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Mein Herz gehört den Wasserdrachen!
Silver ist ein Kind der Wüste – doch ihr Herz gehört dem Meer. Und den Wasserdrachen! Sie träumt davon, eine berühmte Drachenreiterin zu werden, so wie ihr großes Vorbild Sagittaria Wonder. Silvers Vater hat allerdings ganz andere Pläne für seine Tochter. Doch als Silver dem jungen Wasserdrachen Hiyyan begegnet, ist ihr Schicksal besiegelt: Denn die Verbindung mit einem Drachen ist unlösbar. Silver lässt alles zurück und macht sich zusammen mit ihrem Cousin Brajon auf eine Reise voller Gefahren: Silver, Brajon und Hiyyan werden nicht nur von Höhlenbiestern und Wüstenfüchsen verfolgt, sondern auch von einer Gegnerin, die um den Sieg im Drachenrennen mit tödlichen Waffen kämpft.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2021
Kristin Halbrook
IM BANN DER WASSERDRACHEN
Aus dem Englischen von Catrin Frischer
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© für die deutschsprachige Ausgabe 2021 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Die englische Originalausgabe erschien 2019 bei Henry Holt and Company
unter dem Titel: SILVERBATALANDTHEWATERDRAGONRACES
Text copyright © 2019 by K.D. Halbrook
Published by arrangement with Henry Holt and Company.
Henry Holt® is a registered trademark of Macmillan Publishing Group, LLC.
All rights reserved.
Übersetzung: Catrin Frischer
Lektorat: Carola Henke
Covergestaltung: Carolin Liepins
Coverillustration: Bente Schlick
MK • Herstellung: BO
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN978-3-641-24455-2V001
www.cbj-verlag.de
Wenn in Jaspaton, einer in die Felsen gebauten Stadt, der Staub allzu dicht wurde und der Wind zu sehr peitschte, packten draußen unter bunten Baldachinen sogar die ältesten und unerschütterlichsten Garnfrauen ihre Sachen zusammen und begaben sich in die Häuser. Und wenn sie drinnen Schutz suchten, folgten auch alle anderen ihrem Beispiel.
Alle Vernünftigen jedenfalls.
An so einem Tag rannte Silver Dust eine Steintreppe hinunter, dann eine andere und noch eine. Sie durfte den Händler auf der Wüstenebene nicht aus den Augen verlieren.
»Warte!«, rief Silver und spuckte die Haarsträhnen aus, die ihr in den Mund geweht waren. Die Winde trugen ihre Worte in die falsche Richtung.
Der Händler rollte die Planen an den Seitenwänden seines Wagens herunter, er musste gegen das Wetter ankämpfen, um sie zu sichern. Wütend drohte er dem Himmel mit der Faust, doch Silver lachte. Seine Plackerei verschaffte ihr mehr Zeit, ihn einzuholen.
»Silver!« Am Gemeinschaftsbackhaus rief Silvers Vetter Brajon nach ihr.
»Kann jetzt nicht!« Silver sprang mit einem Satz über ein Huhn, das wild mit den Flügeln schlug, damit es nicht vom Wind davongetragen wurde. Die Ledertasche, in der ihr Brief steckte, wippte auf ihrer Hüfte.
»Ich hab Neuigkeiten für dich«, sagte Brajon. »Über Du-weißt-schon-Wen!«
Silver zögerte und ihre Füße wollten in verschiedene Richtungen. Sie schoss nach vorn und konnte sich gerade noch abfangen, bevor sie kopfüber die nächste Treppe hinuntergestürzt wäre. Für ihre Tasche gab es kein Halten. Sie flog weiter und der Inhalt verteilte sich über die Stufen.
»Ich kümmere mich drum.« Brajon rannte los, unterwegs schnappte er sich das Huhn, das er an die Brust drückte, während er leichtfüßig die Treppe hinuntersauste.
»Boaaack!«, protestierte das Huhn.
Eilig sammelte Brajon das Goldschmiedewerkzeug, die in Papier gewickelten Bonbons und die Münzen zusammen, die Silver in ihrer Tasche aufbewahrt hatte. Den Brief bekam allerdings jemand anderes vor ihm in die Finger.
Nebekker, eine der ältesten Garnfrauen – und sicherlich die geheimnisvollste –, hob den Brief auf und fing an, ihn zu lesen.
Silver tapste in ihren weichen Stiefeln die Treppe hinunter. Sie streckte die Hand aus: »Danke«, sagte sie.
Nebekker las weiter und Silver bohrte die Zehen ungeduldig in die staubige Treppenstufe. In Jaspaton wurden die Alten von jedermann mit Ehrerbietung behandelt, aber Silver machte es fuchsteufelswild, dass die alte Frau so ganz selbstverständlich ihren Brief las. Ohne jeden Respekt für Privatsphäre!
Während sie darauf wartete, dass Nebekker damit fertig wurde, in ihren Angelegenheiten herumzuschnüffeln, ging Silver zu dem in den Stein gehauenen Ausguck, lehnte sich an das kupferne Geländer und schaute nach unten. Der Händler hatte die Plane befestigt und versuchte nun, seine Viehherde zu beruhigen – aus gutem Grund. Kein Jaspatonier würde sich in der weiten Wüste von einem solchen Sturm überraschen lassen.
»Das ist alles, glaube ich.« Brajon tauchte neben Silver auf und ließ ihre Habseligkeiten und eine gute Handvoll Staub in ihre Tasche fallen.
»Fast alles.« Silver wies mit einer Kopfbewegung auf Nebekker.
»Ist das ein Brief an …?«
Silver nickte schnell.
An Sagittaria Wonder, die beste und hinreißendste Wasserdrachenreiterin, die die Welt je gesehen hatte. Sie war Silvers Heldin.
Brajon zuckte mit den Schultern und packte das Huhn fester, das versuchte, den Kopf in seine Tunika zu stecken.
»Du kannst ihr das alles persönlich sagen, wenn sie in zwei Wochen nach Jaspaton kommt.«
Silvers Herz pochte so laut wie eine Trommel, es musste in der ganzen Wüste zu hören sein, dachte sie.
»Sie kommt hierher? Warum?« Silver warf einen Blick über die Schulter. Der Händler kletterte auf seinen Wagen und zog sich den Schal vors Gesicht.
»Du weißt doch, dass wir vor einer Woche diese dicke Goldader entdeckt haben?«
Silver verdrehte die Augen. Brajon sagte »wir«, so als wäre er längst ein vollwertiger Bergmann – und kein Ele-Bergmann. »Ja, selbstverständlich, aber was hat das mit Sagittaria zu tun?«
»Erst heute hat Sormy Mohan gesagt …«, Brajon räusperte sich und machte eine tiefe Stimme, um den ergrauten, alten Bergmann nachzuahmen: »Die Königin kommt aus Calidia, um sich unser Gold anzusehen. Und sie bringt auch deine Drachenreiterin mit. Sie sind auf der Suche nach einem Entwurf für irgendeinen neuen Pokal.«
Silver packte ihren Vetter bei den Schultern, ihr ganzer Körper zitterte vor freudiger Aufregung. »Willst du damit sagen, dass Sagittaria Wonder tatsächlich hierherkommt?«
»Das habe ich gehört.« Brajon befreite sich aus Silvers festem Griff.
