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Neue, überarbeitete Fassung. Cover Feder und Tusche auf Papier von Jankel und Wilfred Gerber. Wolfis Verbrecherkarriere bekommt nach der Begegnung mit Lothar Busse, dem Inhaber einer Feuerschutzfirma, die er zur Vorbereitung krimineller Handlungen nutzt, einen ungeahnten Schub. Er begeht gemeinsam mit Busse Scheckkartenbetrügereien und schwere Einbruchsdiebstähle im großen Stil, die Wolfi nach dem unerwarteten Tod Busses in große Schwierigkeiten bringen. Moritz Kahl beginnt wieder zu schreiben und führt gemeinsam mit der Puppenspielerin sein Stück -Puppen-Menschenspiel- in einem Frankfurter Theater auf, als sich die Ereignisse beginnen zu überschlagen.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Wilfred Gerber
Sehen will gelernt sein
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Inhaltsverzeichnis
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Ende und Anfang
Impressum neobooks
Die Vergangenheit setzte ihm zu, das Gute und das Schlechte aus ihr hatten ihn noch fest im Griff. Die zwei Tage in Freiheit nach den Jahren im Gefängnis ließen ihn die Gegenwart fremd und bedrohlich erscheinen. Er saß verstört unter den Freunden in der fremden Wohnung, die Gesichtsfarbe von unnatürlicher Blässe, der Blick wirr und unstet. Er ließ die Schultern hängen, den Rücken krumm, die feingliedrigen Hände fanden auf der Tischplatte keine Ruhe.
Die Eintracht spielte. Reinhard Amper, Freund seit Kindertagen, hatte ihn zu Moritz Kahl, dem Mann der Architektin, mitgenommen, weil er als Einziger in der Straße über einen Fernsehzugang zur Bundesliga verfügte.
"Ich bringe, wenn du einverstanden bist, am Samstag einen Freund mit. Er ist vorgestern entlassen worden und hat seine Jahre im Knast bis auf den letzten Tag abgesessen. Ich bin ihm aus vielen Gründen verpflichtet“, sagte Reinhard Amper am Freitag vor dem Spiel zu Moritz Kahl. „Er ist ein bisschen merkwürdig, doch jetzt ist nur wichtig, dass er unter Leute kommt. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer, er wird sich bei dir gut benehmen. Außerdem wirst du staunen, wie er die Sprache, Gesten und vor allem seine Gestalt ändern kann. In jeder neuen Situation ist er ein anderer Mensch und hat die Bullen damit bis zur Weißglut gereizt. Kein Foto aus den Kameras vor den Geldautomaten war gleich. Nicht umsonst haben sie ihn am Schluss das Chamäleon genannt.“
Am Samstag, eine halbe Stunde vor Beginn des Spiels, trafen alle pünktlich ein. Mo stellte den Bierkasten auf die Terrasse, die Luft war heute kälter als jeder Kühlschrank. Er gab sofort jedem der wartenden Männer eine Flasche. Wolfi Wagner öffnete sie mit dem grünen Einwegfeuerzeug, lehnte sich zurück und genoss in scheinbarer Ruhe den ersten Schluck. Er saß ungünstig. Nur durch akrobatische Verrenkungen konnte er von Zeit zu Zeit einen Blick auf den Fernseher erhaschen, trotzdem blieb er eisern auf seinem Stuhl am großen Tisch sitzen. Die Augen musterten dabei für einige flüchtige Momente verstohlen Moritz Kahl. Wolfi war vor seiner Haft oft zur Eintracht ins Waldstadion gefahren, verfolgte sonst jedes ihrer Spiele mit ungeteilter Aufmerksamkeit, heute irritierte ihn die fremde, ungewohnte Umgebung, dass er nicht in der Lage war, sich auf das Match zu konzentrieren. In der hintersten Ecke des riesigen Zimmers stand das unfertige Bild auf der hölzernen Staffelei. Es zog ihn unwiderstehlich an. Wolfi konnte nicht von ihm lassen, sein Blick wanderte unruhig zwischen der Staffelei und dem Fernseher hin und her. Entgegen seiner gewöhnlichen Art, trank er das Bier nicht zügig aus, vergaß die Flasche und bemühte sich durch verhaltene Gesten um Moritz´ Aufmerksamkeit. Ihm waren Wolfis Blicke nicht entgangen. Ich muss mich damals nach dem Gefängnis der Stasi auch so gefühlt haben wie er, dachte Kahl und sah ihm in die Augen.
„Moritz, darf ich mir dein Bild aus der Nähe ansehen?“, rang sich Wolfi endlich durch.
„Ja, wenn du willst, gehen wir hin“, antwortete Kahl. „Falls du Fragen hast, stelle sie mir ohne Scheu. Das Spiel ist eh langweilig geworden“, lächelte er zurück. Die beiden Männer erhoben sich, gingen, von den anderen Freunden unbemerkt, zur Staffelei und blieben vor ihr stehen.
Lange wechselten sie kein Wort, doch Wolfi konnte es bald nicht mehr aushalten. „Ich weiß nicht recht, aber dein Bild gefällt mir.“
„Ich zeigen dir warum“, sagte Moritz Kahl. „Sehen will gelernt sein. Das ist das dritte aus meinem Zyklus „Das Sichtbare im Unsichtbaren„. Geh etwas näherran. Was siehst du?“ Moritz wartete geduldig, bis Wolfi sich wieder vom Bild gelöst hatte.
„Ich sehe unterschiedliche Striche. Zwischen ihnen verstecken sich kleine Bilder, ist das so oder rede ich Unsinn?“ Wolfi zog den Kopf ein und schaute Kahl verunsichert an.
„Nein, du redest keinen Unsinn, vielmehr hast du auf Anhieb erkannt, wozu ganz andere schon viel länger gebraucht haben.“ Kahl war verblüfft, ließ es sich aber nicht anmerken. „Ich habe versucht, das Abbild des Realen durch einfache Formen und Farben neu zu erschaffen, und wie du richtig erkannt hast, zwischen den Pinselstrichen, treffen sie aufeinander, sind viele kleine Bilder im Bild entstanden. Einige waren gewollt, die meisten aber sind ohne mein Zutun während des Malens unabsichtlich entstanden. Wenn du dich ganz auf das Bild einlässt, wirst du noch mehr entdecken. Nimm dir Zeit. Ich lasse dich jetzt alleine.“ Kahl ging zurück zu den anderen, setzte sich versonnen an den Tisch. Es ist schon erstaunlich, was er in dieser kurzen Zeit erkannt hat, dachte er und schüttelte ungläubig den Kopf.
