Vaters Taschenmesser. Er fand es in der Schreibtischschublade und „borgte“ es aus für eine Woche. Hoffentlich bemerkte der Vater den Verlust des schönen Schweizer Messers nicht sofort. Sebastian besaß ebenfalls eins, aber das war längst nicht so gut wie Vaters. Außerdem konnte er es nicht finden. Er wollte sehr gern Borkenschiffe schnitzen und auf der Zschone schwimmen lassen. Möglichst mit Paul, seinem Freund, der in der Nähe der Zschoner Mühle wohnte. Ach, die gute alte Mühle. Jedes Jahr kam er hierher zu Onkel Thomas und half ihm gelegentlich bei allerlei Arbeiten. Bei den aufwändigen Sanierungsarbeiten in der Mühle hatte der Onkel eine Technik einbauen lassen, die ungefähr in den Jahren 1500—1700 aktuell war, so dass die Fachwerkhäuser des Vierseithofes und die Mühlentechnik gut zusammenpassten. Natürlich war hin und wieder etwas kaputt an der alten Mühlenkonstruktion. Sebastian durfte bei den Reparaturen helfen. Das fand er gut. Mindestens genau so gut waren die verrückten Jeep-Fahrten mit dem Onkel. Er freute sich auf die Zeit in der Mühle, wenn nur nicht immer der lange Weg zu bewältigen wäre: ½ Stunde Straßenbahn, ½ Stunde Bus und ½ Stunde laufen. Das konnte einen schon ganz schön anöden.

Na ja, es war bald geschafft. Im Bus nach Briesnitz malte er sich aus, wie er ganz allein die Mühle bedienen durfte und dass Onkel Thomas ganz begeistert sein würde von seinem Können! Er träumte davon, eine Mühlenführung zu machen, genau so gut wie sein Onkel das konnte. Dann dachte er daran, dass er dieses Jahr endlich mit Paul die Höhle im Zschoner Grund erkunden wollte. Paul meinte zwar, dass es gar keine richtige Räuberhöhle ist, sondern nur ein alter Bergwerksstollen, aber das war ja ganz gleich. Auch einen Stollen konnte man schließlich erkunden. Anna, seine Freundin, hatte ihn schon beneidet um das Abenteuer und glaubte, dass es in Dänemark ganz bestimmt nicht abenteuerlich zugehen würde. Gemeinsam hatten sie darüber beraten, wie man den Höhlenausgang wiederfinden konnte, falls man sich verlief. Sebastian wusste, dass man nur eine Schnur an einem Baum vor dem Eingang befestigen, sie beim Hineingehen abrollen und beim Hinausgehen wieder aufrollen musste. Anna hatte ihm aber geraten, vorsichtshalber auch Kreide einzustecken. Vielleicht konnte man sie zum Markieren gebrauchen. Da fiel ihm ein, dass er die Taschenlampe zu Hause liegengelassen hatte. Er griff in seine Hosentasche, ja, die Schnur war da. Und Kreide hatte Onkel Thomas.

Der Bus hielt. Sebastian stieg aus. Mit ihm eine Horde Kinder. Er bahnte sich etwas unsanft einen Weg durch die Gruppe und beschloss, den Fußmarsch zur Mühle rasch hinter sich zu bringen. Unterwegs begegnete er einer weiteren Gruppe, die sich vor einer Lehrtafel im Zschoner Grund aufgebaut hatte und den Erläuterungen der Erzieherin mehr oder weniger aufmerksam lauschte.

„Wo kommen die denn her?“ fragte sich Sebastian und überlegte, dass es Hortkinder sein könnten. Lehrtafeln in den Ferien! Dazu hätte er jetzt keine Lust. Er fand es gemein, dass die Erzieher die Kinder mit den Lehrtafeln quälten. Und dann vielleicht noch einen Aufsatz darüber schreiben! Nein, das war nichts für ihn.

Sebastian sah sich um. Eile war angebracht, wollte er vor allen anderen ankom-men. Die Kinder wanderten bestimmt zur Mühle.

