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Vergeblich ringt Rabbi Elisheva (Eli) – Rabbinerin der Synagoge – um Anerkennung für das Reformjudentum. Nicht nur bei den orthodoxen und streng religiösen Gemeinden, auch in den eigenen Reihen kann Eli es den Mitgliedern der Jüdischen Progressiven Gemeinde kaum recht machen. Der Gottesdienst verkommt zum Sammelbecken für selbstgefällige Konvertiten, Klagemauerfeministen, Kabbala-Yogis und frohlockende OrgelKlezmer. Vermehrt zieht sich Eli zurück in den geheimen Umkleideraum der Synagoge, wo sie bei Gesprächen mit Gott und einer Flasche Manischewitz gegen ihr drohendes Burnout ankämpft. Dann geschieht das Unvorstellbare: ein Selbstmordanschlag direkt vor der Synagoge. Als Attentäterin identifizieren die Ermittler eine israelische Transfrau. Rabbi Eli macht sich ihre eigenen Gedanken und entscheidet, selbst nach den Drahtziehern des Anschlags zu forschen.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Marianne Feder
Marianne Feder
Rabbi Elis erster Fall
© 2023 Edition Königstuhl
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden, insbesondere nicht als Nachdruck in Zeitschriften oder Zeitungen, im öffentlichen Vortrag, für Verfilmungen oder Dramatisierungen, als Übertragung durch Rundfunk oder Fernsehen oder in anderen elektronischen Formaten. Dies gilt auch für einzelne Bilder oder Textteile.
Illustration Umschlag: Stephan Schmitz
Satz: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Bern
Lektorat: Manu Gehriger
Druck und Einband: CPI books GmbH, Ulm
Verwendete Schriften: Adobe Garamond Pro, Mark
ISBN 978-3-907339-51-0
eISBN 978-3-907339-79-4
Printed in Germany
www.editionkoenigstuhl.com
© Foto: Margherita Crocco
Marianne Feder absolvierte ihren Master an der Hochschule der Künste ZHdK zum Thema Livehörspiel. Sie realisierte interkulturelle Projekte am Musikkonservatorium mit Unterstützung der Präsidialabteilug der Stadt Zürich und dem M-Kulturprozent und wurde dafür vom Gesundheits- und Umweltdepartement GUD ausgezeichnet. Sie arbeitet als Autorin und Musikerin in Zürich.
Schauplätze, Personen, Namen und die Handlung des Romans sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit realen Personen oder Begebenheiten ist rein zufällig
Diskriminierende, rassistische Äusserungen einzelner Charaktere in diesem Roman entsprechen nicht der Geisteshaltung der Autorin
In memory of Bea and Mitch Feder
Her own mother came to meet us at the station
Her dress as black as a crow in a coal mine
She cried when her little girl got off the train
Her brothers and her sisters came down from Jackson, Mississippi
In a great green Hudson driven by a Gentile they knew
Drinkin’ rye whiskey from a flask in the back seat
Tryin’ to do like the Gentiles do
Christ, they wanted to be Gentiles, too
Who wouldn’t down there, wouldn’t you
An American Christian, God damn
On the Dixie Flyer bound for New Orleans
Back to her friends and her family in the land of dreams
On the Dixie Flyer bound for New Orleans
Across the state of Texas to the land of dreams
Across the state of Texas to the land of dreams
Aus Dixie Flyer by Randy Newman
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
EPILOG
Danksagung
Glossar
Anfang Februar hielt ein Eurocity-Zug am Hauptbahnhof Zürich. Unter den Reisenden befand sich ein junger Mann, lange schwarze Haare, Bart, braune Augen. Er stieg aus und schritt in die Bahnhofshalle, in der linken Hand einen Koffer, in der rechten ein Smartphone.
Januk Mai, Beauftragter für die Sicherheit der jüdischen Reformgemeinde, beobachtete aus seinem Versteck hinter einem Imbissstand, wie der Reisende das Landesmuseum mithilfe der Anweisungen auf seinem Telefon ansteuerte. Mai liess seinen Kaffee stehen und folgte ihm.
Für die Teilnahme am Kurs hatte der Ankömmling mit besten Hebräisch Kenntnissen ein achtköpfiges Vorstandsgremium davon überzeugt, dass er am Ende des Seminars vor dem Rat in Genf seine Prüfung problemlos ablegen würde. Mai, sein Beschatter, hatte das Dossier im Darknet gelöscht und die Eckdaten verinnerlicht. Im Gegensatz zu den meisten männlichen Kursteilnehmern musste für den Kandidaten keine religiöse Beschneidung beantragt werden.
Der Mann trug am ganzen Körper Narben, die ihm nach eigenen Aussagen an einer jihadistischen Denkschule im Kalifat von sunnitischen IS-Extremisten zugefügt worden waren, weshalb er psychisch instabil war und an Traumafolgestörungen litt. Sein Gesicht war auf Erkennungsvideos nicht mehr eindeutig identifizierbar, denn sein früher von Unterernährung gezeichneter Körper hatte nach seiner Ankunft in Deutschland deutlich an Gewicht zugelegt, vielleicht die Folge einer medikamentösen Behandlung. Die Gewichtszunahme mochte auch der Grund sein, warum der Mann vergeblich versucht hatte, einen silbernen Fingerring an der rechten Hand abzustreifen, wie Mai auf Überwachungsaufnahmen gesehen hatte. Für das Ritualbad in der Communauté Juive Libérale in Biel musste jeglicher Schmuck abgelegt werden. Mai vermutete, dass er den Ring versteckt mit ins Bad nehmen würde.
Einheimische Schleuser hatten den Mann inzwischen zum Museum für Gestaltung eskortiert und steuerten ihn weiter zum Therapiezentrum an der Ausstellungsstrasse, wo reger Betrieb herrschte. Ohne den Eintrittsknopf zu betätigen, erhielt er Einlass in das Bienenhaus von Studierenden der Erwachsenenbildung. Am Montag würde ihn ein Fachlehrer als Austauschvolontär der pädagogischen Hochschule vorstellen – in einem Teamzimmer, wo Verköstigung auf Glaskeramikplatten, Nespresso aus Kapselmaschinen, Wasserkocher für Edelteesorten, ein prall gefüllter Kühlschrank, Handtaschen voller Bargeld, Laptops, Papier, Kopiergeräte und Telefonanschlüsse zu seiner Verfügung stehen würden. Die Infrastruktur eines gesamten griechischen Flüchtlingslagers kam mit weniger Luxus aus. Tagsüber würde sich der Mann hier ernähren, waschen, in der Turnhalle auf Matten ausruhen und sich über Wasser halten, bis sein Status als vorläufig Aufgenommener aufgegleist war. Über Wasser halten; die Kernkompetenz der Überlebenden Tausender gekenterter Boote auf dem Mittelmeer. Sein Nachtlager würde der Fussboden eines Materialkastens an der Ausstellungsstrasse sein, wo er seinen vernarbten Körper zur Ruhe legen konnte. Für einen Nichtschwimmer im Vergleich zum Levantinischen Becken mit einer Tiefe bis viertausend Meter ein Aufstieg.
