Seebeben - Marlies Grötzinger - E-Book
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Seebeben E-Book

Marlies Grötzinger

4,0

Beschreibung

Endlich Dienst am Bodensee. Für Isabel Böhmer erfüllt sich ein Traum. Voller Vorfreude startet die Wasserschutzpolizistin ihren neuen Lebensabschnitt. Von der ersten Begegnung an verfällt sie dem Charme ihres Chefs, Polizeidirektor Carl Dangelmann, und plötzlich steht Isabel zwischen zwei Männern. Schließlich ist da noch ihr Freund Thomas von Harnsfeld, der vorerst in Tübingen geblieben ist. Als einer von beiden bei einem Unfall spurlos verschwindet, wird ihre Situation nicht einfacher …

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Marlies Grötzinger

Seebeben

Bodensee-Roman

Zum Buch

Prickelndes Wasserglück Beschaulich, keinesfalls hektisch, so hatte sich Isabel Böhmer die Arbeit bei der Wasserschutzpolizei am Bodensee vorgestellt. Mit ihrem Freund Thomas von Harnsfeld war sie übereingekommen, dass sie vorerst allein an den Bodensee zieht und er in Tübingen seine Dissertation beendet. Doch kaum am Bodensee angekommen, spielt Isabel mit dem Feuer: Vom ersten Augenblick an fühlt sie sich von ihrem neuen Chef, Polizeidirektor Carl Dangelmann, magisch angezogen. Bald erliegt sie seinem Charme – abenteuerlicher Sex und Gefühlschaos inklusive. Als Thomas eine Wohnung in Friedrichshafen aus dem Ärmel zaubert und dort wieder mit Isabel zusammenziehen möchte, ist das Wirrwarr perfekt, das ihr mehr zusetzt als die Polizeiarbeit. Hilfesuchend wendet sich die Polizistin an ihre Freundin Lena, die in Konstanz eine Praxis für Psychotherapie betreibt. Doch deren Rat kann und will Isabel nicht annehmen. Die Situation verschärft sich dramatisch, als einer der beiden Männer bei einem Unfall spurlos verschwindet …

Marlies Grötzinger lebt und arbeitet in Oberschwaben und am Bodensee. Landauf landab lieben Dialektfreunde ihre humorvollen Mundarttexte. Für herausragende Verdienste um die Heimat wurde sie 2013 von der baden-württembergischen Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit der Heimatmedaille des Landes ausgezeichnet. In »Seebeben« erzählt die Schriftstellerin mit Spannung und Humor vom Treiben am »Schwäbischen Meer«.

Impressum

Personen und Handlung dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © VRD / stock.adobe.com

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6106-4

Zitat

»Die reinste Form des Wahnsinns ist es,

alles beim Alten zu belassen

und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.«

Albert Einstein

Prolog

Wasser. Überall Wasser. Nur nicht nach unten schauen. Nicht in die Tiefe. Ignoriere das dunkle Loch da unten, hämmert er sich ein. Ich hab keinen Sauerstoff mehr, ganz schlecht, wenn man unten ist. Ich muss hoch zum Boot. Ruhig bleiben. Ganz ruhig bleiben. Oder an was anderes denken. Einfach an was anderes denken. An was Schönes. Für einen Moment schwindet die Panik, sein Gesicht hellt sich auf. Mein 911er Carrera S. Hab lange auf ihn gewartet … Kommende Woche wird er seinen neuen Porsche abholen, direkt am Werk. Er sieht ihn vor sich, seine Hand streicht über den glänzenden Lack. Die Tür öffnet sich und seine Finger gleiten über das weiche Leder in Yachtingblau. Wie in Zeitlupe neigt, hebt und senkt sich seine Hand, bewegt sich wie ein Fisch. Er blickt an sich hinab. Er ist nackt. Er wird in etwas Weiches gedrückt. Ist es der Fahrersitz mit den anatomischen Polsterungen? Die Polster passen sich den Rundungen seiner Oberschenkel, seines Gesäßes, seines Rückens an. Schmiegen sich an, zärtlich wie eine liebende Frau. Neues Leder. Jedes Mal, wenn er den Geruch von neuem Leder wahrnimmt, blähen sich lustvoll seine Nasenflügel. Auch jetzt. Aber jetzt riecht er nichts. Er will einatmen, unterdrückt den Reflex im letzten Augenblick. Wasser. Jemand glotzt durch ein Fenster, drückt die Nase platt an der Glasscheibe. Ist er das? Er selbst? Mit den Fingern einer Hand betastet er das Glas. Er spürt ein Kribbeln in den Fingerkuppen, als ob sie sich in einen Ameisenbau verirrt hätten. Das Kribbeln wird stärker, breitet sich aus, beide Hände jucken wie wahnsinnig. Er reißt die Augen auf und betrachtet staunend seine Arme. Beide beginnen zu flattern. Er holt sich die Hände vors Gesicht, starrt ungläubig auf seine Finger. Sie schweben. Fasziniert schaut er den Bewegungen zu, seine Hände verselbstständigen sich, sind schwerelos. Ein Geistesblitz signalisiert ihm plötzlich wieder: Er ist im Wasser, will zu Schwimmbewegungen ausholen. Die Muskeln der Arme gehorchen ihm nicht. Auch der Beinschlag will nicht gelingen. Jetzt registriert er einen fürchterlichen Druck im Kopf, in seiner Brust, in der Magengegend, überall. Unwillkürlich hält er die Luft an. Da ist sie wieder, die unbändige, mörderische, höllische Angst. Sein Brustkorb krampft sich zusammen. »Die Reaktionen Ihres Körpers sind richtig. Die Ausschüttung von Adrenalin und Kortisol versetzt ihn in erhöhte Alarmbereitschaft. Das hat der Menschheit das Überleben gesichert.« Die Worte des Therapeuten, den er nur ein einziges Mal konsultiert hat, dröhnen in seinem Schädel. Tiefenkrankheit, Angststörung! Er? Lächerlich, einfach lächerlich! Unfähiger Quacksalber, elender Laberer! Ein Schmerz am rechten Oberarm schneidet seine Erinnerungen ab.

Neben ihm bewegt sich etwas. Ein nackter Körper. Jemand haut eine Scheibe ein. Er sieht rot. Glas zerbirst lautlos. Finger fremder Hände krallen sich an seinen Armen fest. Schütteln ihn, wollen seinen Oberkörper umfassen, ihn in den Schwitzkasten nehmen. Wem gehören die? Will mich einer umbringen? Oder eine, eine Frau? Er wendet den Kopf. Helle Haare schweben ihm entgegen, verschwommen taucht ein Gesicht auf. Ist Ella zurückgekommen? Ihre Lippen zusammengekniffen, die Augen weit aufgerissen. Hass sieht er darin, abgrundtiefen Hass. Das ist kein Gesicht, ist eine Fratze. Sie verzerrt sich mehr und mehr. Jetzt nimmt sie Rache, das Biest. Jetzt zahlt sie mir zurück, dass ich sie ausgebootet habe bei der Scheidung. Dumme Kuh. Zwei Arme ziehen sich fester um seine Brust. Heben ihn hoch, zerren ihn durch ein Loch. Ein höllischer Schmerz an seinem Oberschenkel. Alles rot. Blut. Sein Blut. Blut hämmert auch von innen gegen seine Schädeldecke. Der Druck im Kopf steigert sich, wird unerträglich. Wo ist er? Alles dunkelgrau um ihn herum. Lass mich los, elendes Miststück. Seit wann hast du solche Kraft? Niemals kannst du solche Kraft besitzen. Du bist es gar nicht! Bella, bist du es? Sein Mund öffnet sich, spuckt eine graugrüne Wasserladung aus und die Worte: Lass mich los! Panische Angst durchzuckt seinen Körper, wild schlägt er um sich und diesmal gehorchen seine Muskeln. Er kann dem Angreifer, wer auch immer es ist, ein paar kräftige Schläge versetzen. Schließlich gelingt es ihm, sich ganz aus der Umklammerung zu lösen, die Fesseln abzuschütteln. Niemand wird ihm jemals Fesseln anlegen, ihm nicht, niemals! Wieder ein kurzes Signal aus seinem Gehirn: Flucht! Wegrennen, er ist ein guter Läufer. Laufen. Aber unter seinen Füßen spürt er keinen Grund, der ihm Halt geben könnte. Da ist nichts, kein Boden, nur ein schwarzes Loch. Er strampelt aus Leibeskräften. Kommt nicht von der Stelle. Ist er tatsächlich unter Wasser? Eine schreckliche Ahnung überkommt ihn. Da schwimmt etwas neben ihm. Blubbert, etwas Buntes. Fische? Ist er mitten unter seinen kleinen Freunden? Warum antwortet ihm sein Gehirn denn nicht? So schön ist das also, völlig entrückt zu sein. So ein gutes Gefühl ist die Schwerelosigkeit. Er hatte es beinahe vergessen. Plötzlich durchzuckt ihn doch ein Gedanke: Falls er wirklich unter Wasser ist, muss er auftauchen, sofort. Seine Lunge verlangt nach Sauerstoff. Reflexartig atmet er ein, inhaliert Wasser, verschluckt sich, keucht. Er atmet ein weiteres Mal, hustet. Wasser rinnt seine Luftröhre hinunter, er spürt ein heftiges Brennen in der Brust. Ungläubig reißt er wieder die Augen auf, erschrickt. Plötzlich fangen seine Arme erneut an zu zittern, zucken krampfartig. Verzweifelt versucht er, die Bewegungen seiner Muskeln zu kontrollieren, mit Armen und Beinen zu rudern. Entgeistert blickt er an sich hinunter. Seine Beine zucken auch, kommen ihm entgegen. So sehr er sich auch bemüht, sie gehorchen ihm nicht. Dann nimmt er erneut die Umrisse eines Gesichts wahr, umspielt von hellen Fäden. Es entfernt sich. Hau ab! Endlich. Unendlich langsam weicht auch die Angst. Ein Gefühl von Frieden, von nicht enden wollender Geborgenheit, breitet sich mit einem Mal in ihm aus. Arme und Beine kommen zur Ruhe. Dann trudelt sein Körper hinab in das trübe Dunkel des Bodensees.

