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»Wenn er Eis verkörpert, bin ich ein verdammtes Feuerinferno.«
Marissa Gallagher ist Immobilienmaklerin und lässt sich von niemandem unterkriegen. Auch nicht von Calder Bevyn, ihrem größten Konkurrenten. Calder leitet gemeinsam mit seinen Brüdern die Bevyn Estates und ist der Prince Charming von New York. Doch dann schnappt Marissa ihm einen Deal vor der Nase weg und wird prompt vom CEO und Bruder von Calder eingestellt. Als Rivalen im selben Unternehmen kämpfen sie darum, die Nummer eins im Verkauf zu werden - bis echte Gefühle ins Spiel kommen und sich Marissa und Calder nicht mehr sicher sind, ob sie noch gewinnen wollen oder längst dabei sind, ihre Herzen zu verlieren ...
»Mit den BEVYN BOYS hat April eine neue Reihe geschaffen, die für alle den nächsten Book Boyfriend bereithält - handsome, charmant und unwiderstehlich anziehend!« books.with.jenny
Auftakt der neuen Reihe von April Dawson
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Seitenzahl: 589
Veröffentlichungsjahr: 2026
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Widmung
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Danksagung
Die Autorin
Die Romane von April Dawson bei LYX
Impressum
APRIL DAWSON
Selling Dreams
BEVYN BOYS I
Roman
Marissa Gallagher lässt sich von niemandem unterkriegen. Seit über zwei Jahren gibt die toughe Immobilienmaklerin alles, um sich in einer Welt zu behaupten, in der jeder Deal zählt und Gefühle keinen Platz haben. Vor allem nicht, wenn es um Calder Bevyn geht. Calder ist der Prince Charming der New Yorker Real-Estate-Szene: teure Luxusimmobilien an vermögende Klienten zu verkaufen ist seine Spezialität. Gemeinsam mit seinen Brüdern leitet er Bevyn Estates, eines der erfolgreichsten Unternehmen der Stadt. Doch als Marissa ihm einen wichtigen Deal vor der Nase wegschnappt, wird sie prompt vom CEO – und Calders älterem Bruder – angeworben. Als Rivalen im selben Unternehmen kämpfen Marissa und Calder nun täglich darum, die Nummer eins im Verkauf zu werden. Jede ihrer Begegnungen endet in einem hitzigen Schlagabtausch – bis die Grenzen zwischen Konkurrenz und Anziehung verschwimmen und ihnen langsam aber sicher klar wird, dass sie nicht mehr nur um die besten Deals, sondern auch um ihre Herzen kämpfen …
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
Wir wünschen uns für euch alle
das bestmögliche Leseerlebnis.
Eure April und euer LYX-Verlag
Dieses Buch widme ich der jungen Frau, die am Tiefpunkt ihres Lebens den Mut gefunden hat, zu schreiben.
Alec Benjamin – Paper Crown
One Direction – Half a Heart
ROSÉ – toxic till the end
Axel Flóvent – Lighthouse
Why Don’t We – Lucid Dreams
The Paper Kites – Bloom
Novo Amor – Weather
Zach Bryan – Sun to Me
Noah Cyrus – July
Tom Odell – Heal
Zach Bryan – Something in the Orange
Hollow Coves – Home
Billie Eilish – Six Feet Under
Alec Benjamin – In A Little
Searows – Keep The Rain
Lady A – What If I Never Get Over You (Piano Version)
Wesley Saylor – Back In September
Josh Kerr, Emily Falvey – Thought This Trough
Alec Benjamin – Lead Me To Water
Marissa
Stadthaus – Neubau
Miretta Street, Greenwich Village, NY
Preis: 17 Millionen Dollar
Provision: 1 020 000 Dollar
Größe: 670 m² innen, 120 außen
Ausstattung: 5 Stockwerke, 4 Schlafzimmer, 6 Badezimmer, Aufzug, 2 Gärten
Um im Immobiliengeschäft in New York City erfolgreich zu sein, braucht es Selbstvertrauen, Redegewandtheit und Mut zum Wahnsinn. Und genau aus diesen Gründen bin ich die richtige Frau für den Job als Real Estate Agent. Die letzten zwei Jahre bestanden aus endlosen Arbeitsstunden, ununterbrochenem Networking und schlaflosen Nächten. Zum Ärger meiner Konkurrenz habe ich sie alle durch mein Können in den Schatten gestellt. Sie haben mich unterschätzt, also habe ich mich Schritt für Schritt an die Spitze gearbeitet, und jetzt bin ich nur noch einen Deal davon entfernt, ganz oben mitzumischen.
Der Asphalt an der Fifth Avenue summt unter meinen selbstbewussten Schritten. Um mich herum ragen die hohen Gebäude auf, die vor Jahren noch einschüchternd auf mich gewirkt haben. Jetzt wiederum sehe ich in ihnen das Potenzial, Geld zu verdienen. Mein Outfit, schwarze Seidenbluse, kombiniert mit einem cremefarbenen Rock, hebt sich vor allem durch die Louboutins und deren tiefroten Sohlen ab.
Zielsicher gehe ich an Luxusgeschäften vorbei und werde vom Schein der Schaufenster erfasst. Früher war ich von der Macht, die diese Straßen ausstrahlen, eingeschüchtert, jetzt sind sie mein tägliches Revier. Die vorbeieilenden Menschen werfen mir verstohlene Blicke zu, drehen ihre Köpfe in meine Richtung. Ich weiß, wer ich bin, und das Selbstvertrauen, das mit dieser Klarheit einhergeht, strahle ich auch aus.
»Francis. Hey.« Meine Handtasche schwingt lässig an meinem Handgelenk, als ich beim Anblick meiner Kundin stehenbleibe. »Wie geht’s dir? Was macht dein Rücken?«, frage ich die ältere Dame, die gerade mit ihrem Zwergpudel aus der Cartier-Filiale heraustritt. Ihre blauen Augen leuchten auf, als sie mich erkennt. Ich nicke ihrem Security-Mitarbeiter zu und begrüße meine Stammkundin mit einem Wangenküsschen.
»Marissa. Schön dich zu sehen, Liebes. Ach, die Operation ist gut verlaufen, und die Bandscheibe wurde durch eine aus Titan ersetzt. Ich bin quasi wie neu.« Ich gehe in die Hocke, um ihren Hund Windsor zu streicheln. Ich kraule ihn hinterm Ohr, wo er es am liebsten hat, ehe ich mich wieder aufrichte.
»Er ist immer noch vernarrt in dich.« Ihre warme Stimme wird von der Sirene eines Rettungswagens verschluckt.
»So wie ich in ihn.« Francis Rivenport ist Teil des neuen New Yorker Medienadels. Ihr Großvater hat die New York Timeline Company und die Tageszeitung New York Times aufgekauft und zu milliardenschweren Unternehmen aufgebaut. Viele haben sich die Zähne daran ausgebissen, sie als Kundin zu gewinnen, doch ich habe schnell gemerkt, dass der Hund der Schlüssel war. Nachdem ich ihn auf meiner Seite hatte, habe ich auch Francis sowie einige andere Mitglieder der Familie Rivenport in meinen Kundenstamm aufnehmen können.
»Wie fühlen Sie sich in Ihrem Stadthaus? Alles nach wie vor zu Ihrer Zufriedenheit?«
Sie ruft nach Windsor, dessen Leine einer Passantin den Weg versperrt.
»Ich bin immer noch verzaubert, meine Liebe. Der Wintergarten ist mein liebster Ort auf der Welt.« Für eine Frau, die mehr als zwanzig Immobilien besitzt, ist das ein großes Kompliment.
»Schön, dass ich Ihnen helfen konnte.« Erst nach dutzenden Anrufen und ebenso vielen Besichtigungen habe ich schließlich ein Brownstone-Haus an der Upper West Side gefunden, das mit Wintergarten und Kamin ausgestattet ist. Der verglaste Raum bietet eine schöne Aussicht auf den üppig bepflanzten Garten.
»Das haben Sie in der Tat. Hat sich meine Freundin Margerie bei Ihnen gemeldet? Sie ist auf der Suche nach einem Penthouse, das sie ihrem Enkel zum Collegeabschluss schenken möchte.«
»Ja, das hat sie. Wir haben diese Woche noch einen Termin, um die Details ihrer Suche zu besprechen. Vielen Dank für die Empfehlung.«
»Gern geschehen.« Die goldene Herbstsonne lässt die eingearbeiteten Smaragde an Francis’ Halskette funkeln, die zu dem Cartier-Panther-Collier gehören. Soweit ich weiß, kostet dieses mehr als zweihunderttausend Dollar.
»Ich muss leider los, meine Liebe. Komm, Windsor, Darling.«
»Es hat mich wie immer gefreut, Sie zu treffen, Francis.«
»Die Freude ist ganz meinerseits. Sie sind so eine herzensgute junge Frau. Wäre mein Richard nicht verheiratet, hätte ich Sie längst mit ihm verkuppelt.« Sie tätschelt mit ihrer behandschuhten Hand sanft meine Wange, und der Geruch von Chanel No 5 umweht mich.
»Danke.«
Die Elite der Reichen und Schönen in New York weiß gut mit Worten umzugehen. Wenn Francis wüsste, dass ich aus ärmlichen Verhältnissen stamme, würde sie ihre Worte wieder zurücknehmen. Ich bin jedoch eine Meisterin darin, mein Privatleben nicht an die Öffentlichkeit zu tragen, also lächle ich nur und setze meinen Weg fort.
