Shit Bag - Xena Knox - E-Book

Shit Bag E-Book

Xena Knox

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Beschreibung

Eine schonungslose und lustige Own-Voice-Geschichte darüber, was passiert, wenn's so richtig beschissen läuft. Als Freya zusammenbricht und mit einem Stomabeutel im Krankenhaus aufwacht, platzt ihr Traum vom perfekten Sommer. Aus Hockey, Partys an der Algarve und Knutschsessions mit ihrem On-Off-Freund wird ein Besuch im »Poo-Camp« – einem Ort, an dem Jugendliche lernen sollen, mit ihren Darmerkrankungen umzugehen. Freya hasst ihre vor Mitleid triefenden Freundinnen, ihren (jetzt Ex-)Freund, der sich nach dem ersten Krankenhausbesuch aus dem Staub gemacht hat, und VOR ALLEM diesen nervigen Kackbeutel, den sie vorerst nicht loswird. Der Einzige, den ihr Verhalten nicht zu jucken scheint, ist ihr Camp-Buddy Chris. Ob er ihr helfen kann, zu begreifen, dass ein Leben mit Stomabeutel gar nicht so beschissen ist?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Xena Knox

Shit Bag

Jede:r hat ein Päckchen zu tragen

Triggerwarnung

Shit Bag enthält Elemente, die für Lesende triggernd oder belastend sein können. Diese sind:

Ableismus, Explizite Darstellung von Darmerkrankungen, Mobbing

 

Die Originalausgabe erschien 2023 in Großbritannien unter dem Titel SH!T BAG bei HODDER CHILDREN’S BOOKS, einem Imprint von HODDER & STOUGHTON LIMITED

 

Deutsche Erstausgabe

© Atrium Verlag AG, Imprint Arctis, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

SH!T BAG © 2023 by Xena Knox Limited

Übersetzung: Lina Robertz

Lektorat: Emily Brodtmann

Covergestaltung: Anja Trentepohl unter der Verwendung der Coverillustration von Sina Shagrai

Coverillustration © 2023 by Sina Shagrai

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

ISBN978-3-03880-189-4

 

www.arctis-verlag.com

Folgt uns auf Instagram unter www.instagram.com/arctis_verlag

 

 

 

Für alle, die mit ihrem eigenen Scheiß zu kämpfen haben.

Kapitel 1

»Sie nennen mich Shit Bag!«

Meine Worte hängen in der sterilen Krankenhausluft wie ein medizinischer Trennvorhang mit einem verdächtigen braunen Fleck.

Ich warte darauf, dass Suriya ausflippt. Dass Morven eine Schimpftirade loslässt. Aber keins von beidem passiert.

»Die Jungs nennen mich Shit Bag«, sage ich noch einmal. »Hier!« Ich drehe das iPad zu meinen Freundinnen, die in ihren Outfits für den Abschlussball vor mir stehen, als würde ich ihnen gleich das Ergebnis für die Miss Universe enthüllen.

Morven schüttelt nur langsam den Kopf. Mir wird klar, dass sie längst Bescheid wissen, und ich muss würgen.

Blitzschnell greift Morven nach der braunen Kotztüte und gibt sie mir.

Ich übergebe mich, aber es kommt nichts. »Bööörg!«

Suriya hat sich vor möglichen Kotzspritzern zur Tür gerettet – verständlich, schließlich trägt sie ein weißes Abendkleid.

»Bööörg!« Die Physio hat mich zwar vor Husten und Niesen gewarnt, hat aber unterschlagen, dass auch Kotzen zu den Zeitvertreiben gehört, die sich anfühlen, als würde jemand mit einer Mistgabel in meinem Bauch rumwühlen. »Bööörg!« Zum Glück darf ich nur klare Flüssigkeiten zu mir nehmen. Wenn ich also doch noch etwas aus meinem verschrumpelten Magen gedrückt bekomme, dann ist es wenigstens nur grüne Galle. Andererseits, grüne Galle auf weißem Chiffon …

»Soll ich jemanden holen?«, fragt Morven und tätschelt mir die Schulter.

Ich schüttle den Kopf und nehme ihr schnell das Taschentuch weg, bevor sie mir damit Spucke und Schnodder von Mund und Nase wischen kann. Ich würde Morven auch zutrauen, dass sie mir mit dem Saum des sündhaft teuer aussehenden Kleids ihrer Mum die Stirn abtupft.

»Sicher?«, fragt Morven und legt ihre perfekt konturierte Stirn in Falten.

Ich nicke und lasse mich erschöpft in die Kissen sinken.

Die Mädels geben einen Eiertanz durch mein Einzelzimmer zum Besten: Suriya wandert von der Tür zu dem gepolsterten Plastikstuhl in der Ecke und Morven verharrt irgendwo auf halbem Weg zwischen Bett und Tür, offenbar unschlüssig, ob sie nicht doch lieber jemanden vom Pflegepersonal holen soll.

Ich wünschte, ich wäre einfach nur high von der Parfümwolke, die die beiden umgibt … Ich schließe die Augen und frage: »Wer hat damit angefangen?« Vorsichtig blinzle ich durch halb geöffnete Lider.

Morven zuckt zusammen und beißt sich auf die gehighglosste Unterlippe.

Diesmal bohrt sich die Mistgabel in meine Lungen.

Suriya streckt die dunklen Finger mit den rot lackierten Nägeln auf den Armlehnen aus wie eine Katze, die sich gleich ihre Krallen am Sofa wetzt. »Lockie.«

»Jaah, genau!« Ich umarme mein Speibecken aus Pappmaschee.

»Ich habe dir doch gesagt, dass sie uns nicht glaubt«, sagt Suriya.

Sie und Morven wechseln einen unauffällig-auffälligen Blick.

»Fu … c … k …!« Ich atme das Wort aus, als wäre es mein letzter Atemzug. Ich kann es einfach nicht glauben. »Und woher wollt ihr wissen, dass Lockie damit angefangen hat?«

»Ich habe es gehört«, sagt Suriya.

»Was? Wann?«

»Aber Meathead hat den Namen dann überall rumerzählt«, fügt Morven überflüssigerweise hinzu.

»Danke, das ist mir klar.« Mit ironischer Geste präsentiere ich Beweisstück A auf meinem iPad.

Morven presst die Lippen aufeinander.