 

Kapitel 1

Isabels Zukunft verbarg sich hinter der blauen Metalltür. Mit jedem Schritt, mit dem sie sich dem Gebäude genähert hatte, verlangsamte sich ihr Gang und ihr Herz schlug schneller. Was würde sie erwarten im tiefen Süden? Mehr als einmal hatte sie sich gefragt, ob es richtig war, den Schritt zu wagen. »Wer zu neuen Ufern aufbrechen will, muss das Alte hinter sich lassen.« So las sie auf dem Foto, das Lena ihr am späten Abend über WhatsApp geschickt hatte, ein Emoticon mit hochgestrecktem Daumen folgte. Rasch steckte Isabel das Handy wieder in ihre Tasche. Kurz zuvor hatten die Freundinnen telefoniert. Lena hatte natürlich bemerkt, dass Isabel schwankte, und ihr für den ersten Arbeitstag alles Gute gewünscht. Noch beim Einschlafen hatte das Gespräch ein Lächeln auf ihr Gesicht gezaubert.

Nun stand Isabel vor der Tür. Im fast bodentiefen Glaseinsatz spiegelte sich ihre Gestalt. Das große Metallschild daneben glänzte neu, als wäre es extra für sie angebracht worden. »Wasserschutzpolizeistation Friedrichshafen«, las Isabel und blickte in die gläserne Halbkugel des Türspions. Bestimmt hatte man sie bereits gesehen. Direkt unterhalb des großen Schildes schimmerte ein kleines mit der Aufschrift »Klingel«. Isabel blickte auf ihre Uhr und zögerte. Zum Klingeln war es zu früh. »Wir erwarten Sie um 10.30 Uhr«, hatte ihr neuer Chef, Polizeidirektor Dangelmann, geschrieben. Ihr blieb noch Zeit, um Seeluft zu schnuppern. Sie trat aus dem Arkadenbogen und überquerte mit wenigen Schritten die Uferpromenade. Dabei glitt ihr Blick über die Wasserfläche. Wie ein Silberspiegel lag sie vor Isabel. Nur im Osten tänzelte ein leichter Wind über das Wasser der Friedrichshafener Bucht. Isabel kniff die Augen zusammen, das helle Rund der Sonne war bereits über die österreichischen Berge geklettert. Ihre Strahlen spielten auf dem dunklen Stahlgerippe des Moleturms an der Hafenausfahrt. Das Ufer gegenüber lag noch im Morgendunst und Isabel konnte die sanften Höhen der Schweiz nur erahnen. Ihr Blick wanderte zurück zum Graf-Zeppelin-Haus und den beiden Türmen der Schlosskirche. Über ihr bevölkerten Spatzen die noch kahlen Äste der Platanen, die wie Arme in die Höhe ragten, und zwitscherten munter ihren Frühlingsgruß. Sie hob den Kopf zum Himmel. Oben war der Dunst bereits einer lichten Bläue gewichen. Ein Flugzeug zog weiße Kondensstreifen hinter sich her. Tief sog Isabel die frische Morgenluft ein und wurde zunehmend ruhiger. Es roch nach Wasser und nach Fisch und ein Duft von Freiheit und Neubeginn lag in der Luft. Sie lehnte sich an das Geländer, und die Kühle des Metalls kroch in ihren Körper. Wie oft hatte sie sich gewünscht, hier am Bodensee zu leben. Lena hatte diesen Schritt schon vor zwei Jahren geschafft und war in Konstanz in eine Praxisgemeinschaft von Psychotherapeuten eingetreten. Im letzten Sommer, Isabel erinnerte sich genau an den Tag, als sie Lena besuchte und mit ihr auf der Mole picknickte, verließ ein großes Polizeiboot mit Blaulicht den Hafen. Fasziniert hatte Isabel der schäumenden Spur nachgeschaut und spontan ausgerufen: »Lena, ich bewerbe mich bei der Wasserschutzpolizei und komm an den Bodensee!«

»Eine super Idee!«, hatte Lena geantwortet. »Dann können wir uns wieder viel öfter sehen.«

»Und gemeinsam schwimmen und paddeln und surfen und segeln«, schwärmte Isabel und strahlte die Freundin an.

»Ja, alles das – vorausgesetzt, ich habe einen Babysitter für Ben!«

»Ich kann dann auch mal aufpassen, wenn du in Not bist. Und ich kann Beruf und Hobbys verbinden! Mensch, dass ich da nicht früher drauf gekommen bin«, sprudelte es aus Isabel heraus, bis Lena fragte: »Und was ist mit deinem Thomas? Will der überhaupt von Tübingen weg?«

Die Begeisterung auf Isabels Gesicht war mit einem Mal verflogen. Unsicher sagte sie: »Keine Ahnung, ich werde ihn fragen.«

»Wie lange braucht er denn eigentlich noch für seine Doktorarbeit?«

»Ach, da frag ich schon gar nicht mehr. Solange sein Vater zahlt, sieht er keinen Grund zur Eile.«

»Tja, man kann nicht vorsichtig genug in der Wahl seiner Eltern sein! Reiche Eltern sind nie von Nachteil – und reiche Schwiegereltern auch nicht, gell Frau von Harnsfeld in spe!«

Mit einem freundschaftlichen Klaps hatte Lena ihren Worten Nachdruck verliehen, doch schnell hatte sie ihre Hand zurückgezogen, als sie gesehen hatte, wie nachdenklich Isabel geworden war. Isabel hatte ihre Lippen aufeinandergepresst und Lena mit großen Augen schweigend angesehen.

»Nun sag schon, was los ist«, forderte die Freundin sie auf.

»Sagt Thomas doch das letzte Mal, als ich ihn auf seine Promotion angesprochen habe: Ja nun, wichtiger als von etwas zu leben ist mir, für etwas zu leben. Für etwas zu brennen, einen Sinn zu finden in dem, wie ich meine Zeit verbringe.«

»Da hat er vollkommen recht.«

»So sehe ich das ja auch. Ich liebe meinen Beruf auch! Trotzdem hat mich seine Art, wie er das gesagt hat, seine stoische Ruhe, auf die Palme gebracht. Thomas ist 32 Jahre alt, lässt sich wie selbstverständlich von seinen Eltern unterstützen, um sich die ganze Zeit seinen Studien widmen zu können. Ich halt ihm den Rücken frei und mach neben meinem Vollzeitjob den kompletten Haushalt. Das sieht er gar nicht, verstehst du! Das ist selbstverständlich für ihn. Meist hab ich nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach nicht die Kraft, mich einem Disput zu stellen.«

Von ihrem Antrag auf Versetzung zur Wasserschutzpolizei hatte Isabel ihrem Partner erst erzählt, als dieser bewilligt war. Sie empfand es als glückliche Fügung des Schicksals, dass sie gleich an den Bodensee durfte und nicht zuvor in Mannheim beginnen musste. Ihrem Bekenntnis waren mehrere Diskussionen mit Thomas gefolgt. Thomas fühlte sich wohl in der Universitätsstadt, inmitten seiner Bücher und Geisteswissenschaftler und wollte Tübingen nicht verlassen. Jedenfalls war er nicht mit an den Bodensee gezogen. Er wohnte weiter in der schmucken Altbauwohnung, in der sie die vergangenen Jahre zusammengelebt hatten. Geäußert hatte er es zwar nie, doch insgeheim konnte er Isabels Alleingang nicht verstehen und hoffte, sie würde ihn bald bereuen und zu ihm zurückkommen. Ohnehin hatte er seinem biblischen Namen einmal mehr alle Ehre gemacht: Thomas, der Ungläubige. Denn erst als Isabel eine kleine Wohnung gefunden hatte, glaubte er, dass sie wirklich Ernst machte mit dem Wegzug.