Moderner Luxus inmitten einer historischen Umgebung erwartet mich, als ich vor dem einzigen Neubau an der Miretta Street im Greenwich Village zum Stehen komme. Die Fassade ist eine elegante Mischung aus großen Glasflächen und hellem, glattem Stein. Neben der Garage befindet sich der Eingang. Über ein helles, mit Marmor verfliestes Foyer gelange ich zum Fahrstuhl, der mich in den zweiten Stock bringt.
Als die Fahrstuhltüren sich sanft öffnen, befinde ich mich im Küchenbereich. Mit einem kurzen, aber gezielten Blick erkenne ich, dass die Kücheninsel sowie die Arbeitsplatte mit dem luxuriösen Keramikverbundmaterial Dekton verkleidet sind. Bosch-Einbaugeräte, sicherlich im fünfstelligen Preissegment, runden meinen ersten Eindruck ab, der mir sagt, dass hier nicht mit Qualität gegeizt wurde.
»Hey, Marissa. Willkommen in der Miretta Street.« Sobald ich aus dem Fahrstuhl trete, kommt meine Kontaktperson Calvin Duvall auf mich zu. Der Geruch nach teurem Leder und Minze hängt in der Luft.
»Schön dich zu sehen. Wow. Das ist ja ein richtiges Schmuckstück, das du hier hast.« Mein Blick wandert über das gigantische Gemälde an der weißen, hohen Wand – eine abstrakte, tiefblaue Malerei –, dann wende ich mich meinem Gegenüber zu. Der Anzug des Mannes mit Glatze ist einen Hauch zu eng. Er ist Vertreter der Baumagnatin Rose Boyle, deren Unternehmen dieses Haus gebaut hat, das sie nun lukrativ verkaufen möchte. Und nicht nur das, Rose Boyle ist auch die Schwester der New Yorker Senatorin Dolores Pearce, weswegen es ein noch stärkerer Anreiz ist, einen guten Eindruck abzuliefern.
Wir schütteln einander die Hände und gehen zum Essbereich, wo sich zehn schwarze Lederstühle um einen gigantischen hell lackierten Tisch gruppieren.
»Was kannst du mir über diese Immobilie erzählen?«, setze ich an, werde jedoch durch das Klingeln seines Smartphones unterbrochen. Er zieht es aus der Jacketttasche und blickt aufs Display. Als Real Estate Agents ist unser Handy unser wichtigstes Tool. Wir speichern Termine, schreiben E-Mails und prüfen Anzeigen, und das, während wir millionenschwere Immobilien verkaufen.
»Entschuldige bitte, das ist ein Kunde. Es könnte einen Moment dauern, sieh dich also gern schon etwas um und komm dann wieder runter, okay?«
»Geht klar.«
Während er das Gespräch annimmt, gehe ich an der Küche vorbei zu einem kleinen Familienraum, der wie der Rest der Etage schlicht, aber luxuriös eingerichtet ist. Im nächsten Stock befinden sich ein Musikraum, die Bibliothek sowie ein großes Wohnzimmer. Darüber drei Schlafzimmer mit dazugehörigen Badezimmern. Beeindruckt von der schieren Größe dieser Immobilie betrete ich im fünften und letzten Stock das größte Schlafzimmer des Hauses, den Master Bedroom. Das Herzstück des lichtdurchfluteten Raumes ist ein imposantes King-Size-Bett mit einer burgunderfarbenen, gepolsterten Wand als Kopfteil.
»Wow, das nenn ich mal eine Spielwiese«, flüstere ich, als ich einen Schritt aufs Bett zugehe. Die Bettwäsche ist in reinem Weiß gehalten, geschmückt mit einer Auswahl an weichen Kissen in warmen Rosatönen, die eine einladende Atmosphäre schaffen. Ein flauschiger, weißer Fellteppich am Fußende des Bettes bringt zusätzlichen Glamour ins Spiel, perfekt zum Entspannen oder für mehr. Nicht, dass ich in den letzten Jahren viel Zeit für dieses mehr gehabt hätte.
»Witzig, genau dasselbe habe ich auch gedacht«, sagt eine samtig tiefe Stimme hinter mir. Ein wohltuender Schauer läuft mir den Rücken hinab, streicht über meine Haut, wie eine sanfte Berührung. Überrascht von meiner sonderbaren Reaktion drehe ich mich um und erkenne den Immobilienmogul der Stadt. In der New Yorker Real Estate Welt kommt man an Calder Bevyn nicht vorbei. Groß, mit perfekt sitzendem Anzug und einem leicht verschmitzten Lächeln lehnt er lässig am Türrahmen, als gehöre der Raum ihm. Seine eisblauen Augen mustern mich neugierig.
»Mr Bevyn. Schön, Sie zu sehen«, sage ich, bemüht darum, professionell zu klingen, doch der Kloß in meinem Hals erschwert mein Vorhaben.
»Schön in der Tat. Sie müssen verzeihen, aber ich bezweifle, dass wir uns schon einmal begegnet sind. An Sie würde ich mich mit Sicherheit erinnern.«
Ich unterdrücke ein Augenrollen, und meine Verwirrung weicht augenblicklich. Er stößt sich ab und kommt lässigen, selbstsicheren Schrittes auf mich zu.
»Marissa Gallagher. Agent bei Guidance Estates,und nein, wir sind uns vorher noch nicht begegnet, aber ich weiß sehr wohl, wer Sie sind.« Alle Frauen in der Immobilienbranche schwärmen für diesen dunkelblonden, attraktiven Mann, und schon allein aus Prinzip werde ich mich nicht in diesen Kreis einreihen. Wir schütteln uns die Hände, und meine zierliche Hand wird beinahe komplett von seiner großen umfasst.
»Dann sind Sie klar im Vorteil. Sagen Sie, Marissa … darf ich fragen, wieso eine Immobilienagentin meine Besichtigung crasht?« Er neigt abwartend den Kopf.
»Ihre Besichtigung? Haben Sie etwa schon eine Besitzurkunde unterzeichnet?«, antworte ich unwirsch.
»Nein …«, setzt er an, doch ich schneide ihm das Wort ab. »Dann hat jeder und jede das Recht, dieses Anwesen zu besichtigen, Mr Bevyn.«
Für wen hält sich dieser arrogante Kerl eigentlich? Er hebt eine seiner dunkelblonden Brauen, scheint für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Konzept zu geraten, fängt sich dann aber wieder.
»Tatsächlich?« Seine Stimme ist eine Spur leiser, während er auf mich zuschreitet, und es klingt fast wie eine Herausforderung, der ich mich durchaus gewachsen fühle. Ich habe meinen Weg als Real Estate Agent mit den Egos von Männern wie ihm gepflastert. Ich bin nicht mehr die junge Frau, die sich in dieser männerdominierten Branche unterkriegen lässt.
»Scheinbar hat Calvin uns beide eingeladen, was dieses Listing umso interessanter macht«, fährt Calder mit einem selbstsicheren Grinsen fort. Bevyn Estates dominiert in der New Yorker Immobilienbranche, und es wäre ein weiterer Beweis für mein Können, wenn ich dieses Haus vor ihm verkaufe.
»Sie scheinen ja ganz scharf auf Konkurrenz zu sein«, sage ich amüsiert. Wenn er spielen will, wäre ich mehr als bereit, mich ins Getümmel zu schmeißen. Denn ich weiß, was ich draufhabe.
Er stopft seine Hände in die Anzugtaschen und macht einen Schritt auf mich zu. »Es hält unsere Branche lebendig, also ja.«
»Dann trifft es sich ja gut, dass Sie es noch nie mit mir zu tun hatten. Es dürfte ein äußerst lebendiger Konkurrenzkampf für Sie werden.« Ich recke entschlossen das Kinn, denn seine Worte können mich nicht verunsichern. Männer wie er hören sich gerne selbst zu. Sie zählen ihre Vorzüge auf, wollen mich darüber belehren, wie sie eine Immobilie an Land ziehen. Aber ich bin keine Frau großer Worte, sondern lasse lieber Taten für mich sprechen.
Er ist nun zwei Armeslängen von mir entfernt und lehnt sich locker mit der Schulter an die Wand. Der Duft eines herben Eau de Cologne flutet meine Nase.
»Hören Sie, Marissa … – ich darf Sie doch Marissa nennen?«
»Lieber nicht«, antworte ich schnell, denn der erste Eindruck, den ich von Calder Bevyn bekommen habe, spricht nicht gerade für ihn.
»Gut, dann Ms Gallagher. Ich will dieses Haus. Sie wollen dieses Haus. Aber nur eine Person wird es bekommen.« Er stößt sich von der Wand ab und kommt auf mich zu. So nah, dass er fast in meine Komfortzone eindringt. Er steht vor mir und beugt sich vor, um mir tiefer in die Augen sehen zu können. Ich hasse es, dass mein Herz einen Satz macht. Dass mir seine hohen Wangenknochen auffallen und dass mir sein schwungvoller Mund, der sich zu seinem sexy Lächeln anhebt, kurz die Worte raubt. »Und ich habe nicht vor zu verlieren.« Das tiefe, raue Timbre seiner Stimme hinterlässt eine sanfte Vibration auf meinen Lippen, die wie ein heißer Schauer auf meiner Haut tanzt. Meine Atmung beschleunigt sich, je länger wir einander anstarren, aber ich fange mich. Ich erkenne, dass er mich mit seinem Charme ablenken und verwirren wollte. Doch anstatt zurückzuweichen, spiele ich mit. Ich streiche mit dem Finger über seine Brust, beuge mich leicht vor und genieße mit Genugtuung, dass ihn meine Reaktion überrumpelt. Er schluckt sichtlich, als ich mich zu seiner Schulter beuge, in die Nähe seines Ohrs.