Silver holte einen Stift Holzkohle aus ihrer Tasche. Ihr Atem ging schnell. Sagittaria Wonder: der Champion, die Legende, die Beste, die es je gegeben hatte. »Wenn ich doch bloß meinen Brief von Nebekker zurückkriegen würde, dann könnte ich noch eine Zeile dazuschreiben … dass ich sie unbedingt treffen möchte.«
Die Wasserdrachenreiterin kam in ihre alte, staubige Stadt. War so was möglich? Schließlich gab es in Jaspatons Umgebung nicht ein einziges Gewässer an der Oberfläche, nicht mal einen mickrigen Bach. Aber Sagittaria kam dennoch – und das konnte eine Chance sein. Wenn Silver ihre Eltern doch irgendwie überreden könnte, einem Treffen mit Sagittaria zuzustimmen. Und wenn Silver dann noch Sagittaria überreden könnte, eine gewisse hoffnungsvolle Rennreiterin mitzunehmen in die Stadt Calidia … Silver würde alles tun, um von der großartigsten Drachenrennreiterin der Welt lernen zu können. Ihre Drachen füttern. Deren Schuppen auf Hochglanz bringen. Die Böden kehren. Mit einem Lächeln den Drachenmist wegschaufeln. Sie wäre der allergehorsamste Stallknecht, den es je gegeben hatte.
Und dann würde sie selbst vielleicht eines Tages die neue großartigste Wasserdrachenrennreiterin werden, die die Welt je gesehen hatte.
Unten auf der Wüstenebene hatte sich eine Plane am Wagen gelöst und der Händler verfluchte die Winde. Silvers Herz schlug schneller. Noch war Zeit. »Nebekker, bitte, meinen Brief …«
Die alte Frau zuckte zusammen, als wäre sie beim Lesen eingeschlafen.
»Wie oft schreibst du solche Fanbriefe?«, fragte Nebekker verärgert.
Silver und Brajon wechselten einen Blick.
»Immer wenn ein Händler nach Calidia aufbricht«, sagte Silver. So wie jetzt, wollte sie sagen. Aber sie hielt den Mund. Nicht mal unter Druck würde sie unhöflich zu einer Alten sein.
»Seit zwei Jahren«, sagte Brajon.
»Goooackgock«, ergänzte das Huhn.
»Und wie oft hast du ihr von …«, Nebekker deutete mit dem Finger auf eine Zeile. »… von der seltsamen alten Garnfrau erzählt, deren Herkunft niemand kennt?«
»Noch nie! Also, nur dieses eine Mal.« Silvers Gesicht lief rot an. »Von allen anderen, die ich kenne, hab ich ihr schon erzählt – und nun warst nur noch du übrig.«
Nebekker schaute Silver lange an. Ihre Augen waren grün. Opak wie Jade. Ganz anders als die Augen der meisten Menschen in Jaspaton, die braun waren und wie Quarz glitzerten. Als Nebekkers Blick Silver unangenehm wurde, schaute sie zu Boden.
»Tut mir leid, dass ich dich seltsam genannt habe«, flüsterte Silver.
Brajon konnte ein Auflachen nicht unterdrücken. Silver gab ihm einen Rippenstoß und schaute durch die Wimpern hoch. Sogar in Nebekkers Augen war ein belustigtes Aufblitzen zu erkennen, bevor sie wieder ernst wurde.
»Ich weiß, wie du Sagittaria Wonder beeindrucken könntest«, sagte Nebekker. »Aber nicht mit solchen albernen Fanbriefen.« Ohne auf eine Reaktion zu warten, rauschte die alte Frau davon.
Ein köstlicher kalter Schauer rieselte Silver über den Rücken. Ohne nachzudenken, rannte sie Nebekker hinterher. »Wie meinst du das?«, fragte sie keuchend, als sie die alte Garnfrau auf der Straße eingeholt hatte.
»Komm zu mir, vorm Morgengrauen. Dann bringe ich dir bei, was du wissen musst. Ich werde dir zeigen, wie man einen Wasserdrachenrennanzug fertigt, der sogar die große Sagittaria Wonder beeindrucken wird.«
Silver klappte der Mund auf. »Du weißt, wie man Rennanzüge macht?«
»Und du wirst es auch bald wissen.« Nebekker stieg eine Treppe hoch und verschwand.
Von der Wüstenebene hörte man einen triumphierenden Schrei. Der Händler war endlich aufgebrochen. Silver war das jetzt egal. Sie ließ ihren Brief in den Sand fallen. Ein Lachen perlte in ihrer Brust, und mit einem Grinsen, das von einem Ende der Wüste zum anderen reichte, wirbelte sie im Kreis herum. Das Huhn hatte sich endlich aus Brajons Fängen befreit und flitzte flach geduckt an Silver vorbei in eine Lücke zwischen zwei Gebäuden.
»Hast du das gehört, Vetter? Vielleicht bin ich schon bald auf dem Weg nach Calidia!«
Brajon grinste. »Nebekker ist nicht gerade eine gutmütige alte Frau. Glaubst du denn, dass sie dir aus reiner Herzensgüte etwas beibringt? Vielleicht ist sie insgeheim eine alte Zauberin, die …«
»Mich einsperrt und mich zwingt, für alle Zeit für sie zu weben?« Silver lachte. Das war eine Wüstenlegende, die alle Kinder kannten. Aber Nebekker war keine alte Zauberin und das hier war das richtige Leben, kein Märchen.
Silver ging wieder zum Ausguck und legte die Hände aufs Geländer. In der Wüste hatte sich der Sturm gelegt und eine neue Dünenlandschaft war entstanden. Irgendwo, weit weg, auf der anderen Seite der goldenen Hügel schwammen die Wasserdrachen in den königlichen Becken von Calidia und warteten auf Silver Dust.
In derselben Nacht, als die Sterne noch den Wüstenhimmel sprenkelten, stahl Silver sich nach draußen. Sie schlich durch die Straßen, in denen sich nichts rührte – abgesehen von dem Wüstenkäfer, der ihr über die Stiefelspitzen huschte.
Vor Nebekkers Haus angekommen, zögerte sie mit erhobener Hand. Brajons Bemerkung kam ihr in den Sinn. Ob die alte Frau Silver wirklich helfen konnte, Sagittaria Wonder zu beeindrucken?
Nebekker kam von weit her, doch von wo genau, schien niemand zu wissen. Sie war einfach eines Tages in Jaspaton aufgetaucht, viele Jahre vor Silvers Geburt. Nur mit einem Wanderstab und einem kleinen Bündel auf dem Rücken war sie aus der Wüste gekommen. Manche sagten, sie sei am anderen Ende der weiten Wüste von Nomaden aufgezogen worden, andere behaupteten, sie sei aus Calidia. Wenn das stimmte, dann konnte Silver nicht verstehen, warum sie die wunderbare königliche Stadt verlassen hatte, um ausgerechnet nach Jaspaton zu kommen. Wie dem auch immer sein mochte, ganz sicher war eines: Es gab nicht einen Hinweis darauf, dass Nebekker irgendetwas über Wasserdrachenrennen wusste.
Noch bevor sie entscheiden konnte, ob sie nun umkehren oder klopften sollte, wurde die Tür aufgerissen.
»Mir kam es so vor, als hätte ich jemanden hier draußen gehört«, sagte Nebekker. »Steh da nicht so rum mit offenem Mund. Da weht Staub rein.«
Nebekker scheuchte Silver ins Haus, das klein und schummrig war, denn auf dem niedrigen Tisch mitten im größten Zimmer brannte nur eine Kerze. An den Wänden standen Regale voller Holzschachteln und Marmorschüsseln, glitzernden Glasbehältern und perlenbesetzter Tongefäße. Exotische Gerüche, die Silver an Händler aus der Ferne erinnerten, stiegen ihr in die Nase. Blumige Düfte, wie die der Öle, die die Garnfrauen manchmal im Tausch gegen ihre Wolldecken und Teppiche bekamen. Gerüche nach den Tinkturen, die zum Einfärben der Wolle importiert wurden.