Atemlos rannte er durch das Hoftor und genau auf Onkel Thomas zu, seinen 1,80 m großen und nicht ganz schlanken Onkel, der gewichtig in voller Müllermontur, also ganz in Weiß in Leinenhemd, Müllerschürze und Müllerhut in der Haustür stand.

„Hallo, Onkel Thomas!“ rief Sebastian.Der Müller reagierte nicht.

„Glück zu, Onkel Thomas!“ verbesserte er seinen Gruß. Das war doch der richtige Müllergruß. Oder? Unsicher schaute er dem Onkel ins Gesicht und entdeckte die kleinen Lachfältchen um die Augen.

„Glück zu, Sebastian!“

Der Müller begrüßte ihn mit Handschlag, schaute aber gleich wieder zum Tor hinüber. Sebastian bemerkte, wie der Onkel nervös an seinem Bart zupfte, der bereits einige kahle Stellen zeigte. War das alles, was der Onkel ihm zu sagen hatte? Eigentlich hatte er sich die Begrüßung anders vorgestellt. Vorsichtig fragte er:

„Onkel Thomas, was ist denn eigentlich los?“

Durch diese Frage wurde der Onkel noch unruhiger, kratzte den Wuschelkopf unter dem Müllerhut und schaute ungeduldig auf seine Uhr am Handgelenk.

„Gute Frage. Ja, was ist los hier? Das möchte ich auch gern wissen! Seit einer viertel Stunde stehe ich in der Tür, und die Mühlenführung müsste längst in vollem Gange sein. Bald kommt schon die nächste Gruppe. Außerdem stehen die gelieferten Bierfässer noch im Wege herum. Der Hausmeister ist weg, der sie einräumen soll. Und die Puppenspieler! Sie sollten längst angekommen sein, um ihre Bühne aufzubauen. Ich sehe schon, es geht wieder einmal alles schief.“ Während dieser langen Rede klapperte Onkel Thomas heftig mit dem großen Schlüsselbund. Sebastian kannte diese Anzeichen von seinen vorherigen Besuchen und wusste, dass man in solchen Momenten lieber schnell verschwand. Dennoch fragte er: „Onkel Thomas, du wolltest heute mit mir ein paar Dinge am Wasserrad reparieren. Klappt das?“ Onkel Thomas winkte ab: „Heute wird das nichts. Ich muss erst im Baumarkt noch Holz holen. Dann kann es los gehen.“ Es war wie immer, Onkel Thomas kam nie mit seinen Terminen unter einen Hut. „Ach, Onkel Thomas, du hast es versprochen...“ Sebastian wollte gerade etwas schärfer mit seinem Onkel reden, da passierten zwei Dinge gleichzeitig. Die Kinder, die Sebastian an der Lehrtafel getroffen hatte, stürmten mit großem Geschrei in den Hof und der große dunkelrote Transporter der Puppenspieler bog um die Hausecke.