Januk Mai überprüfte das Bild des Koffers auf dem Speicher seines Handys, bevor er seine Schritte zur Tramhaltestelle lenkte.
«Schabbat Schalom.»
«Shutupschalom.»
«Bitte?»
«Schabbat Schalom.»
«Nein, Nebbech, du sagtest shut up Schalom statt Schabbat Schalom.» Adina Schimmelzweigs Zeigefinger wackelte wie ein gefillter Fisch und zeigte auf Jossi Meir.
«Shush, a bissel Rue! Schabbat Schalom. Shut up Schalom würde ich nicht sagen, ich spreche kein Englisch.»
«Jetzt hast du es wieder gesagt.»
«Was?» Fragte Jossi Meir genervt.
«Shut up!»
«Was soll das?!» Ein weiterer Besucher in den hinteren Reihen mischte sich empört ein.
«Ich habe bloss darauf hingewiesen, dass er shut up gesagt hat, und das an einem Feiertag – und jetzt shut up, ich bin für den Gottesdienst hergekommen!»
«Jetzt hat sie es gesagt!»
«Was soll sie gesagt haben?» Der alte Hyman, der eine Reihe hinter ihnen Platz genommen hatte, schraubte mit zittrigen Händen an einem seiner zwei Hörgeräte.
«Er sagte shut up!», gab Schimmelzweig laut zurück.
«Are you stupid?» Das war Roberta vom Englisch Senioren Kurs.
«If I am stupid, I’m running for President.» Hymans Gerät funktionierte wieder tadellos.
«Shush Shalom, das nenne ich gelebtes Judentum.» Rabbi Eli, vertraut mit der Stimmung, wenn die Gemeinde in den Talmud-Modus schaltete und Fragende aktiv wurden mit Gegenfragen, sagte es stoisch und steuerte mit der Miene eines Logenbruders die Hintertür an.
Von der Vorratskammer in der anliegenden Küche führte eine weitere, unsichtbare Schiebetüre zur Kammer. Die Luft war rein. Der strenge Minzer, zuständig für Kiddusch und Catering, war vor ein paar Minuten seine Tupperware umarmend und mit der Lieblingsrauchware seines Idols Arnold Schwarzenegger, gross genug, um ihn noch im Mundwinkel festzuklemmen, beim Parkplatz neben der Gemeinde gesehen worden.
Das Versteck ging auf den Vorgänger eines Vorgängers zurück, der darin den Umkleideraum für das Purimfest eingerichtet hatte. Ein museales Spiegeltischchen, Schmattes und Geschmäus an rostgoldenen Kleiderstangen schmückten die fensterlose Garderobe, die seit Beginn ihrer Existenz ohne Tageslicht ausgekommen war. «It fell from a truck», hatte Elis Vater, möge er in Frieden ruhen, immer gesagt bei Geschenken, deren Preis er nicht verraten wollte.
Hier lagerte das Manuskript des ersten Gebetsbuches der Jüdisch Progressiven Gemeinde, Zeuge einer verflossenen Zeit, in der im Laufe der Jahre im Vierjahrestakt ein neuer Gemeindepräsident und drei Rabbiner ihr Amt innehatten. In der Gründerzeit waren es die Mitglieder selbst gewesen, welche die Gottesdienste geleitet hatten, weil kein liberaler Rebbe gefunden worden war. Das waren die besten aller Zeiten gewesen, sagten die Zeitzeugen. Es war die Geburtsstunde der ersten Zeremonie für Mädchen gewesen, die nun zur Bat-Mizwa Zugang hatten. Männer und Frauen lasen dank dieser couragierten Gründergeneration heute gleichberechtigt den Wochenabschnitt aus der Thora.
Für Rabbi Eli zählte allerdings vor allem, dass sich keiner mehr an die Besenkammer zurückbesinnen konnte. Die Attrappe gab beim leichtesten Druck nach. Kannte man die richtige Stelle hinter dem Kühlschrank, liess sie sich zur Seite schieben. Ein Spalt und man konnte ungesehen ein- und ausgehen. Die Gründer waren zwar noch lange nicht ausgestorben, aber zunehmend demenzielle Erkrankungen hatte vielen von ihnen die Erinnerungen an solche Schatzkammern weggewischt.
Jetzt folgte der Moment der wohlverdienten Prophylaxe, ein Zehn-Minuten-Nickerchen, denn die Anfangsgebete, der erste Teil des Schacharit, waren Gesänge, Gebete und Psalmen, die Elis späteren Auftritt einstimmten. Eli verglich sie mit dem Support Act am Rockkonzert – nicht so laut, aber sie dankten laut genug. Dankten dem Ewigen mit Musik und Singen für seine Liebe und Treue. Sagten ihm, wie glücklich er sie macht und wie beeindruckt sie sind von allem, was er geschaffen hat. Gerade stimmte die Gemeinde in den gemeinsamen Gesang ein. Das ging ohne Anwesenheit der geistlichen Obrigkeit. Im zweiten Teil des Gottesdienstes, im Aufruf zum Gebet, standen die Vorbeter und die Anwesenden auf und priesen den Allmächtigen abwechselnd für immer und ewig! Rabbi Eli wünschte, der heutige Power-Nap würde für immer und ewig dauern! Aber leider rief die Pflicht, die Schicht begann ja gerade erst.
Gemeindemitglied Jossi Meir hatte an der letzten Generalversammlung bissig bemerkt, dass bei Rabbi Eli nur am Schluss des Gottesdienstes auf die Zeit geschaut werde, dafür umso pünktlicher. Der Mann hatte recht, Abgrenzung war das Zauberwort. Deshalb wurde der Junge mit der Schalmei engagiert, um den Gottesdienst auszuweiten, ohne Zeit zu überziehen und ohne spirituelle Energie zu vergeuden. Zu den Lückenfüllern für das Intro und für die Pausen kamen sporadisch die Organistin Klothilde Salathé zum Zug und beim Schma war Eli wieder zuständig. Das mochte einigen nicht in den Kram passen, in einer Gemeinde, bei der die Mitgliederzahl kontinuierlich schrumpfte, sodass sie bald mehr Leute bei der Sicherheit auf der Strasse draussen zählten als in der Synagoge selbst. Ja, die Zukunft ist nicht mehr, was sie mal war. Aron, Vorsitzender der Friedhofkommission hatte schon lange darauf hingewiesen: «Der Friedhof wird eines Tages unsere einzige Startup-Firma und garantiert rentiert er noch morgen, a zissene Zeijt wird unser Friedhof noch rentieren.»
Eine Mechaje, noch ein Weilchen allein mit Gott im geschützten Raum pausieren und verhandeln zu dürfen. Ist es ein Burn-out?