Wolfi blieb lange stumm vor dem Bild stehen, zeigte voller Stolz, als Moritz zu ihm zurückgekehrt war, auf die vielen kleinen Abbilder, die er noch entdeckt hatte.
„Gut, Wolfi, du hast wichtige Details in meinem Bild gesehen, jetzt zeige ich dir versteckte Formen, deren Wesen du selbst ergründen musst, ich bin mir aber sicher, du schaffst es.“
Moritz Kahl gelang es durch seine ruhige, bedächtige Art, dass Wolfi nicht auf die Idee kam zu behaupten: „Was soll ich sagen, eigentlich verstehe ich überhaupt nichts von Malerei“, sondern sich verwundert sprechen hörte. „Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, so viel in deinem Bild zu sehen, nur weil ich mich zum ersten Mal, seit ich denken kann, auf Kunst eingelassen und erst durch dich erkannt habe, dass ich zwar ein kleiner Krimineller bin, aber auch ein lebendiger, fühlender Mensch. Beim Betrachten verspürte ich eine unglaubliche Freude, die sich noch steigerte, als mir die anderen Seiten deines Bildes bewusst wurden.“
„Das freut mich.“ Kahl durchströmte bei den durchdacht formulierten Worten ein Glücksgefühl. „Das Entdecken hat dir also gefallen? Jetzt zeige ich dir, was du noch nicht gesehen hast. Tritt bitte drei Schritte zurück, schließe die Augen, öffne sie wieder, wenn du bereit bist und betrachte das Bild aufs Neue. Ich komme zu dir zurück, falls du nicht mehr weiter weißt.“
„Moritz!“, rief Wolfi nach einigen Minuten. „Ich bin am Ende, du musst mir helfen.“
„Kein Grund zur Verzweiflung. Nur Geduld. Sehen will gelernt sein. Vieles bleibt für immer verborgen, wenn wir nicht lernen, offen zu sehen. Das Wahre zeigt sich erst, wenn es erkannt ist.“
Die Aufregung war groß in der Frankfurter Vorortsiedlung. Zwei Polizisten hatten ihn in der Mitte, zehn johlende Kinder im Schlepptau, als sie die Nummer 54 in der Bert-Brecht-Straße erreichten.
Am vergangenen Mittwoch war Wolfi Wagner acht Jahre alt geworden, die Feier fiel bescheiden aus, weil sich seine Mutter beharrlich geweigert hatte, sie in der Wohnung stattfinden zu lassen. Ihr war noch die vom letzten Jahr in guter Erinnerung, als er und seine Freunde es auf die Spitze trieben und im wilden Spiel das gute Geschirr zertrümmerten.
Die Mutter hatte gerade die Schnitzel gewendet, als es klingelte. Wolfi konnte es nicht sein. Ein Uhr war nicht seine Zeit, nach Schulschluss traf er sich immer mit den Freunden aus der Straße und war nie pünktlich zum Mittagessen zuhause. Sie wischte sich an der Schürze die Hände ab, drückte den Türöffner und erwartete auf dem Absatz des Erdgeschosses den unangekündigten Besucher.
„Frau Wagner?“, fragte der ältere Polizist und schob Wolfi in den Hausflur.
Hektische rote Flecken zeigten sich auf ihrem Hals und Gesicht. Werden die schlimmsten Befürchtungen wahr, will dieser Teufel von Sohn mit seinen acht Jahren sich schon jetzt ins Unglück stürzen? Wo wirst du nur enden? Ach, Bub, verfluchter, du taugst nichts.
„Frau Wagner, wir haben Ihren Sohn auf der Hauptstraße dabei erwischt, wie er, überaus geschickt für sein Alter, den Kaugummiautomaten an der Pizzeria aufgebrochen hat. Er war dabei nicht allein, aber sein Komplize konnte sich gerade noch rechtzeitig aus dem Staube machen. Ihr Sohn weigert sich standhaft, uns seinen Namen zu sagen. Wir wollten Ihnen das nur mitteilen. Ihr feiner Wolfi ist mit seinen acht Jahren ja noch nicht strafmündig. Es ist jetzt an Ihnen, ihn entsprechend zu bestrafen, oh, Entschuldigung, zu erziehen, muss es richtig heißen. Na, dann, auf Wiedersehen, und einen schönen Tag wünschen wir.“ Die beiden Polizisten musterten Wolfi mit finsterem Blick und machten sich gelassen auf den Weg durch die Grünanlagen zu ihrem Einsatzwagen. In der Sozialbausiedlung gehörten solche Vorkommnisse zum Alltag, waren schnell vergessen, die richtigen Verbrecher standen hier an jeder Ecke.
Die Wohnungstür hatte sich hinter Wolfi geschlossen, da hagelte es Ohrfeigen. Der Mutter liefen die Tränen, sie hörten nicht auf zu schlagen, bis ihr Körper erschöpft aufgab, und sie verzweifelt stammelte. „Ich wusste es schon immer. Bub, verfluchter, du taugst nichts. Wart ab, bis der Vater kommt. Dann kannst du was erleben. Wart nur ab, Bub.“
Sie drehte den Zimmerschlüssel von außen zwei Mal um, blieb ratlos vor der verschlossenen Tür stehen, kam wieder zu sich und eilte in die Küche zu den inzwischen angebrannten Schnitzeln.
Mein Fehler! Ich habe mich erwischen lassen, warf sich Wolfi wütend im Kinderzimmer vor, das er, wenn er Glück hatte, nur für den Rest des Tages nicht mehr verlassen durfte. Seine Freunde auf der Straße vor dem Haus würden heute vergeblich auf ihn warten. Aber wenigstens hatten sie Mo nicht erwischt. Er würde dichthalten und niemals einen Freund verraten.
