Senza Pietà - Angelika Mosch - E-Book

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Angelika Mosch

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Beschreibung

Ein Badeunfall an der malerischen Amalfiküste stellt sich schon bald als gut geplanter Mord heraus und völlig unerwartet gilt es, für das bereits bewährte Ermittlerduo aus Köln und Salerno einen neuen Fall zu lösen. Eine erste Spur führt zu illegalen Geschäftspraktiken im Bau- und Immobiliengewerbe. Scheinrechnungen und Geldwäsche tragen die Handschrift der Mafia. Lisa und Andrea kommen schon bald dem Mörder auf die Spur. Als dessen Leiche auf einem der schönsten Wanderwege Italiens, dem Sentiero degli Dei, gefunden wird, ist die Verwirrung erst einmal groß. Kluge Polizeiarbeit und ein wenig Zufall bringen Licht in die Sache und schließlich gelingt es ihnen, den Mörder zu finden. Zurück an der Amalfiküste schauen die Kommissare Brandkopf und Commodori nicht nur in die tiefen Abgründe der atemberaubend schönen Amalfiküste, sondern auch in die tiefen Abgründe menschlicher Begehrlichkeiten. Gnadenlos, Senza Pietá, wird betrogen, gelogen und auch vor Mord nicht zurückgeschreckt.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Das seit Tagen angekündigte Gewitter schien sich nun endlich irgendwo im Westen aufzubauen. Nach der langen Zeit von Hitze und Trockenheit würde es wohl den langersehnten Regen mit sich bringen. Der aufkommende Wind drückte eine bewegte Dünung in die Bucht und das tiefgrüne Wasser brach sich aufgewühlt an dem morgentlich jungfräulichen Strand, der um diese Zeit eine Ruhe und friedliche Stille ausstrahlte. Lediglich der Klang der brechenden Wellen sammelte sich in der Bucht zu einem aufbrausenden ersten Ton einer maritimen Ouvertüre.

Im Sand unter seinen Füßen spürte er die feuchte Kühle der Nacht, die die Sonne, die sich hinter den dichten Wolken an diesem Morgen versteckt hielt, noch nicht vertrieben hatte. Er genoss diese Zeit. Allein hier zu sein, bevor der Trubel des Tages Besitz ergriff von diesem idyllischen Flecken Erde. Mit einem entspannten und wohlgelaunten Gefühl stieg er hinein in das klare erfrischende Wasser. Die leicht aufgetürmten Wellen, die ihm entgegen schwappten, empfand er als angenehm und sie vertrieben die letzten Spuren von Schläfrigkeit der vergangenen Nacht. Zentimeter um Zentimeter spürte er wie die wohltuende Frische seinen Körper umhüllte. Mit einem kühnen Hechtsprung tauchte er dann ganz ein in das sich aufgeregt wiegende Wasser. Mit kräftigem gleichmäßigem Kraulen schwamm er hinaus aus der Bucht, wo ihn hinter dem Felsen eine gleichmäßige See davontrug. Keine Menschenseele war zu sehen, nur in der Ferne erblickte er die Boote, die vor der Stadt ankerten und später Scharen von Touristen hin und her transportieren würden. Kraftvoll bahnte er sich seinen Weg durch den gleichmäßigen seit Urzeiten bestimmten Rhythmus des Meeres.

Von dem einen zum anderen Moment erfuhren seine gleichmäßigen kräftigen Bewegungen ein abruptes Ende. Er konnte sich nicht erklären, was da gerade geschah, spürte plötzlich nur Stillstand. Aller Widerstand und alle noch so kräftigen Bemühungen, ließen ihn sich nicht fortbewegen. Unerlässlich spürte er eine Kraft, der er nichts entgegensetzen konnte, und die ihn tiefer und tiefer sinken ließ, bis ihn schließlich nur noch Wasser umgab. So sehr er sich bemühte die Oberfläche zu erreichen, blieb diese über ihn fest verschlossen und undurchdringlich. Unaufhaltsam drang das vorher angenehm empfundene Meerwasser in seine Atemwege ein, weil ein nicht zu unterdrückender Reflex ihn zu einem sinnlosen Einatmen zwang. Seine Sinne versagten nach und nach, er spürte, dass ihn sein Bewusstsein bald verlassen würde, weil seinem Gehirn lebensnotwendiger Sauerstoff fehlte. Es war dieser eine Gedanke, der noch pochend durch sein schon dahindämmerndes Hirn raste. An die Oberfläche kommen und atmen. Atmen. Atmen. Um Gottes Willen er musste atmen! Er musste die Panik beherrschen, weil ihm die noch mehr Sauerstoff raubte. Es war ein kurzer dramatischer Augenblick, in dem er alles versuchte, doch bevor er sich ganz darüber klar werden konnte, dass es kein Entkommen gab, schloss sich die Decke aus dichtem Wasser über ihm, schäumend von den krampfenden Bewegungen seines Körpers, die er in der bevorstehenden Bewusstlosigkeit kaum mehr wahrnahm. Die zuvor noch gleißenden Sonnenstrahlen, die dem Wasser die schönsten Blautöne einhauchten, wurden blasser und verschwommener bis es schließlich dunkel um ihn herum wurde und er vielleicht noch umnebelt spürte, dass auch sein Licht für immer erlosch.