Es hatte damit begonnen, dass der Auftritt vor der Gemeinde am Schabbes keine Freude mehr bereitete. Auch andere Anlässe, die hohen Feiertage, die Lerntage, die Ehrensymposien wirkten fad, verschwanden in einer Nebelsuppe. So, wie das Kaddisch das Schma von der Amida trennte, schien sich leise und unbemerkt eine Wand zwischen Eli und die Gemeindemitglieder geschoben zu haben – hauchdünn, subtil und verstörend.
Auch das Rauchen mit Gott brachte keine Entspannung mehr. Als aus dem Büstenhalter eines Purimkostüms zwei Kippas entstanden waren, selbst gebastelte Judenchäppli würden es die Goyim nennen, zwei für eins, für Zwillinge geeignet, hatte sich Rabbi Eli eingestanden, ganug is’ ganug.
Ein erstes Schlückchen Manischewitz, das dickflüssige kleine Helferchen, bekannt als the slowest pouring wine in the world, half dagegen am Samstagmorgen alleweil, um moralisch über die Runden zu kommen. Auch die Flasche stand seit der Gründerzeit hier. Lechajim, to live! To Eli! Jüdisch, liberal und ausgebrannt.
Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Luft in dem Augenblick, als Eli die Flasche jüdischen Weins entkorkte. Das absurde Zusammentreffen zwischen dem Knall und dem gezogenen Korken, erinnerte an den New Yorker Blackout in Rego Parks, als Schlemihl, das jüngste Mitglied der Familie, auf den toten Fernsehkasten geschlagen hatte und die Lichter in der City ausgegangen waren. Sie hatten gedacht, sie, die auserwählten Belzman-Geschwister hätten gerade die Jahrhundertfinsternis in der Millionenstadt verursacht.
Der Gesang des Gottesdienstes drang fröhlich weiter in die Küche, begleitet vom Röcheln der Schalmei. Taten die Besucher den durchdringenden Knall als Bubenstreich ab? Oder hatten die Schalmei und die Kinderrätschen den Knall im schallgedämpften Raum übertönt?
Eli schlug den Gebetsschal um den Hals, schob die Attrappe hinter sich zu und hastete durch die Halle, um ins Freie zu gelangen. Durch die Eingangsfenster konnte man sehen, wo die Wucht der Erschütterung Schaden hinterlassen hatte. Januk vom Sicherheitsdienst war heute allein und beugte sich über ein Bündel aus Körperteilen und Lumpen auf der Einfahrt im Aussenbereich, nicht weit vom Gemeindegebäude entfernt. Durch den akustischen Schock des Knalls ausgelöst, folgten noch kleine Erschütterungen nach.
Der Geruch von verbranntem Fleisch schien an Januk abzuprallen. Er richtete seinen durchtrainierten Körper auf und entfernte sich rückwärts, beide Hände schützend auf die Ohren gelegt, wie um einer Trommelfellverletzung durch weitere Detonationen vorzubeugen.
«Message an Notrufzentrale, ein oder mehrere Notruftaster von Geräten funktionieren nicht. Bitte überprüfen Rufzyklen an Sicherheitsbeauftragte. Alarmmitteilung. Wiederhole. Zusammenschalten Konferenz, Alarmmitteilung.»
Zu Eli gewandt befahl er mit der Stimme eines Oberbefehlshabers: «Geh in den Saal und mach auf Gottesdienst, Notfall-Lift einleiten, Gefahr wegen Gruppenpanik vermeiden. Keine Gaffer bitte, nach einem Arzt Ausschau halten und keinen ausser diesen zu mir rausschicken. Die Kinder haben mit den Rätschen gespielt im Saal, so haben sie nichts von dem Vorfall mitbekommen. Sondereinsatz unterwegs.»
«Hirlemann, Kaufmann sind die heute anwesend?»
«Nein, nur die Tierärztin, sie muss noch drinnen sein.»
Eli verschwand hinter der Tür und tauchte in den Singsang ein.
«Frau Doktor, ein Anruf für sie», raunte sie Maya Bollag ins Ohr.
«Braucht es wieder einen von der Ersatzbank», spottete Adina Schimmelzweig, als die Tierärztin an ihr vorbeihuschte.
«Ist meinem Januk etwas zugestossen?» Die weinerliche Stimme von Margie Miller ertönte hinter einer Säule. Eli musste sie nicht sehen, um die Sensoren für ungute Vorahnungen der typischen Überlebenden zu erkennen. Januk hätte ihr normalerweise bereits ein Taxi bestellt und der Fahrer sie bis vor die Haustür begleitet. Aber heute war nicht normalerweise.
«Bar’chu et Adonai ham’vorach.» Das war Jackie, langjähriges Mitglied, die für die erste Alia aufgerufen worden war.
«Baruch Adonai ham’vorach l’oam va-ed.» Gab die Gemeinde zurück.
Es folgten Lob und Danksagungen, bevor Eli nach vorne trat, wartend in den Gebetssaal blickte und das Ruder übernahm. Ein Mobiltelefon klingelte. Konnte so eine weitere Bombe gezündet werden?
«Falls der Anruf für mich ist, ich bin noch am Beten.»
Lachen, begleitet von Kurbeln und Knarren der Holzratschen und Kreischen der Kinder.
«Mosche sagt den Kindern Israel am Berg Sinai, dass der ewige Gott einzig ist, ein Wunder! Wir sollen ihn aus ganzem Herzen lieben», und falls heute die Thora ausgehoben wird, dann grenzt das an ein noch sehr viel grösseres Wunder. Lieber jetzt die Gemeinde um Entschuldigung bitten mit, ‘es habe draussen einen medizinischen Vorfall gegeben, man möchte heute ein Auge zudrücken und als eine Art Probealarm den Schabbes Lift und den Notausgang ausprobieren’.
«Schabbat Schalom.»
Raunen. Wer hatte alles den Aufruf zur Thora erhalten? Frau Minzer, Aron von der Friedhof Kommission, die Müller, der Schalmeien-Simon? Eli registrierte eine Handvoll Teilnehmende der Schulkommission und begann die Kinder zu zählen. Wie sollte man diesen erklären, was da draussen vorgefallen war? Ein Glück, dass der Saal nur zur Hälfte besetzt gewesen war, zwei unbekannte Durchreisende aus London; hatte Januk diese erfasst? Die Zusammenfassung des Textes für auswärtige Besucher in englischer Sprache lag noch unter der Bima. Einem bärtigen Besucher befahl Eli die Thora nicht auszuheben und sich an der Tür zu positionieren. Neben ihm stand Karl, noch ein Auswärtiger, welcher der Jews for Bethlehem Bewegung angehörte.
«Du bleibst hier, bis ich es dir anders sage! Lass niemanden raus, der Gottesdienst wird länger dauern.»
«Klar.»
«Wo ist der Präsident?»
«Im Urlaub, wir haben ihn und den Vorstand benachrichtigt, sie haben bereits durch die Presse vom Anschlag erfahren.»
Januk hetzte an ihr vorbei Richtung Ausgang. Presse? Wer könnte die Presse eingeweiht haben? Der Unfall war doch gerade erst geschehen. Ein vorbeifahrender Gaffer? Einer, der sich an einem freien Tag in einem der umliegenden Büros aufhielt?