»Wann und warum«, frage ich Suriya, »hat Lockie mich bitte Shit Bag genannt?« Meine Stimme bricht.

»O Freya, nicht weinen«, sagt Morven und tätschelt wieder meinen Arm.

»Ich … weine nicht …«

Ich wische mir die laufende Nase am Ärmel meines Pyjamas ab und Suriya schürzt die Lippen.

Ja, ich weiß, ich bin eklig.

Aber dann packt sie aus. »Bei Mecces auf der Princes Street, nach meiner Ballettprüfung am Mittwoch. Ich brauchte einen McFlurry«, sagt sie, »und Lockie, Meathead und Shawsie standen vor mir in der Schlange.«

»Und dann?«, raunze ich sie an. »Dann hat Lockie mich einfach so Shit Bag genannt, oder was?«

Suriya ignoriert mich und erzählt weiter: »Sie haben mich nicht gesehen, weil ich hinter ein paar Touris stand. Ihr wisst ja, die brauchen immer eine Ewigkeit. Und ich wollte Lockie fragen, ob er heute Abend vor dem Ball mit zu dir kommt. Also habe ich mich vorgedrängelt. Aber bevor ich irgendwas sagen konnte, habe ich gehört, wie sie –«

»Erzähl ihr alles«, unterbricht Morven sie. »Sag ihr genau, was sie gesagt haben.«

»Ich bin ja dabei.«

Ich halte die Luft an.

»Also, Meathead hat gesagt: ›Da bist du ja grade noch mal davongekommen, Alter. Stell dir mal vor, sie mit dem Kackbeutel auf dem Bauch zu vögeln. Total abturnend.‹ Und Lockie hat gelacht. Beziehungsweise sich auf die Unterlippe gebissen, aber das ist bei ihm ja das Gleiche. Und Shawsie hat gesagt: ›Sie hat dich sowieso immer total shittig behandelt, Mann. Karma würde ich sagen.‹«

Da geht Morven an die Decke. »Wie bitte? Freya hat Lockie scheiße behandelt? Das hast du mir aber verschwiegen.«

Suriya senkt den Kopf, sodass ihre sorgfältig geföhnten, dunklen Wellen wippen. »Und Lockie hat ihm recht gegeben. Zumindest hat er dieses Geräusch gemacht, das er immer macht, wenn er einverstanden ist. Als ob er beim Einatmen nach Luft schnappt.«

Suriyas Beschreibung meines langjährigen und einsilbigen On-off-Ex-Freundes fühlt sich an wie ein Schlag in den Magen. Ich sinke tiefer in die Kissen, mein Speibecken wie einen Schutzschild an die Brust gedrückt.

»Na ja, jedenfalls haben die Touris dann bemerkt, dass ich mich vorgedrängelt habe, also habe ich mich wieder hinten angestellt. Aber dann höre ich, wie Lockie ›Shit Bag‹ sagt. Und als ich mich umdrehe, klopft Meathead ihm auf die Schulter und blökt: ›Ja, Mann, genau. Shit Bag.‹ Und dann haben sie alle gelacht. Meathead hat immer wieder ›Shit Bag‹ gesagt, als wäre es der beste Witz aller Zeiten. Du kannst auf gar keinen Fall wieder mit Lockie zusammenkommen, Freya. Du musst einen Schlussstrich ziehen, und zwar endgültig!« Suriya sticht mit einem blutroten Nagel in die Luft zwischen uns.

Morven verschränkt die sommersprossigen Arme vor der Brust. Sie sieht aus wie eine moderne und empörte Merida. »Du hättest etwas sagen sollen, Suriya!«

Suriya hebt die Augenbrauen wie eine gelangweilte Jasmin. »Was hätte ich denn bitteschön sagen sollen, das Meathead davon abhält, seinen dämlichen Witz an der ganzen Schule zu verbreiten?«

»An der ganzen Schule? Bööörg!«

»Suriya!«, faucht Morven. Sie wartet, bis ich mit Trockenkotzen fertig bin, dann sagt sie: »So schlimm ist es nicht, Freya, ehrlich. Erst mal sind jetzt sowieso Ferien. Und wenn wir dann im September wiederkommen, reden eh alle nur über den Sommer. Niemand wird sich mehr für all das …«, sie macht eine vage Handbewegung in meine Richtung, »interessieren.« Dann wechselt sie schnell das Thema. »Kommen deine Eltern heute Abend vorbei?«

Ich nicke stumm. Dabei stimmt es gar nicht. Mum und Dad haben sich einen Abend freigenommen, weil sie wussten, dass meine Freundinnen kommen. »Ihr solltet langsam mal los«, sage ich und zwinge mich zu einem Lächeln.

Suriya macht einen Schmollmund und bauscht beim Aufstehen ihre Haare auf. »Mach dir keinen Kopf, Frey-Frey. Wir sind für dich da. Und Lockie werde ich ordentlich die Meinung geigen.«

»Ja, mach das«, antworte ich. Als ich mein iPad entsperre, ploppt erneut Meatheads Star-Post von vor zwei Tagen auf, der mittlerweile ganze 378 Likes hat – ein Meme mit einer fröhlich tanzenden braunen Papiertüte, aus der oben dampfende Kacke quillt wie eine beschissene braune Locke. Irgendein Witzbold – garantiert nicht Meathead, weil das seine künstlerischen Fähigkeiten bei Weitem übersteigt – hat mein Gesicht auf die Tüte gephotoshoppt und darunter in Großbuchstaben meinen neuen Namen geschrieben: SHITBAG.

Kapitel 2

Ich fühle mich wie Cinderella. So war das nicht gedacht. Lockie und ich hätten heute Abend zusammen auf den Ball gehen sollen. Ich war mir sicher, dass er wenigstens kurz vorbeikommt. Mir Blumen bringt. Sagt, dass der Ball ohne mich scheiße wird.

Wenn das alles nicht passiert wäre, dann wären wir jetzt garantiert wieder zusammen.

Hör auf damit, Freya!

Schwerfällig schlüpfe ich aus dem Bett und schleppe mich über den Gummifußboden, den klapprigen Infusionsständer hinter mir herziehend wie ein altersschwaches Porzellinchen – ihr wisst schon, aus Toy Story. Damit ich meinen Bauch nicht überstrapaziere, greife ich gebückt nach dem sperrigen Plüschklumpen namens Winston und schubse den Teddy über die Stangen und Stützkissen aufs Bett. Ich schlurfe zurück und mache auf dem Rückweg die Tür zu und das Licht aus. Dann setze ich mich auf den Bettrand. Nacheinander hieve ich die Beine hinauf, schlüpfe unter die Decke und ziehe Winston vom Bettende zu mir hoch.

