Sigrid Ødegårds Reise nach Amerika - Derek B. Miller - E-Book

Sigrid Ødegårds Reise nach Amerika E-Book

Derek B. Miller

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Beschreibung

Ein fesselnder Kriminalroman über Rassismus, Polizeigewalt und die Suche nach Gerechtigkeit auf beiden Seiten des Atlantiks. Chefinspektorin Sigrid Ødegård hat im Dienst einen Menschen erschossen. Aus Notwehr, das steht schwarz auf weiß. Doch in Norwegen schießt die Polizei normalerweise nicht mit tödlichen Folgen. Oslo ist nicht Amerika. In Amerika tragen manche Gesetzeshüter wie Sheriff Irv Wylie Cowboyhut und Stiefel. Irv fahndet nach einem Europäer, der seine Freundin ermordet haben soll - einem Norweger. Ausgerechnet die Schwester des Flüchtigen kreuzt Irvs Weg: Sigrid, die Inspektorin aus Oslo. Will sie Amtshilfe leisten? Oder etwa den Verdächtigen decken? Derek B. Millers spannender Roman Sigrid Ødegårds Reise nach Amerika führt von den Straßen Oslos in die Brennpunkte New Yorks. Ein packender Politthriller über Vorurteile, Schuld und die Grenzen des Gesetzes dies- und jenseits des Atlantiks.

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Derek B. Miller

Sigrid Ødegårds Reise nach Amerika

Roman

 

 

Aus dem Englischen von Jan Schönherr

 

Über dieses Buch

Sie hat einen Menschen erschossen. Im Dienst und aus Notwehr, das hat sie schwarz auf weiß. Doch Chefinspektorin Sigrid Ødegård kommt über den Vorfall nicht hinweg. Denn in Norwegen schießt die Polizei nun mal keine Leute tot. Oslo ist nicht Amerika.

In Amerika sehen Polizisten anders aus. Manche, wie Sheriff Irv Wylie, tragen sogar Cowboyhut und Stiefel. Irv ist auf der Suche nach einem Mann, der seine Freundin umgebracht haben soll. Ein Europäer. Aus Norwegen. Und plötzlich hat Irv die Schwester des Flüchtigen am Hals. Will die Inspektorin aus Oslo Amtshilfe leisten? Oder Fluchthilfe?

Vita

Derek B. Miller, geboren in Boston und nach Stationen in Israel, England, Ungarn und der Schweiz seit längerem in Norwegen lebend, hat nach einer Promotion an der Universität Genf eine beeindruckende Karriere als Spezialist für Sicherheitspolitik absolviert. Er arbeitet für zahlreiche Gremien der UNO und Universitäten weltweit und ist Direktor eines Forschungsinstituts. Sein Debüt, «Ein seltsamer Ort zum Sterben», wurde zunächst auf Norwegisch veröffentlicht und seitdem in zahlreiche Länder verkauft. In Deutschland war es ein Bestseller.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, September 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«American by Day» Copyright © 2018 by Derek B. Miller

Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Coverabbildung rubo illustation

ISBN 978-3-644-40373-4

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Sheldon

August 2008

Die richtige Frage

Sigrid Ødegård blickt unverwandt aus dem Fenster ihres Büros, die Hände auf der ungeöffneten blauen Mappe. Auf dem Umschlag ist in Gold, Rot und Schwarz das Siegel der Politi aufgeprägt – offenbar war die Angelegenheit jemandem das gute Briefpapier wert. Titel oder Autor stehen nicht darauf, doch sie weiß auch so, worum es geht, und hat keine Eile, es zu lesen. Vor nur zwei kurzen Monaten, im Juni, war Oslo noch über und über mit Flieder bestickt. Sigrids Vater hat ihr einmal erzählt, Flieder sei die Lieblingsblume ihrer Mutter gewesen. Wenn er im Frühsommer in Hedmark blühte, war ihr Bauernhaus stets voll davon; ein Strauß in jedem Badezimmer, eine Vase auf dem Küchentisch. Verirrte Blüten flatterten der Familie durch die Flure hinterher, wenn sie sie im Vorübergehen aufwehte. Diese gemeinsame Bewegung – diese gemeinsame Erinnerung – war jedoch schon fünfunddreißig Jahre alt. Sigrid war erst fünf, als Astrid starb. Auf den sommerlichen Park mit seinen in der Sonne liegenden Menschen und herumtobenden Kindern blickend, fragt sie sich, ob diese Erinnerungen überhaupt die ihren sind. Vielleicht hat nur ihr Vater sie ihr eingegeben. Und wenn sie nicht ihre eigenen sind, schmälert das dann ihren Wert? Oder steigert es ihn vielleicht sogar?

Sie wendet ihre Aufmerksamkeit wieder der blauen Mappe zu.

Die enthält, so hat man ihr gesagt, Abschlussbericht und Urteil über die Ereignisse des vergangenen Monats, als in einer Sommerhüte nahe des Dörfchens Glåmlia, unweit der schwedischen Grenze, vier Geiselnehmer erschossen wurden. Sigrid hatte das Kommando gehabt und entschieden, das Sonderkommando, die Beredskapstroppen, einzusetzen. Es stürmte die Hütte und tötete drei der Verbrecher. Den vierten hat Sigrid selbst erschossen.

Die neugierigen Blicke ihrer Abteilung spürend, schlägt Sigrid die Mappe auf, liest jedoch noch immer nicht. Sie hätte gleich die Jalousien schließen sollen, nachdem der junge Kollege angeklopft und ihr die Mappe übergeben hatte. Blond war er, und für die Jahreszeit besorgniserregend blass. Sein jungenhaftes Gesicht ging ihr sofort auf die Nerven.

«Danke», sagte sie und wollte die Tür wieder schließen.

«Gern», hat er geantwortet und ihr dann merkwürdigerweise die Hand gereicht.

Ohne einen Schimmer, was ihn dazu veranlasste, schüttelte sie die Hand, damit er sie wieder wegnahm.

Er schien damit zufrieden und verschwand.

Im Laufe des vergangenen Monats hat die Dienstaufsicht die Geschehnisse untersucht, die den tödlichen Schüssen vorausgegangen waren. Reine Routine, wenn auch nur insofern, als es den Vorschriften entsprach; häufig kam so etwas nicht vor. Das letzte Mal, dass ein norwegischer Polizist jemanden erschossen hatte, war 2006 gewesen, vor zwei Jahren, und davor … eine halbe Ewigkeit. Zehn Jahre? So etwas passierte in Norwegen einfach nicht. Die Gewaltverbrechensrate war niedrig, Morde eine echte Seltenheit, und wenn es doch mal dazu kam, ging es gewöhnlich um Leute, die einander kannten. Meistens Paare. Schuld war immer der Mann.

Die Ausbildung an der Akademie hatte sich darauf konzentriert, wie man eine Lage entschärft und unter Kontrolle bringt, statt einfach nur draufloszustürmen. In diesem Fall lief das anders ab.

Trotzdem war es die richtige Entscheidung gewesen, denkt sie; diese Typen hatten einen Mann, eine Frau und ein Kind in ihrer Gewalt. Doch nun liegt unter ihren Fingern der offizielle Ratschluss ihrer Abteilung zu dieser Frage. Vielleicht ist die zum selben Ergebnis gekommen, vielleicht aber auch nicht.

Man hatte beschlossen, ihr die Akte ausgerechnet heute auszuhändigen, am Freitag. Ob das grausam oder gnädig war, wird sich wohl erst beim Lesen zeigen.

 

Das Sommerhaus, wo die Männer erschossen wurden, lag tief im Wald hinter einer kleinen Wiese. Es war ein wenig größer als die übliche hytte, ein Ort der Ruhe und Idylle. Eine Jagdhütte. Ein Liebesnest. Kaum war sie mit ihrem Kollegen Petter aus dem Polizeiauto gesprungen, kam ein junger Mann, den sie noch nie gesehen hatte, aus der Tür und rannte in ihre Richtung.

Zu ihr? Auf sie zu? Auf sie los? Jedenfalls rannte er, mehr wusste Sigrid nicht. Sein Motiv war unklar. Ihre Angst und seine Wegrichtung waren es nicht.

Halb rechnete Sigrid damit, dass er stehen blieb. Beim Anblick von Polizisten ändern die Leute meist schlagartig ihr Verhalten. Sie fahren langsamer. Achten stärker darauf, was sie tun. Lassen Waffen fallen. Nehmen die Hände hoch.

Er aber rannte einfach weiter. Sie rief, er solle stehen bleiben. Er rannte weiter.

Das Tranchiermesser in seiner Hand sah sie sofort. Es wirkte eher fehl am Platz als gefährlich. Hier waren sie, in dieser herrlichen Jahreszeit, in der die Natur ihren größten Reichtum entfaltet, der Zeit, der Norweger das ganze dunkle Jahr über entgegenfiebern, sodass ihr Kommen zugleich wohltuend und wehmutsvoll ist, weil sie so schnell wieder vorübergeht. Und da war er und rannte stumm auf sie zu, in der Hand ein Messer, gemacht, um Fleisch zu schneiden.