Plötzlich riss ein Scheppern Isabel aus ihren Gedanken. Donnernd war die Metalltür ins Schloss gefallen. Ein Mann in Polizeiuniform stand davor, stampfte mit einem Bein auf, gestikulierte und schimpfte. Jetzt drehte er sich wieder zur Tür und drosch mit einer Hand auf die Klinke ein. Als sich die Tür öffnete, schrie er etwas ins Innere, was sich wie ein Fluch anhörte, und schlug sie erneut zu. Dann streckte sich sein Körper, sein Kopf schoss hoch und zwei blaue Augen blitzten Isabel erstaunt an. Der Blick traf sie ins Mark und ließ sie erschauern. Der Polizist zog seine Schirmmütze tiefer ins Gesicht, streifte mit beiden Händen die Uniformjacke glatt und stapfte mit großen Schritten davon, die Uferpromenade entlang. Nanu, welche Laus ist denn dem über die Leber gelaufen, fragte sich Isabel und sah dem Uniformierten nach. Ob das ein künftiger Kollege war?

Isabel besah sich das mehrstöckige Gebäude genauer. Die Fassade über den Arkaden war durchbrochen von mehreren identischen zweiflügeligen Fenstern. Nur eines unterbrach die Symmetrie: Es war viel größer als alle anderen, etwas weiter vorgezogen und sah aus, als sei es nachträglich eingebaut worden. Über den Dachgaupen im obersten Stock glitzerten von der Sonne angestrahlte Antennen und mehrere Windmesser drehten sich geschwind. Meine neue Dienststelle also.Hinter welchem Fenster steht wohl mein Schreibtisch?

Ein knatterndes Geräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit zu einem Flaggenmast, der direkt vor ihr eingelassen war. Dort hatten die drei Flaggen von Deutschland, Österreich und der Schweiz begonnen, sich synchron im Wind zu bewegen. Isabel schmunzelte. Offensichtlich hielt die Wasserschutzpolizei etwas auf Traditionen. Wer hisst die jeden Morgen und holt sie abends wieder ein? Eine Szene aus ihrem Urlaub in Kuba kam ihr in den Sinn. Dort hatten Thomas und sie beobachtet, wie das tägliche Hissen und Einholen der Flagge zum Staatsakt geraten war: Polizisten sperrten die mehrspurige Fahrbahn, Fahrradfahrer mussten absteigen, Fußgänger warten. Vor diesem Publikum hatten dann Soldaten defiliert, salutiert und in einer Zeremonie, die selbst Thomas endlos vorgekommen war, die Staatsflagge eingeholt. Vielleicht gehört das hier zur täglichen Aufgabe einer stellvertretenden Dienstgruppenleiterin? Isabel schaute wieder auf ihr Handy und stellte es stumm. Noch wenige Minuten. Sie merkte, wie Nervosität sich in ihr ausbreitete. Wie werden die neuen Kollegen sein? Komme ich mit ihnen zurecht und sie mit mir? Was erwartet der neue Chef, fragte sie sich und beobachtete, während sie sich diese Gedanken machte, wie sich die Fußgängerzone allmählich belebte: Zwei Frauen in buntem Outfit joggten in Richtung Park, erste Touristen spazierten mit Rucksäcken gerüstet zur Schiffsanlegestelle. Die Türen der Eisdielen öffneten sich, Kellner nahmen Ketten ab und platzierten Tische und Stühle einladend. Ein erneuter Blick zur Uhr: 10.25. Isabel nahm einen kleinen Spiegel aus der Handtasche, zog ihre Lippen mit einem farblosen Stift nach und vergewisserte sich, dass das Make-up – heute hatte sie sich ausnahmsweise leicht geschminkt – nicht verwischt war. Dann strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr, zog an ihrer Jacke, holte tief Luft und ging wieder zu der Tür hinüber. Sekundenbruchteile zögerte sie, bis sie die Klingel drückte. Eine Männerstimme fragte: »Ja bitte?« Sie klang etwas mürrisch. Nicht wegen mir, das kann nicht sein, ging es ihr durch den Sinn, als sie sagte: »Isabel Böhmer, ich …«

Ein leiser Summton unterbrach ihren Satz. Sie spähte durch den Glaseinsatz und drückte gegen den runden Metallknopf. Dann stand sie in einem kleinen Vorraum einem älteren Mann gegenüber. Als er die Brauen zusammenschob und Isabel aus wachen Augen musterte, zog die sonnengegerbte Haut tiefe Falten in seinem Gesicht. Sein Mund dehnte sich zu einem Grinsen, als er sagte: »Sie sind also der Nachfolger von Kurt, äh … die Nachfolgerin! Hab schon ghört, dass mir eine Frau kriegen.« Er seufzte. Mit den neumodischen Gepflogenheiten, die auch bei der uniformierten Polizei eingekehrt waren, konnte er sich nicht so recht anfreunden. Musste er auch nicht mehr. Es reichte vollkommen, diese zur Kenntnis zu nehmen, und ansonsten galt es, die wenigen Monate durchzuhalten bis zum Ruhestand.

»Ja, ich bin die Quotenfrau!«, gab Isabel lächelnd zurück. Normalerweise wäre ihre Antwort schärfer ausgefallen, aber sie wollte es sich nicht gleich am ersten Tag mit dem Kollegen verscherzen. Außerdem war ihr der Mann auf Anhieb sympathisch. Er sprach schwäbischen Dialekt und erinnerte sie an ihren Vater. Der wäre jetzt ungefähr im selben Alter, hätte der Hooligan damals nicht sein Messer gezückt und rasend vor Wut auf ihn eingestochen. Schnell schluckte sie die Erinnerung hinunter.

»Kommet Sie herein. Zuerscht hab ich dacht, da will wieder eine ’ne Anzeige erstatten. Die hätt mir grad noch gfehlt heut Morgen.«

»Nein, keine Anzeige …«

»Schon gut. Frieder Kahle. Willkommen«, brummte er augenzwinkernd und streckte Isabel eine Hand entgegen. »Mir brauchet dringendscht Verstärkung und freuet uns, dass Sie endlich da sind.«

Sein fester Händedruck zeigte Isabel, dass er es ehrlich meinte.

»Der alte Kahle ischt momentan Mädchen für alles – na ja, für fascht alles«, fügte er nach kurzem Innehalten hinzu, und seine Stimme klang weniger freundlich, als er sagte: »Unsere Sekretärin ischt heut mal wieder unpässlich. Diese jungen Dinger. Auf die ischt einfach kein Verlass! Melden sich krank wegen jedem krummen Furz! Tschuldigung, Frau Böhmer, aber so ischt es!«

Statt einer Antwort nickte Isabel nur mit dem Kopf und überlegte, ob Frieder Kahle sie auch noch zu diesen jungen Dingern zählte.

»Ich kann hier nicht lang weg, ich zeig Ihne nur kurz Ihr Büro. Kommet Sie mit.« Damit ging er Isabel voran die Treppe hoch. Oben angekommen, öffnete er eine Glastür, die den Blick auf einen langen Korridor mit vielen Türen freigab.

»Drittes Zimmer rechts, das sehet Sie.« Mit diesen Worten stapfte er bereits wieder die Treppe hinunter. Er drehte sich nochmals um und rief: »Ach übrigens: Ich bin dr Frieder! Mir sind hier alle per Du, bis auf den Chef.«

»Isabel«, stotterte Isabel, überrascht, dass das bei dem älteren Kollegen so schnell ging.

Frieder Kahle hatte ihr Zögern bemerkt: »Sie wisset doch: Im Team muss sich einer auf den andern verlasse könne. Das ›Du‹ ischt einfacher.« Schmunzelnd fügte er hinzu: »Und außerdem sagt man auch leichter ›du Seckel‹ als ›Sie Seckel‹!«

Bei diesen Worten nickte er Isabel zu und marschierte dann zurück zum Empfang. Isabel ging langsam den Flur entlang. Mehrere Uniformierte kamen ihr entgegen. Sie grüßten wortlos und schienen erstaunt, dass eine fremde Frau in Zivil sich alleine in den Diensträumen bewegte. Keiner sprach sie an, jeder eilte nach kurzem Kopfnicken in sein Zimmer. Komische Kerle. Stimmt da was nicht? Die sehen irgendwie aus wie begossene Pudel, schoss es Isabel durch den Kopf, und ein Frösteln durchzog ihren Körper. Sie hatte zwar keinen Sektempfang mit Brezeln erwartet, aber ein bisschen freundlicher hatte sie sich ihre Ankunft hier schon vorgestellt. Jetzt schlenderte ein großer, schlaksiger Mann den Gang entlang. Auch er trug Uniform, Isabel schätzte ihn etwa so alt wie sie selbst. Er verschwand nicht gleich, sondern schaute sie an, lächelte und kam auf sie zu: »Hallo. Sie sind bestimmt die neue Kollegin. Ich bin Timo, Timo Fessele!«

»Ja, erraten. Isabel, Isabel Böhmer«, sagte Isabel erleichtert und drückte die ausgestreckte Hand.

