Serienmord in Heidenheim - Peter Rospert - E-Book

Serienmord in Heidenheim E-Book

Peter Rospert

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Beschreibung

Die Religionslehrerin einer Realschule ist in ihrem Auto erstochen worden. Ihr Sohn entdeckt die Tat. Der Täter muss seinem Opfer in der Garage aufgelauert haben. Zwei Wochen später entdeckt man den Sohn leblos in seinem Auto. Der kleine Cinquecento steht verschneit in einem Waldweg, der junge Mann ist ebenfalls durch Messerstiche ums Leben gekommen. Die Kripo Heidenheim sucht systematisch, jedoch zunächst erfolglos nach dem Täter. Zwei blutige Schafsköpfe, die vor dem ersten Mord am Hauseingang der Familie abgelegt wurden, geben den Kriminalisten Rätsel auf. Ein erster Verdacht fällt auf paramilitärisch getrimmte Mitglieder einer rechtsgerichteten Gruppierung, deren Mitgliedschaft der junge Mann aufgegeben hatte, um sich neu zu orientieren. Als schließlich auch der Rektor dieser Schule zu Tode kommt, ergibt sich eine ganz neue Spur ab.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Peter Rospert

absolvierte bei der Luftwaffe eine Ausbildung zum Flugzeugtechniker, später wurde er Lehrer an der Technischen Schule der Luftwaffe. Es folgte ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Weingarten und nach dem Examen eine weitere Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd zum Realschullehrer. Anschließend unterrichtete er an Realschulen in Winnenden und Lorch in den Fächern Deutsch, Geschichte und Technik. Er lebt mit seiner Familie in Schwäbisch Gmünd. »Mordserie in Heidenheim« ist sein Krimidebüt.

Peter Rospert

Serienmord in Heidenheim

Schwabenkrimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2019

Postfach 16 42 · 72706 Reutlingen

Alle Rechte vorbehalten.Titelbild: Wolfgang Trust

Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, Reutlingen

Lektorat: Bernd Weiler

Korrektorat: Sabine Tochtermann

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-96555-060-5

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Mit besonderem Dank an Conny, die es für richtig hielt, die Espressopausen der Helden um die Hälfte zu reduzieren.

Peter Rospert

Als Elias um achtzehn Uhr von seinem Job nach Hause kam, stieg er zuerst in den Keller hinab, wo der rostige Metallspind stand, denn er hatte sich vorgenommen, dessen Inhalt endgültig aufzulösen, weil er sich auf das neue Ziel vorbereiten wollte.

Er öffnete das kleine Messingschloss mit einer knappen Drehung des Schlüssels und zog den blanken Bügel aus dem Gehäuse. Dann nahm er das Schloss aus der Lasche und öffnete die Tür mit einem Ruck. Ein dumpfer Geruch schlug ihm entgegen. Er musterte die einzelnen Kleidungsstücke auf der Stange, bevor er sie von der einen Seite zur anderen schob. Missmutig wiederholte er den Vorgang in entgegengesetzter Richtung, bis seine Aufmerksamkeit auf eine schäbige Jacke fiel, olivgrün und mit einem Bund. Er nahm sie vom Bügel und war überrascht, welche Zeichen und Symbole er damals auf der Vorderseite angebracht hatte. Auf der linken Brustseite prangte der Zahlencode 444, also die dreimalige Verwendung des vierten Buchstabens im Alphabet, was für Eingeweihte nichts anderes bedeutete als Deutschland den Deutschen. Dabei sah er sich wieder in der Gruppe Gleichgesinnter bei der Demo auf Stuttgarts Königstraße, als sie gegen Überfremdung durch Immigranten, damals besonders aus Südosteuropa, protestierten. Mit siebzehn war er eingetreten, mit neunzehn hatte er die Kameradschaft Südwest wieder verlassen, was sie ihm übel nahmen. Sie stellten ihm nach, leerten seinen Briefkasten, um sich über seine Pläne zu informieren; kamen mit Angeboten und Drohungen. Obwohl er schon über drei Monate keine Aktivitäten der Gruppe feststellen konnte, fühlte er sich dennoch beobachtet. Jetzt war er zwanzig, und nach einer mühsamen Zeit der Neuorientierung gottlob Meilen von der Vorstellungswelt dieser militanten Unterwerfungskultur entfernt. Eines Tages hatte er es satt; er sagte sich: Elias Kühn, nun wird es Zeit, deiner Lebensbahn eine neue Form zu geben.

Elias war mittelgroß, stämmig und besaß wasserhelle Augen mit strohblonden Wimpern, die aus seinem blassen Gesicht auffällig hervortraten. Sein kurzes rötliches Haar kräuselte sich leicht, sobald man ihm eine gewisse Länge gestattete. Die »Kameraden« hatten ihn häufig als den »idealen germanischen Typ« bezeichnet, und Elias hatte in der ersten Zeit seiner Mitgliedschaft bei der Kameradschaft Südwest nicht gewusst, ob er über dieses Prädikat froh oder verärgert sein sollte.

Jetzt war es an der Zeit, die Relikte einer pubertären Episode ein für alle Mal zu beseitigen. Und er würde nicht nur dies tun – er würde sich aus allen Verbindlichkeiten und alten Abhängigkeiten lösen, er würde frei sein für die neue, vielversprechende Aufgabe. Doch nun musste er sich zunächst um die materiellen Dinge kümmern.

Oben angekommen, wählte er den Nebeneingang zur Garage, die sich dicht ans Haus schmiegte und Platz für zwei Fahrzeuge bot. Beim Eintreten erkannte er im Halbdunkel den alten mattblauen VW-Passat seiner Mutter. Also war sie schon von der Schule aus Geislingen zurück, wo sie Religion und Ethik unterrichtete. Der Wagen seines Vaters war nur selten in der Garage abgestellt, weil er sich häufig tagelang geschäftlich unterwegs aufhielt.

Die Kartons hatte er an der gegenüberliegenden Wand gestapelt und tastete sich um das Fahrzeug herum. Wegen einer durchgebrannten Glühbirne ließ sich die Beleuchtung nicht einschalten, dennoch bemerkte er einen dunklen Streifen auf dem hellen Betonboden. Ohne das kleine Lüftungsfenster, durch das etwas Licht eintrat, hätte er den Streifen nicht bemerkt, obwohl er unweigerlich darauf getreten war. Er angelte sich zwei mittelgroße Kartons, die seiner Einschätzung nach, bereits den größten Teil seiner Utensilien aufnehmen würden und machte kehrt. Nun sah er auch, dass seine Sohlen eine Spur auf dem Estrich hinterlassen hatten – dunkle Farbe, dachte er – wenn nicht Farbe, was dann?

