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Sonne, Strand und Meer - So lässt sich ein Auslandsstudium an der Côte d Azur gut aushalten. Doch Isabellas Umzug in den malerischen Süden Frankreichs hat einen traurigen Hintergrund. Als aus heiterem Himmel die Welt auf ihrem geliebten Reiterhof zusammenbricht, flieht sie nach Marseille. Aber auch hier wird sie von ihren alten Sorgen eingeholt und das vermeintliche Urlaubsparadies ist auch nicht das, was es zu sein scheint. Plötzlich wird Isabella in ihrem engsten Umfeld in einen Kriminalfall verwickelt und gerät dabei selbst in Lebensgefahr »Spannend und ergreifend«
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Seitenzahl: 519
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ida Goerdten
Sehnsucht
Roman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
www.medu-verlag.de
Ida Goerdten
Sehnsucht
Roman
© 2025 MEDU Verlag
Schloss Philippseich
D-63303 Dreieich
Telefon: 06103 / 312 54 70
E-Mail: [email protected]
Umschlaggestaltung: im Verlag
Printed in EU
ISBN 978-3-96352-145-4
„Ich bedanke mich bei meiner Familie
für die Unterstützung und bei allen,
die mich ermutigt haben,
immer weiter zu schreiben!“
Kapitel 1
28.06.19
Geistesabwesend öffnete ich die halb kaputte Pforte des Unigebäudes und trat aus dem dunklen Flur hinaus in den hellen Trubel des Innenhofes. Ich streckte mein Gesicht dem blauen Himmel entgegen und nahm einen tiefen Atemzug mediterraner Sommerluft. Mein Blick wendete sich wieder meinem Umfeld zu und meine Augen gewannen an Schärfe. An mir strömten glückliche Studierende vorbei, ein paar Tauben stritten sich um ein altes Brötchen und irgendjemand und beschallte den Campus mit einer ziemlich lauten Musikbox.
„Faut qu’j’quitte la France, elle a fait la petite frange, ouh. C’est la kiffance …”
Ich sah mich um und musste schmunzeln. Es war natürlich mein guter Freund Timon, der seine Box triumphierend in der Mitte des schattigen Hofes platziert hatte.
Um ihn herum standen neugierige Studierende und lauschten dem schallenden Bass. Es waren hauptsächlich junge Frauen. Ich beschloss, die Menschenmenge zu meiden und Timon nur freudig zuzuwinken. Der blonde 1,80-Typ verstand meine zurückhaltende Geste natürlich nicht und rief deshalb meinen Namen in voller Lautstärke über den Innenhof. „Hallo Isi! Komm doch mal rüber!“
Eine Gruppe dunkelhaariger Mädchen drehte sich verwirrt nach mir um. Ich wurde rot und machte eine abwinkende Handbewegung. Die verstand Timon natürlich genauso wenig und so blieb mir nichts anderes übrig, als doch an der Versammlung teilzunehmen.
„Hey Timon, du bist ja schon mächtig am Feiern“, begrüßte ich ihn.
„Vorglühen quasi“, sagte er mit seinem starken französischen Akzent und grinste mich an.
„Du kommst doch heute Abend zu Laslo, oder?“
In meinem Kopf ratterte es einen kurzen Augenblick, doch dann fiel es mir wieder ein. Die erste große Party der Semesterferien stand an. Den Gastgeber kannte ich nicht, aber er hatte zu Ehren seines Geburtstages die halbe Studierendenschaft eingeladen. Und obwohl ich wirklich wenig Lust auf eine Studentenparty hatte, musste ich mich wohl oder übel blicken lassen.
„Timmi, pourrais-je changer le titre, s‘îl te plait?“ Eine der Frauen schien eifersüchtig auf das Gespräch zwischen mir und Timon zu sein und rang um seine Aufmerksamkeit, indem sie sich zwischen uns beide stellte.
„Oui, bien sûr“, versicherte er ihr. Gleichzeitig machte er mir durch Handzeichen deutlich, dass es besser wäre, sich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher zu unterhalten.
„Na gut, dann bis heute Abend“, sagte ich schulterzuckend und schlurfte in Richtung Ausgang. Kaum hatte ich das große Eingangstor des dunklen Hofes hinter mir gelassen, erinnerte mich die brennende Sonne auf der offenen Straße aufs Neue daran, was für ein herrlich heißer Tag heute war. Ich beschloss, nicht sofort zu meiner Wohnung aufzubrechen. Stattdessen wollte ich mit dem Bus zum alten Hafen zu fahren und mich dort ein wenig ans Wasser setzen.
Der Campus von Marseille lag etwas außerhalb, und um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Vieux Port zu kommen, brauchte man etwa zwanzig Minuten.
Kaum war ich an der Haltestelle angekommen, fuhr auch schon die B1 ein. Der Bus war zu meinem Glück nicht sonderlich voll und so ergatterte ich einen Platz an einem der verschmierten Busfenster. Während mir die übertrieben kalte Klimaanlagenluft ins Gesicht pustete, schaute ich nachdenklich aus dem Fenster. Das zweite Semester war nicht weniger vielseitig als das erste gewesen, jedoch empfand ich es als anspruchsvoller und Spaß hatte ich auch nicht gehabt. Umso besser fühlte es sich an, dass all der Stress bald vorbei sein und sich dann hoffentlich so etwas wie eine innere Ruhe einstellen würde. Sommer, Sonne, Salzwasser.
Nach sehr kurvigen 20 Minuten hielt der Bus in der Nähe des Hafens. Ich hüpfte zügig hinaus und begab mich erneut in die stehende Hitze. Dann schlängelte ich mich durch die vollen Straßen, vorbei an Obstverkäufern, Touristen und Bettlern. Am Hafenvorplatz angekommen, wehte mir sofort ein angenehm warmer Sommerwind entgegen. Hier tummelten sich noch mehr Menschen, denn es war Hochsaison und der Fischgeruch lockte zahlreiche Touristen zu den aufgebauten Ständen. Es wurden neben Fisch auch noch Obst, Seife und natürlich Souvenirs verkauft.
Abseits der Stände hatten es sich ein paar schwarze Frauen mit Rasterlocken unter der großen, verspiegelten Überdachung des Platzes bequem gemacht. Bei ihnen konnte man sich die Haare flechten oder die Hände bemalen lassen. Als sie mich kommen sahen, riefen sie mir lautstark zu: „Mademoiselle, mademoiselle! Belles tresses á un bon prix!“ Aufgrund meiner in Marseille selten gesehenen hellen Haarfarbe hielten sie mich wahrscheinlich für eine Touristin. Ich ignorierte sie, zwängte mich durch die Menschenmassen hindurch und nach einiger Zeit hatte ich die Hafenpromenade erreicht. Zwischen den vielen Booten spiegelte sich die Sonne wie ein goldenes Tuch auf der öligen Wasseroberfläche. Als ich das Wasser so funkeln sah, wurde ich plötzlich ganz aufgeregt.
Ich war ewig nicht mehr hier gewesen, und das, obwohl ich das Meer liebte. Es war mit ein Grund, warum ich hier war. In Marseille. Bei dem ganzen Uni-Stress in den letzten Wochen hatte ich es jedoch vernachlässigt wie einen alten Freund, bei dem man nur noch ab und an mit Herzaugen-Emojis auf seine Instagram-Story reagierte, anstatt ihn einfach mal anzurufen.
Ich holte tief Luft und sofort strömte der kühle Hauch des Meeres in meine Lungenflügel. Hatte man in der Stadt das Gefühl, von der Hitze erschlagen zu werden, war es hier, direkt am Wasser, angenehm windig und klar.
Gedankenverloren lief ich den Kai entlang und ließ den immerzu empörten Wind meine blonden Haare herumwirbeln. Bald schon standen sie in alle möglichen Richtungen ab, aber das war mir egal. Ich setzte einfach nur einen Fuß vor den anderen, spürte den Wind, fühlte das Brennen der Sonne und roch das Salz. Wenig später fand ich mich bei den „Terrasses du Port“ wieder. Der neumodisch gestaltete Platz erstreckte sich hinter der Hafeneinmündung und man hatte freie Sicht auf die scheinbar unendliche Weite des Mittelmeers. Hier war es noch windiger als am alten Hafen, und ich entschied, dass es jetzt wirklich Zeit für ein Zopfgummi war.
Nachdem ich meine durchwirbelte Wallemähne gebändigt hatte, setzte ich mich auf die heißen Steine und schaute verträumt den Wasserfahrzeugen beim Einfahren in die Hafeneinmündung zu. Hauptsächlich waren es kleine und mittelgroße Motorboote. Besonders stachen mir jedoch die hübschen Segelschiffchen ins Auge, die mit ihren bunten Segeln ein farbenfrohes Bild abgaben. Das Meer hier draußen war wild und aufbrausend und klatschte mit einer unentwegten Empörung gegen die Felsen des Festlandes, auf welche ich mich gesetzt hatte. Die Gischt spritzte auf meine Stoffhose, doch es tat gut, nass zu sein.
Eine Fähre fuhr mit einem lauten „Tuut“ in den Hafen ein. Gut gelaunte Urlauber mit Sonnenbrillen standen am Deck und strahlten mit der Sonne um die Wette.
Sie kamen wahrscheinlich von den Frioul-Inseln. Diese Inselgruppe befand sich unmittelbar hinter der Bootskolonne und war das Einzige, was die optische Grenzenlosigkeit des Meeres unterbrach.
Auf den felsigen Klippen der Inseln konnte man herrlich wandern, und auf einer besonders kleinen befand sich sogar ein gut erhaltenes Schloss. Dass es sich hierbei um ein ehemaliges Gefängnis handelte, entromantisierte seine Existenz zwar etwas, beeindruckend sah es aber trotzdem aus.