Das hatte er auch nicht in all der Zeit, die Ehre verbot es ihm und das ungeschriebene Gesetz der Siedlung. Wenn sich aber doch einmal einer hinreißen ließ, der Polizei, aus welchem Grund auch immer, einen Tipp zu geben, hatte er verspielt und bekam in der Gegend keinen Fuß mehr auf den Boden. Wolfi hatte sich nach der Schule vom Meister nichts bieten lassen, sich sofort mit ihm überworfen und die Lehre zum Automechaniker schon nach einem halben Jahr geschmissen, doch das Fußballspielen hatte er bis auf den heutigen Tag nicht aufgegeben. Aus dem schmächtigen, hyperaktiven Burschen war ein muskulöser, durchtrainierter junger Mann mit halblangen, blonden Locken und wachen Augen geworden.
Als Kind neigte er, wurde es brenzlich, zum Stottern, inzwischen war seine Sprache aber geschmeidiger geworden, man nahm ihr den einfachen Arbeiter, den selbständigen Handwerker oder Handelstreibenden, den gebildeten, höheren Angestellten oder Akademiker wie selbstverständlich ab. Mit dem Klang der Stimme konnte er bis in die kleinste Nuance den gewünschten Rahmen für jede Atmosphäre zaubern, die für das freundschaftliche Gespräch, die für die selbstbewusste Verhandlung oder die für die leicht arroganten Vorhaltungen eines Chefs.
Jede abkömmliche Mark gab er für Kleidung aus, von den einfachen Ausführungen bis hin zu Nobelmarken, dass er die verschiedenen Typen selbst aus dem Stegreif und zu jeder Zeit in Gestalt und Habitus glaubhaft spielen konnte.
Über die Zukunft nach der abgebrochenen Lehre machte er sich keine Sorgen. An Geld kam er, wenn er es denn brauchte, immer ran. Das Team Wolfi Wagner und Reinhard Amper war einfach unschlagbar.
Die Kneipe in der Frankfurter Vorortsiedlung lag versteckt im Hinterhof und wurde von allen aus gutem Grund nur Tal des Todes genannt. Die Sitten in ihr waren rau aber klar. Hielt man sich an sie, war man sicher, doch Verstöße jeder Art wurden ausnahmslos hart geahndet, wenn es sein musste, auch mit körperlicher Gewalt.
Wolfi Wagner stand siegesgewiss am Billardtisch, versuchte, die schwarze Kugel in die linke, obere Tasche zu versenken, als die Eintracht ihr erstes lang herbeigesehntes Tor schoss.
Der frenetische Jubel ließ ihn im entscheidenden Bruchteil einer Sekunde die Konzentration verlieren, das sicher geglaubte Spiel war dahin. Verärgert legte er den letzten Zwanzigmarkschein auf den Rand, ging mit hängenden Schultern zurück zu den Freunden am großen Tisch vor dem Fernseher, griff sich das Glas, leerte es, obwohl das Bier inzwischen schal geworden war, in einem Zug.
„Reinhard, ich bin blank. Wir müssen wieder arbeiten gehen.“
„Jetzt nicht, Wolfi“, würgte ihn der Freund ab. „Wir reden nachher. Lass mich das Spiel noch zu Ende sehen. Für heute habe ich schon was ins Auge gefasst.“
Die Eintracht hatte verloren. Die Straße war um vier Uhr in der Nacht ruhig und menschenleer. Wolfi und Reinhard Amper legten die wenigen Schritte vom Auto bis zur dunklen, verlassenen Kneipe an der Ecke schnell zurück.
„Was ist?“, wurde Amper ungehalten. „Mach die Tür auf oder willst du hier Wurzeln schlagen?“
Zwei kurze Blicke genügten. Wolfi wusste sofort, welches der Werkzeuge er aus der Rolle ziehen musste und machte sich an die Arbeit. Nach einer Minute sprang die Tür lautlos auf, trotzdem drängte Amper zur Eile. „Jetzt mach schon“, flüsterte er. „Die beiden Automaten hängen im Hinterzimmer. Ich habe sie beobachtet. Sie müssten gestopft sein. Es sollte sich für uns lohnen.“
„Wir brauchen kein zusätzliches Licht. Du kannst die Taschenlampe stecken lassen. Geh zur Tür, Reinhard. Ich komme hier alleine klar.“ Wolfi spürte wieder die seltsame Ruhe in sich. Die Automaten waren Standardmodelle, jeder Arbeitsschritt, oft geübte Routine, lief wie am Schnürchen ab. Er hatte die speziellen Werkzeuge aus handelsüblichen durch schleifen, hämmern und schweißen auf der Werkbank im Keller seines Vater zu dem gemacht, was sie jetzt waren, Präzisionsinstrumente.
Bald klimperten die Münzen aus den übervollen Speichern der Automaten in Wolfis Lederbeutel.
„Ich bin fertig.“ Die Werkzeuge lagen schon in der Rolle, wohlverwahrt in ihren speziellen Fächern. „Wir können gehen.“
Reinhard sicherte die Straße. Wolfi ließ die Kneipentür leise ins Schloss fallen. Langsam, mit übervorsichtigen Schritten nächtlicher Zecher gingen sie zurück zum Auto. Amper hatte es vorsorglich im Schatten der Laterne geparkt, dass kein zufälliger Zeuge sie wiedererkennen würde.
Er steckte den Zündschlüssel ins Schloss, legte den ersten Gang ein, gab behutsam Gas und fuhr erleichtert davon.
„Ich habe ein ungutes Gefühl“, sagte Wolfi, als Amper um die Ecke bog, und die nächste Kneipe in Sicht kam. „Wir machen Schluss!“
„Deinem Gefühl sollten wir wie immer trauen. Die Münzen kann ich auch noch morgen wechseln lassen. Ich habe ein paar Scheine in der Tasche. Boris´ Kneipe am Bahnhof hat uns wieder!“ Amper grinste breit und wendete mitten auf der Straße.
Nur ein paar frühe Zecher hatten sich am nächsten Abendkurz vor sieben in das Tal des Todes verirrt. Reinhard Amper und ein Unbekannten standen am Tresen. Wolfi hatte gerade die Schwelle überschritten, als er ihn mit seinen riesigen Pranken zu sich winkte. „Das ist mein Freund Lothar Busse, und das ist mein alter Freund Wolfi Wagner“, stellte er die beiden vor. „Für seine Feuerschutzfirma sucht Lothar einen fähigen, aufgeweckten Mitarbeiter, da habe ich gleich an dich gedacht. Die Einzelheiten besprecht ihr am besten unter euch. Dazu braucht ihr mich nicht.“ Amper ließ sie allein und gesellte sich zu den Billardspielern.