Elis Erinnerungen an die Evakuierungspläne für den Aussenbereich waren verblasst, obwohl die Gemeinde vor dem Chanukka-Fest im Dezember noch geübt hatte. Mitglieder, die damals instruiert worden waren, während des Gottesdienstes ihre Handys auszuschalten, schauten bestimmt nicht immer ins Gebetsbuch, sondern checkten rege ihre E-Mails. Wenn nur ein einziger Gast Wind bekommen hatte, könnte die Nachricht an die Presse von der Gemeinde aus viral gegangen sein. Dabei müssten im Worst-Case-Szenario längst die Stadtpolizei und die Spezialeinheiten der Terrorbekämpfung auf der Matte stehen.
Januk rapportierte, es fahre ein Krankenwagen, gefolgt von weiteren Polizeiwagen ein. Bereits stand ein schützendes Zelt über dem toten Körper, an der Stelle, wo beim Laubhüttenfest im Herbst die Sukkot aufgebaut wurde, die provisorische Behausung mit denen die Juden an den Auszug aus Ägypten erinnern. Kameras klickten, Beamte wiesen eine Gruppe Schaulustiger weg.
Für den heutigen Tatort hatte Kommissar Künzli keine Zeit gefunden, sich vor einem Spiegel herzurichten. Es war das erste Mal, dass sich ihm eine Gelegenheit bot, seine Plan-B-Garderobe bei Tageslicht zu begutachten. Der Anblick war niederschmetternd. Er straffte sich. «Was machst du für eine Gattung Künzli! In diesem Tenue kannst du dich für einen Pflanzblätz im Schrebergarten bewerben.» Die innere Stimme gehörte der Frau, die ihm Ende Januar genommen worden war. Vom Knopf, den es weggejagt hatte, als er sich vor einer Stunde zu einem leblosen Körper hinuntergebückt hatte, waren noch ein paar zerrissene Fäden zurückgeblieben. Es war der allererste Knopf gewesen, den er für sich selbst angenäht hatte. Schade, dass er so spät entdeckt hatte, wie gut Handarbeit mit Selbstfürsorge zusammengeht. Fast meditativ hatte er den Vorgang dreimal wiederholt, da ihm zuerst entgangen war, dass Hosenknöpfe unterschiedliche Breiten und Höhen haben. Ausserdem nähte er die Hose beim ersten Versuch aus Versehen ans Tischtuch, beim zweiten Durchgang nähte er sie zu. Ein diplomierter Sondertrottel! Hätte er den Ersatzknopf geprüft und ihn vor der Operation zuerst durch das vorhandene Knopfloch geführt, hätte er eine Menge Zeit sparen können.
Sein Blick fiel jetzt auf den schneeweissen Bart! Sollte er ablenken vom Gesamteindruck? Auf Empfehlung des Kasernenfriseurs hatte er sich mit einem Bart vor Weihnachten eine optische Aufwertung erhofft. Sein Glück war, dass er für sein Alter einen starken Haarwuchs hatte – ebenfalls schneeweiss. Da ist vielleicht Schnee auf dem Dach, aber der Ofen ist noch heiss, ermutigte er sich. Im Gegensatz zu den geschniegelten Sicherheitsleuten und Türstehern im Untergeschoss legte ein Rabbiner bestimmt nicht viel Wert auf das Äussere, die Juden trugen auch Haar im Gesicht. Künzli kannte sie vom Sehen her. Zürich Wiedikon. Dresscode Polen Jahrhundertwende. Er zog ein Tablet hervor, in dem er Stichworte zu laufenden Fällen festhielt, die dann zu Verlaufsnotizen wurden, um in neuen Arbeitsaufträgen erfasst zu werden. Er tippte mit zwei Zeigefingern, da er das Zehnfingersystem nie erlernt hatte, obwohl die Lehrer einer Berufswahlschule versuchten, es ihm einzutrichtern – damals auf einer Schreibmaschine. Seine beiden Zeigefinger hüpften flink und lautlos über die Tastatur.
Viel lieber als mit den Zeigefingern hätte er mit Mittelfingern gearbeitet und beide tüchtig bei seinen Vorgesetzten, dem Stv. Felix Röschti und dem anderen Halunken Kommandant Bill in die Luft gestreckt. Die Arbeit stresste ihn. Im Stau stehen, ethnischen Minderheiten hinterherrennen, um nicht kompensierbare Überzeit anzuhäufen und obendrauf das verdammte Mitarbeitergespräch gestern. Bills scharfer Hund Röschti hatte von ihm verlangt, dass er sich einmal wöchentlich bei ihm mit einem Arbeitsprotokoll meldet, seit er die neuen Räumlichkeiten im Keller, in denen sie ohne Tageslicht auskommen mussten, beanstandet hatte. Sein letztes Mitarbeitergespräch vor der Pensionierung, hoffte Künzli. Wegen interner Evaluationen waren sämtliche Abteilungen von der Beurteilung sehr gut auf gut, oder von gut auf genügend herabgestuft worden, lohnwirksam, versteht sich. Im Glanzprospekt durften sie dann den Kopf herhalten. ‘Routiniert, professionell, kompetent’, hiess es auf der Website, auf der in Videoclips die Stadtpolizei in einzelnen Porträts vorgestellt wurde, für die sich keiner freiwillig meldete. Künzli riskierte noch einen Blick in den Spiegel. Routiniert, professionell, korpulent.
Seine Augen wanderten über ein Bücherregal. Israeli and Palestinian Identities in Dialogue, the School for Peace Approach. Neben einem Gebetsbuch stand ein Ordner von Hand beschriftet mit Kinder Haggadah. Kinder gingen hier offensichtlich auch ein und aus, nicht nur Tierärzte oder Sicherheitsdienste. Künzli schaute auf seine Armbanduhr. Der Rabbiner das Phantom. Ein Beauftragter für Sicherheitsvorkehrungen namens Mai hatte angeboten, eine Mitarbeiterin raufzuschicken mit Kaffee und Wasser, aber er hatte abgelehnt. Er stellte sich an das einzige Fenster im Raum und blickte an die Fassade des gegenüberliegenden Hauses. Im Hof packte der Notfallarzt seinen Koffer. Wegen der Absperrungen war es glücklicherweise sehr ruhig im Viertel, was auch dem schlechten Wetter zu danken war.