Ich dachte daran, wie ich vor einem knappen Jahr das erste Mal zu dem Schloss und der Festungsruine gefahren war. Damals hatte alles wie ein Paradies für mich ausgesehen und ich hatte auf einer dieser Fähren gestanden, die jetzt hupend in den Hafen einfuhren. Zu genau erinnerte ich mich daran, wie glücklich ich gewesen war, hier zu sein. Doch auch das größte Glück konnte die dunklen Flecken nicht kaschieren, und so war sein Strahlen nach und nach verblasst wie mein Lieblingskleid von Pimkie.
„Hey, na?“ Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Hastig drehte ich mich um und verlor dabei fast mein Gleichgewicht. Ich schaute zu der Person auf, die mich angesprochen hatte, erkannte sie jedoch nicht sofort. Meine Augen mussten sich erst an den Schatten gewöhnen. Ich nahm mir vor, nicht mehr ohne Sonnenbrille in die pralle Sonne zu schauen und wusste zugleich, dass ich es nicht einhalten würde.
„Hi“, sagte ich und ignorierte, dass ich nicht zuordnen konnte, wer da vor mir stand. Langsam bekam die schattige Person wieder Farbe und entpuppte sich als junger Mann. Er lachte und setzte sich neben mich. Endlich erkannte ich ihn. Es war mein Kommilitone Enzo. Ich hatte mit ihm in der Uni ein paar Kurse zusammen belegt und in einem Fach hatte er sogar neben mir gesessen. Ansonsten war er mir jedoch weitestgehend fremd. Er schien wohl recht beliebt zu sein, was sicherlich nicht zuletzt daran lag, dass er einigermaßen erfolgreich Fußball spielte und objektiv betrachtet ziemlich gut aussah. Er hatte dunkelbraune Locken, einen hellbraunen Teint und braune Augen, die mir nun trotz ihrer beruhigenden Farbe lebendig entgegenblitzten.
„Du bist Isabella, oder?“, fragte er und musterte mich dabei interessiert.
„Ja, wir haben in französischer Kulturgeschichte nebeneinander gesessen“, antwortete ich und merkte, wie sich meine Nackenhaare sträubten. Schreckliches Fach!
„Ich hab das Fach gehasst“, lachte Enzo, als hätte er meine Gedanken gelesen.
Zustimmend nickte ich und merkte zugleich, dass ich nicht die geringste Lust hatte, mich an diesem sonnigen Tag über die Uni zu unterhalten. Stumm wandte ich mich daher von ihm ab und starrte auf die tanzenden Wellen.
„Gehst du heute Abend auch auf die Geburtstagsfeier?“, fragte Enzo, der anscheinend meine abweisende Haltung nicht bemerkt hatte. „Die von Laslo meine ich“, fügte er noch hinzu.
„Ja“, erwiderte ich knapp und wollte das Gespräch an dieser Stelle am liebsten beenden. Ich frage mich, warum diese blöde Party so ein Riesending ist. Kann dieser Laslo nicht einfach mit seinen engsten Freunden feiern?
„Hast du schon ein Geschenk?“, fragte ich Enzo, der nicht aufhörte, mich erwartungsvoll anzustarren.
„Ja, ich schenke ihm einen Jahresvorrat an Seife.“
Ich sah ihn fassungslos an. „Seife?“
Sein erwartungsvoller Blick wurde zu einem Grinsen. „Nee, im Ernst, die ist hier in Marseille wirklich unschlagbar!“ Als bräuchte es noch ein weiteres Argument für seine Geschenkidee, fügte er hinzu: „Außerdem kann jeder Seife gebrauchen. Woran hast du gedacht, Isi?“ Er sprach meinen Spitznamen aus, als seien wir schon jahrelang befreundet, und irgendwie fand ich das befremdlich.
Ja, woran hatte eigentlich ich gedacht? Worüber würde sich ein fremder Partystudent wohl freuen?
„Ich hatte vor, ihm eine Flasche guten Alkohol zu kaufen“, fiel mir spontan ein.
„Ah, sehr originell“, sagte Enzo ironisch und zündete sich eine Zigarette an.
„Nicht weniger originell als Seife“, erwiderte ich patzig und wandte meinen Blick erneut den Wellen zu. Schlagartig roch die Luft nicht mehr nach stinkendem Zigarettenrauch, sondern wieder nach frischem Salzwasser. Ach ja, und Zigarettengestank, den kann ich auch nicht ab.
„Auch wieder wahr.“
Dann herrschte zwischen uns wieder eine komische Stille und der eklige Rauch zog in meine Richtung.
„Hinter der Église Saint-Ferréol gibt es ein gutes Geschäft für harten Alkohol. Wenn du willst, zeige ich es dir.“ Enzo lächelte charmant.
„Danke, ich komme schon klar!“ Um das erneute Schweigen zwischen und möglichst kurz zu halten, fügte ich noch hinzu: „Na dann, bis heute Abend, Enzo!“
Eilig richtete ich mich auf und berührte beim Klettern einen besonders heißen Uferstein. Schmerzverzerrt zog ich meine Hand zurück und hievte mich auf den geteerten Untergrund.
„Oh, musst du schon weg?“, fragte Enzo betroffen.
„Ja, ich muss nach Hause. Mich fertig machen für die wilde Fete.“ Ich zwinkerte ihm zu, drehte mich um und tat so, als wüsste ich genau, in welche Richtung ich nun gehen würde.
Hinter mir ertönte noch ein „Bis heute Abend, Isi“, aber das hörte ich schon fast nicht mehr.
Schnell bog ich in die nächste Straßenecke ein. Auf Google Maps suchte ich nach Alkoholgeschäften und sofort wurde mir der Laden vorgeschlagen, von dem auch Enzo geredet hatte.
Das strahlende Wetter verlockte mich dazu, einen Abstecher durch die Paniers, das Altstadtviertel der Stadt, zu machen. Ich überquerte die Terrasses du Port und bog in die Avenue de Saint-Jean ein. Dann schlüpfte ich in die nächstgelegene Seitengasse und schon befand ich mich im ältesten Teil von Marseille. Hier reihten sich mehrstöckige Gebäude aus der griechischen Antike aneinander. Doch von Griechenlandfeeling war trotzdem keine Spur. Graffiti zierte die unteren Partien der Hausfassaden, und zum Aufhübschen der dreckigen Gassen standen Pflanzen auf den heruntergekommenen Fensterbänken. Schaute man nach oben, entdeckte man nicht selten eine von Dach zu Dach gespannte Wäscheleine. Neben den Wohnhäusern dominierten kleine Touristenshops das Bild des Viertels, es roch nach Lavendel und war staubig.
All diese bunten Eindrücke passten so ganz und gar nicht zu dem, was ich unter einem „antiken Griechenlandfeeling“ verstand. Meine französische Mitbewohnerin Leona hatte mir mal erklärt, dass die Paniers bis zu den 2000er-Jahren ein sehr kriminelles Viertel gewesen waren und sich die Stadt große Mühe gegeben hatte, es für Touristen wieder attraktiv zu machen. Mission erfolgreich. Jetzt, zur Hochsaison, quetschten sich Unmengen an Urlaubern verschiedenster Herkunft von Gasse zu Gasse. Es waren sogar so viele, dass der kleine Seifenladen, an dem ich gerade vorbeischlenderte, erst kürzlich expandiert hatte. Seither befand sich ein zweites Geschäft genau zwei Straßen weiter. Beinahe hätte auch ich mich dazu verleiten lassen, in einen besonders hübsch dekorierten Kerzenladen zu stolpern, als ich mich im letzten Moment an meine eigentliche Mission erinnerte. Nämlich Alkohol für die anstehende Party von Laslo zu kaufen. Also ließ ich Kerzenladen Kerzenladen sein und folgte konzentriert den Ansagen der Google-Maps-Frau.
Bei dem Geschäft angekommen kaufte ich eine Flasche Pastis für die Party – im Grunde französischer Ouzo – und eine Flasche Weißwein für mich und meine Mitbewohnerinnen zum Vorglühen. Dann beschloss ich, dass es Zeit für den Heimweg war.
Unsere Wohnung lag etwas vom Stadtzentrum entfernt im fünften Arrondissement, neben einem kleinen Schwimmbad. Zügig lief ich zurück zum Vieux Port, um von dort die Metro zu unserem Viertel zu nehmen.
Um diese Uhrzeit waren die Metros immer besonders voll, sodass „Sardinenbüchse“ wirklich noch eine nette Umschreibung für die zusammengequetschten Menschenmassen in der Linie 2 war.
Ich fuhr fünf Stationen und musste den ganzen Weg über stehen. Es roch nach Schweiß, Sonnencreme und Fertignudeln. Ekelhaft.
Als ich an meiner Metrostation ankam, kämpfte ich mich erneut durch die aussteigende Masse an Personen. Diese Prozedur war anstrengender als gedacht, und ich war sehr froh, als ich endlich vor dem hellgelben Mehrfamilienhaus stand, in dem Leona, Juliana und ich wohnten.
Die Gegend war nicht sonderlich hübsch, dafür aber bezahlbar.
Als ich die Wohnung betrat, waren meine Mitbewohnerinnen bereits ambitioniert dabei, das Abendessen vorzubereiten.
Der Flur roch nach einer würzigen Soße und im Hintergrund lief französisches Fernsehen.
„Hi Isi, da bist du ja endlich!“, begrüßte mich Juliana mit einem Glas Wein in der Hand. In den dunkelbraunen Haaren meiner Mitbewohnerin befanden sich einige Lockenwickler und Julianas Nägel waren in einem auffälligen Rot lackiert.
