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Willen Granna wird durch eine unbekannte Kraft auf die Bühne des Marionettentheaters gezogen, findet sich in den Gedanken des alten Soldaten Josef wieder und muss im Glasbergstück seine Rolle spielen. Das ersten Spiel stürzt ihn ins Elend, doch als das zweite beginnt, verbündet sich Granna mit den Gedanken der Puppe Josef und verspricht ihr, dafür zu sorgen, dass sich die Verhältnisse bald ändern werden, schafft es, die Gedanken seiner Freunde zu sich auf die Bühne zu ziehen und mit ihrer Hilfe die Revolution anzuzetteln. Wird es Willem Granna gelingen, sich aus Josefs Gedanken zu lösen und in seine eigenen zurückzukehren? Ich danke der von mir sehr geschätzten Autorin Viveka für ihre konstruktive Kritik bei der Entstehung dieser Fassung.
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Wilfred Gerber
Theater! Ende! Vorhang!
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Ende! Vorhang!
Impressum neobooks
Willem Granna saß in der dritten Reihe. Er wartete gemeinsam mit den Kindern, den geduldigen Müttern und den gequälten Vätern auf den Beginn des Spiels.
Seit frühester Kindheit hatte er sich nicht der Faszination der in wundersames Licht getauchten kleinen Bühne entziehen können. Im Augenblick vergaß er alles um sich herum und stand im Bann des magischen Orts da vorne. Der dritte Gong war gerade verklungen. Der rote, samtene Vorhang ruckte und gab den Blick auf die bis ins kleinste Detail gemalten Kulissen frei. Zur linken Seite begann der gespenstische Tannenwald, der nicht enden wollte. Der hohe, glänzende Berg beherrschte die rechte, die Mitte der sonnenbeschienene Sandplatz. Im Hintergrund waren die Silhouetten der Stadt und der über ihr thronenden Königsburg zu erahnen. Die leichte, einnehmende Musik ertönte, die Bühne blieb leer, keine Marionette war zu sehen.
Sie war auch noch verlassen, als sich das Licht veränderte. Es wechselte von strahlendem Weiß zu unheimlichem Rot.
Grannas Augen weiteten sich, es zog ihn fort. Er glaubte, über den Köpfen der Kinder, der Mütter und der Väter frei zu schweben, war sich aber nicht sicher. Das Dunkle, Schwarze, so schwer, als hätte es Form und Dichte angenommen, seinen Flug zu bremsen. Kein Licht drang vor, der Mund war weit geöffnet für den gedachten Schrei, doch blieb er stumm. Was geschieht mit mir? Granna war verwirrt. Ich bin leicht wie eine Feder, der Lufthauch hat die Macht, mich zu treiben wohin er will. Ohne Richtung war das Schweben. Doch dann zog es ihn mit aller Kraft zur Bühne hin. Groß und größer wurde sie. Der Berg stieß an den Himmel. Als die Füße den Boden leicht berührten, spürte er sie nicht, Bewegung war unmöglich. Er wollte, zwang sich. Die Arme hingen bleiern in den Schultern.
Die Füße jetzt fest am Boden, doch fingen die Knie an zu zittern. Willenlos zusammensacken wollte er, doch das Unbekannte hielt ihn fest. Der Mund war weit geöffnet. Der nur gedachte Schrei verhallte dumpf im Kopf, doch ließ er ihn gleich wieder sehen, verschwommen zwar, doch reichte es, um Nahes zu erkennen. Der Berg ist mein Schicksal! schoss es ihm durch die Gedanken. Was soll das? Ich bin nicht hier! verwarf er gleich die Drohung. Ich sitze unter all den anderen, schlafe, träume nur. Nichts davon ist wahr. Erwache ich, löst sich der Albtraum auf.
Der Ruck ging durch den Körper. Die Arme hoben sich von Zauberhand, die Beine machten die ersten leichten Schritte. Ich bin nicht hier, es ist der Traum, aus dem ich gleich erwache.
Verzweiflung trieb ihn, dem Unbekannten zu trotzen, doch Granna half kein Wollen. Das andere war stark, ließ keine Wahl. Die eben noch gelebte Gegenwart verlor im Augenblick den Sinn, doch schufen die Gedanken gleich den neuen.
Sollte er sich fügen? Es hinnehmen, warten? Nein, mein freier Wille wird mich retten! machte er sich Mut.
