Sensible Daten - Jörg Bilke - E-Book

Sensible Daten E-Book

Jörg Bilke

4,9

Beschreibung

"Dein Vater ist ... tot, ermordet." Ein Anruf beendet Alexandras Leben als Wohlstands-Girlie auf der griechischen Urlaubsinsel Paros. Sie fliegt zur Beerdigung ihres Vaters nach Dortmund und erfährt, dass der Unternehmer sein Vermögen in der Telekommunikationsbranche mit dubiosen Geschäften gemacht haben soll. Der Privatdetektiv Frank Bitter ist sicher: Der Mord steht in engem Zusammenhang mit einem ungeheuerlichen Datenskandal beim Telefonanbieter DelTel. Gemeinsam verfolgt das ungleiche Paar Spuren bis nach Berlin, Wien, Alanya und Istanbul. Und Alexandra merkt schnell, dass man in diesem Business nicht zimperlich miteinander umgeht. So gibt es weitere Tote, bis sich die kriminellen Machenschaften einer ganzen Branche offenbaren und der Mord in der Bittermark endlich aufgeklärt wird."

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Jörg Bilke

Sensible Daten

Ein Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet

Prolibris Verlag

Alle Figuren dieses Romans sind vom Autor frei erfunden. Jegliche auch nur entfernte Ähnlichkeit mit realen Personen – lebenden oder toten – wäre reiner Zufall.

Handelnde Hauptpersonen

Alexandra Peters, Wohlstands-Girlie:

Auf der Suche nach dem Mörder ihres Vaters.

Frank Bitter, Privatdetektiv, Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität:

Auf der Suche nach den belastenden Unterlagen.

Ben Haller, Polizeihauptkommissar:

Auf der Suche nach der Lösung des Falls.

Eva Peters, Ex-Frau des ersten Mordopfers:

Auf der Suche nach neuen Geldquellen.

Kati Neudorff, Lebensgefährtin des ersten Mordopfers:

Auf der Suche nach dem Vergessen.

Thomas Schlathmann, Journalist:

Auf der Suche nach der Balance zwischen großer Liebe und perfekter Story.

Wim van der Saal, Vertriebschef DelTel:

Auf der Suche nach Wegen, sein Unternehmen reinzuwaschen.

Eren Nazüm, Ex-LKA-Mann:

Auf der Suche nach der wirkungsvollsten Abschreckung.

Mord in der Bittermark

Prolog

Diese Schweine wissen genau, was sie machen. Die verstehen ihr Handwerk. Mistkerle. Sie kennen die Grenzen, wissen, wie man Schläge dosiert. Höllisch schmerzhafte Schläge, und doch nicht heftig genug, um mir das Bewusstsein zu rauben. Die lassen nicht locker. Diese beiden ganz sicher nicht.

Jeder Atemzug schien schon jetzt ein Loch in seine Lungenflügel zu reißen. Da rauschte der nächste Haken heran, schraubte sich tief in seinen Magen. War es der siebte? Oder schon der achte? Längst hatten seine Fingernägel tiefe Furchen in die gepolsterten Armlehnen geritzt. Kabelbinder an Armen und Beinen schnitten blutige Riefen in sein Fleisch. Der nächste Treffer. 85 Kilo Lebendgewicht schleuderten Richtung Bücherwand. Aktenordner stürzten auf schwarz glänzende Granitfliesen. Der schwere Chefsessel polterte zurück zum Schreibtisch.

Werden sie mich leben lassen? Werden ihre Auftraggeber das zulassen? Oder ist es für sie zu gefährlich? Müssten sie nicht Angst haben, ich erkenne sie wieder? Nein, sie sind maskiert. Ein gutes Zeichen. Ich könnte diesen Hunden geben, was sie wollen. Und wenn sie es haben? Schließlich ist es auch in meinem Kopf. Müssen sie mich deswegen nicht umbringen?

Der Schwinger zum Kinn raubte ihm seine Sinne. Als er wieder zu sich kam, schmeckte er süßlich-warme Flüssigkeit. Seine Zunge tastete vorsichtig am Zahnfleisch entlang. Ein Blutrinnsal suchte sich einen Weg aus seinem rechten Mundwinkel. In seinem Schädel hämmerte jeder einzelne Pulsschlag.