Silver schnappte nach Luft, als ihr Blick auf einen Krug aus Holz fiel – den eine Einlegearbeit aus Perlmutt schmückte, die einen Wasserdrachen darstellte. Ihr juckten die Finger, das Gefäß vom Regal zu holen und seinen Inhalt zu erforschen.
»Setz dich.« Nebekker wies auf die Kissen, die um den Tisch herum lagen. Sie nahm eine Kanne vom Regal, und Silver versuchte, in der Dunkelheit zu erkennen, welches seltsame und fremdartige Gebräu sie enthalten mochte. Doch als Nebekker ein Glas füllte und ihr vorsetzte, stellte sie fest, dass es nur kalter Sukkulententee war.
Nebekker nahm Silver gegenüber Platz. »So, du liebst also Wasserdrachen? Hm. Das sind sehr interessante Wesen.«
»Liebst du sie auch?« Silver kam es vor, als würden Sandkäfer in ihrem Bauch herumkrabbeln.
»Ah. Hm.« Im schwachen Kerzenschein schaute Nebekker Silver an. »Das scheint dich zu überraschen. Ihr Jungen vergesst gern, dass wir Alten auch einmal jung gewesen sind. Wir hatten Eltern, denen nicht gefiel, was wir machten. Wir hatten Hoffnungen. Wir waren rebellisch.« Sie lachte. »Vielleicht habt ihr recht, wenn ihr uns misstraut. Viel zu viele von uns Alten vergessen, wie es ist, jung zu sein … Träume zu haben!«
Jemand verstand sie! Silver wollte Nebekker alles erzählen. Dass ihre Heldin in die Stadt kam. Dass ihre Eltern – und eigentlich auch alle anderen Menschen in Jaspaton – kein Verständnis hatten für ihren Traum, Wasserdrachenrennen zu reiten. Dass sie alles dafür geben würde, nach Calidia ziehen zu können.
Silver schluckte, damit ja nicht alle ihre Geheimnisse auf einmal hervorsprudelten.
»Du hast gesagt, du würdest mir beibringen, einen Rennanzug zu weben, der Sagittaria Wonder beeindrucken wird«, sagte sie.
»Das habe ich.« Nebekker nickte. Sie schob ihren Tee von sich und nahm etwas Wolle in die Hand. »Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe dich beobachtet. Du bist eigensinnig. Bei dir muss immer alles ganz schnell gehen. Du bist mit den Gedanken ganz weit weg und kannst dich nicht konzentrieren. Du hast keine Geduld und wenig Respekt.«
»Das ist nicht wahr!«, schrie Silver und senkte dann schnell die Stimme.
»Doch – und die ganze Stadt weiß das, Ele-Goldschmied.«
Silver zuckte bei der traditionellen jaspatonischen Verkleinerungsform zusammen – mit Ele bezeichnete man jemanden, der noch nicht lange zu einer Handwerkszunft gehörte.
»Ich werde alles tun. Geduldig sein, hart arbeiten und …«
Nebekker fiel ihr ins Wort. »Was weißt du über Wasserdrachen?«
»Alles! Die Shorsa sind die Rasse mit den meisten Siegen bei den Wettkämpfen, aber Sagittaria Wonder reitet die Rennen auf einem Dwakka und hat seit zwei Jahren nicht verloren, abgesehen von der Weltmeisterschaft. Den Weltmeistertitel halten die Inselstaaten nun schon seit fünf Jahren und …«
»Du weißt also was über die Rennen, aber ich wollte hören, was du über Wasserdrachen weißt.«
Silver senkte den Blick. Die Wände in ihrem Zimmer waren mit Bleistiftzeichnungen bedeckt, auf denen Wasserdrachen und ihre Reiter abgebildet waren. Die Drachen kamen aus Hunderten und Tausenden von Meilen entfernt liegenden Orten. Fahrende Händler und Kundschafter brachten sie den königlichen Familien und reichen Kaufleuten überall in der Wüste und darüber hinaus. Artikel über die großen Wasserdrachenrennen – wer teilgenommen hatte, wer gewonnen hatte, wer umgekommen war – hatte sie um die Bilder herum an die Wand geheftet. Silver hatte sogar selbst Schaubilder und Diagramme von allen Wasserdrachenarten gezeichnet, von denen sie je gehört hatte: vom kugelförmigen Floatillianer, dessen grüne Haut glatt und straff wie gedehnter Stoff war, vom zweiköpfigen Dwakka, mit einem stets lächelnden und einem immer finsteren Gesicht. Vom winzigen Shorsa, der fast zu klein war zum Reiten, aber schnell wie der Wüstenwind.
»Ich weiß so viele Sachen«, sagte Silver. Ihr Blick schweifte zu dem Krug mit dem Wasserdrachenmotiv. »Doch ich will alles lernen.«
»Dann ist Calidia der richtige Ort für dich.« Nebekker sah Silver scharf an, dann seufzte sie tief. Silver unterdrückte ein Lächeln. Allem Anschein nach hatte sie die grimmige Alte überzeugt.
»Hast du gewusst, dass diese Wolle, fest und zu dünnen Fäden versponnen, sowohl leicht als auch wasserabweisend ist?«, sagte Nebekker. »Beides vortreffliche Eigenschaften für einen Wasserdrachenrennanzug.«
Silver berührte die Wolle. »Woher weißt du all das?«
»Auch ich habe einmal alles lernen wollen, aber jetzt ist nicht die Zeit, darüber zu reden. Wir müssen schnell arbeiten. Und dich nehmen wir als Modell.«
Nebekker wies Silver an aufzustehen, dann nahm sie Maß. Danach legte sie Pergament auf den Tisch. Silver beobachtete gebannt, wie Nebekker ein Muster zeichnete, das aus Hunderten von einzelnen Schuppen bestand, die zusammengefügt werden sollten. Während die Nacht zum Morgen wurde, arbeiteten die beiden. Nebekker zeigte Silver eine Art der Wollverarbeitung, die anders war, als die in Jaspaton gebräuchliche. Das Gewebe wurde so leicht und fein, dass es sich eng an den Körper schmiegen konnte.
In den folgenden zehn Tagen schlich sich Silver jede Nacht hinaus, um mit Nebekker an dem Anzug zu arbeiten. Meistens schwiegen sie dabei. Manchmal versuchte Silver, ein Gespräch in Gang zu bringen.
»Du warst also Weberin in deiner alten Stadt? Wo kommst du eigentlich her?«
»Von weit weg«, sagte Nebekker, mehr nicht.
Silver verstummte. Es war unhöflich gewesen zu fragen. Jaspatonier stellten nie persönliche Fragen, so etwas war nicht nötig. An einem Ort, an dem jeder jeden von Geburt an kannte, gab es wenig Geheimnisse. Und so gern die Jaspatonier auch mit Händlern und Reisenden auf der Durchreise plauderten, für die großen Geheimnisse der Welt da draußen interessierten sich die Wüstenbewohner nicht besonders.
Aber Silvers Neugier war stark und bald sprudelten noch mehr Fragen heraus.
»Woher hast du die Narben an deinen Händen?«
»Von harter Arbeit«, sagte Nebekker.
»Alle sagen, du wärst einfach eines Tages draußen im Herdental aufgetaucht. Ohne irgendwas oder irgendwen, nicht mal ein Tier oder Kleider zum Wechseln hattest du dabei. Stimmt das?«
»Das könnte sein.«
»Du hättest doch nicht allein hierherkommen können. Das ist zu gefährlich.«
»Hab ich auch gehört.«
»Warum willst du meine Fragen nicht beantworten?«
»Wenn du die richtigen Fragen stellst, werde ich antworten.«
Und einmal fragte Silver: »Wirst du es jemandem sagen? Bitte, tu’s nicht. Vor allem nicht meinem Vater.«
Silver hatte die Worte nicht zurückhalten können, so stark war der Druck gewesen. Verstohlen schaute sie zu Nebekker.
