E-Book Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Hörbuch Verlag: Der Audio Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Selfies - Jussi Adler-Olsen

DU SOLLST HIER NICHT SEIN In einem Park in Kopenhagen wird eine alte Frau ermordet aufgefunden, fast zeitgleich begibt sich ein durchgedrehter Autofahrer auf die tödliche Jagd nach jungen Frauen. Und irgendwo da draußen werden weitere, perfide Verbrechen geplant. Während das Sonderdezernat Q Spuren von den aktuellen Morden zu einem alten Fall verfolgt, ist Rose in ihrem aktuellen psychischen Zustand weit davon entfernt, Carl und Assad helfen zu können. Die Wurzeln ihrer desaströsen Verfassung reichen zurück in ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit, eingesperrt in einen Raum, einen ganz besonderen Raum ... Doch es muss dem Sonderdezernat Q einfach gelingen, all die schrecklichen Verbrechen in Kopenhagen zu stoppen. Wer nimmt sich das Recht zu entscheiden, wer leben darf, wer sterben muss? Bizarre Morde und tragische Frauenschicksale – darunter auch Roses bewegende Geschichte …

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E-Book-Leseprobe Selfies - Jussi Adler-Olsen

Jussi Adler-Olsen

Selfies

Der siebte Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q

Thriller

Aus dem Dänischen von Hannes Thiess

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

 

 

Gewidmet unserer wunderbaren »Familie« in Barcelona –

Olaf Slott-Petersen, Annette Merrild,Arne Merrild Bertelsen und Michael Kirkegaard

Prolog

Samstag, 18. November 1995

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon in dem nassen Laub herumstapfte, aber ihre nackten Arme waren eiskalt. Das Geschrei oben im Haus war mittlerweile so laut und klang so wutentbrannt, dass ihr der Atem stockte. Sie spürte, wie ihre Augenwinkel feucht wurden, aber sie hielt die Tränen zurück, weil sie wusste, was ihre Mutter sagen würde: Heulen macht Falten und Falten sind hässlich. In Bemerkungen dieser Art war ihre Mutter richtig gut.

Dorrit betrachtete die dunklen Spuren, die sie auf der laubbedeckten Wiese hinterlassen hatte, dann zählte sie zum x-ten Mal die Fenster und Türen am Haus, obwohl sie in- und auswendig wusste, wie viele es waren. Zwei Flügeltüren, vierzehn große Fenster und vier längliche im Keller. Alles in allem einhundertzweiundvierzig einzelne Scheiben.

Sie war ziemlich stolz, dass sie schon so weit zählen konnte. In ihrer Klasse konnte das niemand sonst.

Da hörte sie, wie sich quietschend die Kellertür im Seitenflügel öffnete. Kein gutes Zeichen.

Und schon kam das Hausmädchen die Kellertreppe herauf und steuerte direkt auf sie zu. »Ich geh da nicht mit rein«, flüsterte sie.

Im dichten Gebüsch ganz hinten im Garten versteckte sie sich gern, oft stundenlang. Aber diesmal war das Hausmädchen zu schnell. Schon hatte es Dorrit am Handgelenk gepackt.

»Dorrit, du kannst doch nicht mit den guten Schuhen hier rumlaufen! Wenn Frau Zimmermann das sieht!«

 

Ohne Schuhe, nur auf Strümpfen, trat sie vor das große Ecksofa. Die beiden Frauen starrten sie an, als wüssten sie nicht, was sie hier im Wohnzimmer zu suchen hatte.

Ihre Großmutter schien jeden Moment lospoltern zu wollen. Ihr Blick war kalt und hart. Ihre Mutter hatte offenbar geweint. Lauter Falten gruben sich in ihr Gesicht, genau solche, vor denen sie Dorrit immer warnte.

»Nicht jetzt, Dorrit, wir unterhalten uns«, sagte sie.

Dorrit sah sich um. »Wo ist Papa?«

Die beiden Frauen tauschten einen Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde glich ihre Mutter einem verschreckten Tier, das sich in eine Ecke duckt. Das kannte Dorrit schon.

»Geh ins Esszimmer und beschäftige dich, schau dir Zeitschriften an oder was auch immer«, befahl ihre Großmutter.

»Wo ist Papa?«, wiederholte sie.

»Darüber reden wir später. Er ist gegangen.« Die Großmutter wedelte ihre Enkelin mit einer ungeduldigen Handbewegung weg.

Die wich ein paar Schritte zurück. Genauso gut hätte sie im Garten bleiben können.

Der Esszimmertisch war nicht abgeräumt. Neben Tellern mit eingetrockneten Frikadellenresten und Blumenkohl in Béchamelsoße lag unordentlich das Besteck. Zwei Kristallgläser waren umgekippt, auf dem Tischtuch überall Weinflecken. Nichts war wie sonst. Nichts war so, dass Dorrit im Esszimmer bleiben mochte.

Sie wandte sich der Eingangshalle mit den vielen hohen, dunklen Türen und den abgegriffenen Klinken zu. Das Haus war riesig und in diverse Flügel unterteilt, aber Dorrit kannte jeden Winkel. Im ersten Stock roch es so intensiv nach Großmutters Puder und Parfums, dass der Geruch noch in ihren Kleidern hing, wenn sie von dort nach Hause kam. Dort, im hellen Licht, das durch die hohen Fenster fiel, spielte Dorrit nicht gern. Abgesehen davon gab es auch nichts, was sie dort hätte machen können.

Viel lieber hielt sie sich im hinteren Teil des Erdgeschosses auf. Nirgendwo sonst gab es solche schweren Sessel, in die man sich mit hochgezogenen Beinen schmiegen konnte, und so prächtige Sofas – mit braunem Samtvelours und geschnitztem schwarzem Holz an der Rückenlehne. In den zugezogenen Gardinen und den Möbeln hing Tabakgeruch, süß und bitter zugleich. Dieser Teil des Hauses war das Reich des Großvaters.

Es war erst eine Stunde her, dass die Familie friedlich um den Esstisch gesessen und Dorrit das Gefühl gehabt hatte, der Tag würde sich wie eine gemütliche Decke um sie legen.

Aber dann hatte ihr Vater irgendetwas Falsches gesagt, worauf die Großmutter die Augenbrauen hochgezogen hatte und der Großvater aufgestanden war.

»Das müsst ihr untereinander ausmachen«, hatte er gesagt, den Hosenbund hochgezogen und war gegangen. Sie hatte man in den Garten geschickt.

Vorsichtig schob Dorrit jetzt die Tür zum Arbeitszimmer ihres Opas auf. Zwei braune Vitrinenschränke mit Schuhen in offenen Schuhkartons, alles Warenmodelle, standen an der Wand. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte der Schreibtisch seinen Platz, bedeckt mit Papieren voller roter und blauer Linealstriche.

Hier roch es besonders stark nach Tabak, obwohl sich der Großvater gar nicht in dem dunklen Zimmer aufhielt. Der Qualm schien aus der Ecke zwischen zwei Bücherregalen zu kommen, aus der ein schmaler Lichtstreifen fiel und sich über den Schreibtischstuhl legte.

Dorrit trat näher, um zu sehen, woher das Licht kam. Das war aufregend, der Spalt zwischen den Regalen war unbekanntes Terrain.

»Na, sind sie weg?«, hörte sie den Großvater irgendwo hinter den Regalen brummeln.

Dorrit schob sich durch den Spalt und stand auf einmal in einem Raum, den sie noch nie gesehen hatte. Dort, in einem Ledersessel, saß ihr Großvater an einem langen Tisch, konzentriert über etwas gebeugt, das sie nicht sehen konnte.

»Rigmor, bist du das?« Seine Stimme hatte einen ganz besonderen Klang. Ihre Mutter nervte das, sie sagte, das liege an seinem Deutsch, das einfach nicht verschwinden wolle. Aber Dorrit mochte die Art, wie der Großvater redete.

Die Einrichtung des Raumes unterschied sich stark von der des übrigen Hauses. Hier waren die Wände nicht nackt, sondern fast vollständig bedeckt mit Fotos in allen möglichen Formaten. Sah man genauer hin, erkannte man immer denselben Mann in Uniform, aufgenommen in unterschiedlichen Situationen.

Trotz des Tabakqualms wirkte der Raum heller als das Arbeitszimmer. Hier saß der Großvater also. Seine aufgekrempelten Ärmel entblößten dicke Adern an den Unterarmen. Mit ruhigen, bedächtigen Bewegungen blätterte er einen Stapel Fotos durch, nahm einige heraus und betrachtete sie eingehend. Es wirkte gemütlich, wie er so dasaß, und Dorrit wurde warm ums Herz. Doch als er sich zu ihr umdrehte, war sein sonst so freundliches Gesicht plötzlich ganz verzerrt. Fast so, als hätte er auf etwas Bitteres gebissen.

»Dorrit?« Er erhob sich aus seinem Sessel. Dabei breitete er die Arme aus, als wolle er damit etwas verdecken.

»Entschuldige, Opa, aber ich wusste nicht, wohin ich sonst gehen sollte.« Sie drehte sich zu den Fotos an der Wand um. »Ich finde, der Mann auf den Bildern sieht ein bisschen aus wie du.«

Er sah sie an und schien zu überlegen, was er antworten sollte. Dann ließ er sich in den Sessel zurückfallen und zog sie zu sich auf den Schoß.

»Eigentlich darfst du nicht hier drinnen sein, denn das ist Opas Geheimzimmer. Aber nun bist du mal da.« Er nickte zu den Bildern an der Wand. »Und ja, Dorrit, das stimmt. Das bin tatsächlich ich auf diesen Fotos. Die sind von damals, aus dem Krieg. Als ich jung war und Soldat für Deutschland.«

Dorrit nickte. Er sah flott aus in seiner Uniform. Schwarze Schirmmütze, schwarze Jacke und schwarze Reithose. Alles schwarz. Der Gürtel mit dem Pistolenhalfter, die Stiefel, die Handschuhe. Nur der Totenkopf auf der Mütze und die Zähne des Großvaters leuchteten weiß.