Ich kann sie nicht mehr hören, was machen sie? Haben sie gefunden, was sie suchen? Oder bereiten sie sich nur auf den nächsten Angriff vor?

Seine Fragen wurden beantwortet, als er auf seinem Bürostuhl herumgeschleudert wurde. Er starrte auf das leer gefegte Regal. Er sah, was sie auch sehen konnten: die Tür des Safes. Sein Widerstand war gebrochen.

»Drei – eins – drei – sieben – sieben.«

Ruckartig drehten sie den hohen Ledersessel wieder in die andere Richtung. Sie hantierten hinter seinem Rücken und durchwühlten hastig die einzige Dokumentenmappe, die im Safe lag.

Jetzt müssen sie die Papiere gefunden haben. Und das Bargeld und der Schmuck liegen quasi als Belohnung direkt daneben.

Ohne ein weiteres Wort verließen sie das Zimmer. Er hörte, wie sich ihre Schritte entfernten. Dann Stille, die sofort von dem heftigen Klopfen seines Herzens durchbrochen wurde.

Sie sind weg! Werden sie mich wirklich verschonen? Haben sie nicht den Auftrag, mich zu töten, um alles auszulöschen, was ich weiß?

Er versuchte, sich zu befreien. Bei jeder Bewegung fraßen sich die dünnen Plastikfesseln tiefer ins schon offene Fleisch. Er konnte nur warten. Spätestens in einer Stunde würde Kati zurück sein, und er wäre in Sicherheit. Dann schnellte sein Puls erneut in die Höhe.

Die Schritte kamen zurück.

Eins

Auf der stockfinsteren Landstraße von Naussa nach Piso Livadi schickte das Unheil ihr einen düsteren Vorboten.

Sie legte den Kopf in den schlanken Nacken. Das funkelnde Sternenmeer, das sich prächtig präsentierte, solange der Mond noch nicht aufgegangen war, und sie so oft zu Träumereien hinriss, konnte keinen Trost spenden. Dieses Mal nicht. Dieses Mal gab es nur Trauer und Schuldgefühle. Zitternd kniff sie die Augen zusammen, knipste das Firmament aus.

Mein Gott, ich habe ihn umgebracht. Ich! Ich ganz allein habe ihn auf dem Gewissen.

Die Ereignisse der drei entscheidenden Sekunden liefen vor ihrem inneren Auge immer aufs Neue und in einzelne Bilder zerlegt ab. Sie hatte falsch reagiert. Das graue, nicht mal kniehohe Bündel wetzte von der Seite auf den schwarzen Wagen zu und wollte ihn, wie es die meisten herrenlosen Inselhunde lieben, durch lautes Getöse vertreiben und hinterherlaufen. Die Deutsche wusste das genau und trotzdem gab sie nicht Gas, um dem Hund davonzufahren, sondern trat mit aller Kraft auf das mittlere Pedal. Die vier Scheibenbremsen des Saab Cabriolets erledigten ihren Job präzise. Es roch nach verbranntem Gummi. Im nächsten Moment knallte der Körper des Tieres gegen die Beifahrertür des nun stehenden Wagens. Das aggressive Bellen schlug übergangslos in ein hilfloses, ohrenbetäubendes Heulen um. Alexandra sprang aus dem Wagen, rannte um die Motorhaube auf das jaulende Knäuel zu. Sie beugte sich zu ihm hinunter und hielt ihm, um ihm nicht unnötig Angst zu machen, beschwichtigend die rechte Hand hin. Sie hatte erwartet, ja sie hatte gehofft, dass der Mischling wild um sich beißen würde. Doch seine Kräfte reichten schon nicht mehr. Ergebene Augen hatten sie noch einmal angefleht, bevor der Kopf leblos auf die staubige Straße gesunken war.