„Ich will gleich zur Sache kommen. Ich verkaufe Hausbesitzern Feuermelder und Sicherheitssysteme. Dabei sollst du mir helfen und den ganzen Schriftkram erledigen, das ist nicht so meine Sache. Meinetwegen kannst du gleich morgen anfangen und alles vor Ort lernen. Ich zahle dir zehn Mark bar auf die Hand. Was ist jetzt, Wolfi? Willst du den Job?“
Moritz Kahl hatte für heute den Antiquitätenladen abgeschlossen. Er ging zielstrebig ins Hinterzimmer, setzte sich an den Schreibtisch und begann die Papiere, die er gestern zu hohen Stapeln aufgeschichtet hatte, eilig durchzusehen. Er suchte nach Fragmenten und Entwürfen des „Puppen-Menschenspiels“.
Entgegen seines laut verkündeten Vorsatzes, das Schreiben zu lassen, wollte er das Stück jetzt doch zu Ende bringen.
Es war nicht so, dass er in dieser Zeit überhaupt nichts geschrieben hätte, ganz konnte er es nicht lassen, einige Ideen und Gedichte hatte er notiert, für später, doch die neue Arbeit am Stück, wusste er, wäre nur mit einer konzentrierten Herangehensweise zu schaffen, die sich dann in Struktur, Form und Dialogsprache niederschlagen würde.
Der erste Entwurf war nach einer Stunde fertig, die oft vermisste Freude wieder in ihm, als er sich erhob und auf den Weg zum „Schmendrik“ machte.
„Ich bin von Beruf Einbrecher, was anderes hab ich nicht gelernt. Meistens ließen sie mich in Ruhe, dass ich aber damals, kurz nach dem Kaufhofbrand, dem Baader seine erste Pistole besorgte, haben sie mir nie verziehen.“ Manfred Milzberger trank im überfüllten „Schmendrik„ hastig sein Bier aus. „Für mich wird es Zeit. Die in Preungesheim fackeln nicht lange, und gerade jetzt will ich mir meinen Freigang nicht versauen. Es war schön, dich getroffen zu haben, Moritz. So spät schon? Mit der Straßenbahn ist es nicht mehr pünktlich zu schaffen. Scheiße, verfluchte! Und Ines hat sich so auf das erste gemeinsame Wochenende gefreut.“ Er raffte am Tresen seine Sachen zusammen und rannte zur Tür.
„Manfred!“ Kahl war sich sicher, dass die zwei Bier nicht für 0,8 Promille ausreichten. „Manfred!“, rief er. „So warte doch. Ich fahre dich. Mein Auto steht direkt vor der Kneipe. Wie durch ein Wunder war in der Fichardstraße ein Parkplatz frei. Ich sage es nicht gern, ich bringe dich mit dem Wagen in den Knast zurück. Du bist pünktlich, dein Liebeswochenende ist gerettet, und ich erfülle meine tägliche gute Tat. Lass mal stecken, ich zahle für dich. Gerlinde, was macht das?“ Kahl gab ihr die Deckel. „Ach was, ich komme gleich wieder, leg sie hinter den Tresen. Wir müssen uns beeilen, Milzberger will in den Knast. Ich zahle nachher alles zusammen. Bis gleich. Na, komm jetzt, Manfred!“
Milzberger und Moritz Kahl eilten auf die Straße. Das erste Stück des Weges fuhren sie stumm, als sie die Friedberger Landstraße erreichten, brach Kahl das Schweigen. „Weißt du was, Manfred, am Samstag und Sonntag bin ich auf der Antiquitätenmesse in Mannheim. Wenn du willst, gebe ich dir und Ines das Hinterzimmer im Laden. Ihr habt ja sonst kein Fleckchen für euch. Nicht mal du schaffst es, auch nur eine Nacht im Lehrschwesternheim ungesehen zu überstehen. Komm am Freitag vor sieben in den Laden, dann gebe ich dir den Zweitschlüssel. Meine Ware wirst du hoffentlich, trotz deines erlernten Berufs als Einbrecher, in Ruhe lassen.“
„Ein Wunder ist geschehen, keine verstopften Straßen in Frankfurt. Wir haben es zehn Minuten vor der Zeit geschafft.“ Er parkte direkt vor der Schleuse. „Wir sehen uns am Freitag. Bis dann, Manfred“, verabschiedete sich Kahl von seinem Freund.
Das Tor der Schleuse öffnete sich wie von Geisterhand, und bevor es sich wieder schloss, blieb Milzberger die Zeit, um Kahl noch einmal zu winken, dann hatte ihn der Knast geräuschlos verschluckt.
Soll ich zurück in den „Schmendrik„ fahren? fragte sich Moritz Kahl. Das Gefängnistor hat mich mehr mitgenommen, als ich mir eingestehen will. Das ist der zweite Berufsverbrecher, den ich zum Freund nahm, gestand er sich widerwillig ein.
Der andere, Robin Fischlauf, war sein Arbeitskollege in der Kommunalen-Wohnungs-Verwaltung-Pankow gewesen. Seine Kindheit fand sorgfältig behütet in einer sozialistisch kleinbürgerlichen Familie statt, doch schon bald führte ihn der Weg fort vom Pfad der Tugend.
Drei Tage vor seinem vierzehnten Geburtstag wurde er erwischt, als er gemeinsam mit zwei Freunden in ein Objekt der Gesellschaft für Sport und Technik, kurz GST, deren eigentlicher Zweck darin bestand, die Jugend des Landes vormilitärisch zu erziehen, versuchte einzubrechen und volkseigene Luftgewehre widerrechtlich in sein privates Eigentum zu überführen.
Für die Straftat wanderte er für mehrere Jahre in den Jugendwerkhof, in dem die Erzieher das Wesen der Jugendlichen sofort brachen und sich danach intensiv mühten, aus den nun geborstenen Seelen allseits gebildete, sozialistische Persönlichkeiten zu formen.
Sie wunderten sich, dass es ihnen auch mit starkem Druck nicht gelang. Vielmehr entwickelte sich in dem verdeckten Jugendstrafvollzug eine eigene, nicht kontrollierbare Dynamik, die es, getreu der darwinschen Lehre, nur dem Stärksten und Skrupellosesten erlaubte, sich durchzusetzen. Die niedrigsten Instinkte blühten in der menschenfeindlichen Umgebung auf, und die körperliche Gewalt wurde zur Normalität.