***

Lisa genoss es, träumend und noch ein wenig schläfrig auf der Terrasse zu sitzen und ihren Kaffee zu schlürfen, den Andrea ihr, bevor er in die Questura aufgebrochen war, serviert hatte. Sie schaute den Fischerbooten hinterher, die hier im Golf von Salerno wie sie es von ihren Vorfahren übernommen hatten, auf Fischfang gingen. Wie jene jagten sie Sardinen und Thunfisch hinterher, die als reichlicher Fang immer noch in ihre Netze gingen. Der ganze reizvolle Ort Cetara zeugte von dieser großen Tradition des Fischfanges. Nicht nur die kleinen Fischerboote im Hafen, sondern auch die große Fischfangflotte, die sich in die südlichen Gefilde des Mittelmeeres aufmachten, um hier den begehrten Thunfisch zu erbeuten. Dass ein Teil des Fanges vor Ort verarbeitet wurde, zeigten die Auslagen in den Geschäften, die alle möglichen Arten von Fischkonserven zum Kauf boten und natürlich die Colatura di Alici, eine bernsteinfarbene kräftige salzige Würzsauce von flüssiger, klarer Konsistenz, ein Produkt der traditionellen Konservierung und Reifung der Sardellen, das bereits die Römer als kulinarische Spezialität schätzten. In der Antike bereiteten sie eine der Colatura sehr ähnliche Würzsauce zu, die sie Garum nannten. Im Mittelalter wurde dieses Rezept von den an der Küste lebenden Mönchen wiederentdeckt, welche die Sardellen im August für den kommenden Winter einlagerten und dabei die köstliche Sauce gewannen.

Der Anblick der bunten Fischerboote rief in Lisa Erinnerungen an ihren gerade zurückliegenden Segeltörn hervor und natürlich an Andrea. Die Gedanken an ihn lösten in Lisa wohlige Gefühle aus. Als sie sich vor einigen Wochen, nachdem sie gemeinsam ihren ersten Fall gelöst hatten, in Salerno verabschiedet hatten, war ihnen klar, dass sie sich unbedingt wiedersehen wollten. Und nicht nur das, sie wollten sich auf jeden Fall auf das große Abenteuer einer nicht ganz einfachen Beziehung einlassen. Sie fühlten, dass es um etwas ganz Besonderes ging, eine Liebe vom ersten Moment ihrer Begegnung an, als sich ihre Blicke nicht voneinander lösen konnten.

Und nun hatten sie wundervolle und erlebnisreiche Tage auf Andreas Segelboot verbracht. Waren raus gesegelt zu den Inseln im Golf von Neapel bis zu den Pontinischen Inseln. In einsamen Buchten der unbewohnten Insel Palmarola hatten sie im smaragdgrünen Wasser wie ausgelassene Kinder rumgetollt und konnten nicht genug bekommen, sich leidenschaftlich zu lieben. Lisa hatte Gelegenheit unter Beweis zu stellen, dass sie tatsächlich Spaghetti zubereiten konnte, die genießbar waren. Andrea hatte frische Sardinen gegrillt, die einfach himmlisch schmeckten. Auch in der manchmal rauen See erwiesen sie sich als gutes Team.

Das Klingeln des Handys riss Lisa abrupt aus ihren Träumereien. Freudig registrierte sie, dass es Andrea war, und sie meldete sich mit einem freudigen „Ciao, Andrea!“

„Ciao, Lisa! Ich brauche Deine Hilfe!“, entgegnete Andrea ohne Umschweife und fuhr sofort fort. „In Positano wird ein Deutscher vermisst. Er ist von seinem morgentlichem Schwimmen im Meer, nicht wieder nach Hause zurückgekehrt. Seine Ehefrau hat ihn als vermisst gemeldet. Die Kollegen haben angefragt, ob Du mitkommen könntest, das würde es bei der Verständigung leichter machen,“

„Ja klar, das mache ich gern! Ich müsste mich nur kurz zurechtmachen!“

„Lisa! Hallo? Ich verstehe Dich nicht mehr richtig. Wir starten gerade mit dem Hubschrauber und sind in wenigen Minuten in Cetara. Wir landen auf dem Parkdeck vom Hotel nebenan. Kommst Du bitte dort hin, wir nehmen Dich da an Bord!“

Auch Lisa hatte Schwierigkeiten, Andrea zu verstehen, seine Worte gingen fast unter im ohrenbetäubenden Lärm des Hubschraubers, den sie genau in dem Moment über Salerno als kleinen dunklen Punkt in die Luft aufsteigen sah und aus den Bruchstücken, die sie aufgeschnappt hatte, war ihr klar, dass er tatsächlich in ein paar Minuten auf dem Parkdeck des benachbarten Hotels zwischenlanden würde. Lisa warf einen Blick an sich hinunter. Was sie sah, begeisterte sie nicht für einen offiziellen Auftritt – kurze, knappe Shorts und ein schlabberiges T-Shirt, Flip-Flops und zerzauste Haare. Was blieb ihr anderes übrig! Sie schnappte sich noch schnell ihre Tasche und machte sich im Laufschritt auf den Weg und traf so einigermaßen zeitgleich mit dem Hubschrauber ein. Mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen, welches ihre Erscheinung darauf gezaubert hatte, streckte Andrea Lisa seine Hand entgegen, um ihr beim Besteigen des Hubschraubers zu helfen. Er freute sich nicht nur Lisa zu sehen, sondern erfreute sich auch an ihrem Aussehen. Ihre Shorts brachte ihre langen wohlgeformten Beine ganz zur Geltung, ihr T-Shirt ließ ihren Busen erahnen und rahmte ihre gleichmäßigen Schultern und Arme ein. Er liebte ihren frech wippenden wuscheligen Haarschnitt. Sie sah einfach umwerfend natürlich aus. Für ihn passte einfach alles an dieser Frau. Er dachte an die gemeinsame Zeit, als sie mit dem Segelboot unterwegs gewesen waren, wo er sich jeden Tag aufs Neue in sie verliebt hatte, je besser er sie kennenlernte. Es war ihm manchmal fast unheimlich, dass er so wenig entdeckte, was ihn hätte stören können.