Im nächsten Moment war ihm klar, dass er in eine Blutspur getreten war. Zwei Zentimeter breit, und etwas mäandrierend, weil der Boden nicht hundertprozentig eben war. Die Leuchtfunktion seines Smartphones beseitigte letzte Zweifel: dies hier war Blut, und zwar nicht eingetrocknet, sondern frisch vergossen. Teufel, fuhr es ihm in den Leib, was ist hier geschehen? Ein unangenehm biologischer Geruch lag in der Luft, warm und doch abstoßend. Der schmale Lichtkegel verfolgte die Spur; sie führte um das Fahrzeugheck herum und endete schließlich an der Fahrertür, vor der sich eine dunkel schimmernde Lache gebildet hatte. Als er die Lampe gegen die Scheibe richtete, fuhr ihm ein Stich ins Herz – jemand saß vornüber gebeugt am Lenkrad; die rechte Hand umklammerte es, mit der linken musste derjenige die wüste Schmiererei an der Innenseite des Fensters verursacht haben, sodass es kaum möglich war, mehr zu erkennen als den abgesunkenen Kopf und einen Teil der rechten Hand.

Elias begann zu zittern und wäre am liebsten davongelaufen, doch dann riss er sich zusammen und öffnete die Tür. Ganz gegen seine Erwartung rutschte die Person nicht hinter dem Lenkrad hervor, sondern blieb starr sitzen – da sah er, was er vermuten musste: Es war seine Mutter.

Es war zwar schon Mitte Januar, doch es hatte in diesem Winter noch nicht geschneit auf der Ostalb, die hier eine Höhenlage von bis zu 670 Meter erreichte. Das Thermometer zeigte fünf Grad Celsius, und es stand zu erwarten, dass es im Verlaufe der Nacht noch um weitere fünf Grad absinken würde, so wie in den letzten Tagen.

Die Einsatzfahrzeuge der Kriminalpolizei aus Heidenheim erreichten das Ziel nach fünfzehn Kilometern. Der Anruf war aus einem kleinen Weiler zwischen Gerstetten und Böhmenkirch, abseits der Landstraße, gekommen. Hier oben war die Landschaft von weiten Feldern und unendlicher Sicht geprägt. Nur die stetig zunehmende Anzahl an Windrädern störte das Bild der Alb nachhaltig, und zwar nicht nur subjektiv. Ganz in der Nähe war vor vielen Millionen Jahren ein Meteorit eingeschlagen und hatte das viel besuchte Steinheimer Becken hinterlassen.

Das Haus lag etwas abseits eines kleinen Weilers namens Weidenhof, dessen Zentrum aus drei bescheidenen Bauernhäusern bestand – irgendwie schien die Neuzeit hier spurenlos vorübergegangen zu sein. Opitz wies mit dem Zeigefinger in die Richtung, wo er das Haus vermutete.

»Hast du das Straßenschild gesehen? Eben sind wir daran vorbeigefahren. Kühn stand handschriftlich auf einem schwarzen Schild«.

Der Fahrer schüttelte den Kopf, bremste aber und setzte den Einsatz-Mercedes zurück, bis sie den Zugangsweg erreichten. Ein paar Hundert Meter weiter konnten sie jetzt das unbeleuchtete Haus erkennen, das sich gegen das Restlicht am Horizont abhob. Mit abgeblendeten Scheinwerfern rollten sie auf das Haus zu. Frank Opitz hatte das Gefühl, dass sein Begleiter und Fahrer beunruhigt war, denn der rutschte offenbar grundlos auf seinem Sitz von einer in die andere Ecke, seit sie sich dem Ziel näherten.

»Ist das der Passat?«, fragte Martin Berner, als die Scheinwerfer auf das Auto in der geöffneten Garage trafen.

»Jedenfalls ist es ein blauer Passat«, entgegnete der Kommissar, »fahr noch näher heran, dann sehen wir mehr.«

Martin Berner stoppte den Wagen vor dem nach oben angeschlagenen Garagentor. Sie stiegen aus und tasteten mit ihren Stabtaschenlampen die Garage ab. Wo war Elias Kühn, der die Polizei angerufen hatte? Mit Respekt näherten sich die beiden Beamten dem Passat, leuchteten den Boden ab und das Fahrzeug mit seinen blutverschmierten Scheiben. Es hatte nicht viel gefehlt und Opitz wäre in die Lache vor der Fahrertür getreten.

»Heiliger Strohsack«, presste er heraus, »was ist denn hier passiert?«

Im nächsten Augenblick entdeckte er die reglose Figur hinter der Scheibe. Spontan führte er seine Hand zum Türgriff, konnte sie aber rechtzeitig zurücknehmen, weil das rote Lämpchen in seinem Kopf geblinkt hatte. Es signalisierte, dass die Spurensicherung zu beachten war.

Plötzlich stand Elias Kühn hinter den beiden Polizisten. Er grüßte mit fast tonloser Stimme. Im Licht der Scheinwerfer wirkte sein Gesicht kalkweiß. Weitere Fahrzeuge näherten sich dem Haus und parkten in einer Reihe auf dem Zufahrtsweg. Die Beamten der Spurensicherung erschienen in der Garage und machten sich nach einer kurzen Orientierung an die Arbeit, während Gerichtsmediziner Dr. Mühlbach auf die beiden Kriminalisten zusteuerte.

»Gibt es denn hier kein elektrisches Licht?«, wandte er sich ärgerlich an die Beamten, während er ebenfalls mit einer Taschenlampe den Wagen ableuchtete.

Das nahm Elias zum Anlass, in der Zwischentür zum Wohnhaus zu verschwinden, um nach ein paar Minuten mit einer Glühbirne zurückzukehren. Der Schaden war rasch behoben, worauf Bewegung in die Spurensicherer kam. Zuerst zogen sie weiße Schutzanzüge mit Kapuze an, für die Füße waren Überschuhe vorgesehen und für die Hände Latexhandschuhe. Dann begann die Absperrung des Tatorts mit Banderolen.

Elias Kühn, den der Kommissar nicht ganz aus dem Blickfeld gelassen hatte, machte einen desolaten Eindruck.

»Gehen Sie ruhig ins Haus«, sagte er, »das hier müssen Sie sich nicht länger ansehen. Später werde ich ein paar Fragen an Sie richten.«

Der junge Mann stutzte, dann drehte er sich um und verließ die Garage. Dr. Mühlbach, der sich ebenfalls mit Schutzkleidung versehen hatte, trat an den Wagen und öffnete die Tür.