»Ich auch nicht, also sollten Sie sich warm anziehen.« Ich trete zurück, verschränke die Arme vor der Brust und mustere ihn herausfordernd. Mein Magen macht einen kleinen Salto, als er mehrmals blinzelt. Dieser Schlagabtausch stiehlt mir kostbare Zeit, und die habe ich nicht.
»Ich würde mich ja gerne weiter mit Ihnen unterhalten, aber Calvin erwartet mich«, sage ich schließlich, drehe mich um und gehe zur Tür. Ich halte kurz inne und blicke über die Schulter zurück. Calder steht noch an derselben Stelle, den Blick fest auf mich gerichtet und die Hände tief in den Taschen vergraben.
»Lassen Sie uns sehen, wer von uns das Rennen gewinnt«, sage ich und entferne mich winkend. Ich höre sein raues Lachen, bevor ich den Raum verlasse.
Als ich wieder in den ersten Stock komme, ist ein weiterer Makler vor Ort, was mich mit den Zähnen knirschen lässt. Ich erkenne Timothy Grant, einen Agent von Morris Estates. Er wird als Hai der Branche gehandelt und ist für seine knallharten Verhandlungen bekannt. Ich schätze ihn auf Mitte fünfzig, und soweit ich weiß, geht er gerade durch seine vierte Scheidung. Das könnte seine mürrische Miene erklären. Ich schüttle ihm die Hand und beginne ein oberflächliches Gespräch. Als Calder Bevyn kurz darauf zu uns stößt, ergreift Calvin das Wort.
»Miss Gallagher, Gentlemen. Jetzt sind wir komplett, also möchte ich Sie herzlich in diesem einzigartigen Stadthaus im Greenwich Village begrüßen.« Er macht eine ausladende Geste und bedeutet uns, ihm zu folgen. Meine Heels klackern auf dem Holzboden, als ich mich in Bewegung setze.
»Dieses außergewöhnliche Objekt verfügt über hundertzwanzig Quadratmeter im Außenbereich, der Innenbereich beläuft sich auf sechshundertsiebzig Quadratmeter und besteht aus fünf Stockwerken. Zur Ausstattung gehören der brasilianische Walnussboden mit Fußbodenheizung und die übergroßen Fenster.« Er öffnet eines, wodurch der Duft von Laub in den Raum dringt. »Darüber hinaus bietet es vier Feuerstellen und charmante Gärten im ersten Stock sowie ein Dachgeschoss. Innendesigner war Philippe Starck, der den Räumlichkeiten diese Woche den letzten Feinschliff verliehen hat.«
Ich sauge die Informationen auf wie ein Schwamm, in meinem Kopf bilden sich bereits die ersten Verkaufsargumente. In der nächsten Stunde bekommen wir eine ausführliche Tour durch das Haus, sodass wir uns einen ersten Eindruck bilden können. Ich mache keine Fotos, da wir eine ausführliche Broschüre mit Bildern sowie Gebäudeplänen erhalten werden.
»Welcher Kaufpreis schwebt Ihrer Klientin vor?«, frage ich und lehne entspannt an der Kücheninsel. Timothy und Calder treten an meine Seite, gespannt auf die Zahl, die Calvin uns nennen wird.
»Siebzehn.«
»Siebzehn Millionen Dollar? Das Gebäude nebenan wurde letztes Jahr für fünfzehn verkauft, und das hatte einen historischen Wert«, werfe ich ein. Ich war selbst dabei, als mein Boss den Zuschlag bekam. Die Immobilienpreise steigen immer weiter, doch diese Summe scheint mir prozentuell zu hoch.
»Sie befinden sich in einem Neubau mitten im Greenwich Village. Es ist nicht nur eine Immobilie, sondern ein Vermögenswert. Die Nachfrage nach Stadthäusern ist enorm gestiegen. Es ist energieeffizienter, hat einen niedrigeren Wartungsaufwand und bietet eine höhere Sicherheit.« Während Calvin die Vorzüge aufzählt, schnaubt Timothy verärgert.
»Wer bekommt nun den Zuschlag?«
Diese Frage lag mir ebenfalls auf der Zunge, doch Calder war schneller. Ich werfe ihm einen Seitenblick zu, sehe ihn breitbeinig dastehen, die Arme vor der Brust verschränkt, die Stirn in Falten gelegt. Ich hasse es, dass sein attraktives Aussehen meinen Blick länger auf ihm verweilen lässt, als ich es eigentlich will.
»Mrs Boyle hat sich diesmal für ein anderes Vorgehen entschieden. Sie möchte es Ihnen überlassen, wer das bessere Angebot erzielen kann.« Diese Antwort lässt meinen Kopf in Calvins Richtung schnellen.
»Uns?«, ruft Timothy aus und verengt die Augen. Auch ich kann meinen Unmut kaum im Zaum halten. Ich hasse es, in meinem Job überrumpelt zu werden.
»Sie haben richtig gehört. Es ist eine unkonventionelle Methode, aber wie Sie wissen, ist Mrs Boyle die Schwester unserer Senatorin. Sollten Sie das Objekt zu unserem Vorteil verkaufen, würden Ihnen viele Türen offen stehen.« Calder schnaubt, als wäre es eine lächerliche Vorstellung, dass es noch Türen gibt, die er nicht durchschritten hat. Was für ein arroganter Kerl.
»Wir senden Ihnen die Portfolios zu, außerdem die Zugangscodes für die Besichtigungen. Mrs Boyle erwartet gespannt, welche Angebote Sie an Land ziehen können.« Niemand von uns erwidert Calvins Lächeln.
»Das kann doch nicht dein Ernst sein, Calvin«, meint Timothy verärgert, und Calder nickt zustimmend. Mir gefällt dieser Vorschlag ganz und gar nicht, doch gleichzeitig bietet er mir auch die Möglichkeit, mich zu beweisen. Vielleicht ist das die Chance, auf die ich so lange gewartet habe!
»Das ist es sehr wohl«, erwidert Calvin trocken.
»So läuft das nicht. Die Kundin wählt eine Agentur, die einen Exklusivvertrag für einen verhandelten Zeitraum erhält. Erst dann beginnt unsere Arbeit.« Timothys Gejammer lässt mich die Augen verdrehen, was Calders Aufmerksamkeit auf mich lenkt.
»Ich habe euch hierher eingeladen, weil ihr die Besten in eurem Gebiet seid. Unsere Klientin möchte das bestmögliche Ergebnis.«
»Und das kann sie auch haben, wenn sie sich für Bevyn Estates entscheidet.« Anders als Tim reagiert Calder entspannt und cool, und auch seine Worte kommen ihm ruhig über die Lippen. Ich lasse das Ego der beiden für sie sprechen, denn ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um diese Immobilie zu verkaufen.
»Ihr habt nun die Wahl. Entweder seid ihr dabei und habt mit etwas Glück die Gunst der Senatorin auf eurer Seite, oder ihr lehnt diese Challenge ab.« Calvin wirft uns einen bedeutungsschweren Blick zu.
»Du kannst auf mich zählen.« Timothy quittiert meine Worte mit einem überheblichen Lächeln. Ja, ich mag eine Rookie sein, eine neue Maklerin, die ihre Lizenz noch nicht lange hat, aber ich habe Feuer im Blut. Ich bin gewillt, bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Wenn ich dieses Stadthaus verkaufe, dann öffnen sich mir ganz neue Möglichkeiten, und ich werde verdammt sein, wenn ich mir die Chance vor der Nase wegschnappen lasse.
Marissa
Ich genieße den entspannten Abend in diesem charmanten Restaurant, das mit goldverzierten Säulen einen märchenhaften Eindruck macht. Die Spiegel in den schweren barocken Rahmen lassen den Raum größer erscheinen, als er ohnehin schon ist. Die schweren weinroten Vorhänge vor den deckenhohen Fenstern sowie die eleganten cremefarbenen Möbel verleihen dem Raum ein gemütliches Flair. Die leise Jazzmusik im Hintergrund umhüllt mich. Inmitten goldener Spiegel, opulenter Kronleuchter und dem dezenten Klimpern von Weingläsern sieht mich meine beste Freundin Calice vorwurfsvoll an.
»Ehrlich, Marissa.« Mit einem dramatischen Seufzen lehnt sie sich in ihrem Stuhl zurück. Der Schein der Lampen über uns lässt ihr langes blondes Haar golden schimmern.
»Kannst du dein verdammtes Handy nicht mal für eine Stunde weglegen? Ich habe lange gewartet, bist du Zeit für mich freischaufeln konntest, und dann möchte ich auch deine volle Aufmerksamkeit genießen.«
Schuldbewusst blicke ich auf das Smartphone in meiner Hand, sende die bereits verfasste E-Mail ab und lege es auf den Tisch.
»Sorry. Ich muss es griffbereit haben, falls ein Kunde etwas Wichtiges braucht«, verteidige ich mich, auch wenn es in meinen Ohren nach einer lahmen Ausrede klingt. Klar, ich steuere mit dem Smartphone mein Leben, aber in den spärlichen Momenten, die wir für uns haben, sollte ich die Arbeit Arbeit sein lassen. Wenn ich bloß wüsste, wie das geht.
»Etwas Wichtiges? An einem Samstagabend?«, fragt Calice mit skeptisch erhobener Braue.
Genau in diesem Moment leuchtet das Display auf, und eine Nachricht von meinem Assistenten Gregory erscheint. Es kribbelt mir in den Fingern, über das Display zu wischen und sie zu lesen.
»Ich schwöre dir, wenn du das Handy jetzt in die Hand nimmst, werde ich deinen Dad anrufen und ihm erzählen, was hier abläuft.«
»Was soll das denn heißen?«, erwidere ich, auch wenn ich es mir denken kann.