Das Gesindehaus und die Puppenspieler

Mehrere Stufen auf einmal nehmend, gelangte Sebastian im ersten Stock des Mühlenhauses an und riss die grüne Bürotür auf. Er grinste, auch das war wie immer. Alle starrten in die Computer, die Vereinsleute und die Gaststättenmitarbeiter. Keiner schaute hoch und Sebastian brüllte nur: „Hallo, ich bin wieder da!“, knallte die Tür zu und wandte sich zur Küche. Die beiden Köche waren bei den Vorbereitungen fürs Mittagessen. Sebastian erkannte nur den Lehrling. ‚Aha‘, dachte er, ‚wieder einmal ein neuer Koch.‘ Den Lehrling fragte er: „Was kann man denn heute essen?“ „Was du willst!“ Sebastian freute sich immer auf diesen Moment, hob die blanken Deckel der Warmhaltebehälter, packte sich einen Teller voll Braten, Gemüse, Kartoffeln und aus den Kühlbehältern ein Schüsselchen voll Salat. Der Lehrling hackte währenddessen irgendwelches Grünzeug in einer Geschwindigkeit, die Sebastian Achtung abnötigte. „Was hackst du da?“ fragte er. Der Lehrling verzog leicht das Gesicht: „Brennnesseln!“ Sebastian schüttelte sich: „Entenfraß.“ „Quatsch, d e r Küchenrenner im Frühling und Sommer! Kannste glauben. Das essen die Leute gern.“ „Hm, ich bestimmt nicht“, brummte Sebastian und verschwand. Auf der Terrasse, hinten am großen Wasserrad, ließ er sich an einem der Tische nieder. Da war sein Liebling, das riesige Wasserrad. Er hatte noch nie ein größeres gesehen. Ach, war es schön, wieder hier zu sein! Langsam aß er seinen Teller leer. So, das war geschafft. Nun schnell noch sein Zimmer im Gesindehaus beziehen und dann... ja, was dann? Sebastian runzelte die Stirn. Zu dumm, dass Onkel Thomas keine Zeit hatte.

Beim Überqueren des Hofes besah sich Sebastian sein Quartier. Das Haus war ein kleines Fachwerkhaus, in dem früher die Knechte, Mägde und Müllerburschen gewohnt hatten, eben das Gesinde. Er kannte es noch als baufälliges Haus. Vor einer Weile hatte er zusammen mit Onkel Thomas tapfer Lehm gestampft, um beim Ausfachen zu helfen. Eine wahre Knochenarbeit, vor allem weil das Stroh, das dem Lehm beigemischt wurde, wahnsinnig in die Füße stach.

Sebastian war gespannt, wie sein Zimmer wohl hergerichtet sein würde. Atze, die schwarzweiße Katze der Mühle, miaute ihn an und strich um seine Beine. Er hob die Katze hoch und ging mit ihr zum alten großen Steintrog, aus dem munter Wasser plätscherte. Die winzige Linde daneben war wohl doch etwas gewachsen, denn er musste den Kopf heben, um bis zu ihrer Spitze sehen zu können.

Die zweite Gruppe Kinder hatte sich nun auch in der Mühle eingefunden. Es waren die Kinder, mit denen Sebastian aus dem Bus gestiegen war.

Während er an einigen Mädchen vorbeilief, schnatterte er:

„Gag, gag, gag.“

Empört drehten sie sich um. Der lachende Blonde war aber schon im Gesindehaus verschwunden. Er staunte. Inzwischen war das gesamte Fachwerkhäuschen renoviert. Gut sah es aus, die Holztreppen waren geölt und die Türen gestrichen. Im ersten Stock rechts lag das Wanderburschenzimmer mit den verrückten Inschriften. Nicht gerade fein, was die Burschen an die Wände gekritzelt hatten. Aber Onkel Thomas hatte alles sauber mit Gaze abkleben lassen, damit es erhalten blieb. Da schlief er bestimmt nicht. Sicher im größeren linken Zimmer. Als er diese Tür öffnete, staunte er nicht schlecht.

Neulich war hier überhaupt nichts los. Jetzt standen im Zimmer ein Bett aus Holz mit Kissen und Deckbett, beides mit lustig gepunktetem Stoff bezogen, ein Tisch, ein Stuhl. Das alles gefiel ihm. Er sprang auf das Bett, probierte, ob es gut gefedert war, machte das Licht an und aus und entdeckte in einer Ecke sogar einen kleinen Fernseher. Das war ein sehr schönes Ferienzimmer! Hier konnte er es aushalten.