Ein vorbeirauschender, wild hupender Motorradfahrer weckte sie aus ihrer Starre. Mist, jetzt nicht noch einen Fehler machen! Alexandra wankte um das Auto herum, drückte noch im Einsteigen auf den Knopf der Warnblinkanlage und bugsierte den Wagen auf den spärlich beleuchteten Parkplatz der einsamen Landstraßenbäckerei. Dann holte sie das leblose Bündel von der Straße. Sie schwankte, als sie es zu ihrem Auto trug und neben der Beifahrerseite ablegte. An den Kotflügel gelehnt starrte sie mit leerem Blick in die tiefschwarze Nacht. Drei Kilometer wären es zurück bis Naussa mit seinen lebenssprühenden Bars und Strandclubs. In der anderen Richtung schimmerten die vereinzelten Lichter von Prodromos. Und sie mitten drin – allein mit einer Kreatur, der sie gerade das Leben genommen hatte. Sie klopfte sich mit den flachen Händen klatschend auf die Wangen, zog die Lungen mehrfach tief voll mit der immer noch heißen Luft des ausklingenden 38-Grad-Tages.

Hallo Alex! Es reicht. Bemüh dein Gehirn. Denk nach, was jetzt passieren muss.

Wer konnte ihr nun helfen? Zitternd lehnte sie an der Beifahrertür und schaute mit leerem Blick auf den toten Hund. Gianluca, der Koch und Mitbesitzer ihres Restaurants Rosmarin & Thymian? Nein, der bullige Italiener konnte die Küche jetzt noch nicht schließen. Yoanna, ihre 55-jährige Nachbarin, war sicher schon im Bett. Georgio? Der Barkeeper, der sie nach Paros gelockt und mit dem sie drei Jahre ein blendendes Paar abgegeben hatte, der aber doch zu oft den Reizen der Touristinnen erlegen war, konnte sehr einfühlsam sein. Aber sie schüttelte den Kopf. In seiner Moon-Killer-Bar am kleinen Strand von Piso Livadi war jetzt das Schütteln von Drinks angesagt. Aristoteles, schoss es ihr durch den Kopf. Aristoteles, der Fischer, bei dem sie allmorgendlich den Catch-of-the-day für ihre verwöhnten Gäste orderte. Hatte er nicht heute noch lamentiert, dass seine schwedische Urlaubsflamme nach Naxos verschwunden sei? Sicher, Aristoteles hätte Zeit, konnte in solchen Situationen ganz praktisch helfen. Sie kramte ihr Klapphandy aus der roten Jil-Sander-Tasche und fand seinen Namen ganz oben auf der Kontaktliste.

Fünfzehn Minuten später näherten sich von Naussa die beiden runden Lichtkegel eines klapprigen Land Rovers. Nur mit einer kakifarbenen derben Bermudahose bekleidet, sprang der sonnengegerbte Schlacks aus dem Wagen. Sein Zopf hopste zwischen den kräftigen Schulterblättern.

»Aristoteles, es ist so furchtbar! Ich habe ihn …« Die letzten Laute gingen im Schluchzen unter. Ohne hinzuschauen, deutete sie mit dem linken Zeigefinger auf die Tierleiche zu ihren Füßen. Der Grieche blickte kurz zu dem Hund und schloss die nicht viel kleinere Alexandra fest in seine Arme. »Sieh es doch einmal so, Alex. Der kleine Kerl hatte lange Zeit ein schönes, freies Leben. Jedenfalls ging es ihm besser, als vielen Hunden in deiner Heimat, die nur an der Leine durch die Städte hecheln.« Er schob sie eine Handbreit von sich und schaute ihr fest in die Augen. »Eine Kerze, die hell leuchtet, brennt eben auch schneller ab.«

Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte wenig überzeugt den Kopf. Unterdessen hob Aristoteles den schlaffen Kadaver in den Kofferraum seines Wagens. »Den kleinen Kerl bringe ich später zu Gregory.«

Ja, Gregory, der einzige Tierarzt der Insel. Den kannte sie wegen ihrer drei eigenen Vierbeiner nur zu gut. Er würde sich um die Entsorgung des kleinen Körpers kümmern. Wie gerne hätte sie das Bündel zu ihm gebracht – lebend, egal was eine Operation gekostet hätte.