»Bist du Soldat gewesen, Opa?«

»Jawohl. Da oben auf dem Regal siehst du meine Pistole. Eine Parabellum 08, auch ›Luger‹ genannt. Viele Jahre lang mein bester Freund.«

Mit großen Augen sah Dorrit nach oben zu dem Regalbrett. Die Pistole war schwarzgrau und das Halfter daneben braun. Dort lag auch ein schmales Messer in einer Scheide neben einem keulenartigen Ding, das wie ein Schlagholz für Schlagball aussah, nur mit einer Art schwarzen Dose am einen Ende.

»Kann die Pistole richtig schießen?«

»Ja, Dorrit, und das hat sie auch oft getan.«

»Du bist wirklich Soldat gewesen, Opa?«

Er lächelte. »Ja. Dein Opa war ein sehr mutiger und tüchtiger Soldat, der im Zweiten Weltkrieg viel geleistet hat. Du kannst stolz auf ihn sein.«

»Im Weltkrieg?«

Er nickte. Soweit Dorrit wusste, war Krieg nichts Gutes. Nie. Nichts, das einen zum Lachen brachte.

Sie machte einen langen Hals, um zu schauen, womit sich ihr Großvater beschäftigte.

»Nein, Dorritchen, die Fotos schaust du lieber nicht an.« Er legte ihr die Hand in den Nacken und zog sie zurück. »Vielleicht später mal, wenn du groß bist. Für Kinder sind diese Fotos nichts.«

Sie nickte, aber reckte sich weiter, und diesmal hinderte er sie nicht daran.

Ihr Blick fiel auf einen Streifen großformatiger Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Auf dem ersten Bild war ein Mann mit hängenden Schultern zu sehen. Er wurde zu ihrem Großvater gezerrt, der auf dem zweiten Bild die Pistole hob und auf dem dritten auf den Nacken des Mannes zielte.

»Aber, Opa … das habt ihr doch nur gespielt?«, fragte sie stockend.

Behutsam drehte er ihr Gesicht zu sich und sah ihr in die Augen.

»Krieg ist kein Spiel, Dorrit. Man tötet seine Feinde, damit man nicht selbst getötet wird, verstehst du? Hätte sich dein Opa damals nicht verteidigt, würden wir beide jetzt nicht hier sitzen.«

Langsam schüttelte sie den Kopf und zog sich näher an die Tischplatte.

»Und all diese Leute da, die wollten dich töten?«

Sein Blick glitt über die Fotos. Dorrit hatte keine Ahnung, was genau sie darstellten, aber sie fand sie unheimlich. Es waren Bilder von Menschen, die gerade zusammenbrachen. Von Männern und Frauen, die an Stricken baumelten. Einem Mann war mit einer Keule der Hinterkopf zertrümmert worden. Und auf allen Fotos stand ihr Großvater daneben.

»Ja, Dorrit, das wollten sie. Sie waren böse. Aber mach dir keine Sorgen, Schatz. Der Krieg ist vorbei, und es wird auch keinen mehr geben, das verspricht Opa dir. Das ist alles damals zu Ende gegangen. Alles ist vorbei.« Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er sich wieder den Fotos auf dem Tisch zuwandte. Jetzt sah er aus, als würde er sich über ihren Anblick freuen – wahrscheinlich, weil er keine Angst mehr zu haben braucht, dachte sie. Weil er sich nicht mehr gegen seine Feinde verteidigen muss.

»Das ist gut, Opa.«

Da hörten sie Schritte im Nachbarzimmer und konnten gerade noch rechtzeitig aufstehen. Dorrits Großmutter tauchte in der Öffnung zwischen den Regalen auf und starrte sie an.

»Was geht hier vor?« Ihre Stimme klang hart. »Dorrit hat hier drinnen nichts zu suchen, Fritz, da waren wir uns doch einig!«

»Alles in Ordnung, Liebling. Dorrit ist nur kurz gekommen und wollte sowieso gerade gehen. Stimmt’s, Kleine?« Seine Stimme klang sanft, aber seine Augen waren kalt. Wenn du keinen Ärger willst, hältst du den Mund, sagten sie. Dorrit nickte und folgte der Großmutter ins Arbeitszimmer. Sie warf noch einen Blick auf die Wand rings um die Tür. Auf der einen Seite hing eine große rote Fahne mit einem weißen Kreis in der Mitte, den ein sonderbares schwarzes Kreuz fast ganz ausfüllte. Auf der anderen Seite sah sie ein blasses Farbfoto ihres Großvaters, wo er mit hoch erhobenem Kopf den rechten Arm schräg in den Himmel reckte.

Das werde ich nie vergessen, schoss es ihr durch den Kopf – und es war vielleicht das erste Mal in ihrem Leben, dass sie das dachte.

 

»Kümmere dich nicht um das, was Großmutter sagt, ja? Und auch nicht um das, was du bei Großvater gesehen hast. Versprichst du mir das, Dorrit? Das ist alles nur dummes Zeug.«

Nachdem ihre Mutter Dorrits Arme ungeduldig in die Mantelärmel gestopft hatte, ging sie vor der Tochter in die Hocke.

»Wir beide gehen jetzt nach Hause, Schätzchen, und dann vergessen wir das alles, ja?«

»Aber Mama, warum habt ihr euch im Esszimmer so angeschrien? Ist Papa deshalb gegangen, und wo ist er jetzt? Ist er zu Hause?«

Die Mutter schüttelte ernst den Kopf. »Nein. Papa und ich verstehen uns im Moment nicht so gut. Deshalb ist er weggefahren.«

»Und wann kommt er zurück?«

»Ich weiß nicht, ob er zurückkommt. Aber du musst nicht traurig sein, Dorrit. Wir brauchen Papa nicht, Großmutter und Großvater kümmern sich um uns.« Sie lächelte und streichelte ihrer Tochter sanft über die Wange. Ihr Atem roch nach etwas Kräftigem, ein bisschen wie das Zeug, das Großvater manchmal in kleine Gläser einschenkte. »Du bist so ein hübsches und liebes Mädchen. Viel feiner und klüger als irgendein anderes kleines Mädchen auf der Welt. Da kommen wir doch wohl ohne Papa zurecht, meinst du nicht?«

Sie wollte nicken, aber ihr Kopf schien wie festgewachsen.

»Und jetzt schauen wir, dass wir nach Hause kommen. Dann machen wir es uns vor dem Fernseher gemütlich und sehen uns die wundervollen Kleider auf der Hochzeit von Prinz Joachim und seiner hübschen chinesischen Braut an.«

»Und dann wird die Alexandra Prinzessin?«

»Ja, sobald die beiden verheiratet sind. Bis dahin ist sie eine ganz gewöhnliche junge Frau, die sich einen echten Prinzen geangelt hat. Wenn du groß bist, machst du das bestimmt auch, mein Schatz, denn du bist noch viel schöner als Alexandra, und du kannst alles haben, was du willst. Alles auf der Welt. Du wirst sehen: Du wirst später auch mal reich und berühmt, da bin ich ganz sicher.«

Dorrit lächelte. »Aber du bleibst doch immer bei mir, oder, Mama?« Sie freute sich immer, wenn ihre Mutter so gerührt aussah wie jetzt.

»Aber ja, meine Süße. Ich werde immer für dich da sein.«

1

Dienstag, 26. April 2016

Die vergangene Nacht hatte wie immer Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Die Haut war trocken, und die Schatten unter den Augen waren noch dunkler als vorm Schlafengehen.

Denise zog ihrem Spiegelbild eine Grimasse. Der Tag war irgendwie an ihr vorbeigezogen, und seit einer Stunde versuchte sie jetzt schon, die Schäden auszubessern, doch das Ergebnis ließ nach wie vor zu wünschen übrig.

»Du siehst aus und riechst wie ein Flittchen«, äffte sie ihre Großmutter nach.

Die Geräusche aus den Nachbarzimmern kündeten davon, dass es auf den Abend zuging. Die anderen Untermieter wurden langsam munter. Es war der übliche Krach: Flaschen klirrten, man klopfte an Türen, um Zigaretten zu schnorren, und ewig lief jemand zu dem schäbigen Etagenduschbad, das der Mietvertrag als »exklusiv« bezeichnete. Kurz: In einer der heruntergekommenen Straßen von Frederiksstad bereiteten sich ein paar Randexistenzen auf einen weiteren Abend ohne Zweck und Ziel vor.

Denise trat näher an den Spiegel.

»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?« Sie spitzte die Lippen zu einem Kussmund, ließ die Hände über ihre Hüften gleiten, über die Brüste, am Hals entlang und in die Haare. Dann schnipste sie ein paar Flusen von ihrem Pulli, tupfte etwas Make-up auf einen unzulänglich abgedeckten Fleck auf der Stirn und trat zufrieden zurück. Die gezupften und nachgezogenen Brauen und die kräftig getuschten Wimpern unterstrichen das, was sie »Appearance« nannte. Ihre Iris leuchtete einfach intensiver, was ihren Blick tiefer machte und ihr mit wenig Aufwand dieses Extra an Unnahbarkeit verlieh.

Sie war bereit, die Welt in ihren Bann zu schlagen.

»Ich heiße Denise«, hauchte sie mit dunkler Stimme. »Denise.« Dann öffnete sie langsam die Lippen und senkte das Kinn. Die Wirkung war fabelhaft. Gut möglich, dass der eine oder andere es als Zeichen von Unterwerfung begreifen würde, aber tatsächlich war es das genaue Gegenteil. Es war ein todsicheres Mittel, ihr Gegenüber seines Verstandes zu berauben.

