Seelenwurms Tod - Emma Steinhauser - E-Book

Seelenwurms Tod E-Book

Emma Steinhauser

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Beschreibung

Seelenwurms Tod - Ein Oberbayernkrimi - Clara Behrendt weiß genau, was man unter einem Seelenwurm versteht. Ihr Mann ist nämlich einer. Als sie in seiner Jackentasche einen Drohbrief findet, zweifelt sie nicht eine Sekunde daran, dass es um ihr Leben geht. Kann es sein, dass jemand hinter ihr Geheimnis gekommen ist?

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Emma Steinhauser

Seelenwurms Tod

Heimatkrimi

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Donnerstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Sonntag

Montag

Dienstag

Samstag

Impressum neobooks

Donnerstag

21:07 Uhr – In Claras Haus

Also doch!, dachteClara Behrendt und las den Zettel, den sie gerade aus der Jackentasche ihres Mannes gefischt hatte, zur Sicherheit noch einmal:

Es WiRD

wIE eIn

UnFaLL

AuSSEHeN

Dann gab es diesen Jemand, der sie seit ein paar Wochen beobachtete und hinter ihr herschlich, offenbar doch und er schrieb sogar Briefe an Peter. Ganz besondere, mit ausgeschnittenen, einzeln aufgeklebten Buchstaben.

Clara wunderte sich fast ein wenig, dass es sie eher beruhigte. Ihr vermeintlicher Verfolgungswahn war damit vom Tisch, das Bauchgefühl endlich bestätigt.

Die Erkenntnis war gerade eher: Nun ist es also soweit, dass dein Mann, der Herr Professor mit der sauberen Weste, dir nicht nur die Pest an den Hals wünscht, sondern sogar bereit ist nachzuhelfen, weil ihm das mit der Pest zu lang dauert.

Endlich machte auch die Post von der Bayerischen Versicherungskammer Sinn, die Clara kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres zufällig beim Staubwischen auf seinem Schreibtisch gefunden hatte. Das war ein großer, dicker Umschlag gewesen und sie hatte sich gewundert, was ihr Mann noch alles versichern wollte. Aber das war ja jetzt auch geklärt: Ihr Leben.

Er wollte noch ein bisschen Geld mit ihr verdienen. Also waren ihm die Wettschulden, über die er nie ein Wort verloren hatte, endgültig über den Kopf gewachsen.

Was tut man am besten, wenn man in absehbarer Zeit wie ein armes Unfallopfer aussieht, obwohl man in Wirklichkeit heimtückisch ermordet wurde?

Clara überlegte, dass Peter vermutlich ungeschoren davonkommen würde, wenn es kein Mensch merkte. Sie sah sich den Brief noch einmal genauer an. Die Buchstaben waren aus den Anzeigenblättern ausgeschnitten, die ihnen hier jedes Wochenende in die Briefkästen geworfen wurden. Das blaue H zum Beispiel war das vom HALLO-Anzeiger. Das dunkelgelb unterlegte U, das E und das L sahen aus wie vom Titelblatt der Einkauf Aktuell-Fernsehzeitung. Und ein paar Lettern vor dem Windpark als Hintergrund kamen ihr vor, als hätte sie die erst kürzlich gesehen.

Clara lief zur Besenkammer und sah in der Altpapiersammelkiste nach. Das Titelblatt des Stadtwerke-München-Magazins war noch unversehrt. Da fehlte kein einziger Buchstabe, aber sie war jetzt auch sicher, dass derjenige, der den Brief gebastelt hatte, genau dieses Magazin zerschnitten haben musste. Sehr lange konnte das also noch nicht her sein.

Sollte sie mit diesen Schlussfolgerungen zur Polizei gehen? Was hatte sie denn schon in der Hand außer einem bunten Zettel, auf dem mit Sicherheit nur ihre eigenen Fingerabdrücke und vermutlich die von Peter waren?

Kein schlauer Täter arbeitet heutzutage ohne Handschuhe und er leckt auch keine Briefmarken mehr ab, weil er genau weiß, dass man ihn noch hundert Jahre danach anhand von Spuckeresten identifizieren kann.

Clara faltete den Brief wieder fein säuberlich, steckte ihn in den Umschlag zurück und den wieder in Peters Jackentasche, als wäre nichts gewesen.

Von jetzt an würde sie wachsamer sein, noch ein bisschen mehr darauf achten, was sie aß und trank und wohin sie mit wem ging. Auf offener Straße würde sie schon keiner erschießen und dann fielen eben in nächster Zeit die Spaziergänge auf Dornachs einsameren Wegen hinter dem Kieswerk aus und Leonhard, ihr Geliebter, durfte auch nicht mehr mit ihr zusammen auf der Bildfläche erscheinen. Das würde zwar eine harte Zeit werden, aber das war nichts Neues unter der Sonne. Sie würde jedenfalls alles daran setzen, am Leben zu bleiben.

Wichtig waren jetzt zwei Dinge: dass sie sich nichts anmerken ließ und dass sie nicht aus Versehen mit Leonhard darüber redete. Er hatte schon von ganz alleine genug Angst vor allem und jedem.

So wie sie sich generell fühlte, würden sie ohnehin bald ganz andere Sorgen haben. Clara spürte die körperlichen Veränderungen, allen voran das Spannungsgefühl in den Brüsten, und außerdem kam ihr die Art von Übelkeit, die sie quälte, vertraut vor. Sie brauchte eigentlich keinen Schwangerschaftstest mehr.

Vermutlich würde man ihr bei der Gelegenheit ein weiteres Mal beweisen, wie klein doch die Welt ist. Wie vor Jahren, als sie in ihrer ehelichen Verzweiflung einmal ein libidosteigerndes Mittelchen kaufen wollte. Nicht in der Saniplus-Filiale in den Riem-Arkaden, auch nicht in der Sonnen-Apotheke in Aschheim, wo sie sich in der langen Schlange nur bekannte Gesichter hatte vorstellen können, die danach aus dem Grinsen nicht mehr herausgekommen wären.

Nein, sie war extra vierzehn Kilometer nach Poing in die Bienen-Apotheke gefahren.

„Dieses Mittel wird selten gewünscht, aber ich kann es Ihnen selbstverständlich gerne bestellen“, hatte die nette Frau im weißen Kittel angeboten.

„An sich ja, aber ich wohne etwas weiter weg ...“, hatte Clara gesagt.

„Wo denn?“

„In Dornach.“

„So ein Zufall! Ich auch ...“

Clara wäre am liebsten im Boden versunken. Sie hatte diese Frau bis dahin noch nie im Ort gesehen.

„In dem Neubau in der Burkartstraße!“, hatte die Frau im weißen Kittel damals erfreut ausgerufen. „Dann bis heute Abend gegen halb sechs.“

In welchem Neubau?, dachte Clara zwar noch, aber damit waren die Zeiten, in denen sie überzeugt war, dass jeder jeden im Dorf kannte, ein für allemal vorbei gewesen.

Auf ein weiteres Erlebnis dieser Art konnte sie gut verzichten. Wer hätte ihr versprechen können, dass nicht noch ein weiterer Neuzugang der Gemeinde ausgerechnet in dem Drogeriemarkt arbeitete, in dem sie sich den Schwangerschaftstest kaufte und ihren Bauch von da an beobachtete, ob er auch brav wuchs? Und wenn er es denn nicht täte, würde man sie vermutlich trösten, dass es beim nächsten Mal bestimmt klappte!