»Du bist eine Workaholic.«
»Bin ich nicht.« Bist du doch, sagt eine Stimme in meinem Kopf. Klappe!
»Ich werde ihn anrufen«, sagt Calice unbeeindruckt.
»Das würdest du nicht wagen«, sage ich, doch wenn ich genauer überlege, klingt das nach etwas, was sie definitiv tun würde.
»Lass es drauf ankommen und nimm es in die Hand.« Calice überkreuzt die Beine, schwenkt das Weinglas in ihrer Hand und zieht herausfordernd eine Schnute.
»Und wenn schon?« Ich nippe an meinem Getränk und versuche nicht an den Deal meines Lebens zu denken, den ich so schnell wie möglich abschließen will. »Ich arbeite viel, ja. Aber ich bin gerne mit meinem Job verheiratet. Finanziell läuft’s super, psychisch bin ich stabil und glücklich. Was will ich mehr?«
Calice hebt eine Augenbraue, ihre Miene eine Mischung aus Belustigung und Skepsis. Das kann nur auf eines hinauslaufen.
»Ein Sexleben?«, fragt sie trocken und spießt mit der Gabel ein Stück Karotte auf, als wäre das die unschuldigste Bemerkung der Welt.
»Entschuldigung, was?« Ich verschlucke mich fast an meinem Wein, während sie wohlig kaut. »Mein Job und ich haben eine fantastische Beziehung. Manchmal bleiben wir bis spät in die Nacht wach und blicken uns tief in die Augen.«
Sie prustet los, das Geräusch irgendwo zwischen einem echten Lachen und einem Niesen, das einen Kellner zwei Tische weiter zusammenzucken lässt. »Marissa, ernsthaft. Dein Laptop kann dir keine Blumen schicken, du kannst ihn nicht deiner Familie vorstellen. Er kann dir nicht den Rücken massieren und … na ja, du weißt schon.« Sie deutet mit der Hand in die Luft.
»Oh, glaub mir«, entgegne ich grinsend. »Ich habe genügend Toys, die das übernehmen können.«
Calice legt die Hand auf ihre Brust, als hätten sie meine Worte hart getroffen. »Das ist nicht dasselbe wie ein echter Mann.«
»Nein, ist es nicht.« Ich beuge mich verheißungsvoll vor und flüstere ihr ins Ohr. »Es ist besser. Weißt du, was mein Job mir gibt? Stabilität. Anerkennung. Und einen verdammt guten Jahresbonus.« Als ich mich wieder zurücklehne, hebe ich das Glas und proste ihr erneut zu. »Ich brauche keinen Typen, der mir die Tür aufhält, wenn ich eine Karriere habe, die mich trägt.«
»Das ist das Traurigste und gleichzeitig Beeindruckendste, was ich je gehört habe«, murmelt Calice und starrt mich an, als hätte ich gerade verkündet, ich hätte die Menschheit von der Mehrwertsteuer befreit.
»Oh, komm schon. Du kannst das nicht so schlimm finden. Du beschwerst dich doch selbst ständig über das Datingleben.«
»Ja schon, aber ich habe Spaß. Echten Spaß, ohne einen Laptop zu ehelichen.« Sie lächelt, und ich hasse es, wie charmant sie klingt, wenn sie sich über mich lustig macht. »Lass mich wissen, wenn du deinem MacBook eines Tages den Ehering ansteckst.«
»Ha. Ha«, gebe ich sarkastisch zurück und rolle mit den Augen. »Ich gebe zu, mein Job vereinnahmt mich ziemlich. Aber wenigstens bricht er mir nicht das Herz oder will Dinge von mir, für die ich nicht bereit bin. Und ich muss schließlich Geld verdienen. Nicht jede genießt den Luxus, seine Brötchen mit dem Verfassen von Glückskeks-Sprüchen zu verdienen und sich entspannt zurücklehnen zu können.« Meine beste Freundin hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, einen außergewöhnlichen Job nach dem anderen anzunehmen. Und derzeit ist sie Glückskeksautorin. Sie geht auf in den kuriosesten Tätigkeiten und hat durch sie schon die ganze Welt bereist. Wir necken uns so oft wegen unserer unterschiedlichen Arbeitsansichten, dass unsere beste Freundin Phyn immer wieder einschreiten muss. Calice’ Mundwinkel hebt sich zu einem verschmitzten Lächeln.
»Oh, ich arbeite hart. Hinzu kommt, dass ich deine Sozialkompetenz am Leben halte, während du dich um Leute kümmerst, die sich fragen, ob die Marmorarbeitsplatte in der Küche zu sehr nach den 2000ern schreit.« Mein Lachen kommt tief aus meinem Bauch. Ich hätte ihr niemals von diesem grotesken Verkaufsgespräch erzählen dürfen.
»Wieso ist Phyn nicht hier? Sie würde auf meiner Seite sein.« Meine Worte lassen sie belustigt schnauben.
»Sie ist ganz meiner Meinung. Wir machen uns Sorgen um dich. Dein Job wird dir noch die letzte Lebensenergie aussaugen.« Als wäre meine Arbeit ein blutdürstender Vampir. Pff.
»Ach, was würde ich ohne euch bloß machen?«, gebe ich sarkastisch zurück. Calice und ich teilen uns seit meinem Collegeabschluss eine kleine Wohnung in SoHo, und immer, wenn ich das Gefühl hatte, von der Großstadt und den finanziellen Problemen verschlungen zu werden, war Calice eine Konstante in meinem Leben, bis unsere Freundin Phyn zu uns stieß und uns zu einem Trio machte. Mittlerweile könnte ich mir locker eine eigene Wohnung leisten, aber ich liebe es, mit meiner besten Freundin zusammenzuleben. Es ist schön, nach Hause zu kommen und von einem warmen Lächeln begrüßt zu werden.
»Du würdest kurz vor dem Burnout stehen, aber keine Sorge, ich habe nicht vor, dich jemals zu verlassen.« Sie zwinkert mir zu, und wir widmen uns endlich wieder unseren Tellern. Das Klimpern des Bestecks wird von den leisen Geräuschen um uns herum fortgetragen. Wieder vibriert mein Smartphone, doch ich ignoriere es und lasse mir von Calice’ gestrigem Speeddating-Event erzählen.
»Nicht zu fassen, dass er meine Schuhgröße noch vor meinem Namen wissen wollte. Was stimmt bitte mit den Männern in New York nicht?«
»Das kann ich dir nicht sagen, es ist Jahre her, dass ich ein Date hatte, und wenn ich deinen Geschichten so lausche, bereue ich es kein bisschen.« Die Trennung von meiner Jugendliebe Aaron ist lange her, gleichzeitig war es meine letzte ernste Beziehung. Alles andere waren nur lockere Flirts oder vereinzelte Dates. Früher hat tatsächlich eine Romantikerin in mir geschlummert, die sich nach der großen Liebe gesehnt hat. Heute ist diese völlig verstummt. Hat mich meine Arbeit am Ende tatsächlich zur Einsiedlerin gemacht?
Nein!
Denk nicht dran, Marissa!
»An mangelnden Verehrern liegt es jedenfalls nicht. Siehst du den hübschen Kerl an der Bar, der dich so neugierig beäugt?«, fragt sie und reckt das Kinn. Ich verdrehe die Augen und bewege mich keinen Zentimeter.
»Kein Interesse.«
»Du hast doch nicht mal hingesehen, woher willst du wissen, dass er dich nicht interessiert?«
»Ich muss nicht hinsehen, es ist schon schwer genug, mir für dich Zeit zu nehmen, geschweige denn für einen möglichen Partner, der sich wiederum nur darüber beschweren würde, dass ich zu viel arbeite. Und diesen Job übernimmst du ja schließlich schon.«
Ihr Grinsen wird breiter, und sie schiebt sich eine Strähne hinters Ohr. »Jetzt fühle ich mich aber geschmeichelt. Trotzdem, der Typ sieht unheimlich gut aus.«
»Vielleicht sieht er auch nur dich an und nicht mich. Immerhin habe ich mich zu keiner Sekunde in seine Richtung gedreht.« Ihre Augenbrauen wandern in die Höhe, und ich vermute, dass sie über meine Worte nachdenkt, doch dann schüttelt sie kaum merklich den Kopf.
»Nun, das werden wir gleich herausfinden, denn er kommt direkt auf uns zu.«
Das frustrierte Schnauben kommt tief aus meiner Kehle.
»Marissa. Bist du das?«
Verwirrt sehe ich auf und erkenne meinen Klienten Zeke Brooks.
»Zeke, hey.« Wir umarmen einander freundschaftlich, wobei ich in seinen breiten Armen regelrecht versinke.
»Calice, das ist mein Klient …«
»Warte … der New-York-Knicks-Basketballspieler Zeke Brooks?«
»Genau der«, meint er grinsend, und sie schütteln einander die Hände.
»Keine Lakisha?« Ich sehe an ihm vorbei, kann aber seine Verlobte nirgends entdecken.
»Sie wird in einer Stunde nachkommen. Mein Termin hat früher geendet, weswegen ich auf unseren Tisch warten wollte.«
»Möchtest du dich zu uns setzen?«, frage ich und deute auf den leeren Stuhl neben mir.