»Und wir zwei fahren jetzt zu den Polos. Ich habe gehört, die haben bereits den neuen Zuma geköpft. Der Schnaps bringt uns auf andere Gedanken.« Alexandra nickte nur still. Zu einer Gegenwehr wäre sie ohnehin nicht fähig gewesen.

Als die beiden Wagen am Ortsrand von Piso Livadi den kleinen Berg hinunterrollten, erstrahlte die Strandterrasse des Lokals, das die Familie Polodakis seit den 60er Jahren führte, in Festbeleuchtung.

Jetzt nur nichts anmerken lassen!

Schon, als sie die zwei kleinen Stufen vom Strand auf die Terrasse hinaufstiegen, war Alexandra durchschaut. Nico, der albanische Ober, mit großen, wachen Augen und einer ewig guten Laune gesegnet, begrüßte sie, indem er sich mit der rechten Faust aufs Herz schlug, dabei gleichzeitig mit dem Kinn zum rechten Schlüsselbein nickte und ohne Umschweife sagte: »Alex, du siehst beschissen aus! Was ist passiert?«

»Danke für das überschwängliche Kompliment, Nico. Gib mir ordentlich vom Home-Made. Alles andere später.«

Aristoteles hob die rechte Hand und zeigte mit zwei Fingern, dass er mit dem gleichen Getränk dabei war. Home-Made, das war das Getränk mit dem niedrigsten Preis auf der Karte und den höchsten Prozenten, die von Jahr zu Jahr variieren konnten, aber nie unter 45 lagen. Der Name des kristallklaren Trebers war schlicht Zuma.

Während ihres schon rituellen Feilschens auf Aristoteles’ schwankendem Kutter überboten sich Alexandra und der Fischer regelmäßig mit flapsigen Gags. Heute Abend jedoch glichen sie eher einem unglücklichen Ehepaar, das sich nichts mehr zu erzählen hatte. Alexandra hob erneut das leere Zuma-Glas. Nico stand hinter dem runden Tresen und schaute angespannt hinüber nach Naxos, hatte ihre Geste aber bemerkt. In Windeseile stellte er zwei volle Gläser auf den Tisch und rannte genauso schnell zurück. Sekunden später erlosch die komplette Tavernenbeleuchtung, und im selben Moment dröhnte ein griechisches Folklorelied aus den schweren Boxen.

Die beiden kannten das nun folgende Ritual und starrten zur Nachbarinsel. Bedächtig stieg ein goldgefärbter Vollmond über der Gebirgskette von Naxos in den Nachthimmel auf. Alexandras Gedanken wanderten zurück in eine Zeit, als sie, noch blutjung, mit kleinem Rucksack auf die Kykladen gereist war. Sie hatte am Strand geschlafen, wo die Duschen kostenlos waren und sich im Sand der Nachbarbucht noch die Schweine der Inselbauern suhlten.

Mittlerweile war die 33-jährige Mitbesitzerin eines Gourmetrestaurants im Touristendorf Naussa. Sie liebte es, die Gäste zu bedienen und mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken dieser Erde Small Talk zu pflegen. Mit Gianluca und der Küchenhilfe Mariegulla hatte sie ein lebenslustiges Team um sich. Und sie wohnte mit ihren drei Hunden allein in einem großzügigen Haus mit Meerblick. Es ist ein wunderbar leichtes Leben, dachte sie. Momente des vollkommenen Glücksgefühls, die sogar das schreckliche Erlebnis des späten Abends für einen Moment verdrängten.

In einer eigentümlichen Mischung aus Zufriedenheit und gleichzeitiger Trauer wandte sie sich Aristoteles zu. »Tja mein Lieber, so hat ein absoluter Scheißabend doch ein kleines Poesiebildchen abgekriegt.« Beide kippten den scharfen Schnaps in einem Zug runter. »Danke für alles, Aristoteles. Vor allem, dass du mich nicht zugequasselt hast, sondern einfach nur da warst.« Sie schaute auf ihre Mouse-Uhr. Mickeys längerer Arm zeigte nach unten. Dass der kürzere zwischen zwölf und eins stehen musste, wusste sie instinktiv. »Aber jetzt muss ich leider los. Mein Vater kommt morgen aus Dortmund rüber. Da sollte ich ausgeschlafen sein.«

Ganz gegen seine Art protestierte Aristoteles nicht, sondern nickte nur verständnisvoll, stand auf und umarmte sie nochmals so innig wie an der Unglücksstelle. Er schaute ihr wehmütig hinterher, gerade so, als befürchte er, dass sie für lange Zeit keinen Fisch mehr bei ihm kaufen würde.