»Einer muss ja den Anfang machen«, murmelte er bitter und winkte den Fotografen, die sich sofort in Position brachten und ein Blitzlichtgewitter abfeuerten. Sobald sie ihre Arbeit getan hatten, widmete sich der Gerichtsmediziner der Toten, testete die Beweglichkeit ihrer Gelenke und maß die Körpertemperatur. Dann wandte er sich an Opitz: »Viel mehr kann ich in dieser Position des Opfers nicht feststellen, außer, dass es definitiv tot ist, und zwar noch nicht sehr lange. Ich schätze den Eintritt des Todes vor drei bis vier Stunden.«

»Kannst du schon etwas zur Todesursache sagen?«

»Mann, nicht so eilig! Legen wir sie erst einmal auf die Bahre, dann sehen wir weiter.«

Auf seinen Wink hin erschienen vier Männer des Einsatzkommandos mit einer wannenförmigen Bahre, die sie neben dem Passat absetzten. Anschließend zogen sie die Tote hinter dem Steuerrad hervor und legten sie auf die Bahre. Dr. Mühlbach hatte die Aktion mit kritischen Blicken verfolgt und die Bahre um einen halben Meter zurechtgerückt, als die Männer die Tote ablegten. Dabei musste er etwas Auffälliges entdeckt haben, denn er untersuchte ihren Hals, tastete das Gewebe nach Verletzungen und anderen Anomalien ab. Dann öffnete er ihre Bekleidung, um einen Blick auf den Oberkörper zu bekommen.

Der Pullover war von Blut durchtränkt und es dauerte nur einen Augenblick, bis er die Ursache gefunden hatte: Zwei breite Stiche befanden sich oberhalb und in der linken Brust, die gewiss dem Herzen gegolten hatten. Die dunkle Markierung um den Hals sah nach dem Abdruck einer Schlinge aus, vielleicht nach einem Gürtel. Nicht auszuschließen, dass der ebenfalls letal gewirkt hatte, die Stiche jedenfalls hatten ihr Leben definitiv beendet. Die Details würde eine Obduktion klären müssen.

Gertrud Kühn-Scharter war sechsundfünfzig Jahre alt, kirchliche Lehrerin für evangelische Religion und trug einen knielangen schwarzen Rock, einen dunkelblauen Rollkragenpullover, eine Wildlederjacke mit echtem Innenfell, kurzes mittelblondes Haar und eine bifokale Brille, die mit einem Bändchen um den Hals befestigt war. Die wasserhellen Augen blickten starr nach oben. Dr. Mühlbach wischte mit zwei Fingern der rechten Hand über ihre Lider und schloss sie. Sobald sich der Mediziner zurückgezogen hatte und mit den Notizen begann, erschienen die Spusi-Leute, um die Tote zur Sicherung möglicher DNA-Spuren abzukleben, was zuvor hinter dem Lenkrad nicht möglich gewesen war.

Frank Opitz hatte in seiner zwanzigjährigen Dienstzeit schon viele Mordopfer und auch ein paar Suizidanten gesehen, doch noch nie war er mit einer solchen Menge Blutes konfrontiert worden. Oder bildete er sich das nur ein? Hatte die große Blutlache ihn etwa irritiert und seine Wahrnehmung getäuscht? Er hatte das Bedürfnis, ein paar Schritte nach draußen zu tun und richtig durchzuatmen, was er in der Nähe des Opfers vermied. Er gab Martin Berner ein Zeichen, worauf dieser sich sofort anschloss.

Die Lufttemperatur lag noch nicht im Minusbereich, wenngleich es doch empfindlich kalt war. Draußen standen vier Fahrzeuge der Heidenheimer Polizei und Kripo in einer Reihe auf dem schmalen Zufahrtweg, als fünftes hatte sich das Privatauto des Gerichtsmediziners angeschlossen. Sie nahmen den Weg zurück, um das Haus etwas aus der Distanz betrachten zu können. Oben unter dem Dachgiebel brannte Licht hinter einer Glastür, alle anderen Fenster waren dunkel. Es war ein modernes, geräumiges Haus, nicht viel älter als zehn bis zwölf Jahre, ein Unikat unter den Bruchbuden des Weilers. Es schien auf zwei Etagen bewohnt zu sein; dort wo unter dem Dach Licht brannte, sah es nach einem Einzelzimmer aus. Die Garage schmiegte sich an die Ostseite.

»Viel Platz für eine vierköpfige Familie«, sagte Opitz und deutete auf das Gebäude. Berner schien überrascht: »Vier Leute wohnen hier? Das sind ja nicht besonders viele. Und woher wissen wir das?«

»Der Junge hat es gesagt, als er uns alarmierte. Er hat eine Schwester, die in Tübingen studiert. Und es gibt noch einen Mann in der Familie, der allerdings selten anwesend ist. Geschäftlich sehr viel unterwegs, er nächtigt folglich auch oft außerhalb.«

Die Beamten stapften über die rohe Ackerscholle in geringer Distanz um die Westseite des Hauses, ohne viel erkennen zu können, denn es war stockdunkel geworden, nachdem das Restlicht im Westen komplett verschwunden war. Taschenlampen waren wenig hilfreich, denn sie warfen nur Lichtpunkte an die Mauern oder ins offene Feld, ohne ein Bild entstehen zu lassen. An der Nordwestseite des Hauses kreuzten die Lichtstrahlen etwas, das nicht zum Haus gehörte. Opitz richtete seine sehr helle LED-Stablampe auf dieses Objekt, ohne es richtig erkennbar zu machen, weil der Lichtstrahl eher wie ein Schneidbrenner wirkte.

»Ein Käfig!« rief Berner, nachdem sie sich auf hundert Meter genähert hatten. »Vielleicht ein Hühnerstall«, entgegnete Opitz, der in weiches Erdreich getreten war und fluchend nach festem Grund unter den Füßen suchte. Nach einigen Minuten hatten sie die Umzäunung erreicht und konnten nun punktgenau den Boden ableuchten. Der Zaun war mannshoch, ganz oben hatte man zur Krönung einen Stacheldraht eingezogen, der das Überklettern erschweren sollte. Dann sahen sie das Tier: Ein großer Hund lag reglos ausgestreckt, mit halb geöffnetem Maul, auf dem Boden vor seiner Holzhütte. Ganz offensichtlich war er tot. Martin Berner trat an den Eingang des Zwingers, der durch eine Brettertür verschlossen war. Zu seiner Überraschung ließ sie sich öffnen, worauf er behände in das Gatter schlüpfte: »Die Nummer zwei. Das müssen wir uns ansehen.«

»Welchen Sinn sollte es haben, den Zwingerhund umzubringen«, meinte Opitz, »etwa damit er nicht bellte, als sich der Mörder dem Haus näherte?«

»Er wird auch gebellt haben, als der Mörder sich dem Zwinger näherte.«

Das Tier war ein schöner schwarzer Schäferhund. Auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, woran er gestorben war. Martin Berner durchkämmte mit gespreizten Fingern das dichte Fell des Hundes – plötzlich stockte die Bewegung seiner Hand. Etwas steckte im Brustkorb. Dann hatte er es herausgezogen: eine Art Pfeil oder Spritze, die vermutlich mit einem Gewehr von außen auf den Hund abgeschossen worden war. Zoologische Gärten verfügten über solche Mittel, wenn sich ein gefährliches oder großes Tier losgerissen hatte, das man nicht anders einfangen konnte.