Dad hat mir den riesigen Teddy gekauft, als ich auf der Intensivstation lag. Er und Nibblet – der alte Stoffhase, der mich schon seit meiner Geburt begleitet – haben in den letzten Wochen abwechselnd auf mich aufgepasst. Mit »er« meine ich übrigens Winston, nicht Dad. Klar, der hat auch auf mich aufgepasst. Und Mum – auf ihre eigene Art … Aber meine Eltern können mir nicht dabei helfen, die Krankenhausnächte zu überstehen, so wie Winston und Nibblet es tun. Sie sind nicht da, wenn das Pflegepersonal morgens um halb sieben die Schicht wechselt und uns alle aufweckt, bevor sie nach Hause gehen. Ein echter Albtraum, sage ich euch. Meistens bin ich grade erst weggedöst und Frühstück gibt es frühestens anderthalb Stunden später, ich kapier also nicht, warum sie uns unbedingt wecken müssen. Vielleicht, um sicherzugehen, dass wir nicht während ihrer Schicht gestorben sind. Das wäre wahrscheinlich ziemlich peinlich. Ja, also Freya war heute Nacht zweimal wach, deshalb dachten wir, wir lassen sie bis zu ihrem ausgewogenen, vollwertigen Frühstück aus klaren Flüssigkeiten schlafen.

Ähm …, sagt dann die Ablösung,Freya ist ziemlich kalt und rührt sich nicht. Ich glaube, sie ist schon eine ganze Weile tot.

Keine Ahnung, woran es liegt, aber irgendwas haben Krankenhäuser an sich, dass man solche Gedanken bekommt. Morbide Gedanken, meine ich. Ich habe sogar Briefe geschrieben – von Hand – und in meiner Nachttischschublade versteckt. Nur für den Fall. Ihr wisst schon. Dass ich doch abkratze. In Morvens Brief steht eine lange Liste mit Songs, die sie auf meiner Beerdigung spielen sollen. Lockies Brief würde ich am liebsten zerreißen und einen neuen schreiben. Aber irgendwie will ich nicht, dass die letzte Erinnerung an seine erste Liebe – in der vierten Klasse haben wir es offiziell gemacht – ein wütendes und melodramatisches Gekritzel voller Rotzflecken und Tränen ist. Nee. Soll Lockie mal schön den Brief mit den glücklichen Erinnerungen lesen, in dem ich ihm dafür danke, dass er immer für mich da war, wenn ich ihn gebraucht habe. Dann kann er sich so richtig schlecht fühlen, dass er mich geghostet und dafür gesorgt hat, dass mich alle für den traurigen und einsamen Rest meines kurzen, kläglichen Lebens Shit Bag nennen.

Ich stelle mein iPad auf den kleinen Nachttisch, der sich geschickt über das Bett schieben lässt, und klicke mich durch die Filme, die der Algorithmus heute Abend zu meinem privaten Vergnügen vorsieht … Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Perfekt. Sehr aufmunternd.

 

Nach etwa einer Stunde öffnet sich die Tür und ich erstarre mitten in der Bewegung. Mit einem leisen Pling geht die Deckenlampe an und blendet mich.

»Na, gönnen wir uns einen kleinen Snack?«

Erwischt. Ich rümpfe die Nase, als Julie, meine Lieblingspflegerin, hineinkommt. Der Film war echt depri. Deshalb habe ich alle Vorsicht über Bord geschmissen und mir den Großteil der Schokokekse reingezogen, die Suriya mir mitgebracht hat.

»Cola light?«, fragt Julie und schüttelt probeweise eine der leeren Dosen auf dem kleinen Tisch.

Ähm, ja, anscheinend habe ich auch zwei Dosen von Morvens Viererpack Cola light getrunken. Schlechte Idee, ich weiß. Ganz schlechte Idee.

»Wie fühlst du dich?«, fragt Julie. Ihr Gesicht ist ernst, aber sie hebt spöttisch eine Augenbraue.

»Den Umständen entsprechend eigentlich ganz gut.«

»Hmm. Dann brauchst du das hier ja nicht mehr.« Julie streckt den Arm aus und wischt den Hinweis »Nur klare Flüssigkeiten« von dem Whiteboard über meinem Kopf. »Hast du trotzdem Hunger?«

»Na ja …«

»Wie wär’s mit ein bisschen Toast mit Honig?«

»Echt? Das wär toll!«

»Und ich bringe dir eine Tasse Pfefferminztee. Vielleicht hilft das gegen die Blähungen.«

Oh, Mist! Die Blähungen. »Julie!«, rufe ich ihr hinterher. »Kannst du die restliche Cola mitnehmen? Sonst trinke ich die auch noch.«

»Wenn du darauf bestehst.« Sie zwinkert, dreht sich auf dem Absatz ihrer Crocs um und verschwindet.

 

Ach ja, die Blähungen … Irgendwann um Mitternacht halte ich es nicht mehr aus, traue mich aber nicht, es einfach rauszulassen. Das kann ich niemandem antun … Und schlafen kann ich natürlich auch nicht. Trotz der Tablette, die ich bei der abendlichen Medikamentenrunde bekommen habe, hält mich das ganze Koffein aus der Cola wach. Allerdings kann ich auch mit Schlaftablette nicht so richtig gut schlafen.

Ich ergebe mich also meinem Schicksal, schiebe den thrombosebestrumpften Fuß über die Bettkante und setze ihn auf den glänzenden Gummifußboden. Dann stütze ich mich auf das Tropfgestell und roll-schlurfe mehr schlecht als recht zur Tür. Ich spähe hinaus auf den Flur. Vor dem Pflegestützpunkt ist niemand zu sehen. Aus einem der Zimmer dringt das Weinen eines Babys. Das Schreien wird lauter, als die Tür aufgeht und eine Pflegerin hinaus- und in den Entsorgungsraum eilt. Ich warte und sehe, wie Julie mit einem Papptablett aus dem Medikamentenraum kommt, im Eilschritt den Gang hinunterläuft und im Zimmer des Babys verschwindet.