»Alles unter Kontrolle.« Mit einem zufriedenen Nicken schraubte sie den Deckel auf die Gesichtslotion und verstaute die Kosmetika im Spiegelschrank.

Ihr Blick wanderte durch das Minizimmer. Verdammt, es würde eine Weile dauern, die herumliegende Wäsche einzusammeln, das Bett zu machen, die Gläser abzuspülen und den Müll und die leeren Flaschen wegzubringen.

Ach, Scheiß drauf, dachte sie, nahm die Bettdecke, schüttelte sie auf, klopfte aufs Kopfkissen und sagte sich, dass ihre Sugardaddies, wenn sie erst bis hierher vorgedrungen waren, auf den Rest pfeifen würden.

Anschließend setzte sie sich auf die Bettkante und unterzog den Inhalt ihrer Handtasche einer raschen Prüfung. Hatte sie alles dabei, was sie brauchte?

Ja, sie war bereit. Die Welt und ihre Lüste konnten kommen.

Da drang ein verhasstes Geräusch an ihr Ohr. Klicke, klack, klicke, klack. Dieses elende Humpeln.

Wieso kommt die jetzt?, dachte sie entnervt, als die Tür vom Treppenhaus zum Korridor aufgedrückt wurde. Ihre Essenszeit war doch lange vorbei.

Sie zählte die Sekunden, und als es an die Zimmertür klopfte, erhob sie sich widerwillig vom Bett.

»Schätzchen!«, rief ihre Mutter. »Willst du mir nicht aufmachen?«

Denise holte tief Luft. Vielleicht ging sie ja wieder, wenn sie nicht antwortete.

»Denise, ich weiß, dass du da bist. Mach bitte auf, ich hab dir was Wichtiges zu sagen.«

Denise ließ die Schultern sacken. »Warum sollte ich? Hast du was zu essen mit raufgebracht?«

»Nein, heute nicht. Sei so gut und komm mit nach unten zum Essen. Deine Großmutter ist da.«

Denise verdrehte die Augen. »Die Alte kann mich mal.«

»Sag so was nicht, Schätzchen. Und lass mich doch bitte einen Moment rein. Ich muss mit dir sprechen.«

»Keine Zeit. Du kannst mir das Essen nachher einfach vor die Tür stellen, okay? Wie sonst auch.«

Bis auf den Typen mit der kalkweißen Haut zwei Zimmer weiter, der seinen »Vorglühtrunk« schon intus hatte und jetzt über sein verpfuschtes Leben lamentierte, war es auf dem Flur still geworden. Vielleicht standen sie ja alle mit gespitzten Ohren hinter ihren Türen? Wundern würde es sie nicht. Aber was scherte es sie? Solange sie ihre Mutter ignorierten.

Denise blendete deren Gequatsche aus und konzentrierte sich auf das Gejammer des Bleichgesichts. Von den Untermietern auf ihrer Etage waren die geschiedenen Männer mit Abstand am peinlichsten. Erbärmliche Loser, die nach ungewaschenen Klamotten stanken und sich pathetisch in ihrer Einsamkeit die Birne vollsoffen. Unglaublich, wo die den Glauben an eine bessere Zukunft hernahmen, so wie sie aussahen!

Denise schnaubte. Und was sie sich herausnahmen! Trauten sich doch tatsächlich, mit Aldi-Fusel an ihre Tür zu klopfen, sie vollzuquatschen und sich Hoffnung auf mehr zu machen.

Als ob sie jemals etwas mit einem Typen anfangen würde, der zur Untermiete hauste.

»Sie hat uns Geld mitgebracht, Denise.« Ihre Mutter gab nicht auf.

Jetzt spitzte Denise die Ohren.

»Aber wenn du nicht mit runterkommst, gibt sie’s uns nicht.«

Eine Weile sagte niemand etwas.

»Und dann haben wir für diesen Monat nichts mehr«, fügte ihre Mutter hitzig hinzu.

»Kannst du noch lauter brüllen, damit es auch ja alle mitkriegen?«, keifte Denise zurück.

»Dir ist klar, dass du zum Sozialamt musst, wenn deine Großmutter uns das Geld nicht gibt?« Jetzt bebte die Stimme der Mutter. »Ich hab deine Miete diesen Monat nämlich noch nicht bezahlt.«

Denise holte tief Luft, ging zum Spiegel und zog die Lippen ein letztes Mal nach. Okay, zehn Minuten würde sie sich den Scheiß der Alten anhören, nicht eine Sekunde länger. Diese ewigen Vorwürfe. Wenn es etwas gab, das sie nicht ausstehen konnte, dann waren es Leute, die an ihr herumnörgelten. Die raubten ihr wirklich den letzten Nerv.

 

In der Wohnung im Erdgeschoss stank es nach Dosenfutter, wie eigentlich immer. Mit Entrecôte war nicht zu rechnen, wenn ihre Mutter einlud, allenfalls gab es mal ein Schnitzel oder Milchreis, wurstförmig in Plastik verpackt und mit überschrittenem Verfallsdatum. Na ja, das passte zu den angelaufenen Silberleuchtern mit den blakenden Paraffinkerzen. Die stammten auch aus einer anderen Zeit.

Die Großmutter hockte wie ein Geier am Tisch, bereit loszuhacken – die Mundwinkel heruntergezogen, eine fragwürdige Duftwolke um sich. Denise hätte echt gern gewusst, welcher Laden mit etwas Selbstrespekt Parfum und Puder in derartiger Qualität anbot.

Jetzt öffneten sich die rissigen roten Lippen. Vielleicht sollte die Grimasse ein Lächeln darstellen, aber so leicht ließ sich Denise nicht täuschen. Sie fing an, bis zehn zu zählen, aber schon bei drei ging das Gezeter los.

»Na also! Konnte sich das Prinzesschen tatsächlich herunterbequemen, um guten Tag zu sagen.«

Zusammengekniffene Augen musterten die Enkelin, spätestens auf Höhe des bauchfreien Oberteils wechselte der Gesichtsausdruck von Missbilligung zu Verachtung.

»Aha, fortgeschrittene Kriegsbemalung. Keiner soll Dorrit übersehen, wie?«

»Ich hab meinen Namen vor zehn Jahren geändert, also nenn mich bitte nicht so.«

»Na gut, da du so nett ›bitte‹ sagst. Ist man von dir ja gar nicht gewohnt. Du findest also, dass dein neuer Name besser zu dir passt? Denise … bisschen französisch, hm? Da könnten einem ja fast die flanierenden Damen auf den Boulevards in den Sinn kommen, du weißt schon, die mit den geschlitzten Kleidern. Ja, hast recht, das passt vielleicht besser.« Sie ließ den Blick wieder von Kopf bis Fuß wandern. »Wie ich sehe, bist du gut gerüstet für die Jagd. Gratuliere zu deinem Tarnaufzug.« Sie ließ einfach nicht locker.

Denise sah, wie ihre Mutter der Alten vorsichtig eine Hand auf den Arm legte, ein Versuch, sie zu mäßigen. Als wenn das jemals gewirkt hätte. Auch an dieser Front hatte ihre Mutter versagt.

»Und was hast du seit dem letzten Mal so getrieben, wenn man fragen darf?«, fuhr die Großmutter fort. »War da nicht etwas mit einer Fortbildung? Oder sogar eine Lehrstelle?« Sie kniff die Augen zusammen. »Nein, Moment, wolltest du dich nicht als Nagelkünstlerin ausprobieren? Ach, bei all den interessanten Ideen komme ich kaum hinterher, hilf mir doch kurz auf die Sprünge.«

Denise verwendete ihre ganze Energie darauf, den Mund zu halten.

Die Großmutter zog die Augenbrauen hoch. »Oder machst du zurzeit vielleicht gar nichts? Oh ja, fürs handfeste Arbeiten bist du dir inzwischen sicher zu fein, stimmt’s?«

Warum fragte sie überhaupt, wenn sie auf alles eine Antwort hatte? Warum saß sie hier mit ihren grauen Strähnen und ihrer verächtlichen Visage? Und was hielt Denise eigentlich davon ab, der Krähe mal ordentlich ins Gesicht zu spucken?

»Denise hat vor, sich zu einem Coaching-Seminar anzumelden«, ging ihre Mutter dazwischen.

Die Metamorphose hätte nicht augenfälliger sein können. Der Mund der Alten klappte auf, die Falten um die Nase glätteten sich, und nach einer kurzen verblüfften Pause setzte ein Gelächter ein, das so tief aus ihrem Inneren aufstieg, dass Denise unwillkürlich erschauderte.

»Ja, Donnerwetter, das ist ja mal ein Plan! Wie spannend! Sich vorzustellen, wie Denise andere coacht. Und bei was, wenn man fragen darf? Wer auf diesem verrückten Erdball wird sich wohl von einer coachen lassen, die nichts anderes kann, als sich herauszuputzen? Da wird die Welt doch glatt stillstehen.«

»Rigmor …«, nahm Denises Mutter einen erneuten Anlauf.

»Lass mich ausreden, Birgit.« Schroff wandte sie sich wieder an Denise. »Ich sag’s jetzt mal ganz unverblümt: Ich kenne niemanden, der so faul, untalentiert und realitätsfern ist wie du, Denise. Sollen wir nicht endlich mal festhalten, dass du nichts kannst, rein gar nichts? Und willst du dir nicht zur Abwechslung mal einen Job suchen, der diesen nicht vorhandenen Fähigkeiten entspricht?« Sie wartete auf Antwort, aber Denise schwieg. Sie wusste, was gleich kommen würde.