Der Wald kam immer näher. Der letzte Ausweg seines Ichs, sich mit der Puppe zu verbinden, war gleich missglückt, durch langes Schweigen. Die Schlachten, das Morden, Hauen, Stechen waren vergessen, vorbei, für den Soldaten, auch für Granna, gefangen in Gedanken, noch vor dem Anfang längst zu Ende und begraben. Sein Ich vermochte nicht im Jetzt, mit dem der Puppe eins zu werden, doch ging es schon in ihrem Kopf gefährlich krumme Wege durch die Zeit.
Der Trampelpfad lenkte die schwebenden Schritte mitten hinein in den düsteren Tannenwald. Grannas Wehren war vergeblich. Er hörte die fremde Stimme singen: „All das Kämpfen ist zu Ende, frank und frei ist mir die Welt, ich will wandern durch die Auen, ich bin frei und habe Geld.“ Sie verstummte.
Der Wald begann zu rauschen. Die Wipfel der Tannen schlugen wild und stark zusammen. Der gewaltige Sturm brach die Stämme mit schwachen Wurzeln ohne Halt und Kraft. Dann war er vorbei, alles ruhig, als hätte er nie getobt.
Was machen sie mit mir? Die Stille wurde zur Bedrohung. Ich bin kein Steppenwolf, und das ist nicht das Magische Theater. Der Traum ist aus. Jetzt schnell erwacht! befahl er sich.
Die Beine liefen immer weiter in den Wald, hin zu der alten Hökerin. Bewegungslos unter dem gestürzten Baum mitten auf dem Weg schrie sie jämmerlich um Hilfe.
Er zögerte keinen Augenblick, zweifelte nicht, weder als Soldat noch als Willem Granna. Schnell waren der starke Ast in der Hand und der Stamm gehebelt. Die Alte, von der drückenden Last befreit, kroch langsam unter ihr hervor. „Wartet, ich helfe Euch auf!“, hörte er die Stimme aus dem Mund der Puppe. Er beugte sich zur Hökerin, zog sie mit fremden Händen auf die Beine.
Jetzt würde alles gut werden, hoffte Granna. Sie endlich Klarheit schaffen, ihn aus dem Spiel entlassen. Er gehörte nicht hierher. Nein, sein Platz war draußen vor der Bühne bei den anderen.
„Ich danke Euch, Herr Soldat.“ Die alte Frau stand wieder auf den Beinen. „Ohne Euch wäre es mir schlecht ergangen, denn auf diesem Weg habe ich in all der Zeit außer Euch noch keinen anderen Menschen getroffen. Jämmerlich wäre ich zu Tode gekommen. Wenn Ihr mir noch helft, Herr Soldat, meine Habe in die Kiepe zu laden, werde ich Euch fürstlich belohnen.“
„Lasst gut sein, liebe Frau, auch ohne Lohn bin ich Euch gern behilflich.“ Seine Ratlosigkeit konnte Granna nicht vor ihr verbergen. „Doch sagt, wen seht Ihr in mir? Ich sollte nicht auf dieser Bühne sein.“
„Was redet Ihr für sonderbares Zeug. Ihr ward zur rechten Zeit am rechten Ort, mein tapferer Retter.“ Sie beugte sich mühsam, suchte auf zitternden Beinen die weit verstreuten Hökerwaren zusammen und stapelte sie bedächtig in die mannshohe Kiepe. Ihre argwöhnischen Blicke streiften dabei immer wieder den merkwürdigen Soldaten. Hat er im letzten Krieg zu viel auf seinen Kopf bekommen und muss jetzt so seltsam reden? fragte sich die Alte. Was soll´s, wer weiß, was ohne ihn aus mir geworden wäre.
„Setzt Euch nur auf den Baumstamm, gute Frau, ruht Euch aus, ich lade den Rest in Eure Kiepe.“
Die fremde Stimme aus dem Mund des Soldaten, hörte Willem Granna verwundert, klang nach der kurzen Zeit auf der Bühne fast schon wie seine eigene. Das kann ja heiter werden. Aber noch sind es meine Gedanken. Ich bin frei, Herr meiner selbst. Solange ich kann, werde ich mich gegen alles wehren, das droht, mich zu beherrschen.
Das Abbild ließ ihn erstarren. Das fremde Gesicht mit dem hohen Soldatenhut auf dem Kopf erschreckte ihn, dass der Spiegel, den er in die Kiepe der Alten legen wollte, ihm beinahe aus der zitternden Hand geglitten wäre.