Wenn sie gezögert hätte, hätte er sie überwältigt. Also hat sie geschossen. Und dann noch ein zweites Mal.

«Hilft ja nix», brummt sie und fängt an zu lesen.

Er hieß Burim, kam offenbar aus dem Kosovo. Seine Familie ist in den Neunzigern vor dem Krieg nach Norwegen geflohen. Sein Vater starb kurz nach der Befreiung aus einem serbischen Internierungslager. Aufgrund von Unterernährung und inneren Verletzungen, heißt es im Bericht, vermutlich durch Prügel im Lager. Der junge, vaterlose Burim scheiterte beim Versuch, sich in Norwegen zu integrieren, und geriet in Oslo in schlechte Gesellschaft. Sein Migrationshintergrund sowie sein Verhalten in Norwegen, so formuliert es ein Polizeipsychologe, sprechen eher für Unreife als für Bosheit oder kriminelle Energie. Das ist der Mensch, den sie getötet hat.

Der rechtliche Befund über ihr Verhalten, so heißt es weiter, beruht auf einer Untersuchung des Tathergangs und den Umständen der Konfrontation zwischen dem Angreifer (ihm) und der beteiligten Beamtin (ihr). Es folgt eine Darstellung der Geschehnisse, teils auf Grundlage der Aussage von Petter, der von der anderen Seite des Streifenwagens aus alles mitangesehen hat.

Sigrid kommt diese Nacherzählung wie ein historischer Roman vor: Eine Geschichte über eine Frau, die genauso heißt wie sie, aber eindeutig nicht sie sein kann, zumal der Autor gar nicht bei der Hütte war, als all das geschah. Es gibt kein Video und außer Petter keine Zeugen. Wie soll da irgendjemand wissen, was sie wirklich getan hat, geschweige denn gedacht?

Sie blättert um, liest weiter.

Woher nimmt diese bürokratische Schilderung ihre Behauptungen über Ursache und Wirkung? Wer ist dieser Autor, der darüber schlussfolgert, was los war, als Sigrid abdrückte? Und wer ist diese vierzigjährige Polizistin namens «Sigrid Ødegård», die diesen Mann erschoss und dann, statt ihm Erste Hilfe zu leisten, zu dem zweiundachtzigjährigen Amerikaner lief, der mit einer klaffenden Schnittwunde am Hals aus der Hütte taumelte?

Kein Wort steht im Bericht über die weiche, sanfte Hand des alten Mannes, mit der er ihr Gesicht berührt und blutige Fingerabdrücke auf ihrer Wange hinterlassen hat. Nichts darüber, wie sie diese Fingerabdrücke erst bemerkte, als sie abends allein in ihrer Wohnung in Grønland vor dem Spiegel stand. Wieso kommt all das in diesem Text nicht vor, wenn der Verfasser sie doch so gut kennt?

Spätestens auf Seite zwölf ist offensichtlich, dass sowohl Sigrid als auch ihre literarische Doppelgängerin entlastet wurden.

 

Sigrid blickt sich um, ob einer ihrer Untergebenen sie mit der Akte beobachtet.

Niemand schaut in ihre Richtung. Was beweist, dass sie es kurz zuvor noch alle getan haben.

Sie wendet sich wieder dem Bericht zu, bemerkt immer mehr wilde Spekulationen und falsche Voraussetzungen.

Und je tiefer sie hinter die bürokratische Fassade und deren ungerechtfertigte Gewissheit blickt, desto deutlicher zeichnet sich dort eine andere Konstellation der Wahrheit ab. Irgendwo jenseits dessen, was sie da vor Augen hat, hört sie eine andere Geschichte; die noch nicht erzählte Geschichte eines verwirrten Flüchtlings aus dem Kosovo, der vorher nie gewalttätig war und eher vor einer Dummheit wegläuft als auf eine andere zu. Sein fataler Fehler war nicht etwa der Entschluss, ihr etwas anzutun, sondern auf sie zuzulaufen und zu schlecht Norwegisch zu sprechen, um zu verstehen, was sie zweimal gerufen hat: «Stehen bleiben oder ich schieße.»

In dieser Geschichte läuft alles genauso ab wie in der anderen, aber alles bedeutet etwas anderes.

Noch einmal führt sie sich die Situation vor Augen. Das grüne Gras. Die rote Hütte. Den blauen Himmel. Den rennenden Mann und sein kastanienbraunes Haar. Die großen braunen Augen.

Sigrid liest weiter, immer irritierter vom beiläufigen Ton des Verfassers. Ab Seite zwölf, nachdem das Urteil gefällt ist, wirkt alles Weitere wie nachträglich darauf zurechtgestrickt. Der Verfasser liest in die Ereignisse hinein, was immer nötig ist, um seinen Befund zu unterfüttern, statt ihn noch mal zu hinterfragen. Soweit Sigrid sagen kann, geschieht das nicht mit Absicht, ja nicht einmal bewusst. Ist die abschließende Erklärung erst gefunden, fügt sich eben alles kinderleicht von selbst zusammen. Am Ende des Berichts kommt es selbst Sigrid so vor, als hätte ihr fiktives Pendant gar nicht anders gekonnt, als abzudrücken. Als wäre das nicht nur gerechtfertigt gewesen, sondern unausweichlich.

Nicht nur spricht der Bericht sie von jeder Schuld im juristischen Sinne frei, in gewisser Hinsicht hält er sie für ihr Handeln nicht einmal für verantwortlich. Und genau das stört sie. Denn während des gesamten letzten Monats quälte sie sich mit den Folgen ihrer ganz und gar bewussten und kein bisschen vorherbestimmten Entscheidung.

Sie quälte sich, weil daran überhaupt nichts unausweichlich war. Es war eine Entscheidung. Eine, die Sigrid verstehen muss, was vielleicht am besten möglich wird, wenn sie alles, was ihr daran am sichersten erscheint, durch etwas anderes ersetzt – durch etwas Unerwartetes.

Sie schließt die Augen und versucht es mit einer Methode, die sie häufig bei Ermittlungen anwendet. Aus Sommer macht sie Winter. Das grüne Gras zwischen Hütte und Streifenwagen ersetzt sie durch eine Schneedecke. Aus dem roten Sommerhäuschen macht sie eine braune Berghütte. Sie bleicht den blauen Himmel aus und bedeckt ihn mit stählernem Grau, das aus der Arktis herabdrängt.

Über den Schnee, mit einem Messer und im selben Tempo kommt der Mann auf sie zu. Aber nicht derselbe Mann.

Dieses Mal ist er ein blonder Norweger.

In dieser Version heißt er nicht Burim, sondern Bjørn, und stürmt durch den puderigen Neuschnee wie ein halsstarriger Wikinger. Eine kontrafaktische Welt. Ein neues Modell. Ein neues Beziehungsgeflecht. In diesem Szenario ist alles wie gehabt, aber verfremdet. Und in den blauen Augen dieses auf sie zustürmenden Mannes findet Sigrid endlich die Frage, die zu stellen dem Autor des Berichts nicht einfiel. Die Frage, die zu stellen sich vielleicht niemand getraut hat.

Doch es ist genau die, nach der sie sucht. Die Frage, die all die offiziellen Annahmen über Ursache, Wirkung und Unausweichlichkeit auseinandernimmt. Die alles in Zweifel zieht und Platz für neue Erkenntnisse schafft, aus denen man Konsequenzen ziehen kann:

Hätte sie dem Mann auch zweimal in die Brust geschossen, wenn er wie ein typischer Norweger ausgesehen hätte?

Ein seltsamer Ort

Den Samstag verbringt Sigrid damit, amerikanische Serien auf einem kürzlich in Norwegen eingeführten Streamingportal zu schauen. Ihre Freundin Eli hat sie gedrängt, sich anzumelden.

«Ist besser als eine Katze», stellte Eli fest.

«Wer sagt was von einer Katze?», erwiderte Sigrid.

«Du hast keinen Freund.»

«Und deshalb brauch ich einen Streamingaccount?»

«Genau», sagte Eli.

Statt sich die Mühe zu machen, diesen Knoten aufzudröseln, zahlte Sigrid lieber die siebzig Kronen im Monat.

Bald bemerkte sie, dass der Streamingdienst fünfzehn Sekunden nach dem Ende einer Serienfolge automatisch die nächste startet, was der Kundin die Kalorien spart, die sonst beim Drücken der entsprechenden Taste verbrannt würden. Die völlig neue Form der Nervosität, die das erzeugte, verlangte eigentlich nach einem eigenen Namen.

Das stumpfe Geflacker des Fernsehers und die halbgaren Storys sind anfangs zwar recht hilfreich, aber nach sechs Stunden Dauerglotzen achtet Sigrid kaum noch auf die Plots und verliert sich stattdessen in Spintisiererei.

Warum, so rätselt sie zum Beispiel, ist es in Sitcoms gut, wenn Darsteller dick auftragen, in Stücken mit Tiefgang aber nicht?