Er bewegte die Taschenlampe in Richtung des Kollegen, doch dann senkte er den Lichtstrahl auf den rauen Boden unter ihren Füßen.

»Ist dieser Fall nicht irgendwie sonderbar«, begann er und schluckte, »jemand, der mit geistlichen Dingen zu tun hat, wird in der eigenen Garage im Auto ermordet. Wir wissen noch nichts über sie, aber was wird wohl vorausgegangen sein, dass sie so brutal abgeschlachtet wurde?«

»Und wenn gar nichts vorausgegangen ist? Wenn ein Irrer auf der Suche nach einem Opfer war, ein Spontantäter, völlig unberechenbar?«

»Und das Opfer hat er ausgerechnet hier in der Ödnis gesucht und gefunden? Das kann ich mir nicht wirklich vorstellen.«

Opitz schob einen Streifen Kaugummi in den Mund.

»Gehen wir zurück, die Spusi muss sich auch noch um diesen Tatort kümmern.«

Als sie sich unter die eifrig tätigen Kollegen der Spurensicherung mischten, deren Sperrbändern und Hinweisen man kaum ausweichen konnte, lag die Tote unter dem grellen Licht zweier Standleuchten wie aufgebahrt in der Tragewanne. Der Gerichtsmediziner hatte die beiden bemerkt und kam ihnen mit ausgestreckten Armen entgegen.

»Meine Untersuchung ist für heute abgeschlossen: Die Frau ist Opfer einer Messerattacke geworden, die beiden Stiche mit einem großen Messer in die Herzregion haben den Exitus bewirkt. Was die Druckmarkierung im Halsbereich zu sagen hat, können wir hier nicht klären – das wird die Obduktion ergeben. Nach der Körpertemperatur ist der Tod vor etwa drei bis vier Stunden eingetreten. Also etwa zwischen fünfzehn und sechzehn Uhr.«

Diese Diagnose hätte ich auch stellen können, dachte Opitz. Aber jeder tut eben das, wozu er ausersehen ist.

»Danke Alfred, dann können wir die Tote überführen lassen?«

Dr. Mühlbach nickte und streifte sich dann die Latexhandschuhe von den Händen. Darauf entledigte er sich des weißen Schutzanzuges, in dem er wegen seiner Größe ein bisschen wie ein Nachtgespenst wirkte. Er griff sich die große schwarze Utensilientasche, wünschte allen noch einen schönen Abend, und war verschwunden.

Nach zweiundzwanzig Uhr wurde es merklich kälter, der eine oder andere Mann der Spusi gönnte sich eine Rauchpause vor dem Haus, manche hatten sich ein Heißgetränk mitgebracht und setzten sich in eine Ecke, um für einen kurzen Augenblick zu entspannen. Martin Berner rieb sich die Hände, sei es wegen der aufsteigenden Kälte, oder um den nächsten Schritt einzuleiten.

»Wir sollten jetzt den jungen Mann verhören. Er sitzt schon seit Stunden in seiner Kammer.«

»Gut, er soll in unseren Mannschaftswagen kommen, da gibt es einen Tisch. Oder warte – wir gehen gemeinsam nach oben und holen ihn ab. Das verschafft uns einen Eindruck, mit wem wir es zu tun haben.«

Als sie durch die Verbindungstür traten, gelangten sie in einen schwach beleuchteten Flur oder Vorflur, durch dessen bleiverglaste, grünlich schimmernde Fenstergläser sich der anschließende Raum erahnen ließ. Eine breite hölzerne Treppe führte eine Etage höher, wo ebenfalls diese Art von Einteilung vorhanden war.

»Hörst du das?« Berner deutete nach oben, wohin eine wesentlich anspruchslosere Treppe führte. »Verdammt laut, die Musik! Was ist das?«

»Discomusik, keine Ahnung …«

Sie stiegen das schmale Treppchen nach oben und standen vor dem Raum, aus dem die Musik kam. Opitz klopfte an der Tür, doch es war weder eine Antwort zu hören, noch gab es eine andere Reaktion. Nach dem zweiten Versuch drückte er die Türklinke und öffnete ein Stück, bis er Elias Kühn erkennen konnte, der vom dämmerigen Licht zweier Kerzen schwach beleuchtet wurde. Er lag auf einem Bett und schien nach oben zu starren. Plötzlich fuhr er hoch und blickte entsetzt zur Tür, wo sich die beiden Beamten abzeichneten. Mit einem raschen Griff zur Fernbedienung stellte er die unerträglich laute Musik ab.

»Mann, haben Sie mich erschreckt!«, stammelte er und erhob sich. Sein Gesicht schien jetzt nicht mehr die Verzweiflung auszudrücken, die Opitz beim ersten Kontakt aufgefallen war.

»Ich musste mich ablenken«, erklärte er mit einer knappen Handbewegung vorwärts, »deshalb die Lautstärke.«

»Wenn es Ihnen möglich ist, wollen wir nun mit der Befragung beginnen, dafür ist unser Mannschaftswagen vorgesehen.«

Elias nickte und folgte den beiden Kriminalisten nach unten. Das Fahrzeug besaß einen Klapptisch und Drehstühle, sodass eine ungestörte Vernehmung durchgeführt werden konnte.

»Herr Kühn, Elias ist Ihr Vorname?« Er nickte wieder und Opitz fuhr fort: »Bitte sagen Sie uns, wann Sie heute Abend nach Hause gekommen sind und woher Sie kamen.«

»Ich kam von meiner Arbeitsstelle bei Gerstetten«, begann er zögernd und mit verschleiertem Blick. Jedes Wort schien ihm Schmerzen zu bereiten. »Sie ist nicht weit von hier, etwa drei Kilometer. Um achtzehn Uhr ist Feierabend, dann bin ich losgefahren und war spätestens fünfzehn Minuten später zu Hause.«

»Haben Sie das anhand der Uhrzeit festgestellt, oder ist es eine Schätzung?«

»Das ist Erfahrungssache, eine Uhr trage ich nicht.«

»Gut, nehmen wir das mal so hin, wie Sie es sagen. Können Sie bitte noch Ihren Arbeitgeber nennen.«

»Firma Lackmayer, freie Kfz-Werkstatt und Fahrzeughandel.«

»Und was sind Ihre Aufgaben bei der Firma Lackmayer?«

Elias schürzte die Unterlippe und blickte missmutig in Richtung seines Gegenübers auf der anderen Tischseite.