Clara wusste auch so, wie sich so etwas anfühlte und es war inzwischen unmöglich, die Zeichen zu ignorieren. Und dafür, dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte, war es zu spät. Es war in ihr, das Kind der Liebe.

22:48 Uhr

Das Surren der elektrischen Zahnbürste holte Clara aus ihrem Zustand zwischen Wachen und Träumen. Sie hörte, wie jemand die Treppen hinunterging. Peter war also wieder im Haus und putzte sich nicht nur die Zähne, sondern erledigte - wie so oft - gleichzeitig noch etwas Sinnvolleres, wie er sich immer ausdrückte. Was er erst an der Garderobe und danach in seinem Büro wollte, war nicht schwer zu erraten. Clara hörte den Aktenvernichter aufjaulen und hätte im selben Moment Haus und Hof darauf verwettet, welches Schriftstück sich gerade in feine Papierstreifen verwandelt hatte.

Morgen würde sie Peters Jacke also in die Reinigung bringen können, ohne noch einmal in die Taschen zu sehen, denn den Brief hatte ein anderes Schicksal ereilt als das, aus Versehen chemisch gereinigt zu werden.

Peter kam ins Schlafzimmer, legte sich wortlos neben Clara und drehte ihr den Rücken zu.

Kurz danach hörte sie ihn schon schnarchen.

Muss ja ein harter Tag an der Uni gewesen sein, mitten in den Semesterferien, dachte sie bitter und ließ dabei nicht gelten, dass die Nacht heute schon um halb sechs zu Ende gewesen war. Aber sie hatten so gesehen Glück gehabt, denn Helmut von Nebenan war anlässlich seines Fünfzigsten nur von ,seinerʹ Blasmusik mit Tuba, Trompeten, Klarinetten und der Pauke überrascht worden und nicht mit Böllern wie der Alois von der Freiwilligen Feuerwehr, der im vergangenen Mai geheiratet hatte.

„Ich glaub, es pressiert a bissl mit der Hochzeit vom Loisl, aber ich denk, die Mama von der Franzi is ganz glücklich drüber“, hatte die Gruberin gemutmaßt und Clara hatte nur gedacht: Das ist ja die Hauptsache, dass die Mama von der Franzi glücklich ist ...

Clara hatte sofort wieder den mit Babykleidung behängten Baumstamm vor Augen, der seit Mitte November im Johann-Wieser-Ring vor dem Haus der Jungvermählten stand.

„Für ein Siebenmonatskind ganz gut bei'nander, das Mäderl. Vier Kilo soll's g'habt ham bei der Geburt und 54 Zentimeter!“ Das war die Information aus der Bäckerei gewesen und die Gruberin hatte bei jeder Gelegenheit angemerkt: „Und wenn man in den Kinderwagen schaut. Ja, mei, die is' ja ganz der Papa!“

Lange Zeit danach hatte auch noch das mit leeren Blechdosen geschmückte Schild Zur Bixnmacherei an der Straßenecke über dem Zaun gehangen, aber das hatten sie inzwischen wieder abgenommen.

Solche Gebräuche sind uns hier bisher erspart geblieben und so sollte es auch bleiben!, dachte Clara.

Aber diese Gefahr drohte ihnen nicht, weil Peter kein Vereinsmeier war. Weder in der Blasmusik noch im Männergesangsverein oder bei den Schützen. Er war auch kein Aktiver beim SV Dornach und kein Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er war gar nichts, nirgends im Dorf. Und damit war er sozusagen unsichtbar. Ein Niemand.

Clara versuchte wieder, auf das eigentliche Problem zurückzukommen und über weitere Unfallgefahren nachzudenken, die ihr in der nächsten Zeit drohen könnten. Ihr fiel aber nichts ein.

Sonntag

11:38 Uhr – Im Pfarramtsbüro St. Peter und Paul, Aschheim

Die Leute liefen hier schon während des Orgelnachspiels aus der Kirche, als hätten sie noch einen wichtigen Termin, und die wenigen, die an den Gräbern ihrer Lieben noch eine Kerze anzündeten und mit den Nachbarn ein paar Worte wechselten, zerstreuten sich wie immer schnell. Der Pfarrer zog sich in der Sakristei um und ging zum Mittagessen und der Mesner brachte die Kollekte in den Tresor im Pfarrbüro und verschwand danach ebenfalls.

Nachdem sie das alles abgewartet hatten, konnten Clara und ihr heimlicher Geliebter Leonhard Rosenberg von der Empore aus unbemerkt ins Büro gelangen und sich dort wenigstens kurz sehen.

Sie saßen also auch heute nach dem Gottesdienst wieder auf eine Tasse Kaffee im Pfarrbüro zusammen wie zwei gute alte Bekannte, die sich gerade zufällig getroffen hatten.

Immerhin, besser als gar nichts!, hatte sich Clara bis jetzt immer eingeredet und war für die gestohlene Zeit fast dankbar gewesen.

Es waren wichtige Minuten in ihrem Leben und normalerweise starrte sie in dieser Zeit weder in den Pfarrgarten noch auf den weißen Kirchturm gegenüber. Aber heute war nichts normal, das spürte sie genau.

Sie sah Leonhard in die Augen, die sie plötzlich überhaupt nicht mehr an die von George Clooney erinnerten, und im selben Moment dachte sie: Seelenwurm, elender!

Clara erschrak über sich selbst, denn so etwas hatte sie bisher nur über ihren Mann gedacht.

Sie konnte sich ihre plötzliche Wut auf Leonhard nicht erklären und wusste doch, dass genau das gelogen war. Natürlich war sie stinksauer auf ihn, er hatte ihr den ganzen Schlamassel schließlich eingebrockt.

„Ich liebe dich! Mehr als alles auf der Welt“, sagte er leise.

Da platzte ihr innerlich der Kragen.

Wenn man einander mehr als alles auf der Welt liebt, führt man ein gemeinsames Leben, von dem alle wissen dürfen, verdammt nochmal!

Davon waren sie aber weit entfernt. Zu weit nach Claras Meinung und deshalb fasste sie sich jetzt ein Herz und sprach endlich das an, was ihr schon so lange auf der Seele brannte: „Wie soll das mit uns eigentlich weitergehen? Wann wird das mit uns anders?“

„Was soll denn anders werden? Wir lieben uns doch! Oder willst du jetzt ein Datum hören?“, fragte er leicht verärgert zurück.

Ja, dachte sie und heute sagte sie es auch: „Das wäre mir am liebsten.“

„Ich kann dir nicht sagen, wann wir endlich zusammen sein dürfen. Aber wahrscheinlich nicht, solange sie lebt.“

Seelenwurm, dachte sie schon wieder und schämte sich nicht einmal dafür. Er war einer.

„Weißt du, was ich langsam glaube?“, fragte sie. „Du liebst nicht mich, sondern die Sehnsucht nach mir. Deswegen liegst du immer noch bei ihr im Bett statt bei mir. Und damit du nichts verändern musst, sagst du zu mir, ich soll nur brav durchhalten.“

Ja, das predigte er immer. Er, der ihr oft genug von seinem unerträglichen Eheleben und von seinen Wünschen erzählt hatte, wollte, dass sie immer weitermachte. Jahr um Jahr.

Clara hatte gerade sarkastisch klingen wollen und so wie er jetzt aussah, war ihr das gelungen. Da musste er durch, sie war noch nicht fertig. Viel zu oft hatte sie sich schon auf die Zunge gebissen, statt es zu sagen, und nun war eben alles anders: Clara war schwanger und er war nun einmal der Vater, auch wenn es eigentlich nicht sein konnte und er deswegen nicht das Geringste davon ahnte.