Juliana ging mit mir zur Uni und ich hatte sie genau wie meine andere Mitbewohnerin bei den Erstsemestertagen kurz vor dem Unistart kennengelernt und war kurz darauf mit ihnen zusammengezogen. Beide waren mir aufgefallen, weil sie Deutsch miteinander gesprochen hatten. Julianas Mutter war Spanierin und ihr Vater Deutscher, doch sie sprach nicht viel über ihre Familie. Auch der Grund, weshalb sie nun in Marseille studierte, blieb im Verborgenen und jedes Mal, wenn ich sie darauf ansprach, versicherte sie mir, dass ihre Herkunft nicht wichtig sei.
Auch meine zweite Mitbewohnerin Leona begrüßte mich freudig und bot mir ein Glas Weißwein an.
Ihre Mutter war Französin und ihr Vater gebürtiger Münchner. Ich fragte mich bis heute, wie es Leonas Mama geschafft hatte, einen Münchner davon zu überzeugen, mit drei Kindern aus Bayern nach Marseille zu ziehen und einen französischen Nachnamen anzunehmen. Jedenfalls hatte es scheinbar geklappt, denn die Familie Diom lebte seit Leonas zehntem Lebensjahr in Marseille. Trotz ihrer Schüchternheit war Leona durch und durch eine waschechte Französin. Im Gegensatz zu mir, die trotz meines Studiums ohne die Funktion des Google-Übersetzers in manch kniffliger Situation gnadenlos aufgeschmissen wäre, sprach Leona, ebenso wie Juliana, fließend Französisch. Sie aß tonnenweise Baguettes und hörte abends französischen Rap und morgens Meditationsmusik. Leona trug ihren dunkelblonden Bob wie immer und ich fand, dass er ihr sehr gut stand.
Ich stellte die Flasche Pastis für Laslo auf dem Küchentisch ab und den Weißwein für die Mädels in den Kühlschrank. Meine gerade erst gekaufte Flasche wurde ja noch nicht gebraucht. Anschließend nahm ich dankend das Glas von Leona entgegen und lugte über ihre Schulter.
Meine Mitbewohnerin rührte emsig in unserem großen Suppentopf herum, in dem eine fleischige Soße vor sich hinkochte. Bolognese, stellte ich zufrieden fest und setzte mich an den Esstisch.
„Glaubt ihr, heute Abend werden viele Leute dort sein?“, fragte Juliana, während sie die Nudeln abgoss.
„Ich denke, der halbe Sprachwissenschaftsfachbereich und ein paar Biologie-Leute werden da sein. Allein in der WhatsApp-Gruppe sind ja schon 60 Leute“, antwortete Leona.
„Denkst du, Pieter kommt auch?“, fragte ich schelmisch grinsend und stach Juliana spielerisch mit meinem Zeigefinger in die Seite.
„Erstens“, begann sie, „heißt er Pierre, und zweitens geht euch das absolut gar nichts an.“
„Du hast einen Crush?“ Leona sah neugierig von ihrem Weinglas auf.
„Neidisch?“, erwiderte Juliana.
Leona hob abwehrend die Hände.
„Ist doch toll!“ Anerkennend wollte ich Juliana auf die Schulter klopfen, doch diese wich zurück.
„Wem soll ich Nudeln auftun?“, fragte sie stattdessen und erhob sich von ihrem Platz.
„Da würde ich nicht ‚Nein‘ sagen“, gestand ich hungrig. Auch Leona nickte heftig und kurz darauf saßen wir kauend vor einer dampfenden Portion Nudeln.
Während des Essens waren jegliche Unterhaltungen zum Erliegen gekommen. Juliana scrollte unentwegt durch ihren Newsfeed auf Social Media und Leona schien vollkommen in ihrer eigenen Welt zu sein. Einzig und allein die dumpfen Klänge des Fernsehers füllten unsere kleine Küche mit etwas, was man als „Vorglühstimmung“ betiteln konnte.
„Jemand noch Wein?“, fragte ich nach einer Weile.
„Sehr gern“, entgegnete Leona, und auch Juliana sah kurz von ihrem Smartphone auf und nickte. Das Geräusch von plätscherndem Wein, welcher in die Gläser fließt, mischte sich mit dem Kratzen der Gabeln und der Stimme von Maître Gims. Das kann ja lustig werden!
„Sag mal, was machst du da eigentlich schon wieder?“, fragte Leona Juliana schließlich.
„Nachrichten lesen“, antwortete diese, ohne von ihrem Smartphone aufzusehen.
„Aha, und was gibt es da?“ Neugierig legte Leona den Kopf schief.
„Die Police Nationale hat einen Bericht veröffentlicht. 250 Polizisten in der Woche überwachsen den Straßenverkehr rund um dieses eine Viertel.“
„Krass!“, entgegnete Leona.
„Wieso das denn?“, musste ich ahnungslos einwerfen.
„Manchmal glaube ich wirklich, dass du erst seit gestern in Marseille lebst“, meckerte Juliana.
„Erklärt es mir doch einfach!“, meinte ich nur ungeduldig.
„La Savine, das 15. Arrondisement, ist das gefährlichste Viertel der Stadt. Es wird hauptsächlich von Migranten bewohnt und als Brennpunktviertel bezeichnet“, erklärte mir Leona und fügte ehrfürchtig hinzu: „Da kommt ohne die Kontrolle der Drogenbosse niemand so einfach rein und wieder raus.“
„Krass, aber dann ist es doch gut, dass das Viertel großräumig bewacht wird“, merkte ich an.
Plötzlich klatschte Juliana in die Hände und stand wie von einer Tarantel gestochen vom Tisch auf.
„Alors, les filles, on y va!”
„Du willst jetzt sofort los?“, fragte Leona skeptisch.
„Aber klar. Ich will auf keinen Fall zu spät sein!“ Juliana tippte auf ihre goldene Armbanduhr aus Falschgold.
Wir entschieden uns einstimmig dafür, dass der Abwasch warten konnte, und fanden uns wenig später im Flur wieder.
Selbstbewusst schlüpfte ich in meine Sneaker, als mir im Flurspiegel auffiel, dass ich mich noch kein bisschen zurechtgemacht hatte. Ich trug weder ein Partyoutfit noch ein Party-Make-up. Von meiner vom Winde verwehten Haarpracht ganz abgesehen. Schnell huschte ich in mein Zimmer, während meine beiden Mitbewohnerinnen konzentriert dabei waren, ihre Sandalen vorsichtig über die durchsichtigen Strumpfhosen zu ziehen. Als ich meine Zimmertür hinter mir schloss, fiel gerade die Abendsonne auf meinen mit Büchern vollgestellten Schreibtisch. Das aufgeschlagene Buch über französische Literaturgeschichte blickte bedrohlich in meine Richtung. Ich hielt einen kurzen Moment inne. Die Klausur war mir nicht gerade leichtgefallen, was nicht zuletzt daran lag, dass ich hauptsächlich alleine gelernt hatte. Mit dem Studium war es nicht anders als mit der Schule; irgendwie ein Einzelkampf. Gut fühlte sich das nicht gerade an.
Lächelnd schaute ich auf die Bilder, welche ich damals beim Einzug als einzige Dekoration über meinen Schreibtisch gehängt hatte.
Die Träne, die nun über meine Wange rollte, holte mich aus meinen Gedanken und erinnerte mich daran, dass ich immer noch ungeschminkt war.
„Isi, wird das noch was, wir wollen los!“, erklang es vorwurfsvoll aus dem Flur. Ich machte mich eilig daran, eine zerrissene Jeans mit einem weißen Top zu kombinieren, huschte ins Bad und tuschte halbherzig meine hellen Wimpern.
Meine Haare kämmte ich gründlich, entschied mich aber wie jedes Mal dazu, sie einfach nur offen zu lassen.
„Da bin ich“, sagte ich, während ich aus dem Bad sprang.
„Das wurde aber auch Zeit“, maulte Juliana.
Auf dem Weg zur Metro öffneten wir eine Flasche Rosé. Die Sonne war nun beinahe vollständig untergegangen und die zurechtgemachten Mädchen, die uns entgegenkamen, kündigten symbolisch das Marseiller Nachtleben an.
Neben der Metrostation versuchte ein Bettler sein Glück. Auf seinem Schild stand, „J‘ai faim“, und er sah wirklich sehr hungrig aus. Seine knochigen Handgelenke umklammerten hilflos das spärliche Pappplakat. Seufzend steckte ich ihm einen Euro zu. Je länger ich in Marseille lebte, desto besser gelang es mir, die vorherrschende Armut zu ignorieren oder zumindest nicht jedes Mal traurig zu werden, wenn ich einem Obdachlosen begegnete.
Routiniert beschlossen wir deshalb, uns die Stimmung nicht verderben zu lassen und stiegen in die Metro ein.
Kaum hatten wir ins auf eine der ranzigen Plastikbänke gesetzt, holte Juliana auch schon ihr Handy aus ihrer Tasche.
„Selfie, Mädels“, verkündete sie euphorisch.
„Juhu!“ Leona machte wie auf Knopfdruck ein Duckface.
„Jetzt schon?“, fragte ich, sichtlich nicht bereit.
„Ja, klar, Isi, meine Follower müssen doch wissen, was ich gerade so mache!“ Eilig tippte Juliana auf die pinke App mit dem weißen Kreis in der Mitte.
Ich lächelte halbherzig, und der starke Filter sorgte dafür, dass es auf dem Bild gar nicht so sehr auffiel.
Nicht real, aber eben schön.
Juliana reichte mir die Flasche Rosé und ich trank motiviert drei große Schlucke.