»Ich bin für Auftragsannahme, die Terminplanung, den Materialeinkauf, die Kundenbetreuung, die Werbung und manchmal auch für die Probefahrten zuständig. Eigentlich für alles, was der Chef auch erledigt. Aber was hat das mit diesem abscheulichen Verbrechen an meiner Mutter zu tun?«

Die letzten Worte kamen schluchzend. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Nur wegen der Vollständigkeit«, beschwichtigte Opitz, der sich nun selber fragte, ob diese Auskunft nicht völlig nebensächlich gewesen sei. Der Kommissar legte eine kurze Pause ein und gab mit einer Handbewegung in Richtung Martin Berner zu erkennen, dass die weitere Befragung nun von diesem Kollegen durchgeführt werde.

Berner, um ein paar Jahre jünger als Opitz, hatte dichtes dunkles Haar, das er immer wieder zurückstreifen musste, weil es zu lang war und ihm das Sichtfeld einschränkte. Das tat er auch jetzt, bevor er seine erste Frage formulierte.

»Bitte beschreiben Sie uns doch Ihren Weg bei der Ankunft zu Hause, bis Sie … Ihre Mutter fanden.«

»Es war wie immer, als ich ankam, war die Haustür verschlossen. Ich öffnete sie, legte meine Tasche ab und stieg in den Keller hinunter, weil ich mir den Inhalt eines alten Spindes vornehmen wollte. Aufräumen und Aussondern. Nach einer Viertelstunde war ich damit fertig und ging nach oben, um aus der Garage ein paar Kartons zu holen. Da sah ich, was geschehen war …«

Er stockte und zog ein Papiertaschentuch hervor. »… ich wollte meinen Augen nicht trauen, es war wie ein Sturz aus tausend Meter Höhe, ich betete, der Herr möge das hier ungeschehen machen.«

Eine Pause trat ein, in der man eine Feder hätte fallen hören. Der Schock über den gewaltsamen Tod seiner Mutter saß dem jungen Mann tief in den Knochen. Nach einer Weile der Geduld versuchte Martin Berner fortzufahren.

»Es waren keine weiteren Personen im Haus, als Sie Ihre Mutter fanden?«

»Ich konnte darauf nicht achten, weil ich zu erschüttert und aufgewühlt war. Jedenfalls habe ich niemand gesehen. Ich musste mich erst einmal setzen, so sehr zitterten meine Knie. Nach etwa fünf Minuten habe ich dann bei der Polizei, bei Ihnen, angerufen …«

»Wir nehmen an, Ihre Mutter ist von einem Außenstehenden getötet wurde. Können Sie sich spontan jemand vorstellen, dem Sie eine solche Tat zutrauen würden?«

Er schwieg eine halbe Minute – dann schüttelte er sehr langsam den Kopf, ebenso lang. Opitz reichte eine Flasche Mineralwasser und ein paar Plastikbecher aus einem Einbaufach des Fahrzeuges, die er auf das Vernehmungstischchen stellte. Das Wasser perlte in den Bechern, nachdem er allen eingegossen hatte. Der Junge nippte lediglich ein wenig, während die Männer die Becher in einem Zug leerten.

»Ist Ihr Vater über den Mord informiert worden? Und wenn ja, wo befindet er sich zurzeit?«

»Er ist geschäftlich unterwegs, ich kann ihn nicht erreichen, weil er sein Mobiltelefon nicht eingeschaltet hat. Er arbeitet zurzeit irgendwo an der holländischen Grenze. Er vertritt eine Firma, die Sonderfräsmaschinen herstellt.«

Er griff noch einmal nach dem Wasserbecher und leerte ihn diesmal zur Hälfte. Die Scheiben hatten sich beschlagen und behinderten den Blick nach draußen auf die Männer von der Spurensicherung, die sich jetzt auf den Innenraum des Passats zu konzentrieren schienen. Zwei weitere Weißkittel leuchteten systematisch die Zugangswege des Hauses ab, hoben hier und da einen Halm oder ein Stückchen Holz vom Boden auf, um diese Dinge schnell wieder fallen zu lassen. Die Scheinwerfer eines heranrollenden Fahrzeuges beleuchteten das Vorfeld des Hauses und alle dort stehenden Polizeifahrzeuge. Dieser Wagen quetschte sich vorbei an der Reihe der eng aneinander in Schlange geparkter Autos, bis nach vorne zum Garagentor. Es war das lange schwarze Fahrzeug des Beerdigungsinstituts. Opitz musste gähnen, da half auch das sprudelnde Wasser nicht mehr.

Als Frank Opitz aufwachte, hatte er den Geruch von Schnee in der Nase. Um das zu verifizieren, quälte er sich aus dem Bett und zog den ohnehin luftigen Vorhang neben seinem Bett zur Seite. Schnee! Und welche Mengen sich hinter dem Fenster auf dem kleinen Balkon aufgetürmt hatten. In der Nacht musste es verdammt stark geschneit haben, denn solchen Mengen Schnee waren nur fünf Stunden Zeit geblieben – die er im Bett zugebracht hatte. Und es schneite weiter; keine dicken Flocken, sondern solche leicht wie Federflaum, der sich sanft auf den Boden setzte und von einer Windbö weggeblasen werden konnte. Aber diese Gefahr bestand nicht, denn die Luft war still und stumm, der Horizont von dem gekippten Fenster aus nicht zu sehen, weil die dunkelgraue Wolkenuntergrenze auf den Baumgipfeln hinter dem Sportplatz thronte.

Giulia saß gewiss schon unten beim Kaffee, während er mit dem Gedanken spielte, noch einmal in die Decken zu kriechen und den Herrn einen guten Mann sein zu lassen. Er probierte es jedenfalls, zog sich die wärmende Daunendecke bis über die Ohren und schloss die Augen. Aber nicht lange, denn erstens hatte ihn der Duft von Kaffee erreicht, und zweitens verfolgten ihn die Geschehnisse des gestrigen Tages mit unerwartetem Nachdruck.

Nachdem er geduscht hatte, begrüßte Giulia ihn mit taxierendem Blick über den Rand ihrer Lesebrille.

»So früh? Ich hätte mit zehn Uhr gerechnet.«

Sie legte die Stuttgarter Zeitung beiseite und nippte an ihrem Kaffee. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie auf die Stirn. Dann goss er sich Kaffee und einen Schuss Milch in die bereitstehende Tasse.