Der Lärm draußen hatte inzwischen erstaunliche Ausmaße angenommen. Während Sebastian ans Fenster trat und das ganze Geviert überschaute, schlich sich Atze ganz leise in die Nähe des Bettes und machte es sich schließlich auf dem gepunkteten Deckbett richtig bequem. Sebastian betrachtete die links liegende Scheune, wo sich im Erdgeschoss ein Theater mit etwa 80 Sitzplätzen befand. Puppenspieler, Schauspieler und Musiker nutzten diese Stätte für Gastspiele. Direkt gegenüber stand das Mühlenhaus, unten links mit der Gaststätte und darüber den Büros und der Küche. Unten rechts war der Mühlenraum. Das Viereck des Hofes wurde durch das ehemalige Stallhaus abgeschlossen. Aber es war kein Stall mehr, sondern eine romantische Ruine, die im Sommer, in den warmen Nächten, durch allerlei Schauspiel zum Leben erweckt wurde. Sebastian hatte hier mit seinen Eltern schon manchen Abend am Lagerfeuer verbracht. Besonders lustig fand er die Abende, wenn der Onkel und der Mühlengeist Muki dabei waren. Manchmal dachte er daran, wie wohl die Schauspieler und die Leute vor der Ruine reagieren würden, wenn sie wüssten, dass sich unter der Bodenplatte ein uralter Kellerraum verbarg. Nicht einmal Onkel Thomas kannte dessen Alter. Der Ort kam Sebastian immer ein bisschen gruselig vor. Er fragte sich oft, was man wohl in dem alten Keller finden könnte, würde man ihn heute betreten.

Er wandte sich den Puppenspielern zu, die noch ausluden. Sebastian sprang die Holztreppe hinab und rannte zum Auto, das von neugierigen Kindern bereits umringt war. Die Ordnung im Laderaum imponierte ihm immer wieder. Kein bisschen Platz war verschenkt worden. Alles war genau ausgeklügelt.

Der Puppenspieler schaute ungeduldig auf den Jungen, der ihm irgendwie im Weg stand:

„Hallo Sebastian, du willst uns doch hoffentlich beim Ausladen und Aufbauen helfen!“

Sebastian nickte und packte mit an, so gut es ging. Stoffballen, Leisten, Balken, Kisten und Kästen wanderten vom Transporter in die Scheune. Nun würde es vier Stunden dauern, bevor alles an seinem Platz war und das Spiel beginnen konnte. Fast einen halben Meter groß und schwer wie ein voller Wassereimer waren die Puppen, die fachmännisch – das wusste Sebastian – Marionetten genannt wurden. Andere Puppenspieler hatten durchaus auch kleinere Marionetten oder spielten mit ganz anderen Figuren. Wer seine Ausrüstung allerdings in einem Nebengelass der Theaterscheune aufbewahren wollte, um sich den Transport zu sparen, war schlecht beraten. Aus den Haaren oder Beinkleidern so mancher Puppe hatte sich die eine oder andere Maus schon einen Kuschelplatz gebaut. Manchmal saß Sebastian mutterseelen allein im Theaterraum und träumte vor sich hin. Aber nie zu lange. Der eigentümliche Geruch, die Dunkelheit in der fensterlosen Scheune, Geräusche unterm Gebälk im Zuschauerraum oder das Knarren von Balken und Brettern über ihm trieben ihn dann wieder hinaus auf den Mühlenhof.

Onkel Thomas verabschiedete sich gerade mit unzähligen „Glück-zu“-Müller-Grüßen von der ersten Kindergruppe und begann die Führung für die zweite im Hof an der Tafel, die er extra für die Führungen hier aufstellen lassen hatte. Sebastian musste lächeln, als er zusammenzuzählen versuchte, wie oft Onkel Thomas am Tag wohl „Glück zu“ sagte: 40 mal, 60 mal? Man sah es ihm nicht an, falls er dessen müde sein sollte.

Als Onkel Thomas mit den Kindern zum Wasserrad lief, überlegte Sebastian, was er mit sich anfangen könnte. Er hatte alle begrüßt, alles gesehen, was nun? Er hatte sich in der Mühle noch nie gelangweilt. Sollte jetzt der Zeitpunkt für das erste Mal gekommen sein? Zu dumm, dass sein Freund Paul erst am Abend Zeit für ihn hatte. Unschlüssig saß er auf den Stufen vor der Eingangstür zur Mühle. Ihm wollte absolut nichts einfallen. Nein, fernsehen konnte er jetzt nicht, dazu war das Wetter auch viel zu schön. Langsam kroch eine Idee aus seinem Kopf. Hm, das war nicht schlecht.