Julie hat gesagt, dass sie mir hilft, aber jetzt gerade kann ich sie wohl schlecht unterbrechen. Nein, ich muss es allein versuchen.

Umständlich rolle ich ins angrenzende Badezimmer, wobei ich versuche, den Arm mit der Kanüle gerade zu halten. Wenn ich auf dem Rücken liegen würde, sähe ich aus wie ein Zombie beim Speerwurf.

Ich stoße gegen den Türrahmen, quetsche mich und den Infusionsständer irgendwie ins Bad und rückwärts aufs Klo. Na ja, immerhin weiß ich jetzt, dass mein Verdauungskanal wieder funktioniert. Der Kotz-Marathon kürzlich, der meinen Aufenthalt in der Krankenhaus-Hölle noch ein bisschen verlängert hat, kam anscheinend von einem Darmverschluss. Aber wie es aussieht, hatte der Chirurg recht und Zeit und Schmerzmittel haben meinen Darm wieder zur Besinnung gebracht. Hey, auch für kleine Wunder muss man dankbar sein …

Ich gucke hinunter auf den kleinen Messbecher, in den ich pinkeln soll. Damit überprüfen sie, ob die gute alte Kochsalzlösung an meinem Infusionsständer mich auch ordentlich mit Flüssigkeit versorgt.

Zum Pinkeln bin ich aber eigentlich nicht hergekommen.

Es ist nur so … Ich musste das hier noch nie allein machen, ich bin also nicht besonders gut darin. Aber manchmal muss eine Frau eben tun, was eine Frau tun muss, stimmt’s? Ich schiebe meine Schlafanzughose mit den aufgedruckten Donuts nach unten. Dann die Disney-Prinzessinnen-Unterhose. Die ist natürlich ironisch gemeint.

Es ist voll. Das Ding da auf meinem Bauch. Und zwar richtig voll. Es wölbt sich wie ein Ballon. Vielleicht sollte ich die Leine an der Dusche ziehen? Aber dann geht die Notfallklingel los und alle kommen angerannt und tummeln sich in diesem Besenschrank von einer Toilette. Vielleicht kommt sogar der heiße Medizinstudent mit seinen großen Händen und den Blumenkohl-Ohren. Und was soll ich dann sagen? Hey Leute! Alles okay. Geht ruhig wieder zurück zum Pflegestützpunkt zu Kaffee und Celebrations. Ich brauch nur jemanden, der mit mir aufs Töpfchen geht. Nein, danke …

Ich setze mich aufs Klo. Im Beutel schwappt es. Warum ist das so wässrig? Wird das irgendwann wieder normal? Ich ziehe mein Schlafanzugoberteil hoch und klemme mir den Saum unters Kinn. Dann fummle ich an der Plastikklemme am unteren Ende des Beutels herum. Ich bin nervös. Es ist ein bisschen wie mit einem Pflaster, das so fest sitzt, dass man sich davor fürchtet, es abzuziehen, weil man sich seit ein paar Tagen nicht die Beine rasiert hat. Entweder man beißt die Zähne zusammen und zieht. Oder man nimmt ein Bad und wartet, bis das Pflaster von allein abgeht. In meiner Situation kommt Möglichkeit zwei nicht infrage. Auf keinen Fall darf hier irgendwas von allein abgehen – vor allem nicht der Beutel und vor allem nicht jetzt.

Ich greife nach der leicht gebogenen Klemme und spiele mit dem rechten Zeigefinger am Verschluss herum. Los, tu es. Nur nicht daneben. Nachdem ich überprüft habe, dass der Beutel in die Schüssel zeigt, schließe ich die Augen und drücke ab. WUUUSSSCHHH!

Kennt ihr das, wenn man zu viel Cider getrunken hat und sich übergeben muss? Wenn einem eine richtige Fontäne aus lauter wässrigem Zeug mit ein bisschen aufgeweichtem Toastbrot und ein paar mysteriösen gekochten Karotten dazwischen aus dem Mund schießt? Keine richtigen Stücke, sondern eher ein Strudel aus verschiedenen Farben? Genau so würde ich meine aktuelle Aussicht beschreiben. Oder vielleicht wie nach einer Grüne-Säfte-Kur. Wenn man den ganzen Tag Kohl-, Spinat- und Selleriesaft getrunken hat (igitt) und dann kotzen muss. Immerhin habe ich nicht daneben gezielt. Yay! Da sieht mein Leben doch gleich ganz anders aus.

Ich versuche, mich umzudrehen, um auf die Spültaste zu drücken. Das würde die ganze Sache noch mal um einiges besser machen. Aber ich kann nicht, weil mein Bauch von kurz über dem Nabel bis runter zum Schambereich zugetackert ist. Und wenn ich mich zu abrupt bewege oder mich weiter als lächerliche zwanzig Grad um mich selbst drehe, dann jagt ein Schmerz das Bahngleis aus Tackernadeln an meinem Bauch hoch, sodass jeder einzelne Nerv aufschreit, als ob ein durchgeknallter Puppenspieler mich mit Angelschnur und -haken vom Bauch aus lenken würde.

Außerdem habe ich immer noch mein Schlafanzugoberteil unterm Kinn, die Klemme in der linken Hand und einen Beutel zwischen den Beinen, der garantiert irgendwas Ekliges auf meinen Oberschenkel schmiert, wenn ich mich zu weit drehe. Nein, erst muss ich hier fertig werden. Dann kann ich spülen.

Ich lege die Klemme auf den Waschbeckenrand und reiße ein paar Blätter Klopapier ab. Wie hat die Pflegerin das noch mal gemacht? Meinen rechten Arm kann ich immer noch nicht biegen, weil ich sonst die Kanüle zerquetsche. Ohne Scheiß, das ist wie eine dieser komplizierten Gleichungen – wenn Freya X in ihrer Armbeuge und Y unter dem Kinn hat, Z auf dem Waschbecken liegt und sie sich nicht weiter als C drehen kann, was bleibt ihr dann noch, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien? Ich versuche es, indem ich die Hand mit dem Klopapier vor mir ausstrecke, wobei ich natürlich X berücksichtigen muss, und eine Ecke nach hinten falte. Nein, so hat die Pflegerin es definitiv nicht gemacht …

Ich rolle mir das Klopapier um die Fingerspitze und greife nach dem spitz zulaufenden unteren Ende des durchsichtigen Plastikbeutels. Den habe ich in meiner Gleichung dummerweise vergessen. Dabei würde es die ganze Gleichung ohne den Beutel, der rechts neben meinem Bauchnabel klebt, gar nicht geben. Warum zur Hölle muss er durchsichtig sein? Als ob das Ganze nicht schon eklig genug wäre. Da brauche ich das algenartige, grüne Geschmiere nicht auch noch zu sehen. Und dann diese roten Schlieren – nicht hingucken, Freya, konzentrier dich lieber auf die Öffnung. Los, Augen nach unten. Ich reibe das schmale Ende des Beutels zwischen Daumen und Zeigefinger wie einen dieser schwarzen Müllbeutel, die man nie aufbekommt. Ob es wohl auch schwarze Stomabeutel gibt?