»Um diese Zeit müsste ich schon im Dienst sein. Nehmen wir heute die Langlaufskier?«

Sie reagierte sofort: »Das wäre eine Schlagzeile für den Lokalteil: Redakteurin macht authentische Erfahrungen mit der ersten Schneekatastrophe des Jahres.«

»Ist es so schlimm?«

»Höre die Nachrichten, es ist ein Verkehrschaos. Hunderte von Unfällen, unendliche Staus, stundenlanges Ausharren in den Fahrzeugen.«

Sie benutzte ihre Hände, um der verbalen Kommunikation mehr Ausdruck zu verleihen.

»Also bleibst du zu Hause. Ausnahmsweise kann die Redakteurin ihre Artikel auch vom heimischen Schreibtisch aus verfassen.«

»Das sagst du.«

»Stimmt es etwa nicht?«

Plötzlich sprang sie auf, schüttelte sich das lange dunkle Haar aus dem Gesicht und erklärte mit ein paar Dezibel mehr in der Stimme, dass sie zu Hause nicht arbeiten könne. Basta. Das verstand er gut – ging es ihm doch ebenso.

»Und du – wie willst du zu deiner Kripodienststelle kommen? Du musst eben auch warten, bis die Straßen freigeräumt sind.«

Er kicherte: »Machen wir uns doch einen vergnüglichen Vormittag, mag die Welt auch untergehen.«

Sie lächelte süffisant, kam aber schnell wieder zur Realität zurück: »Du hast mir noch nichts von dem Mordfall erzählt, allerdings habe ich schon um acht Uhr gruselige Dinge darüber in den Nachrichten gehört.«

»Ja, es war nicht appetitlich. Alles voller Blut, mir ist verdammt unwohl geworden und ich musste mit Martin Berner nach draußen zum Luftschnappen. Jemand hat eine Frau mit einem Messer erstochen. Sie saß noch im Wagen, vor der Fahrertür eine riesige Lache. Aber bitte: keine Interna verbreiten oder gar veröffentlichen.«

Sie sah ihn entrüstet an: »Hattest du jemals Grund, dich darüber zu beklagen?«

»Hatte ich nicht, bleiben wir dabei.«

»Wer war die Frau?«

»Eine Lehrerin, genauer: Eine Religionslehrerin, Mitte fünfzig. Ein Fall fast vor unserer Haustür. Sie wohnen in einem Weiler, ganz in der Nähe von Gerstetten.«

»Wer kann denn etwas gegen Religionslehrerinnen haben? In einem Weiler! Wie viele Häuser gibt’s dort?«

Anstelle einer Antwort schob er ein weiteres Scheibchen Salami in den Mund und kaute gründlich darauf herum.

»Drei Häuser, soweit ich mich erinnere«, äußerte er lustlos, »aber alle sind sehr baufällig. Wir wollten zunächst gar nicht glauben, dass dort noch Menschen wohnten. Und dann das moderne Haus, vielleicht zehn bis zwanzig Jahre alt, in dem die Familie wohnt. Sie hieß Kühn-Scharter, der zweite Nachname war ihr Mädchenname.«

»Wo hatte sie denn unterrichtet?«

»Genaues haben wir noch nicht gehört, jedenfalls an einer Schule in Geislingen.«

»Und ihre Familie?«

»Sie hat einen zwanzigjährigen Sohn, den wir gestern vernommen haben. Er hat berichtet, dass der Vater auf Dienstreise sei und sein Handy zurzeit ausgeschaltet ist. Er konnte hoffentlich eine SMS hinterlassen. Außerdem gibt es noch eine Tochter namens Maja. Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt und studiert in Tübingen.«

Während sie wieder zu lesen begonnen hatte, beobachtete er das Treiben der Schneeflocken vor dem Haus und auf der Straße. Die wenigen Nachbarn hatten sich mit ihren Fahrzeugen nicht aus den Garagen gewagt. Weil die Besiedlung am nördlichen Ortsrand von Oggenhausen nicht besonders hoch war, nahm man es nicht so genau mit dem Schneeschippen. Auch das Schneeräumfahrzeug würde noch auf sich warten lassen.

»Und ihr habt noch gar keinen Hinweis auf den Täter?«, fragte sie hinter ihrer Lektüre. »Gar keine Vermutung?«

»Du weißt doch, wie es damit steht, vermuten kann man viel. Einstweilen verlassen wir uns lieber auf unsere Spurensicherer, die sind erstaunlich gut. Heute sollten wir die ersten Resultate erfahren – aber bei dem Schnee? Gestern Abend hatten wir keine Möglichkeit, noch weitere mögliche Zeugen zu befragen.«

Er nahm das Telefon und wählte die Nummer des regionalen Busunternehmens. Es war besetzt. Auch weitere Versuche in der nächsten Viertelstunde führten nicht zum Erfolg. Zu viele Menschen versuchten eine Auskunft zu erhalten. Frustriert suchte er die Nummer der Ortsverwaltung heraus und tippte sie ins Telefon. Es klingelte und klingelte, aber niemand nahm ab. Das hinderte ihn nicht, weitere Versuche zu starten. Giulia verfolgte seine Tätigkeit mit raschen Blicken über ihren Brillenrand. Auf einmal richtete sie sich in ihrem Stuhl auf, wendete den Kopf, um besser hören zu können, sprang schließlich von ihrem Platz auf, und deutete mit ausgestreckter Hand zum Fenster.

»Der Schneeräumer! Sie machen die Straßen frei – vergiss das Telefonieren!«

Von draußen war das durch den Schnee gedämpfte sonore Brummen des schweren Räumfahrzeugs zu hören, das sich langsam auf der Straße vorwärts arbeitete und dabei den abgetragenen Schnee achtlos auf den rechten Fahrbahnrand spie. Die freigelegte Spur war tiefer als erwartet, mindestens dreißig Zentimeter, wenn nicht sogar mehr, soweit Opitz vom Fenster aus sehen konnte.

Dann ging alles sehr zügig: Beide beendeten das ohnehin auslaufende Frühstück in Windeseile, kleideten sich der Witterung entsprechend und entschieden sich für eine gemeinsame Fahrt in Opitz rotem Golf, was wegen der Nähe beider Arbeitsplätze zueinander sinnvoll war und wagten sich auf die Straße.

Adam Kühn befand sich, als er die Nachricht erhielt, in Meppen, nahe der niederländischen Grenze, einer Stadt an der Ems. Es war gegen neunzehn Uhr, und er hatte die Einweisung des Technikers, der die neue Spezialfräsmaschine künftig bedienen sollte, wegen ihrer Komplexität noch nicht ganz abgeschlossen. Zuletzt hatte der Mann aus Versehen einen so hohen automatischen Vorschub gewählt, dass der Fräser viel zu schnell in das Material vordrang und mit einem Schlag abbrach.