Er wollte gleich damit beginnen, für sich selbst und mit sich selbst eine Mühlenführung zu machen. Er hatte nichts von dem vergessen, was Onkel Thomas immer erzählte. Denn schon oft hatte er Kindergruppen durch die Mühle begleitet. Und Onkel Thomas erzählte immer so lustig, dass man sich vieles schon anhand der vielen Eselsbrücken merken konnte, die der Müller baute. Vielleicht gelang ihm seine Mühlenführung so gut, dass er dem Onkel zur Hand gehen konnte? Obwohl ihn der Gedanke ein wenig erschreckte, war er jetzt schon ganz stolz auf sich angesichts der vielen neidischen Blicke der Kinder, wenn er als rechte Hand des Müllers das Werkzeug hochheben oder die Wasserklappe ziehen durfte. Also los!

Er würde üben, so oft er konnte! Überzeugt davon, dass das d i e Sache war, postierte sich Sebastian vor der Wandtafel im Hof.

Die Mühlenführung

Hier saßen an zahlreichen Tischen Gäste, unterhielten sich und aßen oder tranken eine Kleinigkeit. Vom Müller und der zweiten Gruppe Kinder war nichts mehr zu erblicken. In seinem Tatendrang beachtete Sebastian die Leute nicht. Er bewaffnete sich mit Kreide, zog mit dem Fuß einen Halbkreis um seinen Standort und legte los:

„Liebe Kinder“, rief er, „ich begrüße euch ganz herzlich in der Zschoner Mühle mit dem Müllergruß, Glück zu. Jawohl, so begrüßen sich die Müller seit vielen hundert Jahren. Kommt hierher zu mir, stellt euch im Halbkreis auf, die großen nach hinten, die kleinen nach vorn. Schließt den Mund, spitzt die Ohren, die Augen zum Müller!“

Vorsichtig näherten sich zwei Jungen und stellten sich nebeneinander am Halbkreis auf. Die Leute an den Tischen lächelten und hörten mit ihren Gesprächen auf. Sie waren gespannt darauf, was jetzt passieren würde.

„Was glaubt ihr“, rief Sebastian, „was es für Mühlen gibt?“

„Windmühlen“, sagte zaghaft einer der beiden Jungen.

„Richtig“, ermunterte Sebastian die beiden, „und weiter?“

„Wassermühlen“, ergänzte der andere die Aufzählung.

„Guuut!“ Sebastian war begeistert.

„Und welche anderen Mühlen kennt ihr noch?“

„Handmühlen“, ertönte es aus dem Hof.

„Tretmühlen!“

Sebastian erschrak. Für einen Moment wusste er nicht, was er tun sollte und trat von einem Bein auf das andere. Am liebsten hätte er sich in Luft aufgelöst. Wie konnte er nur die Menschen übersehen?

Da stellte sich ein Mädchen zu den beiden Jungen und fragte:

„Und weiter?“

Sebastian sah sie an und beschloss im gleichen Augenblick, einfach weiterzumachen. Er wollte so tun, als ob er das alles schon hundert Mal gemacht hatte. Was konnte ihm schon passieren?