Künzli fragte sich, wie die Juden ein Gebäude mitten in einem Wohnquartier effizient schützen wollten. Die Stadtpolizei hatte lange gewarnt, dass die Frage nicht sei, ob ein Terroranschlag geschieht, sondern wann. Er hatte vor seiner Beförderung beim Ermittlungsdienst haufenweise Notfallpläne gelesen für den Umgang mit einem Amoklauf, hatte Fachleute besucht, die für Care-Teams geschult wurden. Lehrpersonen waren instruiert worden, in Kürze Erste-Hilfe-Poster an die Fenster der Obergeschosse zu kleben, Kinder durch Notausgänge zu schleusen, sich in Schränken einzuschliessen und sich mit hochgezogenen Beinen auf Toiletten zu setzen. Im Vorfeld der Übungen des nationalen Sicherheitsverbundes hatten die Verantwortlichen des Bundes gewarnt, in der Schweiz würden in einer Ausnahmesituation tausende Polizisten fehlen. Kommandanten hatten Künzli um Unterstützung gebeten, für das Schreiben an zuständige Politiker, die den Unterbestand aufzeigen sollten. Schon unter normalen Umständen sei die Polizei belastet, stand im Papier – gerade bei Ermittlungen und für die präventive Gefahrenabwehr im Kampf gegen den Terrorismus. In einer ausserordentlichen Lage wirke sich dieser Engpass erheblich aus. Und dies war eine ausserordentliche Lage, soviel konnte Künzli beurteilen.
Bis vor Kurzem hätte er hinter einem Aufruf wie heute Morgen eine simulierte Übung vermutet, deren Ziel es jeweils war, Strukturen, Organisation und Abläufe zu überprüfen. Die Öffentlichkeit hätte kaum etwas mitbekommen, hätte nicht ein anonymer Spinner ein Bild an die Presse geschickt. Künzli! Der zerstörte Körper da unten ist nicht simuliert, mahnte er sich.
Er war von den kriminaltechnischen und rechtsmedizinischen Spezialisten bereits untersucht worden. Mit modernsten Hilfsmitteln hatten sie kleinste Spuren sichtbar gemacht, um sie so schnell wie möglich auszuwerten.
Er kannte den Ablauf: Fingerabdrücke wurden, wenn möglich genommen und nach Beweisstücken gesucht, um diese im Tatortbericht festzuhalten. Haare, Kleidung, Position, Blut eines anderen Menschen, Spuren eines Kampfes, was hier unwahrscheinlich war. Die Überreste wurden bereitgemacht und vorsichtig in die Gerichtsmedizin abtransportiert, wo man die Suche nach der Identität einleitete. Künzli benötigte Anweisungen, wie viel an Erkenntnis an Radio und Fernsehen weitergegeben werden durfte.
Eine Truppe in schwarzer Kampfmontur stand Spalier an der Hauswand neben dem Eingang. Er entdeckte Kevin, einen aufstrebenden Distrikt Kommandanten aus Zürich, der vor kurzem ins Departement gewechselt hatte und dem der Ruf vorauseilte, stets an der Grenze zur Legalität zu ermitteln. Eine Kolonne – Roboter hinter Sturmhauben – tauchte unvermittelt beim gegenüberliegenden Hauseingang auf. Ihrer Körpersprache nach zu urteilen, waren sie bereit, Entwarnung zu geben. Krankenwagen erhielten grünes Licht, sich zurückzuziehen, fuhren schleichend an ihnen vorbei, gefolgt von der Feuerwehr. Polizisten und Rettungssanitäter in gelben Westen bildeten nun die Abschrankung am Eingang der Metzggasse, wo die Wagen quergestellt gewesen waren.
Nach Künzlis Einschätzung waren nur die unteren Fensterbereiche mit Panzerglas ausgestattet. Von den gegenüberliegenden Haustreppenfenstern könnte jeder Milchbubi eine Handgranate in die Synagoge werfen, oder hatten private Securitas in umliegenden Häusern Wohnungen observiert und Leute eingeschleust für einen gewöhnlichen Gottesdienst? Logisch, die Juden brauchten Geld vom Staat. Er nahm sich vor, später eine Runde um den Block zu drehen und setzte sich neben den Bürokorpus, wo er sein Tablet an den Strom anschloss. Er entdeckte eine E-Mail von Staatsanwalt Christoph Lampert, die dringend darauf wartete, geöffnet zu werden.
Kantonspolizei, Nachrichtendienst, Bundeskriminalpolizei bilden Einsatzstab – Name der Fachgruppe wird der Presse bekannt gegeben – keine gesicherten Informationen über Täterschaft. Videos, die Hinweg des Attentäters festhalten, werden ausgewertet – zum aktuellen Zeitpunkt unklar, ob Verbindung zu Netzwerk oder Zelle – Pressekonferenz ab 14 Uhr – Röntgen sie den Rabbiner, bis später CL.
Bevor der Kommissar sein Zeigefingertraining weiterführen konnte, sprang die Türe auf.
«Ich wurde aufgehalten, musste mich kurz umziehen, Entschuldigung.» Die Dame mit dem Kaffee, vermutete er.
«Ich möchte keinen Kaffee», sagte er, als er eine ausgestreckte Hand erblickte.
«Ich auch nicht», antwortete die Frau.
Künzli blickte sie an: «Rabbi Eli?»
«Kommissar Künzli?»
Künzli stand auf in der Erwartung, dass die Rabbinerin die Hand aus der Tasche nehmen und ihm noch einmal anbieten würde. Ihre Hand griff aber an ihm vorbei in die Korpusschublade und entnahm ihr eine Tüte Samson-Tabak. Sie zog ein kleines Papier hervor und versuchte, den feuchten Tabak regelmässig darauf zu verteilen, indem sie ihn auseinanderzupfte. Dann rollte sie das Papier zu einer Zigarette und befeuchtete es mit der Zunge, damit es zusammenklebte. «Sie wollten mir also einige Fragen stellen?» Sie setzte sich, und steckte die Selbstgedrehte hinter ihr rechtes Ohr.
Künzli schätzte sie um die fünfzig. Bei jeder anderen Frau in diesem Alter hätte man von einem verwelkten Gesicht gesprochen. Die Rabbinerin versprühte einen charismatischen Charme, was für Kommissar Künzli nicht unter einen Hut zu bringen war mit seiner Vorstellung von Rabbinat und Judentum. Man hatte ihm befohlen, einen Rabbiner in die Zange zu nehmen, nicht Hannelore Elsner. Wie in der Serie Die Kommissarin, von der Künzli in den Achtzigerjahren nicht eine einzige ausgelassen hatte, trug sie eine dominante, schwarze Lederjacke. Künzli traute sich kaum, etwas anderes als ihr Gesicht anzuschauen. Weiter unten war ein Stern an einer Silberkette zu sehen, ein T-Shirt ohne Ausschnitt, auf dem ein Nike-Logo aufgedruckt war. Statt Nike stand in grossen Lettern DYKE. Als ob es sich um ein Minenfeld handelte, wandte Künzli seine Augen davon ab und tippte in sein Google-Feld «Rabbinerin». Sofort spuckte der Sucher den Namen Belzman Elisheba, Female Rabbi aus. Hatte sie die Suchmaschinerie bezahlt, dass ihr Name nur schon bei der Eingabe der weiblichen Form erschien? ‘Rabbinerin’.