»Ich sag es nicht zum ersten Mal, Denise. Du glaubst wohl, es reicht, sich einfach auf den Rücken zu legen, was? Aber so schön bist du nicht, meine Süße. Und dann lass noch fünf Jahre verstreichen …«

Denise holte tief Luft. Nur noch ein paar Minuten, dann war sie weg.

Mit höhnischem Blick wandte sich die Großmutter jetzt ihrer Tochter zu. »Na ja, du warst genauso, Birgit. Hast nur an dich gedacht und niemals das Geringste getan, um weiterzukommen. Was hättest du denn ohne Vater und mich gemacht? Wenn wir dir nicht alles bezahlt hätten, während du auf deinen größenwahnsinnigen Egotrips warst?«

»Ich hab sehr wohl gearbeitet, Mutter.« Der Ton war jämmerlich. Schon seit Jahren verhallten ihre saft- und kraftlosen Proteste im Nichts.

Kopfschüttelnd wandte sich die Großmutter wieder an Denise. »Und du! Du würdest doch nicht mal den dümmsten Hilfsarbeiterjob hinkriegen.«

Denise verschwand in die Küche. Das injizierte Gift breitete sich in ihr aus. Sie platzte fast vor Hass. Was hatte die Alte für verquere Vorstellungen davon, wie alles einmal gewesen war! Und obwohl Denise diese ganze verlogene Scheiße schon zigmal gehört hatte, tat es jedes Mal doch wieder weh – was sie maßlos ärgerte. Aus was für einer guten Familie sie und ihre Mutter angeblich kämen … blablabla. Von den goldenen Jahren, als ihr Großvater mit seinem Schuhladen in Rødovre Geld ohne Ende gescheffelt hatte …

Was für ein Bullshit! Waren die Frauen in der Familie nicht allesamt zu Hause geblieben? Hatten sie nicht einzig und allein für ihre Männer gelebt und sich um den Haushalt und die Kinder gekümmert?

Na klar doch!

»Mutter!«, hörte sie es aus dem Esszimmer. »Du darfst nicht so hart mit ihr sein. Sie …«

»Denise ist siebenundzwanzig und kann nichts, Birgit. NICHTS! Wie wollt ihr zurechtkommen, wenn ich mal nicht mehr bin? Wie stellt ihr euch das vor? Groß erben werdet ihr jedenfalls nicht. Ich hab meine eigenen Bedürfnisse.«

Auch das hatte Denise schon hundertmal gehört. Es war immer dieselbe Platte. Als Nächstes würde es wieder Vorwürfe in Birgits Richtung hageln. Die Großmutter würde sie als »bettelarm und stolz« beschimpfen, als eine wandelnde Niete, die all ihre schlechten Eigenschaften weitervererbt hatte.

Es war zum Kotzen. Wie Denise die keifende Stimme ihrer Großmutter hasste. Und wie sie ihre Mutter für deren Schwäche hasste – und für ihre Unfähigkeit, einen Mann im Haus zu halten, der sie beide versorgt hätte. Und wie sie wiederum ihre Großmutter hasste, weil die genau das gekonnt hatte.

Warum fiel die nicht einfach tot um?

Zurück im Esszimmer sagte Denise kalt: »Ich hau jetzt ab.«

»Ach ja? Dann habt ihr wohl kein Interesse an dem hier …« Die Großmutter zog ein Geldbündel aus ihrer Handtasche und hielt es Mutter und Tochter hin. Tausendkronenscheine.

»Komm schon, Denise, setz dich«, bat ihre Mutter.

»Ja, stärk dich mit dem Papps, den deine Mutter aufgetischt hat, dann hast du eine Grundlage, wenn du dich gleich von deinen Kerlen mit Schnaps abfüllen lässt«, geiferte die Großmutter. »Ein anständiger Mann wird dir so jedenfalls nicht in die Fänge gehen. Schau dich doch an: ein billiges Mädchen mit falschen Haaren und falscher Hautfarbe, falschen Brüsten und falschem Schmuck. Alles unecht! Glaubst du etwa, dass man den Unterschied zwischen echter Eleganz und deinem billigen Putz nicht sieht? Gott, und wenn du dann auch noch den Mund aufmachst. Dann merkt auch der Letzte, was für eine Null du bist!«

»Du hast so dermaßen keine Ahnung!«, zischte Denise.

»Na, dann verrat mir doch, was genau du vorhast. Erzähl es mir, ehe du ›abhaust‹, wie du es so schön nennst. Wie sieht dein Plan aus? Liebäugelst du noch immer damit, Filmstar zu werden, so wie früher, als du noch die kleine Püppi warst? Oder möchtest du lieber in Picassos Fußstapfen treten? Was ist dein neuer Spleen? Ich bin wirklich neugierig. Womit liegst du deiner Sozialarbeiterin diesmal in den Ohren?«

»Halt endlich die Klappe!« Denise lehnte sich über den Tisch. »Halt verdammt noch mal die Klappe! Du bist doch keinen Deut besser! Was zum Teufel kannst du denn schon, außer Gift absondern?«

Erschüttert klammerte sich Denises Mutter an ihrem Stuhl fest. Die Großmutter schien weniger beeindruckt.

»›Halt die Klappe‹? So redest du mit mir? Nicht, dass es mich wundert. Aber ich denke, ich werde meine Unterstützung für euch wohl mal aussetzen. So lange, bis du zu mir nach Hause kommst und dich ausdrücklich entschuldigst.«

Denise schob ihren Stuhl so ruckartig zurück, dass das Geschirr auf dem Tisch klapperte. Sollte sie der Alten den Triumph lassen, mit dem Geld abzuziehen? Never ever!

»Entweder gibst du Mama auf der Stelle das Geld oder ich nehm es mir.«

»Drohst du mir etwa? Ist das der neue Ton?« Die Großmutter stand jetzt ebenfalls auf.

»Bitte, ihr zwei, hört auf. Setzt euch wieder hin«, bettelte Denises Mutter.

Aber sie setzten sich nicht.

Denise wusste genau, wie es weitergehen würde, sie sah das komplette Szenario vor sich. Nie im Leben würde ihre Großmutter Ruhe geben. Im letzten Sommer war sie siebenundsechzig geworden, und so fit, wie sie war, konnte sie locker neunzig werden. Ein endloser Kleinkrieg lag vor ihnen.

Denise kniff die Augen zusammen. »Ehrlich gesagt, Oma, kann ich zwischen dir und uns keinen Unterschied erkennen. Du hast einen dreißig Jahre älteren Deutschen geheiratet, einen ekelhaften, hässlichen Nazi, und hast dich von ihm aushalten lassen. Was bitte schön ist daran besser?«

Da zuckte ihre Großmutter zurück, als hätte jemand eine ätzende Flüssigkeit über ihr ausgegossen.

»Stimmt das etwa nicht?«, schrie Denise, während ihre Mutter lamentierte und die Großmutter zu ihrem Mantel griff. »Was sollen wir deiner Meinung nach tun? So leben wie du? Jetzt gib uns das Geld, verdammt noch mal!«

Sie griff nach den Scheinen, aber die Großmutter hatte sich das Geldbündel blitzschnell unter den Arm geklemmt.

Da machte Denise auf dem Absatz kehrt und knallte die Tür hinter sich zu. Das Gezeter drang bis ins Treppenhaus.

Eine Weile stand sie an die Wand gelehnt da und rang nach Luft, während sie ihre Mutter drinnen winseln hörte. Natürlich vergeblich, wie immer. Und genauso erbärmlich. Nein, erst wenn sie selbst in diesen verdammten Vorort rausfuhr und zerknirscht bei ihrer Oma auf der Matte stand, würden sie die Kohle sehen.

Aber dazu hatte sie einfach keine Lust mehr.

 

Im Tiefkühlfach ihres Minikühlschranks lag eine Flasche Lambrusco, das wusste sie. Mit der spartanischen Ausstattung ihres Untermietzimmers – Handwaschbecken, Spiegel, Bett und ein Kleiderschrank aus laminiertem Pressspan – hatte sie von Anfang an leben können. Aber ohne Kühlschrank nicht, der war ihre erste Anschaffung gewesen und hatte sich längst ausgezahlt, denn nach ein paar Gläsern Wein nahm die Großzügigkeit ihrer Sugardaddies sprunghaft zu.

Sie holte die Flasche aus dem Eisfach. Wie erwartet, war der Lambrusco komplett gefroren, aber der Korken hielt. Eine schöne, schwere Flasche – wie gut, wenn man so was im Haus hatte.

2

Freitag, 13. Mai 2016

Rose brachte die Vespa zweihundert Meter vor der roten Ampel zum Stehen.

Sie konnte sich nicht mehr an den Weg erinnern, obwohl sie die Strecke nun schon jahrelang fuhr. Aber heute kam ihr alles fremd vor.

Sie sah sich um. Erst vor zehn Minuten war ihr in Ballerup dasselbe passiert. Irgendwie schien die Verbindung zwischen Wahrnehmung und Gehirn kurzzeitig auszusetzen. Und gleichzeitig spielte ihr das Gedächtnis einen Streich. Natürlich wusste sie, dass sie mit ihrer kleinen Vespa nicht durch die Unterführung auf die Bispeengbuen-Schnellstraße fahren durfte. Aber wo musste sie noch mal abbiegen? Gab es ein Stück weiter eine Straße, die zur Borups Allé führte? Vielleicht rechts?

Verwirrt stützte sie sich mit den Zehenspitzen auf dem Boden ab und presste die Lippen zusammen. »Was ist los, Rose?«, sagte sie laut, worauf ein Passant stehen blieb, um dann kopfschüttelnd weiterzugehen.