»Willkommen im Irrenhaus«, sagte er, und Isabel erkannte keine Spur von Sarkasmus in seiner Stimme.

»Ihr Büro ist da vorne, der Schreibtisch links. Zimmerkollege Markus ist heut nicht da.«

Ob das der Mann ist, der vorher aus dem Gebäude gestürmt ist, überlegte Isabel, als sie hinter Timo Fessele den Flur entlang marschierte. Vor dem angezeigten Zimmer blieben sie stehen.

»Darf ich Ihnen, ah … dir erst mal einen Kaffee bringen?«

»Dir! Ja, sehr gerne.«

»Erster Polizeihauptkommissar Proll«, las Isabel auf dem Schild neben der Tür und öffnete sie. Ein Schwall abgestandener Heizungsluft schlug ihr entgegen. Das Dienstzimmer sah aus, wie Isabel Hunderte bei der Polizei kannte: Die Wände bis zur Decke tapeziert mit Aktenschränken, ein kleiner Besprechungstisch mit zwei Stühlen, in der Mitte zwei Schreibtische – einer davon blank bis auf einen Bildschirm. Das wird meiner sein. Immerhin ein Flachbildschirm, dachte Isabel und erinnerte sich an den wuchtigen Kasten, mit dem sie bisher hatte vorliebnehmen müssen. Sie trat einen Schritt näher und sah auf dem Standfuß des Bildschirms ein kleines, schwarzes Männchen sitzen: ein Schornsteinfeger, auf der Schulter eine Leiter, im Mund ein vierblättriges Kleeblatt und ein Täfelchen Schokolade zwischen den Händen, darauf stand: »Auf gute Zusammenarbeit!« Vor dem Kerlchen klebte ein gelbes Notizblatt, auf dem mit schwungvoller Handschrift: »Herzlich, Markus Proll« gekritzelt war. Isabel musste lächeln und dachte: Wird ja schon besser, und langsam verschwand ihre Beklemmung. Auch der Kollege schien nett zu sein. Isabel war gespannt, wann sie ihn kennenlernen würde.

Einen Unterschied zu den meisten anderen Dienstzimmern der Polizei, einen großen, entscheidenden, entdeckte Isabel, als sie ans Fenster trat: Büro mit Seeblick, wie cool ist das denn? »Phantastisch«, würde sie abends Thomas vorschwärmen. Jetzt stand sie nur staunend davor und unterdrückte einen Jauchzer, als sie einen Flügel aufriss. Unglaublich diese Weite! Diese Aussicht auf den Bodensee und die Berge war mit keinem Büro vergleichbar, was sie bisher gesehen hatte. Statt trostloser Hinterhofidylle mit einer Armee von Gelben Säcken und Mülltonnen in verschiedenen Farben konnte sie auf Wasserweite blicken. Konnte ihre Ängste und Bedenken einfach von Wind und Wellen wegtreiben lassen. Konnte ihren Ärger, der sicher nicht ausbleiben würde, gegen das Bergmassiv da drüben schmettern, das vom Schweizer Ufer herüber grüßte. Der obere Teil war noch schneebedeckt, und alles Ungemach würde mit der Schneeschmelze verschwinden, versickern auf Nimmerwiedersehen. Als den »Wächter des Bodensees« und »das schönste Gebirge der Welt« hatte ein Schriftsteller den Säntis einmal bezeichnet. Isabel wusste nicht mehr welcher, wahrscheinlich der berühmte Walser. Thomas wüsste den Namen, und wenn nicht, würde er sofort den Computer zu Rate ziehen. Ihr war er in diesem Moment vollkommen egal, aber sie gestand dem Mann zu: Er hatte absolut recht.

Eine Fähre steuerte gerade auf die Stadt mit den dunklen Türmen gegenüber von Friedrichshafen zu. Es musste die nach Romanshorn sein. Übermütig schwang Isabel ihren Oberkörper über die Fensterbrüstung. Unter ihr die Seepromenade, reine Fußgängerzone. Keine hupenden Autos und keine stinkenden LKWs mehr, jubilierte Isabel innerlich. Amüsiert beobachtete sie zwei Damen, die ihre Einkaufswägelchen hinter sich herzogen. Die bunten Bänder ihrer Hüte flatterten im Wind. Auf einmal dröhnte Technomusik an Isabels Ohr und sie drehte den Kopf. Ein schwarz gekleideter junger Mann in Schnürstiefeln und einem CD-Player unter dem Arm näherte sich. Er hob den Kopf mit den blauen Haaren und Isabel wollte sich schnell zurückziehen. Doch er hatte sie bereits gesehen, zog eine Grimasse und winkte ihr zu. Isabel nickte nur, wahrscheinlich war er den Kollegen bekannt.

Die beiden Frauen waren stehen geblieben und schüttelten die Köpfe, nachdem der Punker sie passiert hatte. Nun nahm Isabel die drei Flaggen ins Visier. Fast auf Augenhöhe wogten sie synchron im Wind. Höchstens Windstärke eins, dachte Isabel. Zu wenig, um zu surfen, für eine Jolle wär’s genug. Ich brauch nur aus dem Fenster zu sehen und weiß, was ich nach Dienstschluss machen werde, sinnierte Isabel. Ihre Augen folgten einer Möwe, die gerade krächzend versuchte, mit ihren roten Beinchen auf der Spitze des Flaggenmasts zu landen. Es wollte ihr nicht gelingen. Lärmend und flügelschlagend flog sie weiter Richtung Friedrichshafener Bucht, wo im Flachwasser eine ganze Kolonie Station gemacht hatte. Mit bloßem Auge waren die kleinen weißen Pünktchen fast nicht auszumachen. Die größeren Punkte mussten Schwäne sein, die ihre langen Hälse im Gefieder versteckten.

Überwältigt sog Isabel noch einmal tief die Luft ein, ging zum Schreibtisch zurück und ließ sich in den Stuhl fallen. Dann hob sie ihre Arme über den Kopf, streckte den Oberkörper und ließ die Atemluft langsam und hörbar wieder austreten. Hier also. Hier werde ich zukünftig meine Arbeitstage verbringen. Angenehmer als in Tübingen. Endlich weg vom Streifendienst, von den immer gleichen Hausstreitigkeiten unter Eheleuten und Nachbarn, die Langeweile hatten. Den Beleidigungen, Ruhestörungen, sexuellen Belästigungen, Verkehrsunfällen und den Großeinsätzen bei Demos in der Universitätsstadt. Sie hatte die letzten Jahre genug Erfahrungen gesammelt, und Überdruss. Jetzt war sie – nach den spöttischen Worten der früheren Kollegen – bei der »Entenpolizei« in der tiefsten Provinz im tiefsten Süden des Landes angekommen. Natürlich würde sie weiterhin auf Streife gehen – nicht nur zu Fuß, mit dem Auto oder dem Fahrrad, sondern auch mit dem Boot. Streife fahren auf ihrem Element, dem Wasser, auf dem Wasser des Bodensees. Sie fröstelte nun doch, erhob sich wieder und schloss gerade das Fenster, als sich Timo durch die angelehnte Tür schlängelte, in den Händen zwei Kaffeebecher balancierend. »Das Lebenselixier von uns Wasserschützern.«

Mit diesen Worten stellte er eine Tasse vor Isabel auf den Schreibtisch und setzte sich ihr gegenüber.