Zu Hause angekommen schauten ihr an dem blau gestrichenen Holztor drei funkelnde Augenpaare bereits sehnsüchtig entgegen. Schwanzwedelnd folgten die Hunde ihr zum Haus. Tränen formten ein neues Rinnsal auf ihren Wangen, als sie an den Streuner dachte, der sich nie wieder so freuen würde. Vollkommen ermattet stieg Alexandra die zwölf Stufen zum Haupttrakt des Gebäudes hinauf, stellte die Klimaanlage im Schlafzimmer auf 23 Grad und schlüpfte ohne die übliche Körperpflege unter das dünne Leinenlaken des Wasserbetts. Als sich die letzten Wogen beruhigten, kam ihr der morgige Besuch in den Sinn. HaJo– so nannte sie ihren Vater wie alle seine Freunde und Verwandten auch – hatte nicht angerufen. Merkwürdig. Eigentlich liebte er exakte Absprachen. Aber vielleicht hatte er ihr ja eine Mail geschickt. Sie würde den Computer hochfahren, um nachzuschauen. Gleich morgen früh.

Zwei

Das Konzert vor ihrem Fenster hatte bereits vor zwei Stunden begonnen. Das Orchester, in dem alle Musiker das gleiche Instrument spielten und nur einen einzigen Ton beherrschten, setzte auf einen Schlag ein, fand aber noch keinen Zuhörer. Die schnarrenden Zikaden brachten Alexandra an diesem Morgen nicht um ihren Schlaf. Sie wand sich unruhig in dem breiten Doppelbett. Ein Traum, der sie in unregelmäßigen Abständen immer wieder heimsuchte, hatte in der letzten oberflächlichen Schlafphase Besitz von ihrem Unterbewusstsein ergriffen.

Sie campt als kleines Mädchen mit ihren Eltern Hans Joachim und Eva auf Zeeland. Der erste längere Urlaub, den sich die junge Familie leisten kann. Die kleine Alex tobt am unendlich breiten Strand von Domburg in den Wellen. Für ihre acht Jahre ist sie bereits eine tüchtige Schwimmerin, allerdings ohne die nötige Erfahrung, die die tückische Nordsee verlangt. Eine Böe treibt den dunkelblauen, aufblasbaren Niveaball etwas zu weit hinaus aufs Meer. Alex hechtet hinterher.

Die Welle, größer als sie selbst, erwischt sie voll von vorn, reißt sie von den Füßen, zieht sie unter Wasser, schleudert sie dreimal saltoartig herum. Die kleine Bikinihose füllt sich mit Sand, Kies und Urin. Das zarte Mädchen strampelt mit Armen und Beinen, da packt sie der nächste Wasserwirbel. Sie reißt den Mund auf und schmeckt, wie die salzige Brühe in ihren Rachen strömt. Und schon wieder begräbt die nächste Brandungswelle den kleinen Körper unter sich. Sie strampelt immer heftiger, ihre Kräfte schwinden.

Dann plötzlich: Sie spürt eine kräftige Hand an ihrem rechten Fußgelenk. Die Hand zieht ihren ganzen Körper am Fuß durchs Wasser, bis er gegen einen Oberkörper klatscht. Vati, saust es ihr durch den Kopf. Der hebt sie an, umgreift sie mit beiden Armen und versucht aufzustehen. Für einen Moment können beide, Wange an Wange, aus den reißenden Fluten schauen. Sie reißt den Mund auf. Ihr Vater bekommt festen Grund unter den Füßen. Die nächste Welle reißt beide jedoch sofort wieder um. Sie spürt die starke Umklammerung ihres Vaters. Und plötzlich ist da noch eine Hand und noch eine. Zwei kräftige Männer greifen mit beiden Armen jeweils unter die Achseln der Erschöpften, halten sie aus dem Wasser. Jetzt erkennt sie ihre merkwürdigen Kappen und sie ahnt, dass ihr die wirbelnden Fluten nun nichts mehr anhaben können.