Die Bilder, die im Netz auftauchten, erinnerten ihn an Einsätze vor besetzten Liegenschaften, bei denen in die Jahre gekommene Punks ihn und seine Teams angerempelt, und ernsthaft bedroht hatten. Künzli hatte die Hoffnung aufgegeben, dass die Tenues der Besetzerszene eines Tages aus der Mode kommen würden, Rabbi Eli demonstrierte es soeben. Die Beine der Rabbinerin steckten in Stiefeln und waren sorgfältig übereinandergeschlagen. Sie hatte hinter einem Stiefelreissverschluss aus der Socke eine Fernbedienung hervorgeholt und in einer Schublade versorgt. Farblich war die Jacke mit dem Schuhwerk perfekt abgestimmt. Aber brauchte es Kampfstiefel, um vor eine Schar Gläubige zu treten? Oder hatte sie sich für den Feierabend hergerichtet? Das Haar trug sie schulterlang in der Art einer New Yorker Underground-Ikone. Mit den markanten Knochenwangen und den dunklen Augen haftete ihr etwas Nihilistisches an. Auf beiden Seiten ihres wohlgeformten Mundes glühten hektische Flecken. Ein Hinweis auf innere Unruhe.
Google machte zum Suchwort Rabbinerin weitere Vorschläge: Frau des Rabbis und Rebbetzin. Er konnte nicht erklären, warum er es bei dieser Befragung lieber mit einer Freiwilligen zu tun gehabt hätte – oder mit der Frau eines Rabbiners. Einem Rabbiner war es seines Wissens erlaubt, eine Frau zu heiraten, im Gegensatz zu Priestern. Das bedeutete, dass die Rabbinerin einen Mann zu Hause sitzen hatte, der nicht Rabbiner, sondern einfach Mann war, Ehegatte von Rabbinerin, einer, der einer anderen Tätigkeit nachging.
Künzli suchte nach Neuigkeiten den Anschlag betreffend und fütterte gleichzeitig seine Suchmaschine, um in keinen Fettnapf zu treten. Dykes.
«Soll ich englisch reden?», er vermutete einen amerikanischen Akzent.
«Ich bin Schweizerin, seit dreissig Jahren, Mundart ist ok, auch Hochdeutsch, wenn Ihnen das lieber ist.»
«Bis auf einige seltene Ausnahmen haben ja Frauen nicht immer als Rabbiner gedient.» Künzli schaute auf seine Recherchen. Dykes on Bikes, Gruppe feministischer Easy Rider.
«Ich könnte Ihnen einige Beispiele nennen, Sally Priesand etwa, die das reformierte Judentum vertritt, wurde in den siebziger Jahren am Hebrew College ordiniert.» Sie zeigte auf eine Bildgalerie hinter sich und zählte die Namen einer Reihe Frauen auf, unter ihnen eine, die von den Nazis deportiert und ermordet worden war, eine weitere französische Rabbi namens Floriane Chinsky.
«Chinsky ordinierte 2005 in Belgien mit Tefillin und Tallit.»
Künzli nickte. Tefillin und Tallit. Er dachte an eine zähflüssige Substanz, zweier Klebstoffe. Ein Instant-Leim für den Notfall, der kurz vor der Anwendung zu zwei gleichen Teilen miteinander vermengt werden muss. Tefillin und Tallit und Dykes on Bikes.
«Durch die Emanzipationsbewegungen ordinierte das Hebrew Union College erstmals Frauen. Heutzutage gibt es weibliche Rabbiner in allen Zweigen des progressiven Judentums, während im orthodoxen Judentum Frauen nicht Rabbiner werden können. Die orthodoxe, jüdische Tradition besagt, dass das Rabbinat ein Privileg der Männer ist. Das war der Grund für die Gründung unserer progressiven Gemeinde. In den letzten Jahren hat es auch dem orthodoxen Rabbinat gedämmert. Es begann, bei jüdischen Dachorganisationen und Gemeindebeauftragten Aufgaben für Frauen als halachische Gerichtsberater zu entwickeln.»
Halachisch, das wollte Künzli auf später verschieben. Halachisch, Tefillin, Tallit, Dykes on Bikes in dieser Reihenfolge, er fügte es im Dokument ein. Er blickte wie ein Prüfungskandidat, bemüht, mit Bestnote abzuschliessen, von seinen Recherchen auf.
«In den 1980er Jahren hat sich unsere Reformgemeinde aus diesen diskriminierenden Gründen losgesagt von der Jüdisch Orthodoxen Gemeinde und die Progressive Gemeinde gegründet. Bei den Orthodoxen wäre es unmöglich für eine Frau als Rabbi zu amten und wir haben bis heute ein ambivalentes Verhältnis mit einigen Gemeinden. Sie sehen uns als Abtrünnige, und wir sehen sie als altmodische Bremsklötze, gefangen in einer Tradition mit verkrusteten, diskriminierenden Regeln. Sie ignorieren uns und verhindern, dass wir anerkannt werden bei der Dachorganisation.»
Künzli notierte Verdachtsmoment ‘ambivalentes Verhältnis’ Orthodoxie.
«Und darum ist es bei Ihnen normal, dass eine Frau wie Sie also, dass …»
«… eine wie ich den Gottesdienst leitet?», half Eli. «Ja, ganz normal.»
«Ich bin reformiert aufgewachsen, von daher verstehe ich das.»
«Na also, da tragen Frauen sicher nicht nur Kaffeetassen hinter dem Pfarrer her.»
«Nein, Sie haben recht.» Er korrigierte rabiat zu Rabbinat.
«Wo waren Sie, als der Anschlag passierte?»
«Herr Kommissar, ich habe in New York genügend Anschläge überlebt, ‘you can take the boy out of the city …’»
« … but you can’t take the city out of the boy», überraschte sie Künzli, indem er den Satz beendete.
«Ich dachte, es habe jemand eine 1.-August-Rakete in die Luft gelassen, wenn auch verfrüht, morgen solls ja wieder schneien.»
«Wo genau haben Sie sich denn während dieser Zeit aufgehalten?»
«In der Küche. Ich habe gehört, dass Sie unsere Gemeindemitglieder noch nicht vernehmen konnten, weil wir den Notausgang genutzt haben. Am besten zeige ich Ihnen unseren Geheimlift. Wir haben die Leute in kleinen Gruppen unterirdisch zu einem anderen Ausgang geleitet.»
Während sie durch das Treppenhaus stiegen, reichte Eli ihm die Besucherliste, die Januk zusammengestellt hatte. Das Foyer und der Gebetsraum, den Künzli bereits kannte, waren menschenleer. Im Hintergrund schloss sich eine Tür. Unter einem Geheimlift, der laut Aussagen der Kollegen, einen gesamten Gebetssaal in die Versenkung befördern konnte, stellte sich Künzli den Warenlift eines Möbelhauses vor, eine Art mobile Hebebühne hatte der Sicherheitsmann es genannt.
«Der Lift geht auf Vorgänger der Sicherheitsdienste zurück, deren Idee es gewesen war, bedrohte Personen verschwinden lassen zu können, ohne dass ein potenzieller Angreifer es bemerkt.»