Warum führt dramatischeres Spiel nicht automatisch zu mehr Drama?

Und warum wirken amerikanische Fernsehschauspieler immer dermaßen … poliert?

Britische Darsteller glänzen nie so. Wie kann es sein, dass es die zahllosen in Amerika vorkommenden Hauttöne nur in Metallic gibt und nie in Matt?

Kommt das vielleicht von dem, was die dort essen? Oder … nicht essen? Wirken Amerikaner von Natur aus wie poliert, oder ist das unnatürlich?

Und was wäre eigentlich gruseliger?

Wie grauenhaft unrealistisch all diese Serien sind, stört Sigrid nicht weiter. Genau in dieser Kluft zwischen der göttlichen Wahrheit und den linkischen Bemühungen der Menschheit, aus ihr schlau zu werden, findet sie die tröstliche Gewissheit, nicht allein zu sein.

Gegen halb acht Uhr abends ist sie zu einem umfassenden Urteil über Amerika gelangt. Kein sonderlich raffiniertes Urteil zwar und wahrscheinlich auch kein sehr originelles, aber es ist doch befriedigend, so lange intensiv über etwas nachzudenken und schließlich zu einem soliden Ergebnis zu kommen. Es lautet: «Was für ein seltsamer Ort.»

 

Als Sigrid am Sonntag aufwacht, brennt die skandinavische Sommersonne mit solcher Kraft, dass sie fürchtet, zu Staub zu zerfallen. Es ist sieben Uhr morgens, aber die Sonne steht bereits so hoch, als wäre es Mittag. Sigrid setzt sich im Bett auf. Die Tüte Sour-Cream-and-Onion-Chips, die sie gestern Abend verschlungen hat, liegt ihr schwer im Magen. Doch weder Bauchschmerzen noch Reue sind so schlimm wie der Geschmack im Mund, gegen den die Zahnpasta nicht ankam.

Eine Dusche und einen Kaffee später versucht sie erneut, sich im Fernsehen zu verkriechen, doch es hat seinen Zauber verloren. Da weit und breit kein Regen in Sicht ist, der zu weiterem Einigeln ermuntern könnte, gibt sie schließlich ihrer norwegischen Natur nach und findet sich damit ab, dass sie vor die Tür muss.

Ihr großer Bruder Marcus und sie wurden früher regelmäßig und bei jedem Wetter an die frische Luft geschickt, da in Norwegen der tiefe unausgesprochene Glaube herrschte, ein Kind könnte sterben, wenn es nicht täglich mindestens drei Stunden im Freien verbringt.

In Ermangelung elterlichen Drucks oder eines Kinds, das sie vor die Tür scheuchen könnte, quält Sigrid sich selbst hinaus. Den wärmsten Teil des Sonntags verbringt sie allein an einem kleinen Strand namens Bygdøy sjøbad. Sie trägt ein extraweites T-Shirt über einem grünen Bikinihöschen, das seit letztem Sommer irgendwie geschrumpft sein muss. Die dünnen Riemen schneiden ihr in die Hüfte.

Sie hat ein Buch eines amerikanischen Humoristen bei sich. Es heißt When You Are Engulfed in Flames, und nur wegen dieses Titels hat sie es gekauft. Statt zu lesen, beobachtet sie nun jedoch, gegen eine Steinmauer am Strand gelehnt, die kleinen Kinder, die in der Bucht umherrennen, Seesterne und kleine Krebse aufsammeln und sie in einer Mischung aus Freude und Entsetzen ihren Eltern vor die Nase halten. Sigrids Vater fragt oft, ob sie irgendwann Kinder möchte. In den Mienen der Eltern am Strand sucht sie nach einer Antwort.

Am Abend, als Sigrid es sich gerade mit ihrem Sonnenbrand auf dem kühlen Sofa vor dem Fernseher bequem macht, ruft ihr Vater an. Der Anruf kommt unerwartet, aber nicht überraschend.

Sigrid stellt den Fernseher stumm. Auf dem Bildschirm jagt ein amerikanischer Streifenwagen mit abenteuerlicher Fahrweise ein anderes Auto mit identischer Fahrweise durch eine Stadt und gefährdet Hunderte Menschenleben.

«Hi, Pappa.»

«Du hast gar nicht wegen dem Bericht angerufen.»

«Entschuldige.»

«Ich nehme an, es war alles in Ordnung?»

Sigrid nimmt das Telefon ans andere Ohr. «Wieso?»

«Weil ich dich kenne. Du hättest niemanden erschossen, wenn du nicht geglaubt hättest, es wäre notwendig.»

«Vielleicht hätte ich nicht glauben sollen, es wäre notwendig. Auf die Idee kommen die in der Abteilung nicht.»

«Du hast eine Entscheidung getroffen, in einer Situation, in der jeder vernünftige Mensch sich bedroht gefühlt hätte. Du kannst also weiterarbeiten?»

«Ja.»

«Komm stattdessen her. Wir freuen uns.»

«Wir?»

«Ferdinand und ich.»

«Wer ist Ferdinand?»

«Die Ente. Ich dachte, ihr kennt euch schon.»

 

Am Montagmorgen, auf dem Weg ins Büro, ist Sigrid überzeugt, dass ihr Haar noch immer nach Schweinesteaks vom Grill und der tropischen Sonnenmilch riecht, die so weit nördlich kein Mensch braucht. Vor der Tür nickt sie den Rauchern zu, die ihre Gesichter in die Sonne drehen wie Sonnenblumen kurz vorm Welken.

Drinnen ist es dunkler und kühler. Sigrid geht durch Flure, die dafür ausgelegt sind, dass die Tage verschwimmen. In Uniform nimmt sie vor der Tür ihres Vorgesetzten Platz. Exakt zu ihrem Termin um 9.15 Uhr öffnet er die Tür und bittet sie hinein.

Sigrid steht auf und rückt ihre Krawatte zurecht, betritt aber nicht das Büro. Es soll nicht der Eindruck entstehen, das hier würde ein längeres Gespräch. «Ich nehme Urlaub», verkündet sie.

«Brauchst du nicht», erwidert ihr Chef, die Hand auf der Klinke. «Dir wirft keiner was vor. Das Ergebnis der Untersuchung ist eindeutig. Du hast die Geiseln befreit und der Bande das Handwerk gelegt. Vielleicht kriegst du sogar einen Orden.»

«Ich nehme Urlaub.»

Er nickt, als werde ihm irgendetwas klar, auch wenn Sigrid keinen Schimmer hat, was das sein könnte. «Es gibt auch die Möglichkeit zu psychologischer Beratung.»

«Ich fahr nach Hause.»

«Du willst doch hoffentlich nicht in deiner Wohnung rumsitzen und Trübsal blasen.»

«Mein Vater hat einen Bauernhof.»

«Wie lange bleibst du?»

«Bis ich wiederkomme.»

Zu Hause

Mit einem einzigen Koffer fährt sie auf der E6 in Richtung Norden nach Hedmark. Am Stadtrand ist viel los, doch dann dünnt der Verkehr sich aus, und Sigrid entspannt sich. Sie folgt den Schildern nach Trondheim.

Je weiter man von Oslo aus ins nach Sigrids Ansicht echte Norwegen kommt, desto weniger Radarfallen gibt es. Ihr kommt es dann immer so vor, als verschwänden mit den Kameras auch der Staat und seine zentrale Kontrolle. Sie atmet freier, die Luft wird süßer, die verkrampften Schultern lockern sich. Wenn sie amerikanische Western schaut, fragt sie sich jedes Mal, ob die Leute sich damals mit ihren Pferden, Revolvern und dem Horizont vor Augen wohl genauso gefühlt haben.

Sigrids Vater behauptet immer, die Kameras seien in Wahrheit gar nicht zur Geschwindigkeitskontrolle da, sondern gehörten zu einem komplexen Ortungssystem für Trolle rings um die dicht besiedelten Regionen Norwegens. Von der Bar im Dachgeschoss des Radissons in Oslo aus, wo Sigrid ab und zu was trinken geht, mag einem das absurd erscheinen. Hier draußen aber lässt sich nicht mehr leugnen, dass sie mit zunehmender Entfernung von der Stadt immer intensiver das Wesen des Waldes spürt, die schweren Schatten darin und die Million sprudelnder kleiner Wasserfälle, die sich durch Felsspalten in die steilen Fjorde ergießen.

Wenn Sigrid in den Süden fährt, ins Europa des alten Roms, spürt sie die Antike. Doch auf der Reise nach Norden in die Wälder, da spürt sie die Urzeit.

Vielleicht gibt es Trolle ja wirklich.