„Das geht alles nicht mehr so weiter“, sagte sie. „Ich bin keine Frau, die man sich für später reservieren kann. Das mit uns ist weder Fisch noch Fleisch.“

„Was hast du denn auf einmal? Was ist in dich gefahren?“, fragte er und sie sah seine zunehmende Verunsicherung. „Versteh das doch, ich kann nicht gehen! Ich habe es ihr versprochen, damals …“

„Und ihr habt euch ein Zeichen der Treue an den Finger gesteckt, ja genau! Zählt das etwa doch noch?“

Er sah auf seinen Ring. „Nein, natürlich zählt das nicht mehr. Aber ich muss diesen Ring tragen, auch wenn sie mich nicht mehr liebt. Und ich sie auch nicht.“

Sie hielt ihm beide Hände hin. „Peter und ich lieben uns auch nicht mehr. Und? Siehst du bei mir an irgendeinem meiner Finger einen Ring? Nein? Ich auch nicht. DAS ist wenigstens ehrlich.“

„Aber dass sie mich nicht mehr liebt, ist doch kein Grund, dass ich sie im Stich lasse. Schon gar nicht in ihrer Situation …“

„Das Leben ist jetzt! Hier! Heute! Nicht erst in hundert Jahren, wenn uns die Würmer in der tiefen, dunklen Erde aufgefressen haben!“ Sie musste sich sehr zusammennehmen und senkte ihre Stimme wieder etwas. „Du darfst dich gerne mal umhören, wer hier in der Gemeinde noch die tollsten Pläne für die Rente hatte und plötzlich war er dann zu krank dafür oder sogar tot! Du sagst, du wartest. Aber du führst nicht nur dein Leben in dieser … dieser ewigen Warteschleife, sondern auch meins! Ich schaffe das nicht mehr. Ich bin nicht zum Warten auf dieser Welt! Ich will LE - BEN!“

Betroffenes Schweigen seinerseits war alles, was kam.

„Herrgott nochmal, ich bin doch keine Schattenfrau, die man nicht herzeigen darf!“ Ich bekomme nur ein Schattenkind, dachte sie und merkte, wie ihr bei dem Gedanken die Tränen in die Augen schossen. Ärgerlich blinzelte sie sie weg. „Weißt du eigentlich noch, wie du im Auto: Duck dich, da vorne ist die Weinberger! zu mir gesagt hast? Kannst du dir vorstellen, wie erniedrigend das war?“ Sie schaute ihn herausfordernd an. „So, dass ich mich danach gefragt habe, wer ich eigentlich bin, dass man mich so behandeln darf. Aber dann ist es mir wieder eingefallen. So etwas passiert einem eben, wenn man nur eine heimliche Geliebte ist. Eine Affäre. Die Nebenbuhlerin. Nicht mehr als die zweite Geige …“ Sie erschrak, mit wie viel Bitterkeit sie diese Worte gerade ausgesprochen hatte und sie sah auch, dass seine Kiefermuskeln spielten, was ein Zeichen dafür war, dass er langsam wütend wurde.

Aber sie konnte jetzt nicht aufhören, das musste einfach alles einmal raus. „Weißt du, wie dein Fühl dich geküsst, mein Schatz! bei mir ankommt, wenn du auf dem Weg nach Hause noch schnell bei mir anrufst? Ich fühle mich nicht geküsst, sondern verarscht!“ Das ließ sie so stehen, auch wenn sie wusste, dass ihn das jetzt sehr verletzt haben musste. Natürlich war das von ihm nur lieb gemeint, aber was hatte sie von einem eingebildeten Kuss?

Er sagte kein Wort.

Sie redete weiter. „Genießt du da eigentlich noch irgendwas zwischen uns? Oder geht es mittlerweile nur noch darum, dass wir nicht auffliegen dürfen? Und wenn schon! Dann ist es eben so! Meinetwegen braucht sich keiner zu schämen. Zu mir kann ein Mann stehen, wenn er es will.“ Sie machte eine Pause. „Aber ganz offensichtlich willst du es nicht.“

Er war mittlerweile bleich geworden. „Du weißt, dass es nicht so ist und dass ich das alles genauso satt habe wie du. Du bist keine Schattenfrau und nichts von den anderen blöden Sachen. Du bist so viel mehr als eine Geliebte für mich, ich stehe zu dir!“

Wie bald du schon Gelegenheit dazu haben wirst, wenn es dumm läuft!, dachte sie und ließ ihn weiter reden.

„Immer, und das weißt du auch“, sagte er und küsste sie so flüchtig, dass sie am liebsten darauf verzichtet hätte, weil ihr das noch viel mehr weh tat als gar kein Kuss.

Er hatte Angst, das spürte sie und sie hörte es in seiner Stimme. „Das Einzige, was ich in meinem Leben will, bist du, glaub mir, und irgendwann ist es soweit. Und weißt du, wovor ich am meisten Angst habe? Dass du mich nicht mehr haben willst, wenn irgendwann ist.“

„Irgendwann! Ja, sicher!“, sagte sie wütend. „Wer’s glaubt, wird selig. Bis zu diesem Irgendwann überlebt unsere Liebe von den paar Minuten, in denen wir uns sehen und den Rest der Zeit füllen wir am besten mit Träumen auf oder was? Ich warte und warte. Auf einen kurzen Anruf von dir, ganz leise, nur geflüstert, sie könnte es ja hören. Ich warte auf eine Umarmung, auf einen Kuss! Auf alles! Und irgendwann, eines Tages, habe ich dann mein Leben lang auf ein Leben mit dir gewartet.“

„Du wusstest, dass es keine einfache Zeit wird, bis wir …“

„Bis wir? Bis DU beschließt, dass wir beide zusammen leben dürfen!“, unterbrach sie ihn. „Weißt du, was ich glaube? Wenn du dieses Datum immer noch weiter schiebst, werde ich eine Belastung für dich. Weil sie nämlich bis dahin immer noch nicht tot sein wird! Deine Frau wird hundertelf! Absichtlich, um uns zu ärgern, wetten?! Und sie ist dir wichtiger als ich! Ich habe mich schon eine ganze Weile gefragt, woran es liegt, dass du keinen Schlussstrich ziehst, aber jetzt bin ich endlich auf den Grund gekommen: Du bleibst bei ihr, weil sie eine von den Frauen ist, die ihren Männern damit drohen sich umzubringen, wenn er sie verlässt, stimmt‘s?“

Er nickte fast unmerklich, wusste offenbar immer noch nicht, was er zu dem Ganzen sagen sollte.

„Sie droht damit, dass sie sich umbringt? Ja, dann lass sie doch machen …“, sagte Clara leise, mehr zu sich selbst.

„Sag so was nicht, ich bitte dich.“

„Doch, spielen wir das durch! Nur mal angenommen, sie täte sich etwas an. Was käme dann? Wir beide wären geächtet, könnten hier einpacken und wären endlich zusammen. Aber du hättest so ein schlechtes Gewissen, dass du für den Rest deines Lebens unglücklich wärst, und zwar weil du mit mir lebst! Und ich? Würde mir deswegen ewig Vorwürfe machen und denken, dass ich an allem schuld bin. Dabei wollten wir doch eigentlich nur zusammen glücklich sein.“

Er fiel in sich zusammen, sagte aber nichts. Das genügte ihr als Antwort und jetzt wollte sie ihn provozieren.

„Und jetzt die andere Möglichkeit. Was wäre denn, wenn ich es täte?“

„Wenn du was tätest?“, fragte er.

