1,99 €
101 Lügen über Jan
Doch eines Tages bricht das Lügengebäude zusammen
Von Heide Prinz
Aus Mitleid hat Melissa Magnus ihrem kleinen Sohn nie die Wahrheit über seinen Vater erzählt. Jede Lüge erschien ihr barmherziger als die wahren Gründe, warum Jan sein Kind nie besucht. Und so hat sie sich eine wunderbare Geschichte ausgedacht, mit der sie Andi die ungewöhnliche Familiensituation erklärt.
Bisher ist der Junge auch mit ihren Antworten zufrieden gewesen und sogar stolz, dass sein Papi so ein Held ist, der im geheimnisvollen China Karriere macht. Doch in letzter Zeit werden seine Fragen immer drängender und hartnäckiger. Wenigstens einmal möchte er den Papi besuchen. Aber genau das muss Melissa verhindern ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
101 Lügen über Jan
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: PeopleImages / iStockphoto
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar
ISBN 9-783-7325-8289-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
101 Lügen über Jan
Doch eines Tages bricht das Lügengebäude zusammen
Von Heide Prinz
Aus Mitleid hat Melissa Magnus ihrem kleinen Sohn nie die Wahrheit über seinen Vater erzählt. Jede Lüge erschien ihr barmherziger als die wahren Gründe, warum Jan sein Kind nie besucht. Und so hat sie sich eine wunderbare Geschichte ausgedacht, mit der sie Andi die ungewöhnliche Familiensituation erklärt.
Bisher ist der Junge auch mit ihren Antworten zufrieden gewesen und sogar stolz, dass sein Papi so ein Held ist, der im geheimnisvollen China Karriere macht. Doch in letzter Zeit werden seine Fragen immer drängender und hartnäckiger. Wenigstens einmal möchte er den Papi besuchen. Aber genau das muss Melissa verhindern …
Die ersten Maitage waren noch verregnet gewesen, aber jetzt, Mitte Mai, wurde es langsam Frühling.
Die dicken Knospen der knorrigen alten Obstbäume im Garten waren bereits unter den zaghaften Sonnenstrahlen aufgesprungen. Nach der zurückliegenden Schlechtwetterperiode erwärmte die Luft sich nur langsam. Doch an windgeschützten Stellen, zu der auch die kleine Terrasse hinterm Haus gehörte, konnte man es in den Nachmittagsstunden schon gut im Freien aushalten.
Und so hatte auch Gerda Rübsam, die an diesem Sonntag ihren siebenundfünfzigsten Geburtstag feiern konnte, den Kaffeetisch im Freien gedeckt. Eben war sie in der Küche dabei, Puderzucker über einen selbstgebackenen Gugelhupf zu stäuben, als die Haustürglocke anschlug.
„Jahaa, ich komme gleich!“, rief das Geburtstagskind laut und fröhlich, darauf hoffend, dass die Stimme bis zur Haustür zu vernehmen sein würde.
Unter fließendem Wasser spülte Gerda noch rasch ihre Hände ab, die sie anschließend flüchtig an einem blau-weiß-karierten Geschirrtuch abtrocknete, ehe sie zur Haustür eilte und diese weit öffnete.
„Ihr kommt gerade recht“, sagte sie gutgelaunt zu den Ankommenden. „Der Kaffee ist schon fertig, und der Kuchen steht bereit. Für meinen Lieblingsenkel habe ich extra seinen Lieblingskuchen gebacken.“
Zärtlich streifte ihr Blick über das Gesicht des brünetten Achtjährigen, der Andreas getauft worden war, aber eigentlich von allen Andi gerufen wurde.
Wenn Gerda bei der Erwähnung des Lieblingskuchens seitens des Jungen auf den üblichen begeisterten Aufschrei gewartet hatte, dann wurde sie diesmal enttäuscht. Statt Freude zu zeigen, hielt Andreas ihr, als sei der Kuchen ihm gleichgültig, mit etwas mürrischer Miene das mitgebrachte Biedermeiersträußchen hin.
„Da. Für dich, Oma. Und ich gratuliere dir auch zum Geburtstag“, sagte er ohne jedes Lächeln.
„Wie lieb von dir, mein Schatz. Danke.“ Gerda nahm dem Kind den Strauß ab. „War’s das schon?“, fragte sie einigermaßen befremdet. „Kriegt die Oma denn nicht wenigstens noch ein Geburtstagsküsschen?“ Sie beugte ihren Kopf zu dem Jungen hinunter und deutete auf ihre Wange.