Irgendwie schaffe ich es, das Plastik auseinander zu fummeln, das Klopapier in die Öffnung zu stecken, damit den Rand abzuwischen und es dann in die Toilette zu werfen. Das Ganze wiederhole ich noch zwei Mal, um sicherzugehen, dass auch wirklich alles sauber ist. Ein bisschen stolz auf mich und meine Meisterleistung schiebe ich die Klemme wieder über die Beutelöffnung und lasse sie zuschnappen. Sitzt, passt, wackelt und hat Luft.

Gut gemacht, Freya! War doch gar nicht so schwer … Dann kann ich jetzt ja wieder aufstehen. Nein, Halt, ich muss doch noch pinkeln. Messbecher füllen. Abwischen. Als ich aufstehe, fühle ich mich leicht, befreit vom Gewicht meiner ganz persönlichen Wärmflasche, die ich auf dem Bauch mit mir herumgeschleppt habe. Einmal kurz mit dem Klopapier über die Klobrille, dann spülen. Hände waschen. Abtrocknen. Und schnell wieder ins Bett.

Die anderen auf dem Ball wissen ja gar nicht, was ihnen entgeht. Das hier ist die beste Nacht seit Langem. Seit … Na ja, zumindest seit ich mit Tatütata und Blaulicht ins Krankenhaus gebracht wurde, sie meinen Dickdarm rausgeschnitten und einen Beutel zum Kacken auf meinen Bauch geklebt haben.

Kapitel 3

Jetzt wisst ihr Bescheid. Warum Lockie mich eklig findet. Warum mich alle Shit Bag nennen. Und bestimmt fragt ihr euch, wie das passieren kann, dass man plötzlich so einen widerlichen, stinkenden Kackbeutel auf dem Bauch kleben hat.

Tja, die Geschichte geht ungefähr so: Ihr steckt mitten im Lernstress für die Prüfungen, die ihr für die Zulassung zur Oberstufe braucht, und es geht euch ziemlich dreckig. Aber ihr sagt euch: Fast geschafft, bald könnt ihr es so richtig krachen lassen. Das ganze Lernen, die schlaflosen Nächte, die Sorge, dass ihr es nicht schafft, der Stress, der euch fast den Magen umdreht – all das wird bald hinter euch liegen. Bald lasst ihr es euch mit den Mädels in der Villa von Morvens Familie gut gehen. Aber das ist noch nicht alles. Denn die Villa in Marbella ist nur das Aufwärmprogramm, quasi das Glow-up für einen epischen Sommer – freut euch schon mal auf Sonnenbrand in der Farbe von Schottischen Disteln. Denn danach kommt eine Woche Saisonvorbereitung in Portugal mit dem Hockeyteam und – haltet euch fest, jetzt kommt der allerbeste Teil, nur noch ein klein wenig Geduld, erst der Trommelwirbel, bitte … – dem Rugbyteam. Eine Woche Training und chillen mit den Rugby-Jungs an weißen Sandstränden in der wohligen Wärme der Algarve. Ihr hängt mit den supercoolen, supererfahrenen Mädels aus der Oberstufe ab. Feiert mit den Jungs. Ganz ohne Eltern. Das werden die Ferien aller Ferien. Die Ferien eures Lebens. Sie werden als der Sommer in die Geschichte eingehen. Der legendäre Sommer.

Doch dann kippt ihr plötzlich um. Nach der Französisch-Prüfung. Ihr wisst noch, dass euch übel war und ihr dachtet, ihr müsst euch übergeben, dann ein stechender Schmerz im Bauch, der euch in die Knie zwingt, und dann – nichts mehr. Es stellt sich heraus, dass ihr einen Darmdurchbruch hattet. Sie bringen euch ins Krankenhaus, gucken in euch rein und stellen fest, dass euer Dickdarm total zerfetzt ist, voller Geschwüre und durchlöchert. Sie sagen euch, dass ihr eine Colitis ulcerosa habt, holen euren kaputten Dickdarm an Ort und Stelle heraus und verpassen euch ein Stoma. Das bedeutet, dass sie das Ende eures übrig gebliebenen Verdauungskanals, den Dünndarm, an die Oberfläche eures Bauchs holen, es da festnähen, euch eine klebrige Halteplatte mit Ringverschluss – die Stomatherapeutin hat sie Flansch genannt, aber dieses Wort kommt mir garantiert nicht über die Lippen – um das Loch, beziehungsweise das Stoma legen und einen Beutel daran befestigen. Und so erledigt ihr von nun an euer Geschäft. Ihr kackt in einen Beutel. Der Traum eines jeden Mädchens.

Da bin ich also. Im Krankenhaus. Während sich die anderen auf dem Jahresabschlussball die Birne zuknallen und das Ende unserer Prüfungen feiern. Sorry, das Ende ihrer Prüfungen. Mir haben nämlich noch drei gefehlt … Keine Ahnung, wann ich die nachholen soll. Gerade weiß ich eigentlich gar nichts. Ich wünschte, Julie hätte die zwei Coladosen nicht mitgenommen …

 

Ich bin echt angepisst. So angepisst, dass ich am liebsten ein paar Dinge an die Wand schmeißen würde. Stinkwütend bin ich! Es ist drei Uhr morgens, ich liege in meinem Krankenhausbett und gucke mir die Fotos von heute Abend an. Lockie, Meathead und Shawsie im Pool auf der After-Party bei Morven. Das war unser Plan. Nach dem Ball zu ihr, feiern bis zum Umfallen, dann kurz vor Morgengrauen eine schön fettige Suff-Mahlzeit, um schließlich völlig erschöpft in unsere Schlafsäcke auf dem Wohnzimmerfußboden zu kriechen. Genau da sollte ich jetzt sein. Ich zoome mit Daumen und Zeigefinger ein Foto heran, auf dem Suriya lachend am Rand des Pools sitzt, in einem neuen weißen Bikini mit Goldelementen an den Seiten des Unterteils und jeweils oben an der Spitze des Dreiecks. Einen Moment lang starre ich auf ihren perfekten Bauch.