„Schluss machen. Mit allem. Schluss, aus, vorbei. Nicht nur mit uns.“ Sie schwieg eine Weile, sah in sein ängstliches Gesicht und wunderte sich, dass sich in ihren Augen keine einzige Träne bildete. „Dann wäre alles wieder wie früher und euer Leben ginge einfach ohne mich weiter.“

Er schluckte. „Dann ginge gar nichts mehr weiter.“

„Doch, das würde es ganz sicher.“ Sie sah kurz aus dem Fenster, dann wieder zu ihm. „Aber ich mache nicht Schluss. Ich habe Kinder und ich kenne meine Verantwortung und vor der werde ich nicht davonlaufen. Und deswegen wird das mit uns nicht so weitergehen. Das macht mich nämlich krank und krank helfe ich Lea und Marie nichts mehr.“

Er schaute sie fragend, fast flehend an und sie erkannte, dass sie ihm heute doch noch nicht alles erzählen konnte. Erst wenn sich das morgen beim Arzt bestätigte, ging es um ihr gemeinsames Kind und nicht mehr nur ums Durchhalten in einer Affäre bis zum Tag X.

„Wir hätten das alles niemals zulassen dürfen“, sagte sie leise, weil er immer noch schwieg. „Dann säßen wir jetzt nicht da und müssten überlegen, wie es weitergeht …“ Das war alles, was sie noch herausbekam.

„Du zweifelst an unserer Liebe?“, fragte er.

„Nein“, antwortete sie mit tränenerstickter Stimme. „Unsere Liebe würde für die nächsten tausend Jahre reichen, aber nicht unter diesen Umständen. Das, was wir beide unter Liebe verstehen, lebt vom realen Zusammensein, vom Fühlen. Haut. Wärme. Nicht nur von den brennenden Gedanken daran …“

Clara stand auf und ging hinaus. Zu ihrem Fahrrad, das wieder einmal unversperrt an der Friedhofsmauer stand. Und wenn es weg gewesen wäre? Auch egal. Die Bremse funktionierte sowieso nicht immer. Da klemmte manchmal irgendwas. Wie Ladehemmung, dann musste man den Griff kurz loslassen und danach ging es wieder.

Es wird wie ein Unfall aussehen …, überlegte sie kurz und setzte sich aufs Rad.

Clara wartete noch eine Weile an der Mauer, ob Leonhard ihr folgen würde. Er tat es nicht.

Auch in Ordnung!, dachte sie wütend und traurig zugleich. Dann geht eben jetzt jeder von uns heim zu seinem ganz persönlichen Seelenwurm.

Clara nahm sich vor, wenigstens zuhause ihre Gefühle zu beherrschen und das alles zu überspielen. Wie immer, wenn sie etwas innerlich aufwühlte.

12:23 Uhr

Rosenberg saß immer noch wie gelähmt auf seinem Bürostuhl. Er fühlte sich, als hätte ihn jemand darauf festgeklebt und er würde nie mehr aufstehen können.

Das war die mit Abstand schlimmste Krise mit Clara und es hatte sich angehört, als wäre es die letzte gewesen. Sie hatten im Laufe der Zeit schon mehrere durchgemacht, allerdings keine, die mit dem fast vollständig ausgesprochenen Gedanken geendet hatte, Schluss zu machen.

In einer liebevollen Ehe treu zu bleiben, wäre eine Selbstverständlichkeit gewesen, überlegte er, aber er musste mittlerweile schon seit vielen Jahren mit einer Frau zusammenleben, die sich einen Spaß daraus machte, ihn zu schikanieren und mit einer Respektlosigkeit zu behandeln, die er sich selbst in seinen schlimmsten Albträumen nicht hätte vorstellen können. Sie redete alles schlecht und torpedierte seine Pläne, wo es nur ging und dank ihrer Überzeugungskraft hatte er zuletzt nicht einmal mehr an seine eigenen Fähigkeiten geglaubt und sein Selbstvertrauen war auf ein Minimum zusammengeschrumpft.

Doch dann war Clara als Orgelschülerin in sein Leben gekommen, die ihren Mann mit einem Musikstück zum Geburtstag hatte überraschen wollen, und die sich im Laufe der Zeit als diejenige entpuppte, die an ihn glaubte. Ihn zunächst nur mochte und schließlich liebte, wie er war.

Und was war dann heute passiert? Claras Sarkasmus mochte Leonhard zwar nicht, aber er war ihm schon lange vertraut. Heute war da allerdings etwas Neues gewesen. Er erinnerte sich sehr genau an Claras Blick von vorhin. Es war der, mit dem sie sonst immer über ihren Mann redete, seitdem sie ihn als ihren Seelenwurm identifiziert hatte.

Dieses Tier hatte Leonhard zwar noch nie gefallen, im Gegenteil, am Anfang hatte er es sogar abscheulich gefunden, aber im Laufe der Zeit hatte auch er in seiner Frau immer mehr den unsäglichen Wurm erkannt, der sich in seine Seele eingenistet und ihn nicht mehr losgelassen hatte, bis er nur noch im Kreis denken konnte und schließlich nichts als seine äußere Hülle übrig gewesen war, die funktionierte. Unglücklich, ausgebrannt und leer, aufgefressen vom Seelenwurm, der sein Werk vollbracht hatte.

Clara hatte ihn tatsächlich vor seiner Frau gerettet, aber war sie jetzt wirklich so weit, das über ihn zu denken? War er zu ihrem Seelenwurm geworden, der sie mittlerweile mehr Kraft kostete, als er ihr in der wenigen gemeinsamen Zeit geben konnte? Würde sie es sich noch einmal anders überlegen?

Ein Leben ohne sie konnte er sich doch überhaupt nicht mehr vorstellen, er brauchte sie! Sie war für ihn der Fels in der Brandung, der wichtigste Mensch in seinem Leben.

Wie er das Spiel hasste, in dem er gefangen war! Trotzdem musste er weitermachen, weil es nicht anders ging.

Aber jetzt war es wirklich Zeit aufstehen, sonst würde seine Frau wieder irgendjemanden aufscheuchen, der dann nach ihm suchen musste. Das machte sie immer, wenn er sich verspätete und sie kannte genügend Leute, die ihr zu Diensten waren.

Rosenberg stieg ins Auto und als er das Tor öffnete und von der Auffahrt auf das Haus schaute, hatte er das Gefühl, sein Auto hätte den Weg alleine gefunden, denn er war dafür eigentlich viel zu sehr in Gedanken gewesen.

Wenn ihn seine Frau gleich danach fragen würde, wo er so lange gewesen war, wollte er ihr erzählen, dass er nach dem Gottesdienst noch für die nächste Orgelmatinee geübt und Verwaltungskram im Pfarrbüro erledigt hätte.

Er sperrte die Wohnungstür leise auf. Dann sah er, dass es nicht nötig gewesen wäre, weil seine Frau nicht im Bett lag, sondern am Wohnzimmerfenster saß. Sie hielt zwar den Kopf gesenkt, als würde sie schlafen, aber sie schlief nicht. Seine Frau litt immer still vor sich hin, und wenn er es genau nahm, hatte sie das schon vor ihrer Krankheit getan, als es objektiv noch gar nichts zu leiden gegeben hätte. Sie war ihr eigener Seelenwurm.

Er schaute sie an. Ihre Hände lagen in dem dicken Muff, den sie zusätzlich zu ihrer warmen Decke brauchte, damit sie nicht fror. Hatte sie sich seit dem Frühstück nicht mehr bewegt? Ihr Teller und die Kaffeetasse standen noch wie vorhin auf dem Tisch.