Immerhin würden die drei Knirpse ja was von ihm lernen und die Erwachsenen auch. Deshalb rief er in den Hof:

„Das stimmt alles! Je nachdem, wie eine Mühle angetrieben wird, unterscheidet man sie voneinander. Windmühlen werden vom Wind angetrieben und dienten als Getreide- oder Mahlmühlen, etwas seltener als Säge-, Papier-, Farb- und Pulvermühlen. An der Küste entwässern sie seit langem die Polder als Poldermühlen. Wassermühlen werden vom Wasser angetrieben und sehr vielfältig genutzt, auch als Ölmühlen, Sägemühlen, Hammermühlen, Knochenmühlen, Papiermühlen und so weiter. Man sagt in Müllerkreisen, dass es wohl über zweihundert verschiedene Möglichkeiten gab, eine Wassermühle für den Menschen nutzbar zu machen. Jawohl! Was glaubt ihr, welche Mühle ist älter, die Wind- oder die Wassermühle?“ fragte er die drei Kinder, denen sich gerade zwei Vatis hinzugesellten, die sofort mit überlegten. Aber sie kamen zu keinem Schluss.

„Na gut“, erklärte Sebastian, „dann stimmen wir mal ab. Wer ist für die Windmühle? Eins, zwei ... also zwei. Wer ist für die Wassermühle? Die restlichen drei. „Ja, ihr habt recht“, bestätigte er, als sich gerade ein Opa interessiert in das Gemurmel einmischte.

„Die Geschichte der Wassermühle begann eigentlich dort, wo es ausgesprochen wenig Wasser gibt, nämlich im nördlichen Afrika“, fuhr er in seiner Führung fort. Ungläubig betrachteten ihn sechs Augenpaare, wobei der Opa einem Vati zuzwinkerte.

,Ihr werdet noch staunen, machte sich Sebastian innerlich Mut, als er das Zwinkern bemerkte.

„In Kleinasien begann die Geschichte der Wassermühle vor etwa 4 000 Jahren, vielleicht auch erst ein bisschen später, so genau weiß das keiner. Wassermühlen verbreiteten sich überall auch in Europa. Und“, kürzte er seinen geschichtlichen Ausflug ab, „weil die Zschoner Mühle eine alte Wassermühle ist, wollen wir uns vor allem ihr zuwenden. Die Windmühlen müsst ihr euch woanders anschauen.“ Die sechs Zuschauer lachten und waren einverstanden. Jetzt kamen noch zwei Muttis dazu und wollten hören, was der Junge den erwachsenen Männern erzählte, die darüber so lachten. Auch sie blieben stehen.

Onkel Thomas hatte die zweite Gruppe verabschiedet und schaute, unbemerkt von Sebastian, aus der Tür. Er staunte. Als er merkte, dass der Junge gar nicht so ungeschickt zu Werke ging, beschloss er, sich der Führung anzuschließen, um ein bisschen mitzuhören.

Das mächtige Wasserrad

Er blieb in der Tür stehen und lauschte, als Sebastian gerade über die verschiedenen Wasserräder sprach:

„Die Augen zum Müller, die Ohren gespitzt und die Münder geschlossen! Und wer nicht still sein kann, darf nicht in die alte Mühle hinein.“

Die Zuschauer lächelten angesichts der Tatsache, dass ohnehin alle ganz still standen. Natürlich ahnten sie, dass Kindergruppen wohl lebhafter waren. Sie folgten Sebastian zum großen Wasserrad, schauten in die tiefe Wassergrube und hörten aufmerksam seine Erklärungen.

Jetzt waren es nicht mehr acht Leute, sondern zwölf, denn vier weitere Kinder hatten sich begeistert angeschlossen. Als dreizehnter stand Onkel Thomas hinter den Erwachsenen und machte sich etwas kleiner als er war.

„Die Wassermühlen können unterschiedliche Wasserräder haben“, bemerkte Sebastian gerade laut und sachlich.

„Wenn das Wasser von unten in das Rad hineinfließt und es zum Laufen bringt, so nennt man dies ein unterschlächtiges Wasserrad.“

Er buchstabierte noch einmal laut:

„U-n-t-e-r-s-c-h-l-ä-c-h-t-i-g-e-s W-a-s-s-e-r-r-ad“

und rief plötzlich zur Überraschung seiner Zuhörer:

„Alle zusammen!“

„Unterschlächtiges Wasserrad!“ brüllten alle, wobei sich die Erwachsenen über sich selbst wunderten, wie gut sie gehorchten.