Hier erhielt Robin Fischlauf die wichtigste Prägung, doch seine angeborene Intelligenz erlaubte ihm, von den meisten unbemerkt, alle anderen zu beherrschen. Das und die Bereitschaft Gewalt, wenn sie seinen Zielen diente, skrupellos anzuwenden, ließen das zarte Pflänzchen Solidarität und Menschlichkeit schnell verkümmern.
Als Kahl und Fischlauf Freunde wurden, hätte er nicht einmal im Traum daran gedacht, Fischlauf könne ein Doppelleben führen, vielmehr hatte Kahl den Eindruck, er wäre auf dem besten Wege, sich zu ändern.
Er war gewiss kein Waisenknabe, doch was er Fischlauf im Land vorlebte, schien ihm zu imponieren, und mit der Zeit drang das verschüttet Geglaubte doch nach oben.
Den vielen Lesestoff, den Kahl im Laufe ihrer Freundschaft ihm verabreichte, eignete er sich, nicht nur aus Höflichkeit oder um ihm einen Gefallen zu tun, in hoher Geschwindigkeit an, nein, die Bücher, als hätte er sie lange vermisst und nun gefunden, bereiteten Fischlauf immer größeres Vergnügen, und das Verlangen nach mehr wurde unstillbar.
Was hatte er damals alles nachzuholen, trotzdem blieb Zeit für das Neue. Die Literatur des anderen deutschen Landes, Böll, Grass, Lenz, Wellershoff und viele andere, las er aufmerksam und mit wachsendem Interesse, auch die seines eigenen Landes, Wolf, Fühmann, Wiens, Braun, Mickel, Plenzdorf, Biermann und Brasch, ließ er nicht aus. Sogar Kahls Lyrik und Prosa verschlang er, als hätte er nie etwas anderes getan.
Plötzlich stand sie wieder vor ihm, die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit. Der Einzug Milzbergers in das Gefängnis, die geräuschlose Schleuse, die ihn spurlos verschluckte, riefen in Kahl die alten Erinnerungen wach, die drohten, ihn zu verschlingen. Der Irrsinn zwischen seiner Entlassung aus dem Gefängnis und der Ausreise aus dem Land beherrschte die Gedanken. Schnell fuhr Kahl auf der Eckenheimer Landstraße in Richtung Innenstadt. In diesen Zustand rutsche ich nicht noch einmal ab! befahl er sich energisch. Nie wieder sollen sie Macht über mich haben, nie mehr sich der eisigen Ohnmacht erwehren müssen. Jetzt ich bin in diesem Land, und alles wird gut. Ach was! schüttelte er die bösen Gedanken ab. Vielleicht ist mein Freund Beiser inzwischen in der Kneipe, und wir können eine Partie Schach spielen.
Nichts war von ihm zu sehen, als sich Moritz Kahl zu einigen Bekannten an den Tisch setzte.
Niemand versuchte in seinem Zustand, mit ihm ein Gespräch zu beginnen, und so konnte er sich ungestört finsteren Grübeleien hingeben. Robin Fischlauf ist schließlich doch zum Spitzel geworden, obwohl er sich anfangs heftig wehrte. Immer war er mit einem blauen Auge davongekommen, aber diesmal sollte es anders werden.
Er gab nach langem Bedenken sein Einverständnis, war es erst einmal gegeben, gab es kein Zurück mehr. Als es so weit war, zwickte ihn hin und wieder das Gewissen, aber jetzt war sein Trachten nur darauf gerichtet zu verhindern, dass je ein Außenstehender vom schäbigen Verrat erfuhr.
Die Voraussetzungen waren günstig, lag doch die Vermutung nahe, dass seine Berichte für alle Zeiten im Schoß des Ministeriums sicher verwahrt blieben und sein Doppelleben sich einrichten lassen, dass die eine Welt nicht mit der anderen kollidierte. So abgesichert, gelang es Robin Fischlauf, trotz gelegentlicher Selbstvorwürfe, trefflich zu leben, sich sogar als das wahre Opfer zu fühlen, hatte er doch die Tätigkeit des Spitzels nicht freiwillig angenommen, sondern wurde durch mancherlei Art gezwungen, und die Furcht vor den möglichen Konsequenzen, lehnte er ihr Angebot ab, gab ihm das Recht, sein Gewissen ruhig zu halten. Außerdem, beschwichtigte er sich, würden seine Berichte weder Kahl, dem Freund, noch jemand anderem wirklich schaden, denn nur was sie sowieso schon wussten, wollte er preisgeben.
Moritz Kahl schreckte hoch. „Eigentlich habe ich mit dir nicht mehr gerechnet.“ Gerlinde stellte ihm das Bier auf den Tisch. „Deine Augen sind wieder einmal hellgrün. Wenn sie diese Farbe annehmen, wirst du unberechenbar.“ Sie streichelte zärtlich seine Hand. „Umso schöner ist es, dass du jetzt bei mir bist und wiederrum auch nicht. Ohne all die anderen hier, wäre es mir lieber“, seufzte sie und nahm die nächste Bestellung auf.
Der blaue Kastenwagen mit der großen Aufschrift, Feuer-und Sicherheitssysteme, parkte vor dem schmucken Einfamilienhaus in der Aschaffenburger Vorortsiedlung, die sich vor allem durch gnadenlose Monotonie in Bauart und Gartengestaltung auszeichnete.
Wolfi Wagner und Lothar Busse, in blauen Arbeitshosen und passenden Kitteln, entstiegen geschäftig dem Wagen. Busse griff sich sofort den Werkzeugkasten, Wolfi nahm aus dem Handschuhfach das Klemmbrett mit den Arbeitszetteln, auf denen das Logo ihrer Sicherheitsfirma prangte, bog gemeinsam mit seinem Chef vom sauber gefegten Bürgersteig auf den ordentlich gepflasterten Hausweg ab und klingelte gleich an der verglasten Tür.
Wolfi plagten keine Skrupel, für ihn war es ein ganz normaler Arbeitstag, der sich nicht von den vorangegangenen unterscheiden sollte.