Nachdem Lisa die Kopfhörer aufgesetzt hatte, begrüßte sie die restliche Crew und entschuldigte sich mehr oder weniger für ihre etwas lockere Dienstkleidung mit dem Hinweis darauf, dass für etwas Anderes keine Zeit war. Lisa entgingen dabei nicht die interessierten Blicke und entschied sich, dem am besten keine weitere Beachtung zu schenken und sich auf den Notruf zu konzentrieren. Entgangen war ihr auch nicht der vertraute Blick Andreas.

Sie erfuhr, dass ein Deutscher, der in Positano ein Haus besitzt, nach dem morgendlichen Schwimmen im Meer nicht zurückgekehrt sei. Seine Ehefrau habe die Polizei alarmiert. Diese hätten den Hubschrauber angefordert, um die Meeresoberfläche nach dem Vermissten abzusuchen.

Während der Hubschrauber an der Küste entlang flog, warf Lisa immer wieder Blicke auf diese atemberaubende Landschaft, von der viele behaupteten, es sei eine der schönsten Küstenregionen auf diesem Planeten. Die Landschaft zauberte tatsächlich ein kurzes Lächeln auf ihr Gesicht, da sie sich seit einiger Zeit zu dieser Fangemeinde dazugehörig zählte. Das Landesinnere von Kampanien lag unter einer tiefdunklen schweren Wolkenschicht, aus der sich immer wieder hellaufleuchtende Blitze entluden. Hier an der Küste über dem Meer herrschte strahlender Sonnenschein mit tiefblauem Himmel. Lisa erkannte den hoch auf einem Felsen thronenden Ort Ravello. Deutlich hob sich die „Terrazza dell’Infinito“ ab. Lisa erkannte den Ort und die Balustrade, an der sie vor nicht allzu langer Zeit um ihr Leben gekämpft hatte. Sie spürte Andreas Hand auf der ihren und wandte sich ihm zu. Der Blick in seine Augen verriet, dass auch er genau jetzt an die dramatische Rettung von Lisa dachte und an seine panische Angst, sie zu verlieren. Es brauchte in diesem Moment keiner Worte, beide spürten ihre tiefe Verbundenheit und Zuneigung.

Amalfi und Furore zogen vorbei und schon nahm der Hubschrauber Kurs auf Positano. Aufeinandergestapelte pastellfarbene kubische Häuser, die sich an die Hügel der engen, ein Halbrund bildenden Schlucht schmiegten, erschienen Lisa wie ein lebhaftes malerisches Amphitheater. Der kurze flache Strandabschnitt mit der dahinter thronenden Kirche Santa Maria Assunta bildete die Bühne für ein großes buntes nicht enden wollendes Theatrum mundi. Ein Welttheater der Eitelkeiten und Nichtigkeiten, des Zurschaustellens, des Sehens und des Gesehenwerdens. Wie archaische in akkurate Falten gelegte Vorhänge hüllten die ockerfarbenen Felswände den Ort in seinem Halbrund ein. Lange blieb Lisa keine Zeit, die Schönheit und den besonderen Zauber des Ortes aus dieser Perspektive zu bestaunen. Der Hubschrauber landete auf der Plattform am Hafen und ließ Andrea und Lisa aussteigen und stieg sofort wieder in die Luft auf, um auf See die Guardia Costiera bei der Suche nach dem Vermissten zu unterstützen.

Andrea und Lisa wechselten in ein Boot der Carabinieri, die sie zur nahegelegenen Bucht brachten, von wo aus, der Vermisste zum Schwimmen aufgebrochen war.

In einem Raum des Strandcafés warteten Beamte der Polizia di Stato, die als erste benachrichtigt worden waren und eine attraktive, sportlich-elegant gekleidete Frau, die Lisa beim ersten Eindruck auf Mitte Vierzig schätzte. Bevor ein erstes Wort gesprochen war, spürte Lisa etwas in der Haltung der Frau, das sie irritierte. Lisa meinte etwas Kühles, Distanziertes darin liegend zu spüren.

Lisa streckte der Frau die Hand entgegen und stellte sich vor.