„Was habt Ihr nur? Die ganze Zeit benehmt Ihr Euch schon seltsam. Das da im Spiegel ist Euer Gesicht, doch eine gründliche Rasur könnte es wohl vertragen. Eure Wangen sind eingefallen, als hättet Ihr lange keine gute Mahlzeit mehr genossen. Kommt her zu mir, hier ist genau das Richtige für Euch.“ Sie zog aus dem Seitenfach der Kiepe das weiße Tuch und hielt es dem alten Soldaten hin. „Das ist Euer Lohn“, sagte sie leise. Ihr freundliches Lächeln erwärmte Grannas Herz. „Haltet es in Ehren. Jedes Mal, wenn Ihr es aufschlagt, wird es sich decken wie von Zauberhand. Nie mehr müsst Ihr hungern oder dursten.“
Granna, in der Rolle des alten Soldaten, wollte gerade seinen ungläubigen Dank murmeln, da war die Alte auf einem Schlag verschwunden, vom Erdboden verschluckt, mitsamt der Kiepe und den eben noch im weiten Kreis verstreuten Waren. Nur der gestürzte Baum mitten auf dem Weg blieb als Beweis, dass es kein Bühnentraum gewesen war. Warum bin ich im Spiel? Ich will zurück in meinen Kopf! Granna stutzte. Was war das? Mein Wille hat die Beine angehoben. Ja, ich habe sie bewegt. Die Freude währte kurz. Der gewaltige Ruck schüttelte den Körper. Er musste springen, springen, immer weiter springen.
„In diesem Spiel bist du Josef!“ Nur einen flüchtigen Moment hallten die Worte in seinen Gedanken wider.
Der Mund öffnete sich, das Lied wollte gesungen sein. Erst wehrte sich Granna, doch sah er schnell die Vergeblichkeit seines Widerstandes ein. Wenn ich es nicht verhindern kann, gab er sich geschlagen, soll diesmal wenigstens ein Wort von mir dabei sein! befahl er den Gedanken. „All das Kämpfen ist zu Ende. Frank und frei ist mir die Welt. Ich muss wandern durch die Auen. Ich bin frei und hab noch Geld.“ Das habe ich gesungen, dieses -muss- ist von mir, auch das –noch- vor dem Geld, freute er sich. Mein freier Wille ist stark, dass ich mit ihm das Spiel zum guten Ende führen kann, um wieder frank und frei zu werden, wie der alte Soldat so schön singt. Die Gedanken gehören mir. Mit ihnen müsste es doch gelingen, diesen Körper zu meinem eigenen zu machen? Dann ist nicht alles verloren. Wird in der Puppenwelt nach meiner Meinung, meinem Können verlangt, in gewissen Grenzen, versteht sich, kann das Stück nur gewinnen, schauspielerisch und strukturell. Ich bin weder ein schlechter Darsteller noch ein mittelmäßiger Dramaturg! sagten sich Willem Grannas Gedanken, wehrten sich nicht mehr gegen das Unbekannte. Fröhlich sprang er mit großen Schritten, die Sonne war endlich durch die Tannen gedrungen, auf dem schmalen Weg hin zur kleinen Lichtung. Der Bauernjunge im hohen Gras, den Kopf auf dem prächtigen Sattel gebettet, einen Grashalm im Mund, stahl dem lieben Gott in beneidenswerter Gelassenheit den lieben langen Tag.
„Einen guten Morgen wünsche ich dem jungen Herrn!“, rief Granna, als alter Soldat, ihm fröhlich zu. Seine neue Einstellung zur gegenwärtigen Situation im Kopf der Marionette machte es für ihn leichter, weiterzuspielen. Kaum spürte er die Schnüre, obwohl sie ihn immer noch behutsam führten.
„Ja, ja, auch einen schönen Tag“, grummelte der Bursche, wollte er nicht gestört werden. Schon gar nicht von einem dahergelaufenen, alten Soldaten. Er löste den Blick nicht von den Wolken, den wunderschönen Wolken, den Wolken, die vorüberzogen.
„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte Granna ganz im Spiel.
„Tu das, wenn du es nicht lassen kannst. Platz ist hier genug. Er sollte für uns beide reichen“, gab der Bursche zurück, immer noch im Bann der Wolken.
Ich glaube, mich zu erinnern, ja, ich weiß, welches Märchen hier gegeben wird. Granna beobachtete unablässig den Bauernburschen, der sich bei der Schlemmerei nicht stören ließ. Voller Gier alles in sich hineinstopfte, mit allen Sinnen das opulente Mahl genoss. Er wollte lange nicht glauben, dass die herrlichen Speisen, den köstlichen Wein das einfache Tischtuch aus dem Nichts hervorgezaubert hatte.