»Ich habe nicht vor, irgendwem was zu sagen.« Nebekker schnaubte und musterte Silver von oben herab.
Und das tat sie auch nicht. Stattdessen brachte sie Silver bei, was sie wissen musste, bis nur noch eine Lehrstunde vor Sagittaria Wonders Besuch blieb. In dieser Stunde sollten die Schuppen zu einem Rennanzug zusammengesetzt werden, der so umwerfend war, dass Silvers Träume in Erfüllung gehen mussten.
Wieder zog sich ein Herbststurm über der riesigen Wüste zusammen. Schiefergrau färbte er mittags den Himmel, als Silver Nebekker gegenübersaß und mit gerunzelter Stirn auf ihre Stiche guckte. Nur noch zwei Tage, dann würde Sagittaria Wonder in Jaspaton eintreffen. Silver beeilte sich, damit sie ja rechtzeitig fertig wurde. Ihr Herz war so schwer wie die dunklen Wolken. Dieses Wetter durfte die Reisegruppe von Königin Imea nicht aufhalten!
»Hoffentlich sind da draußen in den Dünen alle in Sicherheit.« Nebekker schaute nicht von ihrer Arbeit auf. Ihre Finger nähten in Windeseile perfekte Stiche. Stöhnend trennte Silver ihre letzten fünf Stiche wieder auf, sie waren zu locker geraten.
»Kein Wüstenbewohner würde in so einem Sturm nach draußen gehen. Nur Leute von der Küste verirren sich.« Silver hielt mit der Arbeit inne und schaute aus dem Fenster, wo ein Blitz den Horizont in Stücke riss. »Nur Sagittaria Wonder nicht. Sie würde sich mit geschlossenen Augen zurechtfinden. Wie damals, als sie mit ihrem Dwakka nicht durch einen, sondern gleich durch zwei Strudel geritten ist.«
Das war vor zwei Jahren bei den Herbstrennen der Wüstenstaaten geschehen, da hatte es zum ersten Mal auf der Strecke des Abschlussrennens Strudel gegeben. Silver wäre für ihr Leben gern dabei gewesen! Sie beugte sich eifrig über ihre Arbeit. Wenn alles nach Plan lief, würde sie Sagittaria dieses Jahr bei den Rennen anfeuern.
»Du weißt ja nicht mal, wie ein Strudel aussieht«, grummelte Nebekker. Silver verbarg ihr Lächeln. Nebekker wurde immer ein bisschen mürrisch, wenn Silver anfing, von Sagittaria Wonder zu schwärmen.
»Wie schade, dass es am Geburtstag deines Vetters so stürmisch ist.« Nebekker guckte aus dem Fenster.
»Vielleicht kommen dann nicht so viele Leute zu seiner Feier«, murmelte Silver.
Nebekker sah sie lange an, sodass es Silver ganz mulmig wurde. Sie hatte es nicht so gemeint, wirklich nicht. Ihr Vetter Brajon war ihr der liebste Mensch in der Wüste – oder sonst wo –, und sie wollte, dass sein Geburtstag spektakulär wurde. Schließlich konnte man es ihm nicht vorwerfen, dass er in Jaspaton so beliebt war und Hunderte von Leuten ihm gratulieren wollten. Oder dass seine Mutter, Silvers Tante Yidla, vermutlich genau in diesem Augenblick letzte Hand an ein Geburtstagsfestmahl legte, das bestimmt so gut war wie das Essen, das Königin Imea in ihrem schönen Palast genoss. Und dass er dieses Jahr ein heiß begehrtes Dünenboard bekommen würde, das traditionelle Geschenk zu einem dreizehnten Geburtstag, konnte man ihm erst recht nicht vorwerfen.
Silver stöhnte leise. Schon wieder zwei Stiche verpatzt. Hab Geduld, finde den Rhythmus, respektiere das Handwerk. Diese Worte hatte Nebekker oft wiederholt während der zwei Wochen, in denen sie zusammen gewebt hatten, aber Silver hatte einfach nicht die Zeit für Geduld. In einem von Nebekkers Töpfen war der Plan für einen spektakulären Rennanzug sicher verwahrt und in Silvers Kopf hatte sich ein noch größerer Plan festgesetzt. Wenn sie rechtzeitig fertig wurde.
»Fliegt, Finger, fliegt«, flüsterte sie ganz leise.
Die Haustür flog auf. Silver schaute auf, ein Windstoß, vermutete sie. Als sie aber sah, wer gekommen war, verbarg sie ihre Arbeit unter den Falten ihrer Tunika. Ihr Herz raste.
»Silver, ich …« Brajon wurde von Rami Dust beiseitegedrängt, bevor er den Satz beenden konnte.
»Hier versteckst du dich also!« Die Stimme von Silvers Vater hatte etwas Triumphierendes. Ein Windstoß knallte die Tür hinter ihm zu, sein Schal umflatterte kurz die schwarzen Haare und sank ihm dann auf die Schultern. Im gedämpften Licht traten Ramis Wangenknochen und sein Kinn besonders scharf hervor, das schmale Goldband um seine Stirn blitzte, doch die vielen Tausend Narben an seinen Händen, die von der Arbeit mit Feuer und geschmolzenem Metall herrührten, fielen hier kaum auf.
»Ele-Goldschmied, du solltest auf den unteren Ebenen in deiner Klasse sein.« Rami runzelte die Stirn, als er Silver und Nebekker ansah. »Was machst du hier?«
Silver warf Nebekker einen nervösen Blick zu.
»Sie hat mich gebeten, ihr bei einem Projekt zu helfen, mit dem sie ihre Mutter beeindrucken will.« Nebekker log aalglatt.
»Genau!«, platzte Silver heraus. Die ganze Wahrheit war das nicht, aber es musste auch keine Lüge sein. Eines Tages wollte Silver ihre Mutter beeindrucken. Aber zu ihren eigenen Bedingungen.
Rami zögerte, er wählte seine Worte an die alte Frau sorgfältig. »Es ist nett von dir, ihr zu helfen.«
Silver beobachtete, wie ihr Vater sich in Nebekkers kleinem Heim umschaute. Sie konnte förmlich die Rädchen sehen, die sich in seinem Kopf drehten, als er überlegte, was in aller Welt seine Tochter mit der alten, seltsamen Garnfrau machte, von der niemand besonders viel wusste. Sein Blick blieb an dem Krug mit dem Wasserdrachen hängen.
Silver schluckte, sie zwang ihren rasenden Puls, sich zu beruhigen, und stopfte den Rennanzug noch weiter unter ihre Tunika. Ihr Vater durfte jetzt keine Fragen stellen, das würde ihre Pläne gefährden.
»Ich bin fast fertig, Vater. Woher wusstest du, wo du mich finden würdest?« Silver guckte Brajon streng an – und der ließ schuldbewusst die Schultern hängen.
Brajon war ein halbes Jahr jünger als Silver, doch fast zwei Köpfe größer als sie und sehr viel schwerer. Seit seinem zwölften Geburtstag hatte er starke Muskeln bekommen, denn seitdem ging er mit in die Minen, so wie sein Vater. Das war in Jaspaton Tradition. Er war Ele-Bergmann. Doch so nannte ihn keiner. Er war immer Brajon, ganz einfach. Silver wünschte, auch sie könnte einfach Silver sein und nicht immer Ele-Goldschmied. Es gab Hunderte von Bergmännern, unter die Brajon sich mischen konnte, aber nur eine Familie Dust. Silvers Weg durchs Leben – und ihre Verfehlungen auf diesem Weg – ließen sich nicht verbergen.