„Guten Tag! Ich bin Lisa Brandkopf, Kommissarin aus Köln und das ist mein Kollege Andrea Commodori. Er ist Kommissar in Salerno und für diese Region zuständig. Ich bin nicht dienstlich hier, sondern verbringe meinen Urlaub hier in der Gegend. Die hiesige Polizei hat mich gebeten, sie bei der Sprachverständigung zu unterstützen“, stellte sich Lisa vor, um dann sofort anzufügen. „Die Küstenwache ist mit mehreren Booten unterwegs, um ihren Mann zu suchen, und sie wird unterstützt von einem Hubschrauber, der das Gebiet aus der Luft absucht. Bisher haben wir aber noch keine Nachrichten darüber, ob sie ihren Mann auffinden konnten.“

Auch Andrea reichte der Frau die Hand zur Begrüßung und wandte sich dann seinen Kollegen zu, die ihm und Lisa die bisherigen Informationen weitergaben.

Schnell wandte Lisa sich wieder an die Frau und hatte aus einem Augenwinkel heraus sehr wohl deren musternden und abschätzenden Blicke aufgefangen, von denen sie sich nicht irritieren ließ, und die sie entschied, zu ignorieren.

„Wenn ich die Kollegen richtig verstanden habe, ist ihr Name Jasmin Mönkemeier?“, eröffnete Lisa erneut das Gespräch.

„Ja, das ist richtig, ich bin Jasmin Mönkemeier“, entgegnete diese lediglich sehr knapp

„Sie haben kurz nach zehn heute Morgen Ihren Mann als vermisst gemeldet. Können Sie mir bitte alles noch einmal schildern“, fuhr Lisa fort.

„Genau gesagt, hat Luigi, der Barbesitzer, die Polizei benachrichtigt, nachdem ich meinen Mann am Strand nicht gefunden habe“, antwortete Jasmin Mönkemeier.

„Ist es möglich, dass Ihr Mann, heute andere Pläne hatte, und dass er heute gar nicht schwimmen gegangen ist oder nach dem Schwimmen sofort etwas Anderes vorhatte“, versuchte Lisa für das Verschwinden weitere Möglichkeiten abzuklären.

„Nein, er hatte heute nichts Anderes vor, davon hätte er mir sicherlich etwas gesagt,“ erwiderte Jasmin Mönkemeier mit einem leicht brüskierten Tonfall in der Stimme.

„Wann genau hat ihr Mann das Haus verlassen und beschreiben Sie mir, bitte wie seine morgendlichen Gewohnheiten dann ablaufen“, insistierte Lisa beharrlich.

„Mein Mann hat sich wie jeden Morgen so gegen acht Uhr auf den Weg gemacht. Wie jeden Morgen ist er noch mal zu mir ins Schlafzimmer gekommen und hat sich verabschiedet. Dann nimmt er den Aufzug, der runter in die Bucht führt. Meistens schwimmt er dreißig Minuten oder auch etwas länger, dann trinkt er noch einen Espresso bei Luigi, der in der Zwischenzeit sein Café öffnet und bleibt noch eine Weile dort. Spätestens nach eineinhalb Stunden ist er dann wieder zuhause. Was heute eben nicht der Fall war. Deshalb habe ich mich gewundert und bin hinunter zum Strand gefahren. Und, da Luigi ihn auch nicht gesehen hat, bin ich weiter bis zum Wasser. Dort habe ich seine Sachen liegen sehen. Ich bin zum Café zurück und Luigi hat die Polizei benachrichtigt“, führte Jasmin aus, um dann noch die Frage anzuschließen, „Aber warum fragen Sie das, warum ist das alles für sie wichtig?“

„Weil wir uns ein Bild davon machen möchten, was geschehen sein könnte. Dazu gehört auch, abzuklären, ob er möglicherweise heue etwas Anderes vorhatte, irgendwo hingefahren ist, sich vielleicht mit jemanden treffen wollte. Aber die Kleidung, die Sie entdeckt haben, legt es nahe, dass ihr Mann schwimmen gegangen ist.“, fügte Lisa erklärend hinzu. „Wie würden Sie den Gesundheitszustand Ihres Mannes beschreiben? Wissen Sie von irgendwelchen Erkrankungen?“

„Nein, mein Mann erfreut sich einer guten Gesundheit. Natürlich hat er einen anstrengenden aufreibenden Job hinter sich, der nicht immer spurlos an ihm vorbeigezogen ist. Aber seit er seinen Job an den Nagel gehängt hat, und wir hier in Positano leben, geht es ihm sehr gut.“

Lisa, die zwischendurch immer übersetzt hatte, schaute nun die italienischen Kollegen und Andrea an und wollte wissen, ob sie noch Fragen haben und ob es schon etwas Neues von der Suchmannschaft gibt, was diese Beides verneinten.

Lisa wandte sich wieder an die Frau und gab ihr diese Informationen weiter, die nicht gerade viel zur Klärung des Verbleibs ihres Mannes aussagten.

„Die Suchmannschaft hat leider noch nichts zu berichten. Sie haben die Bucht bisher großräumig abgesucht, aber noch nichts entdecken können. Da die Suche hier bisher erfolglos war, erweitern sie nun den Radius. Noch besteht Hoffnung Ihren Mann zu finden, obwohl die Strömungsverhältnisse heute aufgrund der Wetterlage etwas stärker sind als gewöhnlich. Im Moment können wir hier nichts mehr tun. Möchten Sie, dass die Polizei Sie nach Hause begleitet? Haben Sie jemanden, den Sie benachrichtigen möchten, der bei Ihnen sein kann? “

„Nein, ich kenne hier niemanden, ich schaffe das aber auch allein!“ entgegnete sie, wie Lisa empfand, sehr barsch.