»Ich will euch nicht stören.«
»Das tust du nicht. Oder Calice?«
»Nein, ganz und gar nicht.« Sobald er sich gesetzt hat, eilt auch schon ein Kellner an unseren Tisch. Sein Strahlen verrät mir, dass er ihn erkannt hat. Zeke ist ein richtiger Superstar. Seine Vertragserneuerung im siebenstelligen Bereich hat in der Presse hohe Wellen geschlagen. Wir führen Smalltalk, und während Zeke Calice von seiner Arbeit erzählt, schnappe ich mir schnell das Smartphone und stelle fest, dass die Fotos sowie der Grundriss vom Miretta-Anwesen angekommen sind. Ich leite die Mail direkt an mögliche Interessierte weiter.
»Uh, was hast du denn da Schönes?«, fragt Zeke, und als ich mich ihm zuwende, erkenne ich, dass er auf mein Display geschielt hat. Dank seiner Körpergröße ist das auch eine Kleinigkeit für ihn.
»Ein neues Stadthaus im Greenwich Village, mit privater Garage und zwei Gartenbereichen.« Vor einem Jahr habe ich ihm ein Penthouse in seinem Heimatbezirk Brooklyn für drei Millionen verkauft und ihn danach auf einigen Partys wiedergesehen.
»Das trifft sich ja gut, Lakisha und ich sind auf der Suche nach etwas Neuem.«
»Möchtet ihr das Penthouse verkaufen?«
»Nein, dort wird mein Bruder einziehen, aber da wir nicht länger mit der Familienplanung warten möchten, wollten wir uns ohnehin bald mit dir in Verbindung setzen. Es war reiner Zufall, dass wir uns hier über den Weg gelaufen sind.«
Mit einem Seitenblick auf Calice unterdrücke ich ein Grinsen. Der Plan, nicht zu arbeiten, hat sich in Luft aufgelöst. Sie lächelt mich an, signalisiert mir, dass es in Ordnung ist, wenn ich in den Verkaufsmodus wechsle.
»Der energieeffiziente Neubau ist eine Rarität im Greenwich Village. Die Immobilie verfügt über eine private Garage, was, wie wir wissen, eine Seltenheit in New York ist.«
Zeke nickt wissend. Mit dem Auto zu fahren ist bereits eine Zerreißprobe für die Nerven, aber einen guten Parkplatz in der Nähe der eigenen Wohnung zu finden, ist beinahe unmöglich. Zeke kratzt sich über das krause Haar und nimmt dankend das Glas Soda des Kellners entgegen. Soweit ich weiß, verzichtet er vollkommen auf Alkohol.
»Entschuldigt mich bitte.« Calice nimmt einen Anruf entgegen und eilt nach draußen.
»Es hat zwei Gärten, hast du gesagt?«, fragt Zeke interessiert.
»Richtig.« Ich greife nach meinem Smartphone und zeige ihm den Garten im Erdgeschoss. »Über die verflieste Terrasse mit offener Feuerstelle kommt man zur Grünflache, die vom Innenarchitekten Philipp Starck designt wurde. Auf dem Dachgeschoss findet man einen Jacuzzi, den Grillbereich sowie eine bepflanzte Ecke mit einer Lounge.« Aufregung macht sich in mir breit, als Zeke immer begeisterter auf meine Ausführungen reagiert.
»Lakisha und du würdet davon profitieren, dass sich das Haus in einer exklusiven Gegend in der Nähe des Lincoln Park befindet. Hervorragende Schulen und eine niedrige Kriminalitätsrate machen das Greenwich Village zu einem perfekten Wohnort.«
Zeke und Lakisha führen eine Beziehung fernab des Presserummels. Sie begleitet ihn nur auf wenige Veranstaltungen, da sie ihren Ruf als Staatsanwältin um jeden Preis schützen möchte.
»Wann könntest du uns das Haus denn zeigen?«
Ich habe ihn am Haken, was oft vorkommt, aber heute erfüllt es mich mit Euphorie. Die Provision würde ausreichen, um Dads Werkstatt abzubezahlen, ein Jahr um die Welt zu reisen oder mir obendrein selbst eine Wohnung zu kaufen.
Vorbei sind die Tage, an denen ich vier Jobs annehmen musste, um in der Stadt überleben zu können. Ich war eine von vielen, naiven jungen Personen, die aus der Kleinstadt geflohen sind, um in Manhattan das große Glück zu suchen. Aus dem Trott herauszukommen und sich von der Stadt selbst beleben zu lassen, ohne zu wissen, wie hart es war, hier zu überleben. Viele haben aufgegeben, und auch ich stand kurz davor. Doch jedes Mal, wenn ich das Handtuch werfen wollte und die Sonne hinter den imposanten Wolkenkratzern um mich herum verschwand, spürte ich einen seltsamen Trost. Als würde die Stadt selbst mir zuflüstern, dass sie zwar hart ist, aber so viele Möglichkeiten birgt. Und eine der größten ist nun zum Greifen nah.
Nachdem Zeke und Lakisha an ihren Tisch geführt werden, bestelle ich Calice und mir eine Flasche Wein. Ich mag den Deal noch nicht sicher in der Tasche haben, aber allein die Vorstellung, dass die beiden die Immobilie kaufen könnten, erfüllt mich mit Stolz.
»Ich freue mich für dich«, meint Calice, als wir anstoßen, und sieht mich über den Rand ihres Glases hinweg an. »Das tue ich wirklich.«
»Aber?« Ihr Tonfall verrät mir, dass hier noch ein Aber folgen wird.
»Ich habe zwar gesagt, dass es in Ordnung ist, dass du in den Verkaufsmodus wechselst, aber trotzdem finde ich es schade, dass es dazu gekommen ist. Weißt du, wie lange es her ist, dass wir einen entspannten Abend ohne Arbeitsstörungen deinerseits hatten?«
Ich habe keine Ahnung, aber Calice merkt sich solche Dinge gut.
»Eineinhalb Jahre. Wir waren im Kino und danach koreanisch essen. Wir haben uns über den kitschigen Film lustig gemacht, gelacht und uns den Bauch vollgeschlagen, ohne dass eine von uns zu ihrem Smartphone gegriffen oder von der Arbeit geredet hat.«
Schuldgefühle machen sich in mir breit, denn sie hat recht. Mein Blutdruck steigt allein bei der Vorstellung, dass ich mein Smartphone zuhause vergessen könnte. Dass mir ein guter Deal entgehen oder ich Anrufe meiner Klientinnen und Klienten verpassen könnte.
Sie legt ihre Hand sanft auf meine, lächelt mich aus warmen Augen an. »Das klang jetzt härter als beabsichtigt. Aber Marissa, bitte pass auf dich auf. Deine Arbeit ist eben nur das. Arbeit. Eine Tätigkeit, der du nachkommst, um ein Einkommen zu generieren, das du für private Zwecke ausgeben kannst. Sie sollte nicht dein ganzes Leben einnehmen.«
»Ich …«, setze ich an, weiß aber nicht, was ich sagen soll. Ich bin eine Workaholic, das sehe ich in diesem Moment glasklar vor mir. Und auch wenn meine Freundinnen mich früher geneckt haben, dass ich es übertreibe, glaube ich ihnen nun zum ersten Mal wirklich. Und ich weiß nicht, wie ich mich mit dieser Erkenntnis fühlen soll.
Calder
Verkaufen ist kein Geschäft – es ist eine Kunst, die ich im Schlaf beherrsche. Ich erkenne bereits an der Körperhaltung, Mimik und Gestik, ob ernstes Interesse besteht, und lege mir eine genau auf den Kunden angepasste Verkaufsstrategie zurecht.
Hurst Gillis fällt unter den neureichen Adel New Yorks. Als IT-Software-Unternehmer hat er mit nachhaltigen Innovationen ein Vermögen angehäuft. Er ist zweiundvierzig, mit einer Yoga-Influencerin verheiratet und ein Umweltschützer, der auf erneuerbare Energien setzt.
Letztes Jahr habe ich ihm ein Gebäude im FiDi, dem Financial District verkauft, das er als Anlage gekauft hat. Nach einer umweltfreundlichen Renovierung sind seine Gewinne durch die Mieteinnahmen der Büros und Praxen hoch. Er achtet auf seinen ökologischen Fußabdruck sowie eine energieeffiziente Bauweise. Und genau das ist der Grund, wieso ich ihn vor allen anderen hierher eingeladen habe.
Nach einer umfassenden Besichtigung finden wir uns in der lichtdurchfluteten Wohnküche wieder. Ich lehne mich entspannt gegen die Kücheninsel und lasse ihn den Raum erkunden. Er geht langsam umher, prüft die Materialien mit den Fingerspitzen und mustert die deckenhohen Fenster. Nach dem ersten Eindruck braucht er immer eine Weile, um alles auf sich wirken zu lassen. Mr Gillis wird das Gespräch suchen, sobald er so weit ist.
»Es handelt sich bei dem Gebäude um ein Green House, oder?«
Endlich. Heute hat er etwas länger gebraucht als sonst. Das Jackett hat er fein säuberlich über einen Stuhl gehängt und steht nun in Poloshirt und Jeans vor mir. »Richtig. Das gesamte Loft ist an ein intelligentes Energiemanagement-System gekoppelt. Sonnenkollektoren auf dem Dach, die siebzig Prozent des Energiebedarfs decken. Außerdem ist es mit einem Wärmegewinnungssystem ausgestattet, das für minimale Verluste sorgt.« Ich gehe zu dem zehn Zoll großen Display an der Wand und bedeute Mr Gillis, mir zu folgen. Ich tippe auf ein Touchpad, das den Monitor erhellt. »Hier sehen Sie in Echtzeit, wie viel Energie Sie verbrauchen und wie viel Sie einsparen.« Er tritt näher, mustert die Anzeige und hebt eine Augenbraue. Er zeigt Interesse, aber ich habe ihn noch nicht so weit. Das zeigen mir seine zusammengezogenen Augenbrauen. Er geht auf die Küche zu und lehnt sich gegen die Kücheninsel.