 

Im Wald hinter dem Haus – damals, 1973, als sie fünf war und Marcus elf – gab es jedenfalls keine. Allerdings gab es einen Friedhof, bei der kleinen Kirche neben ihrem Grundstück. Dort wurde in jenem Jahr Astrid Ødegård begraben, Sigrids Mutter. In Sigrids Erinnerungen sind die vier nie etwas anderes als eine perfekte Familie. Die frühesten dieser Erinnerungen drehen sich um zwei riesige Pferde auf dem Hof, um drei Stofftiere, mit denen sie gern spielte – ein blauer und ein rosafarbener Drache sowie ein Pandabär –, und um ihre Eltern, die abends vorm Kamin im Wohnzimmer sitzen und lesen. Sigrid kann die kanelboller förmlich riechen.

Die Erinnerungen passen nicht zusammen, sind zeitlich getrennt und unzuverlässig. Sigrid hat nie versucht, sie zu einer kohärenten Geschichte zu verbinden oder zu hinterfragen, was sich in ihnen am wahrhaftigsten anfühlt. Was zählt – das hat sie immer schon geglaubt –, ist, was sie in ihr auslösen. Und sie machen sie glücklich. Das Herz ist einer der wenigen Orte, wo Tatsachen und Wahrheit nicht unbedingt dasselbe sind.

Als ihre Mutter starb, war es mit dem Familienglück jedoch vorbei. Marcus war wegen Astrids Tod wütend auf seinen Vater und gab immer zwanghafter zunächst Morten die Schuld daran und dann, später, sich selbst. Sigrid fand beides unsinnig. Marcus’ Zorn machte den Alltag – den Schulweg, die Hausaufgaben, gemeinsame Aktivitäten, die langen Wochenenden – schließlich zur Tortur.

Und doch erinnert sie sich anders an ihren Bruder. Übrig blieb, wie lieb sie ihn hatte. Wie viel Spaß sie miteinander hatten. Wie unzertrennlich sie waren. Wie sie ihn getriezt hat, bis er heulte, und er es einfach über sich ergehen ließ, weil er keinen Funken Bosheit in sich trug, keine Rachegelüste, keine Grausamkeit.

Viel später erklärte Morten Sigrid, das Jahr nach Astrids Tod habe ihm gezeigt, dass Marcus nicht wieder froh würde, wenn man nicht etwas anderes versuchte. Morten war verzweifelt, er konnte nicht gleichzeitig Marcus helfen, seine Frau betrauern und für die kleine Sigrid da sein. Am Ende fügte er sich dem Rat von Ärzten und Verwandten, es sei für alle das Beste, wenn Marcus zu Astrids Schwester Ingeborg zöge, die mit ihrem Mann Jakob in einem Dorf am Hardangerfjord eine Apfelplantage bewirtschaftete. Die beiden waren kinderlos, hatten Marcus sehr lieb und wollten unbedingt helfen.

Astrid war an Krebs gestorben. Als Sigrid bei der Polizei anfing, überprüfte sie die Sterbeurkunde und ließ sich sogar die Krankenhausakte kommen. Einen Verdacht hegte sie nicht, aber wo sie schon mal Zugang zu den Akten hatte, konnte sie nicht widerstehen. Alles war, wie ihr Vater gesagt hatte. Was nicht in den Akten stand, aber trotzdem stimmte, war, dass ihre Eltern einander geliebt hatten. Das wusste sie aus den Erzählungen von Nachbarn und den tröstenden Worten von Freunden und Verwandten, deren Erinnerungen sich an keinem Punkt widersprachen. Was Sigrid fühlte, war keine Lüge. Ihre Erinnerungen waren kindlich und lückenhaft, aber nicht falsch. Wieso Marcus sich und Morten die Schuld an Astrids Tod gab, hat sie daher nie verstanden, und auch ihre Versuche, ihn zur Rede zu stellen, blieben fruchtlos.

In den Ferien und an Feiertagen kam die Familie zusammen, doch Marcus söhnte sich nie mit Morten aus. Nicht ganz. Sigrid dagegen vergötterte ihren Vater. Aus diesem Unterschied erwuchs zwischen den Geschwistern ein emotionaler Damm, wodurch ihre intensivsten Gefühle, die guten wie die schlechten, den anderen nicht mehr erreichten. Zwar versuchte Sigrid wiederzubeleben, was die beiden gehabt hatten, doch die Gefühle, die sie jeweils mit ihrer Kindheit verbanden, waren unvereinbar. Eine schwierige Basis für ein gutes Verhältnis als Erwachsene.

Nach Marcus’ Auszug hatte Sigrid ihren Vater größtenteils für sich allein, bis sie mit achtzehn an die Uni ging. Bis vor kurzem galt das auch für ihr Erwachsenenleben, da Morten nicht wieder und sie überhaupt nie geheiratet hat. So leisten die beiden einander Gesellschaft. Nicht, dass er einsam wäre. Er hat ja seine Bibliothek. Nach Astrids Tod hat er das Loch aus ungesagten Worten mit dem Schweigen ungelesener Bücher aufgefüllt.

Als Marcus weg war, hat er dazu das Esszimmer umgebaut. Hippe Städter würden sagen, er habe es «umfunktioniert», doch Morten hätte darüber bloß die Nase gerümpft, zumal das Zimmer zuvor nachweislich überhaupt keine Funktion erfüllt hatte.

Durch einen glücklichen Zufall hatte Morten erfahren, dass die kleine Stadtbücherei von Elverum gerade renoviert wurde und ihre herrlichen Eichenregale zum Schnäppchenpreis verschleuderte. Er bezahlte ein paar junge Männer aus der Stadt dafür, sie abzuholen und bei ihm so aufzustellen, dass sie alle Wände außer den Fenstern bedeckten. Danach war noch genügend Platz, um zwei der langen Regale in der Mitte zu platzieren, was so etwas wie ein «Magazin» zu beiden Seiten eines langen Tischs ergab, an dem Sigrid und er sich ihren Studien widmeten. Dort verbrachten sie ebenso viel Zeit miteinander wie nebenan in der Küche.

Auf den Tisch hatte Morten eine grüne Bankierslampe mit bronzenem Sockel gestellt; etwas affektiert vielleicht, doch zusammen mit dem dunklen Holz sorgte sie für eine warme Stimmung und vertrieb das direkte Sonnenlicht mitsamt den kopflosen Ideen, die es mit sich bringt. Als Sigrid zum Studium in die Großstadt zog, stellte Morten außerdem noch einen Polstersessel in die Ecke, der genauso gut zum Lesen wie für ein Nickerchen taugte. Das Zimmer wurde sein Refugium.

Sigrid hatte ihn oft gedrängt, er solle «sozialer» sein, doch er spottete nur, sie wisse ja gar nicht, was das Wort bedeute. Zeit, die man allein verbringt, müsse weder einsam noch vergeudet sein, erklärte er. Sicher, es komme schon vor, dass Männer sich abschotten, wenn ihre Frauen sterben und die Kinder wegziehen. Und ja, Depressionen und Alkoholismus seien keine Seltenheit; aber das gelte nicht bloß für Norwegen, obwohl man es hier am besten beherrsche.

Er sei dafür jedenfalls kein Kandidat, beteuerte er. Sie solle sich keine Sorgen machen.

«In einem zweieinhalbtausend Kilometer langen Land bist du nur drei Autostunden von mir entfernt», hat er gesagt. «Zu Marcus sind es fünf. Ein Klacks. Und obwohl du ausgezogen bist, bist du nicht wirklich weg. Wir sprechen doch fast täglich. Ich bin nicht einsam. Und wenn ich’s doch mal sein sollte, besorg ich mir ein Haustier.»

Die nächsten zwanzig Jahre bewahrte Sigrid sich die Überzeugung, ihr Vater sei einigermaßen glücklich. Jetzt, wo sie selbst unglücklich ist, hat ihre Optik sich verschoben. Sie kann nicht sagen, ob sie ihn jetzt schärfer sieht, weil sie ihn versteht, oder ob sie nur ihre eigenen Gefühle auf ihn projiziert. So oder so, im Polizeidienst hat sie derzeit nichts verloren.

 

Am späten Nachmittag rollt Sigrids Wagen über die harte Erde der Hofzufahrt. Bei ihrem letzten Besuch erstreckte sich eine Schneedecke von den Hügeln hinterm Garten bis hinauf in die Arktis. Jetzt ist alles grün. Die Sonne steht hoch. Richtig dunkel wird es heute nicht werden. Zu dieser Jahreszeit geht bloß die Dämmerung irgendwann in Morgengrauen über.

Sigrid wuchtet den Koffer aus dem Auto, schleift ihn über die Einfahrt in die Diele und stellt ihn neben dem leeren Schirmständer ab, dessen Öffnung aufragt wie ein Karpfenmaul.

Ihr Vater ist in der Küche beschäftigt und unterbricht seine Arbeit auch nicht, um sie zu begrüßen. Er justiert ein Scharnier an der Tür, die hinten auf den Hof hinausführt, zum Traktor und den wenigen verbliebenen Tieren. In einem Flanellhemd und einer alten Jeans mit exakt der Patina, auf die junge Leute heutzutage so versessen sind, kniet er auf einem fein säuberlich gefalteten Handtuch. Durch die Drogerielesebrille auf seiner Nasenspitze studiert er das Scharnier wie eine alte Schriftrolle.