Lisa kramte aus ihrer Handtasche eine Visitenkarte, die sie der Frau entgegenhielt und ihr mit aufmunternden Worten überreichte.

„Hier steht meine Handynummer drauf. Sie können mich gern jederzeit anrufen. Ich bin noch ein paar Tage hier in Italien.“

„Danke!“ Das war das Einzige, womit Jasmin Mönkemeier kurz und bündig Lisas Angebot quittierte.

***

Lisa und Andrea fuhren mit der Polizia zurück nach Positano, da auch für sie hier nichts mehr zu tun war.

„Wir könnten mit dem Bus nach Cetara zurückfahren oder hast Du Lust, Dir Positano anzuschauen?“, eröffnete Andrea das Gespräch, um dann weiter auszuführen. “Wie Du sicherlich weißt, zählt Positano zu einem der schönsten Orte an der Amalfiküste. Die engen Gässchen und die farbig angemalten kubischen Häuser, die sich an die steil aufragenden Felswände schmiegen, sind wirklich einmalig schön.“

„Zuerst könnte ich einen Kaffee gebrauchen und dann würde ich die Zeit gerne nutzen und mir Positano anschauen.“

„Mit Deinem Outfit wirst Du hier im touristischen Rummel zumindest nicht auffallen“, kommentierte Andrea nun doch augenzwinkernd ihre Aufmachung.

„Was ich von Dir nicht behaupten kann!“, scherzte Lisa zurück und musterte Andrea von oben nach unten, wobei sie ein sehr wohliges Gefühl wahrnahm und sich ein ebenso wohliges Lächeln auf ihrem Gesicht breit machte in Anbetracht der überaus attraktiven Erscheinung ihres Gegenübers. In seinem blauen gutsitzenden Anzug mit dem einfachen weißen Hemd und der dezenten Krawatte stach Andrea tatsächlich aus der Masse der vielen eher leger gekleideten Touristen hervor, hinzu kam die frische Bräune seiner Haut, Spuren der Sonne während ihres Segeltörns. Doch das, was Lisa am meisten anzog, war diese in sich ruhende sinnliche Ausstrahlung und ein verführerisches, erotisches Lächeln, das auf seinen Lippen lag und dem sich Lisa nicht entziehen konnte. Endlich drückte sie Andrea einen langersehnten Kuss auf diesen herrlich weichen Mund.

Vom Polizeigebäude in der Nähe der Piazza di Mulina schlenderten sie hinab in das Gewusel der dicht an dicht stehenden Häuser, in denen im Parterre die unterschiedlichsten Läden ihre Ware den Strömen von Touristen feilboten. Überall hatten sich Maler ihren Platz entlang der Mauern gesichert und boten mehr oder weniger farbenprächtige Bilder mit Ansichten des Ortes an. In der Nähe des Palazzo Murat, der ehemaligen Sommerresidenz des Schwagers von Napoleon, der von 1808 bis 1815 König von Neapel war, fanden sie in einem lauschigen Café mit Blick auf die mit Majolikakacheln verzierte Kuppel der Kirche Santa Maria Assunta ein ruhiges Plätzchen und bestellten Kaffee zu den leckeren Törtchen, die sie verlockend in der Auslage angelacht hatten, und denen sie nicht widerstehen konnten.

„Mich hat das Verhalten der Frau irgendwie irritiert!“, eröffnete Andrea, das Gespräch, nachdem er sich von Jackett und Krawatte erleichtert hatte. „Wenn mir im Ausland etwas zustößt, wo ich der Sprache nicht mächtig bin, dann würde ich mich freuen, dass da eine Landsmännin auftaucht, die sich mit mir in meiner Sprache unterhält. Aber diese Frau wirkte für mich Dir gegenüber eher distanziert, fast abweisend.“

„Das habe ich auch so wahrgenommen. Ich erkläre es mir damit, dass sie möglicherweise verunsichert war, nicht genau einschätzen konnte, was das mit meinem Erscheinen auf sich hat, und dass sie verständlicherweise voller Sorge um ihren Mann ist. Wirklich helfen, konnten wir ihr nicht“, gab Lisa zu bedenken.

„Ja, das kann sein. Du hast recht. Es ist tatsächlich eine ganz schlimme Situation für sie und ich befürchte, dass die Geschichte kein gutes Ende nimmt!“

Lisa stimmte ihm wortlos zu. Trotz dieses Unglücks, das sie hier nach Positano hergeführt hatte, versuchten sie sich, auf diese Gelegenheit, die sich für sie ergeben hatten, einzulassen. Das war auch etwas, was zu ihrer Arbeit gehörte, sich entsprechend abgrenzen zu können und eine Distanz zwischen sich und dem Fall zu wahren. Die Abgründe, die sich oft vor ihnen auftaten, würden sie sonst noch mehr aufzehren, als sie es sowieso schon so oft taten.

Andrea erzählte, dass Positano schon in den zwanziger Jahren ein Ort war, der viele Kunstschaffende angezogen hatte. Vor allen bei deutschen Kunstschaffenden sei Positano sehr beliebt gewesen. Die besondere Architektur der Häuser in Positano hätten den Stil der Kunstschaffende stark beeinflusst. Touristisch sei Positano entdeckt worden, nachdem der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck in den 50iger Jahren die Stadt besucht und einen Reisebericht in Harper’s Bazaar veröffentlicht hatte.