Künzli brannte darauf, die Konstruktion zu sehen. Eli schritt durch den Gebetssaal zum Thoraschrein in der Ostwand und holte eine Fernsteuerung hervor, wie jene, die sie aus ihrem Stiefel gezogen hatte. «Gehören die zum Gottesdienst?», fragte Künzli.
«Ja, Thorarollen, ausser diese hier, die Megilla-Rolle, weil wir Purim feiern. Die Geschichte von Esther ist hier aufgeschrieben. Sie hat nur einen Griff, sehen Sie? Im Gegensatz zur Tora ist sie kleiner, oft in einer kostbaren Schmuckhülle aufbewahrt.» Sie wandte sich der Steuerung zu, während sie weiter erklärte. «Die Rolle stammt aus dem Elsass und wurde um 1870 angefertigt.»
«Und sie ist besonders gut geeignet für das Versteck einer Fernsteuerung.»
«Ja.» Eli drückte einen Knopf. Brummen kündete das Mirakel an. Der Boden mit der gesamten Bestuhlung bewegte sich vor den Augen des Kommissars in Zeitlupe abwärts ins Untergeschoss.
«Wir wussten nicht, ob weitere Explosionen folgen würden. Kommen Sie!», befahl sie und sprang auf das fahrende Parkett. Künzli landete mit einem Satz diagonal gegenüber der Rabbinerin. Reflexartig hielt er sich an zwei Stuhllehnen fest, da das Plateau vibrierte, wie die leise Erschütterung bei einem Erdbeben.
«Beim Alarm springen die Leute nicht wie wir jetzt. Sie bleiben auf den Stühlen sitzen», erklärte Eli an der Fernbedienung hantierend, als steuere sie das Raumschiff Enterprise. Künzli beobachtete nervös, wie sich an der Decke über ihren Köpfen zwei massive Stahlplatten zusammenschoben. Der Lift kam kurz ins Stocken, fuhr dann wieder an, bevor er ruckartig stehen blieb. Der Raum hatte sich unter der geschlossenen Decke halb verdunkelt.
Nie wieder – stand in Neon-Buchstaben an die Deckenplatten gesprayt. Der moderige Geruch eines Kartoffelkellers wurde abgelöst durch Öl- und Metallgestank, als sie ausstiegen.
«Schindlers Lift.» Eli zwinkerte mit einem Auge.
«Feuerpolizeilich abgesichert?»
«Da könnte unser Präsident besser Auskunft geben.» Sie verstaute die Fernsteuerung wieder in einem Stiefel.
«Ist Ihre Gemeinde Gebäudeeigentümer? Dann müsste ein Pflichtenheft zur Brandsicherheit vorliegen, eine Gebäudeversicherung.»
«Auch eine Frage fürs Präsidium», antwortete sie.
«Da bräuchte es doch periodische Kontrollen durch Brandschutzexperten und Experten der Unfallversicherung.»
«Nein, nicht unbedingt, wir brauchen den Notfallplan ja nicht, ausser heute.»
«So ein Lift würde heutzutage schon in der Bewilligungsphase abgelehnt.»
«Ach ja?»
«Ja, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass falsche Entscheide beim Neubau eines solchen Objektes zu hohe Folgekosten nach sich ziehen, verstehen Sie? Hier lagen ursprünglich Zivilschutzräume, nicht?»
Sie gelangten in einen tunnelförmigen Durchgang, der zu eng war, um ihn nebeneinander zu begehen. «Ich muss es annehmen.»
«Ich muss es auch annehmen.» Künzli spähte in eine Nische, ohne zu erkennen, ob es sich um eine Abzweigung oder einen Luftschutzraum handelte.
«Es handelte sich vermutlich hier um Schutzräume, die anderweitig genutzt wurden, falls sie auf Anordnung des Bundes betriebsbereit gemacht werden durften.»
«Der Lift ist amortisiert und ich bin Rabbi und habe genug Gesetzauflagen, Gebote, Verbote, mehrere Hundert sind das im Judentum, Herr Künzli.»
Im engen Tunnel wurde es dunkler und die Rabbinerin holte eine Taschenlampe hervor, um weiter in Richtung des Ausgangs vorzudringen, wie Künzli vermutete.
Vor mehr als vierzig Jahren hatte die Brut realisiert, was Experten für unmöglich gehalten hätten. Eine halbe Etage liess sich in den Keller versenken, genial oder geisteskrank und wahrscheinlich war nur eine kleine Minderheit dieser Juden, in ihrer Minderheit selbst eine kleine Minderheit, darüber eingeweiht. Kein Wunder die umwehten Verschwörungstheorien.
«Wir wollen nicht, dass die Öffentlichkeit von dieser Sicherheitsvorrichtung erfährt.» Elis Satz verhallte dumpf, begleitet von rieselnden Wassergeräuschen und der moderig feuchten Luft einer Tropfsteinhöhle. «Wie ein Schmugglertunnel, oder?» Als sei sie zum Scherzen aufgelegt, hätte noch nie etwas von Flutgefahr gehört und würde hier bevorzugt ihren täglichen Verdauungsspaziergang machen, führte sie ihn durch eine Verengung ohne Betonverputz. «Als hätten wir den Ausbruch aus einem Hochsicherheitstrakt geplant! Die Gottesdienstbesucher lieben es; schauen Sie hier, Abdrücke eines Stöckelschuhs.» Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden. Künzli sah misstrauisch auf frische Spuren in der lehmigen Substanz. Ein Metalltor wurde aufgeschlossen und sie befanden sich in einem Gang mit Luftschutzräumen, an deren Ende das Treppenhaus eines freundlichen Wohnhauseingangs wartete. Er war verstellt mit Velos und einem Kinderwagen.
«Könnte jemand von aussen von hier in das Zentrum gelangen?»
«Hier kommt nur rein, wer den Schlüssel hat und das richtige Tor kennt.»
«Jesses nein, das richtige Tor! Überlegen Sie mal, den Notausgang müssten nach meiner Einschätzung allein heute bis zu fünfzig Personen kennen.»
«Ja, wir haben bei einem Fehlalarm einmal die Kulturtage hier durchgeschleust, das sind eine Menge Leute, die nicht zum Gottesdienst kommen. Es hat aber nie Probleme gegeben. Bisher hat noch kein einziger ohne Erlaubnis den Tunnel betreten. Wie wollen Sie zurück? Tageslicht oder unterirdisch?»
«Wo sind wir?»
«Neumarkt.»
Künzli wollte unterirdisch. Er beobachtete, wie Eli die Zigarette, mit der sie noch gespielt hatte, wieder hinter ihr Ohr steckte. Er zeigte auf eine Warntafel, bevor Eli die Türe, die zurückführt, öffnete. Privat. Zutritt verboten. Vorsicht Hochspannung Lebensgefahr!
«Soll das Einbrecher abschrecken?»