Morten ist neunundsechzig. Seine Arme kommen Sigrid dünn vor. Sie sieht ihm bei der Arbeit zu.

«Willst wohl länger bleiben», sagt er, ohne aufzublicken.

«Wie kommst du darauf?»

«Dein Koffer. Der klang, als hättest du eine Leiche über den Kies geschleift.»

«Tut uns vielleicht beiden ganz gut.»

Morten lehnt sich einen Augenblick zurück, um sein Werk zu begutachten.

«Ich gebe immer Öl aufs Scharnier, weil es quietscht, aber ich hab zu viel draufgetan, und eins der wesentlichen Merkmale von Schmieröl ist, dass es Schmutz anzieht, der wiederum Reibung verursacht, die dann exakt das Problem verursacht, das ich lösen will, was die ganze Prozedur unerträglich absurd macht. Genau deshalb, nur in größerem Maßstab, kollabiert eines Tages das ganze Universum.»

«Serviette?» Sigrid reicht ihm eine vom Tisch.

Er wischt über das Scharnier, die Welt ist gerettet.

«Grade noch mal gut gegangen», sagt sie.

Sie holt eine Flasche Farris-Mineralwasser aus der Tasche und nimmt einen kräftigen Schluck. Ihr Vater zieht ein böses Gesicht. «Hier kommt das beste Wasser der Welt aus dem Wasserhahn. Wieso zahlst du für das da?»

«Ist eben praktisch.»

«Dann heb die Flasche auf. Tu richtiges Wasser rein.»

«Da war schon welches drin. Ich wollte das jetzt nicht nur aus Prinzip wegschütten.»

«Was hast du mir mitgebracht?», fragt er und setzt sich zu ihr an den Tisch. Eine Hand legt er lässig aufs Knie, wodurch er einen Augenblick lang jünger und stärker wirkt.

«Ist noch im Auto. Vorräte aus der Zivilisation.»

«So nennen wir Oslo also heutzutage?»

«Am Telefon sprachst du von einer Ente. Wo ist die?»

«Macht Entensachen. Ich halt mich da raus.»

«Ist sie ein Haustier?»

«Ein Haustier?»

«Du hast mal gesagt …»

«Ja?»

«Vergiss es.»

Sigrid holt zwei Dosen Pale Ale aus dem Kühlschrank und schenkt sie in Gläser, während ihr Vater Schwarzbrot, Käse und Wurst auf den Tisch stellt.

Ihr Blick schweift über die Hügel jenseits der Felder, die Kuppen verwittert von der Zeit wie alles Alte. Sie hatte ganz vergessen, wie schön Stille klingen kann, wenn man nicht allein ist.

«Schön, zu Hause zu sein.» Sie setzt sich gegenüber ihrem Vater hin. «Am liebsten würde ich für immer bleiben.»

«Das ist aber jetzt blöd», erwidert ihr Vater nach einem großen Schluck Bier. «Das geht nämlich nicht.»

«Wieso nicht?»

«Weil du morgen nach Amerika musst. Am späten Nachmittag.»

Sigrid versteht den Witz nicht, lacht aber trotzdem. «Wieso das denn?»

«Weil dein Bruder verschwunden ist. Und du wirst ihn finden.»

Que Sera Sera

Das Bier reicht ihnen nicht, weshalb Morten eine Flasche Aquavit auf den Tisch stellt, zwischen die zwei hübschen Gläschen, die seit hundert Jahren nur diesem einen Zweck dienen.

«Aquavit trinkt man an Weihnachten», gibt Sigrid zu bedenken.

«Auch an Weihnachten», erwidert er und schenkt ihnen je ein Glas ein.

«Skål», sagt Sigrid.

«Skål.»

Beide leeren ihre Gläser in einem Zug.

Eine kurze Pause, dann wird Sigrid ungeduldig. «Gut. Raus damit.»

«Wie gesagt, Marcus ist verschwunden.»

«Er ist in Amerika, dachte ich. An einer Uni, als außerordentlicher Professor für Umweltschutz oder so was. Ihr schreibt euch doch.»

«Stimmt», bestätigt Morten.

Briefe, erklärt er, seien zwar eine altmodische Kommunikationsform, aber Marcus und ihm trotzdem die liebste, weil Briefe bewusst verfasst und am Stück gelesen werden. Obendrein liege ein zeitloses Vergnügen darin, voll Vorfreude zum Briefkasten zu gehen. Schon die Römer hätten das gemacht, sagt er.

«Und?», fragt Sigrid.

«Bedächtige Kommunikation war gut für uns.»

«Das meinte ich nicht.»

«Irgendwas am Ton des letzten Briefs gefiel mir nicht», sagt Morten. «Dann kamen überhaupt keine mehr.»

«So viel zum Thema altmodische Kommunikationsform», entgegnet Sigrid und schenkt ihnen nach. «Ich nehme mal an, du hast angerufen?»

«Sein letzter Brief wurde vor zwei Wochen aufgegeben», erklärt Morten. «Drei Tage später kam er schon an. Ich habe sofort angerufen. Zu Hause ging niemand ran, das Handy ist ausgeschaltet. Dann hab ich’s an der Uni versucht, aber im Sommer hat er frei, also wussten die nichts. Auch bei den Krankenhäusern hab ich’s versucht. Nichts.»

«Und hast du die Polizei angerufen?»

«Ja, dich.»

«Und wieder: Nicht, was ich meinte.»

«Sprich du mit der Polizei. Du weißt, was man da sagen muss.»

«Du bist ein Vater, der sich Sorgen um seinen Sohn macht. Du gibst denen seinen Namen, seine Adresse und die letzte bekannte Telefonnummer. Dann erklärst du ihnen, wohin er gegangen sein könnte und …»

Morten rutscht auf seinem Stuhl herum.

«Was?», fragt sie.

«Ich will, dass ihr euch seht.»

«Warum?»

Sigrid und ihr Vater stehen sich zwar nahe, doch lange Vorträge und Diskussionen sind eher selten. Die bloße Wohltat ihrer Gesellschaft hat ihnen Worte immer gut ersetzt. Manchmal sind sie allerdings doch hilfreich.

«Pappa … warum?»

«Eine Zeitlang dachte ich, Marcus würde vielleicht nach Hause kommen.»

«Das ist Wunschdenken, Pappa. Das sagst du schon, seit er zu Tante Ingeborg gezogen ist.»

Morten steht auf, geht aus dem Zimmer und kehrt kurz darauf mit einem Bündel Briefe zurück. Er entnimmt sie einem Schuhkarton mit dem Logo einer Firma, die es längst nicht mehr gibt.

Er legt den Stapel Umschläge mit fremden Briefmarken mitten auf den Tisch. Die Marken zeigen Landschaften, Nationalparks, berühmte Bürger und Enten.

«Enten», sagt sie.

«Enten gibt es überall», brummt Morten und schnürt das Bündel auf. Den untersten und den obersten Brief legt er vor Sigrid auf den Tisch. Die beiden sind identisch, bis auf die Marken und die Stempeldaten des U.S. Postal Services. Adresse und Absender sind gleich. Die Handschrift auch.

Morten tippt mit dem Finger auf den älteren der beiden Briefe, öffnet ihn jedoch nicht.

«Vor sieben Monaten lag der im Briefkasten. Ich war überrascht. Besorgt. Ich dachte – fürchtete –, es stünden irgendwelche schlimmen Nachrichten drin.»

«Was denn für schlimme Nachrichten?»

«Worüber Eltern sich eben Sorgen machen. Eine Verletzung. Geldprobleme. Ein ungewolltes Kind. Ein gewolltes, dem etwas zugestoßen ist. Als ich den Brief dann las, war ich tatsächlich geschockt, aber nur, weil er so anders war, als erwartet. Marcus wirkte glücklich. Er hatte die Stelle an der Uni angenommen – diese ‹außerplanmäßige›, die du meintest –, und auch wenn die nicht viel Prestige, Geld oder Karrierechancen beinhaltete, machte er doch was aus seinem alten Master und aus dreißig Jahren Berufserfahrung in der Landwirtschaft. Viel Persönliches stand nicht drin, nichts über Gefühle, keine großen Beichten, aber es öffnete die Tür zu zwanglosem Austausch. Und da stand etwas von einer Frau in seinem Leben. Eine Lydia. Viel hat er nicht gesagt, nur ein paar Wochenendausflüge erwähnt. Er hat recht lebhaft vom Wandern und Klettern berichtet. Aber nichts Persönlicheres. Nichts weiter über sie. Trotzdem. Es war ein Brief, von einem leibhaftigen Menschen. Ich war … froh.»

Morten legt die rechte Hand, die mit dem Ehering, auf die Briefe.

«Dass ihr euch schreibt, wusste ich ja schon, aber sonst nicht viel.»

«Ich wollte wohl», erklärt er, «dass das ein Weilchen unter uns bleibt. Nicht, um es vor dir geheim zu halten. Ich dachte nur …» – er hält einen Moment inne und denkt nach – «du und ich, wir hatten so viel Zeit miteinander, für uns, dass ich es Marcus vielleicht schuldig war, etwas zu zweit zu haben. Nur wir beide.»