„Meinetwegen“, erwiderte Andreas gönnerhaft.
Flüchtig streiften die weichen Kinderlippen Gerdas Wange. Aber das war’s dann auch tatsächlich schon. Etwas anderes als Kuchen und die Geburtstagsfeier interessierte Andi heute offenbar mehr.
„Hat die Bless schon ihre Kaninchenkinder, Oma?“, erkundigte er sich neugierig.
Gerda richtete sich wieder auf und drückte ihr Kreuz durch.
„Schau nach, dann erfährst du’s“, erwiderte sie. Über Andis Kopf hinweg schaute sie fragend ihre Tochter an. Was ist dem Jungen denn über die Leber gelaufen, dass er heute so abweisend ist?, schien ihr Blick zu fragen.
Andreas ließ sich kein zweites Mal dazu auffordern. Flugs eilte er durch den schmalen Korridor in die Küche und von dort aus durch die Hintertür in den Garten, in dessen hinterem Teil sich ein halbhohes, etwas windschiefes Holzhäuschen befand, das in mehrere Einzelgehege unterteilt war, in denen weißgraue Stallhasen eifrig vor sich hin mümmelten.
Melissa Magnus, Gerdas neunundzwanzigjährige Tochter, verdrehte ihre blaugrauen Augen. Sie wartete, bis ihr Sohn außer Hörweite war, ehe sie mit einem schiefen Lächeln aufseufzend zu einer Antwort ansetzte.
„Andis verstockte Haltung sind noch Nachwirkungen einer kleinen Meinungsverschiedenheit, die wir beim Mittagessen miteinander hatten.“
„Ach! Und worum ging’s dabei?“
„Erzähle ich dir später. Jetzt lass dir erst einmal herzlichst zum Geburtstag gratulieren, Mutti.“ Melissa umarmte ihre Mutter und schmatzte ihr hörbar einen dicken Kuss auf die rechte Wange. „Und noch einen, weil du bei deinem Enkel damit ausgerechnet heute ein bisschen zu kurz gekommen bist.“ Sie küsste ihre Mutter auch auf die linke Wange. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Mutti. Ich wünsche dir ein langes Leben, beste Gesundheit und natürlich alles, was du dir selber wünscht.“
„Danke dir, mein Herzchen. Aber nun komm erst mal ins Haus, ehe wir hier noch festwachsen. Wir können gleich Kaffee trinken. Es ist alles fertig.“
„Das sagtest du bereits.“
„Aber vorher erzählst du mir erst noch, was heute bei euch los war.“
Gerda Rübsam fasste ihre Tochter beim Arm und drückte hinter ihr die Haustür ins Schloss.
♥♥♥
Doch so bald kam Melissa Magnus nicht dazu, über den Disput zu berichten, den ihr Sohn und sie miteinander ausgetragen hatten. Viel zu schnell war Andi aus dem Garten zurück, um seiner Mutter begeistert davon vorzuschwärmen, dass eines von Omas Kaninchen – die graue Bless, so genannt wegen einer weißen Blesse über der Nase – Junge bekommen hatte.
„Die musst du dir unbedingt anschauen, Mami!“, forderte Andi aufgeregt. Er klammerte sich an ihren Arm, um Melissa mit sich fortzuziehen. Ihren kleinen Streit von vorhin schien er vor lauter Begeisterung vergessen zu haben.
„Später, Andi, später“, vertröstete Melissa ihren euphorischen Sohn. „Jetzt wollen wir erst einmal mit Omi Geburtstag feiern. Nachdem sie sich so viel Mühe gemacht und allein für uns gleich zwei Kuchen gebacken hat, dürfen wir sie jetzt nicht darauf sitzen lassen. Sonst werden auch der Kaffee und der Kakao noch kalt. Und unser Geschenk musst du ihr auch noch überreichen.“
Andi verzog das Gesicht. „Kannst du Oma das Geschenk nicht geben, Mami?“, fragte er schmollend. „Und Hunger hab ich auch keinen. Ich möchte viel lieber wieder zu den kleinen Kaninchen. Darf ich?“
Bei dieser Frage wich Andi dem Blick seiner Mutter wohlweislich aus. Bittend schielte er zu seiner Oma hinüber.
Melissa wollte protestieren. Doch nun bekam Andi seitens seiner Oma Schützenhilfe.