Ich hätte gedacht, dass Morven Lockie und Meathead nach der Shit-Bag-Sache wenigstens von der Party auslädt. Und wollte Suriya Lockie nicht die Meinung geigen …? Besonders schuldbewusst sieht er nicht gerade aus. Er steht halbnackt im Pool herum. Er hat weniger Muskeln. Das kenne ich. Wahrscheinlich war er die letzten paar Wochen so mit Feiern beschäftigt, dass er nicht zum Trainieren gekommen ist. Gut sieht er trotzdem aus. Seine Haut ist gebräunt und –

Arschloch! Er ist ein Arschloch. Ich kann immer noch nicht glauben, dass Shit Bag von ihm kommt. Wer tut so was? Welcher spinnenphobische, Fruit Shoot fressende, Lego Friends bauende Ex-Freund mit schiefen Hoden tut so was?

Lochlan Hamish Fingall Milling anscheinend.

Ich meine, selbst wenn er meine Scheiße durch den transparenten Beutel gesehen hat, als ich mit Morphin zugedröhnt auf der Intensivstation lag … So etwas macht man einfach nicht. Das war der ultimative Test. Und er ist durchgefallen. Jedem normalen Menschen wäre es egal, jeder normale Mensch würde seine Freundin so lieben wie sie ist. Und einen Scheiß auf perfekte Boobs oder durchtrainierte Oberkörper oder unvernarbte Bäuche geben.

Wenn ich so darüber nachdenke … Lockie Milling? Wer ist Lockie Milling? Noch nie von ihm gehört. Habe ich jemanden in meinem Handy, der so heißt? Nein. Oder in irgendwelchen Apps? Ups, die hier habe ich vergessen. Gelöscht. Nein, da auch nicht. Nein, ich habe eindeutig niemanden, NIRGENDWO, der so heißt. Zum Glück kenne ich keinen Typen mit dem Namen Lockie Milling. Ich sollte mich beim Universum dafür bedanken, dass ich ihn nicht kenne und deshalb auch keinen hotten, blonden Kerl namens Lockie Milling auf Meatheads oder Shawsies Bildern sehen kann, weil – Löschen. Löschen.Löschen.

Kapitel 4

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich jetzt Shit Bag heiße. Also nenn mich auch so.«

»Manchmal kannst du echt ein Ekelpaket sein«, murmelt Mum wütend und stellt jeweils eine Cola light vor Morven und mir ab.

Ist das ihr Ernst? Welche Mutter hält ihrer darmkranken Tochter eine Dose mit zuckersüßem, explodierendem Gas unter die Nase? Nach dem Cola-light-Blähungs-Fiasko im Krankenhaus vor einem Monat habe ich mich von kohlensäurehaltigen Getränken ferngehalten. Vor allem, weil es hier zu Hause keine Julie gibt, die mir helfen könnte, falls alles in die Luft fliegt. Ich schnauze meine Mutter an: »Das kann ich nicht trinken.«

Mum schnappt mir die Cola wieder weg und stellt sie so heftig auf der Kücheninsel ab, dass sie sie in eine Sprudel-Granate verwandelt. Dann lässt sie ihre Aggressionen an den Schranktüren aus und macht sie nacheinander auf, nur um sie wieder zuzuknallen.

Morven kaut auf der Spitze ihres Daumennagels herum. Mein Hickhack mit Mum muss ihr komisch vorkommen. Aber ihre Eltern sind ja auch normal. Okay, mein Dad eigentlich auch. Aber Mum definitiv nicht.

Sie knallt ein Glas Traubensaft vor mir auf den Tisch und stürmt aus dem Zimmer. Ein paar Sekunden später fällt die Hintertür ins Schloss. Ich betrachte das Glas vor mir und rümpfe die Nase. Dann fällt mein Blick auf die Cola-Dose auf der Kücheninsel. Wenn sie sowieso schon geschüttelt ist, könnte ich sie eigentlich auch öffnen – sie spritzt zwar garantiert über den Tresen und die Schranktüren, aber das hätte Mum verdient. Und bis ich die Cola in ein Glas gegossen habe und sie trinken kann, ist die ganze Kohlensäure verschwunden.

»Ich wünschte, du würdest mit nach Portugal kommen. Bist du ganz sicher, dass du nicht kannst?« Morven beißt sich auf die Unterlippe. »Ich finde, du siehst schon wieder mehr aus wie … du selbst.«

»Gestern beim Hausarzt hat mich ein alter Mann gefragt, ob ich ›diese Anorexie‹ habe.«

»Aber im Vergleich zur Krankenhaus-Freya siehst du wieder mehr aus wie früher. Und vielleicht tut dir die Sonne ja gut?«

Keine Sonne der Welt wird meinem Körper seine frühere Form zurückgeben. Ich bin schließlich keine Zimmerpflanze. »Hör auf, den Finger in die Wunde zu legen, Morv. Ich kann so kein Hockey spielen. Kapier’s endlich. Außerdem kann ich damit wohl schlecht einen Bikini tragen.« Ich zeige auf das Ding auf meinem Bauch.

»Du könntest schon …«, sagt Morven. »Erinnerst du dich an dieses Mädchen, das auch einen Beutel hat und ein Foto von sich im Bikini gepostet hat und –«

»Nein! Außerdem werde ich den Beutel eh nicht lange haben. In ein paar Monaten bin ich ihn wieder los.«

»In ein paar Monaten? Echt? Ich dachte, in diesem Gruppenchat hätten sie gesagt, es dauert länger, bis es geheilt ist.«

»Ja, normalerweise schon. Aber … bei mir geht es halt schneller.« Und wenn ich meinen Darm selbst wieder zusammennähen muss. Bei Youtube findet man bestimmt eine Anleitung …

»Wie schön, Frey!« Morven umarmt mich und ausnahmsweise trieft ihre Stimme mal nicht vor Mitleid.