„Steinbeck schreibt in diesem Artikel, Positano gräbt sich tief in dich hinein. Es ist ein Ort des Traums, der nie ganz real ist, wenn du dort bist, der erst wahrhaft zum Leben erwacht, nachdem du fort gegangen bist“, zitierte Andrea eine Aussage von Steinbeck.

Lisa lauschte Andreas Ausführungen und spürte trotz des touristischen Rummels um sie herum, etwas von dem Zauber, den Steinbeck meinte. Noch ganz eingefangen von der Poesie dieser Worte, wurde sie ganz hellhörig, als Andrea erzählte, dass auch viele deutsche Kunstschaffende und Schriftsteller in den dreißiger und vierziger Jahren Zuflucht vor den Nationalsozialisten in Positano gesucht hatten.

„Einer der bekanntesten der Exilanten war der deutsche Schriftsteller Stefan Andres. Die Stadt Positano hat hier in dieser Gasse, nicht weit von diesem Café entfernt, eine Gedenktafel zu seinen Ehren aufgehängt und eine Straße ist ebenfalls nach ihm benannt.“

Lisa musste eingestehen, dass ihr der Schriftsteller nicht geläufig war und sie auch wenig von den anderen Kunstlern und Künstlerinnen wusste, die es hierhergeführt hatte. Aus diesem Grund war sie beeindruckt, dass die Kommune das Andenken an die Kunstschaffenden aus Deutschland so bewahrte, und dass die Provinz Salerno diesen sogar im Museum eine eigene Abteilung widmete und an ihr Leben und Wirken erinnerte.

Selbstverständlich führte ihr Weg sie nach der kurzen Kaffeepause direkt zur Gedenktafel. Hier an einer der Haupttreppen, die an der Kirche vorbei, direkt zum Strand runter führte, hatte Andres in der Casa Carmela gelebt, als es ihn nach Positano geführt hatte.

Damit war Lisas Neugier aber noch nicht gestillt. Sie wollte auch gern die Straße sehen, die nach Andres benannt worden war und so stiegen die beiden die engen Straßen und steilen Treppen bergan, bis sie den beinahe höchsten Punkt der Stadt erklommen hatten. Auf ihrem Weg dorthin kamen sie an einem Laden vorbei, in dem Lisa ein Büchlein kaufte mit dem Artikel von John Steinbeck und das Buch von Stefan Andres „Positano – Geschichten aus einer Stadt am Meer“ in einer italienischen Ausgabe, welches Lisa beim weiteren Stöbern entdeckte.

Angekommen an der Via Stefan Andres, hielten sie einen Moment inne und ließen den Blick hinunter auf den Ort wirken. Hier oberhalb der Stadt hatte Andres dann später in einem der Häuser gelebt und das Wenige, was der Familie zur Verfügung stand, mit den anderen hier im Exil lebenden Kunstschaffenden geteilt. Sie stiegen weitere Treppen bergauf und gelangten zum Friedhof. Hinter dem Tor fanden sie einen Ort, der erfüllt war von einer friedlichen Stille mit einem grandiosen Blick auf die Bucht von Positano und dem wunderbar blauen Meer. Die kleinen Grabhäuschen mit blassroten Ziegeldächern, auf denen jeweils ein schlichtes Kreuz thronte, waren auf das Meer ausgerichtet. Lisa spürte hier etwas ganz Besonderes und es war ihr sofort klar, dass dies für sie einer der schönsten Flecken in Positano war. In der unteren Reihe fanden sie die Gräber der deutschen Exilanten, die während ihres Aufenthaltes hier in Positano verstarben und hier begraben worden waren. Eines der Gräber rührte sie besonders an. In sich gekehrt stand Lisa vor dem Grab der ältesten Tochter von Andres. Auf der Grabplatte war noch gut der Name Mechthild zu erkennen, und dass sie 1942 verstorben war mit gerade mal neun Jahren. Lisa versuchte sich ein Bild darüber zu machen, wie die Menschen hier im Exil gelebt hatten. Geflohen vor einem menschenverachtenden zerstörerischen System. Abhängig vom Wohlwollen des verlängerten Arms der Nazis im besetzten Neapel und der ständigen Angst, verhaftet zu werden, aber auch geplagt von den Zweifeln über das eigene Handeln, sich der Verantwortung im eigenen Land entzogen zu haben. Und dann waren da sicher auch die finanziellen Sorgen und Nöten, überhaupt genug zu haben, um die Familie zu ernähren.

In sich gekehrt und gedankenverloren ließ Lisa ihren Blick über die Grabplatte hinaus schweifen und konnte von dieser äußersten Ecke des Friedhofs die Bucht erkennen, in der sie vor kurzer Zeit wegen des Vermissten gewesen waren. Draußen über dem tiefblauen Meer erkannte sie den Hubschrauber, der weiterhin seine Runden flog und die Suche nach dem Vermissten noch nicht aufgegeben hatte. Das Gewitter, das sich morgens bedrohlich angekündigt hatte, war noch tiefer ins Landesinnere gezogen. Hier an der Küste und über dem Meer zeigte sich ein strahlend schöner Tag.