»Du hast Pflichten, Silver«, sagte Rami Dust. »Du hast deinen Unterricht heute Morgen versäumt.«
»Ich weiß! Ich wollte nur …« Silver hasste diesen enttäuschten Unterton in der Stimme ihres Vaters, aber sie konnte ihm keine Erklärung liefern.
Silvers Vater seufzte ungeduldig. »Kein Wort mehr. Ich habe die Zensuren deiner letzten Prüfung gesehen, du kannst es dir nicht leisten, auch nur eine Unterrichtsstunde zu versäumen. Du wirst morgen alles nachholen. Geh jetzt nach Hause und mach dich für die Feier fertig. Und freu dich, dass ich dich trotz allem hingehen lasse.« Rami zeigte auf die Tür. Silver rappelte sich hoch.
»Nebekker«, sagte er in sanfterem Ton, »Silver hätte dich nicht belästigen sollen.«
»Sie hat mich nicht belästigt. Ich habe sie hergebeten«, sagte Nebekker, deren Finger immer noch über ihre Arbeit flogen. »Aber dich habe ich nicht hergebeten.«
Der Ton der alten Frau war schnippisch, und nicht mal der ernste Rami Dust konnte verhindern, dass seine Mundwinkel ein ganz klein wenig nach oben wanderten.
»Dann mache ich mich auf den Weg«, sagte er und verneigte sich leicht. »Aber, Silver, keine Besuche mehr, bis deine Zensuren sich verbessert haben. Geh jetzt nach Hause. Ich muss zurück in die Werkstatt.«
Rami verließ das Haus. Silver sank der Mut, ihre Wangen brannten. Wie sollte sie den Rennanzug fertigstellen, wenn sie Nebekkers Haus nicht mehr betreten durfte? Sie vermied es, Nebekker oder Brajon anzusehen, während sie ihre Sachen zusammensammelte.
»Danke auch, dass du ihm gesagt hast, wo ich bin«, zischte Silver, als sie an ihrem Vetter vorbeifegte, dann flitzte sie die Straße hinunter.
»Wir sehen uns auf meiner Geburtstagsfeier!«, rief Brajon ihr fröhlich hinterher.
Silver lief nach Haus und schlüpfte in ihr Zimmer. Gleich gegenüber vom Eingang hing ein großes Merkblatt über den Aquinder, den sagenumwobensten aller Wasserdrachen. Silver strich mit den Fingerspitzen über die Ecken des Papiers. Größtenteils war das Blatt leer, abgesehen von einer von Silver hingekritzelten Zeichnung, die auf den Geschichten der Händler beruhte. So könnte der Aquinder aussehen: Lang und muskulös, mit Flossen und Fell am Kopf und – das war das Wichtigste – der Aquinder hatte Flügel. Er war der einzige Wasserdrache, der fliegen konnte.
Unter der Zeichnung stand nur ein Satz: Gibt es ihn wirklich?
Silver rieb mit dem Daumen über die Zeichnung. Die Jaspatonier waren zumindest davon überzeugt, ein Wüstenmädchen, das von Wasserdrachen besessen war, könne es nicht geben. Doch als Silver die Augen schloss, spürte sie einen Luftzug im Nacken, die Wärme der Wasserdrachenhaut an ihren Handflächen, den Nervenkitzel, als Erste die Ziellinie zu überqueren. Sie konnte sogar das Gefühl der Schwerelosigkeit empfinden, das sich einstellen würde, sobald sie und ihr Aquinder sich in den saphirblauen Himmel aufschwingen würden. Auf dem Steinfußboden in ihrem Zimmer zu stehen war schwierig, wenn sie doch nichts anderes wollte, als mit Gischt im Gesicht über die Weite des Ozeans zu rasen. Tränen brannten in Silvers Augen. Was waren sie bloß für unmögliche Wesen, sie und der Aquinder.
»Du solltest dich doch für meine Feier zurechtmachen.« Brajon war so leise hereingekommen, dass sie nicht gehört hatte, wie er die Gardinen auseinandergezogen hatte, die ihr Zimmer vom Flur abtrennten. Seine Worte holten sie aus ihrem Traum zurück auf festen Boden.
»Weißt du nicht, wie man sich ankündigt?« In Jaspaton gehörte es zum guten Ton, sich immer erst zu räuspern oder etwas zu sagen, um andere auf sein Kommen vorzubereiten. Silver wandte sich schnell von ihrem Vetter ab und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Das würde einen schmierigen Streifen auf ihren Wangen hinterlassen, doch das war ihr egal. »Abgesehen davon solltest du unten sein bei deinen dich anbetenden Fans.«
Brajon fuhr sich mit der Hand durchs Haar, ein blanker goldener Armreif schimmerte im Licht. Silver erkannte die feine Arbeit ihres Vaters. Ein frühes Geburtstagsgeschenk.
»Ich bin gekommen, weil ich mich entschuldigen wollte – wegen Nebekker. Onkel Rami hat nicht aufgehört zu fragen, wo du bist, und ich konnte ihn nicht anlügen. Wenn du dich nicht vorsiehst, wird dein Vater dich noch aus der Schule nehmen.«
»Ich war vorsichtig. Bis jemand mein Geheimnis ausgeplaudert hat.« Silver runzelte die Stirn. Endlich hatte Brajon den Anstand, pink anzulaufen und wegzugucken. »Es wäre hilfreich, wenn er mich aus dem Goldschmiedeunterricht nehmen würde, damit ich den Anzug fertigkriege. – Ele-Goldschmied«, sagte sie verbittert.
Brajon zuckte mit den Schultern. »Mach doch, was du willst. Du wirst so eine hübsche Ele-Garnfrau abgeben. Du und Nebekker könnt dann den ganzen Tag zusammen rumsitzen und seltsam sein.«
»Nebekker ist viel interessanter als irgendjemand sonst im langweiligen Jaspaton.« Silver schnappte sich einen Schal vom Boden und warf ihn Brajon an den Kopf. Ihr Vetter lachte und tauchte ab in den Flur.
Silver wusste, dass ihr Vater sie niemals aus seiner Innung ausschließen würde. Nachdem ihr Großvater den Familienbetrieb beinahe in den Ruin getrieben hatte, hatte Rami unermüdlich daran gearbeitet, den Namen Dust wieder zum Inbegriff der besten Schmuckarbeiten in der gesamten Wüste zu machen. Die letzte Hürde war nun, die Königin Imea zu beeindrucken. Rami und Silver erwarteten also beide sehnsüchtig ihre Ankunft, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen. Rami, weil er das Erbe der Familie auf sichere Füße stellen wollte, Silver, weil sie diesem Erbe entkommen wollte.
Brajon steckte den Kopf wieder in Silvers Zimmer und seufzte. Die langen schwarzen Haare fielen ihm über die Augen. »Komm schon, Silver. Du kannst nicht hier drinnen rumschmollen, Mama kocht ein Festmahl.«
Wie auf ein Stichwort fing Silvers Magen an zu knurren und beide mussten lachen.
Silver nickte. »Ich komme.«
Sie nahm ihren Lieblingsschal und schlang ihn um den Hals, dann überlegte sie es sich anders. Sie steckte ihn in die Tasche, die sie unter einem Haufen Kissen versteckt hatte. Silver grinste, sie hatte das Gefühl, in ihrem Bauch würden Wüstenhabichte kreisen.
Wenn sie Jaspaton in zwei Tagen mit der großen Sagittaria Wonder verließ, wollte sie diese Tasche mitnehmen.