Sicherheitshalber füge ich noch hinzu: »Und ich werde mir ein Tattoo stechen lassen, über den ganzen Bauch, damit man die Narbe nicht sieht. Dann kann ich beim nächsten Hockey-Camp wieder einen Bikini tragen.«

»Das wäre so cool! Ich hätte auch gern eins. Was lässt du dir stechen? Moment, muss man für ein Tattoo nicht achtzehn sein? Aber vielleicht ist es etwas anderes, wenn man es sich aus medizinischen Gründen stechen lässt.«

»Hey, du bist echt braun geworden«, sage ich schnell, um das Thema zu wechseln. »Sieht super aus.« Ich spiele mit dem silbernen Freundschaftsarmband an meinem Handgelenk, das Morven mir letztens zum Trost geschenkt hat, weil ich nicht mit nach Marbella kann. »Danke noch mal hierfür.«

»Gut, dass ich das Kleinere genommen habe … War Suriya schon hier?«

»Nee, die habe ich nicht gesehen, seit die Sommerferien angefangen haben. Aber sie hatte doch auch diese ganzen Familientreffen, oder?«

»Sie hat versprochen, dass sie dich vor Portugal besuchen kommt.« Morven schüttelt den Kopf.

»Mir hat sie gesagt, dass sie es vorher nicht mehr schafft. Ist schon okay. Wir facetimen einfach.«

Morven hat mir erzählt, dass Suriya Lockie auf dem Ball ganz schön zur Schnecke gemacht hat. Dass Lockie sogar geheult hat. Ich war ziemlich beeindruckt. Und froh, dass ich Suriya auf meiner Seite habe. Ich wüsste gern, was genau Lockie gesagt hat. Aber jedes Mal, wenn Suriya und ich telefonieren, wedelt sie nur wegwerfend mit der Hand und sagt: »Wer will schon über diesen Blödmann reden? Reine Zeitverschwendung.«

Unter uns gesagt: Ich. Ich will unbedingt über Lockie reden. Ich weiß, ich habe gesagt, dass er für mich gestorben ist, aber seit ich aus dem Krankenhaus gekommen bin – also seit gut drei Wochen –, habe ich irgendwie das Gefühl, dass sie vergessen haben, mir zu sagen, dass sie neben meinem Darm auch ein Stück meines Herzens rausgeschnitten haben.

»Hast du ihn gesehen?«, frage ich.

Morven presst die blassen Lippen aufeinander und nickt.

»Wann?«

»Ein paar Mal. Seine Eltern haben ein Grillen veranstaltet …«

WIEBITTE? Krass! Seine Eltern haben ein Grillen veranstaltet und uns nicht eingeladen? Ich habe Mum und Dad zwar gesagt, dass ich Lockie nie wiedersehen will und sie ihn auf keinen Fall reinlassen sollen, falls er hier auftaucht, aber wenn seine Eltern uns zum Grillen einladen, dann wäre es ja wohl total unhöflich und außerdem sozialer Selbstmord, abzulehnen. Das ist doch wohl offensichtlich, oder? Genau wie Lockie natürlich auf meiner Beerdigung eine Rede halten und allen erzählen dürfte, wie toll ich bin und dass er niemals eine andere so sehr lieben wird, wie er mich liebt. (Bitte Präsens beachten!)

Garantiert haben sie uns eingeladen – unsere Mütter sind verdammt noch mal beste Freundinnen – und Mum, die olle Kuh, muss so etwas geantwortet haben wie: Wir würden total gerne kommen, Ems, aber Freya will Lockie gerade nicht sehen. Warum zur Hölle kann sie nicht normal sein?

Morven sage ich davon natürlich nichts. Stattdessen rücke ich mein Armband zurecht und frage: »Geht es ihm gut?«

Sie legt den Kopf schief und zuckt mit den Schultern. »Er ist halt Lockie.«

Jep, das ist er.

Wir sprechen noch ein bisschen über Marbella und Portugal. In sechs Tagen geht es los. Morven hat noch nicht gepackt. Sie reist dauernd mit ihren Eltern durch die ganze Welt, also ist es für sie keine große Sache. Ich dagegen habe schon an Ostern eine Outfit-Liste angefangen. Gestern Abend habe ich sie in meinem Notizbuch gefunden. Daraufhin habe ich eine zeremonielle Verbrennung auf meiner Fensterbank abgehalten, während draußen die Vögel zwitscherten. Ein sehr schönes Ritual. Ich war kurz versucht, auch meine Hockeyschläger und die Tasche zu verbrennen, um das Ende meiner Sportkarriere zu markieren und meiner Wut ein Opfer zu bringen. Aber ich war zu müde, um den Weg nach unten in den Garten auf mich zu nehmen, also habe ich mich damit begnügt, meine Schläger aus dem Fenster in einen Busch zu schmeißen. Wahrscheinlich liegen sie da immer noch.

Morven zu sehen – und sie zu umarmen –, war auch schön. Mehr als schön. Superschön. Physischer Kontakt mit der Außenwelt. Mit der echten Welt. Ein Krümel Teenagerleben in meiner ausgestreckten und ausgemergelten Hand.

Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich Lockie fast gesehen hätte. Und dass Mum es sabotiert hat. Ich hätte mich in seine Bärenarme flüchten können und stattdessen war ich hier, ganz allein. Toll, das hat den verrückten Puppenspieler geweckt, der jetzt wieder an den Nerven in meinem Bauch rupft. Weniger schön.

Gerade als Morven sagt, dass sie jetzt langsam mal gehen muss, klingelt es an der Tür. Wir gehen zusammen aufmachen.

»Beverley«, sage ich, überrascht von dem unangekündigten Besuch meiner ambulanten Stomatherapeutin.

Ich habe Beverley noch nie nicht lächeln sehen. Dafür liebe und hasse ich sie gleichzeitig. »Ich war gerade in der Gegend und da habe ich mir gedacht; warum schaust du nicht kurz bei Freya vorbei und siehst, ob sie lernen möchte, ihren Stomabeutel zu wechseln.«

Okay, jetzt hasse ich sie. »Nein, danke. Es passt gerade nicht. Ich habe eine Freundin zu Besuch.« Musst du mich ausgerechnet jetzt schreiend und strampelnd an den Haaren zurück in meine neue Wirklichkeit aus Krankenhäusern, Operationen, Stomatherapeutinnen und dem ganzen Scheiß ziehen, Beverley?