In dem Moment, als sie wieder vor sich sah, wie einer der Rettungsschwimmer sie auf beiden Armen an Land trug, übernahm Musik die Regie in ihrem Gehirn. Der iPod-Wecker regulierte die Lautstärke ganz langsam immer höher. Nur ganz selten konnte sie sich an ihre Träume erinnern. Heute war ihr alles bewusst. Sie schlüpfte in den Slip des gestrigen Abends und schlich ins Bad, um dem Tag endgültig ins Gesicht schauen zu können.

Die langen blonden Haare hingen noch feucht über dem weit geschnittenen, zitronenleuchtenden Sommerkleid, als sie sich vor den Bildschirm setzte. Alle Fenster im Haus standen offen, aber wie schon in den letzten Tagen wehte kein Lüftchen durch die Räume. Die Dusche hätte sie auf später verschieben sollen.

Ein blechernes »Willkommen« kündigte an, dass sie nun auf ihre elektronische Post zugreifen könne. Zwei neue Meldungen waren eingegangen. Ihr Provider versprach mal wieder unglaubliche Sonderangebote. Da klang der Betreff »Hallo Süße« ihrer Schulfreundin Svenja, die es nach Berlin verschlagen hatte, schon vielversprechender. Merkwürdig, nichts von HaJo! Sollte sie sich mit dem Datum vertan haben? Sie blätterte in ihrem ledernen Ringbuchkalender. Nein, es war ganz eindeutig. Heute Nachmittag wollte er mit dem Kranich nach Athen kommen und von dort eine Propellermaschine nach Paros nehmen.

Als sie den Kalender beiseitelegte, klingelte das Telefon. Endlich! Sie rannte ins Wohnzimmer und schaute auf das Display. Aber statt der erwarteten vier Buchstaben HaJo schaute sie auf eine ihr unbekannte deutsche Handynummer.

»Alexandra Peters.«

Es blieb einen kurzen Moment still in der Leitung. Sie glaubte, ein Schluchzen zu vernehmen.

»Eva Alexandra! Bitte leg jetzt nicht auf. Hier ist deine Mutter. Hörst du, bitte leg nicht auf«, flehte die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Eva Alexandra? So förmlich war sie doch sonst nie.

Beide Frauen schwiegen eine Weile. Dazwischen das deutliche Schluchzen ihrer Mutter.

»Alex! Es ist furchtbar.« Die Stimme der Mutter versagte und ging in einem Heulanfall unter. Alexandra schwieg weiter. Zähe Sekunden verstrichen. »Alex! Dein Vater, dein Vater – er ist tot. Ermordet in seinem eigenen Haus. Ein Messerstich. Mitten ins Herz.«

Wie benommen taumelte Alexandra zu einem Küchenstuhl. Sie spürte, wie das Blut aus ihrem Kopf schwand. Spontan rebellierte ihr Magen.

»Alex, Alex. Nun sag doch was!« Es vergingen weitere Sekunden, bevor sie antworten konnte.

»Mensch, du hast Mut. Soviel Courage hätte ich dir nicht zugetraut.« Sie strich sich langsam mit der rechten Hand von der Stirn bis zum Hinterkopf. »Fünf Jahre spreche ich mit dir kein einziges Wort mehr. Und jetzt teilst ausgerechnet du mir das mit. Ich glaube, den Mumm brächte ich nicht auf.«

»Aber Alex. Das ist doch jetzt völlig unwichtig. Dein Vater ist … tot, ermordet. Verstehst du? Tot!«

Ja, sie hatte verstanden, die schreckliche Endgültigkeit, die in dieser Aussage enthalten war, begriffen. Sie konnte nur noch nicht damit umgehen. Ihr Kopf war leer, hohl wie ein Luftballon.