Die Dusts eskortierten Brajon zurück zu seiner Geburtstagsfeier. Silver schlurfte hinter ihren Eltern her. Ihre Mutter schaute sich ein paar Mal um, ob sie Schritt hielt, aber ihr Vater stürmte voran, die Hand auf Brajons Schulter.
»Dreizehn Jahre alt«, sagte er. »Dein Weg liegt vor dir. Deine Zukunft ist gesichert. Bequemlichkeit. Gewissheit. Das ist schön so.«
»Gewiss, Onkel Rami.« Brajon schaute über die Schulter zu Silver und zwinkerte ihr zu.
Silver blieb stumm, als sie die in die Klippen von Jaspaton gehauene Treppe zu Brajons Heim hinunterstiegen. Für Brajon war es leicht gewesen, seinen Platz zu finden. Sein Vater suchte in den Minen und in den tiefsten Tiefen der Klippen nach Edelsteinen und kostbaren Metallen – und er liebte diese Arbeit. Und Brajon liebte sie auch.
Tante Yidla begrüßte sie an der Haustür. »Ah, da ist ja mein verloren gegangenes Geburtstagskind!« Sie hatte sich ihre Alltagsschürze umgelegt, aber ihre dunklen Haare steckten unter einem festlich glitzernden Tuch. Sie zog Brajon an sich und umarmte ihn, wobei sie sein Gesicht an ihren Hals quetschte. Im Laufe des letzten Jahres war er ihr über den Kopf gewachsen. »Tretet ein, tretet ein, alle sind da. Oh, wie schön!«
Silvers Großeltern waren da, alle ihre Tanten, Onkel, Vettern und Cousinen, ein paar Schulfreunde von Brajon und einige alte Freunde der Familie. Sogar Nebekker war gekommen, still hockte sie in einer Ecke. Brajon hielt seinen neuen goldenen Armreif hoch, damit alle im Haus ihn sehen konnten. Und alle waren voller Begeisterung für den tadellosen Entwurf und seine Ausführung. Rami nickte bescheiden, sein Gesicht glühte jedoch vor Stolz. Er warf Silver einen Blick zu, so als wollte er sagen: Siehst du, welche Bewunderung dich erwartet?
Silver unterdrückte ein Aufstöhnen und tauchte in der Menge unter.
Tante Yidla hatte ihre besten Kristallgläser herausgeholt und füllte sie mit einem sirupartigen Beerenlikör, der im schwindenden Sonnenlicht rubinrot schimmerte. Silver nahm ein Glas. Der Likör kam aus Calidia, war aber in Ländern hergestellt worden, deren Namen sie nur von der Landkarte kannte. Silver liebte es, sich Karten anzuschauen und sich vorzustellen, wo sie eines Tages leben würde. Siedlungen in den Bergen nördlich und südlich der Wüste … Städte in den Inselstaaten. Orte, an denen die Landschaft grün und fruchtbar war, wo es Regen und Wasser in Hülle und Fülle gab. Orte, an denen es ihrer Vorstellung nach Hunderte von glücklichen Wasserdrachen gab. Sie war fest entschlossen, sich alle davon anzusehen.
»Silver«, ihr Großvater schreckte sie aus ihren Gedanken, »erzähl mir von deiner Ausbildung. Stellst du Königin Imea auch eine Arbeit vor wie dein Vater?«
»Das glaube ich nicht«, sagte Silver leise. »Ich muss noch sehr an meinen Fertigkeiten arbeiten.«
Im letzten Jahr hatten Silver und Brajon mit allen Gleichaltrigen die allgemeine Ausbildung in den Schulfächern abgeschlossen. Sie hatten das Lesen, Schreiben, Rechnen gelernt und in der Wüste nützliche Fertigkeiten, wie einfache Wollverarbeitung, Kochen, Hüten und Himmelsbeobachtung. Jetzt lernten die Schüler neben dem Schulunterricht das Handwerk ihrer Familien. Silver hätte sich eigentlich in der Schmuckherstellung und Metallbearbeitung hervortun müssen, um Ramis Ruf gerecht zu werden. Aber sie wurde von den anderen Ele-Goldschmieden übertroffen. Die lachten über sie. Unter denen hatte sie keine Freunde.
»Wie bescheiden du bist!«, sagte ihr Großvater.
»Nein, ist sie nicht«, sagte Brajon. »Sie ist nur leider blöd wie ein Wüstenfuchs.«
»Und du bist so nützlich wie eine Wackelpuddinghacke«, gab Silver blitzschnell zurück. Ihr Großvater schmunzelte über das Geplänkel der beiden.
»Oh, Wüstenfüchse sind unglaublich schlau!«, rief Nebekker durch den Raum. »Das Überleben in der Wüste erfordert enorme Intelligenz und Tüchtigkeit.«
Der Lärm und das Gewimmel im Raum legten sich für einen Moment, doch als Nebekker wieder an ihrem Glas nippte und nichts mehr sagte, ging der Trubel weiter. Tante Yidla brachte das Geburtstagsgeschenk herein, das sie und Onkel Saad ihrem Sohn machten.
Das Geschenk war groß und schwer und in ein großes Stück smaragdgrünen Stoff gehüllt. Silver rückte näher an ihren Vetter heran, als der das Geschenk auf den Schoß nahm und die Hülle herunterzog. Das Dünenboard war dunkelbraun und ringsherum mit einer Intarsienarbeit im Muschelmuster versehen. Als Brajon mit der Hand über die gewachste Oberfläche strich, kribbelte es Silver in den Fingern, so gern hätte sie das Holz berührt. In der Mitte war ein Decodro aufgemalt, ein zehnarmiger Wasserdrache. In einer anderen Welt, einer, in der Silver ihr eigenes Dünenboard besaß, hätte sie einen Witz gemacht und gesagt, der Decodro repräsentiere Brajons zehn Finger, die sich immer in die Töpfe mit Leckereien in der Küche seiner Mutter verirrten.
Stattdessen bildete sich ein Knoten in ihrer Brust, der sich fest zusammenzog.
»Es ist hübsch«, krächzte sie. Es war mehr als hübsch, es war das beste Dünenboard, das sie je gesehen hatte.
Brajons Lächeln verblasste. Lange schaute er das Board an. Dann sah er seine Cousine an. »Willst du die erste Fahrt machen?«
»Auf keinen Fall! Das ist dein Geschenk.«
»Ich hätte nichts dagegen.«
»Aber ich.« Silvers Vater tauchte hinter ihnen auf. »Du weißt, dass Silver nicht Dünenboard fahren darf. Ich will nicht, dass sie sich verletzt, so kurz vor …« Rami guckte zur Seite. »Nun ja, das ist ein Geheimnis.«
Silver guckte ihren Vater überrascht an. Ein Geheimnis?
»Och, Onkel Rami. Es ist doch ganz leicht. Und wenn man fällt, ist der Sand weich.«
»Silver würde es irgendwie fertigbringen, sich einen Finger zu brechen. Die Hände eines Goldschmieds sind sein kostbarstes Werkzeug.«
Silvers Gesicht brannte, jegliches Interesse an dem Geheimnis war von Peinlichkeit erstickt worden. »Darf ich wenigstens mit nach draußen in die Dünen gehen und Brajon zugucken?«
»Ich kann nichts Schlimmes daran sehen, sie gehen zu lassen.« Nebekker war unbemerkt an Silvers Seite getreten. »Schließlich ist sie ein schlauer Wüstenfuchs.«
Sie nickte Brajon zu, stellte ihr leeres Glas auf den Tisch und schickte sich zum Gehen an. »Mag dein Jahr so süß wie Wüstenblütenkonfekt sein.«
Rami Dust schnaubte verärgert, als er der alten Frau nachschaute, dann sagte er zu Silver: »Was hast du davon rumzustehen, während alle anderen Dünenboard fahren.« Dann wandte er sich ab, um die Köstlichkeiten zu probieren, unter denen die reich gedeckten Tische sich bogen.