„Na, endlich“, sagte sie tonlos.

Er überlegte, ob er sich erst neben sie auf den Fenstersims setzen oder lieber gleich in die Küche gehen sollte.

Sie nahm ihm die Entscheidung ab, denn sie würdigte ihn keines Blickes. Das war also noch alles wie immer, nur das mit Clara nicht mehr.

Montag

06:58 Uhr – Erdinger Landstraße in Dornach

Die alte Frau Kern stand an Dornachs einziger Verkehrsampel und überlegte, ob sie den Knopf drücken und damit die ganzen braven Leute aufhalten sollte, die zur Arbeit wollten. Sollte sie die alle so lang warten lassen, bis ihre 87-jährigen Knochen endlich alle drüben waren? Sie konnte ja wohl warten, sie hatte Zeit.

Die Autos, die von Aschheim kamen, wollten heute kein Ende nehmen und außerdem spürte sie ihr Knie sogar im Stehen. Dieses Knie! Ganz in der Früh war es immer am schlimmsten, bis es sich wieder eingelaufen hatte. Ihr Mann wollte aber nun einmal seine frische Vierkornsemmel zum Frühstück haben und sie die Breze mit Butter. Jeden Morgen von Montag bis Samstag. Nur am Sonntag war die Bäckerei geschlossen und deswegen gab es daheim bloß die depperten Aufbacksemmeln aus dem Supermarkt, die nach nichts weiter als nach Sägespänen schmeckten.

Einmal hatte sie mitbekommen, dass so ein junges Dirndl gefragt hatte, warum es denn am Sonntag keine frischen Semmeln gab. Die Lisbeth war in der Hinsicht, Gott sei Dank eisern, freundlich, aber bestimmt.

„Sie entschuldigen schon, aber an einem Tag in der Woche möchten wir ausschlafen. Da stehen wir nicht um halb drei in der Nacht auf und stellen uns in die Backstube. Aber wissen Sie was? In Aschheim drüben hat's einen Bäcker, der hat auch am Sonntag offen.“

Danach hat das junge Dirndl aus der Stadt nix mehr gesagt. Verwöhnt sind sie schon alle, sehen den Menschen nicht mehr dahinter, nur noch ihre eigenen Wünsche. Die Lisbeth und ihr Mann waren Sonntagfrüh immer pünktlich in der Messe und saßen in der kleinen Kirche auf der rechten Seite vom Altar, weil da schon seit Urzeiten das Familienschild aufs Holz genagelt war. Die Nägel waren schon rostig gewesen, seitdem Lisbeth sie kannte.

Die Kerns selber hatten ihren Platz in der dritten Reihe auf der linken Seite und gestern war sogar der größere Enkel mit dem Opa dort, weil er jetzt dann im Mai Erstkommunion hatte und öfter zum Gottesdienst gehen und seine Kerze anzünden sollte wegen der inneren Vorbereitung. Sie konnte derweil in Ruhe kochen. Echte Kartoffelknödel zum Schweinsbraten brauchten eben ihre Zeit. Ob ihr deswegen das Knie so weh tat?

Zum Glück kam jetzt auf der anderen Seite ein junger Bursche mit der Schultasche daher, der es so machte, wie man es anscheinend heutzutage im Verkehrsunterricht lernte und den Knopf an der Ampel drückte. Damit hatte Frau Kern auch kein schlechtes Gewissen mehr, weil sie ja alle für den Buben anhielten. Sie humpelte an ihm vorbei und überlegte, dass man wohl nicht mehr lernte, andere Leute zu grüßen. Das fand sie zwar schade, aber die Zeiten änderten sich nun einmal.

So wie sie eben damals keine Kundschaft mehr hatten, die ihre Wäsche mangeln lassen wollten und den Laden vor der Zeit zumachen mussten. Dafür konnten sie sich dann bei den Enkeln nützlich machen, damit die Eltern ganz in Ruhe und ohne Sorgen arbeiten gehen durften. Es hatte alles was für sich und jetzt war sie alt.

Auf der anderen Straßenseite waren es bloß noch ein paar Schritte an den alten Tannen und dem Wegkreuz vorbei bis zum Bäckerladen, der aussah wie aus einer anderen Zeit mit seinem steilen Giebel und dem Schindeldach.

Oh mei, von wegen bloß noch ein paar Schritte … heute war ihr irgendwie alles zu weit, aber sie wollte nicht großartig jammern.

Die alte Frau Kern hatte im Nachdenken über den gestrigen Tag ihr Ziel erreicht und schaute sicherheitshalber durchs Schaufenster in den Laden, ob drin die runde Deckenlampe brannte, damit sie am Ende die drei Stufen am Eingang nicht umsonst hinaufstieg. Wenn die Lampe brannte, dann war auch die Ladentür offen. Das war schon so gewesen, seit Frau Kern denken konnte und sie hatte sie alle erlebt: den Großvater, den Vater und den jungen Bäcker, der jetzt selber auch schon um die sechzig sein musste.

Weil es diese Deckenlampe gab, brauchte es hier kein Schild mit Öffnungszeiten wie an allen anderen Läden, weil alle Bescheid wussten, die es wissen mussten.

Die Lampe brannte. Frau Kern hielt sich an der Eisenstange fest und kämpfte sich mit dem gesunden Bein voraus eine Stufe nach der anderen hinauf. Drei Stufen konnten ganz schön viel sein!

Heute tat es wirklich schlimm weh, vielleicht musste der Doktor nachher noch von Aschheim auf einen Hausbesuch kommen. Aber nur, wenn ihrem Mann auch was fehlte, damit es sich lohnte. Ihretwegen musste keiner den Weg auf sich nehmen. Drei Kilometer einfach waren es dann doch.

Es duftete wie jeden Morgen, als sie die Tür öffnete und das Glockerl bimmelte. Sie war die Einzige im Laden.

„Frau Kern, guten Morgen!“, sagte die Lisbeth, kam aus der Backstube und wischte sich die Hand an der weißen Schürze ab. „Was brauch mer denn? Wie immer?“

„Ja, bitte“, sagte Frau Kern und reichte den Baumwollsack über den Tresen. „Und eine Nussschnecke bräuchte ich heute noch für meine Enkerl. Die teilen sie sich dann.“

„Eine Nussschnecke dazu, jawoll. Aber die packen wir Ihnen schon extra ein, oder? Und wie geht’s sonst?“

„Mei, was soll ich groß jammern. Des Knie halt … wir werden alle net jünger.“

„Des is wahr … aber vielleicht isses auch das Wetter. Ich spür' heut' meinen Ischias auch mal wieder zur Abwechslung. So, dann tät' ich 3 Euro von Ihnen kriegen, Frau Kern.“

Sie zückte ihre Geldbörse und reichte sie über den Tresen. „Nimm's dir raus, bittschön.“

Lisbeth hielt einen Fünfer nach oben und griff in die Kasse. „Und zwei Euro zurück, ich leg's gleich rein.“

Inzwischen packte Frau Kern schon den Baumwollsack und ließ sich den Geldbeutel wieder zurückgeben.

„Halt!“, sagte Lisbeth. „Die Nussschnecke! Jetzt wär' die beinah liegengeblieben.“ Sie packte noch ein, zwei Süßigkeiten in eine kleine Papiertüte und legte sie dazu.

„Danke dir, Lisbeth. Bis morgen!“

„Ich habe zu danken. Einen schönen Tag, Frau Kern“, sagte die Lisbeth und kam um den Tresen herum, um ihr noch schnell die Tür aufzuhalten.