„Du willst es aber wirklich wissen heute“, witzelte sie und fuhr sich durch ihre zurechtgemachten Haare.
„Ist ja schließlich auch die erste Party der Semesterferien“, sagte ich mehr zu mir selbst als zu den Mädchen.
Als wir an der Endstation der Metro angekommen waren, verlangte unsere Verkehrsapp, dass wir den nächsten Bus nach Estaque nehmen sollten.
„Sagt mal, die Party ist aber ganz schön ab vom Schuss, finde ich“, merkte Leona an, nachdem wir eine Viertelstunde mit dem Bus gefahren waren.
„Ja, im Norden. Liegt da nicht auch dieses gefährliche Viertel aus dem Polizeibericht?“, gab ich zu bedenken.
„Ja, ich habe eben extra noch mal im Internet nachgeschaut“, antwortete Leona.
„Ja, na, dann wird es wohl stimmen“, erwiderte Juliana spöttisch.
„Aber mal ehrlich, hineingehen wollte ich da nicht.“ Leona begann, nervös ihren Nagellack abzukratzen.
„Musst du auch gar nicht, weil die Party nämlich in Estaque stattfindet und nicht in La Savine.“ Juliana schien sichtlich genervt von unseren Bedenken zu sein und scrollte mal wieder auf ihrem Handy herum.
Ich hatte noch nie etwas vom 16. Arrondissement, der Partyadresse, gehört, und schaute auf Google Maps nach dem Viertel Estaque. Juliana hatte Recht. Wenn man im Internet „Estaque Marseille“ eingab, erhielt man folgende Beschreibung: „L‘Estaque ist ein bezaubernder Vororthafen mit dörflichem Ambiente.“ Dazu fand man die passenden Bilder, und tatsächlich sah der Stadtteil auf den Bildern weniger nach Großstadt, sondern mehr nach kleinem Fischerdorf aus.
Ich las den Eintrag den anderen vor und Juliana seufzte. „Na, dann kann unserem Partyabend ja nichts mehr im Wege stehen!“
Als wir bei der Adresse angekommen waren, die in der Einladung stand, dröhnte der Bass der Musik bis auf den Bürgersteig. Wir standen vor einem aus Sandstein bestehenden Mehrfamilienhaus, und als wir durch die offene Tür in den dritten Stock stiegen, kamen uns bereits die ersten Gäste entgegen. Die Tür der WG stand offen, und Leona und Juliana stürzten sofort in den verrauchten Flur, um das Geburtstagskind zu umarmen. Wie hieß er noch gleich?
„Joyeux anniversaire, Laslo!“
Ach ja, genau. Laslo.
Ich übergab ihm den Pastis und er freute sich glücklicherweise sehr darüber. Nachdem er die Flasche auf einem kleinen Geschenketisch abgestellt hatte, folgte ich Leona und Juliana in den Wohnbereich. Distanziert schaute ich mich um.
Jeder Raum dieser aus mehreren Zimmern bestehenden Wohnung war voller Leute, es roch nach Schweiß und Zigarettenqualm und mitten im Türrahmen der Wohnzimmertür blockierte ein wild knutschendes Pärchen den Weg. Ich räusperte mich, doch mein Räuspern ging im Stimmengewirr unter. Erst als Juliana die beiden mit ihren Ellbogen unsanft beiseite drückte, gelang es uns, den Weg in den vollen Raum zu bahnen.
Ist das räudig!
Der Teppichboden des Raumes war übersät mit braunen Flecken, wahrscheinlich Fußabdrücken. Überall standen alte Möbel durcheinander und es war so stickig, dass sich der Zigarettenqualm in der Luft wie ein grauer Schleier über die tanzenden Menschen legte.
„Schau mal, wer da ist.“ Juliana zeigte belustigt auf das Sofa in der Mitte des kleinen Wohnzimmers. Dort saß Timon und neben ihm das Mädchen, das mich heute Mittag so eifersüchtig beäugt hatte.
„Hi Timon, wen hast du denn da aufgegabelt?“, fragte Juliana und ließ sich belustigt auf das Sofa fallen.
„Sie heißt Anna und müsste dir eigentlich schon über den Weg gelaufen sein, Juliana. Sie studiert nämlich das Gleiche wie du, aber na ja, Achtsamkeit war noch nie deine Stärke.“ Timon lächelte charmant und rückte sein perfekt gegeltes, blondes Haar zurecht. Ich fand es nicht verwunderlich, dass Timon regelmäßig die schönsten Mädchen vom Campus anschleppte. Er war ein charismatischer Typ, ebenso bequem wie desinteressiert, was sicher eine gewisse Anziehung mit sich brachte. Leider loderten seine Feuer immer nur kurz, sodass meine Versuche, mich mit seinen Freundinnen näher anzufreunden, kläglich scheiterten.
Anna stellte sich selbstsicher auf Französisch vor und wirkte etwas irritiert, als ihr keiner so recht zuhörte.
„Hey, seht euch das an!“ Juliana zeigte auf eine junge, zurechtgemachte Studentin, deren schillerndes Abendkleid auch durch den Rauchnebel deutlich erkennbar war.
„Mon Dieu, das Kleid hätte ich nicht mal an Karneval angezogen!“ Leona hob ihre Augenbrauen.
„Richtig hässlich.“ Juliana kicherte.
Die Pailletten des Kleides reflektierten die spärliche Deckenbeleuchtung in alle Richtungen des Raumes und zusätzlich hatte die Frau ihre Haare aufwendig toupiert. Sie war noch blonder als ich, was hier in Marseille schon ziemlich auffällig war. Auch ihr bemerkenswertes Make-up ließ sie aus der Masse herausstechen. Selbst Leona und Juliana in ihren engen Kleidern und mit ihren schimmernden Augenlidern konnten mit dem starken Smokey-eyes-Look der anderen Studentin nicht mithalten. Die Frau unterhielt sich lebhaft mit einem jungen Mann und ich fand, dass sie sehr hübsch aussah.
„Das ist doch Rosa, oder nicht?“, fragte Timons Freundin neugierig. Ich hatte keine Ahnung, wer diese Rosa war, und fand Leonas und Julianas Bemerkungen unangebracht. Schließlich hatten auch sie sich für den Abend zurechtgemacht, wenn auch ein wenig dezenter.
„Ja, sie ist bei mir im Tutorium“, erklärte ihr Timon gleichgültig. Ihm war das Outfit dieser Rosa offenbar genauso egal wie mir. Versöhnlich fragte er uns deshalb, ob wir Lust auf einen Joint hätten. Während Leona und Juliana begeistert nickten, entschied ich, dass dies ein guter Moment für einen kleinen Abendspaziergang war.
Ich hielt nicht viel vom Kiffen und hatte noch weniger Lust, auf die belanglosen Gespräche, welche im Rauschzustand der anderen aufkommen würden. Also drängte ich mich durch die überfüllte Wohnung, durch das schäbige Treppenhaus hindurch ins Freie.
Die Luft war noch angenehm warm und die Straßen relativ gut beleuchtet. Im schwarzen Hafenbecken schaukelten die Boote und der Mond spiegelte sich romantisch in den leichten Wellen. Von diesem Stadtteil aus konnte man das Wahrzeichen von Marseille, die Notre Dame de la Garde, sehen. Die entfernten Lichter der Stadt zeichneten sich messerscharf in den schwarzen Tiefen des Wasser ab und von Weitem hörte man den dumpfen Bass der Party. Der Wind hatte deutlich nachgelassen und so wirkte das Meer fast schon wie ein geheimnisvoller Spiegel, welcher den Trubel der Stadt im dunklen Nichts verschwinden ließ.
Gedankenverloren setzte ich einen Fuß vor den anderen und ließ das vergangene Semester Revue passieren. In den nächsten Wochen musste ich noch eine große Hausarbeit schreiben. Einmal noch allen Hirnschmalz zusammenkratzen, den ich habe, dann ist es vorbei.
Ich strukturierte innerlich Tag für Tag bis zum Abgabezeitpunkt und nach einer Weile wandelte sich meine leichte Sorge in Zuversicht. Noch habe ich genug Zeit.
Plötzlich blieb ich stehen.
Während ich gedanklich meinen Lernplan durchgegangen war, hatte ich nicht bemerkt, dass ich mich immer weiter von dem kleinen Hafen des Stadtteils Estaque entfernt hatte. Ich war die ganze Zeit den Straßenlaternen gefolgt, doch zu meiner Rechten befand sich schon lange kein geheimnisvoller Wasserspiegel mehr, dafür aber eine struppige Buschlandschaft.
Selbstbewusst folgte ich dem Verlauf des Bürgersteiges, als hätte ich mich nicht im Weg geirrt. Nach einer Weile erschien vor mir ein halbherzig aufgestellter Bauzaun. Der gut beleuchtete Weg endete an dieser Stelle und schlängelte sich hinter genau diesem Zaun als kleiner Pfad ins Unbekannte. Unsicher schaute ich auf den Verlauf des Pfades. Außer ein paar Bäumen und Sträuchern sah man nicht besonders viel, doch plötzlich war es genau das, was mich reizte. Ich wollte unbedingt wissen, was sich am Ende dieses Pfades befand. Aufgeregt schaltete ich meine Handytaschenlampe an und ging um den Zaun herum. Dieser Schritt war leichter als gedacht, denn das Gestrüpp rechts und links vom Zaun war so abgetreten, dass ich erwartete, gleich auf einem illegalen Waldrave zu landen. Nachdem ich einige Meter gegangen war, erschien aber kein Rave, sondern ein heruntergekommener Park mit einem angrenzenden Spielplatz.