«Schon in Ordnung.»

«Er ist sechsundvierzig.»

«Ich weiß.»

«Ich kann nicht fassen, wie viel Zeit vergangen ist.»

Morten trinkt noch einen Aquavit. Sigrid füllt beide Gläser nach.

So nah Sigrid und ihr Vater sich auch standen, Freude herrschte wenig im Haus. Nähe und Liebe, so hat sie gelernt, hängen nicht notwendig mit Fröhlichkeit oder Vergnügen zusammen. Das Fehlen ihrer Mutter machte ihr die Welt so fremd, als hätte die Farbpalette des Himmels sich auf unerklärliche Weise verschoben, und der Verstand hätte diesen neuen Zustand nie ganz akzeptiert. Ihr Vater war kein guter Ratgeber, und gemeinsam behandelten sie, was sie verloren hatten, als hätten sie es nur verlegt – so, als könnte Astrid mit etwas Glück noch mal zurückkehren. Die kleine Sigrid war weniger bestürzt darüber, dass ihre Mutter starb, als jeden Tag erneut verblüfft, dass sie immer noch tot war und einfach nicht mehr wiederkam.

«Ich muss die lesen», sagt Sigrid und tätschelt die Briefe.

Endlich ist die Sonne hinter die Hügel im Westen gesunken. Zwar ist der Himmel noch blau, doch die Küche wird dunkler und kühler. Morten steht auf und schließt das Fenster über der Spüle. Dann entzündet er vier Kerzen auf dem Küchentisch.

Sigrid aber braucht dringend eine Antwort.

«Also. Das mit Amerika war ein Witz, oder? Wir rufen morgen ein paar Leute an.»

«Ich hab dir einen Flug gebucht. In deinem Zimmer liegt ein Reiseführer. Lies die Briefe unterwegs.»

«Ich fliege auf keinen Fall einfach so mir nichts dir nichts auf einen anderen Kontinent. Wir haben nicht mal ansatzweise alles ausgeschöpft, was wir von hier aus tun können.»

«Zwei Möglichkeiten», antwortet Morten. «Es geht ihm gut. So wie in diesem Brief. Dann siehst du nach Jahren deinen Bruder wieder und ihr habt eine schöne Zeit zusammen. Und du, meine Liebe, nutzt die Gelegenheit, um mit jemandem darüber zu reden, dass du kürzlich einen Mann getötet hast und wenige Augenblicke später ein anderer in deinen Armen gestorben ist.»

Sie will protestieren, doch er hebt die Hand.

«Ein Wiedersehen ist lange überfällig. Allein schon wegen deiner Situation. Falls er aber», fährt Morten fort, indem er den zweiten Brief auf Sigrid zuschiebt und den ersten wegzieht, «deine Hilfe braucht, kannst du für ihn da sein. Zu verlieren gibt es nichts. Es ist das einzig Richtige. Und es ist allemal besser, als hier auf dem Hof Trübsal zu blasen.»

«Ich wollte mich zu Hause entspannen.»

«Mach stattdessen das.»

«Amerika ist seltsam», erklärt sie im Brustton der Überzeugung.

«Und wunderbar. Es ist beides. Hab ich gehört. Selbst war ich nie dort. In drei Monaten wählen die vielleicht zum ersten Mal einen Schwarzen ins Weiße Haus. Du kannst dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Dein Flug geht morgen. Icelandair bis Montreal. Von dort nimmst du einen Flieger in eine Stadt mit dem einfallslosen Namen Watertown. Für die letzte Etappe kannst du bestimmt ein Auto mieten oder den Bus nehmen. Ohne Visum darfst du drei Monate bleiben. Ein kleines Abenteuer.»

«In Upstate New York?»

«Bei Abenteuern geht es vor allem um Menschen», sagt er. «Du musst wissen, dass Marcus’ Briefe vor etwa zwei Monaten düsterer geworden sind. Irgendwas ist passiert. Was das war, hat er nicht erwähnt. Ich habe versucht nachzuhaken, aber er war nicht sehr mitteilsam. Ich vermute, seine Liebesgeschichte nahm ein böses Ende, oder die Frau hat Schluss gemacht. Ich weiß auch nicht, womit ich das verdient habe, dass meine beiden Kinder mit über vierzig weder verheiratet sind noch Kinder haben.»

«Bitte, nicht das wieder», stöhnt Sigrid.

«Die Frauen heutzutage glauben, sie könnten ewig warten. Aber da täuschen sie sich. Du weißt ja, wie oft es zu Fehlgeburten kommt, wenn man erst mal …»

«Ich warte auf gar nichts, Pappa. Ich lebe mein Leben, und das wird eben, wie es wird.»

«Aha … Lebensplanung à la Doris Day.»

«Ich weiß nicht, wer das ist.»

«Nein. Warum sollte das auch noch jemand wissen.»

Morten trinkt seinen Aquavit, und Sigrid will schon nachfüllen, doch er legt die Hand auf sein Glas.

«Wie geht’s deinem Kopf?», fragt er.

«Gut. Deinem?»

«Vor fünf Wochen ist ein Verbrecher aus dem Schrank gesprungen und hat dir eins übergebraten. Wie geht’s deinem Kopf?»

«Wie geht’s deiner Ente?»

«Was hast du bloß immer mit dieser Ente?»

«Du hast ihr einen Namen gegeben.»

«Ferdinand. Er hat Charakter.»

«Er hat Nährwert. Den er dank des Namens wahrscheinlich verliert.»

«Neulich hab ich einen Film über einen Bauern gesehen, der ein Schwein zum Schäferhund ausgebildet hat. In dem Film gab’s eine Ente. Die war lustig.»

«Wir werden diese Ente essen, Pappa.»

«Das wird schwierig, jetzt, wo sie einen Namen hat.»

 

Kurz darauf lässt Sigrid ihren Vater allein am Tisch zurück. Sie küsst ihn auf die Stirn und wünscht ihm eine gute Nacht, er stopft eine dänische Pfeife und verschwindet in einer Wolke aus duftendem Rauch. Sigrid zieht sich auf ihr Zimmer zurück, mit Marcus’ Briefen und dem festen Vorsatz, die Aussicht ernst zu nehmen, dass sie morgen schon in die Vereinigten Staaten von Amerika fliegen und ihrem Vater zuliebe das Abenteuer erleben soll, ihren Bruder wiederzusehen.

Der Koffer aus Oslo enthält nur ein einziges Nachthemd. Sie schlüpft hinein und dann unter die weiche, weiße Decke, die sie vor der kratzigen, aber warmen Wolldecke darüber schützt. Bedeckt von der flauschigen Last knipst sie die Leselampe an und öffnet Marcus’ letzten Brief.

Er ist mit der Maschine geschrieben – nicht von Hand. Es sieht tatsächlich aus, als wäre er an einer mechanischen Schreibmaschine verfasst worden. Auf der Rückseite spürt Sigrid die Druckstellen des Schreibkopfs.

Das Papier hat amerikanische Größe, achteinhalb auf elf Zoll, statt des beinahe universellen, schmaleren A4-Formats. In der Aftenposten hat sie einen Artikel darüber gelesen, dass Amerika eins der drei letzten Länder der Welt ist, die noch das alte britische Maßsystem verwenden statt des metrischen. Die anderen beiden sind Liberia und Myanmar.

«Seltsamer Ort.»

Der Brief lautet so:

Lieber Pappa,

es ist wieder passiert. Beim ersten Mal meintest Du, ich würde es nicht begreifen. Würde alles falsch verstehen. Jetzt bin ich erwachsen, und es ist ein zweites Mal passiert, und diesmal verstehe ich es nur zu gut. Mehr noch. Es zwingt mich, alles zu sehen. Aber nicht mit den Augen eines Erwachsenen, der über die Klarheit von Zeit und Alter verfügt, sondern mit denen eines Jungen, dessen Blick nicht von den Jahren, Ereignissen und Entscheidungen dazwischen verstellt ist. Was ich jetzt verstehe, ist, dass es meine Schuld war. Und Deine. Aber Dir verzeihe ich.

Dein Sohn

Marcus

Nebenwirkungen

In einer Boeing 757 der Icelandair fliegt Sigrid vom Flughafen Oslo-Gardermoen ab. Ihr Vater hat sie in die «Saga Class» gebucht – entweder aus Großzügigkeit, oder weil er dem Namen nicht widerstehen konnte.

Auslandsreisen sind immer noch neu für sie, und sie konnte eine gewisse Aufregung nicht verleugnen, als sie an Bord des Flugzeugs ging, sich die Kopfhörer geben ließ und nach links in die Business Class abbog. Der – sehr attraktive – Steward schenkte ihr ein Lächeln dafür, dass sie das Glück und den Stil hatte, für einen breiteren Sitz bezahlt zu haben.