Ein braves Mäderl is' sie ja schon, die Lisbeth, dachte die alte Frau Kern und hoffte, dass der Weg nach Hause nicht ganz so weit sein würde wie der Hinweg. Die Stufen herunter waren jedenfalls schon einmal leichter gewesen als hinauf.

Werd scho werd'n, sagte sich die Frau Kern. Und dachte an die Frau Horn, Gott hab sie selig, die darauf immer geantwortet hatte: Denn es is no immer word'n.

07:55 Uhr – In der Frauenarztpraxis Dr. Berger

25 Jahre Räter-Einkaufszentrum. Clara sah durch das Fenster im Wartezimmer und starrte den Schriftzug an der Hauswand gegenüber so lange an, bis er vor ihren Augen verschwamm. Mehr als ein Vierteljahrhundert sollte das schon her sein, dass sie aus dem großen Feld mit der Blumenwiese und dem kleinen Schlittenhügel eine Großbaustelle gemacht hatten? Demnach musste sie sich schon mit 13 an diese hohen Gebäude gewöhnt haben, weil der Gemeinderat eines Tages beschlossen hatte, die drei- und vierstöckigen Häuserblöcke hochzuziehen. Damit die vielen Familien in den Reihenhaussiedlungen rundherum von A bis Z alles einkaufen konnten, was das Herz begehrte. So gesehen, hatten sie seitdem wirklich alles, nur die Familien waren inzwischen nicht mehr da. Übriggebliebene Eltern gab es noch, die in abbezahlten Eigenheimen mit Wintergarten, dem Pool im Garten und der neuen Haustür mit höherer Einbruchsicherheit wohnten, bis man sie eines Tages hinaustragen würde.

Mit den Füßen voraus, hatte ihr Vater immer gesagt.

Der Weg von der kinderreichsten zur ältesten Gemeinde dauerte manchmal nicht lang …

Worüber denkst du eigentlich gerade nach, du alte Statistikerin?, schimpfte sie mit sich.

Gibt es denn nichts Naheliegenderes? Dein Baby zum Beispiel? Abwarten … vielleicht ist alles nur ein Irrtum, ein hormonproduzierendes Irgendwas, das da nicht hingehört.

„Frau Behrendt, bitte?!“

Clara zuckte zusammen.

Dr. Berger, Claras Frauenarzt, stand mit ihrer Karteikarte in der Hand an der Tür des Wartezimmers und holte sie persönlich ab, wie immer. Dann ging er vor ihr über den Flur in Richtung Sprechzimmer, vorbei an den Gummibärchen, die auf dem Tresen standen. Vielleicht war es ihm noch zu früh dafür, aber auch Clara wäre jetzt nicht danach gewesen. Ihr war übel. Morgenübel, wie in ihren anderen drei Schwangerschaften.

„Ihnen geht es gut?“, fragte der Arzt sie über die Schulter und klang dabei nicht sonderlich interessiert.

„Geht“, antwortete sie nur, weil sie ja noch vom Blick in den Badspiegel wusste, dass sie nicht gerade wie das blühende Leben aussah.

Aber sie registrierte auch, wie die Sprechstundenhilfe sie anstrahlte. Ja, die freute sich offensichtlich schon seit letztem Donnerstag über Claras Zustand.

Nach dem Urin-Schnelltest, der – Sie sehen es ja selber, wirklich so was von eindeutig! – positivgewesen war, hatte sie ihr gleich Blut abgenommen, damit der Herr Doktor nach seinem Urlaub gleich alle Ergebnisse hat. Und dann haben Sie auch gleich den Mutterpass, des war‘ doch a Sach', oder?

Mutterpass! Wie locker sie dieses Wort ausgesprochen hatte! Die Frau hatte ja keine Ahnung, wie wenig Clara einen Mutterpass brauchen konnte! Für Clara war beim Anblick der beiden rosa Streifen auf dem Test eine Welt zusammengebrochen und sie dachte seitdem nur noch: Wie in drei Teufels Namen konnte das überhaupt passieren?

Würde sie jetzt gleich auf dem Monitor das neue Leben in ihrem Bauch sehen? Das Fünkchen Hoffnung, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen könnte, war wieder da, weil sie sich gar nicht mehr so schwanger fühlte wie noch vor ein paar Tagen.

Dann wäre die Szene, die sie Leonhard gestern gemacht hatte, vollkommen überflüssig gewesen und sie könnten einfach so weitermachen wie bisher …

„Bitte …“ Dr. Berger ließ sie in sein Sprechzimmer eintreten und schloss die Tür hinter sich, bevor er deutlich aufmerksamer fragte: „Sie freuen sich?“

„Nicht direkt.“ Clara setzte sich aus Gewohnheit auf den Stuhl, der näher an der Tür stand. Seit sie sechzehn war, kannte sie diesen Arzt nun schon und ihr Platz war bei keinem Termin ein anderer gewesen.

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch. „Nur damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen: Sie sind nicht sicher, ob Sie das Kind bekommen wollen?“

Clara nickte. „Es ist kompliziert. Das Kind dürfte es eigentlich gar nicht geben. Es ist … nicht von meinem Mann.“

Der Arzt hob die Augenbrauen und sagte erst einmal nichts.

Clara kam mit dieser Stille nicht zurecht und plapperte drauflos: „Mein Mann und ich gehen schon seit einiger Zeit getrennte Wege … aber die Kinder sind noch zu klein. Und die Leute sollen auch nichts mitbekommen. Wir wohnen noch unter einem Dach. Und mein …“, sie überlegte kurz, wie sie Leonhard nennen sollte. Ihren Geliebten? Die Liebe ihres Lebens? Ihren echten Mann? Sie entschied sich, sagte: „Mein Freund auch.“

„Ihr Freund wohnt mit Ihnen unter einem Dach?“

„Nein“, sie musste fast lächeln. „Er lebt natürlich mit seiner Frau zusammen, aber auch nur noch … pro forma.“ Er darf nicht mit mir zusammen sein, weil er sonst entlassen wird, fügte sie nur in Gedanken hinzu.

Dr. Berger schüttelte kurz den Kopf. „Aber die Partner wissen Bescheid?“

„Im Prinzip schon, ja.“

„Kinder, in welchen Verhältnissen lebt ihr denn?“ Der Blick des Arztes ruhte auf Clara.

Ja, schimpf mich nur, dachte sie und kam sich vor, als wäre sie wieder fünfzehn und am Samstagabend zwei Stunden später als vereinbart nach Hause gekommen ohne anzurufen. Aber das hier war noch viel schlimmer, weil sie gestern durchgedreht hatte. Statt Leonhard schonend darauf vorzubereiten, dass es nun doch schneller ernst werden könnte mit ihnen beiden, hatte sie ihm alles an den Kopf geworfen. Jetzt musste sie sogar Angst haben, dass er kalte Füße bekam und mit ihr Schluss machte.

Der Arzt beendete die Schweigeminute und nahm Claras Karteikarte zur Hand.

„Geht mich alles nichts an und Sie sind ja nicht deswegen hier.“ Er faltete den Laborbefund auf. „Also: Das Ergebnis der Blutuntersuchung ist eindeutig, dass Sie schwanger sind. Dann schauen wir doch mal nach, ob soweit alles in Ordnung ist, oder? Bitte untenrum freimachen.“

Clara ärgerte sich zwar darüber, dass er in Ordnung gesagt hatte, weil daran überhaupt nichts in Ordnung gewesen wäre, aber sie verschwand trotzdem wortlos hinter dem Paravent und legte ihre Jeans und den Slip ab.