Das Märchen will mir den Schwarzen Peter zuspielen. Ich soll ohne Skrupel den armen Tropf um seinen Sattel bringen, weil mich vielleicht ein großes Ziel erwartet? zweifelte Granna. Der Zweck heiligt die Mittel. Ich bin der Klügere, werde gewinnen, bleibe ruhig und verrate mich nicht vor der Zeit. Ich darf nicht wissen, dass der Sattel fliegen kann, muss, will ich aus dem Spiel unbeschadet herauskommen, ihn mir ergaunern. Brauche ich den Wundersattel nach vollendeter Tat nicht mehr, gebe ich ihn dem Bauerntölpel zurück, beruhigte er sein Gewissen, wartete gespannt auf die günstige Gelegenheit für den Raub. Es dauerte nicht lange. „Wir haben miteinander fürstlich gespeist, kennen aber nicht unsere Namen. Ich heiße Marius“, stellte sich der Bauernbursche vor. „Das Haus meiner Eltern steht im Weiler Klein-Heide hier ganz in der Nähe“, der donnernde Rülpser beendete abrupt die Vorstellung.
„Mein Name ist Josef“, hörte sich Granna sprechen. „Es hat mich gefreut, dich hier getroffen zu haben.“
Aus heiterem Himmel strafften sich die Schnüre. Dann ging alles ganz schnell. Der Bauernbursche hatte Gefallen am Tischtuch gefunden, bot Josef den Tausch an, denn er wollte seinen fliegenden Sattel liebend gern gegen das immer gedeckte Wundertuch hergeben. Auf den Probeflug bestand Granna. Als er sich frei wie der Vogel in die Luft erhob, war der vereinbarte Tausch vergessen. Er verschwand mit Sattel und Tuch auf Nimmerwiedersehen. Die wütenden Schreie Marius´ verklangen in der luftigen Höhe. Ohne Reue sah Granna mit den Augen des alten Soldaten geradeaus, nach vorn gerichtet waren sie, dem nächsten Ziel entgegen.
Es ist nur für das Spiel, sagte er sich. Bin ich erst halber König, wird es mir an nichts mangeln. Dann will und werde ich dem armen Trottel das Tischtuch zurückgeben. Er wollte im Augenblick glauben, dass er seinen Vorsatz wahr machen würde, wehrte sich nicht, als das Spiel mit rasantem Tempo voranschritt, der Lösung näher kam.
Auf der anderen Bühnenseite hatte sich Granna oft und mit großer Freude der Schauspielerei hingegeben. Dann verschmolz sein Wesen mit dem der Rolle so stark, dass er in ihr lebte und handelte. Die Wirklichkeit außerhalb der Bühne verlor, wie jetzt, für ihn die Bedeutung. Er sei der alte Soldat Josef, in Ehren, mit dem ihm zustehenden Sold versehen, aus der kämpfenden Truppe entlassen, gerade auf der Wanderschaft zum neuen Zuhause, das er irgendwo, irgendwann zu finden hoffte, redete sich Willem Granna ein. Nur so würde es ihm gelingen, die Rolle im Glasberg glaubhaft zu spielen und in der vorgegebenen Zeit zu beenden, um seine Gedanken aus Josefs Kopf zu lösen. Ich muss zurück in die Stadt, sagte er sich, nur dort kann sich das Schicksal erfüllen. Immer höher flog der Sattel. Er lenkte ihn mit leichtem Druck der Schenkel, dass bald die Zinnen der Mauern in Sicht kamen. Er landete, versteckt vor den aufmerksamen Blicken der Wachen, hinter dem dichten Gebüsch am Straßenrand. Er vergewisserte sich, dass ihn niemand gesehen hatte, schulterte den Sattel, durchschritt unbehelligt das Südtor.
Die Kulisse auf der Bühne drehte sich im Halbkreis, gab das Innere der Stadt frei. Im neuen Raum bewegte sich Granna als alter Soldat Josef sicher und selbstverständlich wie der Fisch im Wasser. Aus seinen Erinnerungen wusste er, dazu brauchte er kein Textbuch, was von ihm jetzt erwartet wurde. Er sah die Sinnlosigkeit jeder Abwehr endgültig ein, spielte die Rolle mit seinem ganzen Können und allen auf den unterschiedlichsten Bühnen erworbenen Erfahrungen. Trotzdem quälten ihn von Zeit zu Zeit die eigenen Gedanken, zwickten das Gewissen. Diese Märchen sind doch alle gleich, sagte er sich auf dem Weg zum Marktplatz. Nur dort würde er erfahren, wie das Spiel weiter voranzutreiben wäre. Doch diesmal sollte der Held nicht für Güte und Hilfsbereitschaft belohnt, sondern für seine Kälte und gnadenlose Verschlagenheit bestraft werden! beschlich ihn die verhängnisvolle Ahnung. Na, dann! wehrte er sie ab, lege ich die Rolle auch so an, dass alle Facetten des Charakters klar und deutlich zu erkennen sind. Schauspielkunst ist gefordert, Moral nicht gefragt.