Die Aufgaben waren auch heute klar verteilt. Wolfi übernahm den operativen Teil, Busse würde ihm die nötige Zeit dazu verschaffen.
„Herr Lauth“, lächelte Wolfi verbindlich, als der Hausherr öffnete. „Wir haben gerade hier in der Gegend zu tun und wollten uns erkundigen, ob Sie Ihr Haus gegen Feuer und Diebstahl gesichert haben. Wir würden es uns gern mal anschauen und Ihnen unverbindlich ein Angebot machen. Bei Ihrem Nachbarn, Herrn Neumann, nebenan, waren wir letzten Monat, und der hat uns empfohlen, bei Ihnen vorbeizuschauen, weil er sich sicher sei, dass Sie an einem Feuermeldesystem Interesse hätten. Wenn es Ihnen jetzt nicht passt, können wir auch ein andermal wiederkommen, aber unsere Auftragsbücher sind zurzeit randvoll. Wir haben leider nur noch in der nächsten Woche einen Termin frei.“
„Sie kommen nicht ungelegen, meine Herren“, sagte Herr Lauth freundlich. „Kommen Sie rein. Ich habe gerade gestern mit meinem Nachbarn über Sie gesprochen und bin sehr an Ihrem Feuermeldesystem interessiert, man hört ja in letzter Zeit so viele schreckliche Sachen über Rauchvergiftungen. Kommen Sie nur, ich habe Sie schon erwartet, meine Herren. Schauen Sie sich alles in Ruhe an.“
Herr Lauth hatte, ohne es zu ahnen, den Weg für einen erfolgreichen Arbeitstag geebnet.
„Das Beste wird sein, wenn Sie uns zuerst durch die Räumlichkeiten führen, damit wir uns einen genauen Überblick verschaffen können.“ Wolfi zückte erleichtert, mit professioneller Mine seinen Stift. „Herr Lauth, das ist doch richtig?“, fragte er und notierte auf dem Klemmbrett Name und Adresse. „Wie viele Personen wohnen in Ihrem Haushalt, Herr Lauth? Das ist nicht wichtig für das Feuermeldesystem, dient aber unseren internen statistischen Erhebungen.“ Wolfi schaute von den Notizen auf, sein offener Blick suchte Lauths, gleich darauf Busses, der nur kurz nickte.
Es war immer gut zu wissen, auf wie viele Personen sie bei der nervenaufreibenden Arbeit treffen würden. Je weniger, desto besser.
„Seitdem die Kinder aus dem Haus sind, ist es leer geworden bei uns. Meine Frau und ich wohnen nur noch hier“, antwortete Lauth traurig.
„Gut, Herr Lauth, so ist das Leben. Da kann man nichts machen. Jetzt führen Sie uns erst einmal durch die Räumlichkeiten.“
Die Hausbegehung hatten sie schnell hinter sich gebracht, alle standen wieder einträchtig im Wohnzimmer. „Aber setzen Sie sich doch, meine Herren, so viel Zeit muss sein“, sagte Lauth und zeigte auf die Stühle am großen eichenen Esstisch. „Möchten Sie vielleicht etwas trinken?“
„Ja, gern, ein Kaffee wäre nett, wenn es keine Umstände macht“, antwortete Wolfi, schrieb geschäftig auf seinem Klemmbrett, blickte nur kurz auf und befahl. „Werner, geh noch mal in den ersten Stock, ich glaube, im großen Zimmer mit der offenen Wand brauchen wir nur einen Rauchmelder. Überprüfe das bitte, wir wollen doch die Kosten für Herrn Lauth so gering wie möglich halten.“ Er zwinkerte seinem Chef Lothar Busse verstohlen zu.
„Meine Herren, meine Frau ist gerade einkaufen gegangen, darum muss ich den Kaffee selbst machen. Ich darf Sie sicher für einen Moment allein lassen?“
„Das geht schon in Ordnung. Ich schreibe Ihnen gleich das Angebot, mein Kollege überprüft noch einmal im ersten Stock, ob wir mit einem Rauchmelder weniger auskommen.“
Wolfi, endlich allein im großen Wohnzimmer, wusste, was zu tun war. Er erledigte alles mit eiskalter Ruhe und überlegten, schnellen Bewegungen.
Er war gerade fertig, als Busse die Treppe herunter kam. „Das im ersten Stock geht in Ordnung. Wir brauchen einschließlich der Kellerräume nur sechs Rauchmelder!“, er sprach so laut, dass ihn der Hausherr in der Küche auch verstehen konnte. Busse und Wagner verständigten sich stumm.
„Herr Lauth!“, rief Lothar Busse. „Ich brauche Sie noch mal. Sie müssen mir den Sicherungskasten im Keller zeigen. Ich muss überprüfen, ob ein Steckplatz für die zusätzliche Sicherung frei ist.“
„Ich komme sofort, der Kaffee kann ja alleine durchlaufen.“
Herr Lauth ging gemeinsam mit Lothar Busse in den Keller. Wieder war Wolfi allein im ordentlich aufgeräumten, altdeutschen Wohnzimmer, erledigte den Rest, man konnte nicht wissen, wozu sie später noch zu gebrauchen wären. Auf jeden Fall verschafften ihnen die Papiere ein mehr an Sicherheit. Schnell verschwanden sie in der Arbeitstasche.
„Bist du mit dem Angebot fertig, Manfred?“, fragte Busse auf der Kellertreppe Wolfi. „Im Kasten ist ein Steckplatz frei, von meiner Seite geht alles in Ordnung.“ Er setzte sich zu Wolfi an den großen Esstisch. Als der Hausherr in die Küche ging, fragte er verstohlen. „Ist alles glatt gelaufen?“ Wolfi Wagner nickte stumm und beschäftigte sich wieder mit dem Angebot.
„Meine Herren, hier ist der Kaffee!“ Herr Lauth betrat das Zimmer, stellte das Tablett mit der Kaffeekanne, den Tassen und Löffeln in die Mitte des Tisches. „Bedienen Sie sich.“
Wolfi nahm den ersten Schluck. „Ich habe das Angebot schon fertig, Herr Lauth. Wir benötigen sechs Rauchmelder, mit den nötigen Anschlüssen und Arbeitsstunden würde alles zusammen auf 360 Mark plus Mehrwertsteuer kommen.“ Wolfi schob dem Hausherrn das fertige Angebot über den Tisch. Lauth las es aufmerksam und blickte ihn, als er fertig war, fragend an. Wolfi verstand den Blick, beugte sich zu ihm vor, sagte dann leise. „Wir haben in der nächsten Woche sowieso in Ihrer Gegend zu tun, wenn Sie keine Rechnung brauchen, könnten wir Ihnen die Anlage für 240 Mark einbauen.“ Wolfi wartete geduldig auf Lauths Antwort.