In der Vergangenheit hat sie an ein paar europäischen Konferenzen teilgenommen, die darauf abzielten, Akademiker und politische Entscheidungsträger in Sachen organisiertes Verbrechen, grenzüberschreitende Zusammenarbeit, zwischenbehördliche Arbeitsrichtlinien, neue Erkenntnisse über Schmuggelrouten und komplizierte Überschneidungen zwischen kriminellen und terroristischen Aktivitäten zu vernetzen. Drei Reisen nach Brüssel, eine nach Genf. Statt Gedanken tauschten die Akademiker und Entscheidungsträger jedoch eher Körperflüssigkeiten aus. Bei derartigen Veranstaltungen kam selten mehr heraus als uneheliche Kinder, Missverständnisse und gebrochene Herzen, also stieg sie lieber aus, solange sie noch konnte.

Interessanter für ihre Arbeit ist Norwegens 1600 Kilometer lange Grenze zu Schweden, an der Schmuggel und illegale Einwanderung zu einem größeren Problem wurden, seit Norwegen 2001 dem Schengener Abkommen beigetreten ist. Die Grenzöffnung ermöglichte freieren Verkehr für Waren und Menschen und schuf obendrein neue Möglichkeiten zur verdeckten Ermittlung in Schweden, in Zusammenarbeit mit Göteborg und Stockholm. Sigrid mochte ihre schwedischen Kollegen, auch wenn die manchmal etwas steif sein konnten, und die Undercoverarbeit beschleunigte ihre Karriere. Flugzeuge spielten dabei allerdings nie eine Rolle.

Der erste Flug dauert nur ein paar Stunden. Lang genug für einen Film, aber Sigrid entscheidet sich für Musik und Träumerei. Sie wählt den Klassikkanal, das Festival Orchester Budapest spielt irgendetwas von Vivaldi. Ein gutes Hintergrundgeräusch, um die Triebwerke zu übertönen.

Unter ihr verschwindet Norwegen, was beweist, dass es jenseits davon tatsächlich noch eine Welt gibt. Die Luft sieht klar aus, wird jedoch durch schichtenweise Plastik ausgesperrt.

Der milchkaffeefarbene Sitz neben Sigrid ist frei, was sie ausnutzt, um sich breitzumachen. Sie packt die Briefe ihres Bruders darauf, eine Flasche Wasser, das Bordmagazin und das Buch von David Sedaris, das sie am Strand nicht einmal angefangen hat. Es ist eines von zwei Büchern, die sie dabei hat. Während draußen die Sonne durch die Wolken bricht, fühlt sie sich plötzlich hip und up to date. Sie schlägt das Impressum auf. Die Vorlage für das Cover, so liest sie dort, heißt Schädel mit brennender Zigarette und ist eigentlich ein Ölgemälde von van Gogh, das in Amsterdam hängt. Sigrid ist zwar keine Kunstexpertin, aber sie erinnert dieser Stil eher an das Elvis-Gemälde On Black Velvet als an die Sternennacht.

In dem Buchladen war sie überhaupt nur, weil Eli darauf bestanden hatte, dass sie wieder liest. Das war nach dem Triumph mit dem Streamingportal.

«Soll ich etwa lesen, weil ich keine Katze habe?», hatte Sigrid gescherzt.

«Was haben Katzen damit zu tun?»

Rasch packt sie das Buch wieder weg: Der fidele Ton stört nur ihre Beklemmung angesichts des Wiedersehens mit Marcus.

Das zweite Buch, ebenfalls ein Sieg von Eli, handelt mal wieder von einem Cop mit Alkoholproblem und dunkler Vergangenheit, der sich nicht unterordnen kann. Ohne ersichtlichen Grund führt er trotzdem die Jagd auf einen Serienmörder an, in einem skandinavischen Land mit einer der weltweit niedrigsten Kriminalitätsraten aller Zeiten. Die Morde sind so grausig, dass sie weltweit Schlagzeilen gemacht hätten, stören im Buch aber lediglich die Beschaulichkeit einer Kleinstadt, aus der nie einer wegzieht und wo sich keiner je über irgendetwas Sorgen macht.

Nach einer Stunde ist Sigrid gelangweilt. Als professionelle Ermittlerin hätte sie in einem Buch, das angeblich von ihrem Leben handelt, gern wenigstens ein einziges Mal ihre eigenen Erfahrungen wiedererkannt, und sei es auch nur als obskure Anspielung. Stattdessen funktioniert die fiktive Ermittlung über Instinkt, Charakter, Talent und Zufall. Eine Welt ohne Vorschriften, Regeln, Schablonen, Ermittlungsstrategien, analytische Strategien, Budgets, Terminpläne oder Stechuhren. Von echter Polizeiarbeit ist nichts darin zu finden, und Frauen spielen nur als Sexobjekte oder zerstückelte Mordopfer eine Rolle.

Sie winkt eine Stewardess herbei, die seit dem Start dasselbe Lächeln im Gesicht hat, und bestellt eine Bloody Mary mit einer Scheibe Zitrone.

Die Briefe warten, doch Sigrid ist noch nicht bereit. Sie öffnet ihr iPad, erstellt eine simple Tabelle und trägt fachkundig die Daten sämtlicher Poststempel ein. Chronologisch geordnet ergibt das Zeitreihendaten darüber, wann die Briefe abgeschickt wurden, wodurch sich erste Muster abzeichnen. Noch hat Sigrid keine Fragen oder Hypothesen. Sie erstellt nur den Rahmen, innerhalb dessen sich Muster ergeben können. Davon ausgehend wird sie Beobachtungen anstellen, die dann hoffentlich zu fundierten Fragen führen, abgeleitet aus den Fakten, statt nur zusammenphantasiert und aufgestülpt. Das ist terra firma. Erst beobachten, dann fragen. Und erst anschließend interpretieren.

Wird irgendwas davon ihr Einsichten über Marcus, sein Leben und – falls nötig – seinen Aufenthaltsort verschaffen? Wer weiß. So sieht nun mal echte Polizeiarbeit aus. Kein Wunder, dass darüber keiner schreibt.

Sie macht eine Pause, schaltet von Musik auf Filme. In einem geht es um einander verprügelnde Roboter. Vielversprechend. Leider ist nicht mehr genug Zeit, und den Schluss würde sie nicht verpassen wollen.

«Ma’am?», fragt eine Männerstimme.

Sigrid blickt auf. Ein attraktiver Mann lächelt sie an, und ihr ist völlig schleierhaft, wieso.

«Ja?»

«Sie sind ja ganz schön fleißig», sagt er auf Englisch.

«Ist das ein Problem?»

«Nein. Ich, ähm, wollte nur fragen, ob Sie noch was trinken wollen.»

Der Mann trägt eine Uniform der Fluglinie, sie befinden sich nicht in einer Bar, und er beugt sich so dicht und dennoch völlig harmlos über sie, wie das nur schwule Männer können. Doch für einen kurzen, peinlichen, debilen Moment kommt davon rein gar nichts bei Sigrid an, und sie sonnt sich bloß im Glanze seiner Großzügigkeit.

«Ja, gern», sagt sie.

«Dasselbe noch mal?»

«Ja, gern», sagt sie.

«An was sitzen Sie denn da?»

«An einer Bloody Mary.»

«Das Dokument, meinte ich.»

«Oh», sagt sie und blickt auf ihr Tablet. «Ich bilde Zeitreihen, um eventuelle Muster in den Daten zu finden und empirisch fundiert in einem Vermisstenfall voranzukommen.»

«Wow.»

Seine Überraschung als Interesse missverstehend, fährt sie fort: «Eigentlich geht es darum, zu Beginn der Ermittlung meine Gedanken zu ordnen. Mich ins Material einzufuchsen. Nichts weiter. Jeder Wissenschaftler – und jeder Ermittler – weiß, dass die meisten spontanen Erkenntnisse kommen, wenn man richtig in die Daten eingetaucht ist. Ich stell mir das immer so vor, dass Geistesblitze die Funken sind, die entstehen, wenn man Kreativität und Analyse aneinanderreibt.»

Sie lächelt ihn an, und ein frostiger Schauer durchläuft sie, gefolgt von Adrenalin und Klarheit. Der junge Mann erwidert ihr Lächeln mit einem Ausdruck abgrundtiefen Mitleids. Er serviert ihr die zweite Bloody Mary auf einer quadratischen Serviette wie einem Idioten in der Klapse seinen Brei. Angesichts dieser Geste dämmert Sigrid, dass sie womöglich nie, nie wieder Sex haben wird.

Der Gedanke ist gleichzeitig erschreckend und merkwürdig erleichternd.

«Wenn Sie noch was brauchen», sagt er, «geben Sie einfach Bescheid.» Sigrid lächelt freundlich. In diesem Augenblick ist dieser Mann ihre wichtigste Bezugsperson.

 

Beim Zwischenstopp in Reykjavik erlebt Sigrid nichts Besonderes. Sie geht einfach nur an Bord des zweiten Flugzeugs und versucht, auf dem Weg nach Kanada etwas zu schlafen. Auf dem Flug nach Westen jagen sie der Sonne hinterher, sodass es, wie zu Hause, niemals Nacht wird.