»Auch von den Wasserschützern! Danke.«

Timos helle Augen fixierten Isabel, als er fortfuhr: »Ich freu mich, dass du endlich da bist. Obwohl ich zugeben muss, dass ich die Stelle auch gerne gehabt hätte. Eine Beförderung kann ich nun abschreiben.«

Erstaunt zog Isabel die Augenbrauen hoch. »Hast du dich denn auch beworben?«

»Nein«, gab er kleinlaut zu, »hab mich nicht getraut. Hätt den Job ja sowieso nicht gekriegt.«

»Warum bist du dir so sicher?«

»Du kannst nichts dafür. Schon gut, alles okay.« Timo blickte zum Fenster hinaus und wechselte das Thema: »Ich weiß nicht, wann Markus kommt. Soviel ich mitbekommen habe, wollte dich der Chef heute beim Jour fixe vorstellen, aber er ist … na ja«, Timo zuckte mit den Schultern, »momentan nicht im Haus.«

»Ach, ich werde ihn schon noch kennenlernen.«

»Mit Sicherheit wirst du das.«

Ein seltsamer Unterton in Timos Stimme ließ Isabel aufhorchen. Später würde sie nachfragen. Im Moment zog sie es vor, das Thema ruhen zu lassen. »Ist die IT bereits eingerichtet?«

Damit drückte sie den Startknopf ihres Computers.

»Probier’s einfach. Wenn’s nicht klappt, frag Scheysa. Keine kennt sich mit Technik besser aus als sie, die ist heute leider auch nicht da!«

»Scheysa? Ungewöhnlicher Name. Wer ist das?«

»Die derzeitige Gesp… die derzeitige Assistentin des Chefs.«

Wieder dieser seltsame Ton. Spöttisch, abwertend, ängstlich? Oder eine Mischung aus allem? Vielleicht sprach Timo immer so, sie kannte ihn ja noch nicht. Isabel schaute ihrem Kollegen offen ins Gesicht. Grinsend saß er ihr gegenüber. Er machte keine Anstalten weiterzusprechen, sondern nippte an seinem Kaffeepott, den er mit beiden Händen zum Mund führte. Trotzdem sah Isabel, dass seine Mundwinkel zuckten. Das hörte sich nach Flurfunk an, und sie musste sich eingestehen, dass der sie doch nicht so unberührt ließ, wie sie es gern gehabt hätte. Aber sie verbot sich nachzuhaken und öffnete stattdessen die Schubladen ihres Schreibtischs. Sie waren nahezu leer. Nur ein paar Formulare lagen ungeordnet darin.

»Büromaterial bekomm ich wo?«

»Auch bei Scheysa. Sie verwaltet das Zeug«, bedauerte Timo. »Komm mit, dann zeig ich dir eben deinen Spind und die Dienststelle. Solange, bis ein Anruf reinkommt, hab ich Zeit.« Damit nahm er seinen Kaffee und erhob sich.

»Danke, echt nett von dir. Zeig mir bitte auch gleich, wo die Fettnäpfchen stehen!«

»Die wirst du schon noch selbst ausfindig machen«, antwortete Timo.

Isabel folgte ihm mehrere Treppen hinunter, während ihr Blick auf seinem langen Rücken und den noch längeren Beinen ruhte. Hemd und Hose schlackerten um seinen hageren Körper. An einer Türe musste er seinen Kopf einziehen, sonst hätten die blonden, nach oben stehenden Haarbüschel den Türrahmen gestreift. »Da sind unsere Zellen. Zum Ausnüchtern, für Randalierer oder wenn wir sonst jemanden kurzfristig in Gewahrsam nehmen müssen.«

»Oh, das kommt also auch hier vor«, scherzte Isabel und blickte durch die offene Tür in den Raum. Das Mobiliar: ein Stuhl, ein Tisch, eine Toilette ohne Deckel und ein schmales Bett mit dunkler Wolldecke, die allein beim Anblick kratzte. Im oberen Viertel der gegenüberliegenden Seite befand sich ein vergittertes Fenster ohne Tageslicht. »Schnucklig! Und die zwei reichen euch?«, fragte Isabel. Wenige Meter weiter blickte sie in einen Verschlag, der komplett weiß gekachelt und nur mit weißer Sanitärkeramik ausgestattet war.

»Meistens schon. Wenn nicht, haben wir ja noch unsere Juniorsuite hier«, scherzte Timo, »reserviert für die besonders heftigen Fälle.« Isabel ersparte sich einen Kommentar. Timos Humor gefiel ihr. Gerade öffnete er eine massive Metalltür und sie betraten einen langen Flur. »Hier kommst du auch von der anderen Seite des Gebäudes aus rein«, erklärte Timo, als er die Tür zu einem fensterlosen Raum aufstieß. Hier reihten sich Schränke aneinander, hellgrau und schmucklos. Bei einem Spind war die Tür nur angelehnt und der Schlüssel steckte. »Das ist deiner. Platz für Nerz und High Heels gibt’s nicht!«

»Hauptsache, ich kann hier meine Schminke und meinen Alk deponieren«, fiel Isabel im Weitergehen in Timos Ton ein.

»Voilà! Der weiße Salon«, erklärte der Kollege, als sie vor einem Aufenthaltsraum mit Kaffeemaschine, Kühlschrank, einem Tisch mit weißer Kunststoffplatte und weißen Plastikstühlen Halt machten. »Zum Schichtende erwartet dich hier täglich ein Gourmetmenü vom Sternekoch«, alberte Timo und deutete auf eine einzelne Kochplatte, die auf einem weißen Schränkchen thronte. Im Spülbecken stapelten sich benützte Kaffeetassen. Sie gingen weiter. Vor einer Tür mit grünem Kreuz blieben sie stehen: »Kannst du noch? Wir sind gleich durch. Das ist der Sanitätsraum.«

»Kein Problem, Tübingen ist viel größer!«

Am Ende des Flurs steuerten sie auf eine weitere massive Metalltür zu, diesmal mit Fenster. Timo musste sich bücken, um hinaussehen zu können, und sagte: »Und hier geht’s zum Fuhrpark.«

Isabel schaute in einen Hinterhof, auf dem einige silberblaue Dienstwagen parkten.

»Die Schlüssel und die Fahrtenbücher sind hier, griffbereit.«

Isabel nickte und folgte Timo wieder zur Treppe. Vor ihrem Zimmer angekommen, sagte er: »Bisschen viel auf einmal, ich weiß. Meld dich einfach, wenn ich was für dich tun kann. Ansonsten wünsche ich dir einen guten Start.«

Isabel wollte sich bedanken, doch Timo war bereits in das Büro zwei Türen weiter entschwunden.

Einige Stunden später drückte Isabel auf die linke Maustaste und lauschte dem Klicken, das das Abschalten des Computers signalisierte. Feierabend. Der erste Arbeitstag war ruhig verlaufen, etwas zu ruhig für ihren Geschmack. Sie hatte ihn mit Ausnahme der Führung fast ausschließlich am Schreibtisch verbracht. Am Nachmittag hatten weitere Kollegen die Köpfe hereingestreckt, sich kurz vorgestellt und mit Handschlag ihre Zusammenarbeit angeboten. Markus Proll war nicht aufgetaucht, und auch ihren Chef hatte sie nicht zu Gesicht bekommen.

Isabel betrat die Uferpromenade. Die bunten Tücher am Flaggenmast hingen schlaff herunter. Erst jetzt fielen Isabel neben dem Flaggenmast mehrere Windspiele auf. Sonnenstrahlen legten sich auf die blauen und grünen Metallflächen, die aussahen wie geblähte Segel. Auch sie standen still, kein Windhauch drehte sie um ihre Achse. Isabel setzte sich auf die Bank unter dem Flaggenmast und rieb sich verwundert die Augen. Die Wasserfläche vor ihr leuchtete nicht mehr silbern wie am Vormittag, auch nicht blaugrau wie nachmittags. Sie sah aus wie ein riesiger Topf, in dem orangegoldene Farbe waberte. Jeden Tag werde ich den schönsten aller Seen nun sehen können, zu jeder Tageszeit seine Befindlichkeit aufnehmen, ihn studieren können wie ein lieb gewonnenes Kind. Ab sofort sollte ich Tagebuch führen, Seetagebuch, dachte Isabel glücklich und gönnte sich einen weiteren Moment der Ruhe. Dann erhob sie sich und schlenderte zu einer Panoramatafel, die jeden Gipfel am österreichischen und Schweizer Ufer benannte. Bald werde ich alle kennen, dachte Isabel zuversichtlich. Als sie am Schaufenster der Buchhandlung vorbeischlenderte, lachte sie ihrem Spiegelbild zu. Sie freute sich auf ihr Zuhause und auf das Skypen mit Thomas. Bestimmt war er neugierig, wie ihr Tag verlaufen war. An der Bushaltestelle zog sie ihr Handy aus der Tasche. Keine Nachricht von ihm. Unspektakulär – bis auf die grandiose Aussicht aus meinem neuen Büro: Ich sehe den Bodensee vor mir und hab das Gefühl, mein ganzes Revier zu überblicken. Ansonsten völlig unspektakulär. Das war das Wort, mit dem Isabel ihren ersten Arbeitstag charakterisieren würde, wenn Thomas sie nachher fragen würde. Die ganze Nervosität war umsonst. Ja nun, das hab ich dir doch gesagt, würde er wahrscheinlich antworten. Und bei »Ja nun« würde er lächeln, seine rechte Hand heben und seine Hornbrille zurechtrücken.