Er kam gerade richtig. Die Menschenmenge hatte sich auf dem Marktplatz um den Herold des Königs versammelt, hörte gebannt zu, als er das letzte Versprechen des alten, gebrochenen Königs verlas. „Hört alle her, der König verkündet: An mein liebes Volk, ich schwöre hoch und heilig und bei meiner Ehre als regierender Monarch jedem Mann, sei er Ritter oder Bettler, der die Königstochter vom Glasberg befreit, die Ehe mit ihr und mein halbes Königreich dazu. Das beeide ich feierlich bei Gott, dem Allhöchsten. König Alfons der II. von Hildburghausen und Ibisstein.“
Der Herold verstummte, als ihn Granna durch den Mund der Puppe fragte. „Sag, wackerer Mann, wie viele haben es denn schon versucht?“
„Ach, frag lieber nicht“, erwiderte er, zuckte traurig mit den schmächtigen Schultern. „Es waren viel zu viele, stürzten alle ab. Die Gräber kannst du am Fuß des Glasberges bewundern. Die Blüte unserer Jugend ist dahin. Raten will ich dir, Soldat, versuche es nicht, es wäre dein sicherer Tod.“
„Das lass nur meine Sorge sein!“, rief Granna mit Josefs Stimme, die jetzt schon wie seine eigene klang. Die Schnüre, die ihn sanft führten, spürte er immer weniger. Er fühlte sich frei, füllte die Rolle ganz aus, ja, er hatte begonnen, in ihr zu leben. Josefs Körper war ihm wie sein eigener geworden. Doch wenn Granna zu stark vom Text abwich, rief der plötzliche Ruck zur Ordnung und ließ ihn an die Wirklichkeit da draußen denken. Trotzdem lebte er jetzt in der Bühnenrealität, in seinem anderen, gespaltenen Ich.
Granna rückte den Soldatentornister mit schnellen Händen zurecht, schulterte den Sattel, machte auf dem Absatz kehrt, verließ gutgelaunt die Stadt, denn es hatte gerade Mittag geschlagen. Den mageren Sold, Lohn für all die Schlachten, wollte er nicht im Wirtshaus lassen, wer weiß wofür er ihn noch brauchte. Er hatte das Tischtuch der Alten, das auf jeden Fall ein besseres Mahl versprach, als eines, das man ihm in den billigen Schänken für teures Geld vorsetzen würde.
Das Südtor war schnell passiert, die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, es blies ein laues Lüftchen, als er den hellen Bach am Fuß des Glasberges erreichte. Dort, unter der alten Weide war der richtige Platz, der kühlen Schatten versprach. Willem Granna zögerte nicht, setzte sich an das rechte Ufer, zog mit breitem Grinsen das Tischtuch aus dem Tornister, entfaltete es im hohen Bogen, schon standen die herrlichsten Speisen vor ihm. Sie dufteten unwiderstehlich, dass ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Der Wein war nicht zu verachten, wusste er noch vom Morgen, als er gemeinsam mit Marius, dem dummen Tropf von Bauernburschen, auf der Lichtung des dichten Tannenwaldes vor all den Herrlichkeiten gesessen hatte. Wie mag es ihm jetzt gehen, ohne Sattel? Ach, was soll´s! Wenn ich hier fertig bin, bekommt er das Tuch oder den Sattel zurück, ganz wie er will, wollte Granna sein Gewissen beruhigen. Weil er sich bei Marius aus gutem Grund beim Essen stark zurückgehalten hatte, hätte doch ein voller Bauch aus ihm keinen guten Dieb gemacht, biss er voll Wonne in den knusprigen Hühnerschenkel, dass der Saft aus den Mundwinkeln tropfte. Den Wein dazu ließ er sich schmecken. Nur die vielen Holzkreuze auf den Gräbern am Fuß des spiegelglatten Berges, von denen er den Blick nicht wenden konnte, trübten sein Wohlbefinden. Die