«Ja natürlich, stellen Sie sich vor! Hier unten stehen wir nicht unter Lebensgefahr! Die Lebensgefahr geht von woanders aus. Ich kann noch immer nicht fassen, dass sich bei uns jemand in die Luft gesprengt hat.» Sie hielt kurz inne und fuhr fort:
«Ich hatte bei der Eröffnung des Toni-Areals –, eine Hochschule mit Tausenden von Studenten – das Vergnügen, bei den Sicherheitsvorkehrungen im Falle eines Amoklaufs zuzusehen. Da wird der Öffentlichkeit tatsächlich am Tag der offenen Tür erklärt, wo sich die Opfer verstecken sollen, welche Vorhänge und Gänge den Menschen Schutz gewähren bei einem Anschlag. Eine Einladung für jeden Amokläufer! Grenzt an ein Wunder, dass sie die Führung nicht gleich für Terroristen anbieten.»
«Ich kenne den Betrieb dort», erwiderte Künzli. Er knöpfte sich fröstelnd sein Jackett zu.
«Unsere Sicherheit wird bald umgebaut. Die Zusammenarbeit mit sämtlichen religiösen Minderheiten wird dann auch unterstützt von Experten im Ausland, nicht nur finanziell. Das wissen Sie selbst von ihrem Departement. Wir warten nur noch auf grünes Licht bei der Umstrukturierung der Sicherheitsauflagen.»
«Machen Sie auch Führungen in Ihrer Gemeinde?» Künzli versuchte eine Spinnwebe loszuwerden, die sich in seinem Bart verfangen hatte.
«Ja, wir laden auch Gruppen ein, Schulklassen, interkulturelle Gruppen, muslimische und christliche Organisationen, aber wir zeigen ihnen doch nicht unsere Sicherheitsvorkehrungen. Den Lift kennt nur eine eingeweihte Minderheit, die regelmässig dem Gottesdienst beiwohnt. Heute waren es etwas mehr Besucher, wegen Purim. Eine Art Fasnacht bei den Gojim, Christen meine ich. An Purim feiern wir Juden die Errettung des jüdischen Volkes aus der persischen Diaspora. In den Synagogen wird dazu ein fröhlicher Gottesdienst abgehalten, in dem Kinder mit Rasseln und Ratschen möglichst viel Lärm machen dürfen. Dadurch, und weil der Gebetsraum isoliert ist, wurde die Explosion wahrscheinlich überhört.»
Das Licht der Taschenlampe flackerte, während sie weiter gingen.
«Wir sind gleich wieder beim Lift. In den Anfängen wurden meines Wissens Neumitglieder mit dem Notausgang vertraut gemacht, sogar instruiert. Die Basis war mehr involviert. Viele engagierten sich freiwillig und es war ihnen eingefleischt worden, dass diese Sicherheitsvorkehrung die Öffentlichkeit nichts angeht. Es gab trotzdem dutzende Besucher, die den Lift nicht kannten. Ein Risiko stellten Austritte enttäuschter Mitglieder dar, hätten sie geplappert, grossartiges Thema für die Boulevardpresse. Grundsätzlich ging man davon aus, dass ein Notfall ohnehin nicht eintreten würde. Wer hätte das gedacht?»
«Im Grunde genommen sind Ihre Leute heute aber in erster Linie vor der Polizei davongerannt, der Lift konnte den Anschlag nicht vereiteln», stichelte Künzli.
«Und was, wenn die Bombe zu früh losgegangen ist? Was, wenn die Sicherheit ein Eindringen der Person nicht hätte verhindern können? Also auf Übungsszenarien verzichtete man ohnehin weitgehend, seit die Erneuerungen angekündigt wurden, Unterstützungen vom Bund. Wie ich sagte, alles wird reorganisiert werden.»
Angekommen am Ausgangspunkt, platzierten sich die beiden wieder diagonal auf der Plattform, als gälte es, das Gewicht auszugleichen. Eli hebelte den Lift zurück in den Gebetssaal. Unterwegs geriet er, etwas später als beim Herunterfahren, ins Stocken, und es dauerte ein paar Sekunden, dann fuhr er wieder an.
«Es hat nichts zu bedeuten, ich trainiere regelmässig. Also, so alle drei Jahre machen wir eine Übung zu zweit. Januk will mit dem Segen des Vorstands und des Präsidiums schon lange in den Aussenbereich investieren.»
Die Platten öffneten sich.
«Die Altstadt versenken?»
«Dieser Anschlag wird ihm recht geben.»
«Sie werden verstehen, dass wir den Lift bei der Feuerpolizei melden müssen. Überprüft jemand der Gemeinde die Finanzen dieser Liftvorrichtung?»
«Jeder Verein hat seinen Prüfungsausschuss.»
«Geschäftsprüfungs- und Rechnungskommission?», half ihr Künzli nach.
«Die Mitgliederzahl unserer Gemeinde war bei der Umsetzung des Notliftes so übersichtlich wie eine Bibelgruppe.» Die Rabbinerin spielte wieder mit ihrer Zigarette und steckte die Fernbedienung hinter die Thorarollen, bereit in den Saal zurückzukehren.
«Die Finanzen für die Sicherheit waren damals noch als ein kleiner, bescheidener Teil der Kosten budgetiert, es war im Gegensatz zu heute genug Geld vorhanden. Heute fressen uns diese Vorkehrungen auf.»
«Kennen Sie jeden persönlich, der am Gottesdienst anwesend war?»
«Ausser den zwei Besuchern aus London, ihre Ausweise wurden überprüft bei der Anmeldung für den Gottesdienst.»
Sie waren wieder auf sicherem Boden, im Parterre angelangt. Die Schleusen, die sich beim Abtauchen beidseitig aufgetan hatten, fügten sich nahtlos zusammen, wie zu jedem anderen etwas renovationsbedürftigen Parkett. Künzli warf einen Blick auf die Namen- und Adressenliste. «Ist der Kontakt des Präsidenten der Gemeinde hier aufgeführt?»
«Why in God’s name sollte der Präsident im Gottesdienst hocken und einen Anschlag planen?!»
«Wir müssen routinemässig alle vernehmen. Wann kann der Tunnel von unseren Leuten untersucht werden? Fingerabdrücke, DNA des Täters, die wir mit der Polizeidatei abgleichen. So liesse sich feststellen, ob ein Täter im Tunnel war und es sich beim Gesuchten um einen bekannten Terroristen oder um einen Schläfer handelt.» Verärgert versuchte Künzli Lehmklumpen an seinen Schuhen loszuwerden. Der Gebetssaal war sicher nicht der geeignete Ort dafür. Er wollte die Räume sehen, in denen sich die Rabbinerin während des Gottesdienstes aufgehalten hatte. Durch eine offene Türe führte sie ihn in eine blitzblank aufgeräumte Küche.
«Waren Sie hier während des Anschlags?»
«Ja.»
«Nicht im Gebetssaal?»
«Nein. Hin und wieder ziehen sich Kantor oder Rabbiner zwischen den Gottesdiensten zurück.»
Künzli blickte zurück auf eine weitere Türe. «Gibt’s hinter dieser Türe noch andere unterirdische Verbindungsgänge zwischen dem Gemeindezentrum, den Büros und dem Gebetssaal?»