»Bei den Materialien handelt es sich um recycelte Hartholzböden mit VOC-freien Farben und Lacken.«
»Und die Dämmung?« Er fährt mit der Hand über die glatte Arbeitsplatte.
»Green House hat sich für Hanffasern statt für synthetische Stoffe entschieden. Das gesamte Gebäude ist nach LEED-Platinum-Standard zertifiziert. Sie kaufen hier nicht nur eine Immobilie: Sie investieren in eine saubere Zukunft.« Bei der LEED-Auszeichnung handelt es sich um ein international anerkanntes Bewertungssystem für umweltfreundliches, energieeffizientes und nachhaltiges Bauen.
Seine Augen leuchten auf, und er rückt seine dunkel umrahmte Brille zurecht. Er verschränkt die Arme vor der Brust und versucht so, sein Interesse zu kaschieren. »Und was ist, wenn ich einen Schritt weitergehen will? Keine fossilen Brennstoffe, keine externe Abhängigkeit.«
»Wir könnten eine Windturbine auf dem Dach aufstellen. Die Genehmigung könnte ich Ihnen innerhalb von zwei Wochen besorgen.« Wieder ist da dieser Glanz in seinen Augen, und seine Stirn glättet sich. Der Moment, in dem er sich eine Zukunft in diesem Loft ausmalt, ist eingetreten.
»Kann ich dieses Loft mit meiner Stiftung verknüpfen, um zu zeigen, wie luxuriöses und nachhaltiges Wohnen zusammenpassen?«
Mein Lächeln wird breiter, denn ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Sobald Hurst Gillis der Besichtigung zugestimmt hat, habe ich bereits mit einem Architekten und Green House gesprochen und mich erkundigt, ob alle entsprechenden Genehmigungen und Voraussetzungen gegeben sind. Ich hatte die Bestätigung schon schwarz auf weiß in der Tasche, bevor er die Frage gestellt hat. Ich nicke ihm bestätigend zu.
»Das können wir gerne so umsetzen. Ich kenne Architekten, die das Loft so optimieren, dass es als Vorzeigeprojekt für nachhaltiges Luxuswohnen fungieren kann. Ein energieeffizientes Muster, das perfekt auf Ihre Stiftung abgestimmt ist.« Das Aufstellen der Turbine und das Einholen der Genehmigungen würden den Preis für das Loft übersteigen, aber wenn die Qualität stimmt, zahlt Mr Gillis gerne mehr.
Danach folgt Stille. Mein Klient richtet erneut seine Brille, lockert seine Haltung und sieht aus dem Fenster zur gegenüberliegenden Skyline. Manche würden diese Stille als etwas Negatives, als ein Zögern werten, doch ich kenne Hurst Gillis. Er hat eine Vision, plant zehn Jahre im Voraus. Wägt das Für und Wider ab, ehe er eine Entscheidung trifft. Das Licht der Vormittagssonne fällt durch die bodentiefen Fenster und spiegelt sich auf der Marmorplatte in der offenen Küche.
»Dann setzen Sie die Papiere auf, damit ich sie durch mein Team prüfen lassen kann.« Yes!
»Selbstverständlich.« Ich greife nach meinem Smartphone und maile meiner Assistentin Whitney, damit sie die nötigen Unterlagen an Mr Gillis weiterleitet.
»Erledigt«, teile ich ihm mit einem breiten Lächeln mit, das sich in seinem Gesicht widerspiegelt.
»Sie wissen, wie man verkauft.«
»Ich weiß, wie man Träume Realität werden lässt.«
Er sieht mir fest in die Augen und nickt, ehe er mir die Hand hinhält, die ich ergreife.
»Dann haben wir einen Deal.«
Die Kunst meiner Verkaufsstrategie ist nicht nur, zu reden oder den Kunden in- und auswendig zu kennen, sondern ihm auch das Gefühl zu vermitteln, dass nicht ich hier gewonnen habe, sondern er. Er hat sich diesen Traum vom Eigenheim erfüllt.
Nach dem Gespräch und der Verabschiedung von Mr Gillis schließe ich die Immobilie ab und sehe auf meine Armbanduhr.
Mist. Ich verspäte mich zum Treffen mit meiner Schwester. Ich beeile mich, und eine halbe Stunde später als geplant erkenne ich meine Schwester im hinteren Teil des Lokals, in dem wir uns verabredet haben.
»Hey Aevin. Entschuldige bitte die Verspätung.« Ich umarme sie fest und küsse sie auf die Wange. In einer fließenden Bewegung öffne ich den Knopf meines Jacketts und setze mich ihr gegenüber. Ihr dunkelblondes Haar fällt ihr in lockeren Wellen über die Schultern, während sie den Kopf schüttelt. »Macht nichts. Ich war auch spät dran, aber ich habe uns einen hausgemachten Eistee bestellt, ich hoffe, das war in Ordnung.«
»Sicher, danke. Bist du allein hier?« Ich schaue mich im lichtdurchfluteten Restaurant um, kann jedoch nirgendwo ihre Partnerin ausfindig machen.
»Clarissa musste Henry früher von der Schule abholen, er hat Kopfschmerzen.«
»Ist er krank?«
Mein Neffe neigt dazu, jede erdenkliche Kinderkrankheit aus der Schule mitzuschleppen.
»Das wird der Arzt klären können. Clarissa hat heute ihren freien Tag und wird mich auf dem Laufenden halten.« Sie greift mit ihren schlanken Fingern nach der ledergebundenen Speisekarte, die uns die Kellnerin reicht. Auch ich nehme mein Exemplar dankend entgegen, halte den Blick jedoch weiter auf meine Schwester gerichtet.
»Wir können unser Mittagessen auch verschieben, wenn du bei ihnen sein willst.« Die Familie geht immer vor. Auch wenn unsere Eltern uns das nicht vorgelebt haben.
»Ach, Calder. Wenn ich jedes Mal nach Hause eilen würde, wenn Henry erkältet ist oder sich unwohl fühlt, würde ich kaum Zeit im Büro verbringen. Normalerweise würde unser Manny sich um Henry kümmern, aber der besucht diese Woche seine Eltern in Wyoming.« Mir war früher nicht klar, dass männliche Nannys umgangssprachlich Manny genannt werden. Ryder ist seit Henrys Geburt fester Bestandteil von Aevins und Clarissas Alltag, und der Kleine vergöttert ihn.
Die beiden haben eine Routine gefunden, mit der sie ihr Berufs- und Privatleben unter einen Hut bekommen, ohne ihr Kind zu vernachlässigen – anders als unsere Eltern, die uns einer Schar Nannys anvertraut haben und kaum präsent waren. Unsere Lebensstile könnten nicht unterschiedlicher sein, und manchmal vergesse ich, dass sie zehn Jahre älter ist als ich. Während meine Brüder und ich Teilinhaber der Bevyn Group Inc. sind, wollte Aevin keinen Platz im Vorstand einnehmen, sondern sich auf ihr Familienleben konzentrieren. Deshalb hat sie sich für eine gut bezahlte Stelle mit geregelten Arbeitszeiten als Personalleiterin der Bevyn Group entschieden.
»Du kannst ja eine lockere Mom sein. Wer hätte das gedacht.« Mein Scherz wird von dem Plopp einer Weinflasche begleitet, die am Nebentisch gerade geöffnet wird.
»Ich war immer locker«, zischt sie, nachdem wir unsere Essensbestellung aufgegeben haben. Mit einem leisen Schnauben umfasse ich mein kühles Glas.
»Stock im Arsch trifft es eher«, erwidere ich und nehme einen Schluck von meinem Eistee. Aevins Lachen wird durch das klirrende Geräusch der Eiswürfel in meinem Glas begleitet.
»Na schön. Sagen wir, dass ich vorsichtig in der Erziehung von euch Bälgern war.« Und sie hatte mit uns alle Hände voll zu tun. Gideon und sie haben meinen kleinen Bruder Adric und mich großgezogen. Ein Hauch Nostalgie erfüllt mich, wenn ich an die Nachmittage denke, in denen wir durchs Haus getobt sind, uns vor den Kindermädchen versteckt und nachts in Aevins Bett geschlafen haben. Obwohl wir immer wieder in unsere Zimmer geschickt wurden, suchten wir mitten in der Nacht ihre Nähe. Wir kuschelten uns eng an sie, und sie schenkte uns Trost, wenn unsere Eltern wieder einmal fehlten.
»Und sieh dir an, was für Prachtexemplare aus uns geworden sind.« Ich deute auf mich und breite die Arme aus.
»Tja, das kann ich nicht bestreiten. Immerhin ist etwas aus euch geworden. Oh.« Einen Zeigefinger erhoben greift sie nach einer Tüte auf dem Boden und reicht sie mir.
»Ich habe dir etwas von meiner Geschäftsreise mitgebracht.« Ich nehme sie entgegen und finde darin eine rechteckige Box, in der sich ein Mercedes-Benz-300-SLR-Modellauto befindet. Das stand schon länger auf meiner Wunschliste.
»Wow. Danke, Aevin. Woher wusstest du, dass ich genau dieses Modell im Auge hatte?« Der Bausatz enthält mehr als neunhundert Teile, ist detailgetreu und sehr kostspielig.
»Ich habe Whitney angerufen, und sie hat in deiner Online-Wishlist nachgesehen.« Meine Sekretärin hat ihr genau das richtige Modell genannt. Vielleicht sollte ich ihr als kleines Dankeschön einen Kaffee von Starbucks mitbringen.