„Natürlich.“ Der Hausherr konnte dem letzten Angebot nicht widerstehen, versicherte eilig. „Ich brauche keine Rechnung. Wann können Sie anfangen?“
„Wir würden gleich am nächsten Dienstag um acht kommen, wenn wir das ohne Rechnung machen, muss das selbstverständlich unter uns bleiben. Sie verstehen, Herr Lauth? Ist Ihnen der Termin recht?“ Wolfi griff sich das Klemmbrett.
„Ja, wunderbar, ich erwarte Sie, meine Herren, am Dienstag um acht.“
Es war knapp eine Stunde vergangen, seit er sich von den freundlichen und kompetenten Handwerkern verabschiedet hatte, als das Telefon klingelte. „Spreche ich mit Herrn Lauth, Herrn Werner Lauth?“, fragte die kultivierte, angenehme Stimme. „Herr Lauth, hier spricht Dr. Fischer von Ihrer Raiffeisenbank.“
„Jetzt nicht, Frau Mayer, die Herren von der Polizei sollen einen Moment warten!“
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Lauth, das war meine Sekretärin. Was ich Sie fragen wollte, haben Sie eigentlich schon bemerkt, dass sich Ihre EC-Karte nicht mehr in Ihrem Besitz befindet. Nein? Dann muss ich Ihnen mitteilen, dass ein Unbekannter versucht hat, mit Ihrer Karte Geld abzuheben. Wir konnten leider nicht rechtzeitig zugreifen und müssen daher Ihre Karte jetzt sofort sperren. Die Polizei ist gerade in der Bank eingetroffen und wird umgehend die Ermittlungen aufnehmen. Die Herren werden sich zu gegebener Zeit mit Ihnen in Verbindung setzen.“
„Frau Mayer, ich hatte doch gesagt, ich will nicht gestört werden!“
„Entschuldigen Sie nochmals, Herr Lauth. Ich werde jetzt Ihre Karte sperren und habe die Daten schon aufgerufen. Sie wohnen in der Keibelstraße 6, hier in Aschaffenburg, und sind am 10.7.1934 geboren. Das stimmt doch soweit, Herr Lauth? Um den Vorgang abzuschließen, brauche ich jetzt die achtstellige ID-Nummer Ihrer Karte. Sie wissen sie nicht? Was machen wir denn da? Wenn ich die Karte ohne die ID-Nummer sperren lasse, kommen Sie vier Wochen nicht mehr an Ihr Konto.“
„Frau Mayer, die Herren von der Polizei sollen sich schon mal das Überwachungsvideo ansehen. Ich komme gleich!“
„Entschuldigen Sie, Herr Lauth, hier geht es drunter und drüber. Wo waren wir noch mal stehen geblieben? Ach, ja, bei der ID-Nummer. Sie müssen über Ihr Konto verfügen? Das wird aber schwierig, ohne die Nummer. Beruhigen Sie sich, Herr Lauth, noch ist nichts passiert, aber um zu verhindern, dass ein Unbefugter auf Ihr Konto zugreifen kann, müssen wir Ihre Karte sofort sperren. Sie sind ein alter Kunde unserer Bank, da mache ich bei Ihnen eine Ausnahme und versuche, ohne die Nummer auszukommen, aber das mache ich nur für Sie. Sie müssen mir versprechen, dass das unter uns bleibt. Ich rufe jetzt die Spezialseite auf, das dauert leider einen Moment. So, ich bin so weit. Haben Sie wenigstens Ihre Pin-Nummer zur Hand? Das ist schon mal ein Fortschritt. Einen Moment, ich notiere sie mir. 4367, das ist doch richtig, Herr Lauth? Ich gebe noch Ihre Daten ein, und die Karte ist sofort gesperrt. Jetzt kann niemand mehr Geld von Ihrem Konto abheben, aber Sie haben jederzeit Zugriff darauf. Sie müssen nur in die Filiale kommen und Ihren Personalausweis vorlegen. Überlegen Sie sich schon mal, wo Sie Ihre EC-Karte verloren haben könnten. Das würde der Polizei viel Zeit ersparen, wenn sie Sie demnächst befragt. Nun machen Sie sich jetzt mal keine Sorgen, ich habe ausnahmsweise Ihre Karte ohne die ID-Nummer sperren können. Sie werden in den nächsten Tagen wieder von mir hören. Ja, Sie können jederzeit Geld von Ihrem Konto abheben. Sehen Sie, Herr Lauth, Ihr Wochenende ist gerettet. Also, dann, auf Wiederhören“, beendete Dr. Fischer das Gespräch, verwandelte sich in Gestik und Sprache wieder zu Wolfi Wagner, der die Telefonzelle vor der Raiffeisenbank gut gelaunt verließ und am Automaten 3.000 Mark von Lauths Konto abhob.
Im Aschaffenburger Polizeirevier nahm Hauptkommissar Kruse genervt den Telefonhörer ab, die lauten Vorhaltungen seiner Frau am Morgen hallten ihm immer noch in den Ohren. „Guten Tag, Baumann, Besitzer der Fima Gold-Ideen hier in Aschaffenburg“, stellte sich der aufgebrachte Anrufer vor. „Mit wem spreche ich? Kriminalhauptkommissar Kruse? Also, Herr Kommissar, ich möchte einen Diebstahl bei mir in der Firma anzeigen!“, schrill dröhnte die Stimme in Kruses rechtem Ohr, die Wut des Opfers war auch noch durch das Telefon klar zu spüren. „Heute gegen zwölf Uhr ist unser Tresor ausgeräumt worden!“, schäumte der Anrufer.