„Ich werde mich mal erkundigen, wie die Sucharbeiten voran gehen und wie die weiteren Planungen für heute aussehen. Vielleicht gibt es etwas für uns zu tun“, durchbrach Andrea das Schweigen und hatte auch schon sein Handy am Ohr.

Lisa hatte schon die bange Ahnung, dass es keine Neuigkeiten gab, sonst wären sie sicherlich längst benachrichtigt worden. Auch bis zum Einbruch der Dämmerung blieb die Suche erfolglos. So wie sie es befürchtet hatten. Nachdem Lisa die Ehefrau telefonisch über die bis dahin ergebnislose Suche und darüber, dass diese bei Sonnenaufgang weitergeführt werden würde, informiert hatte, stiegen Andrea und Lisa in den Hubschrauber, der sie mit zurücknahm nach Salerno.

***

Der nächste Tag brachte die bittere Erkenntnis, dass der Vermisste nicht mehr am Leben war. Tauchschüler hatten eine männliche Leiche vor der Inselgruppe Li Galli gefunden, die in der Rechtsmedizin in Salerno von Dr. Pigantelli untersucht wurde. Lisa und Andrea waren sofort, nachdem sie die Information bekommen hatten, zur Rechtsmedizin geeilt. Dort sahen sie auf dem Obduktionstisch den Leichnam einer männlichen Person liegen. Dieser kurze Blick reichte aus, die Gewissheit aufkommen zu lassen, dass es sich um den vermissten Walter Mönkemeier handeln könnte.

„Nach den äußeren Merkmalen zu beurteilen, war die Leiche noch nicht lange im Wasser, was hier an der Waschhautbildung zu sehen ist. An den Fingerkuppen sind erste Anzeichen dafür und hier am Handteller findet sie sich“, erklärte Dr. Pigantelli. „Es sind aber noch keine Anzeichen für eine Ablösung der Hautschicht auszumachen. Auch sind noch keine weiteren gravierenden typischen postmortalen Verletzungen zu konstatieren. Das spricht dafür, dass die Leiche wie gesagt, noch nicht allzu lange im Wasser war. Um die Todesursache festzustellen, muss ich erst die Obduktion durchführen. Das Alter des Mannes schätze ich auf 50 – 60 Jahre. Auch mit dem Fotoabgleich ergibt sich eine große Übereinstimmung. Wir müssen davon ausgehen, dass es sich um die, seit gestern vermisste Person handelt“, fasste Dr. Pigantelli seine bisherigen Ergebnisse zusammen.

Andrea und Lisa betrachteten ebenfalls das Bild, das sie von der Ehefrau bekommen hatten und erkannten in dem Toten ebenfalls Walter Mönkemeier.

„Wer überbringt der Ehefrau die Nachricht?“, wollte Dr. Piganelli noch wissen.

„Lisa und ich werden hinfahren und die Nachricht überbringen und die Ehefrau bitten, in die Rechtsmedizin zu kommen, um den Toten zu identifizieren“, erklärte Andrea und fügte an Lisa gewandt hinzu. „Ist das für Dich in Ordnung, schließlich bist Du ja immer noch in Urlaub und es ist Deine freie Zeit?“

„Danke, dass Du fragst, aber es ist völlig in Ordnung für mich. Ich denke, es ist gut, wenn ich in ihrer Sprache mit ihr reden kann“, antwortete Lisa, ohne zu zögern.

***

Sie hatten den Ort Praiano hinter sich gelassen und konzentrierten sich, auf der engen kurvenreiche Straße die Einfahrt zu finden, die zu der kleinen Ansiedlung einiger herrschaftlicher Villen oberhalb der Bucht von Arienzo führte. Zur Meeresseite hin verdeckten Mauern und Hecken die Sicht, um die darunterliegenden Häuser vor neugierigen Blicken zu schützen. Schließlich entdeckten sie die Einfahrt, bogen ein in den mit dichten Bäumen und Sträuchern umsäumten Weg, der hinunter führte zu einem strahlend weißen zweistöckigen Gebäude. Auf den ersten Blick wirkte dieses schlicht, aber gerade das unterstrich die schnörkellose Eleganz.

Als sie vor dem Haus standen und klingelten, lastete auf ihnen ein schweres beklemmendes Gefühl, die Nachricht über den Tod zu überbringen, das auch den Blick auf die traumhafte Landschaft während der Autofahrt hierhin getrübt hatte. Jasmin Mönkemeier öffnete die Tür und schaute die beiden sorgenvoll ahnend, welche Nachricht sie hören würde, an. Lisa eröffnete ohne große Umschweife das Gespräch.

„Guten Tag, Frau Mönkemeier. Vor der Inselgruppe Li Galli ist heute Morgen eine männliche Leiche gefunden worden. Wir müssen davon ausgehen, dass es sich dabei um Ihren Ehemann handelt. Könnten Sie sich bitte das Bild anschauen und uns sagen, ob das Ihr Mann ist!“

Lisa reichte ihr das Bild, das Dr. Pigantelli ihnen mitgegeben hatte.

„Ja, das ist er!“, sagte sie sehr leise und wiegte den Kopf hin und her, so als verstände sie die Welt nicht mehr.