Sein Handy summte und Majas Nummer und Name erschienen im Display – was ihn verwunderte, denn sie rief selten an, schon gar nicht um diese Zeit. Dann sagte sie es. Einfach so. Sie sagte: »Mama ist umgebracht worden.« Und weil er vor Starre nicht reagieren konnte, griff sie nach: »Deine Frau ist tot, Elias hat sie im Auto gefunden.« Es klang so, wie eine Sportnachricht am Samstagnachmittag: »Gewonnen hat der FC …«

Er beendete die Einweisung an der teuren Fräsmaschine, indem er den verdatterten Techniker mit seinem abgebrochenen Fräser einfach vor dem Werkstück sitzen ließ und verschwand. Es bedurfte nicht einmal einer Minute, um die Bahn auszuwählen. Viel zu zerbrechlich war seine Konstitution auf einmal geworden, als dass er sich hinter ein Lenkrad gesetzt hätte, um mehr als sechshundert Kilometer bis nach Heidenheim an der Brenz zu fahren. Erst als er einen Fenstersitzplatz im ICE gefunden hatte, konnte er ein wenig entspannen. Die nach vorn fliehende Landschaft hinter dem Fensterglas bestätigte sein Gefühl, dass die Gegenwart sich dünne machte.

Den ersten Teil der Reise verbrachte er, indem er vor sich hindämmerte; die optischen Reize durch die nächtliche Beleuchtung der Bahnhöfe und Straßen drangen nicht sehr weit in sein Bewusstsein vor. Als der Zug sich Frankfurt näherte, verspürte er einen unsäglichen Durst auf ein kaltes Bier. Ein Angestellter des Zugrestaurants passierte hin und wieder mit einem Getränkewagen und bot seine Ware feil. Er öffnete ihm eine Flasche und lieferte einen Plastikbecher dazu, den Kühn ablehnte. Weil er etwas zu hastig trank, entwickelte sich die Wirkung des Bieres analog und er begann müde zu werden, zumal der Abend schon weit vorgerückt war.

Er wachte auf, als er die Stimme einer Frau hörte, die behauptete, er habe ihren reservierten Platz belegt. Eine kurze Überprüfung ihres Tickets zeigte aber, dass sie sich um eine Zehnerstelle geirrt hatte. Danach war an weiteren Schlaf nicht mehr zu denken.

Was war daheim passiert? Maja hatte das schreckliche Verbrechen ja nur angedeutet. Kein Mensch kann vor einem solchen Hintergrund auch noch plausible Erklärungen abgeben. Ihre farblose Schilderung war für ihn jedoch von solcher Vehemenz und Erbarmungslosigkeit, dass ihn schwindelte, wenn er nur an ihre Worte dachte: »Mama ist umgebracht worden«. Waren sie denn in ihrer Einöde nicht so sicher wie in Abrahams Schoß? Hatten sie ganz umsonst einen Wohnort gewählt, der sie bewahren sollte vor den Tücken des Alltäglichen?

In den frühen Morgenstunden rollte der Zug in den Bahnhof von Heidenheim ein. Drei weitere Personen verließen den Zug ebenfalls und gingen rasch in verschiedene Richtungen davon. Danach war der Bahnhof kalt und leer wie zuvor. Er trat aus dem Gebäude und sah sich nach einem Taxi um. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er die Aufmerksamkeit eines weißen Mercedes-Taxis geweckt hatte, das in der Vorbeifahrt den späten Kunden bemerkte und mit einer Wende zu ihm zurückkehrte.

Als sie Heidenheim verlassen hatten und nach Westen kamen, begann es leicht zu schneien. Auf der Höhe von Steinheim stellte sich ihnen eine dichte Schneewand entgegen, die den Fahrer zwang, kaum schneller als im Schritttempo zu fahren, wollte er nicht von der Straße abkommen. Um diese Zeit gab es oben auf der Alb keinen Gegenverkehr. Es erwies sich als schwierig, die Abzweigung zum Weidenhof zu finden, denn die übliche Orientierung am Horizont und an bestimmten Feldmarken war nicht mehr möglich. Schließlich gelang es ihnen doch, das schmale Sträßchen ausfindig zu machen und zwischen den Feldern die Spur zu den Häusern zu suchen. Die Haustür war von der Eingangsbeleuchtung erhellt, alles andere versank in der Dunkelheit und dem verwirbelten Schnee.

Er schloss die Eingangstür auf und trat ins Haus. Es war der immer gleiche Geruch, den dieses Haus ausströmte, so als sei nichts von Bedeutung geschehen. Ein Duft, der sich nicht definieren ließ – irgendwie streng, ohne eine angenehme Note, aber so vertraut wie all die Jahre zuvor. Elias musste im Haus sein, das wusste er, denn sie hatten miteinander telefoniert, bevor er in Heidenheim ankam.

Er lauschte, doch da war nichts; kein vergessenes Radio lief irgendwo, das Haus war still, totenstill, dachte er, während er die Stufen zum nächsten Stock emporstieg. Als er in die Wohnung trat, war da wieder der Geruch von Zigarillos, den er mochte, wenn er nicht zu penetrant wurde, an diesem Abend hatte er jede Schärfe verloren. Adam Kühn durchschritt den geräumigen Wohnbereich, um zu sehen, was sich verändert hatte, seit er an Weihnachten zuletzt hier gewesen war. Zeitungen stapelten sich zu Informationszentren, jemand hatte alle Schlagzeilen zu den ersten Aktionen von US-Präsident Trump separat gelegt und mit einem Stift die Reaktionen seiner Gegner hervorgehoben.

Er ließ sich im Sessel vor dem Fernseher nieder, weil er die Atmosphäre des Hauses spüren wollte, nicht um das Gerät einzuschalten. Es war alles so, wie Gertrud es auch sonst geführt hatte, die Schale mit dem Obst, die Blumen aus der Gärtnerei, die Post gesammelt in einer Schale neben dem Kamin. Seine Gedanken kreisten ungeordnet um die Dinge, die er ringsum sah; das hatte den Effekt, dass sie auch unkontrolliert sprangen und ihn ermüdeten. Womit hatte sie diesen schrecklichen Tod verdient? Wenn er sich umblickte, erwartete er sie in der Küchenzeile, wo sie Tee aufgoss, um sich dann mit zwei gefüllten Tassen neben ihn zu setzen. Und dann dachte er auch an ihre andere Art, mit Menschen umzugehen, wenn sie ihnen misstraute. Sie konnte skrupellos werden, wenn es darum ging, aus einer Situation als Sieger hervorzugehen. Auch er hatte mit harten Bandagen gegen ihren Willen kämpfen müssen, um sich durchzusetzen. Es hatte lange gedauert, bis er eine Lösung darin gefunden hatte, nicht permanent anwesend zu sein.