»Oh, kein Problem, ich wollte sowieso gerade gehen.« Morven umarmt mich, bevor ich ihr einen flehenden Blick zuwerfen kann. »Ich schreib dir später. Bye!« Sie winkt Beverley fröhlich zu, schlüpft durch die Tür und aus meiner deprimierenden Realität.

»Wunderbar«, sagt Beverley und reibt sich die Hände. »Dann wollen wir mal.«

Kapitel 5

»Wie ist es gelaufen?«, fragt Mum Beverley vierzig Minuten später.

Beverley sieht mich fragend an.

»Super«, sage ich.

»Na ja«, sagt Beverley zögernd.

Verräterin. Ich wirble herum und schlittre auf meinen Socken über den Holzfußboden ins Wohnzimmer. Die Tür knalle ich hinter mir zu. Ich bleibe stehen und lausche, aber so leicht fallen sie bestimmt nicht darauf rein. Also schnappe ich mir die Fernbedienung und schalte den Fernseher an. Dann schleiche ich wieder zur Tür, um besser hören zu können, was sie sagen.

»Bitte sagen Sie mir, dass sie ihren Beutel dieses Mal selbst gewechselt hat.«

»Nein, leider nicht. Sie sagt, sie muss es nicht lernen, weil es ja nur vorübergehend ist.«

Mum keucht erschrocken auf. »Aber es dauert mindestens fünf Monate, bis sie ihn rückverlegen. So lange kann ich unmöglich …«

Ja, genau. Tu ruhig so, als wärst du hier das Opfer. Genau wie du es mit Dad immer machst.

»Ssschhhh. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe mir da was überlegt.« Beverley redet beruhigend auf Mum ein, während sie am Wohnzimmer vorbeigehen. »Wie wir Freya helfen und Sie ein bisschen entlasten können.«

Ich drücke das Ohr fester an die Tür.

»Ach ja?«, fragt Mum weinerlich. Die Stimmen bewegen sich auf die Küche zu. »Tut mir wirklich leid, dass ich so bin, aber ich falle jedes Mal fast in Ohnmacht, wenn ich es sehe.«

»Na ja, da geht es Freya wahrscheinlich nicht anders.«

Was? Nein! Ich falle nicht in Ohnmacht. Ich bin nicht wie meine Mum. Es ist nur … Wenn ihr es gesehen hättet, wüsstet ihr, was ich meine. Immerhin sind die Beutel, die ich jetzt habe, nicht mehr durchsichtig, sondern irgendwo zwischen beige und rosa. Deshalb kann ich das Stoma – das Stück Darm, das sie an die Oberfläche meines Bauchs geholt, umgestülpt und festgenäht haben – nicht mehr sehen.

Aber ich kriege den ersten Anblick von damals im Krankenhaus einfach nicht aus dem Kopf.

Am Anfang bekommt man durchsichtige Beutel, damit die Ärztinnen und Ärzte sehen können, wenn sich statt der »normalen«, grüne-Galle-farbenen Kacke Blut darin sammelt, wie der heiße Medizinstudent mit den großen Händen mir erklärt hat. Oder wenn der Darm sich verdreht, sodass kein Blut mehr am Stoma ankommt, es sich schwarz verfärbt und abfällt oder so ähnlich. Jep, Doktor Große Hände und ich hatten richtig romantische Gespräche. Total sexy.

Und natürlich haben sie mich nicht gewarnt. Vor dem Extra-Schock, meine ich. Sie haben mir einfach diesen durchsichtigen Beutel verpasst, und als ich allein im Zimmer war und ihn mir nichtsahnend angeschaut habe, habe ich es gesehen. Das Stoma. Die Öffnung. Wie eine Seeanemone ohne Tentakel. Rot. Fremdartig. Ein Körperteil, den niemand zu Gesicht bekommen sollte, mich eingeschlossen. Ein dreckiges Geheimnis.

Und genau da liegt mein Problem. Erst dachte ich, Lockie ghostet mich, weil er meine Kacke in dem Beutel gesehen hat. Aber was, wenn er auch das Stoma gesehen hat? Wie kann ich ihm dann jemals wieder in die Augen sehen? Wie können wir jemals wieder normal miteinander sein? Ich meine, er hat meinen Darm gesehen!

Mein Leben – das Leben, wie ich es kannte – ist vorbei.

Also warum sollte Mum nicht diejenige sein, die in das klaffende rote Loch starrt, wenn sie den Beutel wechselt? Wenn sie die klebrige Stomaplatte mit Reinigungsalkohol von meinem aufgeschlitzten und wieder zusammengetackerten Bauch löst und dabei jedes noch so kleine Haar mit rausreißt, sodass es an jeder einzelnen wunden Stelle zerrt und ziept. Warum sollte sie nicht tun, was auch immer man eben tun muss, bevor man den neuen, unbesudelten Beutel an der Platte befestigen kann, während ich all den Schmerz ganz allein ertrage und dabei die tote Fliege anstarre, die in dem Spinnennetz in einer Ecke des Badezimmers gefangen ist? Schließlich ist sie meine Mutter. Ich bin das Kind. Ich muss ja wohl nicht ganz allein damit fertigwerden.

Echt jetzt! Ich leere das Scheißding doch schon. Was wollen sie denn noch von mir?

 

Eine ganze Menge, wie sich herausstellt. Denn anstatt für den Rest der Sommerferien das Leben in Portugal zu genießen oder im Garten auf einem Liegestuhl zu chillen und mir in Winstons und Nibblets Gesellschaft nonstop Fernsehsendungen und Serien reinzuziehen, schicken meine verräterischen Eltern mich direkt in den neunten Kreis der Hölle. Besser bekannt als Poo-Camp. Vielen Dank auch, Beverley.

Folgendes Szenario: Ein Haufen fremder Menschen verbringt eine Woche in einem Camp an einem See in den schottischen Highlands. Klingt gar nicht so schlecht? Ach ja? Sicher? Na, Überraschung, denn mindestens ein Kind in jeder Familie hat ein Darmproblem. Laut Beverleys fragwürdigem Pitch wurde er ihnen entweder entfernt oder ist so kaputt, dass er bald entfernt werden muss, oder er wurde zerlegt und wieder zusammengenäht, oder sie haben einen Beutel so wie ich.