Ich näherte mich vorsichtig und war plötzlich sehr froh, dass ich die blutigen Szenen vom „Tatort“ nie gesehen hatte. Angst hatte ich trotzdem!
Der Park war spärlich beleuchtet. Zwei Straßenlaternen mit Wackelkontakt ließen den Spielplatz wie einen Dancefloor aussehen, aber tanzen wollte ich darauf lieber nicht. Ich erkannte ein paar Spielgeräte im flimmernden Licht. Sie sahen marode aus und es schien, als hätte sich jahrelang niemand mehr um ihre Instandhaltung gekümmert. Ein sanfter Wind pfiff über das Gelände und brachte eine alte Schaukel dazu, sich knarzend von links nach rechts zu bewegen. Mein Gedankenkarussell begann derweil, langsam, aber sicher Fahrt aufzunehmen. Alte, verlassene Spielplätze hatten immer auch etwas von schaurigen Vollmondnächten, Clowns mit Äxten und unerwarteten Rattennestern. Ich schauderte und schmierte meine vor Angstschweiß nassen Hände an meiner Jeans ab. Wenn mich nicht alles täuschte, war ich weniger als einen Kilometer Luftlinie vom umzäunten Viertel La Savine entfernt. Dreh um, Isi! Los!
Doch in diesem Moment übertönte ein Geräusch das Pfeifen des Windes. Ein Geräusch, das ich eine gefühlte halbe Ewigkeit nicht mehr vernommen hatte. Das schrille Wiehern eines Pferdes zerriss die mystische Nacht und erweckte in mir so etwas wie einen sechsten Sinn. Ich schaltete meine Handytaschenlampe an und begann, ohne zu zögern dem verheißungsvollen Rufen auf den Grund zu gehen. Kaum hatte ich den merkwürdigen Park hinter mir gelassen, erstreckte sich vor mir ein Trampelpfad, an dessen Ende eine Pferdeweide auftauchte.
Eilig ging ich die letzten Meter des Trampelpfades entlang und näherte mich den Tieren vorsichtig. Als sie mich kommen sahen, schreckten sie verunsichert hoch.
„Schschsch, ist ja gut. Hey, wer seid ihr denn?“ Ich leuchtete einige Meter an den Tieren vorbei, um sie nicht zu blenden. Mein Lichtschein fiel auf einen kunstvoll gezimmerten Unterstand. Ehe ich mir die beeindruckende Holzfassade weiter aus der Nähe anschauen konnte, stupste mich plötzlich eine weiche Fellnase an.
„Hey, du. Sag mal, du siehst ja genau aus wie ein Pferd, dass ich vor gefühlt langer, langer Zeit einmal geritten bin“, sagte ich zu dem Pferd, dessen schwarze Augen mich wie zwei glänzende Perlen in der Dunkelheit anschauten. Ich ging ein Stück zurück, um es besser betrachten zu können. Bis auf die große Laternenblesse am Kopf, sah dieses Pferd Romeo wirklich zum Verwechseln ähnlich. Zumindest im Dunkeln.
Hinter dem Schwarzen streckte ein relativ großer Schimmel neugierig seinen Kopf in meine Richtung.
Lachend begann ich, ihn zu streicheln. Es war sehr lange her, dass ich das letzte Mal ein Pferd gestreichelt hatte. Der Schimmel schnaubte friedlich und in mir kamen Erinnerungen hoch. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst gewesen, wie sehr ich Pferde vermisst hatte.
Kapitel 2
27.05.17
Triumphierend schaute ich aus dem Fenster, während ich zum dritten Mal Crying in the Club von Camila Cabello über meine Kopfhörer hörte. Es war ein warmer, sonniger Tag und für Ende Mai im Westen von Deutschland ungewöhnlich heiß. Ich fuhr mit meinen Eltern zu einem Reitstall in meiner Nähe und bis es dazu gekommen war, hatte es mich mehr als nur ein paar Versuche gekostet.
Aufgeregt schaute ich auf das Navigationssystem des Autos. Wenn sich Papa nicht verfuhr, dauerte es noch exakt elf Minuten, bis ich endlich wieder Pferdeluft schnuppern würde.
Zufrieden richtete ich meinen Blick wieder aus dem Fenster und schaute auf die sattgrünen Felder, welche im Eiltempo an uns vorbeizogen.
„Aber Isabella, wenn wir jetzt dort nichts für dich finden, sei bitte nicht allzu enttäuscht, okay?“, merkte meine Mutter an und klang dabei wirklich besorgt. Gut, zugegebenermaßen hatte sie wirklich alle Gründe, besorgt zu sein. Sie hatte ich nämlich am meisten genervt, endlich wieder reiten gehen zu wollen. Jeden Mittag hatte ich meinen Rucksack nach der Schule in die Ecke gepfeffert und war mit knallender Tür in meinem Zimmer verschwunden. Schule blöd, alle anderen Hobbys blöd. Normalerweise war ich wirklich alles andere als zickig, aber irgendwie musste ich ihr eben zeigen, dass das mit dem Reiten nicht nur eine Phase war. Es war vielmehr der letzte verzweifelte Versuch gewesen, etwas tun zu können, was mir Spaß machte.
„Ich verstehe deine Besorgnis ehrlich gesagt nicht so ganz, Luise. Du bist doch selbst einmal geritten“, sagte mein Vater, während er die wahrscheinlich sechsundfünfzigste Kurve schnitt und dabei fast ein die Straße überquerendes Eichhörnchen überfuhr.
„Ja, gerade deswegen ja. Ich weiß, wie gefährlich der Sport ist und teuer, und außerdem …“ Sie verstummte.
„Außerdem was?“, hakte ich nach und drückte Crying in the Club auf Pause.
„Außerdem weiß ich, dass der Druck und der Konkurrenzkampf im Reiten besonders hoch ist. Es geht dort eben nicht nur um Leistung, sondern eben auch darum, wer das beste Pferd hat.“
Besorgt nahm sie sich ein Kaugummi. Mama war selbst jahrelang geritten.
„Ich denke, Isi sollte es probieren!“, sprach mein Vater bestimmt und beschleunigte selbstbewusst beim Hineinfahren in die nächste Kurve.
„Wenn ihr es nicht gefällt, kann sie ja immer noch aufhören und wieder Volleyball spielen gehen“, fuhr er fort.
„Ja oder tanzen. Ich finde, dass du wirklich Talent hast!“, stimmte Mama euphorisch zu.
„Ich fand es toll, als du noch mit mir zum Angeln gekommen bist.“ Papa nickte mir zu, doch ich hörte schon gar nicht mehr richtig hin, denn vor mir erstreckten sich die ersten Pferdeweiden.
Schnell drückte ich wieder auf Play: „Let the music lift you up, like you’ve never been this free …“
Nichts ließ mein Herz höher schlagen als der Anblick verschiedenster Pferde. Egal wo: auf der Koppel, im Fernsehen, sogar auf Fotos oder als Zeichnungen. Ich liebte Pferde und war wohl dem Pferdevirus verfallen, als ich das erste Mal auf einem Pferd gesessen hatte.
Das war mit fünf in einem Wanderzirkus mit Mama gewesen. Dort hatte es Ponyreiten für Kinder gegeben und ich war auf einem kleinen, dicken Pony namens Schneewittchen durch die Halle geführt worden. Dass das Pony so hieß, wusste ich nur aus Erzählungen, aber das verwackelte Einwegkamerabild von mir in der Manege zierte bis zu diesem Tag meinen Nachttisch.
Danach ging es mit meiner Pferdeliebe rasant aufwärts und Mama meldete mich auf einem Reiterhof namens Unicornranch an. Damals hatten wir noch in Berlin gewohnt, und ich durfte mindestens einmal in der Woche dem Stadtdschungel entfliehen und zu meinen Freunden auf den Reiterhof fahren.
Die Unicornranch war zwar mehr eine abgelegene Scheune als ein wirklicher Reiterhof, doch bereits nach meinem ersten Besuch dort hatte ich gewusst, dass ich hier den Großteil meines außerschulischen Lebens verbringen wollte. Wenn wir Kinder Reitstunde hatten, durften wir kleine Shetlandponys putzen, ritten stundenlang hintereinander im Kreis auf einer kleinen, eingezäunten Weide, und wenn es regnete, las uns die Besitzerin aus dem Buch „Polly bekommt ein Pferd“ vor.
Ich würde allerdings auch lügen, wenn ich behaupten würde, dass dies die bisher beste Zeit in meinen siebzehn Lebensjahren war. Uns Kindern war damals egal gewesen, dass die Hofbesitzerin nach jeder Reitstunde Whiskey trank und dass die Boxentür von meinem Lieblingspony Winnie nur mit spitzen Drahtseilen zusammengehalten worden war.
Lange hielt mein neu gewonnenes Glück dort leider nicht an, denn eines schönen Sommernachmittags kamen drei Polizisten auf den Hof marschiert und meine beste Reiterfreundin und ich hatten Böses gewittert. Wir waren gerade dabei gewesen, Winnie mit Hofkreide die Mähne rosa einzufärben, und ich weiß noch genau, dass wir schnell in die Wohnstube gerannt waren, um der Besitzerin von unserer Begegnung zu erzählen.
Eine Woche später wurde die Unicornranch dicht gemacht. Mama erklärte mir später, dass die Polizisten Beamte vom Veterinäramt waren und es wohl besser sei, dass der Hof geschlossen wurde. Damals hatte ich eine furchtbare Wut auf das Veterinäramt, aber rückblickend war es wirklich besser, einen Ort zu schließen, an dem die Pferde den ganzen Tag wie Fahrräder angebunden in einer Reihe stehen und in maroden Boxen ihr Dasein fristen mussten.