tollkühnen Burschen, getrieben von den Versprechen des Königs, haben sich überschätzt, sind abgestürzt und jämmerlich zu Tode gekommen. Mir kann das nicht widerfahren. Für den Sattel ist der Aufstieg ein Kinderspiel! machte sich Granna Mut. Zum Abschluss des Festmahls griff er nach einem roten Apfel aus dem gut gefüllten Obstkorb. Da soll ich also hoch? grübelte er in der Mittagshitze. Das gute Essen und die drei Gläser Wein hatten ihn schläfrig gemacht, dass sein Blick Löcher in die flirrende Luft starrte. Was hätte ich davon, wenn ich den Aufstieg wagte? Eine ältliche Königstochter müsste ich freien, sie ist schon dreißig Jahren auf dem Berg gefangen, doch ein halbes Königreich ist nicht zu verachten. Das Tischtuch kann mich nähren, der Sattel bringen wohin ich will. Was mir zu meinem Glück fehlt, ist ein gemütliches Heim, ein eigenes Haus. Ein alter Soldat im Ruhestand braucht ein Dach über dem Kopf! grübelte er weiter. Doch wenn ich es recht bedenke, gehört zu einem halben Königreich das entsprechende Schloss. Bei diesen Gedanken fiel ihm nicht auf, dass er kaum mehr in Erwägung zog, dem armen Bauernburschen das Tischtuch oder den ergaunerten Sattel zurückzugeben. Selbst der Wunsch, die Bühne zu verlassen, war inzwischen verblasst. „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“, rief er, endlich zum Entschluss gekommen, faltete das Wundertuch sorgfältig zusammen, bestieg den Sattel und erhob sich in die Luft. Granna sah die Welt unter sich immer kleiner und kleiner werden, doch dann stieß er an die spiegelnde Wand des Glasberges und schreckte aus den Träumereien. Die ausgestreckte Hand griff nach der makellosen Glätte, die so viele vor ihm in den Tod gestürzt hatte. Keine Falte, kein versteckter Absatz zu entdecken, nur abweisender, spiegelnder Glanz. Granna musste weiter nach oben, der Gipfel lockte kalt in der Höhe. Er rüttelte kräftig am Zügel, der Sattel stieg langsam, Zentimeter für Zentimeter. Oft stockte er, stand reglos in der Luft, als müsse er Atem holen, um neue Kraft zu schöpfen. Grannas Blicke glitten über die spiegelnde Glätte. Kein Platz zu finden, auf dem er hätte landen können. Es blieb nur die Wahl zwischen hochsteigen oder stürzen. Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Immer öfter zog er die Zügel. Der Sattel bäumte sich störrisch auf und mühte sich mit letzter Kraft nach oben. Granna spürte zwischen den Schenkeln seine Erschöpfung, denn er zitterte wie Espenlaub. Die Furcht wurde mächtig. Ein Sturz aus dieser Höhe wäre das sichere Ende. Dann war, einem Wunder gleich, der Gipfel erreicht. Die dunklen Mauern umwallten die Burg, kein Mensch war auf den Zinnen. Der Sattel, am Ende aller Kräfte, schlug hart mit seiner Puppenlast zu Boden, rührte sich nicht mehr vom Fleck. „Geschafft! Ich habe es geschafft, das halbe Königreich und die Prinzessin sind mein!“, frohlockte Willem Granna. Er reckte sich, beugte den schmerzenden Rücken. „Viel zu lange hat der Aufstieg gedauert. Josef und ich sind nicht mehr die Jüngsten“, flüsterte er, spähte wachsam in die Runde. Keinen Moment dachte er daran, dass er nicht hierher gehörte, nicht Josef, sondern in seinem Kopf ein anderer, nämlich Willem Granna, war. Aus alter Gewohnheit rief er. „Ich denke, also bin ich!“, und verbannte den Zweifel in die hinterste Ecke der Gedanken des alten Soldaten.