„Ist Ihr Laden in der Neuwiesenstraße, Herr Baumann?“, unterbrach ihn Kruse. „Wann sagen Sie, hat der Diebstahl stattgefunden? Gegen zwölf? Das ist aber ein merkwürdiger Zufall. Zur selben Zeit war ich auch in Ihrem Laden und habe einen Ring für meine Frau zum 25. Hochzeitstag gekauft, doch von einem Einbruch habe ich nichts mitbekommen. Die Täter müssen ja ausgesprochen dreist vorgegangen sein. Ich schicke Ihnen zwei Kollegen, die gleich die Anzeige aufnehmen. Die Spurensicherung informiere ich von hier aus. Lassen Sie den Tatort bitte wie er ist, wir wollen doch nichts verwischen. Also, dann, auf Wiederhören, Herr Baumann.“
„Mani, Uwe!“, befahl Kruse, seine Laune hatte sich durch den Anruf nicht gebessert. „Ihr fahrt sofort zum Juwelier in der Neuwiesenstraße 12, nehmt die Diebstahlsanzeige auf und sperrt den Tatort ab. Ich bringe nur noch den Bericht zum Chef und komme dann nach. Den Fall nehme ich ausgesprochen persönlich. Die Täter machten den Bruch, als ich im Laden den Ring für Uschi zum Hochzeitstag ausgesucht habe. Diese Frechheit werden sie noch bitter bereuen. Ich lasse ihnen keine Ruhe, bis sie hinter Gitter sitzen. Fragt nach, ob im Laden eine Videoanlage installiert ist. Wenn wir Glück haben, sind die Täter auf dem Band. Das wäre dann schon mal der erste Anhaltspunkt für die Fahndung. Vielleicht sind sie aber auch in unserer Fotogalerie. Also, worauf wartet ihr, Kollegen!“ Kruse griff sich den Bericht und war schon auf dem Weg zu seinem Chef. „Macht euch schleunigst auf zum Tatort!“, befahl er und überschritt eilig die Schwelle des Büros.
„Wir sind schon weg, Horst. Ich habe noch mit der Spusi telefoniert, sie ist in einer viertel Stunde beim Juwelier!“, rief Oberwachtmeister Klebs Kruse hinterher.
„Komm, Mani, wir fahren jetzt.“
Am späten Abend, die Geschäfte waren besonders gut gelaufen, der Anteil aus den Einnahmen steckte wohl verwahrt in der Brieftasche, betrat der mittelgroße, drahtige Mann im teuren Maßanzug selbstsicher die Spielbank Bad Homburg. Anstandslos, wie immer, passierte er den Einlass, legte den Personalausweis vor, bezahlte den Eintritt, wechselte an der Kasse 5.000 Mark in Jetons zu Werten von 10, 50 und 100. Er war kein Hasardeur, der einkalkulierte Verlust würde nicht wehtun.
Erst schlenderte er gelangweilt durch den Saal, blieb vor dem Black-Jack-Tisch stehen, dann beobachtete er gespannt die Roulettetische des kleinen Spiels. Noch war er unschlüssig, setzte sich an die Bar, bestellte einen Orangensaft, seine Augen wanderten dabei aufmerksam zwischen den beiden Tischen des großen Spiels hin und her. Schließlich streckte er sich, bezahlte, sah sich noch einmal im Saal um, nickte einigen flüchtigen Bekannten freundlich zu und ging zielstrebig zum rechten Tisch. Er setzte sich auf den freien Platz links neben dem Croupier und bat ihn, zwei Jetons auf die 13 zu setzen. „Rien ne vas plus“, ertönte es, die Schüssel kam langsam zum Stehen, die Kugel blieb wahrhaftig auf der 13 liegen. Der gut gekleidete Mann bat, seinen Gewinn stehenzulassen, legte fünf Jetons auf den Tisch. „Für die Angestellten“, lächelte er gelassen. Schnell waren sie weggeharkt, verschwanden im Schlitz für die Trinkgelder.
Das neue Spiel war schon gesetzt. „Rien ne vas plus!“ Das Karussell drehte sich, die Kugel hatte noch kein Ziel. Aufrecht, mit kalter Ruhe saß der Mann auf dem Stuhl, die einzelne Schweißperle bahnte sich ihren Weg von der Stirn zum linken Auge. Er beachtete sie nicht, starrte wie gebannt auf die Rouletteschüssel, die Gedanken konzentrierten sich auf die 13, und wirklich, die Kugel blieb noch einmal auf der Zahl liegen. Er hatte es gewusst, heute war sein großer Tag.
Ein ungläubiges Raunen erhob sich am Tisch. Er ließ sich den Gewinn auszahlen, zählte zehn Jetons ab. „Für die Angestellten“, bedankte er sich.
Der Mann hatte sich kaum erhoben, als ein befrackter Herr, Beauftragter der Spielbank, vor ihm stand.
„Ich helfe Ihnen“, sagte er, hielt dem Mann das Tablett für die gewonnenen Jetons hin, dann begleitete er ihn zur Kasse.
„Möchten Sie einen Scheck oder lieber Bargeld?“, fragte der Kassierer und begann die Jetons zu zählen.
„Wenn Sie mir eine Tasche überlassen könnten, würde ich heute einmal Bargeld vorziehen“, lächelte der Mann.
„Ihre Jetons haben den Gegenwert von 244.000 Mark.“ Der Kassierer schrieb die Anweisung. „Folgen Sie bitte dem Herrn ins Büro, dort wird alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigt“, sagte er und schob die Anweisung durch das Kassenfach.
Fünfzehn Minuten später verließ der gut gekleidete Mann mit einer unauffälligen, ledernen Aktentasche in der linken Hand die Spielbank und kletterte in das vom Haus bestellte Taxi.
Nach einer halben Stunde stummer Fahrt hatte er das Ziel erreicht, ließ den Wagen aber einige Ecken früher halten und ging den Rest des Weges zum Haus seiner Freundin zu Fuß.
Helgas ewige Vorwürfe kann ich heute überhaupt nicht vertragen. Den Rest der Nacht will ich genießen, dachte er, schloss die Wohnungstür leise auf, horchte im Flur angestrengt nach Geräuschen, die ihm verraten könnten, ob seine Freundin und seine Tochter noch wach wären. Doch alles blieb still. Er ging in die Küche, zog eine Plastiktüte aus der Schublade, entnahm der Aktentasche das Geld, wickelte es in die Tüte, legte sie zurück in den Tiefkühlschrank zu den anderen eingefrorenen Lebensmitteln.