„Lass ihn doch laufen, Melissa“, setzte Gerda sich nun für ihren Enkel ein. Verstohlen blinzelte sie ihm zu. „Etwas zu feiern gibt es öfter. Aber Kaninchenkinder werden nicht alle Tage geboren.“ Gerda wartete die Antwort ihrer Tochter gar nicht erst ab. Sie wandte sich gleich direkt an den Jungen. „Auch wenn du keinen Hunger hast, Andi – soll ich dir nicht trotzdem ein Stück Kuchen abschneiden? Vielleicht für später? Du darfst ihn auch mit in den Garten nehmen. Als Wegzehrung sozusagen. Den Kakao kannst du nachher immer noch trinken. Abgekühlt schmeckt er sicher viel besser.“
Den tragischen Seufzer, den ihre Tochter daraufhin ausstieß, versuchte Gerda geflissentlich zu überhören. Doch den dankbaren Blick aus den strahlend blauen Kinderaugen genoss sie aus übervollem Herzen. Resolut schnitt sie ein großes Stück aus dem saftigen Gugelhupf heraus und reichte es dem Jungen.
„Ob er geschmeckt hat, kannst du mir später verraten. Nun lauf schon los.“ Gerda beugte sich zu ihrem Enkel hinab und flüsterte Andi ins Ohr: „Schnell, ehe deine Mami meine Erlaubnis boykottiert.“
Oma und Enkel grinsten einander an wie zwei Verschwörer. Dann preschte Andi los und biss schon im Davonlaufen herzhaft vom Kuchen ab.
„Von wegen keinen Hunger!“, schmunzelte Gerda. Lachend rief sie Andi nach: „Grüß die Kaninchen von mir!“
„Und so was hältst du erzieherisch für vernünftig, Mutti?“, erkundigte Melissa sich trocken. „Warum warst du bei mir früher nie so einsichtig? Bei mir hattest du feste Grundsätze, in die dir niemand dreinreden durfte.“
Auch wenn Gerda wusste, dass das stimmte, gab sie es nicht gern zu. Aber ein bisschen verlegen war sie dennoch geworden. Und so murmelte sie zu ihrer Verteidigung, während sie den Kaffee einschenkte und ihre Tochter deshalb nicht anzusehen brauchte:
„Gar so übertreiben musst du nun auch nicht gleich, Melissa. Eine so strenge Mutter, wie du behauptest, war ich doch wirklich nicht. Und was den Jungen betrifft: Wir sprechen uns wieder, sobald du erst Oma bist. Wozu haben Großmütter zwei Augen, wenn nicht auch dazu, sie gelegentlich ruhig mal beide zudrücken zu dürfen, wenn es um ihre Enkel geht. Übrigens hast du ein hübsches Kleid an“, wechselte Gerda übergangslos das Thema, um von sich abzulenken. „Ist es neu? Ich hab’s noch nie an dir gesehen. Sieht ziemlich teuer aus.“
Melissa strich mit der flachen Hand über die schimmernde Seide ihres ockerfarbenen Hemdblusenkleides. Es hatte dezente dunkelblaue Längsstreifen, einen dunkelblauen Ledergürtel, und auch der Kragen war dunkelblau eingefasst. Dazu trug sie flache dunkle Ballerinas.
„Teuer war’s regulär tatsächlich“, stimmte sie zu. „Ist ja auch reine Seide. Aber ich hab’s kürzlich reduziert gekauft. Ich habe es im Fenster einer kleinen Boutique gesehen und mich sofort darin verliebt. Schick, nicht?“ Um sich in dem Kleid von ihrer Mutter bewundern zu lassen, erhob sie sich. „Auch wenn’s nicht unbedingt der allerneueste Modetrend ist. Was auch wohl der Grund für die Preisreduzierung war.“
„Trend oder nicht – es steht dir gut, und Hemdblusenkleider kommen nie aus der Mode.“ Gerda schenkte den Kaffee ein und nahm dann Melissa gegenüber Platz, mit dem Rücken zur Sonne. Dadurch nicht geblendet, hatte sie ihre Tochter besser im Blickfeld.
Sie war stolz auf ihre hübsche Tochter. Man sah es dem zierlichen Persönchen nicht an, dass es bereits Mutter eines achtjährigen Prachtkerlchens war. Dieses schmale Gesicht, die makellose Haut, die blaugrauen Augen, die sich schlagartig verdunkelten, wenn sie zornig war; Melissa wirkte immer noch so jung, als sei sie gerade mal Anfang und nicht schon Ende Zwanzig.
Was mochte diese andere Frau Melissa gegenüber für Vorzüge haben, dass der Vater ihres Enkels sich zu der anderen abgesetzt hatte?, schoss es Gerda mal wieder ärgerlich durch den Kopf. Vielleicht waren damals schon die Zwillinge unterwegs?