Die Anspannung der vergangenen Tage fiel vollends ab, als Isabel in ihrer kleinen Wohnung ankam. Ganz kurzfristig hatte sie diese beziehen können. Die Suche nach einer bezahlbaren Unterkunft am Bodensee hatte sich schwierig gestaltet. Gleich nachdem ihre Versetzung bewilligt war, hatte sie die einschlägigen Foren im Internet und die Zeitungen durchstöbert, doch der Markt war leer gefegt. Die wenigen Male, die sie zu Besichtigungen gefahren war, hätte sie sich sparen können. Entweder schreckte sie bereits ein verdrecktes Treppenhaus, dessen Wände nach Wasser und Farbe lechzten, oder die muffige Enge einer feuchten Wohnung ab. Oder der für ihr Beamtengehalt astronomische Mietpreis. Einen Monat vor Dienstantritt hatte Lena angeboten, dass sie sich vorübergehend bei ihr einquartieren könne, um vor Ort in aller Ruhe weitersuchen zu können. Allerdings hätte Isabel mit der Katamaranfähre von Konstanz nach Friedrichshafen pendeln müssen. Dann schlug Lena vor, eine kleine Ferienwohnung anzumieten, die es im April am See auch noch zu günstigen Bedingungen geben würde. Mit beiden Lösungen hätte sich Isabel anfreunden können – und auch Thomas. Ihm schien es ohnehin nichts auszumachen, dass Isabel keine Bleibe fand. Kurz danach hatte Isabel in einem Internetportal diese Zweizimmerwohnung ausfindig gemacht – teilmöbliert und nicht weit entfernt von ihrer Dienststelle. Lenas Urteil nach einer Inaugenscheinnahme fiel positiv aus, und so hatte Isabel sofort zugesagt.

Ohne die Kartons mit restlichem Umzugsgut zu beachten, setzte sie sich erwartungsfroh an den Computer, um mit Thomas Kontakt aufzunehmen. Aber Thomas meldete sich nicht. Enttäuscht tippte sie seine Nummer auf dem Handy, doch auch mobil war er nicht zu erreichen. Das war ungewöhnlich. Wo war Thomas? Normalerweise verbrachte er die meiste Zeit zu Hause am Computer. Isabel überlegte, ob er zur Uni gefahren war. Vielleicht war er einkaufen. Immerhin war er nun Selbstversorger – eine ganz neue Erfahrung für ihn. Sie tippte ihm eine kurze Nachricht auf WhatsApp. Dann versuchte sie, Lena anzurufen. Sie erreichte die Freundin ebenfalls nicht, Sekunden später kam die Nachricht: »Bin in Fobi, melde mich später.« Wie konnte Isabel das vergessen, gestern hatte Lena von ihrer Fortbildung erzählt.

Isabel lag schon mit einem Buch im Bett, als Lena anrief. Die beiden quatschten lange und vereinbarten ein Treffen fürs Wochenende. Erst danach sah Isabel die Nachricht von Thomas: »Dein Telefon ist ständig belegt. Bin jetzt in einer Videokonferenz mit Stanford. Wie war dein Tag? Vermisse dich.« Ein Kussemoticon folgte. Isabel legte das Handy auf den Nachttisch, kuschelte sich in ihre Decke und fing erneut an zu grübeln. Wahrscheinlich fühlte sich Thomas doch gekränkt, dass sie ihn allein zurückgelassen hatte. So sah er es nämlich: Isabel hatte ihn im Stich gelassen. Isabel wusste das, wenngleich sein männlicher Stolz dies niemals zugeben würde. Die Bewerbung bei der WaPo in Friedrichshafen war allein ihr Ding gewesen. Thomas hatte versucht, nachdem sie ihm gebeichtet hatte, ihr die Sache auszureden. Unruhig wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Hatte sie die richtige Entscheidung getroffen? Oder war sie zu egoistisch gewesen, als sie sich unbedingt beruflich neu orientieren wollte? Sie selbst hatte sich schnell mit dem Gedanken angefreundet, dass sie allein an den Bodensee ziehen und Thomas in nächster Zeit nur an dienstfreien Tagen sehen würde. Wenn sie in sich hineinhorchte, kam es ihr sogar ganz gelegen. Das Alleinsein gab ihr die Chance, über ihre Beziehung, ihr Leben und ihre Wünsche an die Zukunft nachzudenken. Und sie freute sich, wieder mehr mit Lena unternehmen zu können. Endlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Kapitel 2

Als Isabel am nächsten Tag die Türe zu ihrem Büro öffnen wollte, bemerkte sie das neue Namensschild. »Polizeihauptkommissarin Böhmer« und darunter »Erster Polizeihauptkommissar Proll«. So stand es in dunklen Lettern. Jemand musste es ausgetauscht haben.

Kollege Proll war noch nicht da. Deshalb drehte sie als erste Amtshandlung die Heizung zurück und riss das Fenster auf. Sie blieb für einen Moment stehen, und wieder streifte ihr Blick die Flaggen. Zwischen den wogenden bunten Tüchern funkelte der See nahezu unberührt. Nur ein einsames Fischerboot steuerte gerade den Hafen an. Ein gleichmäßiges Brummen über ihr veranlasste Isabel, zum Himmel hochzuschauen. Ein Zeppelin flog über die Stadt. Ist bestimmt ein tolles Erlebnis, alles aus der Vogelperspektive zu erleben, dachte sie und blickte dem ellenlangen Flugkörper sehnsüchtig nach. Auf den Schweizer Bergen reflektierte der Schnee so hell die Morgensonne, dass sie die Augen zukneifen musste. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. War das wirklich ihr neuer Arbeitsplatz? Immer noch nicht konnte sie ihr Glück so recht fassen und sog die Atemluft so tief ein, als wolle sie jede einzelne Zelle ihres Körpers befüllen. Ob sie sich jemals an diesen Blick gewöhnen könnte? Ob sie ihm jemals überdrüssig werden würde? Sie wusste von früheren Besuchen: Der Bodensee konnte auch ein anderes Gesicht zeigen. Sie drehte sich ihrem Schreibtisch zu, auf dem sich Büromaterial türmte. Als sie sämtlichen Utensilien ihren Platz zugewiesen hatte – Isabel liebte es, wenn alles seinen festen Platz hatte und sie nicht unnötig Zeit mit Suchen verschwenden musste –, drückte sie den Einschaltknopf ihres Computers. Sie tippte ihr Passwort ein. Während das Gerät hochfuhr, vertiefte sich Isabel in den kleinen Schornsteinfeger auf dem Fuß des Bildschirms. Die nette Geste hob ihre Laune zusätzlich. Heute würde sie hoffentlich den aufmerksamen Kollegen zu Gesicht bekommen. Dann checkte sie erst mal den Posteingang. Plötzlich klingelte das Telefon. Isabel zuckte zusammen. Den hohen, markerschütternden Ton würde sie sofort ändern. Sie nahm den Hörer, während ihr Gehirn bereits ein »Polizeirevier Tübingen« formte, als sie innehielt und überlegte, wie sie sich hier korrekt zu melden hatte. Bestimmt gab es auch dafür eine Dienstanweisung. Ein Blick auf das Display verriet ihr, dass der Anruf intern war. »Böhmer.«

»Gute Morge, Frau Böhmer. Sie sollet gleich zum Chef kommen«, forderte eine weibliche Stimme.

Der vertraute schwäbische Dialekt half Isabel, gelassen zu bleiben, doch sie merkte, wie ihr Herz schneller schlug. Was würde Polizeidirektor Dangelmann fragen? Was könnte ihn interessieren, was nicht schon ihren Bewerbungsunterlagen zu entnehmen war? In Gedanken ging sie noch mal die Sätze durch, die sie sich bereits für den Vortag zurechtgelegt hatte. Von ihrem zukünftigen Chef wusste sie nur, dass er seit gut fünf Jahren die Wasserschutzpolizeistation leitete, nach Aussagen der früheren Kolleginnen sehr gut aussah und exzellente Beziehungen zum Polizeipräsidenten pflegte. Dieser Ruf war ihm nach Tübingen vorausgeeilt. Es wäre ein Leichtes gewesen, mehr über ihn zu erfahren, aber Isabel mied soziale Netzwerke. Und es interessierte sie auch nicht, was die Kolleginnen und Kollegen ansonsten wussten oder zu wissen meinten. Lieber wollte sie sich ihr eigenes Bild machen. Wenn sie ihren Dienst gewissenhaft ausüben würde – und dazu war sie hoch motiviert –, hatte sie ohnehin mit dem Dienstgruppenleiter und den Kollegen häufiger zu tun als mit dem Leiter der Dienststelle.