Ihre Freundin Eli kennt stets die Lösung für anderer Leute Probleme. Als Sigrid sie per Mail kurz über die unerwartete Reise informierte, riet sie ihr sofort zu einem Anti-Jetlag-Mittel namens Ambien. Sie schwor darauf und drängte Sigrid, es sich vor der Abreise unbedingt zu besorgen. Ihr Mann, der Arzt, könne das Rezept an die nächste Apotheke schicken.

Eli ist im Filmbusiness und reist daher oft nach Los Angeles – sie macht irgendwas namens «Development», was Sigrid nie kapiert hat und auch nicht unbedingt kapieren will. Jedenfalls hat Elis Zeit in L.A. sie offensichtlich in der Ansicht bestärkt, jedes natürlich auftretende Problem ließe sich durch Medikamente lösen.

Morgens beim Packen hat Sigrid sich im Internet über das Mittel schlau gemacht. Ambien ist der amerikanische Handelsname für Zolpidem, also stieß sie auf eine Seite der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA, auf der es hieß: «Beim Gebrauch von AMBIEN können erhebliche Nebenwirkungen auftreten: Nach der Einnahme kann es vorkommen, dass Sie» – ab jetzt war alles in fetten Buchstaben – «im Halbschlaf aufstehen und Dinge tun, von denen Sie nichts mitbekommen. Am nächsten Tag haben Sie womöglich keinerlei Erinnerung daran.» Um Missverständnisse auszuschließen, lieferte die FDA auch gleich eine Liste der Dinge mit, die man nachts womöglich tun könnte, ohne sich daran zu erinnern, zum Beispiel

Autofahren («Schlaffahren»)

Zubereitung und Konsum von Mahlzeiten

Telefongespräche

Geschlechtsverkehr

Schlafwandeln

Das war keine theoretische, nur der Veranschaulichung dienende Liste. All das war «Berichten zufolge passiert».

Sigrid riskierte lieber den Jetlag.

 

Bei der Ankunft in Montreal hat sie fast drei Stunden geschlafen. Sie nimmt ihren Rollkoffer an sich und geht durch den Zoll. Ein kleiner, schlappohriger Grenzschutz-Beagle mit braunen Augen hält sie auf, beschnüffelt ihre Taschen und ihren Schritt nach Drogen, Sprengstoff oder Käse.

In Montreal ist es früher Abend, daheim in Norwegen weit nach Mitternacht. Sigrid geht zum dritten Gate und dritten Flugzeug, diesmal nach Watertown, New York, USA. Den Flug verbringt sie hauptsächlich damit, sich an die Armlehnen des winzigen Sessels zu klammern und zu hoffen, die mutmaßlich aus einem Indiana-Jones-Film geborgte Propellermaschine bleibt in der Luft.

Blass, müde und mit Verstopfung kommt sie an. Der Sommerabend ist kühler als erwartet, ihr Taxi ein monströser amerikanischer Viertürer, wie man ihn in Norwegen nirgendwo bekommt. Klein und tief eingesunken sitzt sie auf der Rückbank, während der Fahrer sie schweigend zu einem Holiday Inn nahe am Flughafen kutschiert. Als sie eincheckt, ist es draußen bereits richtig dunkel. In dem mit Teppich ausgelegten Flur riecht es nach Mottenkugeln und Zitrone. Sigrid öffnet die Zimmertür mit einer weißen Plastikkarte. Das kleine Licht wird grün, die Zukunft tut sich auf.

Sigrid schlüpft aus den Schuhen und parkt den Koffer neben der Kommode, sie weiß, dass sie ihn nicht auspacken wird. Nach dem ersten Schreck über das unvorteilhafte Licht der Leuchtstofflampen im Bad wäscht sie sich Gesicht und Hände.

In einem schwarzen Kühlschrank findet sie ein paar winzige Fläschchen Johnny Walker Red. Für hiesige Verhältnisse mögen sie teuer sein, doch in einer Osloer Bar würde sie viel mehr dafür bezahlen. Näher ist der Kühlschrank sowieso. Sie nimmt zwei Fläschchen heraus.

Barfuß tapst sie über den Flur zu einem blauen Raum mit Automaten voller Chips und Schokolade sowie mit einer Eismaschine. Sie stellt den Eiskübel auf ein Plastikgitter und drückt den Knopf. Wie ein wütendes Tier in der Falle spuckt die Maschine Eiswürfel aus. Sigrid verfrachtet den kleinen Berg aus Eis in ihr Zimmer.

Auf dem schmalen Flur stolziert ihr ein dunkelhäutiges Mädchen entgegen, das eigentlich zu jung für einen BH ist und für ihr Alter viel zu enge Jeans trägt.

«Hallo», sagt Sigrid.

Das Mädchen beäugt sie kritisch und stiefelt vorüber, als hätte Sigrid eine anzügliche Bemerkung gemacht.

Zurück im Zimmer versucht sie, mit ihrem Tablet ins Internet zu kommen. Der Zugang kostet 12,95 Dollar für vier Stunden. Das würde Sigrid schon bezahlen, doch die Anmeldeseite lässt nur amerikanische Adressen zu.

Als sie ihr Nachthemd aus dem Koffer nehmen will, stellt sie fest, dass sie es in Norwegen vergessen hat. Dafür findet sie ein Buch mit ausgebleichtem Stoffeinband, so abgenutzt, dass die goldenen Buchstaben bereits abgeblättert sind. Vorn im Buch liegt ein handgeschriebener Brief ihres Vaters.

«Sigrid: Dieses Buch ist 1835 auf Französisch erschienen. 1838 kam es bei Adlard & Saunders in New York auf Englisch heraus. Meine Ausgabe ist natürlich ein späterer Nachdruck. Es heißt Über die Demokratie in Amerika und ist von Alexis de Tocqueville. Tocqueville wurde mit sechsundzwanzig Jahren von der französischen Regierung in die USA geschickt, um die Gefängnisse zu studieren, die damals als die humansten und fortschrittlichsten der Welt galten. Du kannst es während des Flugs lesen. Es gibt auch eine neue Ausgabe mit einer Einführung des wunderbaren Daniel J. Boorstin, aber die habe ich nicht. Jedenfalls wird es Dich angemessen einstimmen.»

«Ach, Pappa», brummt sie und wirft das Buch wieder in den Koffer.

Ohne Hose auf dem Bett liegend, trinkt sie ihren Whiskey on the rocks, wobei sie nicht an Eis spart. Der Fernseher steht auf einem Sideboard gegenüber vom Fußende des Betts. Wie sie so an sich hinabblickt, sieht es aus, als stünde sie mitten auf dem grau gewölbten Bildschirm. Sie wackelt mit den Zehen, erst nach links, dann nach rechts, dann wie es ihr gerade gefällt, tanzt auf dem kleinen Mond aus Glas. Sie hat die volle Kontrolle über ihren Körper, auch wenn sie sich das nicht erklären kann. Mit ihrer Phantasie dagegen sieht es womöglich anders aus.

Sigrid spreizt die Beine ein wenig mehr und versucht – ganz kurz nur – sich vorzustellen, wie ein Stelldichein an einem solchen Ort sich anfühlen würde. Sie malt sich den Typ Mann aus, der wahrscheinlich mit ihr hier wäre. Nicht der beste Einstieg in eine Phantasie. Sie hätte sich auch einfach den schönen Steward aus dem Flugzeug vorstellen können, doch ihr Hyperrealismus funkt dazwischen und beschwört einen passenderen Liebhaber herauf: Ein Mann, die Augen geschlossen, auf die Ellbogen gestützt, alt genug, sich auf seinen Orgasmus zu konzentrieren statt auf ihren, im Gesicht einen Ausdruck, als wuchtete er einen Kühlschrank die Treppe hinauf. Da sie auf dem Rücken liegt, zieht die Schwerkraft ihre Wangen straff, lässt sie jünger und schlanker wirken. Blöderweise lässt ihm dieselbe Schwerkraft die alte, dünne Haut schlabbrig von den Wangen hängen. Die Lippen haben sich von den Zähnen zurückgezogen, wodurch sein Mund sich über ihr auftut wie ein schwarzes Loch. Von all dem Gestoße und Geziehe wird er immer roter, und unter alledem liegt Sigrid und sieht ihren Liebhaber aus derselben Perspektive wie eine Toilette den Betrunkenen.

Sie schlägt die Beine übereinander und widmet sich produktiveren Gedanken, zum Beispiel der Frage, wer Marcus’ Freundin gewesen und was aus der Beziehung geworden sein mochte. In einem der Briefe stieß sie auf den Namen: Lydia. Kein Nachname allerdings. Keine Details.

Zu welcher Art Frau würde Marcus sich hingezogen fühlen? Und welche Art Frau würde sich zu ihm hingezogen fühlen? Ist das eine wie das andere überhaupt passiert?

Sigrid stellt sich Lydia mit dunklen Haaren und braunen