Damals versprachen mir Mama und Papa hoch und heilig, dass ich bald schon wieder mit dem Reiten auf einem anderen Hof anfangen könne, doch dann waren wir umgezogen. Weg aus Berlin, in das kleine Limburg an der Lahn, bei Frankfurt am Main, am Arsch der Welt.
Von diesem Zeitpunkt an war mein Pferdeleben jedenfalls beendet gewesen und ich probierte meinen Eltern zuliebe so ziemlich jede Sportart aus, die das Limburger Umland zu bieten hatte. Doch egal, ob ich in einem engen Tennisröckchen über den Platz huschte oder verzweifelt versuchte, Volleybälle über das Netz zu baggern, nichts davon machte mir Spaß. Als mein Vater mich jedoch für ein Probetraining beim Fußballverein anmeldete, war mein Geduldsfaden endgültig gerissen.
Ich wollte reiten.
„Da vorne ist der Hof“, sagte meine Mutter und zeigte auf einige scheunenartige Gebäude, die sich etwas höher gelegen auf einem Hügel am Waldrand befand.
„Hier?“ Mein Vater machte eine Vollbremsung vor einem prächtigen Reiterhof mit bordeauxroten Türen und Fensterläden. Die gepflegte Anlage war von hübschen, weiß angestrichenen Weiden umrahmt und befand sich direkt neben uns am Straßenrand.
„Nein, dort oben.“ Meine Mutter zeigte erneut in Richtung des Hofes auf dem Hügel. „Das hier ist der Rosenhof. Sozusagen die Konkurrenz“, fügte sie noch hinzu.
„Ach so“, murmelte mein Vater knapp und fuhr im dritten Gang auf den Feldweg, der den Hügel hinaufführte. Unser Auto wackelte, als hätten wir eine Safari gestartet. Umso erleichterter war ich, als der schmale Feldweg von einer deutlich breiteren Schotterallee abgelöst wurde.
„Musste das schon wieder sein?“, schimpfte meine Mutter.
„Allrad“, murmelte Papa nur und bog in die große Einfahrt ein. Er parkte direkt vor dem Hofhaus, als sei es ein offiziell gekennzeichneter Parkplatz. Kaum hatte er den Motor abgestellt, war ich auch schon vom Rücksitz gehüpft.
Während sich meine Eltern auf den Weg machten, den Inhaber ausfindig zu machen, sah ich mich auf dem Gelände um. Zunächst lief ich über den großen, gepflasterten Vorplatz und wunderte mich, dass mir bis jetzt noch keine Menschenseele begegnet war. Nicht mal einen freudig mit dem Schwanz wedelnden Hofhund. Der Vorplatz endete bei einer alten Scheune, die direkt an einen matschigen Reitplatz angrenzte. Sie schien einmal in einem saftigen Grün gestrichen worden sein, denn überall auf dem Boden verteilt lagen kleine Stücke von abgeblätterter Farbe. Das Tor der Scheune war verschlossen, aber als ich durch ein Astloch lugte, sah ich, dass sie zur Lagerung von Heu verwendet wurde.
Auf dem matschigen Reitplatz ritt ein junges Mädchen auf einer hübschen Haflingerstute. Sie war wohl nicht älter als 14, aber soweit ich das beurteilen konnte, machte sie ihre Sache sehr gut. Das beigefarbene Pony schnaubte zufrieden und sah trotz seines eher stämmigen Körperbaus sehr elegant aus.
Nachdem ich dem Duo eine Weile zugesehen hatte, machte ich mich auf die Suche nach den Stallungen. Auf dem weiten, bepflasterten Hof angekommen, blieb mein Blick an einem großen, länglichen Gebäude hängen. Es stand etwas versetzt hinter ein paar Linden und genau wie die Scheune musste es vor Jahrzehnten wohl einmal in einem satten Grün gestrichen worden sein. Die Fassade bestand aus nackten Steinen und unregelmäßigem Rauputz.
Ein Wiehern schallte in meine Richtung, und mit dem Überschreiten der Türschwelle hatte ich Gewissheit, die Stallungen des Hofes gefunden zu haben. Kaum betrat ich die steinerne Gasse, schlug mir der vertraute Duft von Heu, Pferd und Einstreu entgegen. Schätzungsweise zehn neugierige Pferdeaugen blickten mir entgegen und erinnerten mich daran, weshalb ich meiner Mutter monatelang das Leben schwer gemacht hatte. Während ich von Box zu Box schlenderte, bemerkte ich, dass einige Boxen leer zu sein schienen. Als ich fasziniert vor einem wunderschönen Schimmel stehen blieb, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken.
„Kann man dir helfen?“, fragte ein griesgrämig aussehender Mann mit einer zornigen Stirnfalte.
„Ja, ich suche den Hofherren oder die Hofdame“, antwortete ich höflich und stellte fest, dass ich mir im Geschichtsunterricht genauso die Bauern des Bauernaufstandes der Französischen Revolution vorgestellt hatte. Mit seiner Mistgabel in der Hand und den kaputten Gummistiefeln erfüllte er wirklich jedes Klischee.
„Der bin ich!“, antwortete der Revolutionsbauer kühl.
„Ah, haben Sie keinen Hofhund?“, fragte ich und biss mir im gleichen Moment auf die Unterlippe. Was war das denn für eine dumme Frage? Als müsste man zwangsläufig einen Hund haben, um verifizierter Reitstallbesitzer sein zu können.
„Nein, machen nur Krach und Arbeit, die Viecher. Also, was willst du?“
Unsicher schnipste ich einen Strohhalm von meiner Kordhose. Seine forsche Art brachte mich ganz schön in Verlegenheit.
„Ja, also … ähm … Ich wollte … ähm … Sie fragen, ob Sie hier … Reitstunden … anbieten?“, stotterte ich schüchtern. „Ich … ähm … bin früher einmal geritten und würde wirklich super gerne wieder damit anfangen.“
„Da muss ich dich enttäuschen! Der Hof hier ist seit Jahren nur für Einsteller. Reitstunden gibt es nur nebenan. Wobei, jetzt auch nicht mehr … Ist restlos ausgebucht, aber kannst dich ja auf die Warteliste setzen.“ Er zuckte mit den Schultern und wollte unbehelligt mit seiner Stallarbeit fortfahren, als meine Eltern plötzlich auftauchten.
„Hallo, Hannes. Das ist aber schade, dass du keinen Schulbetrieb mehr hast, du konntest das doch so gut“, gab sich meine Mutter getroffen, die anscheinend mal wieder ihre Rhabarberohren ausgefahren und das Gespräch mit angehört hatte.
„Ja. Luise, was will man machen? Aber schön dich mal wieder zu sehen.“ Er nickte auch meinem Vater zu, der meiner Mutter gefolgt war und dem mürrischen alten Mann freudig die Hand gab.
„Hast dich gut gehalten“, begrüßte Papa ihn, aber Hannes ging gar nicht darauf ein und musterte mich skeptisch.
„Ist das eure Tochter?“ Er sprach immer noch griesgrämig und distanziert.
„Ja, die bin ich“, antwortete ich anstelle meiner Mutter, weil ich es hasste, wenn Leute über mich sprachen, wenn ich doch daneben stand.
„Sieht dir nicht ähnlich, Luise“, stellte der Revolutionsbauer, nur an meine Mutter gewandt, fest. Dann lud er meine Eltern, wohl eher aus Pflichtbewusstsein als auch intrinsischer Motivation, auf eine Tasse Kaffee ein. Sie stimmten zu, ich lehnte jedoch ab, da ich keine Lust hatte, ein Kaffeekränzchen zu führen, bei welchem nicht mit mir, sondern über mich gesprochen wurde.
Während meine Eltern also mit dem Revolutionsbauern in die Stube gingen, blieb ich in der Stallgasse zurück. Dort fuhr ich damit fort, den schönen Schimmel zu kraulen, als mir ein beeindruckendes schwarzes Pferd am Ende der Stallgasse auffiel. Neugierig näherte ich mich dem eleganten Tier. Sein glänzendes Fell verriet, dass es gut gepflegt wurde, und zusammen mit seinem eleganten Körperbau strahlte es Eleganz und geballte Vitalität aus. Trotzdem wirkte das Pferd durch ständiges Kopfschlagen und die angelegten Ohren irgendwie nervös. Vorsichtig näherte ich mich ihm noch weiter, um seinen Kopf zu kraulen. Kaum war ich jedoch in seiner Reichweite, schnappte es wütend nach meiner Hand und erwischte prompt meinen Zeigefinger.
„Aua! Du spinnst ja, du dämlicher Drecksgaul!“, fluchte ich. Das Tier legte drohend die Ohren an, als wollte es sagen: „Pass bloß auf, was du sagst, sonst beiß ich dir auch noch den Mittelfinger ab!“
Wütend versuchte ich meinen blutenden Finger an meinem Oberteil abzuwischen, jedoch tropfte das Blut unaufhörlich, sodass ich mich gezwungen fühlte, den Revolutionsbauern nach einem Pflaster zu fragen.
Als ich an der Tür des Hofhauses klingeln wollte, fiel mir auf, dass die Tür bereits offen war. Eilig lief ich durch den über und über mit Bildern und Schleifen behängten Flur und fand wenig später Hannes und meine Eltern, die es sich im Wohnzimmer des Hauses gemütlich gemacht hatten.
Der Raum war angenehm kühl und es roch nach Kaffee und Stall. In der Mitte stand ein abgewetztes Sofa und alle Wände waren, genau wie die des Flures, übersät mit Turnierbildern, Schleifen und Auszeichnungen.