Es stieß ihr innerlich sauer auf, als sie daran dachte, wie ihrem Ex-Schwiegersohn mitunter schon sein erstgeborener Sohn, ihr bezaubernder Enkel Andi, zu viel gewesen war. Und nun hatte er mit seiner zweiten Frau nicht nur zwei weitere Kinder; die Frau hatte auch noch zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Irgendwie gönnte Gerda diesem von sich eingenommenen Narziss eine unruhige Kinderschar.
Genauso unstet wie dieser Jan Magnus sich in der Ehe mit ihrer Tochter erwiesen hatte, genauso hatte Gerda ihn schon bei ihrer allerersten Begegnung eingeschätzt. Der Charme dieses verteufelt gut aussehenden Mannes war ihr zu vordergründig erschienen, sein überaus höfliches Gehabe ihr gegenüber zu unecht.
Aber welche total verliebte Zwanzigjährige ließ sich schon belehren? Melissa jedenfalls hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen.
Inzwischen hatte sie für diese Unbelehrbarkeit mit einer Scheidung bezahlen müssen. Und der Junge war ihr aus ihrer wenig glücklichen Ehe geblieben – das einzige Positive aus dieser gegensätzlichen Beziehung.
♥♥♥
Gerdas Gedanken waren nur kurzfristig abgeirrt.
„Soll ich den Sonnenschirm aufstellen?“, fragte sie jetzt.
Melissa schüttelte den Kopf. Sie lehnte sich zurück, ließ sich die Sonne voll ins Gesicht scheinen und schloss die Augen.
„Endlich mal wieder Sonnenschein, tut richtig gut“, schwärmte sie.
Gerda hob ihre Tasse an, pustete ein paarmal hinein und trank vorsichtig ein paar Schlucke des heißen Kaffees.
„Du wolltest mir noch von euren Differenzen erzählen“, erinnerte sie ihre Tochter, nachdem sie die Tasse wieder abgesetzt hatte. „Um was ging es dabei?“
„Ich habe Andi erzählt, dass wir in den Sommerferien drei Wochen lang Urlaub auf einer griechischen Insel machen werden.“
Gerda schaute Melissa ungläubig an. „Aber wo ist denn der Grund, so verstockt zu reagieren?“
„Andi hatte gehofft, wir würden diesmal nach China fliegen.“
Gerda lehnte sich schwungvoll zurück.
„Ach du liebe Zeit!“, japste sie. „Schon wieder dieses abgedroschene Thema?! Aber ich ha…“
„Ja, ja, aber ich habe dir ja gleich gesagt!“, fiel Melissa ihrer Mutter erregt ins Wort. „Bitte, nicht schon wiiieder, Mutti!“ Sie verdrehte mit gequälter Miene die Augen. „Ich kann dieses Lied inzwischen wirklich nicht mehr hören!“
„Aber wenn’s doch wahr ist“, erwiderte Gerda kleinlaut.
„Natürlich ist es wahr! Das bestreite ich ja gar nicht! Dass ich nach meiner Scheidung besser gleich die Wahrheit gesagt hätte, weiß ich mittlerweile auch. Aber mit ‚Was wäre – wenn?‘ ist mir jetzt auch nicht geholfen. Nun kann ich nur noch abwarten und den besten Zeitpunkt abpassen, um mich irgendwann mit größtmöglicher Schadensbegrenzung aus dieser Sache herauszuwinden, wenn ich das Vertrauen meines Sohnes nicht ganz verlieren will. Und dass das mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird, ist mir inzwischen auch klar.“
Gerda hatte den heftigen Ausbruch ihrer Tochter stumm über sich ergehen lassen. Erst als Melissa schwieg, wagte sie, sich vorsichtig danach zu erkundigen:
„Und was willst du nun tun? Trotz Andis Widerstand mit ihm in den Ferien nach Griechenland düsen?“
„Was denn sonst?!“ Melissa stieß ein bitteres Lachen aus. „Du glaubst doch wohl nicht, dass ich meine Lüge so weit auf die Spitze treibe, dass ich mit Andi nach China fliege und dort so tue, als würden wir nach seinem Vater suchen?“
„Das natürlich nicht. Aber außer, dass du Andi endlich die Wahrheit über eure Scheidung und das neue Leben seines Vaters sagst, sehe ich nicht, wie du je aus diesem Dilemma herauskommen willst.“