Silver stieß einen langen Seufzer aus. Dünenboards waren die traditionellen Geschenke zu dreizehnten Geburtstagen. Das Holz war kostbar, es musste den weiten Weg aus Calidia hergebracht werden. Die Drachen, die auf die Bretter gemalt wurden, sollten die Eigenschaften der Empfänger repräsentieren. Auf Brajons Board war ein glänzender Decodro abgebildet, wahrscheinlich wegen Brajons Liebe zu den glänzenden Sachen, die er in den Minen fand und ausgrub. Und was hatte Silver zu ihrem dreizehnten Geburtstag bekommen?
Einen Satz Goldschmiedewerkzeuge.
Brajon drückte Silver mitfühlend die Schulter. Sie rang sich ein Lächeln ab und sang mit, als Tante Yidla das traditionelle Geburtstagslied anstimmte: »… Jahre voll Gesundheit, Freundschaft und Freude …«
Als sie zu der Stelle über Erfolg und Reichtum kamen, hoben alle die Arme und taten so, als würden sie Brajon mit Goldmünzen bewerfen. Während der folgenden Zeilen, in denen es darum ging, bescheiden zu bleiben und bodenständig, drehten alle die Hände um, so als wollten sie die Handflächen auf den Boden drücken.
Alle … bis auf Silver.
Sie ließ die Arme hängen, sie wollte nicht bodenständig sein. Sie wollte fliegen.
Als der Wind draußen sich legte, ging die Feier so richtig los. Verzierte Kupferteller mit saftigem Fleisch in schweren Soßen wurden geleert und wieder aufgefüllt. Wein und Likör wurde nachgeschenkt. Türme glitzernder Fruchtpuddings und pastellfarbene Sahnetorten verschwanden nach und nach. Die älteren Familienmitglieder schmetterten traditionelle Volkslieder, während die jüngeren Leute tanzten und übermütig hinaus auf die Straßen tobten.
Das war zu viel für Silver. Ihr tat der Kopf weh vom Lärm und dem Beerenlikör, aber hauptsächlich war sie erpicht darauf, wieder zurück zu Nebekker und dem Rennanzug zu kommen. Ob es irgendjemandem auffallen würde, wenn sie ging? Silver schaute in die Runde bekannter Gesichter, die ihren Vetter feierten. Viele dieser Leute waren nicht zu ihrer kleinen Geburtstagsfeier vor einem halben Jahr gekommen. Selbstverständlich würden sie es nicht bemerken, wenn die Ele-Goldschmiedin sich davonstahl.
Sie senkte den Kopf und drängelte sich durch die Menge und hinaus in die kühle Wüstennacht. Ohne sich umzuschauen, stieg sie schnell die erste Steintreppe zur jaspatonischen Mittelebene hinauf.
Doch Brajons Stimme hielt sie auf.
»He, Cousine! Wohin … warte, was ist denn los? Du siehst so traurig aus wie ein Wüstenfuchs im Sandsturm? Hast du keinen Spaß?«
Silver strich sich lose Haarsträhnen hinter die Ohren. »Deine Feier ist wunderbar. So viele Leute und so viel köstliches Essen, aber ich gehöre einfach nicht hierher.«
»Silver …« Brajon schob sich das Dünenboard, das er bei sich hatte, unter den Arm.
»Entschuldige, dass ich gegangen bin.« Silver holte tief Luft. »Ich dachte, du würdest nicht merken, dass ich weg bin.«
»Natürlich hab ich das bemerkt. Ich will nicht, dass du gehst.« Brajons Stimme wurde leise, und Silver wusste, dass er nicht nur von der Feier sprach.
In ihrem Kopf hatte sie eine klare Antwort parat: Und was, wenn ich schon weg bin?
Doch so was konnte sie nicht zu ihrem Vetter sagen. Er war zwar ihr bester Freund, aber das würde er niemals verstehen.
»Hör mal«, sagte Brajon. »Ein paar von uns gehen in die Dünen. Komm mit. Dann lassen wir mein Board die erste Fahrt machen.«
»Das geht nicht, Brajon! Die Sache mit Nebekker hat meinen Vater schon argwöhnisch gemacht. Noch habe ich ihn nicht gefragt, ob er mir ein Treffen mit Sagittaria Wonder erlaubt, und wenn ich mir noch mehr Ärger einhandele, wird er ganz bestimmt Nein sagen. Dann wird sich keine Gelegenheit bieten, ihr den Anzug zu geben.«
»Er wird schon Ja sagen. Wer kann diesem hinreißenden Wüstenfuchsgesicht denn etwas abschlagen?« Brajon streckte den Arm aus, um Silver in die Backe zu kneifen, aber sie schlug lachend seine Hand weg. »Du musst mal auf andere Gedanken kommen. Also, los jetzt, Cousine. Geh mit mir dünensurfen.«
»Bist du sicher, dass er es nicht rauskriegt?« Silver hatte ein Flattern im Bauch.
Brajon kam mit dem Gesicht ganz nah an sie heran. »Dünensurfen ist unser Wasserdrachenrennen – und du kennst den wahren Grund, aus dem Onkel Rami dir das nie erlauben wird. Ich sage dir: Mach es dieses eine Mal. Zeig ihm, wozu du fähig bist. Wenn er dein Talent erkennt, packt er dir vielleicht selber die Taschen für die Reise nach Calidia.«
Silver nagte an der Unterlippe. Brajon grinste, er wusste, dass er sie überzeugt hatte. Plötzlich konnte Silver sich vor Lachen nicht mehr halten.
»Lauf, Silver!«, sagte Brajon.
Und sie flitzten Treppen hinunter, unter steinernen Torbögen hindurch und wurden sogar noch schneller, als sie dort, wo ein Streifen Erde mit niedrigen, knorrigen Bäumen die Grenze zwischen Zivilisation und Wüstenwildnis markierte, die Stadt verließen und auf die Dünen zuhielten.
Silvers Herz schlug so schnell, als wolle es in die Dämmerung fliegen – bis sie über ihre eigenen Füße stolperte und in den von Salbei durchwucherten sandigen Kies der Wüstenebene fiel. Sie blieb auf dem Rücken liegen und lachte in den tintenblauen Himmel.
Brajon kam zu ihr zurück und half ihr auf. »Brich dir bloß nicht schon was, bevor wir überhaupt mit dem Rennen angefangen haben!«
Und dann ging es weiter. Sie sprinteten, um die anderen einzuholen. Je weiter sie den Pfad entlang in die riesige Wüste liefen, desto monotoner wurde die Landschaft.
Brajon blieb stehen. Vor ihnen erhoben sich die karamellfarbenen Dünen in den Himmel.
»Mal sehen, wer zuerst oben ist!«
Silver hatte ein paar Schritte Vorsprung, aber ihre Festtagssandalen versanken bei jedem Schritt tiefer in den Sand, und viel zu schnell brannten ihre Beine vor Anstrengung. Keuchend schnappte sie nach Luft und nahm die Hände zu Hilfe, um sich nach oben zu kämpfen.
»Wie … macht man das … ein ums andere … Mal?«, fragte sie Brajon, der neben ihr japste.
Er lachte und straffte den Bizeps. »Man wird stark!«
Silver verdrehte die Augen und katapultierte sich mit einem neuen Energieschub voran.
Kurz darauf erreichte sie den Gipfel der Düne, wo sie und Brajon schon von den anderen Jungen erwartet wurden. Sie nahmen sich Zeit, um in Ruhe die verschiedenen Rassen von Drachen zu vergleichen, die ihre Boards schmückten, dann stellten sie sich auf wie zu einem richtigen Rennen.