Plötzlich hatte er das Bedürfnis, die Garage aufzusuchen. Spontan erhob er sich aus dem Sessel, während sein Herz mit hoher Frequenz auf diese Entscheidung reagierte. Elias hatte am Telefon über die Umstände ihres Todes berichtet. Von ihm hatte er auch erfahren, dass sie etwa um fünfzehn Uhr zu Tode gekommen war. Ein kurzer Blick auf die Uhr überzeugte ihn davon, dass sie seit fast zwölf Stunden nicht mehr am Leben war.

Während er die Treppen hinabstieg, versuchte er zu vermeiden, ein Bild über ihre Todesumstände entstehen zu lassen. Elias hatte eine Andeutung darüber versucht, doch das hatte er sich verbeten, denn er wollte sein labiles Nervenkostüm nicht noch weiter belasten. Unten war die Tür zur Garage nur angelehnt, und während er nach dem Lichtschalter suchte, stolperte er über hinterlassene Requisiten, die nur von der Polizei stammen konnten. Die geräumige Garage war noch mit einer roten Banderole abgesteckt, die den VW-Passat mit einschloss. An verschiedenen Stellen des Bodens waren kleine Markierungen in Form von Wimpeln angebracht, die eine durchgängige Nummerierung trugen.

Während er die verschiedenen Hinterlassenschaften der Polizei registrierte, entdeckte er, dass der Wagen an der Fahrertür eine verwischte blutige Spur in Höhe der Scheibe trug. Dies setzte unmittelbar ein Schwächegefühl in seinem Magen frei und ein Knistern im Bereich der Ohrläppchen. Es hielt ihn aber nicht davon ab, weiter nach auffallenden Bildern und Zeichen zu suchen. Wenig später entdeckte er etwas, das augenfällig genug war, um sich alles vorstellen zu können. Die große schwarze Fläche am Boden war nichts anderes als eingetrocknetes und in den Estrich gesickertes Blut. Er verharrte eine Weile reglos, bis er die Kälte spürte, dann wandte er sich zurück. Es stand jemand im Halbdunkel der Durchgangstür – da fuhr er zusammen – erkannte aber im nächsten Augenblick, dass es Elias war, der nach ihm gesucht hatte. Er hatte sich eine Decke um die Schultern gelegt, unter der die weiße Haut seiner nackten Beine hervorschaute, selbst auf Schuhwerk hatte er verzichtet.

»Hier unten hätte ich dich nicht vermutet«, sagte er mit der Erleichterung, den Vater doch noch gefunden zu haben.

»Ich musste hier hinuntersteigen, weil ich dachte, nur dann könne ich das alles glauben, was geschehen ist. Aber es bleibt für mich ebenso abstrakt wie zuvor. Niemand kann den plötzlichen Tod begreifen, ob er durch eine Gewalttat eingetreten ist oder aus anderen Gründen. Außer jenen Menschen vielleicht, die professionell mit ihm zu tun haben.«

Er sah Elias an und legte seinen Arm um ihn.

»Du bist jung, du hast noch nichts mit dem Tod zu tun – außer, du würdest dich in Gefahr begeben.«

Elias blickte seinen Vater verwundert an, denn er hatte offensichtlich nur zur Hälfte verstanden, was dieser mitteilen wollte. Sie verließen die Garage und stiegen nach oben.

»Ist Maja schon angekommen?«

»Nein, sie wird im Laufe des Tages eintreffen, das hat sie vorhin am Telefon gesagt. Sie muss zuerst ihre Seminararbeit abliefern, bevor sie sich dem Trauerfall ihrer Mutter zuwenden kann. Sie ist von uns allen die coolste Socke.«

Da er seinen Vater auf dessen Etage abgeliefert hatte, stieg er einfach ein Stockwerk höher und schnappte, oben angekommen, die Tür hinter sich ins Schloss.

Gegen Mittag ließ der Schneefall nach. Der ständige Einsatz aller Räumfahrzeuge sorgte dafür, dass Straßenverkehr wieder möglich wurde, wenn auch mit Behinderung durch Glätte und Schneedünen, die sich besonders in windigen, höheren Lagen gebildet hatten. Opitz hatte sich vorgenommen, in der Nachbarschaft des Opfers ein wenig herumzuschnüffeln, nicht, weil er davon überzeugt war, etwas über die Tat zu erfahren, sondern weil er schon immer davon ausging, dass man bei der Ermittlung eines Falles nichts auslassen sollte.

Gegen alle Erwartungen erreichte er Weidenhof schon nach zwanzig Minuten. Irgendwie konnte er sich nicht mehr so gut erinnern, wie sie gestern Abend die Zufahrt zu dem Weiler gefunden hatten. Die Hinweisschilder wiesen die nächstgrößeren Ortschaften aus, doch dann entdeckte er ein unscheinbares, halb mit Schnee bedecktes Täfelchen, das die gesuchte Bezeichnung trug.

Als er sich den Häusern näherte, erkannte er diesmal rechtzeitig die Abzweigung zum Haus der Familie Kühn, jemand musste den Weg dorthin mehr schlecht als recht geräumt haben. Er lenkte das Polizeifahrzeug in den Kern der Ortschaft. Die Häuser waren alt, das Mauerwerk brüchig und es bröckelte. Zwei alte Männer saßen vor dem halb geöffneten Tor einer geräumigen Scheune und pafften Stummelpfeifen, während eine große Dogge aufsprang und mit tief grollendem Bellen das ankommende Fahrzeug registrierte.

Frank Opitz hielt den Wagen nur wenige Meter neben den beiden Alten an, machte ein flottes Zeichen des Grußes, indem er zwei Finger an die Stirn führte und ausstieg. Es war offensichtlich, dass Autos eher selten in diesen inneren Kreis der Abgeschiedenheit vordrangen, denn die alten Herrschaften gaben sich überrascht und verblüfft, weil nun ein veritables Polizeifahrzeug direkt neben ihnen stoppte. Er nickte ihnen freundlich zu und stellte sich als Kriminalkommissar Opitz vor. Er habe ein paar Fragen. Der mit dem vollen silbergrauen Haar schien sich rasch gefangen zu haben: »Sie kommen also wegen unserer Nachbarn. Da werden wir Ihnen nicht viel helfen können.«

Opitz nickte und trat einen Schritt näher.

»Wir bearbeiten den Mordfall Frau Kühn-Scharter. Ihnen als Nachbarn ist vielleicht irgendetwas aufgefallen, das uns einen kleinen Schritt weiterbringt. Hatten sie Feinde oder besondere Freunde? Bekamen sie regelmäßig Besuch, und welche Leute waren das? Gab es ein auffälliges Ereignis in letzter Zeit?«