„Können wir reinkommen?“, fragte Lisa.

„Äh, ja natürlich. Entschuldigung! Bitte sehr!“ Sie trat einen Schritt zu Seite und bat die beiden mit einer Handbewegung ins Haus.

Für einen kurzen Moment war Lisa abgelenkt, durch das, was sie da gerade zu sehen bekam. Seit sie in Andreas Haus lebte, spürte sie schon etwas sehr Privilegiertes und Besonderes. An vorderster Meeresfront zu wohnen mit einem uneingeschränkten Blick auf das Meer, Terrassen rund um das Haus, für jede Tageszeit ein eigenes lauschiges Plätzchen, Räume durchflutet mit diesem ganz eigenen mediterranen Licht. Sie hatte bisher nicht darüber nachgedacht, dass es noch Steigerungen geben könnte. Hier sah es so aus, dass sich ein Innenarchitekt grenzenlos hatte ausleben können. Jedes Möbelstück war aufeinander abgestimmt, alles war in hellen Tönen gehalten, farbige Akzente erhielten die Räume durch edle Fliesenmotive, die sicherlich aus Vietri sul Mare stammten. Jedes der doppeltürigen Fenster, die weit offenstanden, gab einen traumhaften Blick auf das Meer und die Landschaft frei. Beim Nähertreten erkannte Lisa die darunter liegende Bucht von Arienzo, die dem Bewohner dieses kleinen Paradises zum Verhängnis geworden war, ging es Lisa durch den Kopf, sodass sie sich sofort wieder in der Realität fand.

„…und können Sie mir schon sagen, was mit meinem Mann passiert ist?“, hakte die Frau, die gerade erfahren hatte, dass sie Witwe geworden war, sehr gefasst nach.

„Nein, als wir aufgebrochen sind, war die Untersuchung noch nicht abgeschlossen. Über die näheren Umstände, die zum Tode geführt haben, können wir noch nichts Genaues berichten“, erläuterte Lisa, als genau in dem Moment Andreas Handy klingelte.

Während Andrea telefonierte, wandte sich Lisa wieder der Frau zu, um das weitere Vorgehen zu klären.

„Wäre es Ihnen möglich in die Rechtsmedizin nach Salerno zu kommen, um Ihren Mann zu identifizieren oder gibt es eine andere Person, die Ihren Mann kennt, die dies übernehmen könnte?“

„Nein, nein! Das geht schon. Ich kann das machen. Ich möchte meinen Mann gern sehen. Wann soll ich kommen?“

„Ich kläre das mit meinem Kollegen Commissario Commodori ab. Er spricht eh gerade mit dem Rechtsmediziner Dr. Pigantelli“, erklärte Lisa.

Andrea, der etwas abseitsstand, horchte auf als er den Namen Dr. Pigantelli hörte und schaute Lisa fragend an, gab ihr andererseits zu verstehen, dass er mit ihr reden müsse. Er beendete das Gespräch und bat die erwartungsvoll auf ihn blickende Lisa zu sich.

„Entschuldigen Sie mich kurz, der Commissario möchte mit mir reden. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es Neues aus der Rechtsmedizin.“

Lisa stellte sich zu Andrea und las an seinem Gesicht ab, dass ihn irgendetwas beschäftige und gleichzeitig beunruhigte.

„Das war Dr.Pigantelli! So wie es aussieht, haben wir es mit Mord und nicht mit einem Unfall zu tun!“

Lisa verschlug es die Sprache und sie wusste einen Moment nichts zu sagen, was auch nicht nötig war, da Andrea mit seinen Ausführungen fortfuhr.

„Bei der Obduktion hat Dr. Pigantelli festgestellt, dass der Mann sofort unter Wasser getaucht sein muss. Er erklärte es mir so, dass beim typischen Ertrinken zuerst Anzeichen für mehrmaliges Luftholen zu finden sind, weil man beim Ertrinken immer wieder versucht an die Oberfläche zu kommen. So zeigt sich ein typischer Wechsel von Einatmen von Luft und Einatmen von Wasser. Bei dem Toten herrschen eindeutig die Aspiration, also nur Einatmen von Wasser vor, außerdem konnte er keine Spuren für eine Schaumbildung in der Luftröhre feststellen, was ebenfalls auf ein sofortiges Unterwasser eintauchen spricht, weil die Apnoephase fehlt und als weiteres Indiz zeigt sich ein schwächer ausgeprägtes Lungenödem. Dr. Pigantelli ist sich auch deshalb so sicher, weil er an den Fesseln des Toten eindeutige Druckstellen entdeckt hat, die sich als Abdrücke von Händen erweisen. Dies lässt nur eine Erklärung zu, dass der Mann mit kräftigen Händen unter Wasser gezogen wurde!“

Lisa schaute immer noch fassungslos auf Andrea.

„Und jetzt? Wie geht es weiter?“, hakte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens nach, den sie brauchte, um sich zu sammeln und die neuen Erkenntnisse zu realisieren.

„Zuerst einmal müssen wir es der Ehefrau beibringen und dann geht es mit den Ermittlungen los! Unser zweiter gemeinsamer Fall liegt vor uns! Packen wir es an!“

„Meinen Urlaub mit Dir hatte ich mir romantischer vorgestellt! Gut, dann machen wir das, was wir können!“