»Alex! Du musst sofort nach Hause kommen. Ich werde das Büro beauftragen, dir einen Platz in der nächsten Maschine zu besorgen.« Die letzten Worte klangen sehr entschlossen. Umso flehender fuhr die Mutter fort. »Du kommst doch, oder?«

Wieder verronnen quälend lange Sekunden. Alexandra konnte immer noch keinen vernünftigen Gedanken fassen. Die letzten Sätze ihrer Mutter waren wie durch eine große Glasglocke zu ihr durchgedrungen. Sie kniff die Augen lange zusammen. »Natürlich komme ich, natürlich. Aber ich mache das, das mit dem Flug.« Eva Peters wollte offensichtlich nicht widersprechen. Jedenfalls blieb es für mehrere Sekunden in der Leitung stumm. »Ich muss hier noch eine Menge erledigen. Da weiß ich noch nicht, wann ich wegkomme. Ich mach aber alles so schnell wie möglich. Versprochen«, antwortete sie fast schematisch, kam dann wieder zum Anfang des Gesprächs zurück. »Was sagst du? Ermordet? Ermordet in unserem Haus in der Bittermark?« Ihre Gedanken schienen sich langsam zu sortieren. Ein unscharfer Film lief vor ihren Augen ab, zeigte einen Fremden, der durch ihre allerheiligsten Räume strich. »Ermordet, sagst du?« Immer wieder musste sie es aussprechen, als könne ihr das helfen zu begreifen. Sie musste einen dicken Brocken an ihrem Kehlkopf vorbeidrücken. »Hat er gelitten?«

»Das wissen wir noch nicht. Kati hat ihn heute Nacht gefunden. In seinem Arbeitszimmer. Gefesselt an Armen und Beinen auf seinem Bürosessel. Mit weit aufgerissenen Augen, wie sie sagt. In einer Blutlache, mit diesem Messer in der Brust.« Ein erneuter Heulanfall zwang sie zu einer Pause. »Die Polizei will noch nichts sagen. Ich weiß nicht, wie grausam seine letzten Minuten waren.«

Völlig unerwartet antwortete Alexandra mit einem lang gezogenen »Guut.« Sie wartete einen Moment. »Ich komme so schnell ich kann. Ich habe deine Rufnummer im Display und rufe zurück, sobald ich mehr sagen kann.« Sie strich einige Schweißperlen von der Stirn. »Und Mama …« Im selben Moment wunderte sie sich selbst über die so vertrauliche Ansprache, um sie gleich zu wiederholen. »Mama, danke, dass du angerufen und nicht Kati vorgeschickt hast.«

Ohne ein weiteres Wort legte sie auf, schleuderte wütend mit einem Schrei, der in den winterlichen Hochalpen eine Lawine ausgelöst hätte, das Telefon gegen die Wand. Die Hunde flüchteten ins Freie. Sie schmiss sich bäuchlings auf den Boden, trommelte so lange schreiend immer und immer wieder mit den Fäusten auf den Boden, bis sie schließlich erschöpft liegen blieb, einfach nur liegen blieb. Sie wusste nicht, wie lange sie so verharrte, als sich der Terrier Popi langsam heranschlich und ihr vorsichtig über den ausgestreckten rechten Arm leckte. Hunde konnten so einfühlsam sein! Den Vergleich mit Menschen dachte sie nicht zu Ende.

Du musst jetzt durchhalten. Du musst, du musst, du musst! Sie nahm sich etwas vor, was sie schon lange nicht mehr gemacht hatte, zu regelmäßig war ihr Leben in den letzten Jahren verlaufen. Eine To-do-Liste sollte Ordnung in den Tag bringen. Ohne die zeitliche Reihenfolge festzulegen, schrieb sie die wichtigen Stationen auf: Hunde unterbringen, Krisengespräch Restaurant, Flugticket besorgen, Fähre buchen, Koffer packen.

Im Internet checkte sie die Flüge von Athen nach Düsseldorf und Dortmund. Bei einem Billigflieger, der so kurzfristig gar nicht so günstig war, gab es am nächsten Tag um 11.45 Uhr noch freie Plätze ins Ruhrgebiet. Sie zahlte mit ihrer Amexkarte und checkte die aktuellen Dortmunder Wetterdaten. Ein Blick genügte: Rudi Carrells Erben dürften in diesem Jahr für seinen größten Musikhit nur einen schmalen Scheck von der GEMA erhalten. In Gedanken legte sie die weit geschnittene, schwarze Leinenhose und ein dezentes, luftiges Top für die Reise raus.