Den vorgeschriebenen Text des Bühnenstückes beachtete er nicht mehr. Er war zum alten Soldaten geworden, der um der Macht willen sein Leben aufs Spiel setzte. Den Willem Granna hatte er fast vergessen. Selbst die andere Sprache und die seltsamen Bewegungen auf der kleinen Bühne waren ihm nicht mehr fremd. Die neuen Gedanken, die er immer häufiger laut aussprach, wie es sich für das Spiel gehörte, hatten den Schrecken verloren. „Dreißig Jahre sind eine lange Zeit“, sagte er laut, dass ihn alle hören konnten. „Was wird inzwischen aus der Königstochter geworden sein? Eine alte Frau?“, befürchtete er. „Aber nun weiter voran!“, rief er voller Zuversicht. „Schließlich warten die Prinzessin und das halbes Königreich samt Schloss auf mich. Die Zeit wird alles richten, man wird sich gewöhnen und in Ruhe lassen“, hoffte er und richtete den Blick auf die Zinnen über dem Burgtor. Irgendetwas hatte sich bewegt, ja, jetzt blinkte der Helm in der gleißenden Sonne. „Einen wunderschönen Tag wünsche ich, von Soldat zu Soldat!“, rief er freundlich nach oben, doch alles blieb still. Trotzdem war Granna sich sicher, dort stand jemand. „Wie jetzt weiter?“, grübelte er laut. „Der Sattel kann mir nicht helfen, so kraftlos wie er da liegt.“ Er zauberte ein selbstbewusstes Lächeln auf Josefs Gesicht, setzte sich auf die Böschung des Grabens. Das Tischtuch war gedeckt, die hochgezogene Brücke auf der anderen Seite immer in seinem Blick.
„Sag mir, wer bist du, Soldat? Und wie gelangtest du hier hoch?“, erschallte es plötzlich. Also doch, es war kein Irrtum, die Wache hatte ihn und sein reich gedecktes Tuch erspäht.
„Kamerad!“, rief Granna nach oben. „Kamerad! Komm doch zu mir herunter. Bei einem guten Essen und einem Glas Wein lässt es sich viel besser reden, also, steig herab! Sei mein Gast!“, winkte er die Wache zu sich. Lange Zeit herrschte nur Stille. Geduld, er wird schon kommen, sagte sich Willem Granna, und richtig, es quietschten die Seile der Zugbrücke in den hölzernen Lagern. Langsam, Stück für Stück, senkte sie sich. Er blieb reglos vor dem gedeckten Tischtuch sitzen, wollte den jungen Burschen nicht vor der Zeit verschrecken. Es war nur wichtig, sein Vertrauen zu gewinnen, um ihn später überwältigen zu können. Im riesigen Brückentor öffnete sich ein kleiner Spalt, aus dem der Kopf des Soldaten neugierig hervorlugte. Jetzt alles richtig machen! Willem Granna rührte sich nicht. Wie eine tönerne Statue saß er vor dem Tuch, wartete, wartete auf den nächsten, den entscheidenden Schritt des Wachsoldaten. Dann war es so weit. Er schlüpfte vorsichtig in voller Rüstung, den Säbel in der rechten Hand, die bedrohliche Hellebarde auf der linken Schulter, durch den Spalt im Tor und blieb verlegen auf seiner Seite der Brücke stehen. Der alte Soldat da draußen war ihm nicht geheuer.
Wieder ließ Granna Zeit verstreichen, bis er schließlich einladend rief. „Nun komm schon, Kamerad! Du musst dich nicht vor mir fürchten. Wir sind doch beide Soldaten. Tun nur unsere Pflicht. Na, komm endlich! Ich will dir nichts Böses. Zier dich nicht wie eine Jungfrau, die Speisen und der Wein warten nur auf dich!“ Die Verlockungen waren zu groß für den einsamen Wachsoldaten. Er löste sich vom Tor, schlich mit kurzen Schritten in Grannas Richtung, auf das mit allen nur erdenklichen Köstlichkeiten gedeckte Tischtuch zu. Immer wieder blieb er stehen, als wolle er sich besinnen. Doch die Entscheidung war längst gefallen. Der Hunger trieb ihn zum merkwürdigen alten Soldaten. Wie hat er es nur auf den Berg geschafft? fragte er sich. Von dem es doch heißt, er wäre unbezwingbar. Ungläubig schüttelte er den Kopf, machte den letzten Schritt, blieb mit einem verlegenen Lächeln vor Granna und dem Tischtuch stehen. Erst jetzt konnte er den jungen Wachsoldaten genauer mustern. Die bohnenlange Gestalt, an der die Uniform schlackerte wie das Kleid einer Vogelscheuche im Sommerwind, stand vor ihm, trat vor Aufregung und Vorfreude von einem Fuß auf den anderen. Das also soll das letzte Hindernis sein, das zwischen mir und dem Inneren der Burg steht. Es wäre doch gelacht, könnte ich es nicht überwinden. Trotzdem ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste! Granna durfte ihn nicht gehen lassen.