„Isi, was hast du denn gemacht?“ Meine Mutter schaute erschrocken abwechselnd auf das blutverschmierte Shirt und dann auf meinen offenen Zeigefinger.
„Ist schon okay, Mama, aber könnten, ähm, könnten Sie mir vielleicht ein Pflaster geben?“, wandte ich mich an den Revolutionsbauern, der ohne Mistgabel und Gummistiefel wohl doch eher wie ein Hannes aussah.
Wortlos erhob sich dieser und kam wenig später mit einem kleinen Verband und Desinfektionsspray zurück. So gemein ist er gar nicht. Schließlich hat er mir direkt etwas zum Desinfizieren mitgebracht. Als Nächstes warf er jedoch die Sachen so achtlos auf die zerfledderte Couch, dass ihn dann doch wieder unfreundlich und absolut fies fand.
Nachdem meine Mutter den offenen Finger fertig verbunden hatte, fragte sie abermals, wie das denn passiert sei.
„Da war ein Pferd im Stall. So ein Schwarzer in der hintersten Box. Und er hat mich einfach so gebissen. Ich wollte ihn wirklich nur streicheln.“ Den letzten Satz richtete ich gezielt an Hannes. Er sollte nicht denken, dass ich das Pferd in irgendeiner Weise verärgert haben könnte.
„Ach ja, genau, hab ich vergessen!“ Hannes schlug sich gegen die Stirn. „Der Schwarze ist mein Pferd. Er heißt Romeo und ich habe ihn schon, seit er ein Fohlen ist. Er ist etwas eigensinnig und nicht für Anfänger geeignet. Ich finde aktuell niemanden, der ihn reitet“, nachdenklich nippte Hannes an seinen Kaffee.
„Ich kann ihn reiten!“, platze es sofort aus mir heraus. Schließlich war ein beißendes Pferd besser als keines.
„Auf gar keinen Fall!“, erwiderte meine Mutter direkt.
„Bist du nicht Anfängerin?“, warf mein Vater nüchtern ein.
„Na ja, also zumindest keine komplette Anfängerin“, behauptete ich selbstsicher und dachte daran, wie wir auf der Unicornranch jeden Mittwoch Feuer, Wasser, Blitz auf den Ponys gespielt hatten.
Nachdenklich sah Hannes mich an. „Du denkst also, dass du dich mit Pferden auskennst?“
Ich nickte so siegessicher, dass mir beinahe der Kopf abfiel. Wenn es um Pferdetheorie ging, wusste ich wirklich ALLES. Na ja, zumindest hatte ich mit sieben einmal alles gewusst und so etwas verlernt man ja nicht, oder?
„Na, dann werden wir dein Können einmal unter Beweis stellen.“ Hannes erhob sich ohne eine weitere Erklärung aus seinem Sessel und verschwand im Nebenzimmer. Ich war mir sicher, dass er ein Lehrbuch holen würde, um mich abzufragen, und verschränkte selbstbewusst meine Arme.
„Isi, du musst hier niemandem etwas beweisen, wir können gern später beim Rosenhof nachfragen“, raunte meine mir Mutter zu.
„Das hat nichts mit Beweisen zu tun“, murmelte ich. „Ich möchte einfach nur die Gelegenheit, die mir geboten wird, nutzen.“
„Aber doch nicht auf dem Vieh“, wandte meine Mutter ängstlich ein. „Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist.“
„Ich aber!“, protestierte ich. Außerdem heißt das „Pferd“!
Gerade beugte sich mein Vater zu mir hinüber, um mir auch einen unnötigen Rat auf den Weg zu geben, als Hannes wieder in den Raum zurückkehrte. In seiner Hand hielt er jedoch kein Pferdelehrbuch, sondern bloß einen kleinen Zettel, auf den er ein paar Notizen gekritzelt hatte.
„Ich habe dir hier einen kleinen Bodenarbeitsparcours zusammengestellt. Ich würde den Schimmel aus der Box holen und dann können wir auch schon beginnen. Eigentlich hättest du auch mein Pferd, Romeo, nehmen können, aber für heute hat er an genügend Fingern geknabbert.“ Er grinste und ich verlor augenblicklich meine selbstbewusste Haltung. Bodenarbeitsprüfung? Mit einem fremden Pferd?
„Du guckst ja, als hättest du einen Geist gesehen. Ich will nur testen, ob du wirklich mit Pferden umgehen kannst.“
„Klar“, krächzte ich.
Hannes stand auf, klatschte in die Hände und verschwand, um das Pferd zu holen. Meine Eltern warfen sich vielsagende Blicke zu, und ich merkte, wie mein Herz wie wild zu klopfen begann. Es war ziemlich genau sieben Jahre her, seitdem ich das letzte Mal mit einem Pferd gearbeitet hatte. Damals konnte ich keinem noch so kleinen Pony auch nur über den Widerrist schauen, heute war ich hochgewachsen und hatte Beine wie ein Storch. Das war immerhin schon einmal ein Vorteil zu damals.
Meinem Herz reichte das allerdings nicht. Beruhig dich, Isi, den Umgang mit Pferden verlernt man nicht, ermahnte ich mich innerlich.
„Isabella, du musst nicht …“, begann meine Mutter, doch ich unterbrach sie.
„Mama, du nervst! Du hast gesagt, ich darf wieder reiten und jetzt fängst du ständig mit deinen Sorgen an! Außerdem steht Hannes sowieso schon draußen!“ Ich zeigte durch das Zimmerfenster auf den Hof, wo der Hofbesitzer mit einem wunderschönen Schimmel auf uns wartete.
„Na, dann wollen wir mal“, seufzte meine Mutter und auch mein Vater erhob sich geschlagen aus dem staubigen Sessel.
Während wir durch den Flur voller Schleifen gingen, spürte ich, wie meine Beine schlotterten, und hoffte sehr, dass meine Mutter es nicht bemerken würde. Das tat sie zum Glück nicht.
Auf dem Hof angekommen, drückte Hannes mir den Strick in die Hand und lächelte mich zuversichtlich an. Ich tätschelte dem Schimmel den Hals. Es war tatsächlich das Pferd, das ich vorhin bereits gestreichelt hatte.
„So, jetzt führst du ihn einmal bis zu den Linden dort drüben im Slalom zwischen den Anbindestangen hindurch und zurück. Dann trabt ihr die Strecke und kommt aus dem Trab direkt zum Stehen.“
Das war‘s?, dachte ich überheblich, traute mich aber nicht, etwas zu sagen. Auf der Unicornranch hatte ich einmal drei Ponys auf einmal auf die Weide geführt, also sollte diese Übung für mich ein Klacks sein. Zunächst baute ich Blickkontakt zu dem Pferd auf. Es schien tatsächlich ein sehr ruhiges Gemüt zu haben. Dann nahm ich den Strick locker in beide Hände und ging entschlossen in Richtung der Linden. Der Schimmel folgte mir ohne Probleme. Bei den Bäumen angekommen, fasste ich den Strick etwas nach und verlangsamte meine Schritte, damit das Tier ordentlich zwischen den Stangen hindurchgehen konnte. Auch diese Übung gelang uns ohne Probleme. Ich schnalzte, der Schimmel trabte an und ich joggte lässig neben ihm her. Alles klappte wie am Schnürchen und es fehlte nur noch das abrupte zum Stehen kommen. Fast waren wir bei Hannes und meinen Eltern angekommen, als dieser plötzlich einen bunten Schirm hinter seinem Rücken hervorholte und ihn in der nächsten Sekunde aufspannte.
Erschrocken schrie meine Mutter auf.
„Ist Teil der Prüfung“, erklärte ihr Hannes schulterzuckend.
Augenblicklich riss das Pferd den Kopf hoch und scheute erschrocken ein paar Schritte zur Seite. Panisch fasste ich den Strick nach und drehte mich in die Richtung des aufgeregten Schimmels.
Dieser wollte er sich losreißen, um die Flucht zu ergreifen, doch ich hielt ihn zurück, indem ich mich vor ihm aufbaute und ruhig auf ihn einredete.
„Shttt, brrttt, ist ja gut.“ Erst vor kurzem hatte ich in einer Pferdesendung gesehen, dass auf diese Weise auch Wildpferde gezähmt wurden. Sich aufrichten, ruhige Bewegungen machen und trotzdem das Pferd fest unter Kontrolle behalten. Es klappte. Nach ein paar endlosen Sekunden des Hin- und Hertänzelns, beruhigte sich Pferd schließlich und ließ sich geduldig von mir zu meinen Eltern und Hannes führen.
„Bravo“, jubelte mein Vater, während er euphorisch klatschte.
Verlegen gab ich den Strick wieder zurück zu Hannes.
„War schon nicht schlecht“, gab dieser zu. „Du kannst es ja mal probieren mit Romeo – im Prinzip ist er nicht wirklich anders als der hier.“ Hannes lächelte leicht und klopfte dem Schimmel auf die Flanke.
„Ehrlich? Wie cool ist das denn!“ Ein Freudenschauer durchfuhr mich.
„Aber du brauchst Reitstunden.“ Nachdenklich rieb sich Hannes sein Kinn.
„Die kannst du ihr noch geben, Hannes, Mensch“, mischte sich mein Vater plötzlich ein. „Wie damals, als du Luise für die Bezirksmeisterschaften vorbereitet hast. Weißt du das denn gar nicht mehr? Dabei hat er das damals doch gut gemacht, oder, Schatz?“
Meine Mutter nickte nur stumm.
„Gut, okay“, gab sich Hannes geschlagen, hob dann aber seinen Zeigefinger. „Unter der Bedingung, dass du mir zweimal die Woche bei den Stallarbeiten hilfst. Dafür bekommst du jeden Samstag eine Reitstunde bei mir. Einverstanden?“.