Jetzt kam das Unangenehmste. Zum einen musste sie einem Menschen von Angesicht zu Angesicht vom Tod ihres Vaters berichten, den sie selbst noch gar nicht recht begriffen hatte. Zum anderen war es ihr peinlich, ihre Nachbarin Yoanna um Hilfe zu bitten. Zwar war Alexandras großzügiges Grundstück rundum mit grauen Ytong-Steinen eingezäunt. Aber die Tiere dort täglich zu betreuen, stellte neben der Zimmervermietung im Hochsommer schon eine beträchtliche Belastung für eine 55-Jährige dar. Im Winter war das für sie eine gut bezahlte Abwechslung. Aber jetzt?

Als sie ihr vom Tod ihres Vaters erzählte, schloss die kräftige Griechin sie lange in ihre von der Feldarbeit gezeichneten Arme und weinte leise ohne ein Wort. Seltsam, wunderte Alexandra sich über sich selbst, sie hatte noch nicht eine Träne vergossen. Sie verspürte nur Unverständnis und Wut.

Yoanna sicherte zu, dass ihr Mann und sie sich um die Hunde kümmern würden. Einen Café Frappé lehnte Alexandra höflich ab. Sie ertrug die Nähe von Menschen jetzt nicht und wollte alles, so wie es ihre Art war, am liebsten ganz mit sich allein abmachen.

Am frühen Nachmittag waren die restlichen Punkte erledigt. Alexandra stand auf ihrer Terrasse, als plötzlich ihr Kleid heftig nach hinten schwang. Endlich. Wind. Wohltuend umströmte er ihren Körper. Dann bemerkte sie, dass die Richtung nicht stimmte. Die Böen kamen vom Nordwesten und nicht wie üblich um diese Jahreszeit vom Nordosten. Egal.

Mickey zeigte kurz nach vier. Alexandra lag gut in der Zeit. Ihr Talent, in stressigen Situationen schnell und zielgerichtet das Richtige zu tun, kam ihr auch in diesem tragischen Moment zugute. Am Abend gab es noch den Krisengipfel der beiden Restaurantbesitzer, Alexandra und Gianluca. Sie einigten sich, das Lokal für eine Woche zu schließen. Wenn Alexandra länger in Deutschland bleiben müsste, sollte eine Aushilfskraft einspringen. Alexandra war jedoch davon überzeugt, dass sie sogar früher zurück sein würde. Als sie sich unter dem Eingangsbogen ihrer überdachten Terrasse verabschiedeten, schoben sich dunkle Wolken aus Richtung Piräus vor die Sonne. Zum ersten Mal seit Wochen fröstelte es Alexandra in ihrem dünnen Kleid. Vereinzelte, fette Tropfen klatschten auf die Steine. Das passte alles einfach nicht zusammen: Paros – Juli – Regen. Eine unheimliche Mischung braute sich da zusammen.

Drei

Erschöpft ließ Alexandra die stets gleichen Sicherheitshinweise auf den kleinen Bordmonitoren über sich ergehen. Als die Maschine Fahrt aufnahm, lehnte sie sich entspannt zurück. Eigentlich war die 33-Jährige ihr ganzes Leben eine Vatertochter gewesen. Natürlich liebte sie ihre Mutter, bis zu diesem unverzeihlichen Vorfall. Mit ihrem Vater verband sie, seitdem sie denken konnte, aber vieles mehr. Wenn sie wegen einer Erkältung nicht in den Kindergarten gehen durfte, war er es, der mit einer Flasche »Rotbäckchen« nach der Arbeit heimkam und sie aufmunterte. Sie dachte an die Zeit, als sie noch in der Plattenhaussiedlung des Stadtteils Hombruch wohnten und er sie manchmal zum Kiosk schickte, um Bier zu holen. Für das Restgeld durfte sie sich eine Tüte »Gemischtes« zusammenstellen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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