„Nun, mein Freund, setz dich, lang kräftig zu, sei mein Gast, bediene dich!“ Grannas ansteckende Freundlichkeit vertrieb die ängstliche Scheu des jungen Burschen. Trotzdem blieb ihm der seltsame, alte Soldat vor dem überreichlich gedeckten Tischtuch unheimlich. Bevor er sich zu Granna setzte, blickte er noch einmal ängstlich zur Burg, aber alles blieb ruhig.
Ich werde verrückt! Willem Grannas Gedanken spalteten sich in diesem Augenblick. Zwei Welten stürmten mit aller Macht auf ihn ein. Weder der einen noch der anderen konnte er sich erwehren.
Der junge Wachsoldat hatte gerade den ersten Bissen heruntergeschluckt, als ihn das verwirrte Gesicht des alten Soldaten erschreckte. „Ist Euch nicht gut, Kamerad? Ihr seht auf einmal totenbleich aus.“
„Nein, nein“, stotterte Granna, die Stimme zitterte. „Es ist alles in Ordnung. Der Aufstieg war wohl zu viel für einen alten Mann. Es ist nichts, nur die Erschöpfung. Iss und trink, mein Freund. Ich muss ein wenig ruhen. Lass dich durch mich nicht stören.“ Der junge Wachsoldat tat, wie ihm geheißen, langte zu, als wäre er am Verhungern.
In Grannas Kopf schimpfte unüberhörbar der alte Soldat Josef. „Ja, ich kann in deinen Gedanken lesen, wie in meinen eigenen. Ich kenne sogar deinen Namen. Nun stell dich nicht so an, Willem Granna, mach den Jungen endlich betrunken, dass er wehrlos wird, und du ihm die Waffen abnehmen kannst. Es wäre sogar ratsam, ihm die Flasche über den Kopf zu ziehen, man kann nie wissen. Wenn du wirklich Mumm hast, stich ihn ab, dann hast du Ruhe und den Rücken frei! Oder ist das Töten nur mein Geschäft?“
„Nein, Josef, du kannst mich zu so einer abscheulichen Tat nicht zwingen. Ich werde mich wehren, lasse das ganze Spiel platzen. Dann müsst ihr sehen, wie ihr ohne mich zurechtkommt. Bei einem Mord mache ich nicht mit!“, empörten sich Grannas Gedanken. Kaum hatte er sie gedacht, ruckten die schon fast vergessenen Schnüre und schleuderten ihn auf Josefs Rücken. Hilflos blieb er im hohen Gras liegen und erstarrte.
„Da ist der gute, alte Kamerad doch tatsächlich eingeschlafen“, flüsterte der junge Wachsoldat und goss sich das nächste Glas Wein ein. „Soll er sich nur ausruhen. Das Festmahl kann ich auch allein genießen, dazu brauche ich ihn nicht.“ Bald war er vollgefressen, wie der Hamster im Herbst, selbst der letzte Schluck Wein wollte nicht mehr durch die Kehle fließen. Sein zufriedener Blick blieb kurz an Josef hängen. Noch wusste er nicht, dass Willem Granna in dessen Kopf steckte, als er das halb geleerte Glas zurück auf das Tuch stellte. Granna lag immer noch reglos mit irrem Glanz in Josefs Augen auf dem Rücken. Befehl hin oder her! sagte sich der junge Soldat. Dieses fürstliche Mahl war jede Sünde wert. Dann besann er sich seiner Pflicht, stand mühsam auf, für einen flüchtigen Augenblick dachte er daran, das wundersame Tischtuch einfach mitzunehmen, doch im selben Moment verbot es ihm seine arglose Ehrlichkeit. Auf wackeligen Beinen trat er den Rückweg an. Trotz der ungewohnten Trunkenheit, vergaß er nicht, das Tor hinter sich fest zu verschließen. Danach zog der junge Wachsoldat mit letzter Kraft die Brücke hoch.
„Du hattest deine Chance!“, brüllte in maßloser Wut der alte Soldat in Willem Grannas Gedanken. „Du einfältiger Trottel, nun ist sie ein für alle Mal dahin! Deine seltsame Moral wird uns in große Schwierigkeiten stürzen. So kommst du niemals aus dem Stück heraus. Machst du nicht freiwillig mit, werden die da oben schon dafür sorgen, dass du es zu Ende spielst. Willst du nicht alles versauen, lass dir schleunigst etwas einfallen. Du bist es schließlich, der hier wieder weg will. Also, komm zu dir. Bald kann die Zeit gegen dich sein, außerdem, weißt du nicht, was ich weiß.“
„