Ihr war speiübel, frustriert hustete sie ein paarmal. Der Verkehr brandete um sie wie ein unverständliches Chaos aus Puzzleteilen, die sich bekriegten. Dazu die lauten Motoren und das Farbengewimmel der vielen Autos. Ihr brach der kalte Schweiß aus.

Sie schloss die Augen und versuchte, sich fieberhaft an das zu erinnern, was sich nicht automatisch einstellen wollte. Kurz erwog sie, umzukehren und heimzufahren. Aber dann müsste sie die Straße überqueren, und wie sollte sie das anstellen? Und überhaupt, konnte sie sich denn an den Heimweg entsinnen? Sie schüttelte den Kopf. Außerdem war sie inzwischen sicher näher beim Polizeipräsidium als bei ihrer Wohnung. Nein, das machte keinen Sinn.

In diesem benebelten Zustand befand sich Rose schon seit mehreren Tagen. Gerade kam es ihr vor, als wenn ihr Körper zu klein sei für alles, was er in sich trug. Als fände ihr Gedankenchaos nicht mal in mehreren Gehirnen Platz. Wenn es ihr so ging und sie anfing, sonderbare Dinge zu tun, nur um einem drohenden Kurzschluss zu entgehen, brach sie irgendwann zusammen, das wusste sie.

Sie biss sich in die Wange, bis es blutete. Ob die Klinik in Glostrup sie nach dem letzten Mal vielleicht zu früh entlassen hatte? Eine ihrer Schwestern hatte das jedenfalls angedeutet, und Assads besorgte Miene hatte auch Bände gesprochen. Hatte ihre Schwester recht gehabt? War die Ursache für ihren Zusammenbruch vielleicht gar kein peinlicher Mix aus Depression und Persönlichkeitsstörung gewesen? War sie in Wahrheit vielleicht ganz einfach verrü…?

»Hör sofort auf damit, Rose!«, rüffelte sie sich, und wieder drehte sich ein Fußgänger nach ihr um.

Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. Man hatte ihr eingeschärft, ihren behandelnden Psychiater anzurufen, wenn irgendetwas auf einen Rückfall deutete. Aber war das, was gerade mit ihr geschah, ein Rückfall? War sie nicht einfach nur hoffnungslos überarbeitet? Übermüdet? War das nicht einfach nur Stress?

Rose blickte nach vorn und erkannte die breite Treppe der Bellahøj-Schwimmhalle und die Hochhäuser im Hintergrund. Erleichtert seufzte sie auf und startete die Vespa erneut.

Alles schien wieder normal zu funktionieren. Aber wenige Minuten später überholte sie ein Radfahrer.

Rose sah auf den Tacho. Sie fuhr neunzehn! Offenbar hatte sie nicht mal den Gashebel unter Kontrolle.

Puh, heute musste sie echt aufpassen. Möglichst für sich bleiben und versuchen zu entspannen.

Mit zittrigen Fingern wischte sie sich über die Stirn, dann blickte sie sich um. Hauptsache, sie wurde jetzt nicht ohnmächtig.

 

An guten Tagen gefielen ihr der imposante Bau und die helle Fassade des Präsidiums. Aber an Tagen wie diesem empfand sie den Bau als hässlichen grauen Klotz, und der Säulengang kam ihr vor wie ein bedrohlicher dunkler Schlund.

Sie grüßte den Wachposten nicht wie sonst und registrierte im Treppenhaus auch nicht den aufmunternden Blick von Lis, der Sekretärin. So ein Tag war das.

In den Kellerräumen des Sonderdezernats Q war es still. Kein Mief von Assads Kräutertee, keine laut gedrehten TV2 News auf Carls protzigem Flachbildschirm und kein verwirrter Gordon.

Noch niemand da, Gott sei Dank, dachte sie und wankte in ihr Büro.

Schwerfällig ließ sie sich hinter dem Schreibtisch nieder und presste das Zwerchfell an die Tischkante. Manchmal half das. Dann überlagerte der unangenehme Druck das Gefühl, sich nicht unter Kontrolle zu haben. Denselben Effekt hatte es, wenn sie sich die Faust in den Solarplexus drückte.

Doch heute funktionierte beides nicht. Freitag, der dreizehnte. Was konnte man da erwarten?

Rose stand auf und schloss die Tür zum Flur. Vielleicht glaubten die anderen dann, dass sie nicht da war.

Das verschaffte ihr Ruhe.

Etwas jedenfalls.

3

Montag, 2. Mai 2016

Sobald sie das Sozialamt betrat, bekam sie so einen Hals! Allein schon der Name: Sozialamt! Folterkammer, Bettelbüro oder Demütigungszentrum müsste das Ding heißen. Aber wer im öffentlichen Dienst nannte die Dinge schon beim Namen?

Michelle war seit Jahren in diesem erniedrigenden System unterwegs. Zuerst in der Matthæusgade, dann draußen am Gammel Køge Landevej, am Arsch der Welt, und jetzt wieder in Vesterbro. Und überall stellte man dieselben Forderungen an sie, überall herrschte die gleiche muffige Atmosphäre. Da halfen auch die neuen glänzenden Tresen mit den großen bunten Zahlen nichts und die vielen frisch installierten Computer – die standen so demonstrativ herum, als wollten sie einen auffordern, doch am besten gleich selbst die Arbeit der Angestellten zu erledigen. So weit kam’s noch.

Die Leute, denen sie hier begegnete, konnte man komplett vergessen. Allesamt schäbig und geschmacklos gekleidet, mit Klamotten, die sie noch nicht mal vernünftig zu kombinieren verstanden. Und dann glotzten die anderen sie an, als wäre sie eine von ihnen. Dabei ging sie nie vor die Tür, ohne sich vorher zurechtzumachen. Ohne sich die Haare zu waschen und zu überlegen, welche Ohrringe am besten passten. Auf den Gedanken käme sie gar nicht, egal, was passierte.

Hätte sie heute nicht Patrick dabeigehabt, wäre sie gleich an der Eingangstür wieder umgedreht – obwohl sie natürlich wusste, dass das nicht gegangen wäre. Sie brauchte ja die Urlaubsgenehmigung, da hatte Patrick schon recht.

Patrick war Elektriker und Michelles heißeste Trophäe. Falls sich jemand fragte, wer sie wohl war, musste er bloß Patrick anschauen. Patrick verlieh ihr eine Art Status. Imposanter, athletischer und schöner tätowiert als Patrick konnte man nicht sein. Allein diese glänzenden dunklen Haare. Und wenn er dann noch sein Slim-Fit-T-Shirt trug! Das musste man sich figurmäßig echt leisten können.

Jetzt saßen sie beide dieser dämlichen Sachbearbeiterin gegenüber. Anne-Line Svendsen. Wie konnte man bloß Anne-Line heißen? Was für ein bekloppter Name! Und das Absurde: Egal zu welcher neuen Adresse Michelles Sozialamt umgezogen war, die Svendsen war wie ein Gespenst schon da. Irgendwann hatte im Warteraum mal jemand gesagt, sie hätte letztes Jahr zwei Millionen im Lotto gewonnen. Aber wenn das stimmte, warum saß sie dann noch immer hier? Warum zum Teufel war sie dann nicht aus Michelles Leben verschwunden?

Das Pseudometallschild auf dem Schreibtisch wiederholte den Namen noch einmal, Anne-Line Svendsen. Seit zwanzig Minuten starrte Michelle jetzt schon darauf. In den letzten fünf hatte sie der Frau überhaupt nicht mehr zugehört.

»Stimmen Sie dem zu, Michelle, was Patrick eben gesagt hat?«, hatte Anne-Line Svendsen sie zwischendurch gefragt.

Michelle hatte mechanisch genickt. Wieso denn nicht? Patrick und sie waren doch in fast allem einer Meinung.

»Das ist gut, Michelle«, sagte die Sozialtante jetzt. »Dann sind Sie also einverstanden, dass wir Sie als Aushilfe an Berendsen vermitteln?«

Michelle runzelte die Stirn. Deshalb waren sie doch nicht hier. Sie waren doch hier, um dieser Frau klarzumachen, dass sie mit dem Druck auf dem Arbeitsmarkt nicht zurechtkam. Und um zwei Wochen Urlaub zu beantragen. Wie oft hatten sie und Patrick ihr das mit dem Druck und Stress nicht schon erklärt? Aber irgendwie schien sie das nicht zu kapieren. Na ja, wer im Lotto gewann und trotzdem noch hier saß …

»Bei Berendsen? Äh nein, das glaube ich nicht«, antwortete sie.

Michelle warf Patrick einen auffordernden Blick zu, aber der sah sie nur durchdringend an.

»Was ist Berendsen denn eigentlich?«, fragte sie schließlich. »Stellen die Klamotten her?«

Anne-Line lächelte. Das sollte sie mit ihrem vom Rotwein verfärbten Gebiss lieber bleiben lassen. Hatte wohl noch nie davon gehört, dass man Zähne bleichen konnte.

»Tja, na ja, mit Stoff im weitesten Sinne arbeiten sie schon«, antwortete sie.

War das etwa ein nachsichtiges Lächeln?

»Berendsen ist eine sehr renommierte Firma. Großwäscherei und Mietwäscheservice. Die Kunden sind in erster Linie Kliniken.«

Michelle schüttelte den Kopf. So etwas hatten Patrick und sie mit Sicherheit nicht abgesprochen.

Anne-Line Svendsen zog die ungepflegten Augenbrauen hoch. »Michelle, kann es sein, dass Ihnen der Ernst der Situation nicht ganz klar ist?«

Dann wandte sie sich an Patrick. »Sie leben doch zusammen, insofern gehe ich davon aus, dass Sie wissen, dass Michelle seit einem knappen halben Jahr unberechtigterweise Wohngeld bezieht. Wir nennen das Sozialbetrug. Eine sehr ernste Angelegenheit, wie Sie sich denken können.«

Patrick schob die Ärmel hoch. Die Haut war nach den letzten Tätowierungen noch immer geschwollen.