Brajon setzte sein Dünenboard im Sand ab und rückte die Spitze so zurecht, dass sie abwärts zeigte. »Steig auf.«
Ein kleines Quieken hielt Silver davon ab. Sie warf einen Blick über die Schulter. Einer der anderen – ein Junge, den Brajon aus den Minen kannte – hatte einen Wüstenfuchs am Nackenfell gepackt und schwenkte ihn im Kreis herum.
»Hör auf damit!« Silver raste zu ihm. »Lass den Fuchs los.«
»Das sind Schädlinge«, sagte der Junge. Er ließ das kleine, zeternde Tier am ausgestreckten Arm baumeln.
Silver stürzte sich auf den Jungen.
Der trat um sich und sein kräftiges Bein traf sie an der Brust. Silver ächzte und stürzte in den Sand. Der Fuchs, der bei dem Gerangel fallen gelassen worden war, blieb stehen und schnupperte einmal an ihr, dann rannte er los und verschwand in der Wüste.
»Da siehst du’s«, sagte der Junge, »das Mistvieh bedankt sich nicht mal dafür, dass du ihm das Leben gerettet hast.«
Silver richtete sich auf alle viere auf und keuchte. Brajon kam angerannt und schubste den Jungen.
»Lass meine Cousine in Frieden«, sagte er.
»Tu Füchsen nichts!«, rief Silver. Brajon half ihr beim Aufstehen und sie gingen zurück zu seinem Dünenboard.
»Vergiss diesen miesgesichtigen Skorpion. Kein Wunder, dass der einen Dwakka auf seinem Board hat«, sagte Brajon. »Lass uns einfach surfen.«
Silver nickte. Aber die Aufregung, die sie beim Erklettern der Düne verspürt hatte, verebbte. Nervosität trat an ihre Stelle. Die Dünen waren so hoch wie die Klippen von Jaspaton und ragten in die Wolken.
Trotzdem stellte sie die Füße auf das Dünenboard, hüftbreit auseinander. Die Silberfäden, die ihre Tunika schmückten, schimmerten wie Mondschein.
»Beug die Knie ein wenig«, sagte Brajon. »Und streck die Arme, um das Gleichgewicht zu halten … so. Alle zählen und bei LOS gebe ich dir einen Schubs. Bist du bereit?«
»Bereiter kann ich nicht sein.«
»Eins … zwei …« Brajon ließ die anderen gar nicht bis drei kommen. Mit einem Aufschrei schubste er Silver an.
»Schummler!«, brüllte Silver, als die Nase des Dünenboards nach unten kippte. Sie brauchte weniger als eine Sekunde, um die Muskeln anzuspannen und ihr Gleichgewicht zu finden. Und sobald sie das geschafft hatte … flog sie.
Ihr Zopf peitschte hinter ihr her, ihr Schal wehte im Fahrtwind. Sie kniff die Augen zusammen zum Schutz gegen den beißenden Sand und presste die Lippen aufeinander, damit sie konzentriert blieb. Sie flog und flog die Düne hinunter. Innerhalb von Minuten gelang es ihr, das Board nach links und rechts zu steuern und Schlängelspuren im Sand zu hinterlassen. Von oben hörte sie Juchzer und Zurufe. Sie schaute sich um und sah die anderen Kinder, die hinter ihr herjagten. Oben auf der Düne stieß Brajon die Fäuste juchzend in die Luft.
Alle Ungeschicklichkeit, die Silver normalerweise auf ihren eigenen Füßen zeigte, war auf einmal verschwunden. Ihr Ritt auf dem Dünenboard war pure Anmut. Ein prickelnder Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Genau so musste es sein, Wasserdrachen zu reiten.
Am Fuß der Düne kam das Dünenboard mit einem Ruck zum Stillstand. Mit fuchtelnden Armen suchte Silver vergeblich irgendwo Halt und landete im Sand. Sie blieb still auf dem Boden liegen, kam wieder zu Atem und genoss den Augenblick.
»Decodro siegt!«, brüllte Brajon von oben.
»Macht Spaß, oder?« Mohad, einer der Politikersöhne, guckte zu ihr herüber.
Silver grinste. »Das Allerfantastischste, das ich jemals gemacht habe.«
Sie schnappte sich das Board und rannte die Düne wieder hoch.
Die Stunden vor Sonnenaufgang verbrachte sie damit, die Dünen hinunterzufahren und dann wieder hochzuwanken. Brajon und Silver wechselten sich auf seinem Brett ab. Mit jeder Abfahrt gewann Silver an Selbstvertrauen. Ihre Schlangenlinien wurden weiter, sie wirbelte im Kreis herum, sie ging in die Hocke und ließ die Hand durch den Sand schleifen. Sie fühlte sich federleicht, stark und schnell. So wollte sie sich immer und ewig fühlen.
Silver setzte das Board im Sand ab und machte sich zur letzten Abfahrt bereit. Sie ließ den Blick schweifen – von den blassen Klippen von Jaspaton, gesprenkelt mit den in die steinerne Fassade gehauenen Wohnungen bis zu den Weiten der endlosen Wüste hinter ihr. Über die Klippen fiel gerade so viel Licht, dass sie den Hauch von Grün des Herdentals und die schneebedeckten Gipfel der Berge dahinter ausmachen konnte. In der anderen Richtung, hinter der Wüste, meinte sie, das Meer erkennen zu können, auch wenn es nur der wässerig anmutende Horizont war, den der Schein des untergehenden Mondes blassblau einfärbte.
Silver seufzte. Manchmal liebte sie ihr Zuhause. Morgens zum Beispiel, wenn das Licht golden durch ihr Fenster fiel, und abends, wenn die Stadt im funkelnden Licht Tausender Laternen dalag.
Doch wenn sich ihr die Gelegenheit bieten würde, Rennen auf einem Wasserdrachen zu reiten, würde sie all das darangeben.
Sie schloss die Augen und stellte sich vor, dass sie sich auf ein Rennen mit ihrem eigenen Wasserdrachen vorbereitete, nicht bloß auf eine Abfahrt mit dem Dünenboard.
»Bist du bereit?« Brajon stieg hinter ihr aufs Brett. Dieses letzte Mal wollten sie zusammen fahren, damit keiner allein auf dem Kamm der Düne zurückbleiben musste. Er holte Schwung und sie schossen die Düne hinab. Dieses Mal war die Abfahrt schneller – sie brachten mehr Gewicht aufs Brett –, und Silver liebte den Druck des Windes auf den Wangen.
Sie war für große Geschwindigkeit geschaffen.
Die anderen Kinder warteten am Fuß der Dünen und gingen gemeinsam mit Silver und Brajon zurück zur Stadt. Alle redeten, lachten und erzählten von ihren Abfahrten.
»Noch nie habe ich jemanden so schnell so gut werden sehen«, sagte Mohad.
Silver strahlte. »Danke.«
Steine schlitterten um ihre müde schlurfenden Füße, als sie die Stadt wieder betraten. »Wie du im Zickzack über die Düne gefetzt bist!« Brajon nickte bewundernd. »Kein Wunder, dass dein Vater dich nie hat fahren lassen. Wenn er wüsste, wie gut du bist … Nicht zu glauben, dass das deine ersten Abfahrten waren!«
»Glaubst du, wenn man Wasserdrachen reitet …«, begann Silver.
»Deine ersten Abfahrten? Und ganz bestimmt deine letzten.«
Silver zuckte zusammen, als sie die Stimme ihres Vaters hörte. Rami Dust trat aus den Schatten, seine Augen sprühten Funken vor Wut.