„Einverstanden!“, jubelte ich und schaute fragend zu meinen Eltern.
„Erst muss ich mir das Pferd ansehen, das du in Zukunft reiten sollst“, seufzte meine Mutter.
Wir liefen alle gemeinsam zum Stall und auf dem Weg dorthin textete ich die skeptische Luise so gut ich konnte, mit lustigen Geschichten aus meiner Zeit auf der Unicornranch zu. Zum einen, um meine Liebe zu den Pferden nochmals zu unterstreichen, zum anderen, um von den Bluttropfen abzulenken, die sich auf dem Steinboden bis hin zu Romeos Box abzeichneten. Durch das Bändigen des wild gewordenen Pferdes in der Bodenarbeitsprüfung hatte sich nämlich mein Pflaster sowie meine sich gerade erst frisch gebildete Hornhaut gelöst. Dass meine Mutter die Geschichten wohl schon alle in- und auswendig kannte, war mir egal.
Im hinteren Teil der Stallgasse angekommen, versammelten wir uns um das schwarze Pferd, wobei ich auf einen guten Meter Sicherheitsabstand achtete. Schließlich reichte ein blutender Finger dann doch. Bei aller Pferdeliebe.
„Das ist er“, strahlte ich.
„Hübsch“, räumte mein Vater ein. Sein Tonfall klang optimistisch.
„Ja, das ist er“, wiederholte Hannes meine Worte und klopfte stolz den muskulösen, rabenschwarzen Hals von Romeo. Dieser riss panisch seine Augen auf, traute sich aber dann doch nicht, nach seinem Herrchen zu schnappen.
Kein Wunder, dachte ich. Schließlich hat das Herrchen normalerweise auch eine eklig piksende Mistgabel. Die einzige Waffe, die ich in greifbarer Nähe vorweisen konnte, war der metallene Eiffelturmanhänger an Papas Vespaschlüssel. Damit könnte ich höchstens meine dicke Französischlehrerin in den Allerwertesten piksen. Wobei, nicht einmal die würde etwas merken.
„Ja, ich muss auch zugeben, dass es ein sehr hübsches Pferd ist“, sagte meine Mama und holte mich zurück in die Wirklichkeit.
„Also darf ich?“, fragte ich und sah sie mit dem Bitte-liebe-Mutti-erlaub-mir-das-jetzt-Blick an.
„Na schön.“ Sie seufzte erneut. „Du hast ja recht, Papa und ich haben es dir versprochen.“
„Danke“, freute ich mich und umarmte meine Eltern. Innerlich riss ich mich derweil zusammen, um nicht lauthals „JUHU!“ zu schreien und wie ein Flummi in die Höhe zu hüpfen. Ich hab’s geschafft! All der Streit mit Mama hat sich gelohnt!
Zufrieden sah ich zu Romeo und dachte selbstbewusst, dass er bloß ein bisschen Vertrauen zu mir haben müsse, so wie bei dem Schimmel von vorhin. Dann sei alles ein Kinderspiel.
Jedenfalls war der Reitunterricht zu diesem Zeitpunkt beschlossene Sache. Ich würde wieder reiten gehen, und zwar regelmäßig jeden Samstagvormittag.
Im weiteren Verlauf des Nachmittags hatten meine Eltern mit Hannes noch alles Formale besprochen und einen verzweifelten Versuch gestartet, ihm Geld für die Reitstunden zu zahlen. Geld lehnte er allerdings entschieden ab und ermahnte mich nur, immerzu pünktlich zur Stallarbeit zu erscheinen. Dann richtete er noch ein paar beruhigende Worte an meine Mutter, und bevor wir ins Auto einstiegen, appellierte er an meinen Papa, das nächste Mal auf den richtigen Parkplätzen zu parken. Als wir vom Hof fuhren, sah ich dem heruntergekommenen Anwesen lange nach und fischte gedankenverloren nach meinen Kopfhörern. Als ich sie mit meiner rechten Hand ertastet hatte, steckte ich sie schnell in mein Handy und öffnete Spotify.
„Ain’t to crying in the club, hey, hey, let the beat carry your tears as they fall, baby …“
Während Camilla Cabelo auf Lautstärke zehn ihr Lied in meine Ohren schmetterte, schaute ich verträumt der Sonne beim Untergehen zu. Lächelnd tippte ich mit meinem verwundeten Zeigefinger auf meine Kordhose. Nur noch sieben Mal schlafen, dann hatte ich meine erste Reitstunde.
Unterdessen bretterte mein Vater fröhlich über den Feldweg und meine Mutter schaute stumm, beinahe geknickt, auf ihre rot lackierten Nägel. Ich fragte mich, warum sie sich nicht auch für mich freute. Schließlich war sie ja normalerweise genauso pferdebegeistert wie ich, und immerhin war sie es gewesen, die mich überhaupt auf den Pferdetrip gebracht hatte.
Ich pausierte meine Musik und nahm die Kopfhörer aus meinem Ohr.
„Ist alles in Ordnung, Mama?“, fragte ich, obwohl ich sah, dass nicht alles in Ordnung war.
„Klar, Isi, ich mache mir nur Sorgen.“ Sie machte eine Pause, ehe sie fortfuhr: „Sorgen, weil wir dir eben viele Dinge nicht ermöglichen werden können und weil ich einfach Angst habe, dass dir etwas passiert.“
„Was meinst du denn mit Dingen?“, erwiderte ich und bemühte mich, dabei so sanft wie möglich zu klingen.
„Na, Dinge eben. Materielle Dinge.“ Sie schluckte.
„Mach dir da mal keine Sorgen“, sagte ich entschieden. „Ich weiß, dass du und Papa keine Millionäre seid und mir nicht gleich morgen ein eigenes Pferd kaufen könnt. Solange ich endlich dem nachgehen kann, was ich liebe, ist mir egal, wie teuer meine Reithose ist oder von welcher Marke meine Stiefel sind.“
„Das ist sehr erwachsen von dir.“ Meine Mutter lächelte und ich sah durch den Rückspiegel, dass ihre Sorgenfalte auf der Stirn schon weniger stark gerunzelt war.
Kapitel 3
28.06.19
Das Pferd, das Romeo ähnelte, stupste mich an.
„Du hast ja Recht“, sagte ich lächelnd. Obwohl hier in Marseille Sommernächte für gewöhnlich mild waren, blies eine kalte Meeresbrise um meine Ohren. Hastig warf ich einen Blick auf meine Handyuhr. Viertel nach eins. Die Tatsache, dass ich über eine halbe Stunde in Gedanken auf dieser fremden Pferdeweide gewesen sein musste, drängte mich dazu, schleunigst aufzubrechen. Während ich mich von den Tieren verabschiedete, beschloss ich, bei Tageslicht noch einmal vorbeizukommen, um ihnen ein paar Möhren zu bringen.
Bevor ich mir meinen Weg durch das Gestrüpp bahnte, sah ich noch einmal zu der Weide zurück. Es wirkte fast schon so, als würde das schwarze Pferd mir nachschauen, aber das konnte auch pure Einbildung sein.
Als ich meine Aufmerksamkeit wieder dem struppigen Weg widmete, vernahm ich plötzlich wild durcheinander sprechende Stimmen. Konzentriert versuchte ich ihre Herkunft herauszufiltern, und je näher ich der Stelle des Weges kam, an welcher der Park angrenzte, desto lauter wurden sie. Um nicht gesehen zu werden, schaltete ich meine Handytaschenlampe aus und schlich im spärlichen Licht der entfernten Straßenlaternen nur noch langsam vorwärts. Dabei fühlte ich mich erst wie eine Pfadfinderin, dann wie eine Verrückte, aber zumindest hatte ich das Gefühl, quasi unsichtbar zu sein.
Plötzlich hörte ich ein auffällig lautes Lachen. Zunächst war ich mir nicht sicher, aber als ich mich dem Park ein weiteres Stück näherte, gab es keinen Zweifel mehr. Das Lachen gehörte unverkennbar zu Enzo.
Was in aller Welt macht der denn hier?
Mein erster Impuls war, fluchtartig den Weg zurück zu den Pferden einzuschlagen. Dann aber packte mich eine ungeheure Neugierde. Von diesem Impuls getrieben, robbte ich mich mit zitternden Knien zu einem großen Busch am Eingang des Parks. Dafür musste ich durch einen großen Wirrwarr an Ästen und Blättern hindurch, und erst, als ich zwischen den staubigen Wurzeln saß, fiel mir auf, dass der Busch direkt neben einem scheußlich stinkenden Müllcontainer stand. Na toll.
Ich schielte zwischen den Blättern hindurch und erblickte aus den Augenwinkeln drei junge Menschen, die sich angeregt zu unterhalten schienen.
Als erstes erkannte ich diese Rosa von der Party wieder, die mit ihrem knappen Kleid und den blonden, hochgesteckten Haaren unverwechselbar war. Als ich die Feier verlassen hatte, war sie noch fröhlich in Laslos Wohnzimmer am Tanzen gewesen. Jetzt konnte Rosa sich kaum mehr auf den Beinen halten. Sie lachte laut, rauchte und trank Schnaps. Danach erkannte ich Enzo. Er trug eine weiß-braun karierte Fleecejacke und sah anders aus als am Vieux Port. Seine Gestik war hart und dominant und stellte sein freundliches Auftreten vom Nachmittag infrage. Neben ihm stand ein dunkel gekleideter Mann, den ich auf Ende 20 schätzte. Er hatte kantige Gesichtszüge und wirkte durch ruckartige Bewegungen hektisch und desorientiert auf mich.