»Das muss ein Missverständnis sein, wir leben nicht zusammen. Nicht richtig jedenfalls. Michelle hat ein Zimmer in Vanløse.«

Diese Information schien die Sachbearbeiterin nicht im Geringsten zu beeindrucken. »Heute Vormittag habe ich mit der Familie am Holmestien telefoniert, die Ihnen, Michelle, das Zimmer vermietet hatte. Sie sagen, dass das Mietverhältnis vor fünf Monaten gekündigt wurde, insofern wohnen Sie ja wohl bei Patrick, oder irre ich mich? Nur damit Sie es wissen, Patrick, wir werden für diesen Zeitraum Ihr Gehalt pfänden. Und die Sache hat selbstverständlich ein Nachspiel. Aber Sie kennen vermutlich die neuen Bestimmungen.«

Patricks Gesicht war dunkelrot vor Wut, als er sich zu Michelle umdrehte.

»Aber … also …« Michelle runzelte die Stirn, wurde sich aber sofort bewusst, dass das bestimmt nicht gut aussah. »Eigentlich sind wir doch wegen der Urlaubsgenehmigung hier. Wir haben einen irre günstigen Last-Minute-Flug an der Hand, genau für die zwei Wochen, in denen Patrick freimachen kann, deshalb …« Michelle hielt inne und biss sich auf die Lippe.

Dass sie das Zimmer gekündigt hatte, war ein Fehler gewesen, das dämmerte ihr jetzt. Oder jedenfalls war es blöd gewesen, dass sie Patrick nichts davon gesagt hatte. Das würde noch ein Nachspiel haben, das ahnte sie. Bisher hatte Patrick noch nie die Hand gegen sie erhoben, was einer der Gründe war, weshalb sie sich an ihn hielt. Aber im Augenblick sah es so aus, als könne sich das ändern.

»Nun, Michelle, ich glaube, das Urlaubsthema steht gerade nicht zur Diskussion. Ich sehe Patrick an, dass Sie wohl vergessen haben, ihm von der Kündigung zu erzählen, oder?«, bohrte die Svendsen nach.

Michelle nickte fast unmerklich. Patrick stand abrupt auf und stellte sich vors Fenster. Sofort schien es im Raum dunkler zu werden. »Da muss ein Irrtum vorliegen«, erklärte er mit gerunzelter Stirn. »Ich fahre raus zu der Familie und frage, was da los ist.«

Er wandte sich an Michelle.

»Du bleibst noch und redest mit Frau Svendsen über den Job, den sie dir angeboten hat?« Das war keine Frage, das war ein Befehl, da gab’s kein Vertun. Er war sauer.

Sie presste die Lippen zusammen, als er die Tür hinter sich zuknallte. Wie fies von ihm, sie in dieser Situation hier hängenzulassen. Hätte sie geahnt, dass das Sozialamt die Wohnverhältnisse überprüft, dann hätte sie das Zimmer doch behalten. Was zum Teufel sollte sie jetzt tun? Sie konnte nicht auf das Geld verzichten. Erst recht nicht, wenn jetzt noch ein Bußgeld oder so dazukam.

Hoffentlich konnte Patrick die Familie bequatschen. Vielleicht konnte sie das Zimmer ja wieder anmieten. Vielleicht gingen sie sogar mit der Miete runter, achtzehnhundert Kronen waren ja ganz schön üppig. Dann bliebe ihr eine Differenz zum Wohngeld, die sie für sich nutzen könnte. Deshalb hatte sie das doch überhaupt nur getan. Patrick kam es doch schließlich auch zugute, wenn sie zum Friseur gehen konnte und schicke neue Unterwäsche trug.

 

Zehn Minuten später setzte sich Michelle in den Warteraum, um erst mal runterzukommen und ein bisschen nachzudenken. Wegen dieser Sache mit dem Sozialbetrug würden mit Sicherheit Nachforschungen angestellt, daraus hatte die Svendsen kein Hehl gemacht. Außerdem sollten sie eine Stange Geld zurückzahlen, aber die genaue Summe hatte sie sich nicht angehört, das hätte sie heute nicht verkraftet. Warum hatte sich die Svendsen so in die Sache verbissen? Bloß weil sie diesen Scheißjob in der Wäscherei nicht annehmen wollte?

Aber sorry, wer stand denn bitte morgens um vier auf und fuhr mit der S-Bahn nach Helsingør, um in der dreckigen Bettwäsche fremder Leute zu wühlen? Fremder kranker Leute obendrein, denn die Firma arbeitete ja wohl hauptsächlich für Kliniken. Wer wusste denn, was die gehabt hatten? Was für ansteckende Krankheiten? Womöglich tödliche. Hepatitis und Ebola und so was. Allein schon bei dem Gedanken wurde ihr übel.

Nein, das konnten sie nicht von ihr verlangen. Das war unzumutbar.

»Was stellen Sie sich denn dann vor, Michelle?«, hatte die Svendsen total schnippisch gefragt. »Sie sind bislang mit keinem einzigen der Jobs klargekommen, die wir Ihnen angeboten haben – und das waren nicht wenige. Sie haben auch an keiner der Fortbildungen teilgenommen, zu denen wir Sie geschickt haben. Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, was Leute wie Sie, die nicht den geringsten eigenen Beitrag leisten, unsere Gesellschaft kosten? Und jetzt wollen Sie auch noch Urlaub machen, und zwar von dem Geld, das Sie sich unrechtmäßig angeeignet haben?«

Meine Güte, was für eine Zicke. Warum war die bloß so verbissen drauf? Was hatte sie ihr denn getan? Begriff sie nicht, dass andere Menschen eben anders tickten? Und dass sie, Michelle, durchaus ihren Beitrag leistete: indem sie zum Beispiel Patricks Wohnung in Schuss hielt, tipptopp, sauber machte, aufräumte, die Wäsche erledigte. Sogar ein bisschen kochen konnte sie. Und sie kaufte ein. War das etwa nichts?

»Für so was kriegst du keine Kohle vom Sozialamt, Michelle, das interessiert die nicht«, hatte Patrick gesagt. Als wüsste sie das nicht selbst. Aber ungerecht war es trotzdem, schließlich waren ihre Mutter und ihre Tante auch immer Hausfrauen gewesen und hatten für ihre Männer gesorgt. Warum bitte sollte das bei ihr nicht gehen?

Ihr Blick fiel auf die schicken Wildlederstiefel, die sie, um nett auszusehen, extra für diesen Anlass gekauft hatte. Und was hatte es genützt? Michelle atmete tief durch. Wie sie das alles nervte!

Mit ihrem perfekt lackierten Fingernagel kratzte sie einen kleinen Fleck von ihrer Hose und strich die Blusenärmel glatt. Ein Reflex, der immer dann einsetzte, wenn ihr Kopf den Ereignissen nicht mehr richtig zu folgen vermochte.

Gott, konnte die Svendsen nicht einfach vor ein Auto laufen?

Michelle ließ ihren Blick durch den Warteraum schweifen. Kaum ein Stuhl, der nicht von einem Idioten besetzt war. Die hingen da rum mit ihren ausgelatschten Schuhen und beknackten Mützen und sahen einfach nur scheiße aus. Die waren doch schuld, dass die öffentliche Hand für jemanden wie sie, Michelle, kein Geld mehr übrig hatte. Menschen wie sie, die keinem was taten, die nicht tranken und nicht fett waren und ins Krankenhaus mussten, die sich keine Spritzen reinjagten oder andere Leute beklauten. Wer von denen, die hier saßen, konnte das von sich sagen? Wer von denen hielt seinen Haushalt so gut in Schuss wie sie? Der Gedanke war so absurd, dass sie laut auflachte.

In dem Moment kamen zwei etwa gleichaltrige junge Frauen herein, die im Vergleich zu allen anderen ganz okay wirkten. Jedenfalls trugen sie gute Klamotten und tolles Make-up.

Als die zwei ihre Wartenummern gezogen hatten, sahen sie sich um und steuerten auf die beiden letzten leeren Plätze in der Ecke zu, direkt neben Michelle.

Sie tauschten respektvolle Blicke.

»Wartest du auch?«, fragte die eine, und fünf Minuten später schwatzten sie, als würden sie sich schon ewig kennen.

Sie hatten so viel gemeinsam, es war echt unglaublich! Und so wurde ihre Ecke im Warteraum plötzlich zum Zentrum für guten Geschmack. Enge helle Jeans und Tops von H&M oder Mango, Schmuck von Tiger oder aus den angesagten kleinen Boutiquen in den Nebenstraßen, dazu sorgfältig eingesetzte Extensions im Haar und High-Heel-Stiefeletten – aber klar, zwischendurch gingen auch mal Ugg-Boots und ein bisschen Kunstpelz, da waren sie sich einig. Es war wirklich irre, wie viele Gemeinsamkeiten sie hatten.

Und noch etwas anderes teilten sie, womit Michelle nun überhaupt nicht gerechnet hatte: Sie waren es alle drei dermaßen leid, vom System herumkommandiert und ständig neuen Schikanen ausgesetzt zu werden. Und dann hatten sie doch ungelogen auch noch alle drei die unsägliche Anne-Line Svendsen als Sachbearbeiterin.