»Gern geschehen.«
Meine Leidenschaft für Modellautos ist kein Geheimnis. In meinem Büro befinden sich sieben meiner Lieblingsmodelle, und in meinem Haus in Manhattan habe ich ebenfalls ein Dutzend ausgestellt, alles, was darüber hinausgeht, verschenke ich nach dem Zusammenbauen an eine Kinderhilfseinrichtung. Sobald ich die Tüte auf dem Stuhl neben mir abstelle, kommt Aevin auf den eigentlichen Grund unseres Treffens zu sprechen.
»Hier ist die Liste der Locations, die ich für Gideons Geburtstagsparty zusammengestellt habe.« Sie reicht mir ihr iPad, auf dem ich Fotos und Infos zu den jeweiligen Lokalen finde und überfliege. Auf die Frage, ob er seinen Geburtstag feiern möchte, brummt er jedes Jahr ein Nein, aber natürlich schmeißen wir trotzdem eine Party. Es hat sich beinahe zu einer alljährlichen Tradition entwickelt. Die Locations ähneln sich bis zu einem gewissen Grad, doch eine sticht wegen dem gemütlichen Ambiente und der Lage heraus.
»Die Rooftop Bar am Times Square hört sich gut an.«
Ihre Augen leuchten auf, als ich ihr das Tablet reiche.
»Das dachte ich mir auch. Die nächsten Wochen sollen weiterhin trocken bleiben, aber sollte es zu einem Schauer kommen, kann man ins Innere der Bar umsiedeln. Clarissas Freundin hat das Essen in den Himmel gelobt, sodass wir gut versorgt sind.« Gideon ist es egal, in welcher Location wir feiern. Er ist ein Workaholic, wie er im Buche steht, und würde nicht mal zu der Party erscheinen, wenn wir ihn nicht dazu überreden würden. Aevin und ich besuchen ihn einmal die Woche, nennen es Zusammentreffen, doch eigentlich handelt es sich um Kontrollbesuche, bei denen wir überprüfen, ob er genug Essen im Kühlschrank hat, und sicherstellen, dass er nicht rund um die Uhr arbeitet.
»Gut, dann haben wir schon mal die Location geklärt. Wird Adric auch kommen?« Unser kleiner Bruder ist ein richtiger Weltenbummler. Er ist in den entferntesten Ländern unterwegs, immer auf der Suche nach neuen sportlichen Herausforderungen und Eindrücken. Doch obwohl er sich meist tausende Meilen entfernt von uns aufhält, verpasst er keine unserer Feiern.
»Natürlich kommt er. Wenn nicht, ziehe ich ihm die Ohren lang.« Dass er seit Jahren nicht mehr dauerhaft in Manhattan ansässig ist, macht Aevin zu schaffen, die immer schon eine besondere Beziehung zu ihm hatte. Im Gegensatz zu unseren Eltern, die ihm kaum Beachtung schenkten. Das hat Narben in Adric hinterlassen, und ich befürchte, dass er New York deshalb den Rücken gekehrt hat.
»Weißt du, wie es ihm geht? Bei unserem letzten Telefonat hat er mich abgewürgt, weil er eine Fähre erwischen musste«, sage ich und muss unweigerlich lächeln. Wenn wir telefonieren, erzähle ich ihm von der Immobilienwelt oder meinem Alltag. Er hingegen berichtet von Bungee Jumps, Paragliding oder Fallschirmsprüngen. Während ich die Struktur meiner Arbeit liebe, ist Adric ein Freigeist, der immer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick ist.
»Er ist immer noch ein Grünschnabel und will einfach nicht nach Hause kommen.« Der traurige Schimmer in ihren Augen weckt den Wunsch in mir, Adric nachzureisen, ihn am Kragen zu packen und hierher zu schleifen.
»Er ist gerade Kitesurfen in Chile. Der Faulpelz genießt die nationale Küche und verdreht den Frauen den Kopf, genau wie all meine Brüder.« Sie verbirgt den Stolz in ihrer Stimme nicht, was eine Wärme in meiner Brust freisetzt. Ja, unsere Eltern hatten kein Interesse an Kindererziehung oder daran, Zeit mit uns zu verbringen, doch Aevin und Gideon haben uns stets über den Schmerz hinweggeholfen.
»Alle, außer Gideon«, werfe ich ein, was ihr ein Lachen entlockt. Während Adric und ich mit Charme gesegnet sind, ist Gideon eher der Typ Grizzlybär, der Frauen nur mit Brummlauten auf sich aufmerksam machen könnte. Um einer Frau zu begegnen, müsste er sich aber ohnehin erst mal vom Schreibtisch loseisen.
»Das stimmt. Wie sieht es bei dir aus? Gibt es da jemanden?«
Das Essen wird vor uns abgestellt, und sofort umfängt uns der Geruch von gebratenem Fleisch und Gewürzen. Während Aevin sich für einen Salat mit Hühnerstreifen entschieden hat, fiel meine Wahl auf das Steak. Ich zucke mit den Schultern.
»Nein. Zumindest nichts Ernstes.« Da meine letzte Beziehung in einem Desaster geendet ist, habe ich nicht vor, das Risiko erneut einzugehen.
Während des Essens unterhalten wir uns über die Gala, bei der Gideon es sage und schreibe zwei Stunden und zehn Minuten ausgehalten hat, ehe er nach ein paar Pressefotos wieder abgerauscht ist. Außerdem erzählt meine Schwester mir von Henrys Lesefortschritten.
»Nun zu den weniger erfreulichen Dingen.« Aevins Stimmung schlägt um, als wir unser Besteck auf den Tellern ablegen. Wir versuchen bei unseren Treffen nicht nur über die Arbeit zu reden, versagen jedoch häufiger, als uns lieb ist. Wer weiß, vielleicht färbt Gideon schon auf uns ab.
»Gideon hat mal wieder seine Assistentin gefeuert.« Es ist das vierte Mal in Folge, was das Ganze noch schlimmer macht.
»Mit welcher Begründung diesmal?«, frage ich seufzend. Ich fahre mir mit Daumen und Zeigefinger über die geschlossenen Lider.
»Er findet, dass sie nicht stressresistent ist, und hatte das Gefühl, dass sie ihm schöne Augen macht.« Aevin wischt sich mit einer Serviette den Mund ab und legt sie erneut ab.
»Echt? Sie macht ihm schöne Augen?«
»Tu nicht so schockiert. Es gibt viele Leute, die auf grumpy Männer stehen.«
»Aber wir sprechen hier von Gideon.« Verwirrt sehe ich sie an, woraufhin sie missmutig das Gesicht verzieht.
»Reiß dich zusammen und bleib bei der Sache.«
»Okay, okay. Also? Was sollen wir jetzt machen? Er braucht eine rechte Hand. Terry ist bereits ausgelastet und steht laut Whitneys Aussagen kurz vorm Burnout.« Meine Assistentin und Gideons Sekretär sind gut befreundet, weswegen ich über seinen Zustand Bescheid weiß. Als CEO von Bevyn Estates braucht er viele helfende Hände. Während Terry die administrativen und organisatorischen Aufgaben übernimmt, sollte eine Assistentin oder ein Assistent strategischere Tätigkeiten ausüben, die mit mehr Verantwortung einhergehen. Whitney vereint für mich beides, und ich wüsste nicht, was ich ohne sie tun würde. Sie ist die geborene Assistentin, die mir viel Arbeit abnimmt und dafür sorgt, dass ich mich vorrangig um meine Kundschaft kümmern kann.
»Wir sollten …«
»… ihn uns vorknöpfen.«
Doch meine Empfehlung wird nur mit einem Augenrollen quittiert.
»Ernsthafte Vorschläge, bitte.«
»Ein Gespräch unter vier Augen wäre ein guter Anfang. Oder wir lassen ihn diesmal bei den Bewerbungsgesprächen dabei sein«, schlägt meine Schwester schließlich vor. Es ist unüblich, dass der CEO solchen Prozessen beiwohnt, doch wir könnten es in diesem Fall anders handhaben.
»Glaubst du, er könnte sich von seinem Schreibtisch lösen und bei den unzähligen Bewerbungsverfahren anwesend sein?«, lautet meine Gegenfrage. Als CEO eines milliardenschweren Unternehmens ist Gideon einem enormen Druck ausgesetzt und neigt dazu, von seinen Mitmenschen den gleichen Perfektionismus und Arbeitseifer zu erwarten, sodass ich ihn öfter bremsen muss, als mir lieb ist. Wenn er in seinem CEO-Modus ist, dann helfen da nicht immer Worte. Manchmal muss man ihm auch auf die Zehen treten, um ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.
»Er wird es müssen, sonst wird er mich kennenlernen.«
Calder
Eine Stunde später stehen wir vor unserem hundertzweiundfünfzig Meter hohen Bürogebäude, das unser Großvater Archibald Bevyn während der großen Depression im Jahr 1930 gekauft hat. Er hatte sein gesamtes Erbe in einen Traum investiert und es während einer Zwangsversteigerung für zwei Millionen Dollar erstanden. Heute ist es das Hundertfache wert.
Wir betreten den VIP-Eingang, der für den Vorstand und unsere prominente Kundschaft vorgesehen ist. In diesem Bereich herrscht ein verstärktes Security-Aufgebot, um die Sicherheit und Privatsphäre unserer Klientinnen und Klienten zu wahren. Wir steigen in den Fahrstuhl und fahren mit der Schlüsselkarte in den achtundzwanzigsten Stock, dort befinden sich die Büros der Vorstandsmitglieder und CEOs. Wir passieren den Infobereich, wo wir von unseren Mitarbeitenden Elena und Frederic freundlich begrüßt werden. Ich kann mir die Namen der unzähligen Personen, die im Hauptgebäude arbeiten, nicht merken, aber das Team auf der Chefetage ist mir vertraut. Zeitungsartikel, die im Laufe der Jahre über unser Unternehmen erschienen sind, und abstrakte Gemälde säumen die Wände der Flure.