„Wollen Sie mitschauen?“, fragte er, als sie sich auf den Behandlungsstuhl setzte.

„Sicher. Ist ja in mir, falls da wirklich etwas sein sollte.“

„Warum sollte denn da nichts sein?“ Der Arzt drehte den Monitor ein wenig in Claras Richtung, nahm die Ultraschallsonde zur Hand und führte sie ein. „Also, Sie sehen es selber, das da ist eine Fruchthöhle, eindeutig.“ Er vergrößerte das Bild. „Da ist etwas Kleines. Sie wissen, der Herzschlag ist erst ab der sechsten Woche darstellbar … das ist also noch an der Grenze.“

Clara sah genau hin und er hatte Recht: Irgendwas zuckte da. Erst war sie sicher, dann kamen ihr Zweifel. „Ist da was?“

„Da kann man sich jetzt streiten, ob das schon ein Herzschlag ist“, sagte der Arzt, zog die Sonde wieder aus ihrem Körper und druckte ein schwarzweißes Beweisfoto für die Akten aus. „Sie können sich wieder anziehen. Wie sicher sind Sie eigentlich mit dem Datum der letzten Periode, das Sie meinen Damen beim Blutabnehmen gesagt haben?“

„Sehr sicher.“

„Es ist nur, weil der Computer der Ansicht ist, dass die Geschichte von Mitte März gerechnet schon ein gutes Stück weiter sein müsste.“

Clara zuckte die Achseln.

„Kleine Verzögerungen gibt’s immer mal“, sagte er betont gelassen. „An sich sieht ja alles intakt aus, da machen wir uns mal lieber keine Sorgen.“

Jetzt regte Clara diese Gleichgültigkeit wirklich auf. Hatte er denn immer noch nicht verstanden, dass sie dieses Kind nicht bekommen konnte? War das nicht bis zu ihm durchgedrungen, wie das bei ihr mit den zwei Männern und den Lebensumständen war? Sie beschloss, einen anderen Weg zu gehen und den Arzt davon zu überzeugen, dass etwas nicht stimmte.

„Ich glaube, dass da was nicht in Ordnung ist. Ich fühle mich seit ein paar Tagen immer weniger schwanger …“

Der Arzt nickte und sah sie gütig an. „Aber vielleicht ist hier auch der Wunsch Vater des Gedanken …?“

Clara schluckte. Natürlich hatte sie in der Hinsicht das ganze Wochenende nur den einen brennenden Wunsch gehabt: Dass sie nichts auf dem Monitor sehen würde, was da nicht sein durfte. Das Gegenteil war aber nun der Fall. Da war etwas. Definitiv und nicht zu leugnen, der Arzt hatte das Bild von diesem Etwas gerade in ihre Akte gelegt.

Die Träne ließ sich einfach nicht mehr wegblinzeln, Clara wischte über ihre Wange.

Wieder lächelte Dr. Berger nachsichtig. „Hoffen Sie, dass es sich von alleine erledigt? Das passiert selten und denen, die sich so etwas überhaupt nicht vorstellen können. Jetzt tun Sie mir bitte den Gefallen und denken Sie erst einmal in aller Ruhe darüber nach.“

Sie wäre ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen. Was dachte dieser Mensch, was sie in den letzten Tagen getan hatte? Ausschließlich darüber nachgedacht, dass es eigentlich schon jeder in ihrer Umgebung hätte merken müssen. Eigentlich. Aber so aufmerksam war bei ihr zuhause keiner mehr. Die Kinder wussten, dass sie oft keinen Hunger hatte und ihr Mann war zu sehr mit seinen Schulden, seiner neuen Affäre oder was auch immer beschäftigt, als dass ihm etwas an ihrem Verhalten aufgefallen wäre.

Vielleicht hatte sie inzwischen aber auch nur sehr große Übung darin, sich zu verstellen und all ihre Gefühle für sich zu behalten. Ob höchstes Glück oder größtes Unglück. Wobei letzteres in der jüngsten Zeit die Oberhand gewonnen hatte.

Dr. Berger sah sie weiter mit diesem gütigen Blick an und dozierte. „Reden Sie doch erst einmal mit dem Vater des Kindes, der ist genauso betroffen wie Sie. Das sollten Sie nicht alleine entscheiden. Machen Sie auf jeden Fall einen Termin für ein Beratungsgespräch aus. Den Schein bräuchten Sie dann in der Klinik, sonst dürfen die nichts tun.“ Er nahm ein paar bedruckte Bögen aus der Schublade und schrieb auf einen weiteren Zettel eine Notiz. „Dann bekommen Sie von mir gleich noch den Aufklärungsbogen und die Einverständniserklärung zum Lesen. Und zwei Adressen. Aber wie gesagt, erst das Gespräch!“

Clara kam nicht ganz mit, was das alles sollte. Womit musste sie sich einverstanden erklären? Und welches Beratungsgespräch meinte er? Welche Adressen brauchte sie?

Sie beschloss, ihn das laut zu fragen, bevor sie diesen Raum genauso schlau verließ, wie sie sich gerade fühlte. „Adressen? Wofür?“

„Falls Sie sich dagegen entscheiden sollten und eine OP machen lassen“, antwortete er ruhig.

Er sagte nicht: Falls Sie sich gegen das Kind entscheiden sollten. Und eine Abtreibung war für ihn eine Operation. Aber vielleicht ging es ihm nur darum, keine Emotionen bei ihr zu wecken, denn dafür hatte sie dann noch genügend Zeit, wenn sie wieder daheim war mit ihrem kleinen Etwas.

Clara sah ihn weiter an.

„Die eine Praxis ist günstiger, aber da können Sie im Netz mal schauen, woran das liegt. Das ging vor ein paar Jahren durch die Presse. Die andere Adresse ist diskreter, dafür etwas teurer. Bis zu tausend Euro können das schon werden. Auf private Rechnung.“ Er sah sie durchdringend an. „Ich habe allerdings das Gefühl, Sie möchten die Unterlagen gar nicht haben, richtig?“

Als sie nickte, packte er die Zettel wieder zusammen und verstaute sie in der Schublade. „Aber um die Konfliktberatung nach Paragraph 219 müssen Sie sich schon kümmern. Ohne den Schein keine OP und die geht nur bis zur zwölften Woche, das wissen Sie ja bestimmt.“

Clara atmete tief aus. Nein, sie wusste gar nichts, mit dem Thema hatte sie sich bisher nicht befasst. Sie hatte zwei gesunde Kinder und dabei hätte es auch bleiben sollen. Hätte.

Clara fühlte sich gerade wie erschlagen, beschloss aber, diesen Mann nicht weiter auszufragen. Wozu gab es das Internet ...?

„Sie können aber auch in einer Woche wiederkommen, dann schauen wir uns die Geschichte noch einmal an“, sagte er. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Ich hatte so gehofft, dass da nichts ist“, sagte sie. Weil ein unfruchtbarer Mann überhaupt keine Kinder zeugen kann!, ergänzte sie nur in Gedanken und fühlte sich endgültig betrogen.

Der Arzt sah sie mitleidig an, zuckte mit den Schultern und stand auf.

Clara reichte ihm die Hand zum Abschied. Auch sie musste zur Arbeit, das stimmte schon. Es gab dort zurzeit mehr als genug zu tun und sie musste sich ablenken, aber wenn sie es genau nahm, konnte sie diese Geschichte, wie der Arzt ihre Schwangerschaft im Gespräch gerade genannt hatte, immer noch nicht glauben. War vielleicht doch nicht alles so intakt, wie es aussah? Es war nicht mehr als ein Bauchgefühl, auch wenn das in dem Fall ziemlich lächerlich klingen mochte.