Sie blickte an ihrer Uniform hinunter, die sie wie üblich bei Dienstbeginn angezogen hatte. Schob die neue hellblaue Bluse straffer in den Hosenbund, überprüfte mit ein paar Handgriffen den Sitz von Gürtelschnalle und Krawatte und schlüpfte in ihre Uniformjacke. Mit den Innenflächen ihrer Hände strich sie rechts und links am Kopf entlang, um die Haare zu ordnen. Gleichzeitig trafen sich beide am Hinterkopf und fingerten am Pferdeschwanz herum, mit dem Isabel ihre hellbraunen Locken im Dienst bändigte. Sie zog den Haargummi fester in Richtung Haaransatz. Vielleicht hätt ich heut doch besser wieder etwas Make-up auftragen sollen, schoss es ihr durch den Kopf. Eigentlich will ich damit im Dienst erst gar nicht anfangen. Aufrecht und flotten Schrittes marschierte sie den Korridor entlang und klopfte beim Zimmer mit der Aufschrift »Vorzimmer Frau Schwämmle«. Nichts rührte sich, Isabel klopfte ein zweites Mal. Aus dem Büro nebenan kam ihr eine Frau entgegen. Isabel schätzte sie auf Ende 50. Ob das Frau Schwämmle war? Der Name würde gut zu ihr passen. Statt sich vorzustellen, sagte sie: »Grüß Gott, Frau Böhmer. Kommet Se mit, ich bring Sie zum Herrn Dangelmann.«

Es war die Stimme vom Telefon. Als ob sie ihre Worte verstärken wollte, nickte sie mit dem Kopf, wobei ihre rötlichen Locken um das runde Gesicht tanzten. In der Hand hielt sie ein Tuch, öffnete mit diesem die Türe zum Vorzimmer und schritt zielstrebig auf eine breite Türe zu. Isabel heftete den Blick auf das Zopfmuster im Rücken ihrer Strickjacke und folgte ihr. Energisch klopfte sie kurz, öffnete sofort einen Spaltbreit die Tür, streckte ihren Kopf ins Zimmer und meldete: »Herr Polizeidirektor, Polizeihauptkommissarin Böhmer wäre jetzt da.«

Wenige Sekunden später öffnete sie die Türe ganz, nickte und warf Isabel aus graugrünen Augen einen aufmunternden Blick zu. Dann zog sie die Türe hinter sich zu.

Wie alle Besucher, die zum ersten Mal das Zimmer von Dienststellenleiter Carl W. Dangelmann betraten, war Isabel vollkommen perplex. Bisher hatte sie nicht einmal geahnt, dass es in der Landesverwaltung, geschweige bei der Polizei in Baden-Württemberg dergestaltige Dienstzimmer überhaupt gibt – zumindest nicht für rangniedrigere Personen als den Ministerpräsidenten. Das helle Licht der Morgensonne blendete Isabel. Ungehindert fluteten die Strahlen den Raum dank einer Glasfront, die sich über die komplette Seite des Büros erstreckte, die dem See zugewandt war. Davor lag – aufgespannt wie eine Fototapete – der Bodensee. Welch eine Stimmung, dachte Isabel beeindruckt. Da konnte der Blick aus ihrem Büro nicht mithalten. Jetzt erst erblickte sie auf der rechten Seite des Raumes einen modernen Schreibtisch, hinter dem Polizeidirektor Dangelmann saß und in einer Akte blätterte. Das ist der Mann, der gestern aus der Tür der Polizeistation gestürmt war, schoss es Isabel durch den Kopf. Sie erkannte ihn, obwohl er keine Mütze trug. Es war eindeutig derselbe Mann, für den es offensichtlich momentan nichts Wichtigeres gab als sein Aktenstudium. Zumindest machte er keine Anstalten, seine Lektüre zu unterbrechen oder aufzustehen, um die Besucherin zu begrüßen. Noch immer stand Isabel nahe der Türe, unschlüssig, ob sie einfach weitergehen durfte bis zum Stuhl vor dem Schreibtisch oder ob sie hier warten sollte. Sie räusperte sich, hatte aber irgendwie das Gefühl, als sei durch das Sonnenlicht und die Anwesenheit des Polizeidirektors bereits der ganze Raum ausgefüllt und in dem riesigen Zimmer gar kein Platz mehr für eine weitere Person.

Mit jeder Sekunde, die Isabel länger unbeweglich stand, spürte sie, wie sie unsicherer wurde. Ihr Herzschlag beschleunigte sich nochmals. Die Poren ihrer Haut öffneten sich und begannen, Schweiß abzusondern. Auch ihre Hände wurden feucht. Isabel spreizte die Finger und drückte ihre Handflächen fest gegen die Hosenbeine. Durch den Stoff bemerkte sie die Anspannung auch in den Muskeln ihrer Oberschenkel. Ihr ganzer Körper schien mit einem Mal aufs Äußerste gespannt. Nervös trat sie von einem Bein auf das andere. Wie viele Sekunden, Minuten waren inzwischen vergangen? Der Mann hinter dem Schreibtisch blätterte noch immer in seinen Unterlagen. Isabel heftete ihre Augen aufden grau melierten Haarschopf ihres neuen Vorgesetzten. In diesem Moment hob Carl W. Dangelmann seinen Arm und deutete, ohne den Blick von seiner Lektüre zu heben, auf den Besucherstuhl: »Nehmen Sie doch Platz, Frau Böhmer!«

Diese Stimme! Die Laute klangen wie eine Melodie, einnehmend und betörend, drangen durch Isabels Gehörgang und schlichen direkt in ihr Herz. Als Isabel ihren Namen hörte, setzte sie einen Fuß vor den anderen. Sie waren wie Federn so leicht. Den Blick fest auf den lockigen Oberkopf geheftet, hatte sie schon den gesamten Weg zurückgelegt und sich bereits lautlos auf den Stuhl geschoben, als Carl W. Dangelmann langsam sein Haupt erhob. Dieser Kopf war ein Haupt! Jede andere Bezeichnung hätte Isabel als unpassend empfunden. Zwei Augen, so hell wie dieser Frühlingsmorgen, stachen aus einem braun gebrannten Gesicht.

Isabel war noch nie einem Mann begegnet, der so hellblaue Augen hatte. Sie leuchteten, als ob sich darin der Bodensee eines ganzen Sonnentages spiegelte. Dieses Blau. War es echt? Konnte es echt sein? Trug er Kontaktlinsen? Himmelblaue Kontaktlinsen wie osteuropäische Frauen? Zwei Lichtblitze trafen Isabels Augen und durchbohrten sie wie Speere bis ins tiefste Innere. Isabel war gebannt und unfähig, sich zu bewegen oder gar ein Wort zu sagen. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starrte sie ihr Gegenüber an, und je länger die Verbindung bestehen blieb, desto mehr verschwand die Anspannung, wich einer weichen, wohligen Wärme. Und doch weckte etwas ihren inneren Widerstand, etwas fühlte sich nicht richtig an. Mit Mühe gelang es Isabel, sich aus dem Blickgefängnis zu befreien. Sie kam nicht weit: Ihre Augen blieben nun am Kinn ihres Gegenübers haften, wurden angezogen von einem Grübchen, fast schwarz, zwischen zwei Hügeln, die sich nun bewegten. Wahrscheinlich hatte der Mund etwas gesprochen. Er musste etwas gesagt haben, denn da war wieder die Stimme. Die dunkle Stimme, weich wie eine Wolldecke, in die sich Isabel am liebsten kuscheln würde. Tatsächlich: Die dunklen Lippen lösten sich langsam voneinander, gaben ein schwarzes Loch frei und schürzten sich dann wie zu einem Kuss: »Frau Böhmer, wie schön, Sie zu sehn!«

Die Worte kamen gedehnt. Als die Lippen wieder aufeinander lagen, zuckten kurz die Mundwinkel. Dangelmanns Augen hatten Isabel nicht losgelassen. Es schien, als scannten sie jeden Millimeter ihres Gesichts, als sogen sie Zentimeter für Zentimeter in sich auf. Dangelmann gefiel, was er sah. »Die neue Vorzeigefrau der WaPo Bodensee ist ja tatsächlich eine Vorzeigefrau!«

Jetzt klang die Stimme harmonisch leicht und unbeschwert.

»Manchmal stimmen die Fotos in den Bewerbungsunterlagen mit der Realität wenig überein. Das kann man bei Ihnen nicht sagen, Frau Böhmer.«

Die letzten Worte flogen davon, als würden sie von Luftballons gezogen. Isabel flog mit.