Wir passieren die geschlossene Bürotür von Adric, der sein Arbeitszimmer nicht nutzt. Während meine Milchglastür geschlossen ist, hat Whitney ihre offengelassen. Der Teppichboden dämpft unsere Schritte, und der Duft von Lilien, der aus dem Diffuser meiner Assistentin dringt, ist allgegenwärtig. Ich lasse Aevin den Vortritt, und sie geht ins Büro unseres Bruders, ohne vorher anzuklopfen. Gideon sitzt in weißem Hemd und mit lockerer Krawatte an seinem Schreibtisch und ist so vertieft in seine Arbeit, dass er unser Eintreten gar nicht bemerkt. Ich will mir einen Spaß erlauben und ihn erschrecken, doch Aevin vermiest mir die Tour, indem sie sich laut räuspert. Sein Kopf fährt herum, und er erhebt sich hastig.
»Hey. Was macht ihr zwei denn hier?«, brummt er überrascht.
»Du warst auch schon mal freundlicher.« Aevin sieht ihn aus verengten Augen an, ehe er sie in eine kurze Umarmung zieht und mir zunickt. Sobald sie sich setzt, tun wir es ihr gleich.
»Entschuldige, ihr habt mich überrumpelt. Was kann ich für euch tun? Wenn ihr mir beide gleichzeitig einen Besuch abstattet, dann mit Sicherheit nicht, um mit mir übers Wetter zu reden.« Er rückt einen Ordner, den er beim Aufstehen verschoben hat, wieder gerade. Meine Schwester und ich haben uns noch nicht auf eine Strategie geeinigt, also verfahren wir wie üblich. Ich bin der gute, sie der böse Cop. Denn sie ist immer der böse Cop.
»Mich interessiert brennend, wieso du schon wieder eine Assistentin gefeuert hast.« Brummend wirft Gideon seine Brille auf den Tisch und fährt sich über das bärtige Gesicht. Der Frust ist ihm klar anzusehen, und ich habe beinahe Mitleid mit ihm, denn es ist nicht gerade angenehm, von Aevin den Kopf zurechtgerückt zu bekommen.
»Ich werde mit keiner Person zusammenarbeiten, die in Tränen ausbricht, wenn ich sie auf ihre Fehler hinweise, oder die mich ansieht, als wäre ich zum Anbeißen«, brummt er auf typische Gideon-Art, doch seine Worte bringen mich zum Lachen.
»So heiß bist du auch wieder nicht.« Ich kann mir den Kommentar nicht verkneifen, lehne mich im Stuhl zurück und ergötze mich an seinem wütenden Blick.
»Hat sie dich sexuell belästigt?«, will Aevin besorgt wissen, doch Gideon schüttelt nur den Kopf.
»Nein.« Sexuelle Belästigung jeglicher Art wird in unserem Unternehmen sehr ernst genommen. Mit über zehntausend Mitarbeitenden ist es uns ein großes Anliegen, dass sich die Menschen im Team wohlfühlen. Man kann es nie garantieren, aber wir versuchen es.
»Gut. Dann hat es mit Sorrow nicht geklappt. Aber was war mit den anderen? Dein Verschleiß an Mitarbeitenden ist besorgniserregend«, meint Aevin und deutet mit der Handfläche vorwurfsvoll auf ihn.
»Du meinst, was bei der Zusammenarbeit mit Bluebell, Chardonnay und Cartwright Hennessy Earl Cattlebeave nicht gepasst hat?« Er hebt spöttisch eine Braue, während ich Aevin verwundert ansehe.
»Sind das wirklich ihre echten Namen?«
Das Nicken meiner Schwester beantwortet meine Frage. Was denken sich Eltern eigentlich dabei, ihre Kinder nach teurem Wein zu benennen? Vom letzten Namen ganz zu schweigen. Ich schüttle den Kopf, und Gideon tut es mir gleich.
»Die haben noch nie harte Arbeit verrichten müssen. Sie haben zwar einen Ivy-League-Abschluss, aber das hilft ihnen in der Praxis nicht weiter. Auf dem Papier wirkten sie für den Job geeignet, aber die Realität sah anders aus.«
»Was schwebt dir vor? Was ist dir wichtig an einer Assistentin oder einem Assistenten?« Aevin zückt ihr Tablet, während Gideon sich über seinen Bart streicht und überlegt.
»Jemand, der nicht vor harter Arbeit zurückschreckt. Der nicht gleich zusammenbricht, weil ich etwas kritisiere. Wir brauchen eine Person, die sich ins Team einfügen kann und keine eigennützigen Ziele verfolgt.«
»Also jemanden mit mehrjähriger Erfahrung?«
»Nicht zwingend. Wir sollten vielleicht mit einem frischen Ansatz an die Suche rangehen, uns nicht auf den Ausbildungshintergrund versteifen, sondern allen eine Chance geben, uns zu überzeugen.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe«, sagt Aevin.
»Es sollten keine Hochschulabschlüsse notwendig sein«, erkläre ich. »Erfahrung wäre von Vorteil, ist aber kein Muss.« Gideon nickt. Ich verstehe seinen Frust.
Wenn ich Whitney nicht hätte, die zuverlässig meine Termine koordiniert und sich um den Kleinkram kümmert, wäre ich verloren. Es muss eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen Assistenz und Boss herrschen, um eine gute Dynamik zu schaffen.
»Glaubst du, dass eine Person, die beispielsweise jahrelang als Koch gearbeitet hat, deinen Anforderungen gerecht werden kann?«, hakt Aevin nach. Als Leiterin der Personalabteilung weiß sie ganz genau, welche Maßstäbe für einen Job wie diesen herrschen müssen, aber harte Zeiten verlangen harte Maßnahmen. Gideon ist nicht irgendjemand, er ist der CEO der Bevyn Group. Mit vierzehn Zweigstellen sind wir die erfolgreichste Immobilienagentur der USA.
Obwohl ich ursprünglich Head of Marketing werden sollte, leite ich aktuell das Verkaufsteam – eine Aufgabe, die eigentlich Adric übernehmen sollte, doch er glänzt nach wie vor mit Abwesenheit, was Gideon nicht müde wird zu erwähnen. Die Leitung des Marketings ging auf Ashanti Tomford über, die von Aevin persönlich eingestellt wurde. Zwischen Adric und Gideon gab es vermehrt Spannungen, die weder Aevin noch ich auflösen konnten. Er ist der CEO, und wenn er gewisse Wünsche an eine Assistenz hat, die ihm Arbeit abnimmt oder erleichtert, dann ist mir der berufliche Werdegang dieser Person egal.
»Gut, wenn es das ist, was du willst, werden wir diesen neuen Ansatz ausprobieren – auch wenn ich der Meinung bin, dass es riskant ist, eine fachfremde Person für diese Stelle in Betracht zu ziehen«, gibt Aevin zu bedenken.
»Vertraut mir«, flüstert Gideon und sieht meine Schwester und mich abwechselnd an. Eine stumme Bitte liegt in seiner Stimme. Nur jemand mit einem ruhigen Gemüt wie seinem kann mit kühlem Kopf ein milliardenschweres Unternehmen führen. Mit weicher Miene steckt Aevin ihr iPad wieder in die Tasche.
Wir vertrauen einander blind, das haben wir immer schon getan.
Aevin ist die Erste, die den Raum verlässt, und ich will es ihr gleichtun, als mein Bruder die Stimme erhebt. »Calder, warte. Ich möchte noch etwas mit dir besprechen.« Ich nehme wieder Platz, stütze den Fußknöchel auf meinem Knie ab. Abwartend lehne ich mich zurück.
»Wie sieht es mit dem Greenwich-Village-Haus aus? Gibt es schon Interessierte?« Sein für ihn typischer, mürrischer Blick ruht nun auf mir.
»Noch nicht. Mein Team ist schon dran, und ich werde mich ihnen gleich anschließen.«
»Du scheint ziemlich zuversichtlich, dass du den Deal an Land ziehen wirst.«
»Ich habe keinerlei Zweifel daran.«
»Aber trotzdem sitzt du hier und plauderst mit mir, während Marissa Gallagher heute drei Besichtigungen in den Maklerkalender eingetragen hat«, sagt er und deutet auf den Bildschirm.
»Wie bitte?« Ich beiße die Zähne zusammen und mahle mit dem Kiefer. Wann zum Teufel hat sie das hinbekommen? Ich richte mich abrupt auf, umrunde den Tisch und blicke meinem Bruder über die Schulter. Dort leuchtet ihre tiefgrüne Kalenderfarbe über den ganzen Tag verteilt auf. Calvin hat uns einen Gemeinschaftskalender erstellt, sodass es bei unseren Besichtigungen nicht zu Überschneidungen kommt.
»Na und? Ich habe drei VIP-Kunden, die auf der Suche sind«, erkläre ich mit einem Schulterzucken. Ich verstehe nicht, wieso er solch einen Druck auf mich ausübt. Ich werde den Deal an Land ziehen. In meinem Tempo.
»Die werden die Immobilie gar nicht zu Gesicht bekommen, wenn sie sie dir vor der Nase wegschnappt.«
Ich richte mich auf und funkle ihn wütend an.
»So weit wird es noch kommen. Ich habe bis jetzt jedes Anwesen verkauft.«
»Ja, weil du keine Konkurrenz hattest, die dir das Wasser reichen kann. Das sieht bei diesem Deal anders aus.«