Michelle hatte sich lange nicht so gut unterhalten. Als sie aufblickte, sah sie, wie sich schräg gegenüber eine junge Frau hinsetzte. Sie hatte extrem schlechte Haut, eine Irokesenfrisur und um die Augen fette schwarze Striche. Machte einen auf Punk, ganz in Leder, einfach nur hässlich. Irgendwie angestrengt starrte sie rüber zu ihnen, als wäre sie neidisch oder so. Dazu hast du auch allen Grund, dachte Michelle. Die Frau konnte die Beine nicht stillhalten, ihre Füße waren unablässig in Bewegung, als trampelte sie auf dem Pedal einer Bass Drum herum. War die auf Speed oder so? Ihr Blick jedenfalls wurde immer stumpfer. Brauchte die eine Zigarette? Das zumindest hätte Michelle nachvollziehen können.

»Krass, dass sich jemand hier mit Schlampen wie euch abgibt«, blaffte die Lederfrau völlig unvermittelt los, und zwar eindeutig in ihre Richtung. »Echt, verglichen mit euch ist doch Scheiße noch Gold.«

Die Frau neben Michelle, die sich als Jazmine vorgestellt hatte und eigentlich echt cool wirkte, zuckte zusammen und schien sich unsichtbar zu machen auf ihrem Stuhl. Aber die andere, Denise, zeigte der Lederbraut ganz ungerührt den Stinkefinger.

»Scheiße ist sich selbst am ähnlichsten, heißt es, und das erste Land, das die Nazis besetzten, war ihr eigenes«, zischte sie. »Aber da, wo du herkommst, weiß man so was natürlich nicht!«

Michelle schüttelte den Kopf. Das war ja eine merkwürdige Antwort.

Im Bruchteil einer Sekunde war die Luft zwischen ihnen wie elektrisch geladen. Die Ledertussi sah aus, als sei bei ihr mit allem zu rechnen, wirklich mit allem. So langsam wurde es Michelle unbehaglich.

Da wurde eine Nummer aufgerufen, und Jazmine atmete hörbar auf, als die Aggrofrau aufstand. Aber der Blick, mit dem sie die drei auf dem Weg zu ihrer Sachbearbeiterin bedachte, ließ sie gleich wieder erstarren.

»Gott, was ist denn das für eine Gruseltante? Du scheinst sie zu kennen«, sagte Denise zu Jazmine.

»Das ist jedenfalls keine, der man den Stinkefinger zeigen sollte, das kann ich dir sagen. Wohnt zwei Straßen weiter und kommt aus Island. Heißt Birna und ist total krank im Kopf. Total krank.«

4

Freitag, 13. Mai 2016

»Ja, genau so war das. Ich hab ihr mit der Eisenstange eins über den Kopf gezogen. Klar hat sie aufgeheult, aber das war mir in dem Moment egal, ich hab einfach weiter draufgehauen.«

Carl klopfte die Zigarette ein paarmal auf den Handrücken, führte sie zum Mund und legte sie wieder weg.

Mit zusammengekniffenen Augen sah er sich den Ausweis an, den ihm der Mann unaufgefordert gegeben hatte. Zweiundvierzig war er, wirkte aber mindestens fünfzehn Jahre älter.

»Okay, Sie haben sie also geschlagen und sie hat geschrien. Wie fest haben Sie denn zugeschlagen, Mogens? Können Sie mir das zeigen? Stehen Sie doch mal auf und zeigen es mir.«

»Sie meinen, ich soll in die Luft schlagen und so tun, als hätte ich die Eisenstange in der Hand?«, fragte sein Gegenüber verblüfft.

Carl nickte. Er unterdrückte ein Gähnen, als sich der Typ zögernd erhob. Er bot einen ziemlich trostlosen Anblick. Schmächtig, fahle Haut, das Hemd schief zugeknöpft, und die Hose schlotterte um die Hüften.

»Nun schlagen Sie mal zu, Mogens, genau so, wie Sie es bei ihr getan haben.«

Der Mann knautschte vor lauter Konzentration das Gesicht zusammen. Dann nahm er seine imaginäre Waffe und holte aus.

Als der Energieschub kam und er endlich zuschlug, riss er die Augen auf, als sähe er einen zusammensackenden Körper vor sich. Er zitterte am ganzen Leib und wirkte abartig euphorisch dabei.

»So war’s«, erklärte er dann und grinste erleichtert.

»Danke, Mogens. Genau so haben Sie also die junge Lehrerin von der Privatschule in der Parkanlage Østre Anlæg erschlagen, Bolmans Friskole? Sehe ich das richtig? Und dann fiel sie vornüber, mit dem Gesicht nach unten?«

Mogens Iversen nickte und sah Carl voller Reue an. Wie ein unartiges Kind.

»Assad, komm doch bitte mal!«, rief Carl in den Flur.

Von draußen war kräftiges Prusten und Stöhnen zu hören.

»Und bring einen mexikanischen Kaffee mit. Ich glaube, Mogens Iversen ist durstig geworden.« Er beobachtete den Mann, dessen Gesichtsausdruck mechanisch zwischen kumpelhaft-konspirativ und verhalten dankbar wechselte.

»Aber check vorher noch, welche Infos wir zu dem Mord an einer gewissen Stephanie Gundersen von 2004 haben«, ergänzte er.

Dann nickte er dem Mann zu, der ihm vertraulich zublinzelte. In diesem Augenblick, das strahlten die Augen des Mannes aus, waren sie so etwas wie Kollegen. Zwei Seelen in fruchtbarer Zusammenarbeit, um einen alten Mord aufzuklären. Nicht weniger als das.

»Und dann, als sie auf dem Rasen lag, haben Sie sie wieder geschlagen. Stimmt das, Mogens?«

»Ja. Sie schrie, aber ich schlug noch drei- oder viermal drauf, und dann hörte sie irgendwann auf. So genau erinnere ich mich nicht mehr, das ist ja immerhin zwölf Jahre her.«

»Sagen Sie, Mogens, warum gestehen Sie die Tat eigentlich? Und warum erst jetzt?«

Der Blick wich aus. Die zitternde Unterlippe gab die Sicht frei auf ein paar schauerliche Zähne im Unterkiefer, die Carl zu seinem Ärger daran erinnerten, dass ihn sein Zahnarzt schon drei Mal vergeblich zur jährlichen Prophylaxe einbestellt hatte.

Es war nicht zu übersehen, dass der Mann mit sich rang, so wie sein Zwerchfell bebte.

»Ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten, mit dem Wissen herumzulaufen«, erklärte er, und jetzt zitterte das Kinn. Gleich fängt er an zu heulen, dachte Carl.

»Das kann ich gut verstehen, Mogens. Es muss schwer sein, sich mit dem Wissen um einen Mord alleine herumzuplagen«, erklärte er, während er die Ausweisnummer des Mannes in die Datenbank eingab.

Mogens Iversen nickte dankbar.

»Ich sehe, dass Sie in Næstved wohnen. Das ist ja ein ganzes Stück von Kopenhagen entfernt – und auch vom Tatort, sollte ich vielleicht ergänzen.«

»Ich hab nicht immer in Næstved gewohnt.« Es klang fast wie eine Verteidigung. »Früher hab ich in Kopenhagen gewohnt.«

»Aber warum sind Sie dann bis hierher gefahren? Sie hätten Ihr Geständnis doch ebenso gut bei der örtlichen Polizei ablegen können?«

»Weil ihr doch die mit den alten Fällen seid. Es ist zwar lange her, dass ich über euch in der Zeitung gelesen hab, aber ihr seid es doch immer noch, oder?«

Carl runzelte die Stirn. »Sie lesen viel Zeitung, Mogens?«

Iversen straffte die Schultern und gab sich seriös. »Ist es nicht eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber, unterrichtet zu sein und die Pressefreiheit wertzuschätzen?«, entgegnete er.

»Die Frau, die Sie erschlagen haben … warum haben Sie das getan? Kannten Sie sie? Sie haben doch wohl kaum etwas mit der Bolmans Friskole zu tun gehabt?«

Iversen wischte sich über die Augen. »Sie ging halt gerade vorbei, als es über mich kam.«

»Über Sie kam? Passiert Ihnen das oft, Mogens? Denn falls Sie noch andere Menschen getötet haben, wäre jetzt die Gelegenheit, Ihr Gewissen zu erleichtern.«

Ohne eine Miene zu verziehen, schüttelte Iversen den Kopf.

Carl blickte auf den Bildschirm. Die Seite zeigte aufschlussreiche Informationen über den Mann. Carl hatte keinen Zweifel, was Mogens Iversen ihm als Nächstes auftischen würde.

Assad kam ins Zimmer und legte eine dünne Akte auf den Schreibtisch. Er sah nicht wirklich glücklich aus.

»Auf dem Gang sind gerade vier weitere Regalbretter runtergekracht, Carl. Wir müssen dringend anbauen, das Zeug ist inzwischen einfach zu schwer.«

Carl nickte. Jaja, Papier hier, Papier da, Papier überall. Wenn es nach ihm ginge, konnte das meiste davon sowieso verbrannt werden.

Er öffnete die Akte. Viel hatten sie hier im Keller nicht zum Fall Stephanie Gundersen. Demnach betrachtete die Mordkommission die Tat vermutlich noch immer als ihre Angelegenheit.

Er schlug die letzte Seite auf, las die untersten Zeilen und nickte vor sich hin.

»Assad, du hast den Kaffee vergessen«, sagte er mit Blick auf die Akte.

»Für ihn hier?«

Carl blinzelte ihm zu. »Und mach ihn ruhig etwas stärker, das kann er bestimmt brauchen.« Dann wandte er sich wieder an Iversen. »Der Akte entnehme ich, dass Sie verschiedentlich im Präsidium waren und Geständnisse zu anderen Fällen abgelegt haben.«

Der Mann nickte schuldbewusst.