»Bei Ihnen ist es umgekehrt! Bei Ihnen übertrifft die Realität die Fotokunst. Bei Weitem! Sie sollten diesen Fotografen nie mehr beauftragen.«

Beim Wort »Fotografen« kam Isabel zur Besinnung. Thomas hatte diese Fotos gemacht und zwar mit seinem Smartphone. In der Toilette ihrer Tübinger Wohnung, weil die Toilette der einzige Raum ist, in dem es eine weiße Wand gibt. Isabel war wieder in der Gegenwart angekommen. Im ersten Moment wollte sie die Worte hinausschreien, schnell besann sie sich eines Besseren. Eher hätte sie sich die Zunge abgebissen, als diesem Mann das zu sagen. Was war denn da gerade passiert? Mir ist immer noch ganz flau im Magen, dachte sie. Was sag ich denn jetzt? Ich sollte etwas sagen. Irgendetwas Schlaues. Ihr fiel einfach nichts ein.

Carl W. Dangelmann hatte die Veränderung in Isabels Gesicht während der letzten Sekunden aufmerksam beobachtet. Es bestand kein Zweifel: Er hatte sie geködert. Schließlich war er sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst. Die Zeit würde für ihn arbeiten. Er setzte sein bewährtes Lächeln auf und sprach weiter: »Ihr schönes Gesicht und Ihr gewinnendes Auftreten werden nicht ausreichen, liebe Frau Böhmer, vor allem den Kollegen nicht. Wir brauchen auch fachliches Know-how.«

Isabel wollte mit fester Stimme sagen: »Sie kennen meine Papiere.« Was ihrem Mund entströmte, war allerdings eher ein leises Stammeln. Deshalb ging ihr Vorgesetzter nicht darauf ein, sondern musterte sie unverwandt weiter. Seine Stimme hatte jedoch die Klangfarbe gewechselt. Er hüstelte kurz und sagte dann: »Frau Böhmer, Sie vertreten den Ersten Polizeihauptkommissar Proll. Der führt zwei Dienstgruppen mit zurzeit je zwölf Vollzugsbeamten sowie den Ermittlungsdienst mit sieben Mann. Der Posten in Langenargen mit derzeit fünf Männern gehört auch zu uns. Dazu zwei Tarifangestellte, Facharbeiter für Motoren und so weiter – das Übliche. Sie werden ganz schön gefordert sein.«

Jetzt streckte er eine Hand über den Schreibtisch. Um seine Mundwinkel lag ein seltsames Lächeln. Zu gern hätte Isabel gewusst, was hinter der braun gebrannten Stirn vor sich ging.

»Ich werde Ihnen beweisen, was ich drauf habe«, sagte Isabel bestimmt.

Das Haupt ihres Chefs nickte unmerklich. Auch Isabel brachte ein Lächeln zustande, als sie zögernd die Hand ergriff. Sie zuckte, denn im selben Moment sprangenelektrisch geladene Teilchen über – wie damals, als die kleine Isabel einen Weidezaun berührt hatte. Auf einmal war er wieder präsent, dieser Strahl und ließ sie erneut erzittern. Damals war er schmerzhafter gewesen als heute. Heute empfand ihn Isabel eher als wohliges Prickeln. Sie spürte, wie sich ihre Brustwarzen zusammenzogen und aufrichteten, ahnte, wie sie sich selbst unter ihrer Uniformjacke abzeichneten. Als hätte er genau das erwartet, wanderten Carl W. Dangelmanns Augen auf Isabels Brust. Wieder zeigte sich ein Lächeln in seinem Gesicht. Immer noch hielt er ihre Hand. Verlegen wollte Isabel sie zurückziehen, doch der Polizeidirektor verstärkte den ohnehin kräftigen Druck. Als er sie schließlich freigab, vernahm Isabel ein Seufzen, das sich wie leises Stöhnen anhörte. Dangelmann gab sich einen Ruck und wandte sich wieder seinen Akten zu. Isabel drückte ihre Hand gegen ihren Oberschenkel und merkte, wie die Hitze durch den festen Stoff ihrer Hose drang.

»Warum wollten Sie denn nach acht Jahren Streifendienst in Tübingen zu mir an den Bodensee wechseln?«

Dangelmann betonte die Worte zu mir.Das missfielIsabel und ihr Verstand meldete sich endgültig zurück. Ebenfalls bewusst betont sagte sie: »Ich wollte zur Wasserschutzpolizei wechseln. Ich habe die Hoffnung, dass es bei der WaPo mehr darauf ankommt, den Menschen zu helfen, als sie zu bestrafen. Und ich wollte an den Bodensee. Ich bin sehr froh, dass das so schnell geklappt hat.«

Der Ton in Isabels Stimme ließ Dangelmann aufhorchen. Solche Sätze aus dem Mund einer Frau erstaunten ihn. Erneut suchte er ihre Augen und fuhr dann fort: »Wenn ich nicht dringend um eine Frau gebeten hätte, wären Sie sicher am Neckar, in Karlsruhe oder in Mannheim eingesetzt worden.« Isabel Böhmer brauchte ja nicht zu wissen, dass ihn ihr Foto neugierig gemacht hatte.

Dangelmann hatte diesmal die Worte ich und eine Frau in die Länge gezogen und Isabel sagte freundlich, jedoch mit Nachdruck: »Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz, Herr Polizeidirektor.«

»Liebe Frau Böhmer, ich werde darauf zurückkommen. Ihre Stelle war lange unbesetzt. Nur durch meine Beziehungen zum Polizeipräsidenten hat das jetzt vor Beginn der neuen Wassersportsaison geklappt.«

»Ich danke Ihnen wirklich sehr und werde Sie nicht enttäuschen«, sagte Isabel erneut und blickte Dangelmann nun offen ins Gesicht.

»Davon bin ich überzeugt, wenn ich Sie mir so anschaue! Auf gute Kooperation also, Frau Polizeihauptkommissarin!«, süffisant lächelnd kamen die Worte über Dangelmanns Lippen, während er sich nochmals in Isabels Augen vertiefte. Er streckte seine Hand in Richtung Türe aus und bedeutete, dass das Gespräch für ihn damit beendet war. Das musste fürs Erste genügen.

Isabel erhob sich, schlich zur Türe und zog diese hinter sich zu. Draußen nahm sie einen tiefen Atemzug und war froh, dass niemand im Vorzimmer anwesend war. Was war denn das gerade gewesen? So etwas war ihr in ihrem ganzen Leben noch nie untergekommen. Sie kannte sich selbst nicht mehr. Langsam ließ sie die Luft entströmen und trocknete ihre feuchten Hände an den Hosenbeinen. Dabei fiel ihr Blick auf den Schreibtisch. Erst jetzt fiel ihr auf: Hier türmten sich nicht etwa Akten, fein säuberlich zu Bergen gestapelt. Auf diesem Schreibtisch lagen die Akten kreuz und quer aufeinander und nebeneinander, waren garniert mit blauen Tabaktüten, weißen Kaffeetassen und roten Plastikbechern der großen amerikanischen Colamarke. Auf dem Bildschirm, der wie ein Fels aus dem Chaos ragte, thronte ein kleines gelbes Monster und glotzte Isabel mit riesigen Glubschaugen an. Du kannst wohl auch nicht fassen, was gerade los war mit mir, dachte Isabel und verließ hastig den Raum. Auf dem Korridor wäre sie beinahe mit der Frau zusammengestoßen, die sie hergebracht hatte.

»Gell, des isch einer!«, flüsterte sie Isabel verschwörerisch zu. Isabel war viel zu überrascht, um zu antworten, und die Frau fuhr fort: »Bei dem müsset Sie fei aufpasse!«

»Wie, wie meinen Sie das?«, brachte Isabel nun zögernd hervor.

»Ach nix, Sie sind ja jung und schön. Übrigens, ich heiß Elisabeth Kluge. Saget sie einfach Lisbeth zu mir. Ich komm jeden Morgen und mach Ordnung hier.«

Also ist sie nicht die Frau Schwämmle, die hier arbeiten sollte, und als ob Elisabeth Kluge ihre Gedanken erraten hätte, fügte sie hinzu: »Ich bin momentan sozusage Mädchen für alles und immer, wenn die junge Schwämmle ausfällt, spring ich halt ein.«

Aha, noch so ein Mädchen für alles, dachte Isabel belustigt. Diese Rolle ist also doppelt besetzt hier. Allerdings scheinen die Mädchen für alles die Teenagerzeit lange hinter sich gelassen zu haben. Isabel nickte ihr zu, sagte nur: »Danke, Frau Kluge«, und ging in ihr Büro. Nach dem Gespräch mit dem Polizeidirektor war sie zu sehr mit sich beschäftigt, als dass sie Lust gehabt hätte, sich auf eine längere Konversation einzulassen. Sie verspürte momentan lediglich den Wunsch, alleine zu sein.

Kapitel 3