Das widersprach wiederum dem Bild auf dem Monitor, das sie gerade gesehen hatte. Sollte sie lieber anfangen sich damit abzufinden, dass da etwas war und sich über OP oder Nicht-OP Gedanken machen? Jetzt hieß das Thema auf einmal: Unser Kind kommt in acht Monaten zur Welt, statt wie sonst Leonhard und unser Traum vom gemeinsamen Leben in ferner Zukunft.

Morgen musste sie es ihm schonend beibringen, von Angesicht zu Angesicht. Am meisten hatte sie vor seiner Reaktion Angst. Was, wenn er es abstritt? Sie konnte sicher sein, dass dieses Kind von Leonhard gezeugt wurde, es kam ja kein anderer in Frage. Aber würde er das auch so sehen? Wie reagierte ein Mann, der bis zu diesem Zeitpunkt felsenfest davon überzeugt war, unfruchtbar zu sein?

Sie würde es bald erfahren und sie wusste genau, dass sie heute weder mit ihm telefonieren noch ihm zufällig begegnen durfte. Aber das stand ohnehin nicht zur Diskussion, denn seit dem Streit gestern herrschte zwischen ihnen absolute Funkstille, er würde sich garantiert nicht melden. Schließlich war er daheim bei seiner Frau, die streng über ihn wachte. Wie immer an seinem freien Montag.

08:07 Uhr – In Hens Wohnung

„Sch … eibenhonig! Das kann doch nicht wahr sein! Schon wieder!“

Ex-Kriminaloberkommissarin Henriette Pohl, die ansonsten eher für ihre unbekümmerte und fröhliche Art bekannt war, fluchte durch zusammengebissene Zähne. Ausgerechnet jetzt fand sie ihren Schlüsselbund nicht! Sie musste doch zur Arbeit und sich endlich den Personalchef schnappen, bevor er in die erste seiner unendlich vielen Besprechungen verschwand. Im allergrößten Notfall durfte man ihn aus einer herausholen, aber mit dem Grund, den Hen anführen konnte, würde sie an seiner Vorzimmercharmeurin nicht vorbeikommen. Was sollte sie sagen? Etwa: „Ich kann hier leider nicht mehr arbeiten, weil der neue Kriminaldirektor mein Ex-Mann ist.“?

Sie hörte das schallende Gelächter darüber schon jetzt.

„Natürlich, Frau Pohl, das verstehen wir! Aber wie hätten wir das merken sollen, dass Herr Gratewohl mit Ihnen verwandt ist, Verzeihung … dass er mit ihnen verwandt war?“

Hätte Hen sich damals auf dem Standesamt mit Gratewohl einverstanden erklärt, wäre es einfacher gewesen. Ein Doppelname hätte es wahrscheinlich auch erleichtert. Aber weder Gratewohl-Pohl noch Pohl-Gratewohl hatten ihr damals gefallen. Henriette war als Vorname schon lang genug, hatte sie beschlossen, und an Pohl hatte sie sich schon ihr ganzes Leben gewöhnt.

Die Idee von Klaus’ Trauzeugen, Gratepohl wäre der geeignete Ehename, war bei der Standesbeamtin nur als vollkommen unnötige Unterbrechung der Amtshandlung angekommen, auch wenn sie unter den Trauungsgästen im altehrwürdigen Standesamt in der Mandlstraße am Englischen Garten für Heiterkeit gesorgt hatte. Hen hatte das Gesicht der Beamtin noch vor sich: Stocksauer war sie gewesen, weil sie mit ihrer Formel noch einmal von vorne hatte anfangen müssen.

Klaus’ Rückversetzung von Peißenberg nach München vor sechs Monaten war wirklich das mit Abstand Dümmste, was Hen – abgesehen von den gerade nicht auffindbaren Schlüsseln – hatte passieren können. Ihr beinahe geschiedener Mann war befördert worden und das hatte die Sache zum Problem gemacht, denn in der Position eines Kriminaldirektors und Dezernatsleiters packte man nicht mal eben seine Koffer und zog wieder von dannen.

Eine erfahrene und überqualifizierte Schreibkraft wie Hen konnte man dagegen überallhin versetzen, wo gerade Platz war, also würde sie wohl dieses Mal ihre sieben Zwetschgen packen und gehen.

Also jetzt nochmal von vorne und in aller Ruhe, ermahnte Hen sich, wieder zum eigentlichen Problem zurückzukommen.

Gestern Abend war sie nach der Sauna nicht mit in der Kneipe gewesen, sondern direkt heimgegangen. Sie hatte ihre Wohnungstür erst auf- und dann von innen zugesperrt und wie immer den Schlüsselbund auf die Kommode gelegt.

So weit, so klar. Dann blieb nur die Frage, wo sie jetzt waren, die Schlüssel. Wieder hinter die Kommode gefallen?

Hen ging leicht in die Knie, streckte den Rücken durch und wuchtete die Eichenkommode von Klaus’ Oma ein Stück von der Wand weg. Im Schein der Mini-Maglite zeigten sich nur zwei fett gewordene Wollmäuse, die nicht den Eindruck machten, als wären sie vor kurzem von einem Schlüsselbund getroffen worden.

War Hen denn gestern noch mal unten bei den Aschentonnen gewesen? Nein.

Aber sie konnte doch jetzt nicht ohne Schlüssel aus dem Haus gehen! Wie sollte sie dann heute Abend wieder reinkommen?

„Meine liebe Jette, das kommt davon …“, schimpfte sie mit sich und hörte sogar in ihrer eigenen Stimme den strengen Tonfall ihrer Mutter, die sich schon immer in allen Dingen sehr genau auskannte. In denen, die ihre Tochter betrafen, sogar viel besser als in ihren eigenen. Hen verscheuchte den Gedanken sofort wieder, der Tag sollte eine Chance haben.

Es ging um Schlüssel und der einzige, den sie noch in Reserve hatte, war bei Klaus. Immer noch. Und Klaus war zwar der Erste, an den sie dachte, aber eigentlich der Letzte, den sie darum bitten wollte.

Kriminaldirektor Klaus Gratewohl, mit dem sie jetzt sechzehneinhalb Jahre verheiratet war und der nun schon seit etwas mehr als drei Jahren alleine wohnte, wenn er nicht gerade bei seiner neuen Freundin übernachtete.

Machte Hen jetzt ihre Wohnungstür zu, würde sie wohl oder übel irgendwann im Laufe des Tages an seine Bürotür klopfen müssen.

Sei’s drum, dachte Hen und zog die Tür ins Schloss. Es wird sich schon alles irgendwie ergeben.

Auf dem Weg zur Haustür klingelte das verdammte Handy. Die Nummer auf dem Display hatte für Hen nichts Besänftigendes.

„Einen schönen guten Morgen, Frau Kollegin!“, trällerte Frank Himmelstoß viel zu fröhlich für diese Uhrzeit.

„Guten Morgen, Herr Kollege“, antwortete sie, ohne sich zu verstellen; er sollte ihre Stimmung ruhig mitbekommen.

„Wo bist du gerade?“, fragte er.

„Auf dem Weg.“

„Schon klar. Wo genau?“

Wenn der dämliche Schlüsselbund sich nicht in Luft aufgelöst hätte, wäre ich schon im Büro, schimpfte sie innerlich und fragte zurück: „Gerade zur Tür raus, warum?“

„Wenn du eine halbe Minute auf mich wartest, nehme ich dich mit.“