»Und jedes Mal war Ihr Wissen über den Tathergang so lückenhaft, dass man Sie mit dem Rat nach Hause geschickt hat, sich psychologische Hilfe zu suchen und nie mehr wiederzukommen.«

»Hm, okay. Aber dieses Mal war ich’s, darauf können Sie sich verlassen.«

»Und warum haben Sie sich nicht einfach oben bei der Mordkommission gemeldet und denen das erzählt? Weil man Sie dort mit denselben Worten wie die letzten Male nach Hause geschickt hätte, stimmt’s?«

Carls Verständnis schien Iversen zu begeistern. »Ja, das hätten die mit Sicherheit gemacht.«

»Und? Haben Sie in der Zwischenzeit einen Psychologen aufgesucht?«

»Ja, mehrere. Ich war auch in der Klinik Dronninglund und so.«

»Und so …?«

»Na ja, Psychopharmaka halt, das volle Programm.« Er klang fast ein bisschen stolz.

»Tja, leider muss ich Ihnen jetzt aber sagen, dass Sie auch von mir keine andere Antwort bekommen als die, die Sie schon von oben kennen. Sie sind krank, Mogens, und wenn Sie hier weiter mit falschen Geständnissen aufkreuzen, werden wir Sie festnehmen müssen. Ich bin mir sicher, dass Ihnen ein weiterer Klinikaufenthalt helfen könnte, aber das müssen Sie natürlich selbst entscheiden.«

Mogens Iversen runzelte die Stirn. Carl wollte sich lieber nicht ausmalen, was hinter dieser Stirn gerade abging: Wahrscheinlich mischten sich Lügenmärchen mit einer Messerspitze von Fakten, die er irgendwo aufgeschnappt hatte, einer Prise aufrichtiger Reue und einem Schuss Verzweiflung. Aber warum? Carl hatte Menschen wie Mogens nie verstanden.

»Ganz offensichtlich haben Sie uns hier unten im Keller falsch eingeschätzt, Mogens, deshalb verrennen Sie sich jetzt besser nicht noch weiter. Ehrlich gesagt war alles, was Sie bisher gesagt haben, falsch: die Beschreibung des Tathergangs, die Anzahl der Schläge, die Schlagrichtung, die Lage ihres Körpers auf dem Boden, nichts davon stimmte. Sie haben mit diesem Mord nichts zu tun, und jetzt fahren Sie bitte hübsch zurück nach Næstved.«

»Hallo, hier kommt ein wunderschönes kleines Tässchen mexikanischer Kaffee«, trällerte Assad und stellte Mogens Iversen die Tasse hin. »Zucker?«

Mogens nickte benommen. Er wirkte wie jemand, den man auf der Zielgeraden des Orgasmus gestört hatte.

»Das ist eine schöne Stärkung für die Rückfahrt«, sagte Assad lächelnd. »Aber Sie müssen ihn in einem Zug trinken. Dann wirkt er noch besser.«

Misstrauisch beäugte der Mann die Tasse.

»Wenn Sie nicht trinken, nehme ich Sie wegen Falschaussage fest, Mogens.« Carl bemühte sich jetzt, richtig streng zu klingen.

Gleichzeitig beugten er und Assad sich vor und beobachteten Mogens’ zögernden Griff nach der Tasse.

»Auf ex!«, drohte Assad.

Während der Kaffee verschwand, hüpfte der Adamsapfel ein paarmal auf und ab.

Dann blieb ihnen nur noch abzuwarten. Der arme Kerl.

 

»Wie viel Chili hast du reingetan, Assad?«, fragte Carl, nachdem sie die letzten Spuren vom Tisch abgewischt hatten.

Assad zuckte die Achseln. »Nicht so viel, aber es war ganz frischer Carolina Reaper.«

»Und der ist besonders stark?«

»Ja, hast du doch gesehen.«

»Kann man davon sterben?«

»Unwahrscheinlich.«

Carl lächelte. Mogens Iversen würde sie mit Sicherheit kein weiteres Mal belämmern.

»Carl, soll ich einen Bericht über das sogenannte Geständnis des Mannes schreiben?«

Carl schüttelte den Kopf, während er weiter in den Unterlagen blätterte. »Das war einer von Marcus Jacobsens Fällen, sehe ich gerade. Schade für ihn, dass er den nie aufklären konnte.«

Assad nickte. »Hat man überhaupt je rausgefunden, mit welcher Waffe die Frau erschlagen wurde?«

»Soweit ich sehen kann, nicht. Mit irgendeinem stumpfen Gegenstand, steht da. Wäre ja nicht das erste Mal, dass die Tatwaffe unbekannt geblieben ist.«

Carl klappte den Ordner zu. Wenn die Zeit reif war und die Mordkommission den Fall zu den Akten legte, wäre es mal wieder an ihnen, diesen ganzen Kram herauszufinden.

Aber alles zu seiner Zeit.

5

Montag, 2. Mai 2016

Anne-Line Svendsen gehörte nicht unbedingt zu den fröhlichsten Kindern Gottes, und dafür gab es verschiedene Gründe. Zwar hatte die Natur sie durchaus passabel ausgestattet – mit einem klugen Kopf, einigermaßen hübschen Zügen und einem Körper, nach dem sich seinerzeit die Männer den Hals verrenkt hatten. Aber leider hatte sie nie gelernt, diese Vorzüge einzusetzen, und deshalb hatte sie im Lauf der Zeit begonnen, an deren Nutzen zu zweifeln.

Anne-Line oder Anneli, wie sie sich selbst gern nannte, konnte wohl letztlich den Kompass des Lebens – ein Ausdruck ihres Vaters – nicht richtig lesen. Wenn die Männer kamen, schaute sie nach links, obwohl der attraktivste rechts stand. Kaufte sie Kleidung, achtete sie auf ihre innere Stimme statt auf den Spiegel.

Und als sie sich für eine Ausbildung entschied, hatte sie mehr den kurzfristigen Verdienst im Auge gehabt als die langfristige Perspektive. Mit den Jahren hatte sie sich in eine Situation manövriert, die sie so ganz sicher nicht freiwillig gewählt hätte.

Nach diversen misslungenen Beziehungen gehörte sie inzwischen zu den siebenunddreißig Prozent erwachsener Dänen, die als Single lebten. Das war auch der Grund, weshalb sie in den letzten Jahren zu viel und zu falsch gegessen hatte, was zu einer beträchtlichen Körperfülle, einer nahezu permanenten Müdigkeit und einer tiefen Unzufriedenheit mit sich selbst geführt hatte. Aber Anne-Lines schlimmste Fehlkalkulation war eindeutig ihr Job. In einer idealistischen Phase ihrer Jugend war sie überzeugt gewesen, dass soziale Arbeit nützlich wäre und ihr zugleich viel persönliche Befriedigung verschaffen würde. Wie hätte sie zu dem Zeitpunkt ahnen können, dass nach der Jahrtausendwende eine Fülle nicht durchdachter, zum Scheitern verurteilter politischer Beschlüsse umgesetzt würde? Ihre Karriere war dadurch in eine Sackgasse geraten, blockiert durch inkompetente Referenten und weltfremde, unsolidarische Entscheidungsträger. Zudem hatten weder sie noch ihre Kollegen in all den Jahren auch nur die geringste Chance gehabt, mit den unzähligen Erlässen und Verfügungen Schritt zu halten. Sie hatten dazu geführt, dass das Sozialsystem absolut unreglementiert wirkte, oft konträr zum Gesetz verwaltet wurde und vollkommen untauglich war, um soziale Leistungen zu verteilen. Viele ihrer Kollegen hatte der Stress in die Knie gezwungen, und Anneli war es nicht anders ergangen. Zwei Monate hatte sie letzthin depressiv zu Hause gehockt, unfähig, sich auf die einfachste Tätigkeit zu konzentrieren. Als sie schließlich wieder zur Arbeit ging, war es dort fast schlimmer als vorher.

Zurzeit war sie außer für ihre übliche bedürftige Klientel noch zuständig für etwas, das sie als tickende Zeitbombe betrachtete: eine Gruppe hauptsächlich jüngerer Frauen, die nichts gelernt hatten und dazu auch niemals imstande gewesen wären. Wenn Anneli abends nach Hause ging, war sie schlecht gelaunt und zutiefst erschöpft. Nicht, weil sie nützliche Arbeit geleistet hätte, sondern im Gegenteil: weil sie nichts Sinnvolles getan hatte. Der heutige Tag war da keine Ausnahme gewesen.

Und jetzt musste sie auch noch zur Mammographie ins Rigshospital, eine Routineuntersuchung im Rahmen einer Langzeitstudie.

Anschließend, um acht, traf sie sich mit Arbeitskolleginnen zum wöchentlichen Yogakurs, obwohl sie eigentlich gar nicht wusste, warum sie da mitmachte. Sie hasste den Muskelkater am Tag danach, und die Kolleginnen mochte sie auch nicht – was, wie sie wusste, auf Gegenseitigkeit beruhte. Im Grunde schätzte man an ihr im Büro nur ihre fachliche Kompetenz. Denn gut war sie.

 

»Sagen Sie, Anne-Line, hatten Sie in letzter Zeit irgendwelche Beschwerden? Hier, in dieser Gegend?« Die Ärztin tippte auf die Röntgenaufnahme.

Anneli versuchte sich an einem Lächeln. Seit zehn Jahren nahm sie an dem Forschungsprojekt teil, und die Fragen der Ärztin und ihre eigenen Antworten waren immer die gleichen gewesen.

»Es hat nur wehgetan, als Sie meine Brust in den Röntgenapparat gequetscht haben.«

Die Ärztin drehte sich zu ihr um, die Stirn in sorgenvolle Falten gelegt. Anneli wurde es kalt.

»In der rechten Brust ist ein Knoten.«

Anneli hielt die Luft an. Schlechter Scherz, schoss es ihr durch den Kopf.